Drachen in der Literatur

Andre Zeiten, andre Drachen (Christian Morgenstern)

Immer nicht an Mond und Sterne
mag ich meine Blicke hängen –:
Ach man kann mit Mond und Sternen,
Wolken, Felsen, Wäldern, Bächen
allzuleichtlich kokettieren,
hat man solch ein schelmisch Weibchen
stets um sich wie Phanta Sia.

Darum senk ich heut bescheiden
meine Augen in die Tiefe.
Hier und da ein Hüttenlichtlein;
auch ein Feuer, dran sich Hirten
nächtliche Kartoffeln braten –
wenig sonst im dunklen Grunde.
Doch! da drunten seh ich eine
goldgeschuppte Schlange kriechen …

Hochromantisches Erspähnis!
Kommst du wieder, trautes Gestern,
da die Drachen mit den Kühen
friedlich auf den Almen grasten,
wenn sie nicht grad Flammen speien
oder Ritter fressen mußten –
da der Lindwurm in den Engpaß
seinen Boa-Hals hinabhing
und mit grünem Augenaufschlag
Dame, Knapp und Maultier schmauste –
kommst du wieder, trautes Gestern?

Eitle Frage! Dieses Schuppen-
Ungetüm da drunten ist ein
ganz modernes Fabelwesen,
unersättlich zwar, wie jene
alten Schlangen, doch auch wieder
jenem braven Walfisch ähnlich,
der dem Jonas nur auf Tage
seinen Bauch zur Herberg anbot.

Feuerwurm, ich grüße froh dich
von den Stufen meines Schlosses!
Denn ob mancher dich auch schmähe,
als den Störer stiller Lande,
und die gelben Humpeldrachen,
die noch bliesen, noch nicht pfiffen,
wiederwünschte, – ich bekenne,
daß ich stolz bin, dich zu schauen.
Höher schlägt mir oft das Herze,
seh ich dich auf schmalen Pfaden
deine Wucht in leichter Grazie
mit dem Flug der Vögel messen
und mit Triumphatorpose
hallend durch die Nächte tragen.

Sinnbild bist du mir und Gleichnis
Geistessiegs ob Stoffesträgheit!
Gleichnis bist du neuer Zeit mir,
die, jahrtausendalter Kräfte
Erbin, Sammlerin, sie spielend
zwingt und formt, beherrscht und leitet!

Andre Zeiten, andre Drachen,
andre Drachen, andre Märchen,
andre Märchen, andre Mütter,
andre Mütter, andre Jugend,
andre Jugend, andre Männer –:
Stark und stolz, gesund und fröhlich,
leichten, kampfgeübten Geistes,
Überwinder aller Schwerheit,
Sieger, Tänzer, Spötter, Götter!

Beitrag weiterempfehlen:

Aufenthalt im Wasserreich (Ciruelo Cabral)

Durch Weingärten und Olivenhaine im Süden Frankreichs, vorbei an den bernsteinfarbenen Schlössern der Herren der Provence und an den rotgedeckten Häusern ihrer Untertanen entlang, floss die Rhone. Der stetige Strom ihres Wassers verriet nicht, dass sie Drachen beherbergte. Einer jedoch hauste in ihren Tiefen: Nahe der Stadt Beaucaire, wo die Rhone in Biegungen dem Meer zustrebte, war die Lagerstatt des Drac verborgen, eines riesigen, uralten Wesens; er verstand sich auf Zauberei, die er für seine eigenen blutigen Zwecke einsetzte.

Der Drac besaß eine Vorliebe für Menschenfleisch und machte sich ein Vergnügen daraus, Sterbliche zu jagen. Von Zeit zu Zeit verließ er den Fluss und begab sich zum Marktplatz von Beaucaire, wo er, für die geschäftigen Stadtbewohner unsichtbar, im Schatten der Platanen herumstrich, ein wachsamer Schatten zwischen Körben voller Fische und Bergen von Obst. Mit kalten, blassen Augen beobachtete der Drache die Hausfrauen, die mit den Händlern schwatzten; mit gekrümmten Klauen schnappte er sich dann geschwind ein unbeaufsichtigtes Kind.

Zum Zeitvertreib lockte der Drac manchmal auch Menschen in seinen Fluss. Einmal tat er dies zu einem seltsamen Zweck, und das geschah so:

An einem Sommernachmittag, als die Sonne unbarmherzig auf Stadt und Felder niederbrannte, ging eine junge Frau aus der Stadt zum Fluss, um die Kleider ihres Kindes zu waschen. Wie sie so ihrer Arbeit nachging, blickte die Frau über das glitzernde Wasser – und dann machte sie große Augen. Auf dem Wasser, nicht weit vom Ufer, schwamm ein goldener Becher. In dem prachtvollen Gefäß schimmerte eine Perle.

Ohne zu überlegen nahm sie den Köder an. Sie streckte die Hand nach dem hübschen Zierat aus, der Becher aber glitt außer Reichweite und glitzerte verführerisch im Sonnenlicht. Die Frau versuchte ihn abermals zu greifen; sie beugte sich über den Uferrand und verlor dabei das Gleichgewicht. Als sie fiel, griff eine Klaue nach ihr; wie eine Fessel schloss sie sich fest um die Taille der jungen Frau. Sie stöhnte und zappelte, aber gegen den Griff war sie machtlos. Sie fühlte, wie sie nach unten gezogen wurde. Während ihre Röcke sich mit Wasser vollsogen, warf sie einen letzten, verzweifelten Blick zum Ufer – sie sah, wie kleine Kleidungsstücke auf dem Gras am Fluss trockneten und das Kind, ganz allein, dasaß und wimmerte. Dann schlugen die Wasser der Rhone über ihrem Kopf zusammen.

Unerbittlich wurde sie in die kalten Tiefen des Flusses hinabgezogen, bis sie nichts wahrnahm als nasse Schwärze, durchbrochen von winzigen Lichtern, strahlend und glitzernd wie die Sterne am nächtlichen Himmel. Sie wurde ohnmächtig.

Als sie die Augen wieder aufschlug, befand sie sich in einer kristallenen Höhle. Vor den durchsichtigen Wänden wogten Wasserpflanzen, als wehe ein Landwind darüber hin. Fische schnellten vorbei. Neben ihr lag der goldene Becher, der sie verlockt hatte, und die Perle, die darin war. Und dann sah sie, wer sie gefangen genommen hatte. Riesenhaft und schimmernd hockte der Drache reglos neben dem Becher und betrachtete sie. Von seinem grünen, starren Blick gebannt, stand die Frau auf, und während sie dies tat, verblasste die Erinnerung an ihr Leben: Ihr kleiner Sohn, ihr Mann, ihr Haus im sonnigen Beaucaire, die Felder und Olivenhaine und die Stadt, das alles wurde zu winzigen Bildern, zu Miniaturen, an die sie sich undeutlich erinnerte, wie an Träume. Nur die Worte des Drachen ertönten in ihrem Kopf. Der Drac sprach mit einer Stimme, die wie ein Gong wiederhallte, und die Sterbliche gehorchte. Der Drache hatte der Frau aufgelauert, weil sie jung und gesund war – und weil sie ihren Sohn stillte. Der Drache brauchte Menschenmilch, um sein eigenes Gezücht, ein schwaches Drachenjunges, zu nähren. So wurde die junge Frau, in einem Zaubergespinst gefangen, die Sklavin des Drac und die Amme eines Drachen. Die Tage vergingen friedlich, und für die menschliche Gefangene in dem trüben Zwielicht der kristallenen Höhle unter dem Fluss war ein Tag wie der andere. Eingelullt von der Bewegung des Wassers draußen und vom Bann des Drachen, lebte sie wie in Trance. Sie säugte das Gezücht des Drac und hegte es, als sei es ihr eigener Sohn. Sie schlief, wann es der Drache gebot, und aß, was er ihr gab. Sie beobachtete die Bewegungen des Wassers durch die durchscheinenden Wände der Höhle, und mit der Zeit wurden ihr die Lebewesen der Rhone – der grün-gold gestreifte Hecht, der schlängelnde Aal, die flinke Forelle – vertraut wie einst die Bewohner von Beaucaire. Mit jedem Tag wurde ihr die Wasserwelt, die sie umgab,verständlicher und bekannter, als seien die Steine und Wasserpflanzen die Felder und Wälder ihrer vergessenen Heimat.

Ihre Sehkraft erhielt sie vom Zauber des Drachen, aber das wusste sie nicht. Jeden Abend rieb sie, wie ihr befohlen war, die Augen des Drachenjungen mit einer Salbe ein, die der Drac ihr gab. Die Salbe verlieh dem Kleinen den durchdringenden Drachenblick, und immer wenn die Frau sich ein Auge rieb, blieb etwas von der Salbe dort hängen, sodass sie ein wenig von der Zauberkraft des Geschöpfes empfing.

Sieben Jahre vergingen. Das Junge wurde groß und stark, und es kam der Tag, an dem der Drac keine Verwendung mehr für seine Gefangene hatte. Er tötete sie nicht, was er durchaus hätte tun können; aber sie hatte seinen Nachkommen genährt, und deshalb ließ er sie frei. Er belegte sie mit einem Bann des Vergessens und versenkte sie in Schlaf, bevor er sie durch den Fluss ans Tageslicht trug.

Die Frau wachte am Ufer in der Nähe ihres Hauses auf. Ein wenig verwirrt sah sie sich um, denn sie erinnerte sich an einen heißen, sonnigen Tag, als sie ihre Wäsche gewaschen und mit ihrem Kind gelacht hatte, das im Gras spielte. Jetzt aber war die Sonne untergegangen, und eines nach dem anderen flammten die Lichter der Stadt auf. Weder die Wäsche auf dem Rasen noch ihr Kind waren irgendwo zu sehen. Sie eilte über die Felder und durch die Straßen der Stadt.

Die Tür ihres Hauses stand offen, um die Abendkühle hereinzulassen, und die Frau ging hinein. Zwei Gesichter wandten sich ihr zu – das eines bärtigen Mannes und eines Knaben, der ihrem Mann glich, als dieser jung gewesen war. Einen Moment starrten sie sich gegenseitig an. Dann sprang der Mann mit einem gellenden Schrei auf. Während der Knabe mit geweiteten Augen zusah, umarmte der Mann die Frau. Er war ihr Ehemann, der sie ertrunken geglaubt und getreu sieben Jahre betrauert hatte. Er überschüttete sie mit Fragen, aber sie konnte keine Antwort geben, denn sie besaß keine Erinnerung an die Welt des Drachen. Der Knabe war ihr Sohn, aber er sprach nicht mit der bleichen, zerlumpten Fremden, ihre Schweigsamkeit schreckte ihn. Aber die Liebe des Vaters zu seiner Frau war so stark und seine Freude über ihre Wiederkehr so groß, dass der Knabe die Fremde allmählich als Mutter annahm. Und in den Wochen ihrer rätselhaften Wiederkehr gewöhnten sich auch die Nachbarn an sie. Ihre siebenjährige Abwesenheit blieb ihnen ein Geheimnis, und ihre Reden schreckten sie zuweilen. Sie träumte von Drachen, erzählte sie oft. Doch ihre Nachbarn waren liebenswürdige Menschen und ließen die Frau gewähren. Sie nahm ihr früheres geordnetes, friedliches Leben wieder auf, kochte und sorgte für den Mann und den Knaben und arbeitete mit den Leuten auf den Feldern. So hätte sie fortleben können, wäre nicht der Drachenblick gewesen. Eines Tages ging sie wie gewohnt auf den Markt, und dort, zwischen den Gemüseverkäufern und Fischhändlern, sah sie den Drac. Schuppig und schimmernd ragte er über den Stadtleuten auf. Sein Haupt reichte fast bis zu den Dachfirsten hinauf, und seine Augen schillerten grün, aber die geschäftigen Händler und ihre Kunden gingen nichtsahnend ihren Geschäften nach. Nur die Frau sah ihn. Als sie aufschrie, blickte er sie scharf an. "Siehst du mich, Sterbliche?", fragte eine Stimme in ihrem Kopf.

"Ich sehe dich, Drache", sagte sie laut, und in diesem Augenblick fielen ihr die ganzen verlorenen sieben Jahre wieder ein. Sie stand regungslos, als die Drachenklaue sich senkte und ihr das linke Auge zuhielt.

"Siehst du mich jetzt?", sagte die Drachenstimme. Sie sah ihn noch. Die Klaue wanderte zu ihrem rechten Auge,und wo der Drache gestanden hatte, sah sie nur den Marktplatz und ihre Mitmenschen. Folgsam sagte sie dem Drachen, dass sie ihn nicht mehr sehe. Sogleich durchfuhr ein blendender Schmerz ihren Kopf. Die Klaue hatte das Auge entfernt, das den Drachenblick besaß.

Halbblind lebte die Frau noch viele Jahre, und wieder und wieder erzählte sie ihre Drachengeschichte. Die Leute hielten sie für verrückt und schlugen ihre traurigen Warnungen in den Wind. So verschwanden Jahr für Jahr Kinder vom Marktplatz von Beaucaire und niemand wußte warum.

Beitrag weiterempfehlen:

Der verlorene Traum (Karin Roth)

Er saß alleine in seiner dunklen, kalten und feuchten Höhle.. verzweifelt versuchte er sich zu erinnern wer er war, doch seine Erinnerung war wie ein schwarzes tiefes Loch in dem kein Lichtlein sich regen wollte.
Wenn er sich im Teich vor der Höhle betrachtete, so sah er nur eine dunkle und verkrüppelte Gestalt.. schwarze Haut spannte sich um deformierte Knochen, sein Gesicht.. ja kann man es Gesicht nennen.. war übersät von Pusteln und verschoben in sich selbst, sein hässlicher  Körper kann sich kaum aufrecht halten und seine Hände… ja seine Hände.. waren Klumpen die am Ende seiner Arme fast nutzlos hingen.
Er war ein Gargoyle.. verstümmelte Flügel hingen nutzlos an seinem Rücken und er wusste nicht wer er ist oder wer er war.
Stunden über Stunden saß er da und grübele über sein Leben während um ihn herum das Leben des Waldes seinen Lauf nahm.
Er wusste er war nicht immer so ein Wesen gewesen.. wusste das er einmal etwas anderes war,wusste das einst die Magie sein Leben beherrscht hatte, doch nur wage Erinnerungsfetzen drangen noch in seine Gedanken.
So lebt er er sein tristes Leben fernab von jedweder Behausung.. lebte das Leben eines einsamen Eremitens und trauerte um Dinge die er nicht mehr wusste.
Er sah Jahreszeiten kommen und gehen.. sah wie der Wald um ihn herum wuchs und gedeihte aber er scherte sich nicht um die Belange seiner Welt in der er Lebte.
Eines Tages.. es ward ein schrecklicher Sturm über die Berge hereingebrochen sah er am Rande des Teiches etwas liegen..
Hell glänzend.. filigran und zart.. ein Wesen .. wie er aus den Legenden.. er hatte eine Waldelfe gefunden die durch den Sturm verletzt lag.
Vorsichtig näherte er sich der Elfe.. er hatte furcht vor ihr, denn er wusste um die Blicke anderer Wesen wenn sie ihn erblickten.
Doch als er sah wie hilflos und verletzt sie war, nahm er sie auf und trug sie in seine Höhle.
Das erstemal seit vielen Monden hatte er Kontakt mit einem anderen Wesen. Langsam ließ er sie auf sein Lager sinken und versucht ungeschickt ihre Wunden zu verarzten.
Dann setzte er sich neben sie.. nahm seine Flöte.. das einzige was ihm Freude bereitete und spielte eine sanfte Weise die ihren Schlaf begleiten sollte.
Lange Zeit beobachtete er ihren unruhigen Schlaf.. kühlte mit dem klaren Wasser von Teich ihr erhitzes Gesicht und erfreute sich trotz seiner Furcht an ihrer lieblichen Gestalt.
Irgendwann übermannte ihn jedoch der Schlaf und er glitt hinüber in die Welt der Nacht.
Viele Stunden später wurde er durch eine sanfte Berührung geweckt.
Er schrak hoch und erblickte die Elfe die aufrecht im Bette saß.
Ängstlich zog er sich vor ihr zurück und verbarg sein Gesicht im Schatten der Höhle.
Wer bist du hörte er sie da mit lieblicher Stimme sprechen.. ich wollte dir danken das du mich vor dem Sturm gerettet hast und mit dein Heim als Zuflucht gabst.
Ich bin niemand antwortete er.. niemand
So trete doch heraus aus dem Dunkel sprach die Elfe wieder, ich möchte demjenigen Dank sagen der mich vor dem sicheren Tod gerettet hat.
Zögerlich trat der Gargoyle einen Schritt aus dem dunkel der Höhle.. bereit die Flucht zu ergreifen, falls er wieder den Schrecken und die Angst in den Augen seines Gegenübers erkennen konnte.
Doch.. was war das?
Sie lächelte.. lächelte IHN an..
Ohne Furcht
Ohne Schrecken
Ohne Abscheu in den klaren Augen.
Ich bin Syl sprach sie.. eine Waldelfe und durch dein Handeln hast du mich bewahrt in das Schattenreich einzukehren.
Du hast einen Wunsch frei, denn mein Leben lag in deinen Händen und es ist Sitte bei meinem Volke das ich dir nun einen Wunsch gewähren muss.
Aber ich habe keine Wünsche sprach er.. das einzige was ich möchte kannst du mir nicht geben..
Was ist es, das ich dir nicht geben kann hub die Elfe wieder an.
Meine Erinnerung.. meine Vergangenheit.. Mein damaliges Leben sprach er traurig.
Da stand die Elfe auf, ging auf den Gargoyle zu und nahm sanft sein Gesicht in ihre kleinen Hände.
Höre zu so meinte sie und lass mich dir eine kleine Geschichte erzählen.
Einst lebte hier im Wald ein Wesen… umhüllt von Magie und Zauberei…
 Ein Wesen so schön wie die Morgendämmerung,
 doch hart im Herzen und verschlossen für alle die Hilfe bei ihm suchten.
Als nun einst eine von meinem Volke Hilfe bei ihm zu suchen glaubte.. schickte er sie in den Sturm hinaus und verweigerte ihr jedwede Zusage.
Schwer verletzt fand sie jedoch den Weg in ihr zu Hause und wurde zornig auf das Wesen.. so ging sie zu dem Herrscher des Waldes und bat ihn unter Tränen das Wesen mit einem Fluch zu belegen.
Der Fluch besagte das es dahinvegetieren sollte… als hässliches und verabscheuungswürdiges Geschöpf.. bis.. ja bis es jemanden freiwillig seine Hilfe anbot und selbstlos handeln würde.
Wenn dies geschehen sollte, würde sich das Wesen wieder an sein früheres Leben erinnern und durch einen von den Elfen geschickten Traum zu seinem alten Selbst zurückfinden.
Weißt du von wem ich spreche fragte die Elfe den Gargoyle?
Vollkommen überrascht hatte er der Geschichte der Elfe zugehört und ihn überkam nun eine große Demut und er schämte sich sehr als er in ihr offenes Gesicht blickte.
Du sprichst von mir nicht wahr? Ich war dieser Narr der nur sein eigenes Wohl im Sinne hatte und niemals andere gedachte.
Ja sprach sie.. du warst es, doch durch deine Tat von heute Nacht hast deinen verloren geglaubten Traum wiedererlangt.
Heute Nacht werde ich die Zauber rufen um dich von deinem Fluch zu erlösen, denn du hast dein innerstes überwunden und Mitleid empfunden für ein anderes Lebewesen.
Mit diesem Worte in seinen Gedanken schlief der Gargolye ein und begann zu träumen.
Er träumte von weiten Wäldern.. er träumte vom fliegen und er träumte von der Morgensonne die er so lange gemieden hatte.
Er träumte auch von Magie.. von Zauberwesen und von einer majestätischen Gestalt die über den Lüften zu  schweben schien.
Plötzlich vernahm er ein Brennen in seinen Adern.. ein Spannen in seiner Haut und einen unglaublichen Schmerz in seinen Knochen
Und er erwachte.
Was ihn empfing war ein unsagbarer Schmerz und ein gleißendes Licht das ihn umgab..
Lange dauerte es und er dachte er müsse nun seine Reise zu den Sternen antreten und sein Leben würde nun ein Ende finden.
Doch der Schmerz ließ nach und als er die Augen öffnete sah er die Elfe lächeln vor sich stehen.
Was hast du mit mir gemacht sprach er… warum dieser Schmerz und diese Qual?
So schau in den Teich sprach die Waldelfe und erblicke dein altes Gesicht
Und sage mir was du darin erkennen kannst.
Er schritt langsam aus der Höhle, trat an den Teich und blickte hinein.
Was er dort erkennen konnte, ließ ihn wiederum vor Schreck aber auch Freude erstarren.
Er sah…
Sich selbst…
Majestätisch und groß
Schillernd in Smaragd und Rubintönen
Augen die wie Bernsteine funkelten
Flügel die sich Meterhoch über seinen Schädel erhoben
Klauen so rein und hart wie Diamant
Schuppen die ,die Farben der Morgendämmerung trugen
Ein Drache
Er war ein Drache
Mit seinem Anblick im Teich kehrte auch seine Erinnerung zurück an seine verwerflichen Taten und er schämte sich sehr.
So höre zarte Elfe begann er nun mit mächtiger Stimme zu der Elfe zu sprechen,
ich gebe dir hier nun ein Versprechen
Niemals wieder soll ein Wesen meiner Art Hilfe verweigern
Niemals wieder wird ein Wesen meiner Art das Mitleid vergessen
Niemals wieder wird ein Wesen meiner Art vergessen was mir geschah
Niemals wieder  das schwöre ich dir in Namen aller Drachen auf Erden.
Mitleid und Hilfsbereitschaft sollen nicht in Vergessenheit geraten und ich werde die Kunde verbreiten und mein Bestes dazu tun
Denn wo das Mitleid stirbt, da stirbt auch die Welt
Wo die Hilfe stirbt da stirbt auch das Gewissen
Wo das Verstehen stirbt
Da stirbt auch diese Welt.
Mit diesen Worten erhob sich der Drache und flog hinweg über die Berge um  auszuziehen und sein Versprechen einzuhalten.
Zurück blieb die Elfe mit einem wissenden Lächeln und zufrieden kehrte sie zu ihrem Volke zurück.
Wusste sie doch nun, das alle folgenden Generationen diesem Wort folge leisten würden und die Drachen nun endlich ihrer Bestimmung zukommen würden.
Als Helfer.. Schützer und Bewacher dieser unserer Welt.
Wo Drachen leben…
 sei es in der Phantasie der Menschen oder in den Zauberreichen
wird immer das Verständnis und die Hilfsbereitschaft regieren
So fliegen auch heute noch viele Drachen durch unsere Geister und durch unsere Welt,
denn wahrhafte Güte existiert in vielen von uns

© Aquamarin 2002

Beitrag weiterempfehlen:

Der Drache mit den sieben Köpfen

Es war einmal, wie noch nie — wenn es nicht gewesen wäre, würde man es nicht erzählen, — in einem Reich ein ungeheuerer Drache. Der hatte sieben Köpfe, lebte in einer Grube und nährte sich nur von Menschenfleisch. Wenn er zum Fressen auszog, floh alle Welt, sperrte sich in die Häuser ein und hielt sich verborgen, bis er seinen Hunger an irgend einem Wanderer gestillt hatte, den sein Schicksal in den Tod getrieben hatte. Alle Menschen der Gegend zitterten vor der Bosheit und Grausamkeit des Drachens. Tag und Nacht beteten sie. Mit Gebeten und allem, was es gibt, versuchten sie es zu erreichen, daß Gott die arme Menschheit von diesem unersättlichen Untier befreie, aber vergeblich. Alle möglichen Zauberer wurden herbeigeholt, aber sie trugen mit ihren Künsten nur Schande davon.
Endlich, als der Kaiser sah, daß alles vergeblich war, beschloß er, dem Helden, der das Reich von diesem Schrecken befreien würde, seine Tochter zur Frau und das halbe Kaiserreich dazu zu geben und gab diesen Beschluß der ganzen Welt bekannt.
Schau, nachdem diese Nachricht in das Land gegangen war, beschlossen mehrere tapfere Männer, miteinander sich auf die Lauer zu legen und besprachen sich darüber, wie sie das Land von einem so schrecklichen Drachen befreien könnten. Sie einigten sich untereinander und beschlossen, ein Feuer am Rande der Stadt zu machen, die dem Ort, an dem der Drache hauste, am nächsten gelegen war, und wo sich auch der Sitz des Kaisers befand. Sie wollten dort der Reihe nach Wache halten, immer je einer, während die anderen schlafen sollten. Und damit nicht etwa der, der Wache halten sollte, einschliefe und vielleicht der Drache käme und sie alle fräße, taten sie ein Gelöbnis, daß derjenige, der das Feuer ausgehen lasse, getötet werde, zur Strafe dafür, daß er geschlafen habe, während er hätte wachen müssen.
Mit diesen Helden verbrüderte sich auch ein Jüngling aus rumänischem Stamme, der von dem Versprechen des Kaisers gehört hatte und gekommen war, auch sein Glück zu versuchen. Sie brachen alle auf, wählten einen Platz in der Nähe der Drachengrube und begannen Wache zu halten.
Sie lauerten einen Tag, zwei Tage, mehrere Tage, und es geschah nichts. Aber eines Tages, nach Sonnenuntergang, als unser kühner Jüngling an der Reihe war zu wachen, brach der Drache aus seiner Grube auf und näherte sich den Männern, die neben dem Feuer schliefen. Unserem Helden, der wachte, wurde das Herz wie ein Floh *1), aber er ermannte sich rasch, und siehe, er warf sich mit dem nackten Säbel in der Hand auf den Drachen und kämpfte mit ihm, bis er ihn sicher hatte und: hrrstl, schlug er ihm einen Kopf ab, hrrst!, schlug er ihm noch einen ab, und so, einen nach dem anderen, schlug er ihm sechs Köpfe ab. Der Drache krümmte sich vor Schmerz, schlug mit dem Schweif, daß man schaudern konnte vor Entsetzen. Unser Tapferer aber kämpfte auf Leben und Tod, während seine Genossen tief schliefen.
Als er sah,daß sie nicht erwachten, nahm er alle Kraft zusammen, warf sich noch einmal auf den furchtbaren Drachen und schlug ihm auch das Haupt, das ihm noch geblieben war, ab. Da floß schwarzes Blut aus dem unreinen Tier, siedete schrecklich auf und floß und floß, bis es das ganze Feuer ausgelöscht hatte.
Was sollte unser Held nun tun, damit seine Genossen das Feuer nicht ausgelöscht fänden, wenn sie erwachten? Denn es war ja ihre Abmachung, den zu töten, der das Feuer ausgehen lassen würde. Er machte sich also zuerst daran und schnitt die Zungen aus den Köpfen des Drachen, steckte sie zu sich, dann stieg er, so schnell er konnte, auf einen hohen Baum und blickte nach allen Richtungen, um zu sehen, ob er irgendwo Licht entdeckte. Er wollte dann dorthin gehen und ein wenig Feuer verlangen, um ihr ausgelöschtes Wachfeuer wieder anzuzünden.
Er suchte hier und dort und sah nirgends Licht. Noch einmal blickte er mit großer Aufmerksamkeit nach allen Seiten, und da entdeckte er in einer unglaublichen Entfernung einen Funken, der kaum noch leuchtete. Da kroch er von dem Baum herunter und brach dorthin auf.
Er ging und ging, bis er in einen Wald gelangte, in dem er die Abendröte antraf, die er aufhielt, damit die Nacht später aufhöre. Er ging dann weiter und weiter und fand die Mitternacht und mußte sie binden, damit sie die Abendröte nicht einhole. Was sollte er tun, wie sollte er es anstellen, um zum Ziel zu gelangen? Er bat sie, ihm zu helfen, einen Baum auf den Rücken zu nehmen, den er, wie er sagte, von der Wurzel abgeschnitten habe. Er forderte sie auf, sich mit dem Rücken gegen den Baum zu stellen, um zu stoßen, während er ihn von der anderen Seite mit den Händen herausziehen wolle, damit er ihm dann auf den Rücken falle und er ihn zu seinem Arbeitsplatz bringen könne.
Die Mitternacht stellte sich aus Mitleid auf seine Bitte hin, mit dem Rücken gegen den Baum, den er ihr gezeigt hatte, und während sie sich bemühte, band er sie an den Baum fest und ging weiter, denn er hatte keine Zeit zu verlieren.
Er hatte nicht mehr weit zu gehen, da traf er auf die Morgenröte. Aber die Morgenröte nahm sich nicht viel Zeit, mit ihm zu sprechen; sie sagte, daß sie der Mitternacht nachgehen müsse, die sie verjagt habe. Er tat, was er tun konnte, und brachte auch sie gut unter, wie die beiden anderen, aber erst nach größerem Kopfzerbrechen. Dann ging er weiter und gelangte endlich zu einer großen Höhle, in der er das Feuer gesehen hatte.
Hier traf ihn neues Ungemach. In dieser Höhle lebten Riesen, die nur ein Auge mitten in der Stirne hatten. Er verlangte von ihnen Feuer, aber sie legten, statt ihm Feuer zu geben, Hand an ihn und banden ihn. Drauf stellten sie einen Kessel mit Wasser auf das Feuer und bereiteten sich vor, ihn darin zu kochen und dann aufzufressen.
Aber gerade, als sie ihn in den Kessel werfen wollten, hörte man Lärm nicht weit von der Höhle. Alle liefen hinaus und ließen nur einen Alten zurück, der das Essen fertig machen sollte. Als sich unser Held allein mit dem alten Riesen sah, sann er auf Rache. Der Riese band ihn los, um ihn in den Kessel zu werfen. Unser Held aber nahm ein Holzscheit und stieß es geradezu in das Auge des Alten, blendete ihn, und ohne ihm Zeit zu lassen, auch nur noch: krk! zu sagen, brachte er ihn zu Fall und stieß ihn in den Kessel.
Er nahm das Feuer, dessentwegen er gekommen war, brach glücklich auf und kam mit heiler Haut davon.
Als er zu der Morgenröte gelangt war, gab er ihr freien Weg. Dann machte er sich auf die Beine und lief, bis er zur Mitternacht gekommen war, band auch sie frei und ging dann auch zur Abendröte, die er wegschickte, ihre Aufgabe zu erfüllen.
Als er bei seinen Genossen anlangte, schliefen die alle noch. Noch immer hatte das Licht des Tages nicht begonnen, sich zu zeigen, so lang war diese Nacht, da unser Held ihren Lauf aufgehalten hatte. So hatte er genügend Zeit gehabt, nach dem Feuer herumzulaufen, das er brauchte.
Er hatte noch nicht angefangen, das Feuer gut anzuzünden, als seine Genossen aufzuwachen begannen. Da sagten sie: "Diese Nacht war aber lang, Vetter!" — "Lang ja, Vetterchen", antwortete unser Held und blies aus voller Brust, um das Feuer anzufachen. Sie standen auf, streckten und reckten sich. Aber wie erzitterten sie, als sie das riesige Ungeheuer tot neben, sich sahen und dazu den riesigen Blutsee. Sie rissen die Augen auf und mit großem Staunen bemerkten sie, daß die Häupter des Drachen fehlten. Unser Held aber erzählte nichts von dem, was er erlebt hatte, aus Furcht, es könnte bei ihnen Neid entstehen, und sie gingen alle zusammen in die Stadt.
Als sie in der Stadt angelangt waren, sahen sie, wie sich die ganze Welt, groß und klein, über die Tötung des Drachen freute, Gott lobte, daß die lange Nacht vorüber gegangen sei, sei, daß man noch einmal den Tag erleben könne und wie man den Retter bis in den Himmel hob.
Unser Held, der freilich auch das Fehlen der Drachenköpfe bemerkt hatte, zerbrach sich nicht viel den Kopf, denn er wußte sich reinen Herzens, und ging zum Kaiserhof, um zu sehen, was mit den Häuptern ohne Zungen geschehen würde, denn er hatte gleich bemerkt, daß hier irgendeine Teufelei im Spiele sei.
Siehe, da war der Koch des Kaisers, ein schwarzer, dicklippiger Zigeuner, aus Neugierde, um zu sehen, was es dort Neues gäbe, zu den Männern, die Wache standen, hinausgegangen, und als er sie schlafend fand und dabei das schreckliche Ungeheuer ohne Atem, stürzte er sich mit dem Hackbeil auf dieses und schnitt ihm die Köpfe völlig ab. Dann ging er mit den Köpfen zum Kaiser, zeigte sie ihm und rühmte sich, er habe die Heldentat vollbracht. Als der Kaiser sah, daß der Koch die Siegesbeute vorwies, hielt er eine große Tafel, um ihn mit seiner Tochter zu verloben, und nahm sich vor, eine große Hochzeit zu veranstalten, zu der er alle Kaiser einladen wollte.
Der Zigeuner zeigte aller Welt seine Kleider, die er voll Blut beschmiert hatte, damit ihm geglaubt würde. Als unser Held in dem Palast anlangte, saß der Kaiser in guter Laune bei Tisch. Das Zigeunerchen aber saß auf sieben Polstern an der Spitze des Tisches. Der Held trat an den Kaiser heran und sagte: "Mächtiger Kaiser, ich habe gehört, daß irgendwer sich vor deiner Majestät gerühmt hätte, daß er den Drachen ermordet habe. Es ist nicht wahr, Majestät, ich bin der, der ihn getötet hat."
"Du lügst, Flegel", schrie der Zigeuner aufgeblasen und befahl den Dienern, ihn hinauszuwerfen. Der Kaiser aber, dem es nicht sehr glaubhaft erschien, daß der Zigeuner diese Heldentat vollbracht haben sollte, sagte: "Womit kannst du deine Behauptungen beweisen, kühner Mann?" "Meine Behauptungen", antwortete der Jüngling, "kann ich sehr gut beweisen; befehlt nur, man solle zuerst einmal feststellen, ob die Häupter des Drachen, die dort zur Schau aufgestellt sind, auch ihre Zungen haben." — "Man soll nur suchen, man soll nur suchen", schrie das Zigeunerchen. Es ängstigte sich schon, aber es stellte sich, als ob es ihn nichts angehe. Daraufhin wurde gesucht, und in keinem der Köpfe fand man eine Zunge. Die Gäste staunten und fragten einander, was das wohl zu bedeuten habe. Der Zigeuner, der bestürzt dastand und es bereute, daß er die Zungen in den Drachenhäuptern nicht gesucht hatte, bevor er sie dem Kaiser brachte, schrie laut; "Werft ihn hinaus, denn er ist ein Narr, der nicht weiß, was er redet." Der Kaiser aber sagte: "Du,. Jüngling; gibst uns also zu verstehen, daß der den Drachen getötet hat, der uns die Zungen zeigen kann." — "Verschwind vom Erdboden", kreischte der Zigeuner, der zitterte wie Espenlaub und gelb war wie Wachs, "siehst du nicht, Kaiser, daß dieser Armselige verrückt ist und hierher gekommen ist, um uns hinters Licht zu rühren?" — "Wer betrügt", antwortete der Held ruhig, "wird seine Strafe finden." Er begann die Zungen aus seinem Gewand zu nehmen und zeigte sie dem ganzen Hof, und so oft er eine Zunge zeigte, so oft fiel ein Polster unter dem Zigeuner zur Erde, bis er, mit dem letzten, auch vom Stuhl fiel, so sehr hatte sich das Scheusal erschreckt.
Darauf erzählte unser Held alles, was er erlebt hatte, und wie er es gemacht hätte, daß die Nacht so lange gedauert hatte.
Der Kaiser mußte sich nicht lange bedenken, um einzusehen, daß der Held die Wahrheit erzählt hatte, und da er über den Zigeuner wegen seines Betrugs und seiner unverschämten Reden empört war, gab er einen Befehl. Gleich wurden zwei wilde Pferde und zwei Säcke mit Nüssen herbeigebracht. Der Zigeuner wurde an den Schwanz der Pferde und an die Säcke mit Nüssen gebunden, die Pferde aber wurden losgelassen. Sie liefen durch Sümpfe, und wo eine Nuß fiel, fiel auch ein Stück von ihm, bis es mit dem Zigeuner aus war.
Nach einigen Tagen aber, nachdem alles gehörig vorbereitet worden war, wurde die große Hochzeit gefeiert, bei der unser junger Rumäne die Tochter des Kaisers zur Frau nahm. Es war eine große noch nie erlebte Fröhlichkeit, und das Fest dauerte mehrere Wochen, an deren Ende der Held auch den Kaiserthron erhielt. Die schöne Prinzessin aber dankte Gott unter Tränen dafür, daß er sie von dem abscheulichen Zigeuner, dem unreinen Schwarzgesicht, befreit und ihr einen so heldenhaften Gatten gegeben hatte.
Auch ich war dabei und habe bei der Hochzeit mitgeholfen, indem ich mit dem Sieb Wasser herbeiholte. Am Schlusse der Hochzeit wurde ein Korb mit gedörrten Pflaumen gebracht, die in die geöffneten Mäuler geworfen wurden. Ich aber stieg in den Sattel und habe euch solches erzählt.

Beitrag weiterempfehlen:

St Magnus zu Kempten und Roßhaupten

Magnus, der Apostel des Allgäus, kam auf seiner Wanderschaft mit Thosso nach Kempten. Dort hatten sich seit geraumer Zeit die Bewohner vor schrecklichen Drachen und Schlangen geflüchtet, die statt ihnen die Häuser bewohnten. Magnus erkannte darin einen Wink des Himmels, die Heiden durch wunderbare Hilfe für den wahren Gott zu gewinnen. So geschah es eines Tages, als Magnus und sein Gefährte betend für das Volk auf den Knien lagen, daß ein ungeheurer Drache aus dem Gemäuer hervorbrach. Der heilige Magnus befahl ihm im Namen Jesu Christi, des lebendigen Gottes, sich vor ihm zu beugen, und schlug ihm mit dem Stab des heiligen Gallus auf den Kopf. Augenblicklich stürzte das Untier tot vor ihm nieder, und auch alles übrige Gewürm und Ungeziefer verschwand.

So hauste auch in der Gegend, wo jetzt das Pfarrdorf Roßhaupten liegt, in tiefer Schlucht ein scheußlicher Lindwurm, der Menschen und Vieh erwürgte. Die Sage erzählt, er habe besonders Pferden nachgestellt und in seiner Höhle einen ganzen Berg von Roßhäuptern angelegt, woher denn nachmals das Dorf den Namen Roßhaupten erhielt. Der heilige Magnus kam dahin, ging, mit einem Kreuz auf der Brust, seinen Stab in der einen und einen Pechkranz in der anderen Hand, auf den Lindwurm los und schleuderte ihm unter Anrufung Gottes den Pechkranz in den Rachen. Das Untier zerbarst vor seinen Füßen, der Heilige aber dankte Gott auf den Knien für die wundervolle Tat.

Beitrag weiterempfehlen:

Dragons of winter

Dragons of Winter

As the first fingers of frost touch the ground,
the chilled whistle of the wind is the only sound.
Snow and ice now blanket the land,
marred only by mysterious footprints like tracks in the sand.
Silent footfalls can be heard in the misty early morn,
a shadowy chamealeon ventures out from caves where it was born.
A creature of mystery with scales the color of ice and snow,
and who’s chilling breath is colder than the strongest wind may blow.
From northern lands of ancient yore,
they browse the snow drifts and ruins for books of magic and lore.
In caves of crystal and ice they rest,
like silent sentinels they guard many a crystal nest.
These mysterious dragons of ice and snow,
though rarely seen into the pages of history they flow.
And as quietly they rise from the mist and appear,
they fade from sight into the moonless night and disappear.

Beitrag weiterempfehlen:

Moon dragon

Moon Dragon

Seen not by our eyes but they are true,
they watch over us whatever we do.

Coming from times of anchent lore,
and then even long, long before.

We see threw the dragons eyes,
telling between truth and lies.

We listen when our mind is clear,
a dragons call we can hear.

They are guardians of the moon and night,
they protect us when we perform our rights.

We use their power with great care,
we have found the dragons lair.

Copyright Heather O’Connell (10/05/97), All rights reserved

Dieses Gedicht wurde augestellt mit freundlicheGenehmigung von
http://www.dragonsight.net

Beitrag weiterempfehlen:

Drachentränen (Karin Roth)

Ein Himmel wie von Gottes Hand erschaffen sah dieser neue Morgen..
Wundervoll anzusehen,
Winde die in Rot und Violett Tönen schimmerten, Wolken wie aus Watte die am Horizont schwebten wie eine Mauer rund um die Welt..
Die Sonne stand als glühender Ball am Firmament und begrüßte den neuen Tag mit ihren kraftvollen Strahlen und mit ihrer Wärme.
Die Berge erglühtem im Rot der Strahlen und ließen die Welt unwirklich erscheinen in ihrem sanften Licht.
Nebelschwaden hingen in den Tälern und ließen den Tau auf den Blätter glitzern wie Sternschnuppen.
Der Dunst der vom See aufstieg gab all dem einen verzauberten Hauch von Unwirklichkeit.
Es war ein ätherischer Ort voller Schönheit und Zartheit fern aller Realität und fern allen Leides..

Dachte man..

Was allerdings der neue Tag noch sah, war ein Wesen aus einer anderen Zeit..
Groß und Ehrfurchtgebietend flog es einst am Himmel entlang..
Der Schlag der Schwingen entwurzelte einst Bäume und entfachte Orkane über den Wäldern.
Das donnernde Brüllen aus ihrer Kehle ließ ganze Völker erstarren vor Furcht und ließ die Menschen erschaudern aus Angst.
Der heiße Strahl der ihrer Kehle entrann, konnte Legionen niedermähen in seinem Zorn und in seinem Toben.

Doch nun sah der neue Tag dieses Wesen auf einer Klippe sitzen..
Geschwächt..
Müde..
Ausgebrannt..

Und aus ihren  großen .. dunklen Augen sprach die Traurigkeit und die Not eines ganzen Lebens..
Glitzernde Tropfen flossen über die Schuppen ihrer Schnauze entlang..
rannen über den matt gewordenen Panzer aus einst Stahlgrauen glänzenden Schuppen und bildetet am Fuße ihrer einst scharfen Krallen einen kleinen Teich aus Drachentränen.
Ihrer Kehle entrang sich kein Brüllen mehr..
Keine Schwingen mehr die sich kraftvoll bewegten..

Ein Gesang ertönte nur
eine Melodie die vom Schmerz der Welt kündete..
Eine Melodie,
die sang von Schönheit die einst war in ihrem Leben..

eine Melodie
die sang von der Liebe die einst beherrschte ihren Flug
eine Melodie
die sang von Sehnsucht die in ihrem Herzen herrschte

Still war die Welt um sie herum, die Geschöpfe des Waldes hielten ein in ihrem Tun und hörten auf die Stimme dieses Wesens..
Lange saß sie da auf dieser Klippe und lange war ihr Gesang an die Welt
In ihr ein Hoffen,
ein sehnen das ihr Gefährte ihren Gesang vernahm..
das er erkannte was ihr fehlte
das er erkannte warum sie nicht mehr den Spiel des Windes folgen konnte und sich nicht mehr erheben konnte in die Weiten des Firmamentes um mit langen Flügelschlägen ihre Welt wieder zu erobern.

Nach langer Zeit erkannt sie , das sie vergebens ihr Lied gesungen hatte..
Das ihr Mühen sinnlos war
und ihre Melodie im Nichts verklungen war..
das sie die einzige war aus ihrem Volke die noch am Leben war
So wob sie schweren Herzens einen Zauber um sich selber,
der ihren Leib in Stein verwandeln sollte..
ausharrend am Rande dieser Zeit..
bis sie einst geweckt werde
Geweckt von einem Zauberwesen wie sie eines ist..

So verklang leise ihre Melodie und ihr Körper verwandelte sich langsam zu Stein
Nur ganz oben.. einem Rinnsal gleich..
Entsprang diesem neuen Felsen hoch oben  ein Bächlein..
Drachentränen,
Aus Stein geboren, auf das sie zum Wasser des Lebens werden das die Menschheit erinnern sollte an Zeiten die einst waren
So wartet sie heute noch ..
Doch immer noch fließt das Wasser den Berg hinab ,
als schillernde
Drachentränen

Beitrag weiterempfehlen:

Drachenträne (Der Doktor)

Drachenträne

Sie kamen bei Nacht…

Sie stürmten ihr Haus…

Und sie nahmen sie mit…

Elyssa hatte gerade noch bei sich im Bett gelegen und friedlich geschlafen, als sich eine stinkende, dreckige Orkhand auf ihren Mund legte. Im nächsten Moment war sie geknebelt und ihr wurde ein Sack über den Kopf gestülpt. Dann wurde sie aus dem Bett gerissen und weggetragen. Sie zappelte mit den Beinen und versuchte den Knebel irgendwie los zu werden, doch alles war nutzlos. Sie konnte durch ihren Sack nur mehrere orkische Stimmen ausmachen, die sich in einer ihr unbekannten Sprache unterhielten, während sie durch die Nacht getragen wurde. Da es keinen Sinn hatte, weiter seine Kräfte damit zu vergeuden, sich zu wehren, dachte sie lieber über ihre Situation nach – denn sie wusste ziemlich genau, wer hinter ihrer Entführung steckte…

Es war nun ein halbes Jahr her, seitdem Saladrex gekommen war. Sie wusste noch genau, dass die Nacht vor seiner Ankunft eine bedrohliche Atmosphäre hatte. Die Hunde hatten verrückt gespielt und die ganze Nacht hindurch gebellt. Immer wenn sie zum Fenster ging, hatte sie ein Gefühl, als ob sie beobachtet werden würde. Und dann, am nächsten Morgen, stand er einfach so vor der Haustür: Ein schlanker, junger Mann, hoch gewachsen, mit kantigem Gesicht und braunem, kurzem Haar. Eigentlich war er ziemlich hübsch, doch in seinen Augen lag ein Funkeln und ständig umspielte ein angedeutetes Lächeln seine Lippen, was sie von Anfang an misstrauisch machte. Er hatte mit heller, aalglatter Stimme gesagt:

"Oh, äh, hier wohnt doch der Protektor dieses Landstrichs, Edmund Schneedolch, oder?"

"Euch auch einen guten Morgen! Ja, der wohnt hier."

Ihr Haus war das Einzige im Umkreis von 2 Meilen – der Mann konnte sich schlecht im Haus getäuscht haben.

"Wen soll ich melden?"

"Gut, mein Name ist Saladrex, ich möchte ihn sprechen!", war die relativ barsche Antwort.

Sie sah ihn erst einmal an und fragte sich, ob sie ihn ob seines rüden Verhaltens zurechtweisen sollte, ließ es aber dann und ging zu ihrem Vater in die Küche – der Mann war ihr irgendwie unheimlich…

"Vater? Da ist ein gewisser Saladrex vor unserem Haus. Er möchte dich sprechen."

Ihr Vater war nun schon in die Jahre gekommen, aber immer noch ein relativ kräftiger und stämmiger Kerl.

"Hm, Saladrex? Noch nie gehört, den Namen… Warte hier, ich werde mit ihm reden."

Edmund ging in Richtung Haustür. Danach konnte sie die beiden Männer miteinander reden hören – doch worüber sie genau sprachen, verstand sie nicht. Nach einer Weile kam ihr Vater mit einem Stirnrunzeln auf dem Gesicht zurück in die Küche.

"Und, was wollte er von dir?"

"Ein seltsamer Mensch… Er scheint hier neu zugezogen zu sein und wollte alles über die Ländereien und die Dörfer hier wissen. Besonders interessiert war er an meiner Position als Protektor. Er hat mich alles darüber gefragt: Was der Protektor zu tun hat, wann er gewählt wird, wie das mit den Steuern ist… Und dabei hat er mich dann die ganze Zeit ganz komisch angesehen. Irgendwie unheimlich, dieser Mann, findest du nicht?"

Sie nickte nur. Der Mann war ihr nicht unheimlich – sie hatte Angst vor ihm!

Ein paar Wochen später verschwanden dann die ersten Kinder aus Valyris, dem größten Dorf in der Umgebung. Besorgte Eltern kamen zu ihnen nach Hause und baten ihren Vater um Hilfe. Als Protektor war es schließlich seine Aufgabe, die Ländereien vor Räubern, Orks und sonstigen Übeln zu schützen. Trotz seines fortgeschrittenen Alters erledigte er seine Aufgabe immer noch auf eigene Faust und das nicht einmal schlecht. Er war nun schon seit 14 Jahren im Amt, da es noch nie ernsthafte Konkurrenten für diesen Posten gab. Das sollte sich in den nächsten Monaten jedoch ändern…

Ihr Vater zog also los, um die verschwundenen Kinder zu suchen, doch alles, was er herausfand, war, dass sie anscheinend von Orks verschleppt worden waren. Und obwohl er das gesamte Land zur Suche nach den Kindern mobilisierte, war das Versteck der Monster nicht auszumachen. Als man dann die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, kam Saladrex mit den verlorenen Kindern im Schlepptau nach Valyris. Und alle Kinder erzählten ungefähr dieselbe Geschichte: Dass sie von den Orks verschleppt und in ein geheimes Lager gebracht worden waren und dass sie in abgedunkelten Käfigen lange eingesperrt waren, bis sie schließlich eines Tages Kampfschreie im Lager der Orks hörten und sie dann von dem netten Saladrex gerettet wurden. Die Eltern der verlorenen Kinder waren natürlich allesamt überglücklich und bedankten sich viele Male bei Saladrex. Dies sollte sein erster Schlag gegen die Autorität ihres Vaters gewesen sein.

In den nächsten Wochen und Monaten gab es dann immer wieder Probleme mit Orks, Räubern, Monstern, Krankheiten und anderen Übeln, gegen die Elyssas Vater nichts, sondern anscheinend nur Saladrex etwas ausrichten konnte. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass ihr Vater in der Gunst des Volkes immer mehr sank und Saladrex die folgenden Wahlen zum neuen Protektor haushoch gewann. Ihr Vater war besiegt. Doch, wie es so seine Art war, nahm er es auf die leichte Schulter und sagte: "Lass mal gut sein, Elyssa! Ich bin bereits alt und schwach – es wird Zeit, dass jemand anders diesen Job übernimmt." Sie dagegen nahm es überhaupt nicht auf die leichte Schulter. Saladrex hatte ihnen alles genommen: Geld, Arbeit, Freunde… Das einzige, was blieb war ihre Hoffnung, irgendwie neu anfangen zu können. Doch Saladrex schien noch nicht genug zu haben, wie ihre Entführung vermuten ließ – und sie war sich absolut sicher, dass Saladrex mit den Orks im Bunde stand.

"Wie lange wollt ihr mich denn noch hier im Nachthemd durch die Kälte tragen, ihr Drecksäcke? Und wäret ihr auch mal so freundlich, mir diese Kapuze ab zu nehmen?", fragte sie frierend. Die Orks gaben ihr keine Antwort. Entweder verstanden sie ihre Sprache nicht oder sie wollten ihr nicht antworten… Egal, es kam auf das Gleiche hinaus.

Nach einer kalten Ewigkeit, wie es ihr erschien, erzeugten die Schritte auf dem Boden plötzlich einen Hall. Sie hatten also irgendein großes Gebäude oder eine Höhle betreten. Es kam ihr auch vor, als wären sie durch eine unsichtbare Barriere geschritten und die kalte Luft der Nacht verwandelte sich in eine wohlige Wärme. Kurz darauf ging es eine Treppe hinunter, immer weiter abwärts. Elyssa fragte sich schon, ob dies die Treppe direkt in die Hölle sei, da ging es waagerecht weiter. Nach kurzer Zeit hielt der Ork, der sie trug, an. Die Kapuze wurde ihr abgenommen und sie wurde auf den Boden gestellt. Es war ein verdammt gutes Gefühl, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben und nicht die ganze Zeit auf einem schwankenden Orkrücken durch die Landschaft transportiert zu werden.

Sie stand nun in einer kleinen Zelle und die Orks machten sich gerade daran, den kleinen Raum zu verlassen und die vergitterte Tür, die ihn von dem Gang dahinter abtrennte, zu zu schließen. Bevor Elyssa etwas sagen konnte, waren sie außer Sicht. Na toll!, dachte sie sich und sah sich in ihrer Gefängniszelle um. Die einzige Einrichtung, die es hier gab, war eine kleine Pritsche und ein dreckiger, stinkender Nachttopf. Machen wir das Beste draus!

Sie legte sich hin – die Nacht war für sie schließlich sehr kurz gewesen – und schlief, trotz der mehr als ungemütlichen Pritsche, wieder ein. Sie wachte auf, als ein Ork ihre Zelle aufschloss. Sie kam schnell aus ihrem ungemütlichen Bett und stellte sich an die Wand. Der Ork betrachtete sie seltsam. Er hielt ein Tuch in der Hand – es war eine Augenbinde.

"Oh nein! Keine Augenbinden mehr! Hat Saladrex Angst, dass ich mich über seine lächerliche Gestalt lustig mache oder warum muss er mir unbedingt die Augen verbinden?", fragte sie trotzig.

"Saladrex hat befohlen und Befehl muss ausgeführt werden, ansonsten Saladrex böse. Nicht gut, wenn Saladrex böse sein, er dann schlimm Ding tun!", war die gebrochen gesprochene Antwort des Orks.

Sie hatte also Recht gehabt. Saladrex steckte hinter ihrer Entführung.

"Oh, was macht er denn Schlimmes? Läuft er rot an und schreit herum?", fragte sie schnippisch.

Der Ork lachte auf: "Haha! Guter Witz! Rot anlaufen! Haha!"

Elyssa verstand nicht, was daran so lustig war. Vielleicht laufen Orks nicht rot an?

Der Ork sprach weiter: "Nein, Meister hat befohlen! Du kriegen Augenbinde!"

Er kam auf sie zu und machte Anstalten, ihr die Augenbinde umzulegen, doch sie wehrte seinen Arm ab. Er schaute sie mit seinen Schweinsäuglein nur schief an – und schlug ihr dann ins Gesicht, so heftig, dass sie durch den Raum stolperte und auf ihre Pritsche fiel. Noch während sie benommen war, legte der Ork ihr schnell die Augenbinde um und zurrte sie fest. Dann zog er sie brutal hoch und zerrte sie aus ihrer Zelle hinaus und den Gang herunter. Nachdem sie um mehrere Kurven und durch mehrere Gänge oder Räume gegangen waren, sagte der Ork: "Achtung, Treppe!"

Dann nahm er sie dichter an seinen stinkenden Körper. Jeder Versuch, sich zu wehren, war vergeblich, der Griff des Orks war hart wie Stahl. Schritt für Schritt ging es also die Treppe hinunter. Die Stufen erschienen ihr unnatürlich groß und diese Treppe kam ihr fast genauso lang vor, wie die erste. Irgendwann müsste ich aber wirklich in der Hölle angekommen sein…

Aber auch diese Treppe hatte irgendwann ein Ende. Ihre Schritte erzeugten nun wieder einen Hall, sie befanden sich also in einer großen Halle. Eine Stimme ertönte: "Ah! Da ist die Kleine ja!"

Es war eindeutig Saladrex‘ Stimme. Sie klang jedoch irgendwie unwirklich und fern, wie in einem Traum. Dennoch hatte sie nichts von ihrer eigenen, ruhigen Schärfe eingebüßt.

"Sie ist verletzt!", sagte die Stimme.

Und der Ork neben ihr antwortete, noch während sie liefen: "Ich sie schlagen musste, Meister, sie nicht bereit, sich Augenbinde anlegen lassen und ihr befohlen hattet…"

"Ich weiß, welchen Befehl ich gegeben habe, und zwar, dass ihr unter keinen Umständen ein Leid zugefügt werden darf!", unterbrach ihn Saladrex wütend. Innerlich war sie schadenfroh. Jetzt hatte der rüde Ork ihn doch noch wütend gemacht! Ihr Peiniger ließ sie nun los.

"Aber nur wollten…", stammelte er.

Saladrex erwiderte nur: "Ich habe keinen Nutzen für Untergebene, die meine Befehle nicht befolgen!"

Irgend jemand holte tief und vor allem laut Luft. Dann gab es ein seltsames, rauschendes Geräusch, neben ihr ertönte der Schrei des Orks und ein Schwall extremer Hitze überkam sie. Elyssa schrie ebenfalls auf. So schnell, wie sie gekommen war, war die Hitze auch wieder weg.

"Entschuldige! Diese rohe und ungehobelte Behandlung ist nicht meine Absicht – jedenfalls noch nicht!", sagte die Stimme Saladrex‘ nun etwas freundlicher.

"Was…was soll das alles? Warum die Augenbinde? Warum überhaupt die ganze Folter für mich und meinen Vater, wir haben euch nichts getan!", sagte sie, langsam von Angst in Wut übergehend.

Saladrex lachte ein böses, kleines Lachen über ihre Eskapaden.

"Tut mir leid, Elyssa, aber das ist alles nötig! Jetzt gerade habe ich doch gefallen daran gefunden, deinen Vater ein wenig zu ärgern…", während er dies sagte, schien sich seine Stimme von einem Punkt rechts von ihr sich über ihren Kopf hinüber auf ihre linke Seite zu bewegen.

"Ihn ärgern? Ihr habt sein und damit auch mein ganzes Leben zerstört! Ihr findet das wohl witzig?", sie war völlig entrüstet.

"Irgendwie schon, ja! Aber er war natürlich auch mein Konkurrent – und nirgendwo steht geschrieben, dass man die Wahl zum Protektor nicht mit ein wenig…unkonventionellen Mitteln beeinflussen durfte…", seine Stimme wanderte nun um sie herum und schien immer woanders her zu kommen, was sie langsam zum Ausrasten brachte: "JETZT HÖRT AUF MIT DIESEN SPIELCHEN UND NEHMT MIR DIESE AUGENBINDE AB ODER ICH WERDE KEIN WORT MEHR MIT EUCH REDEN, KLAR?"

Ein seltsames Geräusch, eine Art Schnauben ertönte, dann wieder Saladrex‘ Stimme, diesmal wieder direkt vor ihr: "Nun gut, ich sehe schon, du meinst es ernst"

Die Augenbinde an ihrem Kopf knotete sich wie von selbst auf und fiel ab, so dass sie Saladrex erblickte.

Nun, Elyssa hatte in ihrem Leben noch nie zuvor einen Drachen gesehen, doch das gigantische Biest, dessen Schnauze sich nur wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht befand und das sie mit großen, gelben Augen anstarrte, musste wohl einer sein.

Der Drache sagte: "Buh!", was seine Wirkung nicht verfehlte – Elyssa fiel in Ohnmacht.

Als sie wieder zu Bewusstsein kam, lag sie in einem Kreis aus roten Schuppen. Wie eine Mauer ragte der mit Stacheln besetzte Körper des Tieres um sie herum auf.

Oh Gott, der muss mindestens 30 Meter lang sein!, dachte sie. Auf seinem Kopf saßen zwei elegant nach hinten geschwungene Hörner und die beiden gelben Augen darunter schienen sie noch immer belustigt anzustarren. Als sie ihn so betrachtete, fiel ihr eine gewisse Ähnlichkeit mit seiner menschlichen Gestalt auf. Er war zwar in gewisser Weise schön, doch gleichzeitig auch gefährlich und zwielichtig.

Nach mehreren Minuten des Anstarrens unterbrach die schneidende Stimme des Drachen die Stille: "Ich finde das immer wieder faszinierend, wie mich die Menschen anstarren, wenn sie mich das erste Mal sehen… Meistens ist es jedoch auch das Letzte, was sie je sehen."

Er machte etwas, dass wohl ein Lächeln sein sollte.

Irgendwie schaffte sie es, sich zusammen zu raffen und zu sagen: "Was soll das alles hier? Ihr seid doch Saladrex oder?"

"Nein, ich bin sein Schoßtier!", erwiderte er sarkastisch, "Und was das alles hier soll, fragst du? Nun, ich will es dir erklären: Wenn ein Drache sich irgendwo niederlässt, nimmt er gleichzeitig Anspruch auf ein großes Gebiet rund um seinen Hort. Sicher wäre es in meiner wahren Gestalt sehr viel einfacher gewesen, dieses Gebiet für mich zu erobern, doch es hätte nur zu viel Aufmerksamkeit erregt, wenn auf einmal nicht mehr Edmund Schneedolch, sondern der Drache Saladrex die Ländereien hier beherrscht. Sofort hätte jeder gewusst: "Oh, im Schneedolch lauert ein garstiger Drachen!" Du weißt gar nicht, wie es nervt, ständig in Sorge zu sein, dass einem selbst nach kurzzeitigem Verlassen der Höhle die Hälfte des mühsam angesammelten Schatzes fehlt! Nun, die Methode, die ich angewandt habe, um Protektor zu werden, war viel unauffälliger – es bleibt nur der eklige Nachgeschmack, dass ich all diese Menschen "retten" musste… Aber ich habe ihnen ihr Leid ja auch zugefügt, das gleicht die ganze Sache auch wieder ein wenig aus. Nun, leider wird es sich nicht sehr lange vermeiden lassen, meine wahre Identität vor der Öffentlichkeit zu verbergen – aber dann können sie meinetwegen alle ankommen und sterben!", zum Schluss schien er bloß noch mit sich selbst zu sprechen. Seine Selbstliebe machte sie schon jetzt krank.

"Und wie wollt ihr das mit eurem Protektor-Job regeln?", fragte sie ihn, halb aus Neugier, halb, um ihn von sich abzulenken – wer so lange über sich selbst redet, kümmert sich nicht mehr um andere.

"Oh, natürlich werde ich hier nicht für alle Zeiten unbehelligt leben können, aber meine Höhle ist gut versteckt. Außerdem bekomme ich mit meiner "Arbeit" als Protektor, noch nebenbei ein wenig Gold für meinen Hort. Soweit habe ich da alles geklärt. Doch eine Sache ist noch zu erledigen… Dein Vater muss leider aus dem Weg geschafft werden! Es hat macht zwar Spaß, ihn zu quälen, doch er ärgert sich ja kaum, was mir den Spaß auch ein wenig lindert… Wie auch immer, er wird demnächst hier aufkreuzen, dafür habe ich gesorgt.", sagte er mit einem bedeutungsschwangeren Blick auf sie.

Entsetzen füllte sie. Er wollte mit ihrer Entführung Edmund hierher locken, um ihn dann umzubringen – und um wahrscheinlich hinterher mit ihr das Gleiche zu tun.

"Bitte… Bitte lasst meinen Vater leben! Er hat euch doch nie etwas getan und ich bin sicher, er würde euch auch nie etwas antun! Er hätte euch hier wahrscheinlich sogar in Frieden leben lassen, unbehelligt von der Außenwelt!", rief sie verzweifelt.

Saladrex lachte auf: "Ha, mir etwas antun! Weißt du, es ist mir egal, was dein Vater über mich denkt. Fakt ist: Er ist der Protektor dieses Landes und wir Drachen fügen uns niemals irgend einem menschlichen Herrscher, und wenn er noch so lieb und nett ist!"

"Dann…dann nehmt mich als eure Sklavin und verschont ihn, ich bitte euch…"

"Ich sagte nein und es bleibt dabei! Sobald er hier ankommt, weiß er über meine wahre Natur Bescheid und das kann ich nicht durchgehen lassen! Und wozu sollte ich eine Sklavin benötigen? Völlig nutzlos!", sagte er nun etwas ärgerlicher.

"Ich könnte…"

"HALT DIE KLAPPE!!!", brüllte er. Sie erkannte, dass es besser war, ihn nicht noch weiter zu provozieren. Das hätte wahrscheinlich ein böses Ende genommen.

Dann hörte sie Schritte. Als sie sich umdrehte, sah sie einen Ork die Treppe herunter kommen. Er blieb vor dem Drachen stehen, verbeugte sich und sagte: "Meister! Mensch in unsere Höhle eingedrungen, wie geplant ihr habt – einige von uns gegen ihn kämpfen."

"Sehr gut, doch werft ihm nicht zu viele entgegen, er soll doch bis hier durch kommen!"

"Ja, Meister!", der Ork verbeugte sich wieder, drehte sich um und ging fort.

Ihr Vater war also auf direktem Kurs ins Verderben… Mit den Orks wurde er spielend fertig, mit so einer Plage hatte er ja schon mehrmals zu tun. Ein Drache war da ein ganz anderes Problem.

"So, du wirst jetzt brav den Mund halten meine Süße, das ist eine Sache zwischen mir und deinem Vater!"

"Aber…"

"Ich sagte Mund halten!", er machte eine Bewegung mit seinen messerscharfen Klauen und sie verstummte.

Dann richtete er sich auf und deutete an eine Wand der riesigen Halle.

"Stell dich da hin!"

Wortlos folgte sie seiner Aufforderung. Erst jetzt fiel ihr auf, wie groß der Raum war: Von einem Ende zum anderen maß er mindestens 100 Meter und die Decke befand sich weit über ihrem Kopf. Wozu dieser Raum einmal gedient haben mochte? Es sah aber so aus, als wäre sämtliche Einrichtung schon vor Jahren entfernt worden. Im hinteren Teil des Raumes war ein riesiges Loch in der Wand. Vor dem Loch lag ein großer Berg aus Schätzen. Goldmünzen, Truhen, kostbar aussehende Schwerter, prunkvoll verzierte Bücher – sie wagte nicht, abzuschätzen, wie viel das alles wert sein mochte. Erst das erneute Geräusch von Schritten lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die große Treppe.

Ihr Vater kam mit gezogenem, blutigem Schwert diese Treppe hinunter.

Als er den Drachen sah, erstarrte er in seiner Bewegung. Was er jetzt wohl denkt?, fragte sie sich. Dann fiel Edmunds Blick auf sie. Langsam und ohne den Blick von dem Drachen abzuwenden, bewegte er sich langsam in ihre Richtung und sagte: "Geht es dir gut Schatz?"

"Ich denke schon…", war ihre Antwort.

"Gut…", sagte er zu ihr, dann zu dem Drachen, "Saladrex, nehme ich an?"

"Versucht gar nicht erst, sie zu erreichen, das werde ich schon zu verhindern wissen.", antwortete Saladrex.

Ihr Vater blieb stehen.

Dann sagte er: "Hört mal, ich möchte keinen Ärger mit euch, ich möchte einfach nur meine Tochter zurück haben und in Frieden leben können, ist das denn zu viel verlangt?"

"In gewisser Weise schon, ja! Ich kann zwar verstehen, dass ihr euch nicht mit mir anlegen wollt, aber durch euer Eindringen hier habt ihr das leider zwangsläufig getan. Ihr versteht, dass ich euch nicht in der Weltgeschichte herumlaufen lassen kann, während ihr überall Drachentöter anheuert und fröhlich heraus posaunt, dass ich hier oben wohne?", war die Antwort des Drachen.

"Ich habe nicht vor, irgend jemandem zu erzählen, dass ihr hier haust, noch habe ich vor, eure Schätze zu stehlen, noch möchte ich euch töten, noch euch sonst irgendwie Schaden zufügen! Ich möchte nur Elyssa wieder haben!"

"Oh, ihr glaubt doch wohl selber nicht, dass ihr keine Hassgefühle für mich hegt! Ich habe euch alles genommen! Alles, außer eines: Euer kleines, erbärmliches Leben! Es liegt in Trümmern, es ist doch sowieso nicht mehr viel wert, oder?"

"Doch! Solange meine Tochter lebt, hat mein Leben noch einen Sinn! Sogar mein Tod hätte noch einen Sinn, wenn Elyssa dafür leben könnte. Also, stellt mit mir an, was ihr wollt, aber lasst sie frei, ich bitte euch!", die Stimme ihres Vaters blieb die ganze Zeit über erstaunlich ruhig – sie bewunderte ihn dafür.

Der Drache nahm eine Klaue hoch und rieb sich das Kinn.

"Hmm, nun gut, ich will euch noch eine Chance geben: Wir spielen ein kleines Spiel! Es geht um Alles oder Nichts. Wenn ihr gewinnt, dürft ihr gehen und eure Tochter darf euch begleiten – doch ich warne euch: Wenn ihr auch nur einem anderen Lebewesen von mir erzählt, seid ihr tote Menschen! Ich habe Wege und Mittel, dies heraus zu finden.

Solltet ihr verlieren, werdet ihr sterben – und eure Tochter hier wird euch folgen!"

"Was ist das für ein Spiel?", fragte Edmund misstrauisch.

"Kämpft gegen mich! Solltet ihr länger als 2 Minuten überleben, schenke ich euch eure Freiheit!", der Drache grinste.

Elyssa fuhr empört auf: "Das ist doch völlig unfair! Er hat überhaupt keine Chance gegen euch!"

"Elyssa, bitte! Misch dich da nicht ein!", sagte ihr Vater mit einem Seitenblick.

"Aber…"

"Ich sagte misch dich nicht ein!", unterbrach er sie mit Nachdruck und richtete sich wieder an Saladrex, "Ich gehe auf euer Angebot ein, aber nur unter einer Bedingung: Kein Feuer, keine Magie eurerseits! Eure körperlichen Waffen gegen mich und mein Schwert! Zwei Minuten! Keine Sekunde länger!"

Saladrex grinste. Dann öffnete er eine Klaue und schloss die Augen. Eine kleine Sanduhr erschien. Er stellte sie neben Elyssa ab.

"Du wirst unser Schiedsrichter sein, Süße! Wenn ich Los! sage, drehst du die Sanduhr um, wenn die Sanduhr abgelaufen ist, schreist du Stopp!, alles klar? Und wehe du schummelst!", richtete er sich an sie, wie an ein kleines Kind, dem man eine simple Aufgabe ganz langsam erklären musste.

"Vater…", setzte sie an, doch er unterbrach sie wieder: "Nein Elyssa, bitte, versuch nicht, mich davon abzubringen! Du weißt, dass es unsere einzige Chance ist! Und jetzt setz dich dort hinten hin, wo du sicher bist und spiele deine Rolle als Schiedsrichter! Es sind nur zwei Minuten…und vielleicht bin ich doch nicht so schwach, wie ich immer behaupte", sagte er mit einem Augenzwinkern. Dann wandte er sich dem Drachen zu, während sie aufstand und die Sanduhr mit sich nahm. Weiter hinten in der Höhle nahm sie Platz und stellte die Sanduhr vor sich auf den Boden.

Saladrex richtete sich auf und breitete seine Flügel aus – es schien, als würde er sich strecken. Dann faltete er sie wieder zusammen und sagte laut: "Los!"

Elyssa drehte die Sanduhr um und die winzigen Sandkörnchen begannen durch den Hals der Uhr zu rieseln.

Zuerst starrten sich die beiden konzentriert an, der gigantische Drache, der mit seiner Gestalt den Raum in der Breite fast ganz ausfüllte und der kleine Mann mit seinem treuen Schwert, dass wie eine Stecknadel im Vergleich zu seinem Gegner wirkte.

Plötzlich zuckte der lange Schwanz des Drachen vor, um Edmund von den Füßen zu fegen, doch Elyssas Vater sprang geschickt hoch, um sich danach gleich unter einem folgenden Klauenhieb zu ducken. Und schon folgte der nächste Hieb, dem er sich mit einer gewandten Drehung entzog. Dann kam der riesige Kopf des Ungeheuers herunter geschnellt, um ihn mit seinen riesigen Zähnen zu zerreißen. Edmund warf sich flach auf den Boden und kurz über ihm schnappte das riesige Gebiss zu. Bevor der Drache merkte, dass er ins Leere gebissen hatte, rollte sich ihr Vater unter dem gewaltigen Schädel hervor und richtete sich genau unter dem Drachen wieder auf. Einen weiteren Klauenhieb lenkte er mit seinem Schwert von sich ab, doch dessen Wucht riss ihn zu Boden. Den Sturz fing er mit einer Vorwärtsrolle ab und kam auf den Rücken zu liegen. Schnell richtete er sein Schwert auf und erdolchte damit den auf ihn herunter kommenden Fuß. Der Drache brüllte auf vor Schmerz und riss die Klaue wieder nach oben, was Edmund allerdings sein Schwert kostete. Der Drache zog sich abfällig das Schwert aus dem Fuß, während ihr Vater die Zeit nutzte, um Abstand zu gewinnen. Sie konnte ihn nun nicht mehr sehen, da die riesige Gestalt des Drachen die Sicht versperrte. In der Aufregung hatte sie ganz vergessen, auf die Sanduhr zu sehen. Der gesamte Sand war fast durchgerieselt.

"Vater, die Zeit ist gleich um!", rief sie.

Dass das ihren Vater das Leben kostete, sollte sie nie erfahren. Nach ihrem Ruf war Edmund kurz in seiner Konzentration unterbrochen und wollte zu Elyssa sehen, die durch den riesigen Drachen jedoch verdeckt war.

Er sollte sie nie wieder sehen.

Saladrex nutzte den winzigen Moment der Unachtsamkeit und hieb mit der verletzten Klaue nach Edmund. Er sprang zwar zurück, doch seine Reaktion kam einen Moment zu spät. Er wurde mitten im Sprung getroffen und zur Seite geschleudert. In der Luft drehte er eine bizarre Pirouette und blieb dann bäuchlings auf dem Boden liegen. Ein roter Teppich begann sich unter ihm auszubreiten.

Saladrex sagte lakonisch: "Ups!"

Elyssa rief: "Die Zeit ist um!"

Der Drache bewegte eine Klaue und drehte Edmunds Körper auf den Rücken. Er hatte ihm die gesamte Bauchdecke weggerissen. Doch der widerwärtige Anblick kümmerte ihn wenig. Viel mehr interessierte er sich für die immer noch offen Augen, die ihn ansahen. Blut lief Edmund aus dem Mund, doch irgendwie konnte er noch folgendes röchelnd hervorbringen: "ich…lebe…no…noch…"

Saladrex holte wütend Luft und spie einen weißglühenden Feuerstrahl, der Edmund zu Asche verbrannte.

Elyssa schrie auf und rannte auf den Drachen zu. Dieser sah seine verletzte Klaue an – es hingen noch immer ein paar von Edmunds Innereien daran. Er schüttelte sie achtlos ab und zog sich das Schwert heraus. Dann kam Elyssa an, sah die Überreste ihres Vaters und blieb fassungslos stehen. "Nein!", flüsterte sie. Tränen sammelten sich in ihren Augen.

Der Drache sah sie schief an und sagte: "Oh, tut mir leid für dich! Weißt du, er war gar kein so schlechter Kämpfer – der Kampf hat direkt Spaß gemacht!"

Die Trauer verwandelte sich in blinden Hass. Mit Tränen in den Augen begann sie auf den Fuß des Drachen einzuschlagen und einzutreten und schrie dabei: "Du verdammter Bastard! Scheißkerl! Mörder! MÖRDER!!!"

"Ach halt doch die Klappe, Winzling!", war seine wütende Antwort und er schlug mit der Rückhand nach ihr.

Der Schlag war so heftig, dass er sie mehrere Meter weit weg schleuderte, wo sie benommen vor Schmerzen liegen blieb. Der Drache erschien über ihr, mit einem Blick, in dem so viel Wut lag, dass er Eis hätte schmelzen können.

Gleich wird er mich töten, dachte sie und schloss die Augen.

Doch der tödliche Streich fiel nicht. Irgendwann öffnete sie ihre Augen wieder und sah einen sitzenden Drachen vor sich, der laut nachdachte.

"Hm…hm…ja…ja! Ja! Weißt du, ich habe dein Angebot noch einmal durchdacht – vielleicht brauche ich ja doch eine kleine Gehilfin… Du darfst meinetwegen als meine Sklavin weiterleben. Oder du kannst hier an Ort und Stelle sterben – die Todesart darfst du frei wählen. Deine Entscheidung: Leben? Oder Sterben?"

Sie richtete sich wieder auf. Der Schmerz war fast unerträglich, doch sie zwang sich zum Nachdenken.

Lieber würde ich sterben, als diesem Monster als Sklavin zu dienen! Doch andererseits… Vielleicht bietet sich mir irgendwann eine Möglichkeit zu entkommen? Ich würde es ihm heimzahlen! Ich würde die besten Drachentöter anheuern, die es gibt und dann würde ich ihn leiden lassen. 2 Minuten lang. Oh, es würden die längsten 2 Minuten seines Lebens sein!

Sie stellte sich vor, wie ihre Drachentöter Saladrex langsam folterten, wie sie ihm die ganze Zeit eine seiner bescheuerten Sanduhren vor die Nase hielt und wie sie ihm zum Schluss das Schwert ihres Vaters direkt in den Kopf rammen würde. Ein süßer Gedanke in dieser schrecklichen Situation.

"Wie lautet deine Entscheidung, Elyssa? Sklaverei oder Tod?", fragte er sie mit einem kalten, durchdringenden Blick.

Sie schaute auf den Boden.

"Ich stehe zu eurer Verfügung…Herr.", war ihre Antwort.

"Oh, eine weise Entscheidung, meine kleine Elyssa, wahrhaft weise! Nun gut! Erst einmal: Solltest du deine Arbeit schlecht machen, werde ich dich bestrafen. Solltest du versuchen zu fliehen, werde ich dich töten. Solltest du versuchen, mir Schaden zuzufügen, werde ich dich langsam töten – so langsam, dass es dir wie eine Ewigkeit vorkommen wird. Hast du das verstanden?"

"Ja, Herr!", antwortete sie demütig.

"Gut! Vielleicht werde ich dich ja irgendwann mal freilassen…vielleicht werde ich dich auch irgendwann töten…mal sehen. Noch Fragen?"

"Ja Herr! Was soll ich als eure Dienerin machen?"

"Hm…du könntest damit anfangen, den Dreck, den dein Vater hier verursacht hat, wegzuräumen.", sagte er mit bösem Unterton.

Die Worte trafen sie wie ein Peitschenschlag. Doch sie zwang sich dazu ein "Ja, Herr!", hervor zu pressen.

"Gut! Hol dir von den Orks irgendwas zum Saubermachen!"

Sie überlegte: Das ist meine Chance, ich könnte versuchen zu fliehen. Aber wie lange wird er benötigen, um herauszufinden, dass ich weg bin? Wie lange wird er brauchen, um mich zu finden? Nein, jetzt kann ich noch nicht fliehen. Also, spiele den braven Sklaven, Elyssa. Irgendwann kommst du hier raus und zahlst es ihm heim…irgendwann…

Kurze Zeit später stand sie wieder vor der Asche ihres Vaters. Unter der ständigen Aufsicht von Saladrex machte sie sich daran, mit einem Besen die Überreste Edmunds auf ein Tuch zu fegen und dachte dabei: Nicht nachdenken, Elyssa, nicht nachdenken! Er will dich nur quälen, wie er es mit deinem Vater getan hat… Und hat sich dein Vater davon beirren lassen? Nein, er hat gesagt: Solange es noch Hoffnung gibt, ist das Leben lebenswert. Sie wiederholte es immer wieder: Solange es noch Hoffnung gibt… Das gab ihr Kraft mit ihrer schrecklichen Arbeit fertig zu werden. Als sie fertig war, legte sie das Tuch zusammen und fragte den Drachen mit der ruhigsten Stimme, die sie sich aufzwingen konnte:

"Habt ihr noch weitere Aufgaben für mich, Herr?"

Ein Funkeln in seinen Augen verriet ihr, dass Saladrex leicht verärgert darüber zu sein schien, dass sie sich so ruhig gab. Doch er antwortete ihr mit der gleichen Ruhe: "Nein, das soll fürs erste einmal genug sein. Du bist ja sicherlich ganz fertig! Ich werde jetzt ausfliegen und dir ein wenig Kleidung und was zu essen besorgen – wir wollen ja nicht, dass du gleich eingehst, nicht wahr?"

Er wusste, wie hart er sie mit diesem väterlichen Gehabe traf. Doch sie hatte nicht vor, sich davon beeinflussen zu lassen, darum antwortete sie nur mit einem "Danke, Herr!"

Er warf ihr nochmals einen seltsamen Blick zu, drehte sich dann um, ging zu dem großen Loch in seiner Höhle, breitete die Flügel aus, stieß sich vom Rand ab und flog weg. Sie stand nun alleine in der großen Halle und nutzte die Zeit, um sich umzusehen. Zuerst ging sie zu dem großen Loch, aus dem eben noch Saladrex‘ mächtiger Körper verschwunden war. Die steinernen Ränder des Lochs waren glasiert, wie weggeschmolzen. Anscheinend hatte sich der Drache den Eingang zu seiner neuen Heimat in den Fels gebrannt. Vor ihr breiteten sich die Ländereien ihres Vaters aus. Ex-Ländereien, verbesserte sie sich in Gedanken. Saladrex‘ Höhle musste im Schneedolch liegen, dem einzigen und damit höchsten Berg in der Umgebung. Elyssa stammte aus dem Geschlecht der Schneedolche, welches nach dem Berg benannt war. Ob diese Familie mit mir ihr Ende finden wird?

Sie sah über den Rand der Klippe. Dahinter ging es relativ steil abwärts – für einen Menschen unmöglich, hier hoch zu kommen. Der Eingang zu dem Komplex über ihr musste weit oben liegen, so große Treppen, wie sie hierher überwunden hatte. Warum wusste niemand von dem Gewölbe in diesem Berg? So etwas ließ sich doch nicht so einfach übersehen… Vielleicht war der Eingang getarnt gewesen? Doch wie hatte dann ihr Vater her gefunden?

Sie ließ ihren Blick über die Landschaft schweifen und merkte, wie ihr die Tränen kamen. All dies stand einst unter dem Schutz ihres Vaters. Jetzt war es der Willkür eines roten Drachen ausgeliefert, der mit diesen Ländereien anstellen konnte, was er wollte… Und sie wollte sich nicht vorstellen, was Saladrex hier machen würde. Den Anwohnern in den zahlreichen Dörfern stand eine harte Zeit bevor. Und indem sie Saladrex gewählt hatten, brachten sie sich ihr eigenes Verderben…

Sie ließ alles raus. Sie schrie wütend auf und begann, an die Wand zu treten, immer und immer und immer wieder, bis sie ihren Fuß vor Schmerzen kaum mehr spüren konnte. Dann setzte sie sich auf den Boden, vergrub die Hände im Gesicht und weinte. Sie schluchzte und weinte all die Wut und die Trauer aus, die sich in den letzten Stunden angesammelt hatten. Sie weinte und schrie und wand sich auf dem Boden, bis sie keine Kraft mehr hatte und nur noch stumm auf der Seite lag und Tränen vergoss.

Sie wusste nicht, wie lange sie dort gelegen hatte, als sie die Flügelschläge ihres neuen Herren hörte. Schnell richtete sie sich auf, trocknete ihre Augen, so gut es ging und stellte sich neben den großen Eingang. Saladrex landete auf der Klippe und ging dann in seine Halle hinein.

Elyssa stand mit gesenktem Kopf da, um ihm nicht ihre geröteten Augen zu zeigen. Der Drache schien kurz zu schnuppern, sah sie abfällig an und warf ihr dann einen Beutel zu, den er in einer seiner Klauen getragen hatte.

"Hier, das dürfte alles sein, was du benötigst!"

Sie ging zu dem Beutel und sah hinein. Sein Inhalt war ein grünes, gar nicht mal so hässliches Kleid, ein Brot und ein paar Früchte. Doch damit waren noch nicht alle ihre Bedürfnisse gedeckt…

"Wo soll ich schlafen, Herr?"

Der Drache machte eine Geste, die bei einem Menschen wahrscheinlich ein Hochziehen der Augenbrauen hätte darstellen sollen.

"Du schläfst hier, bei mir!"

"Aber auf welchem Bett, Herr?"

"Auf welchem Bett? Was hast du denn für Ansprüche? Du wirst neben mir auf dem Boden schlafen! Oder ist dir das zu unangenehm?", fragte er mit Nachdruck.

Sie senkte den Kopf: "Nein, Herr."

"Gut! Du darfst dich dann hinlegen, ich habe für heute keine weiteren Aufgaben für dich."

Er legte sich vor seinen Schatzhaufen, rollte sich zusammen und legte seinen Kopf auf den Schwanz. Sie nahm sich die Nahrungsmittel, die er mitgebracht hatte und begann mit Heißhunger zu essen – schließlich hatte sie den ganzen Tag über nichts in den Magen bekommen. Die ganze Zeit über wurde sie dabei von dem Drachen beobachtet, für den es ein besonders faszinierender Anblick zu sein schien. Entweder hatte er noch nie einen Menschen essen sehen oder er dachte dabei seine eigene Ernährung, so wie er sie ansah. Schnell schüttelte sie den Gedanken ab und sah weg. Solange es keinen Grund gibt, wird er mich nicht töten. Und ich werde dafür sorgen, dass auch nie einen geben wird!

Nach einer Weile schloss der Drache seine Augen. Schon bald war er eingeschlafen. Elyssa überlegte, was sie jetzt tun sollte. Sollte sie vielleicht doch versuchen zu fliehen? Sie könnte bis ins nächste Dorf kommen und dort versuchen, sich zu verstecken… Nein, zu riskant! Sie konnte nicht riskieren, dass ihre Rache an Saladrex ausblieb. Ihre Seele würde keine Ruhe bekommen, sollte der Drache ihren Tod überleben.

Sie würde sich Zeit lassen.

Sie würde nicht überstürzt handeln.

Sie würde ihn töten.

Und sie würde sich von nichts und niemand davon abbringen lassen!

Doch das musste warten. Jetzt legte sie sich auf den harten Boden und versuchte zu schlafen. Sie wollte nicht zu nah an dem Drachen liegen und legte sich deswegen mitten in die Halle.

Es war kalt. Sie drehte sich auf dem Boden immer wieder hin und her, in verzweifelter Suche nach einer bequemeren Lage. Sie wusste nicht wie und sie wusste nicht wann, aber nach langer Zeit, wie es ihr schien, gelang es ihr dann, einzuschlafen.

Und die Zeit vergeht…

Die Arbeiten, die sie verrichten musste, waren unangenehm und eintönig. Sie musste die gesamte große Halle schrubben, Saladrex‘ wertvolle Schätze putzen, seine Schuppen reinigen oder ihn mit ihrer bloßen Anwesenheit unterhalten, was für sie am schlimmsten war, da sie meistens mehrere Stunden lang einfach nur dastehen musste, während der Drache sie einfach nur betrachtete. Elyssa war froh darüber, dass sie nicht wusste, was er dachte, während er sie ansah.

Meistens jedoch war er nicht in seiner Halle, sondern flog auf die Spitze des Berges, um seine Ländereien zu beobachten oder um zu jagen. Und immer, wenn sie alleine war oder von dem Drachen angestarrt wurde und keine Arbeit zu verrichten hatte, erging sie sich in ihren Plänen, den Drachen umzubringen. Sie ergötzte sich immer und immer wieder an dem Gedanken, ihm den Todesstoß zu geben.

Doch so ablehnend er sich ihr gegenüber auch verhielt, er kümmerte sich recht gut um sie. Er ließ sie regelmäßig an seiner Jagdausbeute teilhaben und versorgte sie mit allem, was sie benötigte, sei es Wasser, Kleidung oder gar ein wenig Heu, um ein provisorisches Bett zu erstellen. Das machte die Nächte zwar nicht sehr viel wärmer, aber zumindest ein wenig bequemer.

Sie hatte keine Ahnung, was er mit der Bevölkerung in den umliegenden Dörfern anstellte – sie wollte es auch nicht wissen. Es war sicherlich nicht sehr angenehm für die Menschen, die einst zufrieden unter der Aufsicht ihres Vaters leben konnten, bis Saladrex ankam.

Die Bestätigung für Saladrex‘ Schreckensherrschaft erhielt sie nach mehreren Monaten Sklavenschaft…

Es war wieder eine der Perioden, wo er sie nur anstarrte. Seine großen, gelben Augen schienen sie zu durchdringen, wenn sie ihn ansah. An diesen Blick hatte sie sich nun schon fast gewöhnt. Ich werde ihn vor seinem Tod auch nochmal eine Stunde lang nur anstarren, dann weiß er, wie ich mich die ganze Zeit gefühlt habe, sagte sie sich immer. Doch diesmal sah der Drache plötzlich auf. Ein paar Momente später kam einer der Orks, die ebenfalls in dem Bergkomplex wohnten, die große Treppe herunter.

"Ich hoffe, es gibt einen guten Grund, mich zu unterbrechen!", sagte Saladrex mit drohender Stimme.

"Es sind Menschen eingedrungen, Meister!"

Saladrex sah auf.

"Wirklich? Wie viele?", fragte er interessiert.

"So viele, wie Ork Finger an Hand hat.", antwortete der Ork. Es überraschte Elyssa, dass diese Kreaturen überhaupt zählen konnten, so dumm, wie sie sich sonst anstellten. Wahrscheinlich war der Ork ein Gelehrter in seinem Volk…

"Schick ihnen ein paar eurer Leute entgegen. Aber nicht zu viele, ich will, dass sie bis hierher durchkommen!", sagte Saladrex mit einem Grinsen. Das Gleiche hatte er vor Monaten – oder waren es Jahre gewesen? – gesagt, als ihr Vater in den Komplex kam. Elyssa schüttelte den Gedanken schnell ab.

Der Ork sagte nur "Ja, Meister!", drehte sich um und ging die Treppe wieder hoch.

Der Drache wandte sich wieder ihr zu: "Ha, das wird ein Spaß! Pass auf!"

Auf einmal begann er mit einem inneren Licht zu glühen und gleichzeitig zu schrumpfen. Wenige Sekunden später hatte er sich in seine menschliche Form verwandelt. Elyssa hatte schon fast vergessen, wie er als Mensch aussah, so lange war es schon her, dass sie ihn das letzte Mal so gesehen hatte.

Die Illusion war perfekt. Hätte sie nichts von seiner wahren Natur gewusst, hätte sie ihn für einen normalen Menschen gehalten. Einzig das Funkeln in seinen Augen verriet noch ein wenig über seine Absichten.

"Glotz nicht so! Du siehst mich schließlich nicht das erste Mal!", sagte er mit seiner alten, menschlichen Stimme, die immer noch eine gewisse Ähnlichkeit zu seiner Drachenstimme hatte. Dann drehte er sich um und hob die Hände. Eine Sekunde später erschien quasi aus dem Nichts ein solider Stahlkäfig mit eiserner Tür. Elyssa hatte das Gefühl, ihre Kinnlade würde auf den Boden fallen und ihre Augen aus dem Kopf springen.

"Wie…wie…", wollte sie ansetzten, wurde aber gleich unterbrochen: "Das ist eine Form der Magie, die ihr Menschen nie verstehen, geschweige denn beherrschen werdet, versuch also gar nicht erst, eine Erklärung zu bekommen!"

Er öffnete die Tür des Käfigs, die mit einem eisernen Schloss versehen war. Und lud sie mit einer Handbewegung ein, hinein zu steigen.

"Was…?"

"Frag nicht, sondern geh hinein!", sagte er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Sie leistete auch keinen Widerstand und stieg in das eiserne Gefängnis.

Saladrex folgte ihr, schloss die Tür hinter sich und ließ das Schloss klickend einrasten.

"So, es wäre besser für dich, wenn du jetzt die Klappe halten würdest!", sagte er mit einem übertrieben freundlichen Lächeln. Und schon war die Abenteurergruppe zu hören, die, sich fröhlich unterhaltend und laut polternd die Treppe herunter kam. Am Fuße der Treppe jedoch stoppten sie und starrten.

Es waren fünf Menschen, drei Männer, zwei Frauen. Ihnen offenbarte sich folgendes Bild: Eine riesige, lange Halle mit einem großen Loch am anderen Ende, das direkt ans Tageslicht führte. Mitten in der Halle lag ein riesiger Haufen aus Gold, Schätzen und Kostbarkeiten – und davor stand ein Käfig mit zwei Menschen drin, einer jungen Frau und einem hoch gewachsenen Mann.

Die fünf Menschen sahen alle recht unterschiedlich aus. Die eine Frau war relativ spärlich bekleidet, hatte nur einen langen Stab in der Hand und lange, schwarze Haare. Die andere Frau war nahezu das Gegenstück zu ihrer Partnerin: Kräftig gebaut, kurze Haare, Lederpanzer, Schild und Streitkolben… Die beiden hätten unterschiedlicher nicht sein können.

Bei den Männern waren die Unterschiede nicht ganz so auffällig. Einer von ihnen hatte eine auf Hochglanz polierte Plattenrüstung, einen Helm mit einem kleinen roten Federbüschel auf dem Kopf und war mit Schwert und Schild bewaffnet. Der zweite war nicht ganz so vernarbt im Gesicht, aber von hünenhafter Statur und hatte einen gigantischen Zweihänder in der Hand. Mit seinem langen Bart, in den viele kleine Zöpfe geflochten waren, sah er aus wie einer der Barbaren aus dem Norden. Der Dritte schien nicht ganz so kräftig. Er war in ein unauffälliges Schwarz gekleidet, hatte eine Kapuze auf, so dass man sein Gesicht nicht sehen konnte und war mit Pfeil und Bogen bewaffnet.

Die wenigen Abenteurergruppen, die Elyssa schon gesehen hatte, sahen fast alle genauso aus, wie diese hier… Doch das war immer in den Dörfern gewesen und nie in dunklen Gewölben, in der Gefangenschaft eines Drachen. Die fünf kamen jetzt schnell auf sie zu. Der Mann in der glänzenden Rüstung rief: "Schnell, Freunde, wir müssen sie aus diesem schrecklichen Gefängnis befreien, bevor der Drache wiederkommt!"

Als sie am Käfig angekommen waren, sagte Saladrex mit einer ängstlich-weinerlichen Stimme, die er übrigens perfekt imitieren konnte: "Beeilt euch, ich glaube der Drache kommt gleich wieder!"

"Wisst ihr, wo der Schlüssel zu diesem Käfig ist?", fragte die leicht bekleidete Frau.

"Nein, einer der Untergebenen des Drachen besitzt den Schlüssel. Gibt es vielleicht einen anderen Weg?"

"Tretet zur Seite!", das hatte der Kapuzenmann gesagt. Die anderen gaben das Schloss frei, während der Mann einen Dolch zog, sich vor das Schloss kniete und darin herum stocherte. Nach ein paar Sekunden klickte es und das Schloss sprang auf. Saladrex stieß das Tor auf und ging hinaus, wobei er Elyssa mit sich zog.

Der Ritter fragte: "Geht es euch gut?"

"Ich denke schon, ja!", war Saladrex‘ Antwort.

"In Ordnung, versucht so schnell wie möglich an die Oberfläche zu kommen, wir werden uns solange den Drachen vorknöpfen!"

Dann sagte der Barbar etwas: "Jungs, schaut euch nur diese Schätze an!"

Die vier anderen Mensch drehten sich zusammen um und gingen ein paar Schritte auf den großen Schatzhaufen zu.

Sie standen jetzt alle mit dem Rücken zu Saladrex und Elyssa. Der Drache drehte sich zu ihr um, lächelte, legte den Finger auf die Lippen und zwinkerte ihr zu. Dann ging er auf die muskulöse Frau zu, die ihm am nächsten stand.

Als er direkt hinter ihr war, legte er ihr schnell den einen Arm um den Mund, mit dem anderen Arm umschlang er ihre Brust.

Danach breitete er mit einer schrecklichen, eleganten Bewegung seine beiden Arme aus und riss ihr dabei den Kopf von den Schultern, wozu ein hässliches Geräusch ertönte.

Bei diesem Geräusch fuhren die anderen vier Abenteurer herum und sahen Saladrex, wie er mit ausgebreiteten, blutigen Armen und schief gelegtem Kopf dastand und sie anlächelte, während rechts und links neben ihm die enthauptete Leiche der Frau lag.

Der Barbar reagierte zuerst. Er schrie: "DU BASTARD!" und rannte mit weit über den Kopf gehobenem Zweihänder auf den Drachen zu. Saladrex bewegte sich keinen Zentimeter. Erst, als der Hüne bei ihm angekommen war und gerade zuschlug, klatschte er blitzschnell seine beiden Hände seitlich versetzt zusammen und brach die Spitze des Schwertes einfach ab. Der Hüne starrte nur ungläubig auf sein Schwert, doch Saladrex versetzte ihm mit der geballten Faust einen Hieb auf die Wange, der ihn Blut spuckend zu Boden warf. Dann stellte der Drache schnell seinen Fuß auf die Kehle des Hünen, da die anderen Abenteurer nun auch reagierten und sich ihm mit gezogenen Waffen näherten.

"Noch ein Schritt und ich muss ihm leider seine kleine Kehle zerquetschen!", sagte er fröhlich, während der Barbar röchelnd auf dem Boden lag.

"Was wollt ihr von uns? Was zur Hölle seid ihr eigentlich?", fragte der Ritter.

"Was ich bin, möchtet ihr wissen?", sagte er und grinste noch breiter.

Dann begann er wieder zu glühen und seine Gestalt veränderte sich. Sie wuchs und wuchs, bis wieder die gigantische Statur des Drachen den Raum ausfüllte. Die drei Abenteurer legten die Köpfe in den Nacken und staunten.

Saladrex hob den Fuß an – die rote Masse darunter war anscheinend mal der Oberkörper des Hünen gewesen.

"Oh, Verzeihung! Den hab ich ja ganz vergessen!", sagte Saladrex sarkastisch.

Elyssa betrachtete dies alles mit Entsetzen, doch erneut zwang sie sich, ruhig zu bleiben. Das Einzige, was sie damit erreichte, war, dass ihr schlecht wurde.

Sie sah nun, wie die andere Frau etwas murmelte, während der Ritter angespannt und mit dem Schwert auf den Drachen gerichtet, langsam zurück wich.

"Ihr wurdet also aus einem der Dörfer geschickt! Was dachtet ihr? Das ihr hier einfach rein spazieren und mal eben einen Drachen umbringen könnt?", sagte Saladrex mit einem wütenden Grollen, "Ich verbrenne euch zu Asche. Ich zermalme euch unter meinen Füßen. Ich verschlinge euch bei lebendigem Leibe. Ich lösche euer Lebenslicht mit einer Handbewegung aus – und ihr denkt, ihr könntet mich töten? Ihr seid wahrlich die naivste und dümmste Rasse die diese Welt je hervor gebracht hat! Ich frage mich, wie ihr es so weit bringen konntet!", donnerte die Stimme des Drachen durch die Halle. Dann schüttelte den Kopf, wie ein Vater, der seinen Sohn tadelt und spie einen Feuerstrahl in Richtung der Schatten rechts von ihm. In dem Licht konnte sie noch den vermummten Mann ausmachen, der dort mit Pfeil und Bogen stand und wahrscheinlich gerade auf Saladrex‘ Kopf zielte. Danach war da kein Mann mehr.

Als er sich den beiden übrig gebliebenen Menschen zuwandte, rief der Ritter: "Jetzt reicht es mir! Ihr werdet nicht weiter unschuldige Menschen umbringen, Biest! Ihr werdet hier und jetzt sterben!"

Der Drache lachte laut auf, so laut, dass der Boden zu erzittern schien.

"Ich habe den Großteil eurer Gruppe vernichtet, als wären sie Fliegen! Was wollt ihr jetzt noch gegen mich unternehmen? Mich mit dieser Nadel dort kitzeln? Ah, ich hab es! Ihr wollt mich mit eurer naiv-heroischen Art zu Tode amüsieren! Gewieft, gewieft, doch eure Rechnung geht nicht ganz auf, Ritterchen!"

Das machte den Menschen so wütend, dass er unter seiner Rüstung puterrot anlief und mit einem Kampfschrei und mit vor sich gerichtetem Schwert nach vorne stürmte. Der Drache nahm fing ihn einfach mit einer seiner Klauen ab und hob ihn hoch, während der Ritter nur wütend schrie, strampelte und mit dem Schwert nach den gepanzerten Schuppen des Drachen schlug. Dieser nahm die andere Klaue und schnippte ihm das Schwert einfach aus der Hand. Die junge Frau, die die ganze Zeit nur vor sich hin gemurmelt hatte, schrie nun "NEIN!" und streckte die Hände ruckartig von sich, auf den Drachen zeigend. Aus ihren Fingerspitzen schossen rote Energiekugeln, die Saladrex am gesamten Körper trafen. Der Drache sah an sich herab – kein einziger der Energiebälle hatte auch nur einen Kratzer hinterlassen.

"Ist das alles, Magierin?", fragte er ungläubig. Dann bewegte er sich auf die junge Frau zu und hielt die Klaue mit dem immer noch zappelnden und schreienden Ritter direkt über sie. Dann presste er seine Krallen zusammen und ließ einen blutigen Regen auf die Zauberin hinunterprasseln. Der Ritter starb mit einem unmenschlichem Gurgeln.

Elyssa wandte ihren Blick ab.

Die vor Blut triefende Magierin begann jetzt unartikuliert zu schreien und lief los, in Richtung Ausgang. Der Drachenschwanz zuckte blitzschnell hervor, wand sich um ihre Füße und riss sie zu Boden, direkt vor Elyssa.

Die Frau, sie musste genauso alt sein wie Elyssa selbst, sah zu ihr auf und flüsterte: "Hilf mir…bitte! Bitte hilf mir!"

Doch Elyssa neigte nur den Kopf nach unten und schloss die Augen.

Saladrex zog die Zauberin nun zurück und hob sie in die Luft. Dann ließ er seinen Schwanz mit aller Wucht auf den Boden peitschen.

Das abartige Geräusch, das es beim Aufprall gab, verdrehte Elyssa den Magen, doch sie unterdrückte den Brechreiz und hielt ihre Augen geschlossen.

Als sie ihren Körper wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte, machte sie die Augen wieder auf. Ein Bild des Grauens offenbarte sich ihr: Überall war Blut, Blut und nochmals Blut – die Leichen der Abenteurer waren bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Elyssa verlor die Kontrolle über sich selbst. Sie fiel auf die Knie, beugte sich vornüber und übergab sich auf den blutigen Boden der Halle.

"Dir ist klar, dass du das alles nachher wegräumen darfst?", sagte der Drache Nase rümpfend.

Elyssa sah sich nochmals um und sagte leise, mehr zu sich selbst: "Diese Boshaftigkeit… Diese sinnlose Boshaftigkeit…"

Saladrex hatte es trotzdem gehört.

"Boshaftigkeit? Du bist also der Meinung ich handele so, weil ich von Grund auf böse bin!? Weißt du was? Ich bin gar nicht der "Böse"! Diese fünf Menschen hier waren es, schließlich wollten sie mich umbringen!"

Wut kochte in ihr hoch. Wut über den Drachen. Wut über seine grausamen Taten. Wut über sich selbst. Sie schrie ihn an: "Aber sie hatten nie eine Chance gegen euch, ihr habt sie abgeschlachtet wie Tiere!"

Zuerst sah er sie nur ungläubig an. Dieser kleine Mensch wagte es doch, ihn anzuschreien! Dann lachte er und sagte mit schief gelegtem Kopf: "Sie waren ja auch die Bösen. Und die Bösen verdienen deiner Meinung nach doch auch immer einen schrecklichen Tod oder?"

Elyssas Wut war noch immer nicht abgebaut und sie schrie weiter: "Ihr terrorisiert die Bevölkerung hier, ihr schlachtet wehrlose Bürger ab, ihr bringt meinen Vater um und sagt dann noch, dass diese Taten gut sind? Seid ihr wahnsinnig?"

Jetzt legte Saladrex den Kopf in den Nacken und lachte so laut, dass die gesamte Höhle wirklich erbebte: "Ha! Du hast Mut, Winzling! Das gefällt mir! Noch nie zuvor hat jemand gewagt, mich so anzuschreien und überlebt."

Da wurde Elyssa bewusst, was sie gerade getan hatte. Sie neigte den Kopf und murmelte: "Vezeiht, Herr!"

"Oh, nein, jetzt fang nicht wieder mit diesem Rumgeschleime an! Das ist so langweilig! Wenn du so offen bist, wie du eben warst, gefällst du mir gleich viel besser. Das heißt jetzt aber bitte nicht, dass du mir ins Gesicht sagen kannst, was du willst!"

Sie konnte es kaum fassen. Indem sie ihre eigenen Gesetze gebrochen hatte, erlangte sie ein wenig Vertrauen von ihm. Er fuhr fort: "Was ich dir gerade versucht habe klar zu machen, war, dass die Handlungen, die ich ausführe, für mich natürlich "gut" sind, während alle, die mir etwas anhaben wollen, "böse" sind. Verstanden?"

"Ja, Herr."

"Und was will ich dir damit sagen? Überlege gut!"

Elyssa dachte nach.

Was sollte das sein? Eine Prüfung? Was würde er machen, wenn sie falsch antwortete?

Schließlich entschied sie sich zu einer Antwort: "Ihr wollt mir damit sagen, dass es kein Gut und kein Böse gibt. Es gibt nur verschiedene Ansichten einer Sache."

Der Drache sah ihr direkt in die Augen. Doch diesmal war es nicht das endlose Mustern der letzten Wochen, dieses Mal ging es tiefer. Es war, als suchte er etwas in ihrer Seele, einen Fleck, von dem nicht mal mehr sie etwas wusste. Sie war auch nicht in der Lage, wegzusehen. Sie klebte an seinem Blick, als ob ein magischer Bann diesen Kontakt aufrecht erhalten würde. Irgendwann sagte er dann: "Das war genau die richtige Antwort. Du bist gar nicht mal so dumm, Elyssa. Aus dir lässt sich noch etwas machen! Lassen wir diese Sklavenarbeit für dich. Du wirst zwar weiter hier bei mir bleiben, aber ich habe etwas anderes mit dir vor…"

Elyssa schluckte. Was sollte das? Was hatte er vor? Sie fragte ihn.

"Das wirst du schon sehen. Es wird auf jeden Fall besser werden, als dass, was du in der letzten Zeit für mich getan hast.", war seine Antwort, "Die Putzarbeiten können auch die Orks übernehmen."

Elyssa sah sich in dem blutigen Raum noch einmal um.

"War das alles nötig? Warum mussten sie alle so sinnlos sterben?"

"Sinnlos? Wieso sinnlos? Und wenn ihr Tod sinnlos war, was für einen Sinn hatte dann ihr Leben?"

"Auf keinen Fall war der Sinn ihres Lebens von einem vergnügungssüchtigen roten Drachen abgeschlachtet zu werden!", antwortete sie scharf.

"Woher willst du das wissen, Elyssa? Vielleicht war ja gerade das der Sinn?! Du kannst es nicht sagen, ich kann es nicht sagen, es ist so geschehen und dabei wird es auch bleiben. Und frage nicht mehr nach dem Sinn, du wirst ihn nämlich nie finden! Wir Drachen haben schon vor Jahrtausenden damit aufgehört. Auch wir sind damals immer wieder gegen die Mauer namens Philosophie gerannt, um den Sinn des Ganzen dahinter zu finden. Glaube mir, diese Mauer steht fest und unzerstörbar."

Saladrex hatte Recht. Es war geschehen und damit hatte es sich. Es würde keinen Sinn machen, nach dem Sinn zu fragen. Wenn sich intelligente Wesen schon seit Jahrtausenden mit dem Problem befassten und noch immer keine Antwort gefunden hatten, wie sollte sie da eine finden?

"Auf jeden Fall zieht diese Aktion nun Konsequenzen für die Bewohner einiger Dörfer hier mit sich. So etwas darf ich natürlich nicht ungestraft lassen!", fuhr er fort.

"Lasst die Dorfbewohner aus dem Spiel! Woher wollt ihr wissen, dass sie die Abenteurer angeheuert haben? Ich bitte euch, tötet nicht noch mehr unschuldige Menschen!"

"Unschuldig! Diese 5 hier waren es wohl kaum! Und nenne mir einen Dorfbewohner, der keinen Hass gegen mich empfindet!", antwortete er ihr.

"Wartet bitte ab! Sollten es wirklich die Dörfler hier gewesen sein, werden in ein paar Wochen oder Monaten noch weitere Abenteurer kommen. Sollte dies geschehen, habt ihr die Gewissheit, dass die Dorfbewohner es waren – wenn nicht, hat euch diese Gruppe hier zufällig gefunden!"

Elyssa sah Saladrex an und hoffte. Saladrex sah zurück und wog prüfend seinen Kopf hin und her. Dann sagte er mit väterlich tadelnder Stimme: "Die Antwort ist nicht ganz logisch, meine kleine Elyssa! Die fünf Menschen wussten von mir. Und sie wussten, dass ich hier im Berg wohne. Niemand besteigt einfach so ohne Grund einen Berg – obwohl, euch Menschen kann man ja alles zutrauen… Dennoch werde ich die Dorfbewohner nicht bestrafen. Das kostet nur Zeit und Energie! Und außerdem hast du Recht, sie werden bald weitere Abenteurer schicken…"

Den letzten Satz sagte er mit einem Unterton, der ihr sagte, dass das hier nicht das letzte Gemetzel gewesen war, was sie mit ansehen musste.

Er rieb sich mit seiner riesigen Hand das Kinn und sah sie weiterhin an. Es kam ihr vor, als wäre er in letzter Zeit nur am Nachdenken – am Nachdenken über sie!

Jetzt schien er Selbstgespräche zu führen: "Nein, das geht nicht hier, das muss ich woanders überdenken! Elyssa, mach das hier sauber, solange ich weg bin! Ja, ich weiß, dass ich gesagt habe, du müsstest das nicht mehr machen. Es wird auch das letzte Mal sein – glaube ich…"

So ganz in Gedanken versunken drehte er sich um, flog weg und ließ sie in der blutigen Halle alleine zurück.

Sein Verhalten war undurchsichtiger als ein dicker Nebelschleier. Vor ein paar Wochen sah es noch so aus, als würde er sie hassen und jetzt… Hegte er nun etwa Sympathien für sie? Oder hatte er etwas anderes mit ihr vor? Egal, was es war, es würde sie nicht von ihren Plänen abhalten…

Sie seufzte und machte sich an die Arbeit.

Und die Zeit vergeht…

Elyssa hatte sich nicht getäuscht. Saladrex verhielt sich besser zu ihr. Sie musste viel seltener anstrengende Arbeiten erledigen und wurde von ihm auch sonst besser behandelt. Er unterhielt sich auch öfters mit ihr – meist ging es um die Menschen, ihre Verhaltens- und Lebensweisen. Obwohl er Menschen anscheinend immer noch verabscheute, zeigte er sich doch sehr interessiert darüber, was diese in seinen Augen minderwertige Spezies antrieb, Städte zu bauen, Handel zu führen und mit einer derartig kurzen Lebensspanne glücklich leben zu können.

Elyssa wusste nicht, ob sie nur eine Informationsquelle für ihn und ebenso "minderwertig" war, wie der Rest der Menschheit oder ob sie für den Drachen etwas Besonderes darstellte.

Der Antwort auf diese Frage kam sie ein wenig näher, als Saladrex sie ein paar Tage später auf den Gipfel des Schneedolches flog. Sie hatte sich das Fliegen immer als wunderschön vorgestellt und als ein Gefühl absoluter Freiheit – es war kalt und unangenehm. Wäre Saladrex‘ Körper nicht so warm gewesen, wäre sie wahrscheinlich erfroren. Dass er einen normalen Menschen niemals auf sich hätte fliegen lassen, da war sie sich sicher. Irgend etwas unterschied sie also von den anderen…

Das wurde in den nächsten Tagen nur noch deutlicher. Nachts durfte sie jetzt sogar an ihn angelehnt schlafen. Für seine Körperwärme war sie angesichts der aufkommenden winterlichen Kälte nur dankbar.

Und dann begann er eine Art Unterricht mit ihr. Er nahm sie mit auf den Gipfel des Berges und in die umliegenden Wälder und schulte sie anhand von Konzentrationsübungen, ihre Sinne besser zu nutzen und ihre Umgebung deutlicher wahrzunehmen. Es war unglaublich: Sie sah, hörte und roch viel besser, als es vorher der Fall gewesen war.

Ebenso lehrte er sie den Umgang mit Pfeil und Bogen. Mit ihren neuen Sinnen brauchte sie nur wenige Monate, um so gut zu werden, wie ein Meisterschütze, der sein ganzes Leben lang trainiert hatte. Saladrex ließ sie sogar alleine in die Wälder auf Jagd gehen. Es wäre für sie die perfekte Gelegenheit gewesen, zu fliehen – doch sie tat es nicht.

Denn ihr Hassgefühl gegen den Drachen wurde mit der Zeit von wachsender Zuneigung zu ihm abgelöst, was in ihr einen Konflikt schaffte, der sie völlig verzweifeln ließ: Sollte sie Saladrex ob der Ermordung ihres Vaters hassen oder ihn wegen den phantastischen Fähigkeiten, die er sie lehrte, lieben?

Elyssa hatte noch in einem weiteren Punkt Recht gehabt: Es kamen immer wieder Abenteurer in Saladrex‘ Höhle. Und er tötete sie alle. Doch…Elyssa gewöhnte sich an die blutigen Gemetzel, die der Drache immer wieder unter den Abenteurern anstellte, was in ihr die Frage aufwarf: Verändert mich Saladrex so sehr, dass auch ich bald zu einem blutrünstigen Monster wie er werde?

Und diese Frage brachte sie auf eine Idee: Wenn er sie verändern konnte, warum sollte es nicht auch anders herum funktionieren? Sie beschloss, ihre Pläne für Saladrex zu ändern…

Eines Tages kam ein weiterer Drachentöter – einer von den Idioten, die sich an die berühmten Sagen hielten und versuchten, den Drachen alleine in einem heldenhaften Kampf umzubringen. Er hatte eine gold schimmernde Rüstung an und eine lange Lanze dabei. Er wäre wahrscheinlich schon an Saladrex‘ Orksippe gescheitert, hätte der Drache nicht den Befehl erteilt, sämtliche Abenteurer unverletzt zu ihm durchkommen zu lassen.

Er wird ihn in seiner eigenen Rüstung braten, war ihr Gedanke, als sie den Mann sah.

Sie hatte richtig gedacht. Saladrex holte wie immer vor dem Feuerspeien tief Luft und spuckte dem armen Mann dann die weiß glühende Flamme entgegen. Als das helle Licht verschwand, erwartete sie, nur noch ein Häufchen Asche zu sehen, doch der Mann stand immer noch da, als ob nur ein warmes Lüftchen ihn gestreift hätte. Er rief: "Ha, Wurm! So einfach werdet ihr mich nicht besiegen! Eure miesen Drachentricks werden eure schuppige Haut nicht beschützen können!"

Elyssa kam es vor, als hätte sie so etwas schon einmal gehört…richtig, alle Abenteurer ließen solche Sprüche ab – bevor sie starben.

Saladrex antwortete: "Oh, ihr seid einer von denen, die so magischen Krimskrams mit sich rumschleppen?", er seufzte, "Das verdient natürlich eine Sonderbehandlung!"

Sein Schwanz zuckte vor, um sich um die Füße des Mannes zu wickeln, doch dieser sprang schneller, als man es von ihm in dieser schweren Rüstung vermutet hätte, nach hinten, um dann sofort mit nach vorne gerichteter Lanze auf den Drachen zu zu stürmen. Kurz vor dem Aufprall warf er sich jedoch zur Seite – da, wo er in einer Sekunde gewesen wäre, prallten Saladrex‘ Kiefer aufeinander -, zog die Lanze über den Körper des Drachen und verursachte eine klaffende Wunde, aus der heißes, rotes Drachenblut quoll. Saladrex schrie auf – so etwas hatte ihm noch keiner der Abenteurer zugefügt. In seiner Wut hieb er nun nach dem Menschen und schleuderte seine Lanze beiseite, so dass dieser nun hilflos vor einem vor Zorn kochenden Drachen stand. Saladrex nahm den Mann in eine Klaue und hob ihn an.

Jetzt war der Zeitpunkt gekommen.

"Saladrex, wartet!", rief sie.

Der Kopf des Drachen fuhr herum und seine Augen funkelten sie wütend an. "Was?", sagte er knapp.

Die folgenden Worte hatte sie sich gut überlegt und lange vorbereitet: "Wisst ihr, was wahre Macht ist, Saladrex?"

Er schien verwirrt: "Was soll das? Worauf willst du hinaus?"

"Ich möchte, dass ihr diesen Menschen am Leben lasst!"

"WAS? Willst du, dass er das Werk, was er hier begonnen hat vollendet?", er deutete auf seine Wunde, "Und was hat das mit deiner Frage zu tun?"

"Ich will nicht, dass er euch tötet. Doch beantwortet mir meine Frage doch bitte!"

Saladrex sah sie zuerst mit zusammengekniffenen Augen an. Dann sagte er: "Macht ist, töten zu können. Macht ist, Leben nach Belieben nehmen zu können."

Es war genau die Antwort, die sie erwartet hatte.

"Gut, das mag Macht sein. Doch ist diese Macht nicht viel besser eingesetzt, wenn man keinen Gebrauch von ihr macht?"

"Wie meinst du das?"

"Wenn ihr diesen Menschen am Leben lasst, beweist ihr viel mehr Größe, als wenn ihr ihn töten würdet. Und nebenbei, ist es nicht viel lustiger, diesen Narren in aller Öffentlichkeit zu demütigen? Schließlich sollen die Leute sehen, was ihr machen könntet, dann haben sie viel mehr Angst vor euch!"

Saladrex sah sie schief an. Dann lachte er laut auf, stellte den Mann, der die Unterhaltung mit leichenblassem Gesicht verfolgt hatte, auf die Füße und sagte zu ihm: "Zieh dir die Rüstung aus oder ich vergesse den Ratschlag dieser jungen Lady hier ganz schnell!"

Der Mann tat, wie der Drache ihm gesagt hatte und stand dann in normalen Ledersachen zitternd vor Saladrex, zahlreiche Rüstungsteile um sich herum liegend.

Dann spie der Drache Feuer. Der Mann hatte nicht einmal mehr Zeit zum Schreien gehabt.

Elyssa senkte den Blick – es hatte also keinen Sinn…

Als die Flamme aus Saladrex‘ Maul vergangen war stand der Mann aber immer noch da – splitternackt, zitternd und noch bleicher als zuvor! Und Saladrex lachte sich halb tot.

"Ha! Das wird lustig, Elyssa!", mit diesen Worten schnappte er sich den nackten Mann und flog aus seiner Höhle hinaus.

Nach einer Weile kam er wieder, lachend und kichernd wie ein kleines Mädchen.

"Eine großartige Idee, Elyssa! Ich hab den Typen auf dem Marktplatz von Valyris ausgesetzt, so nackt wie er war. Wie die Leute geglotzt haben!"

Sie lächelte ihn an. Und er lächelte zurück.

Ein paar Tage später durfte sie das erste Mal alleine nach Valyris gehen. Es musste jetzt zwei Jahre her sein, seit sie das letzte Mal in einer größeren Menschenansammlung gestanden hatte. Doch das war ein anderes Leben gewesen… Jetzt stand sie mitten auf dem großen Marktplatz und ließ die Gerüche, die Geräusche und die regen Wortwechsel zwischen Händlern und Kunden auf sich einströmen. Doch wie sie sich die Waren auf den Ständen der Händler ansah, so bemerkte sie auch Gespräche hinter ihrem Rücken: "Dieses Mädchen hier hab ich noch nie gesehen!", "Wer ist sie?", "Wo kommt sie her?", "Du, dieses Mädchen ist mir irgendwie unheimlich…"

So, wie sie einst Saladrex‘ Menschengestalt als unheimlich empfunden hatte?

Auf einmal ertönte neben ihr ein Schrei. Als sie den Kopf drehte, entdeckte sie den Mann, den Saladrex verschont hatte. Auf dem gesamten Marktplatz kehrte Ruhe ein. Alle sahen auf den Mann.

"Sie da! Dieses Mädchen da ist die, von der ich euch erzählt habe! Sie steht mit dem Drachen im Bunde, diese Hexe!", schrie er und deutete mit dem Finger auf sie.

Nun waren alle Blicke auf Elyssa gerichtet – und nur wenige von ihnen ließen Gutes ahnen.

Ein Gemurmel setzte in der Menge ein, welches hauptsächlich aus Worten wie "Hexe!" und "Verräterin!" bestand. Diese Leute hatten sie noch nie vorher gesehen, was stachelte sie an, so über sie zu denken?

Der Mann schrie weiter: "Ich sage: Lasst uns sie umbringen! Lasst uns Rache üben an dem Drachen, der uns schon so lange terrorisiert!"

Das Gemurmel wurde lauter. Einige Leute schrien "Verbrennt sie!" und "Tötet sie!".

Kalte Angst kroch Elyssas Nacken hoch. Diese Leute würden sie umbringen, wenn sie nur wütend genug waren, daran bestand kein Zweifel – und die Wut der Menge kochte langsam über.

Verzweifelt sah sie den Mann an und rief: "Aber ich habe euch das Leben gerettet!"

Der Mann kam näher und blickte ihr mit hasserfüllten Augen ins Gesicht. Dann sagte er: "Vor allem habt ihr mir eine Schande fürs Leben bereitet!"

Und er packte sie, stieß sie zu Boden und zog ein Messer. Doch auf einmal kehrte Ruhe auf dem Platz ein. Ein großer Schatten legte sich über den Mann. Eine Stimme ertönte: "So gehst du also mit meiner Gnade um, Menschlein?"

Die Hand des Mannes begann zu zittern. Er ließ das Messer fallen und drehte sich langsam um. Hinter ihm stand Saladrex hoch aufgerichtet wie ein Turm und mit einer Wut in den Augen, wie sie es wirklich noch nie gesehen hatte. Sein Zorn schien beinahe Substanz zu gewinnen und die Luft wurde so dick, dass es schwer fiel, sie zu atmen.

Saladrex‘ Zorn brauchte ein Ventil.

Und er fand es in dem Drachentöter.

Saladrex brüllte auf, packte ihn mit beiden Klauen und zerriss ihn. Er zerfetzte ihn regelrecht und zerstreute seine Einzelteile über die nun in Panik ausbrechende Menge. Als es nichts mehr von dem Mann gab, was groß genug zum Zerfetzen war, fiel sein Blick auf Elyssa. Er senkte seinen Hals.

"Steig auf!"

"Saladrex…"

"STEIG AUF HABE ICH GESAGT!"

Sie setzte sich auf seinen Nacken und hielt sich an seinen beiden Hörnern fest. Mit einem kräftigen Stoß hob der Drache von der Erde ab und flog weg. Elyssa drehte sich um und sah, wie einige der Bürger auf dem Marktplatz standen und ihnen nachsahen.

Als das Dorf außer Sichtweite war und sich nur noch grüner Wald unter ihnen erstreckte, wollte sie "Danke!" sagen, doch der Drache drehte auf einmal um und glitt dicht über die Baumkronen hinweg in die Richtung aus der sie kamen. Elyssa erkannte, was er vor hatte.

"Saladrex, bitte nicht!"

"Halt die Klappe!", war seine barsche Antwort.

Die Dörfler sahen ihn erst, als er schon auf dem Marktplatz landete und einen Teil der Menge unter sich begrub. Und dann verfiel Saladrex in eine blutige Raserei, gegen die seine Gewalttaten von vorher verblassten wie eine Kerze angesichts einer Supernova.

Er hieb mit den Klauen nach rechts und links, sein Schwanz zuckte hin und her und sein Flammenodem fegte durch die Straßen. Menschen wurden zerrissen, zertrümmert, verbrannt, zertrampelt, zerquetscht. Und Elyssa saß auf dem Drachen, wie eine Reiterin auf einem gigantischen Ross und sah alles mit an.

Dabei gelangte sie zu folgender Erkenntnis: Du kannst einen Drachen nicht verändern, Elyssa!

Zum Schluss war das Dorf nur noch eine Ruine aus Blut, Eingeweiden und Asche gewesen – das größte Dorf im Umkreis, binnen weniger Minuten dem Erdboden gleich gemacht.

Sie waren zu seiner Höhle zurück gekehrt. Saladrex Raserei hatte sich gelegt. Sie sahen sich lange und traurig in die Augen. Saladrex sprach als erster: "Da war ein Fehler in deiner Aussage letztens: Die Menschen sind zu dumm, um zu sehen, was ich machen könnte! Sie sehen nur das, was ich tue!"

Sie schwieg – denn er hatte Recht.

Er fuhr fort: "Du hast mir in den letzten zwei Jahren gut gedient. Ich schenke dir hiermit deine Freiheit. Verlasse mein Reich und lebe wo und wie es dir gefällt. Solltest du danach je die Grenzen meines Reiches wieder überschreiten, werde ich dich töten!"

Elyssa stand da und sah ihn weiterhin an.

"Warum?", fragte sie ihn wispernd. Ein Warum, dass für alles galt, was er in den letzten zwei Jahren mit ihr getan hatte, nicht nur für das, was er gerade gesagt hatte. Die ultimative Frage, auf die es keine Antwort gab…

"Geh!"

Sie ging.

Und die Zeit vergeht…

Nachdem sie gegangen war, merkte sie, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. 2 Jahre lang war sie die Sklavin des Drachen gewesen, der ihren Vater getötet hatte. Jetzt hatte er sie frei gelassen und sie weinte! Warum hatte er sie so plötzlich entlassen?

Nachdem sie die Ländereien, die um den Schneedolch lagen, verlassen hatte, streifte sie immer noch lange durch die Wälder und hielt sich mit dem Jagen über Wasser. Saladrex hatte ihr noch ein wenig Gold und ihren Bogen zukommen lassen. Ansonsten wäre sie in der Wildnis wahrscheinlich gestorben. Von Menschensiedlungen hielt sie sich fern. Die Kunde, dass ein junges Mädchen das Drachen beherrschte, auf ihnen ritt und die Länder terrorisierte, hatte sich bereits weit verbreitet und fremde Mädchen, die alleine durch die umliegenden Wälder streiften wurden sehr misstrauisch beobachtet.

In ihr war eine schwarze, unendlich große Leere. Sie war von Menschen und Drachen verstoßen worden und wusste nicht, an wen sie sich wenden sollte. Um ihrem Leben wenigstens einen kleinen Sinn zu geben, beschloss sie, einen Plan zu Ende zu führen, den sie schon vor langer Zeit geschmiedet hatte…

An ein Schwert zu kommen, war kein großes Problem. Die Schmiede verhielt sich zwar ebenso abweisend wie alle anderen, doch wenn man mit klingender Münze zahlte, machten sie keine großen Aufstände.

Mit Schwert und Bogen machte sie sich auf den Weg…

"Du bist zurück gekommen.", sagte Saladrex, als sie mit gezücktem Schwert seine Halle betrat. "Warum? Um mich zu töten? Oder um meine Entscheidung, mich von dir zu trennen, rückgängig zu machen? Weißt du, kurz vor unserer Trennung hattest du eine sehr richtige Erkenntnis: Man kann Drachen nicht verändern! Denkst du, du kannst meine Entscheidung jetzt noch verändern?", sagte er.

Sie blieb stehen. Sie hatte diesen Gedanken damals nicht laut ausgesprochen… Woher wusste er davon?

"Woher ich davon weiß, fragst du dich? Oh, ich weiß noch viel mehr, Elyssa…"

Es traf sie wie der Schlag. Eine weitere Erkenntnis bildete sich in ihrem Kopf wie eine dunkle Gewitterwolke, die langsam heranzieht. Sie dachte: Ihr könnt meine Gedanken lesen?

Saladrex nickte.

"Dann wisst ihr also auch…", begann sie, wurde aber von Saladrex unterbrochen: "Ja, seitdem du das erste Mal den Gedanken gefasst hast, mich zu töten, weiß ich davon, Elyssa. Und ich habe alle deine lüsternen Visionen, die meinen Tod betrafen, mit angesehen… Warum ich dich nicht gleich getötet habe? Du stelltest keine Bedrohung für mich dar! Außerdem verzehrtest du dich so sehr in deinem Hass auf mich, dass ich ein Experiment wagen wollte: Ich wollte versuchen, dir diesen Hass auszutreiben. Zunächst habe ich dich noch mehr provoziert, den Hass gegen mich geschürt. Doch dann wollte ich versuchen, dich umzustimmen, dir deinen Hass auf mich zu nehmen. Nun, es ist mir gelungen… Doch ich konnte nicht wissen, dass es so weit kommen würde…"

Das war es? DAS war der Grund seiner Nettigkeit gewesen? Tränen stiegen ihr in die Augen.

Die ganze Zeit über hatte sich etwas in ihr geregt, etwas, was sie zunächst nicht wahr haben wollte, etwas, was sie nicht glauben konnte. Etwas, was unmöglich war. Sie sprach es aus: "Ich…ich liebe euch, Saladrex!"

Stille. Er sah sie mit seinen gelben Drachenaugen lange an. Dann sagte er: "Mir ging es genauso, Elyssa! Mit der Zeit habe auch ich gelernt, dich zu lieben. Ich konnte es nicht fassen, auch ich hielt es nicht für möglich. Doch es ist geschehen. Und es ist nicht gut für uns beide! Wir können nicht zusammen leben, Elyssa!"

Wie Bäche rannen die Tränen nun über ihr Gesicht.

"Warum?", wieder stellte sie die Frage.

"Ich habe ein ganzes Dorf aus Liebe zu dir vernichtet Elyssa! Ich will deine Liebe nicht mehr! Und ich will dich nicht mehr lieben! Denn ich bin ein Drache und du bist ein Mensch. Wir passen nicht zusammen. Deshalb bitte ich dich: Geh! Geh, lebe dein eigenes Leben und mach es nicht nur noch schlimmer, Elyssa!"

Diese Worte trafen sie härter als alles, was er ihr je angetan hatte. Härter als der Tod ihres Vaters. Härter als ihr erster Abschied von ihm. Denn dieses Mal war sie sich ihrer Liebe zu ihm voll bewusst. Und er ebenfalls…

"Aber…ich kann so nicht leben!", schluchzte sie.

"Bitte…geh! Zwing mich nicht, dich zu zwingen!", sagte er traurig.

Sie schüttelte den Kopf, weinend und schluchzend.

"Nein!"

Dann nahm sie ihr Schwert, richtete seine Spitze auf ihre Brust und ließ sich vornüber fallen.

Das Letzte was sie sah, war der Schmerz in Saladrex‘ gelben Augen, als sie starb.

Saladrex stand fassungslos über der Leiche seiner Geliebten. Das Menschen zu so etwas fähig waren hatte er nicht gewusst – sich für die Liebe umzubringen… Er stand einfach nur da.

Minuten.

Stunden.

Eine große, glänzende Träne rann sein schuppiges Gesicht herab.

Er tat etwas, was schon seit Tausenden von Jahren kein roter Drache getan hatte: Er weinte.

Alchimisten, Magier, Könige, Fürsten, Händler und viele andere Menschen hätten sich für ein derartig seltenes magisches Utensil gegenseitig umgebracht.

Kriege und Schlimmeres wären um einen solchen Schatz geführt worden.

Die Träne fiel auf den Boden und zerplatzte.

Der alte, rote Drache weinte.

Denn er suchte nach dem Sinn.

Es gab keinen Sinn!

Written by Der Doktor

Beitrag weiterempfehlen:

Dragonslayer (Bent Lorent)

Dragonslayer

By Bent Lorentzen

She stole into the dark forest, crying as she went, and did not heed the gathering gloom of dusk. Soon, she had gone so deep into the woods that thorns reached out to her like the claws of that legendary dragon her father was said to have slain shortly after her birth. Ragged, weary, and bloodied, she settled upon a rocky outcropping from which nothing grew and the emerging stars began to twinkle through a rosy sunset.

She sat upon a still-warm stone and pulled her knees to her breasts, and began to cry again. From out of a dark cave unseen to her, the two eyes of a creature gazed upon the long, dark, leaf-tangled mess of hair that draped over the beautiful girl. Awful memories just out of thought’s grasp licked at his mind as he silently watched her sob far into the night. He never once blinked, daring not to lose a single moment of her beauty, phantomlike though it was in the deepening cold of starlight.

A pool of tears grew by her feet until she finally sobbed her final hiccup and gently whisked away the mist in her large, brown eyes. The stark outline of piny treetops encircled her dome of stars. She slowly let herself lie back, unheeding of the cold and wetness of her pool of tears, and cradled her head on the round stone by the hidden cave, and let herself be enchanted by the stillness all around and the twinkling stars above.

It was not long before the baying of three hound dogs in the far distance cut through the stillness. The creature within the cave witnessed her face grow dark with fear. But she did not rise.

„Dear God,“ she finally whispered in a voice that reminded the creature of a gentle spring breeze through young leaves, „I would give You anything to be free of him.“

The creature was at first frightened by her voice, and then became even more frightened when words came into his mind that demanded expression. „Little girl,“ said the creature with a reedy voice, „who gives you such great fear that you would give anything to be free of him?“ The voice, having echoed out of the cave, sounded much deeper than was real. The girl closed her eyes, thinking the stars had spoken to her, and hearing as well the approach of her father’s dogs.

„My father, who rules all these lands, has kept me locked in his castle since my birth eighteen years ago. In all these years I have never set foot in the green forest, save in my imagination as I gazed down from a high window.“

The creature within the cave was again startled when human thoughts that needed to be spoken entered his mind. „Has your father perhaps not protected you from the dangers in these deep and dark woods whose only view you have had is that which has been reflected off the green canopy, which in fact perhaps keeps hidden old and deadly secrets?“

The girl had never thought of that before and opened her eyes. For the first time, the stars above seemed too far away for comfort, the ringlet of dark trees dangerously threatening, and the baying of the three hounds symbolic of her eighteen years of sheltered life. Her breathing came and went in uncontrollable gasps, like a doe felled by an archer’s arrow lying bleeding on the white snow. She had seen this happen once from her high window view of the world.

The creature within the cave now found words in his mind that didn’t seem so alien as he said, „Please, I did not mean to hurt you with such thoughts as my words have provoked.“

Her breathing quieted even as the dogs drew nearer. She asked to the stars above, „Are you, who are frightening and comforting all at once, the ones who, in concert, are speaking to me?“

„I wish perhaps I were. But, alas, I am but a small voice within–“

A large dog chose that moment to burst into the rocky clearing. The hound sensed her proximity but could not see where she lay still as the rocks around her. He opened his large mouth to bay to his master, when the voice from the cave barked a command the girl could not quite understand. The dog obeyed and lay down, silent except for his heavy breathing. In the distance approached two more dogs, each apparently larger than the first from the sound of their excited voices.

All the while, the girl pondered the creature’s last words. She remembered an old sermon from the gnarly-faced minister. He spoke of a huge God in Heaven who punished the wicked with eternal damnation in the bowels of Hell and rewarded the good with an everlasting life free of earthly gravity in Heaven. He had once told her, in answer to a question she had posed, that God’s voice spoke from deep within her heart of hearts. It seemed, at that moment as she reflected in the woods, that everything the frail, foul-smelling minister had ever said–and indeed, he had loved to speak for hours, quoting this and that verse–could be forgotten, except that one phrase.

„Are you God?“ asked the girl timidly, and once more allowing the tranquility of the jagged night to enter her.

The creature, again startled by thoughts that seemed to well from out of nowhere, said, „But you have not answered me. Why do you run from your father so?“

Suddenly it was as though her memory had been dashed. She could not remember why her father frightened her. Nor could she accurately remember how it was that she had first set foot into the forest. Her memory of things seemed to have begun in this rocky clearing and all else a vague sort of dream. She grew aware of the cold salty pool of her tears, her thickly tangled hair, and the blood-crusted scrapes upon her body.

Just then, the second dog crashed into the clearing and stumbled over her. He did not see her, but felt her beneath him, and was about to loudly bay to his master when the creature within the cave strangely barked an order for the dog to go lie next to his smaller brother. As if scolded, the larger dog whimpered as it crawled and lay next to the smaller dog–who actually was quite large by any standard.

The girl, having deeply pondered the last words spoken to her, said, „Is not the pain, blood, and tears on or about me come from my father?“

„It’s not polite to answer a question with a question,“ said the voice. „I ask again, why do you fear your father?“

A burst of anger erupted from her. „I demand to know who you are?“

„Ha!“ retorted the voice. „You demand!“

Again, the dome of stars grew chillingly distant, the gap between their flickerings and her filled with endless peril. The cold rocks, pool of tears, and now the air itself sapped what little warmth she had in her. It seemed that perhaps now she could die, as that doe she had seen from her window, and be forever rid of her shadowy fears.

„You wish to die?“ asked the creature, once more startled by words coming not from his mind. „You may, if that is your honest wish. But there is another way. But you must tell me why you fear your father, whom you say rules all that you know.“

With frustration, the girl said, „I don’t know why! In the castle I had food and warmth, I think. In the castle, perhaps, I had all that a girl could possibly have want for. But something in that castle larger than life itself, perhaps even larger than God, stifles me. Keeps me locked away from my deeper wants, and works to make me into the image of his wants.“

„Your father?“

„I don’t know. He is but a faceless shadow that rises taller than the castle, and clouds even the morning sun so bright. But whether he is my father or not does not matter if things are as my father says: That he rules all by a special right given to him by God.“

At that very moment, the third dog–the largest of all–exploded through the thicket into the clearing. The roar of his approach sounded like a tornado, his mad sniffling like a wet wind through a leafless tree. The girl let out a yelp before she could restrain herself. She had never been so close to her father’s largest dog, Dragonslayer. Huge as a horse, his face was a map of scars from a lifetime of battles with the fabled creatures of the forest. All white except for a triad of black marks on his muscular forehead, he was the very face of death. Yet the voice in the cave erupted with a bark that evoked from the mastiff a single whimper and he lumbered to his two smaller brothers and lay still.

„Are they,“ asked the voice in the cave, „the ones who frighten you?“

Her answer flowed from her mouth without thought. „No.“

„Do you truly wish to die?“

Her answer took longer. „Where would I go?

The creature seemed to laugh. „Another question to a question. But I will answer. You and I would then become the same, a voice without form.“

„I thought God was large.“

„God? Who is this God?“

The girl was puzzled beyond anything. „Why do I have to think of that? I ran from the castle to here. Now I can hear my father’s horsemen approaching yonder. I think I even see their torches glowing against the treetops. Please, take me away from all this to where You are.“

She waited for an answer. In the distance, the crashing of horses through the forest grew louder, as did the movement of much flickering reflected off the tops of distant trees. She tried moving an arm but found no strength to do so. The creature in the unseen cave saw her attempts to rise, and was startled again by thoughts that turned into a voice. „You already are where I am. But again, I ask, why do you run from a father who seems so devoted as to be seeking you like this?“

Her answer flowed unexpectedly again: „Because it must be his shadow that has no face at night and which blocks the morning sun when I awaken. –Why cannot I move my limbs? Why am I frozen into the earth like stone? Have I arrived at Hell?“

The smallest dog, himself as large as a deer but more muscular, began to growl. Then the middle dog, the size of a pony, growled. Finally, the one larger than any of her father’s steeds, growled deeply. The first of her father’s knights rushed into the clearing, setting it aglow with their many torches. The voice in the cave growled also, just once, and the three dogs rose and circled the girl, facing outward to the horsemen. They bared their teeth, saliva drooling, and growled threateningly. The girl again tried to rise but could not.

The voice said, „No, this is not Hell, though Hell is quite close by. And you cannot rise because you have sunk into the earth, filtered into the cold air, and have sought to join the distant stars.“

She tried to pay attention to the confusion of frightened horses bucking and heaving and the falling of the men, but she was more concerned with herself. As though from a great distance, she felt the barest ability to move a thumb. Oddest of all was that she could see herself, as from an altitude, and see as well the entry into the rocky knoll of her father. She heard him scream a command to his three dogs who stood guard by her prone body. It was seeing herself that evoked the greatest fear. „Where am I?“ she cried.

„Where your father would be most afraid to find you.“

„I demand to see you?“

There was a brief lull, even from the melee of horses and knights and their King, when the voice said, „Look by your head.“

She stared very hard, and in the light of the torches, saw a tiny cricket hop out from under a stone and walk over her wildly strewn hair. „That is you? An insect?“

„No! I am speaking from within you, as I already have said. Your spirit moved from your body as you lay, and slipped into the cricket giving him the voice of your conscience, and has slipped also into most of what you now behold, including the stars above.“

„We are one?“

„Perhaps. But only if you wish. But we must now take care of those who have gathered here. We cannot hold back many arrows should your father order his knights to kill his dogs.“

Something inside her clicked, actually made a snapping noise that seemed to have been felt where her neck ought to be, and she barked an order to the dogs. They rose. At the same moment she screamed in her loudest voice, a voice that boomed from every direction all at once: „Men, I am your worst nightmare! If you leave at once and never turn back even to peek I will spare your lives. Your King will not be so fortunate, nor will those lackeys who do not now depart!“

There was a scuffling of men mounting their steeds and rushing out even as their King shouted, „I will slay every cursed one of you who listens to this witch’s voice. Stay! I command it! Archers, I command that you pierce these cursed hounds of mine with arrows such that they tremble like dying porcupines. –You,“ he said to his sergeant-at-arms, „I believe I see my daughter between the dogs. Gather her up as soon as the dogs begin to bleed.“

But it was as though he had been talking to himself. The King found himself alone in the clearing. From everywhere, his daughter said, „Father, the days of you ordering everyone has drawn to a close as this dawn approaches. I give you but one choice. Be grateful; you never entertained me with any choice. Look up to these stars that are beginning to fade as the sun rises in the east, and beg for their mercy so as to save your soul. I haven’t much faith your body will survive. But you are quite used to ending the lives of innocent creatures so it should not come as a shock to see your own demise.“

Her father, now but the shadow of the great man he had led everyone to believe he was, cowered with her words. He looked all around but could not see who was speaking, though he did recognize his daughter’s voice. Yet, his daughter’s body lay as prone as it ever had lain in all the years he had crept into her locked room after she had swooned from the potion he gave her each evening.

„I…I have no son,“ stuttered the King. „And your mother died after childbirth. Let us end this complicity you have entered into with a witch, and return to our castle. When I die many years henceforth, you will inherit all these lands as Queen.“

„I am already that which you suggest I shall be in future years. But your end will come, in one way or another, before the sun sheds its first warming rays on your contemptible body. Do you not recognize this place which you have sought with such speed through the night?“

She watched as her father looked around. Fear exploded across his face. „It…it….“ He struggled to speak. „–Cannot be.“

„Yes,“ said she. „Here is where you murdered my mother in a fit of rage and lust after she had fled you. She, like me, found this place in the dead of night. But unlike her, I rose above it. No, there is no witch here. Nor was there ever a dragon such as you say you slew after it devoured my mother. Except that you are that dragon by having forced your largest dog to consume her remains. Now there is just you and me. You say your rights as King come from God. My rights come from an even higher authority. The God of your God, if you like. That God, like a stream forever flowing toward the ocean, always seeks to balance height with might, make right old wrongs, bring peace to tribulation, and destroys all that is unnatural along the way. Father, you are unnatural, and as such, I give you one chance to save your soul before eternal damnation. Look high to the stars and beg for forgiveness. Beg from the depth of your heart or I cannot save you from a worse death than the rotting of mortal flesh. I must hear you plead, not as reprisal to your deeds against my body and soul, but for you to connect again with the purity you once possessed as an infant. Surely all children enter the world with equal grace.“

Sadly, though not terribly so, she watched her father’s face turn angry. He picked up his fallen bow and made a motion to notch an arrow. But before he had anchored the drawn line to his cheek, she barked a command to the smallest dog there. Without a second thought, he lunged on her father and ravaged at his feet until they were mere bleeding stumps. She then barked an order to the dog. He quietly retreated, licking the blood from his chops.

Her father, now forever several inches shorter than his former stature, looked around in pain and bewilderment. He mumbled angry, then forlorn, words to his dog. „I am your master,“ she heard him say. „I am the one who has fed and sheltered and trained you. How dare you turn on me?“

„They,“ said his daughter, „are not yours to command. They are independent of you, now. Perhaps they sense that freedom for the first time ever.“ She grew pensively silent as she rose and drew near like the wind, and caressed the trees and saw the approach of dawn from the pink haze to the east. „You haven’t much time. You will never again see the sun, so I ask once more that you reach up to the stars with contrite heart and beg for forgiveness. By your deeds, you have violated the very stars that created the earth, and the star nearest to earth will not be made to suffer again by warming your disgusting body.“

Her father screamed an obscenity, saying, „How dare you speak to me as such! I am your father! I am King! God has placed me here to rule over all this.“ He reached for his sword at his side and raised it high. She barked another command.

Instantly, the middle sized dog simply reached down with his head and bit off the King’s offending arm and swallowed it whole, first spitting out the sword. Her father howled in pain. Above, the sun’s rose hues struck the pines‘ crowns.

„You have only a few moments, father,“ she said from everywhere. With the sun’s warmth on the air wherein she danced, she yearned for the beat of her own heart and to feel the sun’s glow on her skin.

Her father, weakened by massive blood loss, had fallen to his side. He looked to Dragonslayer and whispered an old command. The mastiff’s ears perked up at hearing the long forgotten command. But before he could carry out the King’s demand, he tuned his hairy white face skyward. The daughter gulped as only a spirit can, and with a voice as quiet as a breeze that doesn’t even move a blade of grass, made her wish known to the mastiff. Without hesitating, the dog opened his massive maw and inhaled her father, swallowing only once and then wincing as though having ingested something bitter.

„Don’t worry,“ she said to him. „In a day or so he will come out of you and will make some flies and worms in the soil quite happy. Your bowels shall be his Hell, though you will never suffer for it. And when he departs your bowels, your former master will enjoy the bowels of earth’s tiniest creatures until one day a tree pulls him up from the soil and he can again have his choice of begging the stars for forgiveness. Though, somehow I doubt he will do that until the very sun shall consume the earth and all creatures have departed for their place in God’s Heaven.“

With that, the sun crested over the trees and she felt herself gently flow into her body and sink into a comforting sleep. When she awakened, three large dogs sat waiting before her, and a cricket beneath the stone upon which she rested her head chirped. She smiled, and with her heart thanked the diminutive creature, and said to the dogs, „I think it’s time to return to my castle and put things in order.“

And you can well believe that she lived happily thereafter.

Authors note: This story is copyrighted ã1999-2003 and was first published by FABLES MAGAZINE at http://www.fables.org/ For further information, please contact author at dane@kabelnettet.dk or go to his website at www.denmark.gq.nu

Beitrag weiterempfehlen:

Drachenflug/Seelenflug (Karin Roth)

Hoch hinauf in den Himmel stieg sie mit starkem schlagen ihrer Blauen Schwingen.
Sie wollte den Wind fangen unter ihrem Körper und die Freiheit im Fluge erreichen.
Doch diesmal war es nicht so wie immer.
Irgendwie erschien ihr der Flug nicht so federleicht wie sonst.. ihre Schwingen taten sich schwer auf den Luftschichten zu tragen und sie mußte sich sehr mühen um in große Höhen zu gelangen.
Warum nur so dachte sie sich.. warum nur ist es so schwer..
Ich lasse doch nur diese Erde hinter mir und versuche den Himmel zu erlangen um meine Freiheit zu finden.

Erschöpft gab sie nach Stunden ihren beschwerlichen Flug auf und kehrte erschöpft vom Kampf mit den Winden zurück in ihre Höhle.
Stille erwartete sie .. Nebel stieg auf aus den Bergen in denen ihr Reich lag und sie lag sinnend auf ihrem Schlafplatz.

Warum nur.. so dachte sie immer wieder.. warum nur kann ich nicht mehr so leicht und schwerelos gleiten..
Warum ist es als ob eine Zentnerlast an meinen Flügeln kleben würde..
Warum nur ist mir die Freiheit des Himmels heute verwehrt geblieben..
So lag sie Stunde um Stunde und dachte nach..

In ihr Nachdenken mischte sich noch ein anderes Gefühl..
Ihr Drachenherz schmerzte sie..
es schmerzte aus Sehnsucht nach ihrem Gefährten der viele Flugstunden von ihr in seinem eigenen Reich lebte, und sie erinnerte sich an ihre Begegnung mit ihm.

Er.. dessen Gestalt in ihr Herz gebrannt war und dessen Wesen sie nicht zur Ruhe kommen ließ.
Lange Jahre war sie alleine auf den Winden geritten.. hatte alleine für sich und ihren Nachwuchs gesorgt .. hatte alleine den Schwierigkeiten des Überlebens getrotzt.

Doch nun… hatte sich ihr Drachenleben geändert.. vor einiger Zeit war sie wieder einmal auf den Winden geritten und erblickte in weiter Ferne ein Wesen wie sie selber eines war.
Einen Drachen im Fluge erblickte sie damals..
Kraftvoll schlug er seine dunklen Schwingen und kämpfte mit den Stürmen die über den Bergen tobten.
Sein Flug bezauberte ihren Freigeist und sie konnte den Blick nicht von ihm wenden.
Dunkle Schuppen glänzten  Malachitähnlich  in der Sonne und ließen seinen Drachenleib schimmern wie Tausende von Edelsteinen.
Der Kampf den er den Wind darbot erfreute ihren eigenen Willen und bestärkte sie in ihrem wollen diesen Drachen entgegen zu fliegen um ihn näher zu betrachten.
All ihren Mut nahm sie zusammen und erhob sich in den Horizont um dieses Exemplar ihrer eigenen Gattung kennenzulernen.

Sie stieg in kreisenden Bewegungen hinauf und lenkte ihren Flug langsam in seine Richtung..
DA..
er hatte sie bemerkt..
sein Flug wurde stockender..
seine Bewegungen langsamer
und er veränderte  seine Flugrichtung und bog ab in ihre Nähe.

Da bemerkte sie ein seltsames Gefühl in ihrem Körper..
Ihr Herz.. ein Drachenherz wohlgemerkt.. es fing an mit einer Macht zu pochen wie sie es niemals vorher bemerkte.
Ihre Schuppen schabten vor Nervosität gegeneinander und aus lauter Angst vor der Begegnung wollte sie schon abdrehen.
Doch nein..
Sie war ein Drache..
Drachen fürchten sich vor nichts versuchte sie sich einzureden und begann so zögerlich in seine Richtung zu fliegen.
Wenige Flügelschläge weiter trafen sich die beiden Wesen inmitten eines Sturmes der über den Bergen tobte.
Ein Blick in seine Drachenaugen.. dunkel.. geheimnisvoll und intelligent..
Und wieder begann ihr dummes Drachenherz laut gegen den starken Rippenbogen zu schlagen…
In diesem Moment wußte sie..
Erkannte sie was ihr hier geschah..
Erinnerte sie sich an ihre vorher gewesenen Leben

Die Legende hatte sie eingeholt..
Verlorene Drachenseelen hieß es da..
Zwei Drachen die verbunden waren durch einen Eid..
getrennt durch Menschenhand bis sie sich durch das Schicksal wieder vereinen ..
Seelen die alleine nicht komplett waren..
Sie hatte ihren Seelengefährten gefunden..

Und in seinen Augen erkannte sie..
Das auch er in diesem Momente sie wiedererkannte..
Er erkannte in ihr die Gefährtin die er einst verlor und glaubte es wäre für immer..

Es gab keine Worte… keine Berührung… kein äußerliches Zeichen..
Nur die Intensität der Blicke die ineinander tauchten..
Drachenauge in Drachenauge
Seele berührte Seele
Herz sah in Herz
und zusammen schwangen sie sich federleicht hinauf in die Lüfte,
tanzten auf den Winden und ließen die pure Lebensfreude des Fluges auf sich wirken.

Lange flogen sie gemeinsam dahin.. schwerelos wie Federn tauchten sie auf den Abwinden hinab.. um schnell wie ein Pfeil wieder auf den warmen Luftströmen hinauf zu steigen, der Sonne entgegen.
Windspielen gleich mit einer Leichtigkeit die aus dem Herzen kam berührten sie sich im Fluge..
Schuppen rieben sich am Horizont aneinander und erneuerten ohne Worte was dereinst zerbrochen wurde.

Stunde um Stunde ging der Tanz..
Stunde um Stunde erneuerten sie durch diesen Flug ihr Versprechen das sie sich einst gaben.
Zu Leben.. zu lieben.. füreinander da zu sein… für immer
Durch alle Leben hindurch und den Zeiten zu trotzen.

Irgendwann .. nach langer Zeit dann.. bog der Drache wieder ab..
Ein letzes Schlagen seiner Flügel.. ein Blick zurück.. und er flog wieder in seine Heimat die in weit entfernten Bergen lag.
Doch er hinterließ ihr ein Versprechen in ihrem Herzen.. das Versprechen auf ein baldiges Wiedersehen und eine erneute Vereinigung ihrer Seelen und Körper.

An all das dachte sie nun als sie einsam in ihrer Höhle lag und dieses seltsame Gefühl in ihrem Herzen verspürte.
Nun wußte sie auch warum sie heute so schwer gekämpft hatte auf den Winden..
Es fehlte ihr der Gefährte um so schwerelos zu gleiten ..
Mit ihm alleine konnte sie die Freiheit erlangen ..
Mit ihm alleine konnte sie der Kraft des Sturmes trotzen
Mit ihm alleine nur war sie fähig so leicht wie ein Blatt im Winde auf den Lüften zu schweben.

Doch was war das?
In weiter Ferne sah sie einen kleinen Punkt am Abendhimmel erscheinen der stetig größer wurde..
Je deutlicher dieser Fleck am Himmel wurde.. desto lauter schlug ihr Herz..
Jubelnd stieß sie sich vom Rande ihrer Höhle ab und sprang regelrecht den Sturm entgegen..
Und ihm entgegen..
 Leicht.. schwerelos… ohne Mühe erklomm sie die stürmischen Höhen ihrer Berge
Sie tanzte wieder… nutze die Gewalt des Sturmes zu einem wilden Ritt der sie ihm schneller näher brachte.
Im Fluge noch berührten sie sich zärtlich.. umflogen sich mit einer Leidenschaft die nur Drachen eigen war
Und als sie Stunden später wieder landeten..
genügte ein Blick in seine tiefen Augen um Gewißheit zu haben.
Nur durch seine Nähe war ihr alles möglich
Nur durch seine Kraft war sie imstande unmögliches möglich zu machen
Nur durch seinen Willen war sie stark.
Und sie erkannte
Das auch er
Ihr Stärke brauchte
Ihre Kraft zu schätzen wußte
Ihre Liebe brauchte um zu leben

Nun schweben beide in Freiheit über den Winden..
Tanzen den Tanz den Drachen seit Urzeiten auf den Lüften veranstalten
Und teilen der Welt damit mit
Zwei Herzen und Seelen haben sich nicht trennen lassen
Und keiner der beiden.. muß jemals wieder gegen die Winde kämpfen,
denn gemeinsam sind zwei Drachen unschlagbar und trotzen allen Widrigkeiten die die Welt für sie bereithält.
Drachenherzen schlagen heiß und kraftvoll..
für immer

Beitrag weiterempfehlen:

Der Lindwurm von Syrau

Es mag wohl schon sehr lange her sein, da hauste im Walde von Syrau ein schrecklicher Lindwurm. Der Drache überfiel meuchlings Mensch und Vieh, wie es ihm gerade in den Weg kam. Da sich die Syrauer in ihrer Not nicht anders zu helfen wußten, schlossen sie mit dem Lindwurm einen Pakt, daß er alle Wanderer, die die Straße durch den Wald zögen, fressen dürfe, die Syrauer aber müsse er verschonen.

Die Straße war nach kurzer Zeit in der ganzen Gegend verrufen, kein Mensch betrat sie mehr, und der Lindwurm mußte bald Hunger leiden. Da wollte der Drache vom Vertrag nichts mehr wissen und zerriß die Menschen wie zuvor. In Syrau wurde die Kirche nicht leer. Tag und Nacht flehten die Bewohner des Dorfes den Himmel um Hilfe an und hofften, der heilige Ritter Georg werde den Lindwurm töten. Doch der Helfer zeigte sich nicht. Es kam so weit, daß die Syrauer sich verpflichten mußten, dem Lindwurm täglich einen Menschen auszuliefern. Ein alter, kranker Mann gab freiwillig sein Leben dahin. Weil aber sonst niemand dazu bereit war, wurde gelost, wer das nächste Opfer sein sollte.

Einige Leute hatten schon an den schrecklichen Tod glauben müssen, da fiel das Los auf des reichsten Bauern einzige Tochter. Sie war sehr beliebt im Dorf, und überall herrschte großer Jammer über ihr trauriges Schicksal. Das Mädchen hatte aber einen Bräutigam, der den Kopf nicht hängen ließ.

Am nächsten Morgen führten die Syrauer das Mädchen auf die Straße hinaus. Aber wie staunten sie! Vom Walde her näherte sich ein Mann, der eine Heugabel trug und den schuppigen Leib des Lindwurms hinter sich her schleifte. Es war des Mädchens Liebster, der in der Nacht das Untier beschlichen und im Schlaf getötet hatte. Wie freute sich da ganz Syrau!

Zum Gedächtnis an die wackere Tat des Burschen bauten die Syrauer eine Kapelle "Unserer Lieben Frau". Die Glocke, die damals in dieser Kapelle erklang, hängt noch heute im Glockenturm zu Syrau.

Beitrag weiterempfehlen:

Margaretha diePatronin des Nährstandes

Margaretha ist Patronin des Nährstandes, weil ihr Fest ein wichtiger Merktag für die Bauern war, der Jungfrauen, vor allem auch der Gebärenden, und für die glückliche Entbindung, gegen Unfruchtbarkeit. Sie wurde in die Nothelfergruppe aufgenommen, weil sie unmittelbar vor ihrem Märtyrertod Gott gebeten hatte, allen Müttern, die sich in ihrer schweren Stunde an sie um Fürbitte wendeten, zu helfen. Reliquien der Heiligen befinden sich in Montefiascone bei Bolsena nördlich von Rom. Hier ist ihr der Dom geweiht.

Die Legende erzählt, dass sie die Tochter eines heidnischen Priesters in Antiochia war. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter übernahm eine Amme die Obhut über das Mädchen und erzog es heimlich im Christenglauben. Als Margaretha zur Jungfrau herangewachsen war, bekannte sie ihrem Vater, dass sie Christin sei. Dieser überschüttete sie mit Vorwürfen, vermochte aber weder mit Bitten noch mit Drohungen ihren Sinn zu ändern. Da schickte er sie zur Strafe in die Verbannung. Hier hütete Margaretha die Schafe. Da geschah es, dass Präfekt Olybrius vorbeiritt. Als er die schöne Jungfrau erblickte, entbrannte seine Liebe zu ihr. Olybrius drängte sie, sie sollte ihren Christenglauben abschwören. Als Olybrius sich mit seiner Werbung abgewiesen sah, wurde er wütend und befahl, sie ins Gefängnis zu werfen. Sie weigerte sich, den Götzen zu opfern. Da ließ er sie aufs grausamste foltern. Sie wurde mit Ruten geschlagen und man riss ihr mit eisernen Kämmen das Fleisch vom Leib. Aber Margaretha erlitt alle Qualen des Leidens ohne Wanken. Wieder in den Kerker geworfen, erschien vor ihr ein greulicher Drache und wollte sich auf sie stürzen, um sie zu verschlingen. Sie schlug mit letzter Kraft das Kreuzzeichen über das Untier. Dann packte sie es mutig, warf es zur Erde nieder und setzte den Fuß auf seinen Scheitel. Der Teufel in Gestalt des Drachens schrie laut und verschwand. Als Margaretha am nächsten Tag dem Präfekten wieder vorgeführt wurde, sah dieser sie zu seiner größten Verwunderung heil an Leib und Seele vor sich stehen, schöner und blühender als zuvor. Da sie sich wieder weigerte, den Götzen zu opfern, befahl er in seinem großen Hass, glückende Fackeln herbeizubringen und sie damit zu brennen, hernach aber zur späteren Pein in ein Fass mit kaltem Wasser zu werfen. Alle, die dabei standen staunten, dass so eine zarte Jungfrau so große Qualen aushielt. Aber plötzlich erbebte die Erde und die Jungfrau stieg unversehrt aus dem Fass. Als das Volk dieses Wunder sah, lobten viele den Christengott und bekehrten sich. Diese alle wurden in Christi Namen enthauptet. Da der Richter fürchtete, es würden sich noch mehr zu Christus bekennen, ließ er Margaretha auf den Richtplatz führen, damit sie durch das Schwert getötet werde. Sie kniete nieder und betete für die Verfolger. Dann bot sie ihrem Henker mutig ihren Nacken dar. Er schlug ihr mit einem Streich das Haupt ab und sie empfing die Märtyrerkrone.

Beitrag weiterempfehlen:

Dragon Tears

Dragon Tears;

I look at the world and see all that we have lost, and my heart cries out.
I see how shallow human beings have become, and my soul cries for
understanding.
What have we gained, what have we learned as we increase with 
power? We have a scarred, polluted earth, hellholes of concrete, water not fit to drink and air not fit to breath.
Our science, our techonology has come at a horrible price.
I think of the noble dragons, those who have fled this wolrd in fear of extiction. They were right to flee from earth.
I wish I could have gone with them.
Man has forgotten a different time, a time when magic beings walked the earth, and the forests were pristine.
Then the Dragons soared in the skies, the unicorns roamed the forests and fairies played in the flowers.
But the foolish humans fear what they do not understand.
We can never understand creatures of magic.
We hunted the dragon and the unicorn, drove them into hiding.
The magical creatures left our world for the magic places made just for them. Some lucky people have found their way into these amgic worlds, and they understood the gift they were given.
I have read the old fairytales and legends, seeking to know these creatures.
When the warriors destroyed the dragon, they knew our world was not safe for them.
When we lost these magic beings we lost a part of ourselves.
The world will never be the same again.
We know only that Dragons and unicorns exist in fairytales, but we do not know they once walked among us. Tears fall from my eyes when I weep for the friends I have never met.
I weep for the lost Dragons.
I weep for all that we have lost because of our foolishness.
If only the knights understood what they really were.
Some dragons are good, not the ferocious beasts of legend.
Dragons haunt my dreams.
I know they are still out there somewhere, in a world far away.
The loss of earth’s magic will destroy us.
Now we our left with nothing but techonlogy and a wasted earth.
Soon humanities own arrogance, our own greed will destroy us.
I ponder these things with a heavy heart.
I know the briefness of my own life, it will be extinguished like a candle snuffed out.
This old world will slowly crumble to beath.
I pray for God to save us, save some remnant of the human soul.
Soon there will be a new heaven and a new earth, and the Dragons will live in peace, and this earth will not be destroyed.

by Lady Seraphina

Dieses Gedicht wurde augestellt mit freundlicheGenehmigung von
http://www.dragonsight.net

Beitrag weiterempfehlen:

My dream

„My Dream“

i had a dream last night
i dream of a dragon
a dragon red like fire
a dragon pure and tender
in the dream the dragon flew
it’s tail whipping in the wind
it’s scales shimmering like the moon off the water
her beauty beyond compare
i had a dream where good existed
and the dragon was it’s keeper
she fought for passion with a vengence like fire

i had a dream last night
i dream of glory
the glory for one dragon
the only dragon left in existence
but not the only born form hope
in the dream the dragon flew
she caste happiness and purity
and cried for hatred and death
and she sang for innocence and love
i had a dream where beauty flourished
and man and beast could co-exist
where my happiness was for this dragon
and her beauty was cast on me

Copyright Kim Ward (11-15-98), All rights reserved

Dieses Gedicht wurde augestellt mit freundlicheGenehmigung von
http://www.dragonsight.net

Beitrag weiterempfehlen:

Der Gnom und die Eidechse

Adolf Böttger
1815 – 1870
Der Gnom und die Eidechse
Im Gestrüpp, wo dichtgeschart
Eriken und Farrenkräuter,
liegt der Gnom und streicht den Bart,
als ein Fürst der Bärenhäuter;
mausefallen ist sein Rock,
Weidenbast die Pluderhose,
ein Wachholderreis sein Stock,
und sein Dolch ein Dorn der Rose.

Horch, da rauscht es in dem Gras,
und es schwanken Halm und Farren,
leise schlüpft’s und gleißt wie Glas,
daß des Gnomen Glieder starren;
unter ziegelrotem Dach
eines mächtgen Fliegenschwammes
äugelt grün und zornig ach!
Eidechslein, das Kind des Schlammes.

Kaum nun springt der Gnom hervor,
schlängelt sich das Tier im Ringe,
schäumt und züngelt, daß empor
furchtsam fliehen die Schmetterlinge.
Hurtig zückt der Gnom den Speer
heißen Ingrimms auf den Drachen,
zischend spring das Blut empor
aus dem Salamanderrachen.

Jener trennnt den Kopf vom Rumpfe,
steckt ihn auf die Brombeerlanze
und im seligsten Triumphe
flicht er Eichlaub sich zum Kranze,
siegreich zieht er dann einher,
zeigt sich Vettern, Basen, Ohmen,
widerhallt im Land die Mär
stolz vom Ritter Görg der Gnomen.

Beitrag weiterempfehlen:

Hüter der Legenden (Karin Roth)

Als Kinder des Himmels
habe ich euch einst beschrieben
zurück ist nur
die Erinnerung geblieben

Wo ist der Hauch
eurer einstigen Eleganz
wo ist das Spiel
der Schuppenlichterglanz

Wo ist das Spiel
der Schwingen in der Luft
sind den alle Legenden
in der Vergangenheit verpufft

Wo ist der Frohsinn
das holprige Drachenlachen
war denn niemand da
um euren Seelen zu bewachen

Wo sind die Hüter
die eure Geschichten erzählen
habt ihr noch die Kraft
zwischen den Dimensionen zu wählen

Ihr wurdet wie Geister
taumelnd zwischen Raum und Zeit
wartet bis wieder
die Welt ist für euch bereit

So fange ich nun an
 zu träumen vom freien Flug der Drachen
auf das ein Mensch noch
wird eure Legendenwelt bewachen

Ich werde schützen
und hüten eure Sagen
damit die Winde
euer Geheimnis weit in die Welt tragen

So sehe ich mich
als Hüter eurer Legenden
werde mein bestes tun
um eure Botschaft auszusenden

© Aquamarin 3.09.2003

Beitrag weiterempfehlen:

Das Babysitter (Der Doktor)

Das Babysitter

Es
ist allgemein bekannt, dass transdimensionale Reisen ganz alltägliche Phänomene
sind.

Doch… woher ist es bekannt?
Wesen im gesamten Universum reisen nahezu täglich durch Zeit und Raum –
die meisten von ihnen sind natürlich nicht besonders glücklich darüber,
weil sie dann immer mit irgendwelchen Weltenrettungsaktionen beauftragt werden,
die zwar eh gut ausgehen, aber dennoch eine Menge unnötigen Stress bereiten
und größtenteils auch noch schlecht geschrieben sind.
Und das beantwortet auch gleich unsere Frage, woher denn das Wissen um transdimensionale
Reisen als alltägliches Phänomen stammt – wenn so viele Leute
Bücher und Romane über etwas wie transdimensionale Reisen schreiben,
dann muss doch an der Sache etwas dran sein, nicht wahr?

Fakt ist, dass nur ein Bruchteil der Autoren wirklich an das Phänomen der
alltäglichen transdimensionalen Reise glaubt.
Fakt ist, transdimensionale Reisen sind ein alltägliches Phänomen.
Man könnte nun fragen, was zuerst dagewesen sei – die transdimensionalen
Reisen oder die Geschichten über sie, aber das wäre dann doch zu sehr
an den Vorgänger dieser Geschichte angelehnt und sowieso eigentlich nur
vollkommen langweilig.

Die
Person, von der jetzt hier die Rede sein soll, kümmerte sich natürlich
ebenfalls nicht um solche Fragen.
Dennoch war sie sich nicht dessen bewusst, dass sie sich gerade auf einer transdimensionalen
Reise befand, denn diese beginnen meistens in einem Wald, in einem See oder
an irgendeiner anderen aus der Heimatwelt des Reisenden bekannten landschaftlichen
Gegend.
Als der anfangs erwähnte Herr durch den für ihn ganz normal erscheinenden
Wald wanderte, traf er sogar auf ihm bekannte Tiere, also Viehzeugs wie Rehkitze,
Hoppelhäschen und eine Horde ausgehungerter, blutrünstiger Wölfe.
Jene war auch der Grund, warum unser Reisender sein Gehtempo etwas beschleunigte
– ob nun Heimatwelt oder nicht, niemand landet gerne in den Mägen
von sieben ausgehungerten Wölfen.

Diese Geschichte soll natürlich nicht zu einem vorzeitigen Ende kommen,
von daher wurde unser Dimensionsreisender auch auf wundersame Weise im letzten
Moment gerettet. Der letzte Moment markierte die Stelle, an der der Fliehende
mitten auf einer Lichtung stolperte, sich flach auf den Boden legte und sich
in panischer Angst umdrehte, um seinem unausweichlichen Schicksal in die Augen,
beziehungsweise in die Mäuler zu schauen.
Ihm eröffnete sich das Bild des Wolfsrudels, wie es genau am Rande der
Lichtung zum Stehen kam, wütend über die anscheinend verloren gegangene
Mahlzeit enttäuschtes Geheul anstimmte und nicht minder enttäuscht
umdrehte, um abzuziehen.
Unser Protagonist konnte sein Glück natürlich nicht fassen und drehte
sich dann um, um sich über die Ursache dieser so überraschenden Wendung
seines kleinen Abenteuers zu erkundigen.

Hinter ihm auf der Lichtung stand eine Person, die in ihm erstmals Zweifel darüber
aufkommen ließen, sich noch auf der richtigen Welt zu befinden. Andererseits
gibt es selbst auf den am höchsten entwickelten Welten immer noch Leute,
die sich in lange, schwere, bunte Roben kleiden und als halbverrückte Einsiedler
mit langen Bärten in von hungrigen Wölfen verseuchten Wäldern
abseits der Zivilisation leben, um allen Vorbeikommenden doppeldeutige Sprüche
unterzujubeln, die eigentlich nur gut klingen, die Betroffenen jedoch meist
stundenlang über das eben Gesagte nachgrübeln lassen. Meistens finden
sie dann sogar einen Sinn in diesen Sprüchen, worauf die Einsiedler dann
immer sehr stolz sind.
Solch ein Exemplar der Rasse, die wir normalerweise als „Mensch“
bezeichnen, stand jedenfalls hinter unserem Reisenden und schaute ihn weise,
beziehungsweise halbverrückt an, das ist ja auch eine Sache des Standpunktes.

Unser Reisender kann natürlich auch sprechen, und da jetzt ein guter Zeitpunkt
war, um den ersten Dialog dieser Geschichte zu beginnen, sagte er:
„Wie haben sie… warum… ähm… danke!“
Auch der Einsiedler konnte anscheinend sprechen, und er erwiderte in derselben
Sprache und in sanftem, zumindest weise klingenden Tonfall schlicht:
„Folge mir!“
Der Reisende sah sich in seinen Handlungsmöglichkeiten daraufhin sehr beschränkt
und beschloss weiserweise, sich aufzurappeln und dem Einsiedler zu folgen.

„Wie haben sie das gemacht? Das mit den Wölfen…“, fragte
er.
„Das tut nichts zur Sache. Viel wichtiger ist doch die Frage: Warum bist
du hier? Und vor allem: Wo bist du?“
„Nun, die erste Frage ist einfach zu beantworten. Ich wollte eigentlich
nur kurz in den Wald gehen, um mal zu pinkeln. Wo ich jetzt bin, kann ich mir
ehrlich gesagt nicht vorstellen, aber ich wäre ihnen ganz dankbar, wenn
sie mich zur Straße zurückführen würden, damit ich mein
Auto suchen gehen kann.“
Der Einsiedler sah ihn mit einer Mischung aus milder Belustigung und einer Prise
Traurigkeit an.

„Ich fürchte, wir werden dein… ähm… Au-to hier in der Gegend
nicht finden. Ich fürchte außerdem, dass du dich gar nicht mehr auf
der Welt befindet, die du als deine Heimatwelt bezeichnet.“
„Einen Moment, was wollen sie damit sagen? Meinen sie etwa, dass mein
Auto hier gar nicht mehr in der Nähe ist?“
Der Alte nickte.
„Und sie wollen mir allen ernstes verklickern, dass ich mich auf einer
fremden Welt in einer fremden Dimension oder so befinde?“

Der Alte nickte.
„Und sie denken wirklich, dass ich ihnen diesen Schwachsinn abkaufe?“
Der Alte nickte.
Unser Reisender schüttelte ungläubig den Kopf und schaute sich den
Einsiedler noch mal von oben bis unten an. Dann kam er zu einem Entschluss und
sagte:
„Oh, kacke Mann!“

Dies
ist ein wunderbarer Zeitpunkt, um all die faszinierenden Phänomene einer
transdimensionalen Reise einmal kurz zusammenzufassen.
Zunächst ist es erstaunlich, dass die Welt, in die ein transdimensional
Reisender versetzt wird, immer dieselben Klimabedingungen vorweist wie die Heimatwelt
des Betroffenen. Bisher ist jedenfalls noch niemand bei solch einer Reise durch
beispielsweise akuten Mangel an Sauerstoff in der Atmosphäre umgekommen.
Ebenfalls auffällig ist das Existieren gewisser, anscheinend universell
gültiger Tier- und Pflanzenarten. So wird man in jedem Wald jeder Parallelwelt
Kiefern und Tannen sowie die bereits erwähnten Rehe, Hasen und natürlich
die ausgehungerten Wölfe antreffen… wenn man Pech hat.
Viel interessanter und vor allem viel erstaunlicher als diese beiden Tatsachen
ist jedoch die ebenfalls universelle Existenz einer Lebensform, die wir als
„Mensch“ bezeichnen. Die meisten Parallelwelten haben außerdem
noch dem Menschen sehr ähnliche Lebensformen vorzuweisen, die dann meistens
„Zwerge“ oder „Elfen“ genannt werden.

Am erstaunlichsten mag einem jedoch die Tatsache erscheinen, dass die sprachbegabten
Wesen dort, wohin man durch eine transdimensionale Reise hinversetzt wird, immer
die eigene Sprache sprechen!
Wissenschaftler einer hochentwickelten Welt versuchten einst, dieses Phänomen
zu erklären, scheiterten jedoch daran, einen Namen dafür zu finden
und gingen, für immer zerstritten, auseinander.
Ein Dimensionsreisender gelangte einmal aufgrund all dieser Tatsachen zu folgendem
Ergebnis:
Wenn die Umgebung, die Wesen, die Sprache und sonst auch alles andere dem Reisenden
bereits vertraut ist, so kann es sich nur um Einbildung handeln, um einen schlechten
Traum, um eine eingebildete Realität, die jedoch niemals stattgefunden
hat.

Das erklärte zwar nicht, was mit den Leuten geschah, die von ihren Reisen
nicht zurückkehrten (worüber es auch wieder Theorien wie „Der
Körper kann ohne den Schweiß nicht leben… nein, es war nicht der
Schweiß, Moment…“), in der Heimatwelt dieses Menschen wurde diese
Theorie dennoch zu einem gigantischen Erfolg, als der Reisende zusammen mit
seinem Bruder eine Dokumentation über diese Reise in die fremde Welt drehte,
die von den meisten Leuten, die sie sahen, jedoch für einen Unterhaltungsfilm
missverstanden wurde.

Nun,
dieser Reisende hat nichts mit unser momentanen Hauptfigur zu tun, zu der wir
nun nach diesem kleinen Exkurs wieder zurückkommen möchten.

Er war nun schon eine ganze Weile neben dem Einsiedler nebenher gelaufen und
stellte, halb ihm, halb sich selbst, folgende Fragen:
„Wie bin ich hier hergekommen?“
„Die Antwort wirst du bei Ihm erfahren.“
„Wie komme ich wieder zurück?“
„Die Antwort wirst du bei Ihm erfahren.“
„Warum gerade ich?“

„Die Antwort wirst du bei Ihm erfahren.“
„Wer ist dieser Ihm eigentlich?“
„Die Antwort wirst du bei Ihm erfahren.“
„Fischers Fritz fischt frische Fische!“
„Die Antwort wirst… bitte, was?“
„Wollte nur mal sehn, ob sie mir auch zuhören…“

Mit diesen Antworten musste sich unsere Hauptfigur zunächst mal zufrieden
stellen und nun der Dinge harren, die da noch kommen mochten. Es dauerte zum
Glück nicht lange, bis der Alte mit ihm vor einem großen Loch in
einer mitten im Wald liegenden Felswand ankam, welches so dunkel und finster
war, wie es eben nur große Höhleneingänge mitten im Wald sein
können. Von dem Eingang weg führte eine Art breiter Trampelpfad, der
darauf schließen ließ, dass öfter in diese Höhle hinein
und aus ihr hinaus gegangen wurde.
„Dort drinnen wird Er auf dich warten und dir deine Bestimmung in dieser
Welt mitteilen.“, sprach der Alte mit theatralisch ausgestrecktem Arm.

„Sie meinen, dort drinnen wird mir erzählt werden, dass ich so ein
seit langer Zeit erwarteter Mann-zwischen-den-Welten bin, der jetzt seine Bestimmung
ergreifen und gegen das Übel kämpfen soll, dass diese Welt befallen
hat und sie vermutlich vernichten wird, sollte ich nicht einschreiten? So was
in der Richtung?“
Der Alte sah ihn milde lächelnd an und sprach dann:
„Nun, vielleicht wird es nicht ganz so schlimm…“
Der Reisende drehte sich zu dem Höhleneingang um, atmete einmal tief ein
und aus und setzte sich dann mangels sinnvoller alternativer Möglichkeiten
in Bewegung, um diesen Er mal aufzusuchen.

Die dunkle Höhle zeichnete sich durch kühle Feuchtigkeit aus, die
normalerweise dunkle Höhlen auszeichnet, die sehr kühl und feucht
sind. Dennoch war sie nicht vollkommen finster – der Reisende konnte einen
Lichtschimmer am Ende des Ganges, in dem er sich gerade befand, ausmachen. Wie
er bald herausfinden sollte, stellte dieser Lichtschimmer den Fackelschein dar,
der eine Höhle von riesigen Ausmaßen gleichmäßig erhellte.
Und in dieser Höhle lag Er – ein Anblick, der unseren Reisenden verblüfft
stehen ließ, da es sich hierbei um etwas handelte, was längst nicht
auf allen Welten des interdimensionalen Reiseverkehrs vorzufinden ist. Er öffnete
die Augen und starrte den Reisenden mit einem Blick an, der wahrscheinlich Stahl
hätte zum Schmelzen bringen können – zum Glück war keiner
in der Nähe. Unser Protagonist machte sich lediglich in die Hosen.

Dann fing Er an zu sprechen. Es war laut. Sehr laut. Doch irgendwas, was das
folgende Klingeln in seinen Ohren nur schwach übertönte, sagte dem
Reisenden, dass Er es auch wesentlich lauter hätte sagen können.
Er sagte:
„Komm näher!“
Solch einer Stimme verweigert man keinen Gehorsam. Das begriffen die Beine unseres
Reisenden schneller als sein Kopf und setzten sich in Bewegung, um in geringerem,
aber dennoch nicht respektlosen Abstand vor Ihm stehen zu bleiben.

Dann fing Er erneut an zu sprechen:
„Lass mich raten: Du bist ein Reisender aus einer fremden Dimension von
einer anderen Welt. Du bist in dieser Welt gelandet und wurdest von einem Rudel
hungriger Wölfe durch den Wald verfolgt. Dann wurdest du von einem alten
Einsiedler gefunden, der dich zu mir geführt hat.“
Es sah so aus, als müsste unser Reisende trotz schmerzhaft pulsierender
Trommelfelle nun irgendwas sagen. Folgender Satz erschien ihm recht angemessen:
„Woher… könnt ihr all das wissen?“
Der Kopf von Ihm setzte sich in Bewegung, um kurz vor unserem Reisenden zum
Stillstand zu kommen, worauf dieser sehr erstaunt gewesen wäre, wie viel
Stoff sich noch in seiner Blase befand, wäre er nicht viel zu sehr damit
beschäftigt gewesen, seine Körperfunktionen am Laufen zu halten, damit
er nicht einfach vor Angst wegstarb.

Und Er sprach ein weiteres mal:
„Dieser Einsiedler hat sich zu mir geführt. Warum? Weil ich ihn dafür
bezahle!“

Kalessan
mochte transdimensional Reisende.
Sie schmeckten wie die Menschen seiner eigenen Welt und ihr Tod zog keinerlei
nervende Konsequenzen wie räuberische Racheritter mit sich. Außerdem
wurden dadurch die Dörfer seiner Umgebung ein wenig entlastet.
Nachdem er fertig war, erinnerte er sich daran, dass er den Alten wohl demnächst
für seine Dienste einmal mehr bezahlen musste. Vielleicht sollte er die
Wölfe für ihre gute Arbeit auch mal wieder belohnen…

Er beschloss, diese Angelegenheiten auf später zu verschieben und legte
sich wieder hin. Kurz bevor er einschlief, lobte er sich selbst einmal mehr
für die sehr gute Investition in das Dimensionsportal direkt im benachbarten
Wald.

Dies
ist im übrigen keine Geschichte über das transdimensionale Reisen.
Oh nein, es ist viel schlimmer!

Es
ist eine Eigenart der Menschen, selbst die positivste und friedlichste revolutionäre
wissenschaftliche oder soziologische These, Theorie, Erkenntnis oder Abhandlung
zu kriegerischen Zwecken zu missbrauchen. Seit jemandem mal ein Apfel auf den
Kopf fiel und der Betroffene sich dachte „Ui! Schwerkraft!“, fingen
Menschen sofort damit an, Menschen von Burgmauern aus Steine auf die Rübe
zu werfen (wobei erwähnt werden sollte, dass die Menschen, die sich der
jeweiligen Burgmauer näherten meistens ebenso wenig friedliche Absichten
im bald etwas flacher aussehenden Kopf hatten… mit einigen tragischen Ausnahmen
natürlich) – oder, noch schlimmer, goldene Münzen von hohen
Türmen, nur um zu sehen, was passiert…

Karlmax‘ revolutionäre These war von diesem Schicksal bisher verschont
geblieben – wobei sie den Frieden zwischen den Menschen ja nicht gerade
predigte… Vielleicht hing es damit zusammen, dass die Menschen es langweilig
fanden, sich an die Regeln einer bereits kriegerischen These zu halten –
wo blieb denn da der Spaß? So kam es, dass Karlmax durch seine Theorie
weltberühmt wurde und viele Tourneen veranstaltete, um Vorträge über
seine revolutionären, die Gesellschaft der Menschen verbessernden Gedanken
zu halten. Die Menschen hörten dabei immer interessiert zu, waren begeistert
und honorierten jeden von Karlmax‘ Auftritten mit donnerndem Applaus –
nur hatte anscheinend niemand so richtig Lust dazu, der erste zu sein, der diese
revolutionären Ideen auch umsetzte.

Um jene Ideen soll es in dieser Geschichte jedenfalls ebenfalls nicht gehen.

Karlmax
befand sich jedoch gerade kurz vor einer Tournee in entfernte Länder, um
viele, schon jetzt vollkommen ausverkaufte Vorträge zu halten. Dabei hatte
er jedoch zwei Probleme:
Seine Frau und seinen Sohn.
Rita, die Stählerne, wie sie sich selbst nannte, war die perfekte Ergänzung
zu Karlmax‘ Charakter: Impulsiv, aggressiv, stark, direkt und dickköpfig
dominierte sie ihren Mann vollständig, was diesem aber nicht viel ausmachte,
da er sich selbst nicht gerade zur Führungspersönlichkeit geboren
sah und beruhigt war, wenn es eine Instanz über ihm gab, die die ganze
Verantwortung trug und nicht ihn damit belastete.

Dies war jedoch noch nicht das Problem. Karlmax bestand nämlich darauf,
seine Frau Rita auf der Tournee bei sich zu haben – und das nur teilweise
aus Liebe zu seiner Gefährtin. Als persönliche Beschützerin machte
sie sich dank ihrer selbst gegenüber vielen Männern überlegenen
Muskelkraft nämlich gar nicht schlecht.
Nur leider bestand sie darauf, dass ihr gemeinsamer Sohn Ninnel nicht auf die
Reise mitkommen dürfe, wodurch sich das eigentliche und damit größte
Problem ergab:

Wohin mit dem Jungen?
Der achtjährige Ninnel war schon mehrfach durch sein… nun, rebellisches
Verhalten aufgefallen und gegenüber zahlreichen Verwandten durfte man seinen
Namen noch nicht mal erwähnen, wollte man nicht riskieren, sofort aus dem
Haus geworfen zu werden… womöglich noch aus einem Fenster im vierten
Stock…
„Was ist mit den Dusseleys?“, fragte Karlmax.
„Ich fürchte, die sind nach unserem Besuch letzten Sommer nicht mehr
so gut auf unseren Kleinen zu sprechen, Schatz. Außerdem ist der Angriff
durch diesen Assassinen kurz nach unserem Aufenthalt dort erfolgt, weißt
du noch?“

„Hast Recht, mein Haselschnäuzchen…“
„NENN mich nicht Haselschnäuzchen!“, giftete seine Frau ihn
an.
„Ähm… ja, Rita…“, Karlmax senkte demütig den Blick,
als ihm ein Einfall kam:
„Was ist mit Sally? Du kennst sie ja… ähm… ein bisschen… sie
könnte mit Ninnels… Eigenarten sicherlich fertig werden.“

Ritas Stimme schnitt so scharf durch die Luft, dass sich Karlmax damit seinen
Bart hätte abrasieren können:
„Ich lasse nicht zu, dass MEIN SOHN bei einer so unflätlichen Frau
einquartiert wird! Sie mag noch so nett sein, aber ihr Berufsstand übt
bloß einen schändlichen Einfluss auf unseren süßen Kleinen
aus!“
„Aber ich habe dich doch bei ihr kennen gelernt, Liebste!“

„Das ändert nichts daran, dass es ein für unseren Jungen schändliches
und unmoralisches Etablissement ist! Weitere Vorschläge?“
Karlmax wusste, dass die Diskussion um das Thema Sally beendet war und kramte
in seinem Gedächtnis weiter nach Möglichkeiten zur Unterbringung seines
Sohnes… jedoch gingen ihm so langsam die Ideen aus. Einen Namen hatte er noch:
„Was ist mit Tante Peggy? Hat sie unseren Kleinen schon mal kennen gelernt?
Bei ihr wäre es doch außerdem gar nicht so schlimm, wenn wir es uns
mit ihr verderben würden…“

„Peggy? Nein, die kommt nicht in Frage. Sie ist doch tagtäglich so
sehr mit dem Schmachten über diesen Schauspieler… wie hieß er noch
mal? Genau, dieser Schauspieler Droca…“ – *pling* – „Sie ist doch
so sehr mit ihm beschäftigt und deswegen immer so neben sich, dass unser
Kleiner bei ihr wahrscheinlich verwahrlosen und verhungern würde… Sag
mal, ist was mit dir?“
Karlmax starrte ins Leere. In seinem Kopf machte es immer *pling*, wenn sich
eine neue, bahnbrechende Idee anbahnte.
„Welchen Namen hast du gerade noch mal genannt?“

„Droca, der Schauspieler… Kennst du ihn nicht?“
Karlmax wusste zwar nicht, wo Droca lebte und wie er ihn erreichen konnte. Doch
dafür kannte er jemand anders… *pling*
„Hast du dieses Geräusch gerade auch gehört?“, fragte
Rita.
Eigentlich war der Gedanke vollkommen wahnsinnig. Er war sogar so wahnsinnig,
dass sich Karlmax fragen musste, ob er selbst nicht bereits wahnsinnig war,
wenn er auf solch wahnsinnige Gedanken kam. Konnte er seinen Sohn wirklich diesem
alten Freund anvertrauen? Wobei sich die Frage stellte, ob er noch sein Freund
war… beziehungsweise, ob er wirklich jemals wirklich sein Freund gewesen war…
Nun, eigentlich hatte er sich gegenüber Karlmax bei seinem Besuch immer
ganz nett benommen… aber würde das auch für seinen Sohn gelten?

Die Schwärze von Karlmax‘ Gedankenwelt wurde jäh von einem lautstarken
Rufen unterbrochen:
„Paaaapaaaaa, bin wieder Zuhaaaaauuuseeeee!“
Das Rufen ertönte direkt neben Karlmax Ohr, worauf dieser nicht vorbereitet
war, erschrocken umkippte und mit dem Hinterkopf schmerzhaft auf dem Boden aufschlug.
Sekunden später traf eine gigantische Faust auf seinen Unterleib und nagelte
ihn fest.
Als Karlmax wieder Luft bekam und er statt vollkommenster Schwärze wieder
zumindest verschwommene Bilder sehen konnte, eröffnete sich ihm das Bild
seines Sohnes Ninnel, wie dieser auf seinem Unterleib saß.

Während Karlmax nur schmerzhaft und leise aufstöhnen konnte, lächelte
Rita die beiden liebevoll an und sagte:
„Na, ich lasse euch beiden dann mal alleine und bereite das Abendbrot
vor – so lange dürft ihr dann noch miteinander spielen. Und Karli
– überlege dir dann bitte noch schleunigst eine Lösung für
unser kleines Problem, ja?“
Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging aus dem Raum hinaus in Richtung
Küche.

„Oh toll, Papa, wir spielen! Du bist das Pferd und ich bin der Reiter,
ja?“, rief der Junge überschwänglich in unerträglicher
Lautstärke.
Karlmax sah auf die Schuhe seines Sohnes – er hatte wieder die Stiefel
mit den echten Sporen angezogen…
„Ja, Ninnel!“, stöhnte er auf – Sohn hin oder her, dachte
er, dieser Junge sollte seine Eltern doch mal wieder schätzen lernen! Vielleicht
wäre die Methode ein wenig radikal und riskant, doch sicherlich nicht unwirksam…

Als er sich umgedreht hatte, rief sein Sohn „Hü-hott!“ und
trat mit den Sporen zu.
Mit einem gedämpften Schmerzensschrei trat Karlmax seinen allabendlichen
Leidensweg an und hielt sich nur mit dem Gedanken am Bewusstsein, wie er seinen
Plan seiner Frau verklickern sollte…

Zur
gleichen Zeit machten sich die berühmten Helden Rimorob, der Krieger, Fladnag,
der Magier, Oblib, der Halbling und Salogel, der Elf daran, ein Land von der
schrecklichen Kreatur zu befreien, die man nur den „roten Schrecken“
nannte. Dass es sich hierbei um eine sehr klassische Gruppe aus hochstufigen
Abenteurern handelte, konnte man daran erkennen, dass sie mehr Wert auf Stil
als auf Effektivität bei der Arbeit legten. So glänzte Rimorobs Rüstung
selbst bei absoluter Dunkelheit in einem funkelnden Licht, was einem eher sinnlosen
elfischen Zauber zu verdanken war, aber mehrere 1000 Orks beim Bergen jenes
Artefakts das Leben gekostet hatte. Und Salogel glich mehr einer wandelnden
Frisur als einem todesmutigen Helden, der mal eben nebenbei mit einem Langbogen
einer Fliege ein Auge ausschießt. Was Salogel an Haaren hinten hatte,
besaß Fladnag vorne am Kinn, hierbei sei jedoch erwähnt, dass es
sich um ein gewaltiges Haartransplantat handelte, da der Magier erst 32 Jahre
alt war. Oblib war leider zu klein für jegliche Art von Haaren an anderen
Stellen außer auf seinem Kopf und vor allem an seinen Füßen,
erwies sich im Kampf dennoch sehr nützlich darin, Gegnern in Stellen zu
beißen, wo es wirklich weh tat…

So exzentrisch sie auch erscheinen mögen, viele solcher Heldengruppen bringen
es merkwürdigerweise immer wieder zu großen Erfolgen, viel Geld und
einem Maß an Arroganz, das jeden Adligen als bescheiden und schüchtern
darstellt.
Und jene berühmte Runde war nun daran, ihren Ruhm und vor allem ihren Reichtum
beträchtlich zu vermehren.
„Eeeyy, du bist mir auf meine Haare getreten!“, beschwerte sich
Salogel.

„Und du mir auf meine – ausgleichende Gerechtigkeit!“, erwiderte
Fladnag, „Warum ist es hier auch so dunkel drinnen?“
„Ruhe!“, rief Rimorob dazwischen, „Wir müssten gleich
in der Haupthöhle sein! Bleibt dicht zusammen – hast du gehört,
Oblib?“

„Ja, Papa!“, kam die piepsige Antwort in spottendem Tonfall.
Rimorob blieb stehen.
„Das hier ist kein Zuckerschlecken, das ist vielleicht die größte
Herausforderung unserer Heldenkarriere, ich verlange also absolute Konzentration
von euch allen!“
„Hatten wir denn je eine richtige Herausforderung?“, tönte
es aus Salogels Richtung, „Von den Viechern haben wir doch auch schon
ein halbes Dutzend umgebracht.“

„Ja, aber der hier soll ein bisschen größer sein als die anderen…
zumindest hat das die Olle gesagt, die uns diesen Auftrag gegeben hat.“
Darauf entgegnete Oblib:
„He he, Frauen, die übertreiben es doch immer, wenn es um Männerangelegenheiten
wie das Bekämpfen von Dr…“
„Halt den Mund“
„Kommt es nur mir so vor, oder stinkt es hier wirklich ganz gewaltig?“,
fragte Fladnag.

„Scheint an diesem merkwürdigen Luftzug zu liegen…“
„Das hält ja kein Mensch aus!“
„Oder Elf…“, meldete sich Salogel zu Wort.
„Ja ja oder Elf…“
„Und was ist mit mir?“, fragte Oblib.

„Halt den Mund!“, entgegnete Fladnag und fügte hinzu:
„Hm, das scheint eine Tropfsteinhöhle zu sein, seht euch mal diese
ganzen Stalagmiten und Stalaktiten an!“
„Welche waren denn noch mal welche?“, fragte Oblib.
„Klappe! Hier scheint auch irgendwo die Quelle dieses Luftzugs zu sein…“
„Uääähhh, diesen Gestank ertrage ich nicht länger!“,
stöhnte Salogel herum.

„Aber warum haben diese Stalaktiten so eine seltsame Anordnung…? Die
Farbe scheint auch nicht zu stimmen, soweit man das in diesem diffusen Licht
sagen kann.“
Rimorob meldete sich zu Wort:
„Ist euch eigentlich schon aufgefallen, wie weich der Boden auf einmal
geworden ist?“
Die Gefährten sahen sich in dem diffusen Licht unsicher an. Der übel
riechende Luftzug umwehte sie in gleichmäßigen Abständen dröhnend
in dieser unheimlichen Stille.

„Lasst uns ein wenig mehr Licht riskieren!“, sprach Fladnag und
ließ den Kristall am Ende seines Zauberstabs erleuchten. Über den
folgenden, einmaligen Anblick verlor er nur ein Wort:
„Oh!“
Kalessan schluckte.

„Und
du bist dir sicher, dass dieser Herr… wie hieß er noch mal, Schatz?“

„Kalessan…“
„…dass dieser Kalessan unseren Liebling auch annehmen wird?“,
erkundigte sich Rita bei ihrem Mann und versuchte, das laute Quietschen der
Kutschenräder und das Hufgetrappel der Pferde zu übertönen.
„Nein, ich bin mir ganz und gar nicht sicher – aber er ist unsere
einzige Chance… Ninnel, hör bitte damit auf, mit deinem Messer die Kutsche
zu zerkratzen! Außerdem ist er der einzige, der es mit dem… impulsiven
Charakter unseres Sohnes aufnehmen kann.“

„Und warum wohnt er mitten im Wald?“
„Nun… er ist ein Einsiedler?“, entgegnete Karlmax vorsichtig.
„Ein Einsiedler? Unser Sohn soll bei einem Einsiedler
wohnen? Bist du denn von allen Sinnen?“
„Schatz, ich habe dir gesagt, er ist unsere einzige Chance. Wir können
jetzt nicht mehr zurück – wir haben eh schon Glück, dass seine
Behausung ungefähr auf dem Weg liegt. Und sieh es doch mal von der positiven
Seite: Unser Sohn lernt die Natur kennen, lernt, wie er alleine in der Wildnis
überleben kann und verbringt ein paar wildromantische Wochen – nicht
wahr, Ninnel?“

„Ich will nicht zu so einem doofen Einsiedler!“, sagte Ninnel und
begann wieder, mit seinem Messer obszöne Muster in das Holz der Kutsche
zu gravieren.
„Ninnel, ich habe gesagt, du sollst damit aufhören! Sag du doch auch
mal was, Rita!“, wandte sich Karlmax verzweifelt an seine Frau, als sein
Sohn keine Anstalten machte, den Befehl des Vaters zu befolgen.
„Schatz, hör bitte auf damit!“, sagte Rita, woraufhin Ninnel
sie kurz anglotzte, um dann das Messer in seine Tasche zu stecken und seinen
Vater durchdringend anzustarren.
Plötzlich kam die Kutsche abrupt zum Stehen und das andauernde Quietschen
und Hufgetrappel wurde durch lautes, panisches Wiehern ersetzt.

„Oh, ich fürchte, wir sind bald da!“, ließ sich Karlmax
vernehmen und stieg aus dem Gefährt aus.
Um ihn herum erstreckte sich der düstere, verlassene und erschreckend ruhige
Wald. Jedenfalls hatte Karlmax das Gefühl, dass er erschreckend ruhig werden
würde, wenn die Pferde mit ihrem Gewieher aufhörten.
„Die Pferde wolln nich weiter, Sir, weiß auch nich, warum.“,
sagte der Kutscher, ein dreckiger, abgetakelter Unhold mit grauenhaftem Akzent,
der für sämtliche Neudorfer, die beruflich in irgendeiner Form mit
Pferden zu tun hatten, absolut typisch war.

„Ähm, das geht schon in Ordnung, Herr Kutscher, wir gehen ab hier
zu Fuß weiter. Fahrt ihr doch einfach ein wenig zurück, bis die Pferde
sich wieder beruhigt haben und wartet dort auf uns. Sollten wir in… einer
Stunde noch nicht wieder zurück sein, dann fahrt einfach wieder zurück
nach Neudorf und behaltet das Geld – und, wenn ich euch einen Rat geben
darf, fahrt schnell!“, mit diesen Worten warf Karlmax dem Kutscher ein
Beutel mit Gold zu, was normalerweise ein todsicheres Mittel ist, um einen Neudorfer
Kutscher seltsame Befehle ohne Fragen ausführen zu lassen… normalerweise…
„Hoi… und warum so viel, Sir?“, erkundigte sich der Kutscher.
„Ähm… Gefahrenzulage!“

„Ah… Darf man auch erfahrn, warum so viel, Sir?“
Karlmax warf einen Blick auf seine Familie, die eben aus der Kutsche ausgestiegen
war und sagte:
„Nein! Deswegen ist es auch so viel.“
Das reichte dem Kutscher anscheinend, der mit einem Achselzucken die Kutsche
mit den scheuenden Pferden auf dem Waldweg (welcher übrigens merkwürdig
breit war und so aussah, als würde er regelmäßig benutzt werden)
wendete und den Weg zurückfuhr, den sie gekommen waren.

„Könntest du mir mal bitte erklären, was hier los ist?“,
giftete Rita ihren Mann mit in die Seiten gestemmten Armen an.
„Nein, kann ich nicht, aber eine andere Möglichkeit, Ninnel unterzubringen,
gibt es jetzt auch nicht mehr – oder willst du etwa doch, dass er uns
auf dieser interessanten Reise begleitet?“
Karlmax hoffte, dass seine Frau sich noch an den einen Auftritt von ihm erinnerte,
wo Ninnel die „Hoppe Hoppe Reiter mit Sporenstiefeln“-Nummer auf
der Bühne vor dem Publikum mit seinem Vater abgezogen hatte, ohne dass
sich Karlmax dagegen hätte wehren können..

Glücklicherweise war Rita jener Auftritt ebenso peinlich gewesen und noch
immer sehr gut in Erinnerung. Deswegen war nun einer der wenigen Momente gekommen,
in dem sie sich ihrem Mann unterordnete, wenn auch nicht ohne die Arme zu verschränken
und säuerlich vor sich hin zu grummeln.
Nach einigen Minuten Fußmarsch endete der Weg an jenem dunklen, finstren
Höhleneingang mitten im Wald, an den Karlmax nur zu gute Erinnerungen hatte.
Momentan fragte er sich, wie er es damals geschafft hatte, jene Höhle lebendig
zu verlassen und ob ihm das noch ein zweites Mal gelingen würde, von seiner
Familie ganz abgesehen…
„Eine HÖHLE? Eine HÖHLE! Unser Sohn kann nicht mal mehr in einem
richtigen Haus mit einem ordentlichen Bett schlafen? Bist du jetzt vollkommen
übergeschnappt, Karlmax?“, fuhr Rita auf.

„Schatz, er wird es überleben! Nicht wahr, Ninnel?“, entgegnete
Karlmax hilflos.
„Ich will nicht in diese doofe Höhle!“
„Da siehst du’s! Er will nicht da rein!“, sagte Rita.
„Er wollte auch nie zu den Dusseleys…“

„Aber die kannte ich wenigstens.“
„Nun, ICH kenne Kalessan da drinnen – oh bitte, Rita, kannst du
mir nicht ein einziges Mal vertrauen?“
Mittlerweile war Karlmax der Verzweiflung nahe und sich nicht mehr sicher, ob
er die Konfrontation mit Karlmax oder die mit seiner Frau mehr scheute.
„Ich will nicht in diese doofe Höhle!“
Rita schaute ihren Gatten an, zuckte kurz nervös mit den Augenlidern und
sagte dann:

„Halt den Mund und tu, was dein Vater dir sagt!“
Karlmax atmete erleichtert auf – er hatte sie!
„In Ordnung, ich gehe dann jetzt erst mal alleine da rein und rede mit
ihm – ihr wartet solange hier draußen!“
Er traf auf keinen Widerstand mehr und machte sich daran, die Höhle zu
betreten, als er sich wieder fragte, ob die Konfrontation mit Rita vielleicht
doch dem vorzuziehen war, was ihm nun bevorstand…

Die
paar Meter vom Höhleneingang zur Haupthalle überlegte Karlmax verzweifelt,
wie er die Konversation mit seinem „Freund“ denn beginnen sollte,
ohne dessen Launen gleich zum Opfer zu fallen.
„Mensch, Kalessan, lange nicht gesehen! Wie geht’s, wie steht’s?“
Nein…
„Hi Kal, alte Schuppe!“

Nein…
„Hallo Kalessan, ich wollte nur mal wieder bei dir vorbeischauen!“
Nein…
„Fischers Fritz fischt frische Fische!“
Nein… obwohl das Kalessan zunächst vielleicht verwirren und Karlmax mehr
Zeit geben könnte…

Als er die Höhle betrat und Kalessan erblickte, fiel ihm dann eine passende
Begrüßung ein:
„Bevor du einen Laut machst – versuche bitte so zu sprechen, dass
meine Trommelfelle nicht gleich platzen, ja?“
Der ihm gegenüber liegende alte, rote Drache schnaubte verächtlich.
Faul zusammengerollt lag er auf dem Boden seiner Höhle, welcher von alten
Rüstungsteilen, Knochen und kleinen, gelben Pfützen bedeckt war.

Seine Gestalt würden einige als „imposant“, andere als „majestätisch“,
die meisten jedoch nur als „beängstigend groß“ beschreiben,
wobei die Betonung sehr stark auf „beängstigend“ liegen würde.
Doch auch dies taten nur wenige – alle anderen beschrieben ihn als „AAAAAHHHHHH!“
und liefen vor ihm weg, griffen ihn an oder fielen tot um, was allerdings keinen
Unterschied machte, da eh alles auf dasselbe Ergebnis hinauskam…

Aufgrund der vielen verdächtig gelben Pfützen könnte man nun
vermuten, dass der Höhle ein gar grässlicher Gestank anhaftete. Doch
wenn man es schaffte, seinen Blick mal von dem riesigen, roten Besitzer jener
Hallen abzuwenden, fielen einem recht bald ein paar große Tannenbäume
auf, die von der Decke hingen. Beanspruchte man nun noch sein Riechorgan, so
konnte man feststellen, dass der Höhle ein stechend-harziger Nadelwaldgeruch
anhaftete, der dem Gestank von Verwesung und Exkrementen in der Nase fast keinen
Platz mehr ließ.
„Wer bist du, dass du mir Befehle erteilst, Wicht?“, meldete sich
der Drache nun mit einer Stimme zu Wort, die zwar nicht seiner vollen Lautstärke
entsprach, in den Ohren eines nicht-tauben Menschen aber immer noch ziemlich
schmerzte, „Und vor allem: Was duzt du mich?“

Karlmax rutschte das Herz fast in die Hose – nicht nur von der Lautstärke.
Wenn der Drache ihn nicht erkennen sollte, sah es, gelinde gesagt, schlecht
um ihn aus.
„Erkennt ihr mich denn nicht wieder, Kalessan? Ich bin es, Karlmax!“
Er grinste ihn nervös an. Der Drache starrte verächtlich zurück,
schmatzte dann kurz und sagte:
„Ach so, du… Du warst doch gerade erst hier!“

„Das war vor neun Jahren!“
„Sag‘ ich doch…“
„Neun Jahre sind für einen Menschen eine halbe Ewigkeit!“
Kalessan zog das draconische Ambivalent einer Augenbraue hoch und erwiderte:
„Na dann hast du ja noch ein paar Ewigkeiten zu leben, freu dich. Und
jetzt: Verpiss dich!“

Karlmax schluckte und riss sich zusammen. Wozu war er denn hergekommen, wenn
er genau wusste, was ihn erwarten würde?
Moment mal, er hatte keine Ahnung gehabt, was ihn erwarten würde…
Also half nur eines: Das Vorgehen nach dem „Augen zu und durch!“-Prinzip,
mit der Hoffnung, es möge schnell vorbei gehen – was auch immer dieses
Es sein möge…

„Tut mir leid, aber ich bin nicht zum Spaß hergekommen, oder weil
ich euch mal wieder sehen wollte. Ehrlich gesagt möchte ich euch um einen
kleinen Gefallen bitten!“
Kalessans Miene gefror.
Leute, die ihn umbringen wollten – okay!
Leute, die sein Gold stehlen wollten – okay!

Leute, die ihm Opfer darbrachten – okay!
Leute, die ihm die neuste Ausgabe von „Mord ist Sport“ lieferten
– okay, das alles konnte man essen!
Leute, die ihn um einen kleinen Gefallen baten – und dann auch noch Leute,
die er kannte und denen er etwas schuldig war… wie peinlich!

„So so, du bittest mich also um einen ‚kleinen Gefallen‘.
Und was bitteschön verleitet dich zu der Annahme, dass ich dir diesen ‚kleinen
Gefallen‘ auch erfülle und dich nicht einfach umbringe?“, fragte
er, indem er sich mit seinem massiven Kopf dem kleinen Menschen bedrohlich näherte.
Karlmax nahm allen seinen Mut zusammen, holte tief Luft und sagte mit der festesten
Stimme, die er aufbringen konnte:
„Ihr hattet mir vor neun Jahren gesagt, dass ihr mir noch etwas schuldig
wäret. Ich bin nun gekommen, um diese Schuld bei euch einzulösen!“

Soweit sich Karlmax erinnern konnte, hatte Kalessan ein recht ausgeprägtes
Ehrgefühl, und die Hilfestellung, die er ihm beim Retten seiner Magie und
seiner Existenzform als Drache damals geleistet hatte, war nicht gerade gering
gewesen.
Der Drache schien sich zu erinnern:
„Ach ja, dieser kleine, dunkle Fleck in meinem Leben… ich hatte gehofft,
dass du dieses Versprechen vergessen würdest oder zumindest vorher stirbst,
bevor du es einlösen konntest.“, er seufzte tief, „Also schön,
was willst du? Soll ich dir in irgendeinem dein Heimatland bedrohenden Krieg
helfen? Macht euch ein Kollege von mir zu schaffen? Soll ich deinen Leibwächter
spielen?“

„Ehrlich gesagt ist meine Bitte nicht ganz so… umständlich…“
„Oh, du bist knapp bei Kasse… na gut, wie viel brauchst du? Meine Zinssätze
sind für dich natürlich extra günstig…“
„Es geht auch nicht um Geld, mehr um… Betreuung.“, erwiderte Karlmax.
„Oh, ich darf dir irgendein wichtiges Artefakt bewachen? Na, zum Bewachen
sind wir Drachen ja noch gerade gut genug, nicht wahr?“, sprach Kalessan
sarkastisch weiter.

„Nein, es geht auch nicht um ein Artefakt, sondern… um meinen Sohn.“
„Ach so, dein Sohn… BITTE, WAS?“
„Esistnichtlange, wirklich! Nur ein paar Wochen, bis ich und meine Frau
wieder zurück sind, mehr verlange ich nicht.“
„VERLANGST du? Du VERLANGST von mir, dass ich den Kinderhüter für
so einen kleines, widerliches Menschenbalg spiele!?“, zischte Kalessan
hitzig, den Hals gebogen wie eine Schlange, die kurz vor dem Zustoßen
ist.

Karlmax war auf dem besten Weg, den Pfützen auf dem Boden eine weitere
hinzuzufügen.
„Dir ist wohl nicht bewusst, dass ihr Menschen auf meinem Speiseplan ganz
oben steht? Da kommt mir so ein kleiner Wurm, den ich nicht antasten darf, hier
drin nicht gerade gelegen!“, fuhr der aufgebrachte Drache fort.
„Nun, das wäre ein weiteres Problem… Solange der Kleine hier ist,
wäre ich euch auch sehr verbunden, wenn ihr diese… Eigenarten ein wenig
zurückschrauben und woanders ausleben könntet. Nur ein paar Wochen?“,
fügte Karlmax kleinlaut hinzu.

„Das ist ganz toll, wirklich. Kannst du dir wirklich nicht etwas anderes
einfallen lassen, um diese kleine Rechnung zwischen uns zu begleichen? Ich könnte
dir doch Geld geben, meinetwegen auch ohne Zinsen, damit kannst du dir einen,
quatsch, ein Dutzend Babysitter leisten!“
„Das geht nicht, dazu ist es zu spät! Ihr seid meine letzte Hoffnung,
den Jungen irgendwie unterzubringen, denn mitnehmen kann ich ihn auf keinen
Fall! Wie gesagt, es wäre nur für kurze Zeit… und wisst ihr was,
sobald ich ihn dann wieder abgeholt habe, werde ich euch nie wieder belästigen,
das verspreche ich euch! Eure Schuld bei mir ist damit beglichen, und ich werde
euch nie wieder behelligen. Dieser dunkle Fleck in eurem Leben wird praktisch
nie existiert haben!“
Karlmax kam der Verzweiflung nahe. Der Drache schien ihm gegenüber zwar
nicht mehr wirklich aggressiv eingestellt zu sein, dennoch war es seine letzte
Chance, den Jungen loszuwerden.
Kalessan dachte nach – und kam zu einem Entschluss:

„Nur ein paar Wochen?“
„Nur ein paar Wochen!“
„Ich sehe dich danach nie mehr wieder?“
„Nie wieder!“
Der große Drache seufzte erneut:
„Na schön, ich mache es… ein wenig Abwechslung kann hier drinnen
wohl nicht schaden… Also, was muss ich tun?“

Karlmax atmete auf – das war geschafft!
„Nun, ihr müsst vor allem für Essen, Trinken, für eine
Schlafstatt und eventuell auch für Kleidung sorgen.“
„Kleider, das sind diese Dinger, die immer zwischen den Zähnen hängen
bleiben!?“, erkundigte sich Kalessan grinsend.

Karlmax versuchte, ihn zu ignorieren:
„Ihr müsst ihn einfach nur ein bisschen beschäftigen. Er kann
recht anstrengend sein, aber ich bin mir sicher, dass ihr die nötige…
Autorität habt, um damit fertig zu werden.“
„Darauf kannst du zählen, das stimmt. Nun gut, genug geredet, jetzt
kannst du mir diesen kleinen Wurm auch endlich vorstellen und abzischen, damit
ich meinen Spaß mit ihm haben kann!“
Karlmax fand das gar nicht komisch.

„Ich finde das überhaupt nicht komisch, Kalessan. Bitte vermasselt
es nicht! Betrachtet es als… andersartige Herausforderung, wenn ihr wollt,
aber ich möchte meinen Jungen in ein paar Wochen in einem Stück zurück
haben, und zwar genau so, wie ich ihn euch übergebe. Denkt ihr wirklich,
dass ihr dieser Aufgabe gewachsen seid?“
„Die Aufgabe, der ich nicht gewachsen bin, muss erst noch gefunden werden,
Kleiner. Stellst du uns jetzt endlich mal einander vor?“, erwiderte der
Drache ungeduldig.
„Nun, da ist noch ein kleines Problem: Meine Frau weiß noch nicht,
dass ihr ein Drache seid, und… mir wäre es auch lieber, wenn sie es jetzt
noch nicht erfährt… Wenn ihr also mit herauskommen könntet und euch
vorher…“

Er ruderte mit den Armen, unfähig, sein Anliegen auszusprechen. Kalessan
verstand ihn auch so:
„Du weißt, was du da verlangst?“
Karlmax nickte nervös.
„Du weißt, dass ich mich seit dieser letzten Geschichte nicht mehr
verwandelt habe?“
„Ich… kann es mir denken… aber wie groß ist wohl die Wahrscheinlichkeit,
dass irgendein wahnsinniger Magier jetzt gleich vorbeikommt und euch erneut
eure Magie erneut stiehlt? Ha ha?“

Der Drache seufzte:
„Nein, du hast wahrscheinlich Recht… warum mache ich das alles bloß?“
Karlmax hatte ziemliches Glück, dass Kalessan diesen Gedanken nicht weiter
verfolgte. Ansonsten wäre der Drache wahrscheinlich darauf gekommen, dass
er das alles wirklich gar nicht machen müsse, hätte ihn und seine
Familie auf der Stelle umgebracht und sich den ganzen Ärger erspart. Der
Drache wusste, dass er mit seinen Gedankengängen dort herauskommen würde
und verfolgte sie auch Karlmax zuliebe absichtlich nicht weiter, sondern verwandelte
sich einmal mehr in den über zwei Meter großen Hünen in roter
Robe, der sein menschliches Erscheinungsbild war.

„Zufrieden?“, fragte Kalessan lakonisch.
„Ihr habt keine Ahnung, wie dankbar ich euch für das bin, was ihr
hier tut!“
„Ach komm, spar dir den Mist!“
Karlmax atmete erneut erleichtert auf. Der Rest sollte ja jetzt ein Kinderspiel
sein.

Draußen
warteten eine entnervte Ehefrau mit in die Seiten gestemmten Armen sowie ein
lautstark quengelnder Junge auf ihn – die Reihe an stressigen bis lebensgefährlichen
Situationen schien also zunächst doch noch kein Ende zu haben.

„Du hast dir ja ganz schön viel Zeit gelassen, mein Lieber. Ich bin
hier mit dem Jungen fast wahnsinnig geworden.“ – Warum „fast“?,
dachte sich Karlmax angesichts der Schärfe ihrer Stimme. – „Und
was war das für ein lautes Gebrüll, das da aus der Höhle kam?
Ich wäre dir beinahe nachgegangen, wenn da drinnen nicht alles so schmutzig
wäre und so schrecklich stinken würde!“

Karlmax drehte sich erschrocken um, doch Kalessan schien nicht beleidigt, sondern
eher belustigt, wie er es immer war, wenn Menschen mit ihm umsprangen wie mit
einem… Menschen.
„Ähm, Schatz – das ist Kalessan, er wird die nächsten
Wochen auf unseren Sohn aufpassen. Kalessan, meine Frau Rita, mein Sohn Ninnel.“
Verblüfft beobachtete er, wie Kalessan seine Hand ausstreckte, um sie Rita
zu geben. Beide Parteien schienen von dem überaus heftigen Händedruck
ihres Gegenübers ziemlich überrascht und konnten sich anscheinend
nur mit Mühe zurückhalten, keinen plötzlichen Schmerzenslaut
auszustoßen.

„Bin erfreut.“, presste Kalessan hervor und begann, Karlmax‘
Frau abfällig-interessiert (oder auch interessiert-abfällig) von oben
bis unten zu mustern.
„Ebenfalls. Ihr seid also dieser ominöse Kalessan. Wisst ihr denn
überhaupt, wie man mit Kindern umgeht?“, fragte Rita in bemüht
freundlichem Tonfall.
„Hätte mich euer Mann sonst vorgeschlagen?“, entgegnete der
Drache.

„Also habt ihr schon einmal mit Kindern gearbeitet? Oder hattet ihr selbst
einmal eine Familie?“
„Äh, Rita, wir müssen jetzt schnell gehen, der Kutscher wartet
nicht mehr lange auf uns!“, rief Karlmax hastig dazwischen, der das Thema
von Kalessans Familie nun als allerletztes angesprochen haben wollte.
„Aber Schatz, ich möchte schließlich ein wenig über den
Mann erfahren, dem ich meinen Sohn über die nächsten Wochen anvertraue.“
„Ja genau! Ich könnte euch alle ja noch schnell zum Essen einladen
und wir besprechen die ganze Angelegenheit!“, bestätigte Kalessan
mit einem sadistischen Grinsen in Karlmax‘ Richtung.

„NEIN!“, rief Karlmax, lauter, als er eigentlich gewollt hatte,
was eine dieser kurzen, peinlichen Stillen zur Folge hatte.
Mit gesenkter Stimme fuhr er fort:
„Wir haben nicht mehr viel Zeit, wir müssen schnell zurück,
Schatz. Bitte vertrau mir in dieser Angelegenheit einfach – ich vertraue
ihm ja auch.“, sagte er mit einem ebenso vielsagenden Blick auf den grinsenden
Drachen.
„Nun gut Ninnel, wir lassen dich jetzt ein paar Wochen mit Onkel Kalessan
hier alleine. Er wird in dieser Zeit deine Familie für dich sein, also
benimm dich!“, und mit leisem Tonfall fügte er dann hinzu:

„Es ist zu deinem eigenen Besten!“
Rita gab zu Karlmax‘ Erleichterung klein bei und verabschiedete sich ebenfalls
von ihrem Sohn mit den üblichen Ratschlägen immer brav zu sein, dem
netten Herrn doch keinen Ärger zu machen und sich vor dem Essen immer die
Hände zu waschen.
An Kalessan gerichtet sagte sie dann noch:
„Dass ihr mir ja gut auf meinen Sohn aufpasst, und dass ihm auch ja nichts
passiert, versteht ihr? Ich kann zu einer wilden Bestie werden, wenn meinem
kleinen Ninnel etwas zustößt!“

Kalessan beugte sich leicht vor und erwiderte:
„Ich doch auch, meine Liebe…“
Karlmax entschied sich, dass es wirklich an der Zeit war, nun zu gehen, nahm
seine Frau mit sanfter Gewalt beiseite, verabschiedete sich noch mal von seinem
Sohn und richtete sich noch ein letztes Mal an den Drachen:
„Ihr wisst, was ihr zu tun habt?“
Kalessan nickte.
„Dann auf bald! Und… vielen Dank nochmals!“

Der Drache winkte lächelnd ab, was Karlmax jedoch nicht unbedingt beruhigte.
Dennoch verließ er mit seiner Frau nahezu fluchtartig das Geschehen.
Auf dem Weg zur Kutsche fiel ihm ein, was er mit Rita nun während der Abwesenheit
seines Sohnes ebenfalls etwas… ausgiebiger betreiben konnte und lächelte
glücklich – schon bei Sally war Rita wirklich nicht schlecht gewesen…

Für
Kalessan ging das ganze ein klein bisschen zu schnell. Auf einmal stand er alleine
vor seiner Höhle, zusammen mit einem kleinen, ihm völlig unbekannten
Menschenbengel, der ihn mit großen Augen nichtssagend anstarrte. Schlimmer
noch, er musste sich jetzt persönlich um dieses Ding kümmern… nicht
morgen, nicht später, nicht nachher, sondern jetzt, gleich, sofort! Na
toll…

„Komm mit rein!“, sagte er. Auf dem Weg in seine Heimstätte
würde ihm schon einfallen, wie er mit dieser Situation fertig werden sollte.
Er lief ein paar Meter, blieb dann stehen und drehte sich noch mal um –
der Junge hatte sich nicht vom Fleck bewegt und starrte ihn weiterhin durchdringend
an. Das konnte ja sogar ihm fast unangenehm werden…
„Was ist, bist du taubstumm oder so?“
Der Junge – Ninnel hieß er, richtig – schüttelte den
Kopf.

„Bist du vielleicht nur stumm?“
Er schüttelte den Kopf erneut.
„Und was ist dann dein Problem?“
„Meine Mama hat gesagt, ich darf nicht mit Fremden mitgehen.“
„Bitte, mir soll es nur Recht sein!“, mit diesen Worten drehte Kalessan
sich um und betrat seine Höhle. In seinem Hauptwohnraum angekommen, lehnte
er sich lässig an die Wand und wartete auf den Jungen, der ihm ja nun jeden
Moment hinterherkommen müsste.

Währenddessen blieb Ninnel draußen stehen und beobachtete zunächst
die Umgebung der Höhle, ohne sich dabei auch nur einen Millimeter zu rühren.
Nachdem er mit seiner Beobachtung fertig war, entschied er sich dazu, abzuwarten,
was denn als nächstes passieren würde. Er wartete ungefähr eine
halbe Stunde, dann stürmte ein wütender, roter Hüne aus der Höhle,
packte ihn am Kragen und schleifte ihn in sein Heim. Ninnel grinste stumm in
sich hinein.
Als Kalessan ihn, in seiner Höhle angekommen, an der Gurgel hochhob, grinste
er nur noch breiter.

„Jetzt hör mir mal zu, du Wurm! Solange du bei mir bist, wirst du
tun, was ich dir sage, nicht das, was deine werte Mutter dir irgendwann mal
gesagt hat – denn sie ist nicht hier, um dich zu beschützen, und
anscheinend soll ich diese Aufgabe übernehmen. Aber ich habe nicht die
geringste Lust, auf so ein kleines Menschlein aufzupassen, das mir keinen Respekt
zollt!“
Dass dem Jungen die Luftzufuhr abgeschnitten war, tat seinem Grinsen anscheinend
keinen Abbruch. Kalessan ließ ihn hinunter.
„Wenn du das noch mal machst, sage ich es meiner Mutter und die macht
dich dann zur Schnecke!“, sagte Ninnel mit einer für das eben Erlebte
nahezu unnatürlichen Ruhe.

„Und ich mache sie zu meinem Frühstück, sollte sie es versuchen.
Nur, weil ich deinem Vater was schuldig bin, heißt das nicht, dass ich
mir von ihm oder seinen Verwandten alles gefallen lassen muss! Hör also
gefälligst auf, mich zu duzen und zoll mir den Respekt, der mir gebührt!“
Ninnel fing wieder an, fies zu grinsen und brach daraufhin in folgenden Singsang
aus:
„Dududu duDu duDu duDudeldiDU, DU DU DU DU DU, dudeldudelDUdudu.“
Kalessan konnte sich nicht mehr daran erinnern, dass ihn je jemand offener und
vor allem sorgloser als jetzt verspottet hatte, was natürlich hauptsächlich
an seiner momentanen, weit weniger eindrucksvollen Gestalt lag.

„…Dududu, DuduDUdududu…“
Es reichte – jetzt kam die Zeit, um Eindruck zu schinden. Kalessan leitete
die Verwandlung ein und begann, zu wachsen und sich zu verändern.
„Dududu, dududu… dududu… «
Er wuchs und wuchs und wuchs und wuchs…
„Dudu… dudu… du…“

…und wuchs und wuchs und wuchs und wuchs…
„Du… du…“
…und wuchs, bis schließlich nicht mehr Onkel Kalessan, der Zwei-Meter-Mann,
sondern Kalessan der Fünfzig-Meter-Drache, die Höhle ausfüllte.
„…du… du?“
Kalessan beugte seinen massiven Schädel hinunter und brachte ihn kurz vor
dem kleinen Menschenjungen zum Verharren.

„Na, was sagst du jetzt, Winzling?“, brachte er leise, aber bedrohlich
hervor.
Ninnel zögerte kurz und sah ihn weiterhin ausdruckslos an. Dann sagte er:
„Du bist hässlich und du stinkst!“

Ausatmen!
Drachen können zu einigen der gefährlichsten Wesen der gesamten Welt
heranwachsen. Kalessan ist alt und sein persönlicher Gefährlichkeitsgrad
darf aufgrund seines Temperaments noch potenziert werden. Damit überholt
er sogar die drei schrecklichen Furien Alexzstrzuszszuszia, Chmlech’krach!clochchmchmrn
und Karl-Heinz, die vor allem wegen ihrer schrecklichen Namen und ihrer Angewohnheit,
sich nur mit vollem Namen anreden zu lassen, gefürchtet werden. Bei letzterer
streitet man übrigens noch um ihr Geschlecht – natürlich nur
in ihrer Abwesenheit.

Und ausatmen!
Ein Wesen wie Kalessan zu reizen ist also sehr sehr dumm.
Kalessan war sich dessen vollkommen bewusst, weswegen er, teilweise um sich
selbst zu beruhigen, diese Kreatur vor ihm einfach nur als „bemitleidenswert
dumm“ abtat und sich einredete, dass es doch eine viel größere
Bösartigkeit wäre, sie in diesem Zustand vollkommenster Dummheit weiterhin
existieren zu lassen, anstatt sie von ihrem Leiden zu erlösen.
Und wieder ausatmen!

„Na, haben wir uns langsam an diesen ‚Gestank‘ gewöhnt?“,
sagte er, bevor das groteske Pendel wieder zu ihm zurück schwang und er
es erneut mit einem kräftigen Hauch wieder in die andere Richtung pustete.
Ninnel hing kopfüber an einer langen Kette von einer der geruchsintensiven
Tannen in Kalessans Höhle und pendelte, vom Atem des Drachen angetrieben,
nun schon seit einiger Zeit immer hin und her.
„Ich erzähle meiner Mama davon!“, sagte er.

„Ach, und was will deine Mama gegen einen ausgewachsenen Drachen wie mich
ausrichten? Mir im Hals stecken bleiben?“
Überraschenderweise fand Ninnel darauf keine Antwort.
Mit einer Klaue brachte Kalessan das Ninnel-Pendel zum Anhalten und funkelte
den Jungen mit seinen gelb glühenden Augen an.
„Wir werden diese kleine Prozedur ab jetzt immer dann durchführen,
wenn du dich nicht benimmst, klar?“
Ninnel nickte.

„Und wenn du deiner Mutter oder deinem Vater davon erzählst, dann
werde ich sie hier auch aufhängen – das willst du doch nicht, oder?“
Ninnel schüttelte den Kopf.
„Gut, also wenn ich dich jetzt runterlasse, wirst du dich dann benehmen
und deine Beleidigungen zurücknehmen?“, fragte der Drache ihn mit
schiefgelegtem Kopf.
„Ja.“

Kalessan berührte die Kette kurz, welche mit einem leisen Klicken aufsprang.
Ninnel setzte er auf dem Boden vor sich ab und starrte ihn forschend an.
„Na… ich höre?“
Der durch Kalessans Prozedur sichtlich grün angelaufene Junge schaute ihn
trotzig an, sagte dann aber mit gesenktem Blick:
„Tutmirleid…“
Kalessan knurrte kurz, gab sich aber mit der Antwort zufrieden… mehr durfte
man von diesem Balg wohl nicht erwarten.

Dieser sich von seiner kleinen Folter offenbar sehr schnell erholende Balg sprach
ihn jedoch erneut an:
„Ich hab‘ Hunger!“
Faszinierend, wie viel Suizidpotential diesem Jungen anhaftete – jener
Satz erinnerte Kalessan nämlich just an seine eigenen, aufgrund dieses
in Griffweite liegenden, kleinen Snacks selber wieder erwachten Hungergefühle.
Zum Glück mochte der Drache Herausforderungen – als gefährlichstes
Wesen der Welt hat man nicht mehr viele. So galt es, die eigene Selbstbeherrschung
stärker sein zu lassen als Ninnels Eigenschaft, sich in ungeahnte Gefahrensituationen
zu bringen.

Nur fiel Kalessan erst jetzt auf, was für ein Problem die Nahrungsbeschaffung
für das Kind sein würde. Die örtliche Fauna packt nämlich
schneller die Koffer als man „Blaubeerpfannkuchen“ sagen kann, wenn
sich ein Wesen wie Kalessan in der Nähe einnistet und zum Beeren pflücken
und Brot backen sowie zum Einfach-in-die-nächste-Stadt-gehen-und-etwas-kaufen
war der Drache zu stolz.
Somit blieb nur das einzige Nahrungsmittel übrig, das dumm genug war, angesichts
der Präsenz des Drachen nicht zu fliehen.

Das einzige Nahrungsmittel, von dem Kalessan ganz genau wusste, wo er es finden
und einfach bekommen könnte.
Das einzige Nahrungsmittel, das Kalessan auch auf sehr schmackhafte Art und
Weise zubereiten konnte.
Und das war nun mal…

„Was
ist denn das?“, fragte Ninnel, als er das von Kalessan einige Zeit später
zubereitete Gericht sah. Es handelte sich um einen großen, sehr dunkelbraunen
bzw. bereits schwarz verkohlten, unförmigen Fleischklumpen, dessen Zubereitung
darin bestand, dass es auf dem Blatt einer großen, grünen Pflanze
lag. Man beachte, wie das Attribut „schmackhaft“ von Spezies zu
Spezies vollkommen unterschiedlich interpretiert wird.

„Ist doch egal, wovon das stammt. Das ist Fleisch, das ist nahrhaft, das
ist gesund – also iss!“, erwiderte der sich momentan in seiner menschlichen
Gestalt befindliche Kalessan.
„Das da sieht aber aus wie eine Hand!“, zeigte Ninnel auf ein aus
der Masse herausragendes Fleischstück.
„Ähm… da spielt dir deine Phantasie wohl einen Streich… du hast
doch sicherlich Hunger? Also iss endlich!“
Der leichte Anflug von Panik in Kalessans Stimme war sicherlich auch nur ein
Streich von Ninnels Phantasie…

„Aber an der Hand steckt noch ein Ring dran!“
Kalessan erlebte das faszinierende, menschliche Gefühl eines spontanen
Schweißausbruchs, als er näher hinsah und das glänzende Stück
Metall entdeckte, das auf einem der kleinen Auswüchse des Fleischklumpens
steckte.
Blitzschnell nahm er den Ring und brach dabei das Stückchen Fleisch, das
einem menschlichen Finger wirklich gar nicht mal so unähnlich war, ab.

Mit den Worten „Das ist gar kein Ring, sondern ein… ähm… ein
Stück Fett!“ steckte er ihn sich in den Mund und kaute darauf herum
– für einen Drachen in Menschengestalt ist das gar nicht mal so schwer,
da seine natürliche Kraft sich auf andere Erscheinungsformen seiner Wahl
überträgt. Bei einem Amok laufenden Drachen in Gestalt eines süßen
Kätzchens kann das schon mal ganz witzige bzw. blutige Ergebnisse haben,
was jedoch eine Episode seines Lebens ist, die Kalessan nicht gerne erwähnt
haben will. Für einen Drachen ist es jedenfalls ungefähr so anstrengend
einen soliden Metallgegenstand zu kauen, wie für einen Menschen eine Walnuss
mit Schale zu essen… man verzichtet also lieber darauf.

„Hmmm… lecker!“, würgte der Drache hervor und schluckte den
Ring hinunter. Leider hatte er ihn noch nicht auf eine für die Speiseröhre
seiner menschlichen Form akkurate Größe zurechtgekaut, weswegen ihm
das Metallstück auch wortwörtlich im Halse stecken blieb. Für
ein Wesen, das einen ganzen Ritter inklusive Rüstung, Pferd, Lanze und
allem Zubehör (wenn vorhanden also inklusive Knappen) schon mal im Stück
verschluckt eine entsprechend peinliche Situation. So taumelte Kalessan also
hustend und würgend durch die Pfützen seiner Höhle, schaffte
es dann irgendwie, seinen Hals zu befreien und das stark verformte Metallstück
wieder auszuspeien. Das laute *pling*, das ertönte, als der ehemalige Ring
auf dem Boden aufschlug, verhallte peinlich im Raum. Kalessan sah Ninnel erschöpft
von der Seite an.

Der Kommentar des Jungen zu der Situation war:
„Ich esse kein Fleisch!“
Über diesen Satz vergaß Kalessan sogar das Erschöpftsein und
starrte den Jungen ungläubig an.
„Du willst mir nicht wirklich erzählen, dass du einer von diesen…
wie hießen sie noch mal… Vegetierenden bist!?“

Ninnel nickte.
„Das soll also heißen, dass ich diesen schönen Braten hier
vollkommen umsonst getö… gefangen und zubereitet habe und jetzt noch
mal losziehen darf, um dir… Beeren oder… Brot oder so ein Zeug zu besorgen!?“,
fragte der Drache mit mühsam unterdrückter Wut in der Stimme.
„Ich mag auch Kartoffeln!“, sagte Ninnel fröhlich grinsend.

Kalessan erkannte, dass er um einen Einkauf in der nächstgelegenen Stadt
mit zugehöriger Beratung wohl nicht herumkommen würde – doch
man kannte ihn in dieser Gegend und wusste genau, was für eine Kreatur
er war, was wohl zu einer weiteren für ihn entsprechend peinlichen Situation
führen würde.
Nun war der Moment gekommen, an dem sich Kalessan ernsthaft fragte, warum er
sich überhaupt die Mühe machte. Warum er diesen kleinen Winzling nicht
einfach umbrachte und auffraß, wie er es mit so vielen vorher schon getan
hatte. Und warum er seine Eltern nicht auch gleich beseitigte. Moralische Probleme
sollte es ihm aufgrund seiner ethischen Einstellung gegenüber der Menschheit
doch eigentlich nicht bereiten!?

War es die offene Schuld gegenüber Karlmax, der ihm schließlich mehrfach
das Leben gerettet hatte?
War es die Herausforderung, einmal Selbstbeherrschung und auch Verzichten unter
Extrembedingungen zu üben?
Oder hatte ihm die Jahrtausende währende Einsamkeit und der Hass ganzer
Völker gegen seine Person doch mehr zugesetzt, als er eigentlich wahrhaben
wollte?
Eine genaue Antwort wusste er nicht – am Ende stand nur die Entscheidung:

„Ach, verdammt, na gut!“

Eine
noch so unangenehme Aufgabe kann erträglich werden, wenn man sie richtig
angeht. Um also vegetarische Nahrungsmittel herbeizuschaffen, von denen er keine
Ahnung hatte, stattete er der größten Stadt innerhalb seines Reviers
einen Besuch ab und forderte bei einer schnell organisierten öffentlichen
Kundgebung ein Opfer der Bevölkerung in Form von Lebensmitteln, welches
ihm fortan wöchentlich in seine Höhle gebracht werden solle, zahlbar
mit Abschließen jener Kundgebung.
Kalessan hatte die menschliche Bevölkerung in seiner Umgebung schon oft
in Abständen von ein paar menschlichen Generationen zu kleinen und großen
Tributen aufgefordert. Zu weit trieb er es dabei jedoch nie, da es doch sehr
unpraktisch sein kann, wenn einem das letzte verbleibende Nahrungsmittel einfach
in Scharen wegläuft und man mit einer insgesamt eher ärmlichen bis
nicht vorhandenen Tierwelt in der nächsten Umgebung zurückgelassen
wird.

Menschen lassen sich jedenfalls nicht lange bitten, wenn ein roter Drache auf
ihrem Marktplatz landet und ihnen Forderungen unterbreitet – seien sie
noch so seltsam und enthielten Dinge wie „vegetierende Lebensmittel“…
Kurze Zeit später flog Kalessan mit mehreren großen Behältern
voller Getränke und dieser Lebensmittel, die Menschen so gerne aßen,
ein wenig stolz auf sich, weil er diese prekäre Situation so clever gelöst
hatte, zurück zu seiner Höhle im Wald.

Ein wenig verwundert darüber, dass Ninnel sich immer noch darin aufhielt
(heimlich hatte er ja doch gehofft, dass der kleine Quälgeist von selbst
in den Wald laufen und von Kalessans Wolfshorde oder, besser noch, seinem alten
Gehilfen, gefressen werden würde), präsentierte er dem Jungen die
Lebensmittel, die dieser zu Kalessans noch größerer Verwunderung
annahm und sogar aß, was aus der Sicht des Drachen durchaus als eine Verbesserung
der Lage angesehen werden durfte.
Jedoch waren anscheinend noch längst nicht alle Bedürfnisse des kleinen
Menschen als abgehakt zu betrachten. Über das eine wird weder in der Literatur
noch in den Medien der unseren Welt gerne gesprochen, die gesamte Problematik
dieses Bedürfnisses sei jedoch mit Ninnels Satz „Ich muss mal Pipi!“
und dem Antwortsatz von Kalessan „Du musst mal was?“ zumindest
einmal angeschnitten. Zusammenfassend sei berichtet, dass jene Situation auch
die Sätze „Ich muss mal groß!“ und „Kannst du mir
mal abwischen?“ beinhaltete, aber das gehört im Detail nun wirklich
nicht hierher. Man sollte meinen, dass dies der ohnehin schon angeschlagenen
Psyche Kalessans den Rest geben müsse – doch ganz im Gegenteil, der
Drache fand es eher interessant, dieses Grundbedürfnis des menschlichen
Körpers näher zu beobachten, was ausnahmsweise mal Ninnel unangenehm
war.

Das Interesse für menschlichen Stoffwechsel lässt sich am besten erklären,
wenn man im Gegensatz dazu den eines Drachen mal näher betrachtet. Drachen
können einen ungeheuer hohen Anteil der Nahrung, die sie aufnehmen, auch
wirklich in Energie umsetzen – der geringe Prozentsatz an biologischem
Abfall, der beim Verdauungsprozess übrig bleibt, wird über periphere
Organe der Haut ausgeschieden, was jetzt natürlich höchstens für
einen Biologen von Interesse sein und von diesem wahrscheinlich auch noch aufs
schärfste wissenschaftlich zerpflückt werden dürfte. Dieser außergewöhnliche
Metabolismus des Drachen soll jedenfalls so stark sein, dass er es ihnen ermöglicht,
sogar Edelsteine zu schlucken und zu verdauen. Jeder Drache, der das einmal
ausprobierte, merkte jedoch, dass diese Behauptung nur zu 50 % wahr ist. Er
konnte den Stein schlucken und wurde nicht mal mehr zwingend krank, wiederholte
diese Tat jedoch nicht wieder – probieren Sie doch mal, einen 40karätigen
Edelstein auszuschwitzen!

Um auf menschliche Bedürfnisse zurück zu kommen – eines der
für Kalessan vielleicht angenehmsten stand noch offen. Und auf dieses war
er indirekt sogar vorbereitet…
Es äußerte sich in einem ausgedehnten Gähnen von Ninnel, einhergehend
mit der Frage:
„Wo soll ich denn schlafen, Onkel Kalessan?“

„Nenn mich nicht Onkel!“, zischte der Drache zurück, bewegte
sich aber gleichzeitig in die hinteren Bereiche seiner Höhle – möglichst
weit weg von diesem kleinen Etwas, das die Frechheit besaß, ihn „Onkel“
zu nennen, während der Rest der Menschheit noch nicht mal mehr mit einem
„durchlauchtigste Hochwürden“ durchkam – und in Richtung
seiner persönlichen Schatzkammer.

Wie bei Drachen nun mal üblich hatte auch Kalessan im Laufe seines langen
Lebens eine beachtliche Sammlung an Kostbarkeiten und Schätzen zusammengetragen.
Er war von seinen Reichtümern nicht ganz so besessen wie sein mehr oder
weniger verhasster Kollege Smahug, es reichte ihm also, sich lediglich ein paar
Stunden täglich an dem reinen Schein und dem süßen Klang des
Goldes zu ergötzen. In seiner Sammlung befand sich jedoch bereits ein mehrere
Jahrhunderte altes, rustikales Himmelbett +3, welches nahezu ausschließlich
aus Gold und Edelsteinen zu bestehen schien, dessen Vorhänge aus Seide
und dessen Decke aus Samt gemacht war.
Das Bett hatte er von einem Herrscher namens Futsch XIII. entwendet, der es
anscheinend sehr lustig gefunden hatte, Kalessan mit einer ganzen Armee anzugreifen.
Nicht mehr sehr lustig fand er später, sein ganzes Reich in Flammen zu
sehen und letztendlich Bekanntschaft mit dem Drachen selbst, beziehungsweise
mit seinem Verdauungssystem zu schließen. Kalessan erfuhr an Ort und Stelle,
dass Futsch XIII. aufgrund ernsthafter Schlafstörungen das gesamte Vermögen
seiner Ländereien für die Anfertigung dieses speziellen Bettes ausgegeben
hatte, was ihn angeblich wieder in Ruhe schlafen ließ. Dies erklärte
auch die vollkommene Abwesenheit jeglicher sonstigen Wertgegenstände auf
der Burg des Regenten, den Angriff seiner Armee auf Kalessan und dessen Reichtümer
sowie die militärische Stärke jener Armee, bestehend aus zehn invaliden
Greisen, die Futsch XIII. nur noch aus Loyalität zu dessen Vater dienten,
welcher sich übrigens aus Scham über seinen eigenen Sohn selbst das
Leben genommen hatte.

Das Bett war jedenfalls der einzige Gegenstand von Wert, den Kalessan hätte
mitnehmen können, was er letztendlich dann auch getan hatte. Ninnel würde
sehr bequem schlafen können.
Die Vorstellung, dass der Junge inmitten seiner Reichtümer schlafen würde,
behagte Kalessan jedoch nicht so recht, daher blieb ihm wohl oder übel
nichts anderes übrig, als den Jungen mit ihm zusammen in seiner Hauptwohnhöhle
schlafen zu lassen. In seiner menschlichen Gestalt brachte er das Bett in die
große Höhle zurück.

Ninnel beobachtete Kalessan, als dieser das zu seiner momentanen Größe
überproportional riesige, funkelnde Etwas an Bett hinter sich her schleifte
und bekam handtellergroße Augen.
„Oah, ist das etwa mein Bett?“
Sofort, als das Bett an Ort und Stelle – nämlich in der dunkelsten
Ecke der Höhle, genau gegenüber zu der, wo Kalessan selbst immer schlief
– platziert war, sprang Ninnel auf die Matratze und hüpfte fröhlich
auf und ab, was von einem stetig lauter werdenden Quietschen der bereits etwas
rustikaleren Federn begleitet wurde.

Mit Entsetzen beobachtete der Drache, wie sein schönes Bett langsam in
Grund und Boden gehüpft wurde. Schnelle Maßnahmen mussten ergriffen
werden:
„Wenn du dieses Bett kaputt machst… dann erzähle ich das deiner
Mutter!“
Das Quietschen verstoppte abrupt. Kalessan machte anscheinend ernsthafte Fortschritte
in der Kontrolle dieses kleinen Quälgeists. Die Gelegenheit nutzte er aus:
„Und jetzt leg dich sofort hin und schlaf!“

Tatsächlich verkroch sich Ninnel auch schon unter der Samtbettdecke.
Doch gerade als Kalessan sich umdrehte und zu seiner eigenen Schlafstätte
gehen wollte, ertönte es hinter ihm:
„Erzählst du mir noch eine Gute-Nacht-Geschichte?“
„Eine was?“
„Eine Geschichte! Ansonsten kann ich immer so schlecht einschlafen.“

„Du willst eine langweilige Geschichte hören, von der du einschläfst?“,
fragte der Drache ungläubig.
„Nein, einfach nur eine Geschichte… bitte!“, fügte der kleine
Junge mit Rehäuglein hinzu.
Drachen sind gute Geschichtenerzähler, und Kalessan machte da keine Ausnahme.
Also ließ er sich nicht mehr lange bitten, setzte sich auf die Ecke vom
Bett, die am weitesten von Ninnels Kopf entfernt war und begann seine Geschichte,
die ihm für diesen Anlass angemessen erschien:

„Es
war einmal ein kleiner, roter Drache. Der konnte nicht verstehen, warum seine
Brüder und Schwestern, seine Eltern, ja seine ganze Familie immer so gemein
zu den Menschen war. Seine Verwandten sagten nur immer:
‚Von den Menschen halte dich fern, sie sind gemein und bösartig und
möchten uns alle umbringen!‘
Doch der kleine Drache konnte das nicht verstehen. Deswegen hatte er auch keine
Freunde unter den anderen Drachen und sie lachten ihn immer aus, wenn er bei
ihnen mitspielen wollte.
‚Du kannst ja noch nicht mal Feuer speien!‘, riefen sie.
Also beschloss der kleine Drache eines Tages, in die Welt hinaus zu ziehen und
sich selbst Freunde zu suchen. Er kam in einen Wald und in diesem Wald traf
er auf den Hasen. Der kleine Drache fragte den Hasen:

‚Möchtest du mein Freund sein?‘
Doch der Hase antwortete nur:
‚Ich, dein Freund? Was hätte ich von einer Freundschaft mit dir?
Du bist doch viel zu groß, um in meinen kleinen Bau zu passen und ich
habe keine Flügel, um dich in deiner Höhle in den Bergen zu besuchen
– nein danke!‘
Und der Hase verschwand wieder in seinem Bau und kam nicht mehr hinaus.

Da wanderte der kleine Drache weiter und traf auf den Fuchs:
‚Fuchs, möchtest du mein Freund sein?‘
‚Ich, dein Freund? Warum sollte ich dein Freund werden wollen? Du bist
ein Geschöpf der Lüfte und ich lebe am Boden. So groß wie du
bist, würdest du mich hier im Wald auch nur beim Jagen behindern. Geh weg,
ich brauche keinen Freund wie dich!‘
Der kleine Drache lief weiter durch den Wald und traf auf den alten Bären.

‚Bär, willst du vielleicht mein Freund werden?‘
‚Ach, junger Drache, meine Knochen sind schon so alt und müde, ich
mache es wohl nicht mehr lange. Außerdem beginnt jetzt bald der Winter
und ich werde mich in meine Höhle zum Winterschlaf zurückziehen. Und
in diese kleine Höhle passt du nie im Leben rein!‘
Da war der kleine Drache sehr traurig, und er ließ sich auf einer Lichtung
nieder und weinte gar bitterlich. Da kamen auf einmal aus dem Wald seltsame
Gestalten. Sie hatten weder Fell noch Schuppen, sondern nur komische, bunte
Leiber und rosa Köpfe mit kleinen Haarbüscheln darauf.

‚Das müssen Menschen sein!‘, dachte sich der kleine Drache.
Die Menschen umkreisten ihn und sahen ihn komisch an, da fragte sie der kleine
Drache:
‚Hallo, ihr Menschen! Wollt ihr meine Freunde sein?‘
Einer der Menschen hatte einen kurzen, glänzend silbernen Stab dabei. Mit
diesem Stab piekte er den kleinen Drachen in die Seite.
Der kleine Drache verspürte auf einmal einen heftigen Schmerz, und als
er sich umdrehte, floss dunkles, rotes Blut aus einer Wunde an seiner Seite.

Da wurde der kleine Drache sehr böse, er nahm den Menschen der ihn gepiekt
hatte und riss ihn in zwei Teile, sodass das Blut zu allen Seiten wegspritzte.
Auf einmal zogen die anderen Menschen auch alle silberne, glänzende Stäbe
und begannen, auf den kleinen Drachen loszugehen.
Da wurde der kleine Drache noch viel wütender, denn er hatte den Menschen
ja gar nichts getan. Also schnellte sein Kopf vor und biss dem nächst besten
Menschen in den Oberkörper, nahm ihn hoch und schüttelte ihn solange,
bis sein blutiger Unterleib abriss und weggeschleudert wurde. Angefacht durch
den Geschmack des Blutes, hieb er mit seinen scharfen Krallen nach den kleinen
Kreaturen links und rechts von ihm, und immer, wenn er sie traf, ertönte
ein matschiges Geräusch, und die Körper der kleinen Menschen wurden
zerfetzt.

Nach kurzer Zeit war der kleine Drache von entstellten, menschlichen Körperteilen
umgeben und von seinen scharfen Klauen und spitzen Fängen tropfte rotes
Blut. Gerade zerquetschte der kleine Drache einen weiteren Menschen auf dem
blutgetränkten Boden, als die letzte der komischen, kleinen Kreaturen sich
umdrehte, um zu fliehen.
Da nahm der kleine Drache all seine Kraft zusammen und spie eine blaue Stichflamme,
die den Menschen in seinen eigenen Körpersäften langsam kochte.
Der kleine Drache war sehr stolz auf sich und wollte seine neu entdeckte Kraft
sofort ausprobieren. Er breitete seine Flügel aus und hob ab.
Schon bald entdeckte er aus der Luft eine Ansammlung von komischen Holzgebilden,
die oben mit Stroh bedeckt waren. Überall um sie herum wuselten die kleinen
Kreaturen, die man Menschen nannte. Das war genau das, wonach er gesucht hatte!

Der kleine Drache landete mitten zwischen den Holzdingern und setzte einige
von ihnen mit einem mächtigen Feuerstrahl sofort in Brand. Das machte den
kleinen Drachen unglaublich stolz – endlich hatte er etwas gefunden, womit
er spielen konnte!
Die Menschen versuchten natürlich sofort allesamt zu fliehen… doch sie
würden meinem Zorn niemals entkommen!
Ich spie Feuerwelle um Feuerwelle, und diese miesen, erbärmlichen Kreaturen
vergingen allesamt in dem Flammenmeer, das ich entfachte. Oh, ich hatte Spaß
daran, zuzusehen, wie ganze Familien umkamen, wie sie bei lebendigem Leibe verbrannten
und wie sich mir einige verzweifelte Menschen mit ihren kleinen Werkzeugen entgegenstellten,
nur um von mir zerfetzt zu werden…

Und dann war da dieser kleine Junge, der mich einfach nur anstarrte und sich
kein bisschen rührte. Er starrte mich sogar immer noch an, rührte
sich nicht und sagte kein Wort, als ich ihn aufnahm und dann langsam…“

Drachen
sind zwar sehr gute Geschichtenerzähler, aber wahnsinnig schlechte Pädagogen,
zumindest nach menschlichen Maßstäben.
Denn auf einmal erreichten die Worte, die Kalessan aussprach, auch den mitdenkenden
Teil seines Gehirns, und ihm wurde bewusst, was er da eigentlich redete.
Schockiert wagte der Drache einen Blick in Ninnels Richtung, doch der kleine
Junge war mit einem friedlichen Lächeln auf dem Gesicht eingeschlafen.

Es hätte auch eine von Schrecken verzerrte Grimasse sein können –
Kalessan hatte noch so seine Probleme mit dem Deuten menschlicher Gesichtsausdrücke…

Am
nächsten Morgen wachte Kalessan benommen und mit knurrendem Magen auf.
Der Drache war niemals gerne über einen längeren Zeitraum hungrig
und machte sich auch sofort auf die Suche nach etwas Essbarem. Seltsamerweise
wurde er noch in seiner Wohnhöhle fündig. Geistesabwesend steckte
er sich den kleinen Leckerbissen in sein Maul und lutschte darauf herum, sich
darüber wundernd, da er seine Nahrungsmittel doch sonst immer nur frisch
bezog und nie einlagerte. Da ertönten mit einem Mal die Alarmglocken der
Erkenntnis in Kalessans Kopf und der Drache spie sein Beinahe-Frühstück
schleunigst in seine Pranke, bevor es sich der vernünftigere Teil seines
Gehirns anders überlegte.

Triefend vor draconischem Speichel saß Ninnel in Kalessans Hand und sah
den Drachen vorwurfsvoll an.
„Erzähl mir nicht, dass dein Mund nicht stinkt!“
„Ähm…“
„Wolltest du mich gerade wirklich auffressen?“
„Ähm… nein!“, suchte Kalessan fieberhaft nach einer Ausrede
für seine morgendlichen Anlaufschwierigkeiten, „Ich wollte… dich
nur waschen! Wir Drachen reinigen uns so, verstehst du?“

Ninnels Gesichtsausdruck sagte selbst Kalessan, dass er schon über eine
normale Wäsche nicht sehr erfreut gewesen wäre.
„Ihr fresst euch gegenseitig auf, oder wascht ihr euch wirklich so?“,
fragte der Junge.
„Habe ich dich aufgefressen?“
Ninnel überlegte kurz:

„Nun… nein?“
„Also habe ich dich gewaschen, siehst du!“
„Ich fühl mich aber gar nicht sauber!“
„Halt den Mund!“, entgegnete der Drache und setzte Ninnel wieder
auf den Boden seiner Höhle, um sich Gedanken darüber zu machen, wo
er jetzt etwas zu Essen herbekommen könnte, ohne den Jungen zur Lösung
dieses Problems verwenden zu müssen. Einige Sekunden lang herrschte Stille,
bis Ninnel das Schweigen unterbrach:

„Du, Onkel Kalessan?“
„Ja?“, antwortete der Drache entnervt.
„Das war eine schöne Geschichte gestern Abend!“
„Halt den… oh… danke!“, sagte Kalessan, sichtlich überrascht.
„Warst du das in der Geschichte?“

Der Drache fuhr zusammen und giftete den Jungen an:
„Wie weit hast du mitgehört?“
Ninnel zuckte mit den Schultern.
Kalessan schnaubte, drehte sich von dem Kind weg und hielt es für besser,
dessen Frage nicht zu beantworten, als schon die nächste kam:
„Du, Onkel Kalessan?“

„Ja?“
„Meine Kleider sind ganz nass, ich brauche neue!“
Der Drache stöhnte auf. Wer hatte denn schon mal davon gehört, dass
einem roten Drachen statt Jungfrauen zusätzlich zu vegetarischen Nahrungsmitteln
sogar noch Kleider als Opfergaben dargebracht wurden? Er beschloss, wieder auf
jene guten, alten Methoden zurückzugreifen, wenn er die ganze Sache hier
hinter sich gebracht hatte – es galt, einen Ruf zu wahren!
Wenigstens musste er beim Besorgen von Kleidung und Nahrungsmitteln nicht mit
diesem Quälgeist zusammen sein…

Als
die folgenden Tage vergingen, pendelte sich eine gewisse Form der Beziehung
zwischen Kalessan und Ninnel ein, die am ehesten mit der Beziehung zwischen
Haustier und Herrchen zu vergleichen ist. Leider konnten sich beide Parteien
nicht darauf einigen, welcher von ihnen denn nun das Haustier sei.
Kalessan entdeckte, dass Ninnel durchaus zu ertragen war, wenn der Drache ihm
Geschichten erzählte. Und ein Wesen, das schon mehrere Millennien auf dem
Buckel hat, kann so einiges an Geschichten erzählen, wobei Kalessan jedoch
darauf achtete, nicht mehr allzu persönlich in seinen Ausführungen
zu werden und wichtige Details über seine Rasse und sein Leben wohlweislich
vorzuenthalten.
Ninnel wurde einigermaßen ruhig gehalten, sein Nachschub an Versorgungsmitteln
und Kleidung war gesichert und Kalessan begann, ein Interesse an dem Jungen
zu entwickeln, das immerhin dem eines Insektenforschers gegenüber einer
Zecke gleicht, die sich an seinem Körper festgesaugt hat.
Es war eigentlich ein Zustand, der in dieser Form hätte beibehalten werden
können, hätten sich nicht die Ereignisse der zweiten Woche auf einmal
überschlagen…

Kalessans
Geruchsinn und Gehör hatten ihm schon einige Zeit vorher die folgende Begegnung
angekündigt, und normalerweise war er ein wenig Unterhaltung dieser Art
nicht abgeneigt, dennoch hätte er es in diesen paar Wochen lieber vorgezogen,
eine derartige Begegnung zu vermeiden. Sie wurde eingeleitet mit den Worten:
„A-HA, übles Echsenmonster, euer letztes Stündlein geschlagen.
Flehet um Gnade, und ich verspreche euch, bei meiner Ehre, dass ich es schnell
machen werde!“
„Och nö, einer von denen!“, dachte sich Kalessan und nahm sich
den Drachentöter mal näher unter die Lupe. Wie zu erwarten war, trug
er eine blendend strahlende und aufpolierte Ritterrüstung, die in goldenen
Farben leuchtete und einen gleichfarbigen Helm, dessen Visier momentan hochgeklappt
war und ein babypopoglattes Gesicht mit kantig geschnittenen Zügen offenbarte.
Die Berufung des Drachentöters wurde noch von seiner langen Lanze sowie
seinem Schild, auf dem ein Drache in einem durchgestrichenen, roten Kreis abgebildet
war, unterstützt.

Das Pferd, auf dem er saß, stand offensichtlich unter Drogen – ansonsten
hätten auch keine 10 Pferde es in Kalessans Höhle bekommen, was ja
sowieso schon ein Widerspruch in sich ist. Auf der anderen Seite würde
ein unter Drogen stehendes Pferd dem Ritter wenig Nutzen im Kampf sein, es musste
sich also um ein ausgebildetes, erfahrenes Tier handeln, dessen Angstschweiß
Kalessan nichtsdestotrotz lieblich duftend in die Nase stieg – wer konnte
es dem armen Tier verübeln? Ein Reittier verrät häufig eine Menge
über seinen Reiter – bei jenem Ritter und seinem Ross handelte es
sich also um ein eingespieltes, mit Drachen erfahrenes Team, was somit ein wenig
vorsichtiger zu behandeln war als der ganze restliche Heldenschund.

Kalessan fand, dass es an der Zeit war, etwas zu sagen:
„Oh, bitte nicht heute, könnten wir dieses Treffen nicht ein wenig
verschieben? Seht ihr denn nicht, dass ich gerade damit beschäftigt bin,
dem Kleinen hier eine Geschichte zu erzählen?“
Ninnel winkte dem Ritter grinsend zu. Dessen Augen weiteten sich vor Schrecken.
„Ihr habt einen kleinen Jungen entführt? Ihr garstiges Monster, dafür
werdet ihr noch heute in der Hölle schmoren! Seid unbesorgt, kleiner Junge,
ich werde euch aus den Klauen dieses Drachen befreien!“

„Wollt ihr mal wissen, wie oft ich diesen Satz in genau demselben Wortlaut
in meinem Leben schon gehört habe?“, erwiderte Kalessan, „Genau
164mal, diese Begegnung hier mitgerechnet. Und genauso viele kleine Jungen wurden
nicht aus meinen Klauen befreit, also, ihr dürft euch jetzt entfernen
– heute ist euer Glückstag!“
„Faule Reden von gespaltenen Zungen! Ihr könnt mich mit eurer Prahlerei
nicht ängstigen! Denn sehet: die Anti-Drachenlanze – sie hat noch
jedem eurer Rasse, der sich mir in den Weg gestellt hat, den Garaus gemacht!
Außerdem bin ich in meinem Auftrag nicht alleine: Mein Gott Helmchen ist
mit mir, er wird mich in diesem Kampf beschützen!“

„Boah, ein Kampf – wirst du gegen den Mann da kämpfen, Onkel
Kalessan?“, rief Ninnel freudig aus.
„Halt du dich da raus, Junge! Hört mal, Ritter, ich will keinen Ärger
vor dem Kleinen hier. Also, wer hat euch angeheuert und wie hoch ist seine Bezahlung?
Ich zahle euch das Doppelte!“, brachte Kalessan mühsam hervor, mit
dem Hintergedanken, später von Karlmax das Dreifache zurück zu verlangen.
„Ihr könnt das schmutzige Geld aus eurem Hort behalten, Drache, ich
will es nicht! Ich arbeite für die Ehre, für Helmchen und momentan
für die liebreizende Lady Syrop, die euren Kopf verlangt hat!“

Kalessan seufzte – diese Konfrontation war also nur auf eine Art und Weise
zu lösen. Den Namen Syrop musste er sich wohl mal merken. Ein Exempel zu
statuieren würde sicherlich eine spaßige Aufgabe werden. Momentan
erinnerte er sich jedoch an Karlmax‘ Bitte, seinen Sohn mit allzu schrecklichen
Gewaltdarstellungen zu verschonen und wandte sich an den Jungen:
„Pass auf, wir spielen mit diesem Herren hier jetzt mal eine Runde Verstecken,
ja? Du drehst dich gleich um und zählst laut bis… 48, dann darfst du
den Ritter in dieser Höhle suchen gehen. Aber du darfst dich kein einziges
Mal vorher umdrehen, egal was du von uns beiden hören solltest, ansonsten
ist das ganze Spiel verdorben! Verstanden?“
Ninnel nickte aufgeregt.

Dann sprach Kalessan erneut zum Ritter:
„In Ordnung Ritter, wir beide sind bereit, es kann losgehen! Und im Übrigen
werdet ihr nach näherer Untersuchung feststellen können, dass meine
Zunge entgegen aller öffentlichen Vorstellungen nicht gespalten
ist.“
Damit nickte er Ninnel zu, der sich umdrehte, die Augen zuhielt und mit dem
Zählen begann:

„1…“
Gleichzeitig war der Kampfschrei des Ritters sowie das Wiehern seines Pferdes
und lautes Hufgetrappel zu hören, dann das mächtige Rauschen eines
großen, sich schnell bewegenden Körpers, das Splittern von Holz,
ein kurzes „BUH!“ von einer tiefen, machtvollen Stimme, das erneute,
diesmal von Angst erfüllte Aufwiehern des Pferdes, ein dumpfer Aufprall,
sich rasch entfernendes Hufgetrappel.
„Meine Lanze! Mein Pferd!“

„20…“
„Na wartet – sehet: das Anti-Drachenschwert!“
„24…“
Das Geräusch schabenden Metalls, Fußgetrappel, von scharfen Gegenständen
durchschnittene Luft, das Bewegen des großen Körpers, das Stöhnen
und die Rufe des Ritters, der Aufprall von Metall auf einen anderen, harten
Körper.

„Aber das Schwert… warum… warum wirkt es nicht?“
„37…“
Die blitzartige Bewegung einer großen Masse, ein kurzes *klong*, ein Aufstöhnen
des Ritters, das lange Schliddern eines metallischen Gegenstands auf dem Boden.
„Nein, nicht auch noch mein Schwert!“
„43…“

Das kurze, unangenehme Geräusch von spitzen Gegenständen auf glatter
Metalloberfläche, ein erneuter, panischer Aufschrei des Ritters.
„45…“
Ein dumpfes Grollen, das Geräusch von etwas sehr großem, sich
öffnendem
.

„46…“
„Nein, bitte, tut das n…“
Die Stimme des Ritters wurde gedämpft.
„47…“
*GLUCK*
„48… ICH KOMME!“

Ninnel machte die Augen auf und drehte sich um. In der Höhle stand Kalessan,
als ob nichts geschehen wäre und sah ihn nervös-freundlich an. Der
Junge begann, die Höhle nach dem Ritter zu durchsuchen. Es dauerte allerdings
nicht lange, bis er bemerkte, dass es in Kalessans Wohnraum keinerlei Nischen
und überhaupt jegliche Art von Versteck gab, außer vielleicht unter
Ninnels Bett, aber dort lag der Ritter auch nicht.
„Hat er sich vielleicht in deiner Schatzkammer versteckt?“
„Ähm… nein!“
„Und ist er vielleicht nach draußen gegangen?“

„Nein!“
Ninnel sah enttäuscht aus.
„Dann weiß ich auch nicht, wo er ist – kannst du mir nicht
einen Tipp geben? Bittebittebitte!“
„Na gut, ähm… ich habe… ihn weggezaubert, du kannst ihn gar nicht
finden! War ein kleiner, fieser Scherz von mir, haha.“, sagte Kalessan.

Der Junge machte sofort große Augen.
„Boah, du hast ihn echt weggezaubert? An einen anderen Ort?“
„Ähm… in gewisser Weise, ja…“
„Kannst du mich auch mal wegzaubern? Bittebittebitte, Onkel Kalessan!“
„Das würde ich liebend gerne machen, aber ich fürchte, deine
Eltern hätten etwas dagegen.“

Der Drache hasste es, wenn Ninnel mit seinen großen, flehenden Augen ihn
so bittend anstarrte, gerade so als ob es ihm gefallen würde, das Schicksal
jenes Ritters zu teilen… dass er die gleiche Blutgruppe wie sein Vater hatte,
machte es für Kalessan auch nicht einfacher.
„Kannst du dann den Ritter wieder herholen, ich will noch mal Verstecken
spielen, diesmal aber ohne Wegzaubern!“
„Ähm… ich fürchte, dieser Ritter ist jetzt leider zu beschäftigt,
um noch mit dir spielen zu können, tut mir leid.“, sagte Kalessan
und rülpste laut und voluminös.

Das Kind setzte einen entrüsteten Gesichtsausdruck auf:
„Meine Mama hat gesagt, das gehört sich nicht!“
Der Drache zog eine Augenbraue hoch:
„Pah, das ist mal wieder typisch für eure Spezies, nur aus Höflichkeitsgründen
ganz normale Körperfunktionen zu unterdrücken – wenn du so etwas
unterdrückst, dann verleugnest du dich selbst, Kleiner!“

Er traf auf zwei große Abgründe der Verständnislosigkeit in
Form von Ninnels Augen.
„Und wo ist das Pferd von dem Ritter?“, wechselte der Junge schnell
wieder das Thema.
Kalessan dachte an sein privates Wolfsrudel im nahe liegenden Wald, das mittlerweile
ziemlich ausgehungert sein dürfte.
„Auch weggezaubert.“

„Och menno, das ist doof, keiner will mit mir spielen!“, entgegnete
Ninnel enttäuscht und trat einen kleinen Stein auf dem Boden weg. Sein
Blick hellte sich jedoch sofort auf, als der Stein beim Aufprall ein kleines
*klonk* von sich gab und er das Schwert des Ritters in der Höhle liegen
sah. Sofort rannte er hin, hob die Waffe unter Aufbietung aller seiner Kräfte
auf und richtete sie auf Kalessans Brust.
„Ha HA, sieh mal, ich bin ein gefährlicher Drachentöter!“,
rief er freudig aus.
Kalessan verdrehte die Augen.
„Führ mich nicht in Versuchung, dich doch noch wegzuzaubern, ja?“

„Hä?“
„Gib mir einfach die Waffe, jemand wie du sollte nicht mit so etwas herumspielen.“,
seufzte der Drache und nahm Ninnel das Schwert weg, was dieser mit einem beleidigt-enttäuschten
Blick quittierte. Glücklicherweise wusste er es besser, als jetzt mit einem
großen Heul- und Schreikrampf anzufangen. Stattdessen fragte er:
„Kannst du mir vielleicht beibringen, wie man mit einem Schwert kämpft?“
„Ich könnte es vielleicht, aber ich würde es selbst dann nicht
tun, wenn ich die Erlaubnis von deinem Vater hätte. Denn wie du siehst,
bin ich ein großer, Furcht einflößender Drache und habe nicht
die allergeringste Lust, noch so einen Möchtegern-Drachentöter heranzuzüchten,
der nach meinem Blut lechzt und nach dem Kampf mit mir eh nur winselnd und ängstlich
am Boden kriecht.“

Ninnel reckte trotzig das Kinn in die Höhe.
„Ich werde mal Drachentöter, wenn ich groß bin – dann
musst du vor mir Angst haben und mir gehorchen und vor mir auf dem Boden kriechen!
Dann kann ich machen, was ich will. Und dann habe ich ein eigenes Schwert!“
Kalessan hatte schon befürchtet, dass er so etwas sagen würde.

„Meinetwegen. Wenn du mal groß bist und das hier immer noch nicht
verdaut haben solltest – ich warte auf dich! Für heute gibt es jedenfalls
keine Geschichten mehr – du kannst ja mal darüber nachdenken, wie
wichtig es wirklich für dich ist, ein Drachentöter zu werden!“
Mit diesen Worten wendete er sich von dem Kind ab, legte die Klinge zu den Aberhunderten
anderer Anti-Drachenschwerter in seiner Schatzkammer und versiegelte den Raum
wieder.
Ninnel würde heute unausstehlich werden…

Ein
jeder kennt diese Tage, an denen einem hintereinander nur grauenhafte Dinge
passieren und man sich so vorkommt, als ob ein riesengroßer Hammer der
Negativität einen langsam und Stück für Stück in die Wand
der vollkommenen Verzweiflung nageln würde. Kurzum, es scheint so, als
hätten sich sämtliche Götter gegen einen verschworen.
Kalessan kannte die Götter… mit einigen von ihnen traf er sich sogar
mehr oder weniger regelmäßig zu einem kleinen Plausch. Ihnen schob
er also nicht die Schuld in die Schuhe für einen dieser Tage, der in diesem
Fall schon mit einem besonders miesen Traum begann:

Ein alter Mann saß inmitten von zwei Dutzend schreienden Kindern und lächelte
sie an, während sie fröhlich kreischten und in die Hände klatschten.
„Oh bitte, erzähle uns noch eine Geschichte!“
„Ja, erzähl uns noch eine Geschichte!“

„Oh ja, bittebittebitte!“, tönte es von allen Seiten her.
Der alte Mann lachte laut auf und strahlte die Kinder ringsum nur noch freundlicher
grinsend an.
„Aber natürlich, ihr kleinen Racker. Also, passt auf: Es war einmal
ein kleiner, roter Drache…“
Die Kinder unterbrachen ihn im Chor:
„Die Geschichte, wie du von den Menschen grundlos angegriffen wurdest
und ihr Dorf vernichtet hast, kennen wir aber schon!“

„Genau, erzähl lieber noch mal die Geschichte, wie die Menschen deine
Partnerin und alle deine Jungen umgebracht haben!“
„Ja, genau! Bitte, Onkel Kalessan!“
„Ja, bitte, Onkel Kalessan!“
Onkel Kalessan…
Onkel Kalessan…
Kalessan…

„Onkel
Kalessan?“
Der Drache schreckte hoch. Die zwei Dutzend Kinder verschmolzen zu einem einzigen,
das direkt vor Kalessans Schnauze stand.
„Wasch?“, murmelte der Drache, vom alleinigen Anblick des Quälgeistes
schon vollkommen entnervt.
„Du hattest einen Albtraum und warst sehr laut.“, sagte Ninnel,
der anscheinend ebenfalls unfreiwillig geweckt wurde und noch seinen ihm viel
zu großen, anscheinend sündhaft teuren Schlafanzug trug, den Kalessan
als „Geschenk“ aus einer der umliegenden Städte erhalten hatte.

„Oh… Habe ich irgendwas verdächtiges gesagt, wovon du nichts erfahren
solltest?“
„Nein, du hast mich nur geweckt.“, erwiderte der Junge vorwurfsvoll.
„Na dann ist ja alles in Ordnung.“, entgegnete Kalessan und gähnte
herzhaft.
Ninnel hielt sich die Nase zu und starrte in den Schlund seines Aufpassers.
„Du hast da lauter Stofffetzen zwischen den Zähnen!“

Kalessan schloss seine Kiefer hastig.
„Oh… ähm… wo kommen die denn her?“
So langsam hatte der Drache es satt, seine Vorlieben für fleischliche Genüsse
vor dem Jungen geheim zu halten.
„Hast du etwa einen Menschen aufgefressen?“
„JA, DAS HABE ICH!“

So, jetzt war es raus… eine ehrliche Frage, eine ehrliche Antwort… da konnte
er genauso gut weitermachen:
„Ich habe schon hunderte Menschen gefressen, ach was, tausende, sogar
so kleine Grünschnäbel wie dich – und ich habe dabei nicht mal
mehr mit der Wimper gezuckt, sondern genossen, wie sie geschrieen und gebettelt
und gezappelt haben und wie ihre Knochen zwischen meinen Zähnen knackten.
Ich mag den Geschmack ihres Fleisches, ihres Blutes und ihre kleinen unbehaarten
Körper, die einem nicht so schwer im Magen liegen wie das ganze andere
Gewusel auf diesem verdammten Planeten. Na, wirst du nun winselnd auf dem Boden
kriechen, weil du jetzt weißt, dass ich ein übler, gewalttätiger
Menschenfresser bin?“
„Kommt drauf an: Wirst du mich jetzt auch fressen?“

„So sehr ich deine kriecherische Rasse und vor allem anderen dich
verachte – nein! Ich habe deinem Vater etwas versprochen und ziehe das
jetzt auch durch.“
„Na dann ist ja alles in Ordnung!“, erwiderte Ninnel fröhlich
und löste seinerseits fast einen Schockzustand bei Kalessan aus.
„Was soll das heißen… ich habe dir gerade eröffnet, dass
ich schon unzählige Menschen umgebracht habe und du hast immer noch keine
Angst vor mir?“

„Nun, von irgendwas musst du ja leben… außerdem hast du gerade
auch gesagt, dass du mich nicht fressen wirst, warum sollte ich also Angst haben?“
Weil ich dich auf hunderte andere Arten umbringen könnte!, dachte
sich der Drache, sprach diesen Gedanken aber nicht laut aus, sondern starrte
nur verblüfft auf den kleinen Jungen, der sich unbesorgt von ihm abwandte
und mit anderen Dingen beschäftigte.
Dies war wohl die berühmte Unbeschwertheit eines Kleinkindes…
Wäre die Welt doch nur so simpel!

Nun, anscheinend würde sich der Drache in seinen Eigenarten jetzt doch
nicht so drastisch zurückhalten müssen, wie er es die ganze zurück
liegende Zeit zu Ninnels Anwesenheit in seiner Behausung getan hatte… es sah
so aus, als würde der folgende Tag doch gar nicht so schlecht werden.
Doch wie schön wäre das gewesen…

Die
seltsamsten Ereignisketten werden manchmal durch die unpassensten Sätze
begonnen. In diesem Fall lautete der Satz: „Lieferung für Kalessan!“

Dies war zunächst nicht verwunderlich, da an jenem unheilvollen Tag genau
eine Woche vergangen war, seitdem der Drache auch Doofdorf, eine weitere Siedlung
in seiner Umgebung, freundlich dazu gebeten hatte, ihm wöchentlich Opfergaben
zu bringen. So viel Freundlichkeit kann kein Dorf widerstehen, von daher kam
die Lieferung der verlangten Nahrungsmittel auch äußerst rechtzeitig.
„Stellt das Zeug einfach irgendwo hier hin, meidet dabei die Pfützen
und haut dann wieder ab, ja?“
Kalessan sah sich die beiden Herren, die die bunt geschmückten Körbe
voll vegetierender Nahrungsmittel mitbrachten, genau an. Normalerweise wurde
diese Aufgabe von unbeliebten, dreckigen und vor allem entbehrlichen Dorftrotteln
erledigt, diese beiden schienen jedoch recht kräftig zu sein. Außerdem
hatten sie beide exakt die gleiche, uniformähnliche Kleidung an, auf die
groß die Buchstaben „LL“ aufgestickt waren. Kalessan ging
im Kopf schnell alle bekannten Wappen von Rittern und Drachentötern durch
und untersuchte die Menschen auf Anzeichen von alten Drachentötertricks.
Als er nicht fündig wurde, fragte er nach:

„Wofür steht das ‚LL‘ auf eurer Kleidung?“
„Wat? Oh, dat steht für ‚Lennys Lieferungen‘, Zustelldienst
alla ersta Jüte, zu Diensten!“
„Oh toll, freut mich… ihr dürft euch dann jetzt verpissen!“
„Eenen Moment noch, Meesta, wat solln wa’n mit der Jungfroo da machn?“,
erkundigte sich der Zusteller.

Erst jetzt bemerkte Kalessan die an einen Holzpfahl gefesselte Frau, die von
einem dritten Zusteller auf einem kleinen, rollbaren Gefährt herein geschoben
wurde. Angesichts des offensichtlichen Alters der Frau von über 50 Jahren
hätte die Bezeichnung Jungfrau jedoch unzutreffender nicht sein
können.
„Was soll das werden, ich habe gar keine Jungfrau bestellt. Und schon
gar nicht so eine alte Schrulle wie die da!“, empörte sich Kalessan
bei dem obersten Zusteller.
„Hey, das habe ich gehört, Schätzchen!“, rief die Jungfrau
aus.

„Ick hab ooch nur meene Anweisungen, weeste, und ick wees ooch nich, wat
ick mit so ner alten Schraube anfangen soll. Also, wohin mit dem Teil?“
Kalessan hatte absolut keine Lust, sich jetzt mit einem derartig grauenhaften
Akzent weiterhin auseinanderzusetzen und entgegnete:
„Na gut, na gut, stellt sie da drüben ab.“
Der Zusteller tat, wie ihm geheißen ward. Damit war anscheinend schon
alles in der Höhle abgeliefert, was die drei Herren dabei hatten. Dennoch
schienen sie noch nicht zu beabsichtigen, Kalessans Behausung zu verlassen.
„Jut, dat macht dann Eensfuffzich Bearbeitungsjebühr biddesehr.“,
ließ sich der oberste Zusteller vernehmen.

„Bitte, was?“
„Na, wir machen unsre Arbeit ja ooch nich umsonst, wa?“
„Ja toll, aber von mir werdet ihr kein Geld bekommen, also haut ab!“,
giftete Kalessan die Menschen an.
„Was wollen die Männer da von dir?“, fragte der anscheinend
gerade erneut aus seinem Bett gekrochene Ninnel.
„Gar nichts wollen die. Gar nichts bekommen die!“

„Jetz hör mal zu, Meesta, so wie ick det sehe, is dat hier ne bereits
bezahlte Nachnahmebestellung, in der aber noch nich die Bearbeitungsjebühr
für unser Unternehmen enthalten war, und ick werd diese Höhle hier
nich verlassen, bis ick die ausjezahlt bekommen hab, klar? Wennde willst, kannste
det Finanzielle ja jerne mit den Absendan rejeln, ick will jetz jedenfall meen
Jeld habn!“
„Sag mal, ist dir eigentlich klar, was du hier vor dir hast und mit wem
du so unverfroren sprichst?“, zischte der Drache.
„Du kannst mir natürlich jerne drohen, aber ick sach dir, mit den
Jewerkschaften willste dir ooch nich anlejen! Und vor dem Kleenen da willste
uns doch sicherlich nüscht antun, nich oder?“
„Ha, jetzt hat er dich aber dran bekommen, Schätzchen!“, warf
die Jungfrau ein.

„Du da drüben hältst mal brav die Klappe, ja?“
Eine Stimme ertönte:
„A-HA, übles Echsenmonster, so habe ich euch doch noch gefunden.
Nun hat euer letztes Stündlein geschlagen!“
Oh nein!, dachte sich Kalessan, als der dazu passende Ritter, der ein
Zwilling zu dem letzten Eindringling hätte sein können, seine Höhle
betrat.

„Und was muss ich da sehen! Ihr schändliches Untier haltet eine holde…
Jungfrau?… ähm… gefangen und dazu noch… drei Lieferanten von ‚Lennys
Lieferungen’…?“
„Oh, schau mal, Onkel Kalessan, noch ein Ritter zum Webzaubern!“,
rief Ninnel freudig aus.
Der Drachentöter keuchte, schien aber angesichts dieser wirklichen Greueltat
seine Fassung wieder zu gewinnen:
„Ihr habt einen kleinen Jungen entführt? Ihr garstiges Monster, dafür
werdet ihr noch heute in der Hölle schmoren! Seid unbesorgt, kleiner Junge,
ich werde euch aus den Klauen dieses Drachen befreien!“

„165…“, dachte sich der Drache.
„Die edle Lady Syrop hat also richtig daran getan, mich mit dieser Aufgabe
zu betreuen!“
„Wer zur Hölle ist diese Lady Syrop eigentlich?“, unterbrach
Kalessan den Drachentöter verwirrt.
„Das tut jetzt nichts zur Sache, ihr solltet nur ihren Namen wissen, bevor
ich euch umbringe!“
„Ey, aber erst will ick meen Jeld haben, damit dat klar is, ja?“

Ein weiterer Mensch betrat die Höhle:
„Boah, ein Drache!“
Der Kleidung nach zu urteilen, schien es sich um einen jungen Mann aus einer
anderen Dimension zu handeln – ganz genau das, was Kalessan jetzt noch
brauchte!
„Wow, ein Drache wird mich auf meine Weltenrettermission schicken, das
ist ja so cool!“
„Aber ich war zuerst da, Fremder aus einer anderen Dimension, von daher
werde ich ihn umbringen, bevor er euch auf so eine unheilige Mission schicken
kann!“, erwiderte der Drachentöter.

„Und was soll ich dann hier?“, fragte der Reisende.
„Hey, ich habe meine besten Kleider extra für diesen Anlass angezogen,
und ich bin nicht einfach nur zum Spaß hierher gekommen!“, rief
die Jungfrau dazwischen, deren Kleidung sich bei genauerem Betrachten als bemerkenswert
schäbig entpuppte.
„Jenau, und wat is dann mit meenem Jeld, wie soll ick dat dann bitte bekommen?“
„Ja, und was ist mit meinem Geld?“, erkundigte sich die
nächste Gestalt, die die Höhle betrat und sich als der alte Angestellte
aus Kalessans Wald entpuppte, der offensichtlich sein Gehalt einfordern wollte.

Kalessans Augen zuckten nervös von einem Menschen dieser kleinen Ansammlung
in seiner Höhle zum anderen – sein rechtes Augenlid begann, unkontrolliert
zu zittern.
„Oh, ihr seid doch der alte Mann, der mich hier hereingeschickt hat!“,
sagte der transdimensional Reisende zum Alten.
„Hmja, ich sehe schon, der Drache hatte anscheinend noch keine Möglichkeit,
sich mit euch zu… beschäftigen… nun, sieht so aus, als müsste
er mir zuerst meine Bezahlung geben, ansonsten geschieht hier gar nichts!“,
gab dieser zurück.

„Oh, er bezahlt euch dafür, dass ihr Leute zu ihm schickt? Warum
denn?“
„Ähm… vergesst es!“
„Du, Onkel Kalessan, was wollen die denn alle hier?“
Kalessans linkes Augenlid begann nun ebenfalls zu zucken.
„Kommen wir jetzt langsam mal voran? Ich habe heute noch zwei Duelle zu
bestreiten und eine bösartige Räuberbande auszulöschen, mein
Terminkalender lässt keinen Platz für Verspätungen!“, machte
sich der Ritter lautstark kund.

„Und wir ham heute ooch noch die eene oder andre Lieferung zu machen,
näch?“
„Ich werde langsam steif an diesem ollen Pfahl hier!“
„Ich kann es kaum erwarten, diese Welt vor dem Bösen zu retten!“
„Und ich kann es kaum erwarten, endlich mal wieder meine wohlverdiente
Bezahlung zu bekommen!“
„Du, Onkel Kalessan, ich habe Hunger!“

Alle Blicke richteten sich erwartungsvoll auf den Drachen, dessen ganzer Kopf
nun sichtbar vibrierte.
Kalessans Ausbruch traf sie schnell, hart und vor allem unerwartet.

In
einem Ausbruch verzweifelter Gutmütigkeit zahlte er den Alten und die Lieferanten
aus, vereinbarte einen neuen Termin mit dem Drachentöter
(„Und was ist, wenn ihr eure Gefangenen in diesem Zeitraum umbringt? Das
kann ich nicht zulassen!“
„Aber dann fällt eure Rache doch nur umso schrecklicher aus, nicht
wahr?“

„Oh ja – also wagt es nicht, Echse!“)
und schickte den Fremden aus der anderen Dimension auf eine Reise. Doch diesmal
war es ausnahmsweise nicht die Reise in Kalessans Magen, sondern wirklich in
einen anderen Teil des Kontinents:
„Also passt auf, ihr nehmt diesen Brief hier und übergebt ihm einem
anderen Vertreter meiner Art namens Morkulebus dem Schwarzen. Ihr findet ihn
in den finsteren Sümpfen des Schwarzen Todes.“
„Boah, das hört sich voll cool an! Und was muss ich dann machen?“

„Morkulebus wird wissen, was mit euch zu tun ist – nur dürft
ihr diese wichtige Botschaft niemals verlieren und niemand außer Morkulebus
darf sie lesen, nicht einmal ihr selbst!“
„Aha, und wo sind diese finsteren Sümpfe des Schwarzen Todes?“,
fragte der Reisende.
„Ähm… das herauszufinden ist Bestandteil deiner gefahrvollen Reise.
Ich kann dir nur die Tür zeigen, hindurchgehen musst du selbst –
sie ist da drüben, und jetzt hau ab!“, fuhr Kalessan ihn mit den
letzten Worten an.

Der Fremde ließ sich ein letztes „Cool!“ vernehmen, packte
den Brief stolz in seine Hosentasche und machte sich frohen Gemüts auf
seine gefahrvolle Reise in die finsteren Sümpfe des Schwarzen Todes.
Den Großteil der ungewollten Besucher war Kalessan damit los. So blieb
nur noch eine Person übrig:
„Finde ich ja ganz toll, wie du die alle abgewimmelt hast, Schätzchen.
Kannst du dich jetzt vielleicht auch mal um mich kümmern, ist nicht gerade
sehr angenehm, wenn man so lange auf seinen Tod warten muss.“, sagte die
Jungfrau mit ihrer heiseren, rauchigen Stimme.

„Oh, wirst du sie jetzt fressen, Kalessan?“
„Sei ruhig, Ninnel! Und du da kannst mir nicht wirklich verklickern, dass
du noch eine Jungfrau bist.“, richtete sich der Drache an die immer noch
an ihren Holzpfahl angebundene, angebliche Jungfrau.
„Bin noch so frisch wie am ersten Tag, Schätzchen. Rein und unversehrt,
zart und schmackhaft.“
„Deine Opferbereitschaft ist wirklich hinreißend. Du hast nicht
zufällig sämtliche Taschen mit Kalk vollgestopft, der sich in meinem
Magen ausdehnen und mich verrecken lassen sollen?“

„Ähm… nein?“, antwortete die sichtlich überraschte und
nun nicht mehr ganz so selbstbewusste Jungfrau.
„Erstens habe ich schon bessere Lügner gesehen, zweitens stinkst
du überall nach dem Zeug und drittens funktioniert es sowieso nicht. Außerdem
hätte ich dich eh nicht gefressen, mit diesem Quälgeist in meiner
Nähe…“
„Och, warum denn Kalessan – ich will sehen, wie du sie frisst! Och
bitte, mir zuliebe!“, bettelte Ninnel lautstark.

„Danke für deine Unterstützung, Kleiner!“, entgegnete
die Jungfrau säuerlich.
„Ich sagte, dass du den Mund halten sollst, Winzling!“, brauste
Kalessan auf, der den Stress von vorhin anscheinend noch nicht ganz verarbeitet
hatte.
„Ich will das jetzt aber sehen! Ich will, ich will, ichwillichwillichwill…“
„Wenn du nicht sofort ruhig bist, dann setzt es was, Kleiner!“,
knurrte der Drache drohend.

„Ichwillichwillichwillichwillichwill…“
Einer von Kalessans Nervensträngen riss innerlich mit einem lauten Knall.

Der Drache schlug zu.
Der Junge war still.
„Na endlich ist Ruhe!“, sagte Kalessan, der sich wieder der Jungfrau
zuwandte, welche schockiert auf den Jungen starrte.

„Wie… wie konntet ihr nur?“
„Manchmal muss man halt harte Maßnahmen ergreifen, wenn man seinen
Willen durchsetzen will… Schätzchen!“, fügte der Drache in
spottendem Tonfall hinzu.
„Aber… aber er war doch noch ein kleines Kind!“
„Ja, und jetzt gibt er endlich Ruhe!“
Weil ihr ihn enthauptet habt!

Kalessan sah Ninnel an. Der ungewöhnlich schlaffe Körper des Jungen,
eine sich ausbreitende, rote Pfütze und nicht zuletzt der mehrere Meter
entfernt liegende Kopf des Kindes, welcher noch immer eine sehr erwartungsvolle
„Ichwill…“-Miene trug, sprachen nicht gerade für Kalessans
Unschuld.
Menschen umbringen war ja normalerweise schön und gut, doch diesmal empfand
er an seiner Tat keine Freude, vielmehr drängte sich ihm die nagende Erkenntnis
auf, dass er für diesen Mord ernsthafte Konsequenzen würde tragen
müssen.

In einer fließenden Kette aus Gedanken wanderten seine Gefühle von
Erschrockenheit über Zufriedenheit, Scham, schlechtes Gewissen und Verzweiflung
bis hin zu dem letztendlich grausamsten Gefühl, bei einer eigentlich simplen
Aufgabe vollkommen versagt zu haben. Die meisten dieser Gefühle hatte er
seit langer Zeit nicht mehr empfunden, und schon gar nicht aufgrund eines Menschen,
den er im Grunde genauso sehr wie jeden anderen, wenn nicht sogar noch mehr,
verachtete – zumindest versuchte er, sich das einzureden.
Während Kalessan jenen Gedanken nachhegte, scheute sich die Jungfrau nicht,
ihn mit den derbsten Ausdrücken zu bekreischen, die sie in ihrem längeren
Leben selbst als Jungfrau bereits aufschnappen konnte. Irgendwann zwischen den
„Mistkerlen“, „kaltblütigen Bastarden“ und „Turnbeutelvergessern“
wurde es auch dem erschrockenen Drachen zu bunt:

„Kannst du auch mal deine verdammte Klappe halten!?“, schrie er.
Die erzeugten Schallwellen alleine reichten bereits aus, um die Jungfrau vor
Schmerzen aufkreischen zu lassen. Fortan hing sie wimmernd an ihrem Pfahl. Eine
Beschimpfung fügte sie den ganzen „Kindermördern“ und
„seelenlosen Monstren“ jedoch noch leise hinzu:
„Ihr seid schlimmer als der schrecklichste Dämon der Hölle!“

*pling*
Versagen hatte Kalessan als Möglichkeit bei allen seinen Handlungen schon
immer ausgeschlossen. Und auch jetzt war nicht der Zeitpunkt gekommen, dies
wieder als Option hinzuzufügen.
Der Drache verwandelte sich, lief in seine Schatzkammer und durchwühlte
sämtliche Truhen und Ansammlungen von Schätzen, die er dort vorfand,
bis er alle Utensilien beisammen hatte, die er benötigen würde. Er
lief zurück in seine Wohnhöhle und zeichnete mit schwarzer Kreide
sorgfältig die erforderlichen Symbole auf eine Stelle des Bodens, die noch
nicht vollgeblutet oder -gepinkelt worden war. Danach stellte er die Kerzen
an den entsprechenden Stellen auf und zündete sie mit der Berührung
eines Fingers an. Schließlich wischte er, um den Vorbereitungen den letzten
Schliff zu geben, eine Ecke des großen Drudenfußes, den er gemalt
hatte, weg. Die Jungfrau beobachtete ihn hasserfüllt und fing wieder an
zu kreischen:

„Was wollt ihr da machen? Schwarze Magie? Eure Hexerei wird die Seele
dieses armen Jungen auch nicht wieder zurück bringen, nur seine seelenlose
Hülle, ihr grausames Stück Sch…“
„HALT den Mund und sei still. Ich kann seine Seele vielleicht nicht zurück
bringen, aber ich kenne jemanden, der das kann. Und ich warne dich, sag jetzt
ja kein Wort – und wenn, dann sprich nur in der Weise wie ich es tun werde,
denn er hat so seine Eigenheiten und ist momentan ziemlich schlecht gelaunt.
Es hat irgendwas mit der… ’neuen Rechtschreibung‘ oder so zu tun,
die ihm ziemlich zu schaffen macht. Wenn dir deine Seele also lieb ist, dann
wirst du ruhig bleiben, denn ich kann dir sonst auch nicht weiter helfen! Ganz
davon abgesehen, dass ich das überhaupt nicht will…“
In der Hoffnung, das Richtige zu tun, wendete sich Kalessan von der nun ruhigen
Jungfrau ab und begann mit der Beschwörung seines „alten Bekannten“.
Blitz, Donner, Nebel, ein großer, schwarzer Pudel und eine gewaltige lyrische
Veränderung kündeten die Ankunft des Herren der Unterwelt an…

MEFISTOFELES
tritt, indem der Nebel fällt, aus dem Pentagramm hervor:
Wozu der Lärm? Was steht dem Herrn zu Diensten?
KALESSAN:
Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst

Und fragst, wie alles sich bei uns befinde,
Und du mich sonst gewöhnlich gerne sahst,
So siehst du mich auch unter dem Gesinde.
Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,
Und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt;

Mein Pathos brächte dich gewiss zum Lachen,
Hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt.
MEFISTOFELES:
Hört auf mit diesem Redeschwall
Und sagt mir lieber, alter Freund

Warum ihr mich mit einem mal
Zu euch bestellt in dieser Stund!
Ihr wisst wie ich beschäftigt bin
Drum nennt schnell den verqueren Sinn
Von diesem Anruf – sprechet rasch!

KALESSAN:
Eure Reime sind heut ziemlich lasch…
MEFISTOFELES:
Wer bist du, dass du mich hier tadelst?
KALESSAN:
Nur der, den du mit Freundschaft adelst.

Doch sag: Kennst du den Faust?
MEFISTOFELES:
                                            Den
Doktor? Diesen Wicht?
KALESSAN:
Oh, nein, den Faust, den mein‘ ich nicht!

Der Karlmax ist’s!
MEFISTOFELES:
                        Ach
der, was ist mit dem?
KALESSAN:
Fürwahr! er diente mir auf gar besondre Weise.

Und ist nun grad auf einer großen Reise.
Ihm treibt die Gärung in die Ferne.
Er ist sich seiner Tollheit halb bewusst;
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne
Und von der Erde jede höchste Lust,

Und alle Näh und alle Ferne
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.
MEFISTOFELES:
Nun kommt zur Sache!
KALESSAN:
Sein Sohn ist’s, der mein Herz bewegt.

Verzweiflung die sich in mir regt,
Denn tot ist er, durch meine Hand
Starb er, sein Körper liegt dort noch
Doch in mir hab ich anerkannt
Dass sein Tod wie ein großes Loch

In meinem Herzen ist,
Das schnell zu füllen ich gedenke
Indem ich neues Leben schenke.
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Nekromantie!

Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Denn Leben schenken kann ich nicht,
Nicht mal mehr diesem kleinen Wicht.

Drum eurer Hilfe ich bedarf
Wo ich als Freund stets redlich, brav
Die Seelen der durch mich Gefallnen
In euer Reich, die Hölle, schickte.
Eure Hilfe, die ich brauch

Um ihm zu geben Lebenshauch.
Lange Rede, kurzer Sinn
Woran ich interessiert nun bin
Ist, was ihr zu dem Vorschlag meint.
MEFISTOFELES:
Ich bin der Geist, der stets verneint!

Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, dass es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, dass nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz, das Böse nennt,

Mein eigentliches Element.
Nun frag ich dich: was ist der Grund
Weswegen ich zu dieser Stund
Den Bengel soll ins Leben rufen
Ich Teufel mit den Pferdehufen?
Doch die Seelen vieler Toter

Gelangten nur durch euch
Mein lieber Roter
Schnell und häufig in mein Reich
Fürwahr!
Drum sei mein‘ einzige Bedingung

Mit der die Seel des Jungen ich errette:
Ein andre Seele, rein und jung
Die ich denn statt des Kindes gerne hätte.
KALESSAN auf die Jungfrau zeigend:
Nehmt diese dort!

JUNGFRAU:
                         Wen – mich?
KALESSAN:
Nun seid jetzt still!
Denn eure Seele ist’s, die dieser Teufel gerne will.

MEFISTOFELES:
Schön ist sie nicht, das ist wohl wahr
Doch innen ist sie rein und klar –
Ich nehme sie!
JUNGFRAU:

                    Er will mich!
KALESSAN:
Und der Junge soll leben!
JUNGFRAU:
Zu Hilf! Ich glaub ich muss mich übergeben!

MEFISTOFELES:
Komm! komm! Ich lasse dich mit ihr im Stich.
JUNGFRAU:
So irgendjemand! Rette mich!
Ihr Götter! Ihr heiligen Scharen,
Lagert euch umher, mich zu bewahren!

Kalessan! Mir graut’s vor dir.
MEFISTOFELES:
Sie ist gerichtet!
KALESSAN:
                       Er gerettet!
MEFISTOFELES zur Jungfrau:

                                        Her zu mir!
Verschwindet mit der Jungfrau.
STIMME DER JUNGFRAU von innen, verhallend:
Kalessan! DU AR…!

Normalität
kehrte wieder ein. Kalessan sah sich wieder dazu in der Lage, in normalen Sätzen
zu denken. Sein Blick fiel auf Ninnel, der auf dem Boden lag, als wäre
nichts geschehen. Keine große Blutlache und kein abgetrennter Kopf sprachen
mehr für die begangene Untat.

Ninnel öffnete die Augen sah den Drachen an wie jemand, der gerade am Steuer
in Sekundenschlaf gefallen ist und sich jetzt wundert, dass sein Auto an einem
Baum klebt. Der Junge rappelte sich auf und sah sich um. Dann fragte er:
„Hast du die Jungfrau jetzt aufgefressen?“
„Ähm… ja!“, antwortete der Drache, verwirrt über die
Frage.
„Och menno, ich wollte doch zugucken!“

Entweder
war es von Mefistofeles beabsichtigt gewesen oder Kalessan hatte den menschlichen
Verdrängungsmechanismus katastrophal unterschätzt. Jedenfalls hatte
Ninnel keine Erinnerung mehr an seinen eigenen Tod, geschweige denn die Zeit
danach. Woran er allerdings noch perfekte Erinnerungen zu haben schien, waren
die Minuten kurz vor Kalessans kleinem Ausrutscher. Da der Drache laut eigenen
Aussagen die Jungfrau nach Ninnels Bitten doch noch verspeist hatte, war die
logische Schlussfolgerung des Jungen gewesen, dass er den Drachen doch nur intensiv
nerven müsse, um seinen eigenen Willen durchsetzen zu können.

Kalessan auf der anderen Seite fasste das Kind fortan nur noch mit Samthandschuhen
an und behandelte es wie ein gesprungenes, rohes Ei. Kurzum: jegliche Art der
Kontrolle, die Kalessan über Ninnel in den letzten Wochen gewonnen hatte,
wurde durch diesen verhängnisvollen Tag zerstört.
Ninnel konnte somit machen, was er wollte und Kalessans Nerven lagen blank.
Die Demütigungen, die ihm der Junge in den folgenden Tagen zufügte,
übertrafen beinahe das Gefühl des Versagens, dass der Drache nach
Ninnels Tod empfunden hatte. Doch es waren nun schon einige Wochen verstrichen
und ein Ende dieser schwarzen Tage war in Sicht.
Kalessan sah ein Licht am Ende des Tunnels.
Es entpuppte sich als ein Güterzug.

Da
Kalessan gerade auf dem Rücken lag, machte Ninnel sich einen Spaß
daraus, auf seinem Unterleib auf und ab zu hüpfen. Dies machte dem Drachen,
dem nicht einmal ernsthafte Schwerthiebe an dieser Stelle wirklich etwas anhaben
konnten, rein physisch nichts aus. Dennoch spürte er jeden Hüpfer,
als würde die Faust eines Gottes unablässig auf ihn einprügeln.
„Wenn du weitermachst, erzähl ich das deiner Mutter!“, sagte
er, doch es half nichts.
„Na und?“, antwortete das Kind und machte fröhlich weiter.

Kalessan richtete sich auf und bellte in bedrohlichem Tonfall:
„Wenn du nicht sofort aufhörst, werde ich dich fressen!“
Dies bewirkte, dass Ninnel zumindest ein paar Sekunden aufhörte, bis er
schließlich „Nein, wirst du nicht.“ sagte und einfach weitermachte.
Auf der einen Seite wirkte da die folgende Erscheinung fast erlösend, doch
Kalessan hatte sich bereits damit abgefunden, dass jeder Eindringling wirklich
nur im allerersten Moment eine willkommene Abwechslung darstellte.

„Ähm… Herr… Herr Kalessan?“, ertönte eine fiepsige
Stimme, die Ninnel dazu veranlasste, mit seinem Gehopse aufzuhören und
Kalessan, in die entsprechende Richtung zu sehen.
Ein kleines Wesen mit Augenbrauen, die Finanzminister aller Welten vor Neid
erblassen lassen würden, mit einer Nase, die vom Gurkentisch des nächst
besten Gemüsehändlers geklaut zu sein schien, mit Ohren, die es wahrscheinlich
zum Segelfliegen benutzte und Augen, die größer waren als die von
Spezies, die mehrere Kilometer tief unter der Erde leben, war zunächst
mal sein Gesicht eine absolute Katastrophe. Das Wesen war zudem vier Fuß
groß, hatte eine kränklich-braune Hautfarbe, eine ranzige Tunika
um den Leib gebunden und war so potthässlich, dass jedes Krebsgeschwür
demgegenüber einen Schönheitswettbewerb gewinnen könnte.

Kalessan kannte dieses Wesen nur zu gut – es handelte sich um Deppy, den
persönlichen Hauswürger von Smahug. Würger hießen diese
Wesen, weil dies die erste Reaktion sehr treffend umschrieb, die man beim Kontakt
mit ihnen hatte.
„Bitte, Deppy, sage mir nicht, dass ich das tun soll, was ich jetzt denke,
das könnte böse Folgen für dich haben!“, knurrte Kalessan
und unterdrückte den Würgereiz.

Ninnel schien angesichts dieser Erscheinung zwischen Interesse und Abscheu sehr
hin- und her gerissen… wenigstens hielt er die Klappe.
„Aber Meister hat mir gesagen tut, ich sollen euch sagen tun machen!“
– Hatte ich schon erwähnt, dass die Grammatik der Würger ebenfalls
zum Kotzen ist? – „Meister Smahug hat gesagt gemacht, dass ich machen
sollen tun machen muss, dass…“
„SAG es nicht, Deppy, ich warne dich!“
„Aber dann muss armes Deppy sich wieder selbst machen foltern tun, macht
armes Deppy keinen Spaß, nichts nein.“

„Das ist doch nichts im Gegensatz zu dem, was ich dir antun könnte…“,
drohte der Drache.
„Oh, ihr sein nie nicht nett zu nettes Deppy, Deppy machen tun tut nur
seine Aufgabe erfüllen machen. ‚Deppy machen gehen ganz brav zu Herr
Kalessan!‘, sagen Meister Smahug, ‚Und machen sagen Herr Kalessan,
dass sofort kommen er machen tun soll, jetzt gleich, weil wichtiges Treffen
sein tut auf dem Berg und…'“
Seinen Satz sollte er nie fertig sprechen, da er in einem Feuerstrahl aus Kalessans
Maul verglühte.

Eine mehrere Sekunden lange Stille entstand, bis sich Ninnel dazu durchringen
konnte, als erster wieder etwas zu sagen:
„Danke… aber musstest du es gleich umbringen?“
Der Drache schnaubte:
„Würger kann man nicht umbringen, das ist ja das Brutale an diesen
Mistkerlen. Der kehrt jetzt zu seinem Herrn zurück und nimmt erneut diese
widerwärtige Gestalt an. Dagegen bist selbst du eine Schönheit.“
„Und was wollte er von dir?“

„Nichts gutes…“
Smahug hatte also eine Versammlung einberufen.
Kalessan hasste diese Versammlungen! Die anderen neun Drachenarten verhielten
sich auf diesen Treffen immer wie die letzten Idioten, führten kindische
Debatten aus und verhielten sich generell nicht so, wie es wahre Drachen –
Drachen wie Kalessan – tun sollten. Lediglich Morkulebus war ähnlicher
Auffassung und daher noch das von Kalessan am meisten respektierte Mitglied,
wenn er sich auch aus der Sicht des roten Drachen zu passiv verhielt.
Schlimmer als das Verhalten der Drachen bei jenen Treffen waren jedoch die Anlässe,
aus denen Smahug, der Oberhaupt des Rates, sie einberief. Erst beim letzten
Mal hatte er den gesamten Rat beinahe in sein Verderben geführt, was zu
Kalessans Bekanntschaft mit Karlmax und letztendlich auch zur momentanen Misere
des roten Drachen geführt hatte.

Doch wenn man wie Kalessan ältestes Exemplar der eigenen Spezies war, konnte
man sich vor diesen Versammlungen leider nicht drücken, wollte man seine
Position und damit ein ernsthaftes Mitspracherecht bei den Entscheidungen über
die Geschicke der Welt, zu denen es auch ab und an kam, nicht riskieren.
Von ihm wurde nun erwartet, dass er sich sofort auf den Weg machte, um an der
Versammlung teilzunehmen. Ninnel konnte er natürlich nicht in seiner Höhle
lassen. Wer wusste schon, wie viele Ritter – möglichst noch Getreue
dieser ominösen Lady Syrop – sich noch auf den Weg zu Kalessans Höhle
machten und den Jungen dann mitnahmen.

Kalessans Optionen waren also nicht sehr zahlreich – auch wenn er es hasste,
den Jungen in die Geheimnisse des Drachenvolkes einzuweihen und, was noch schlimmer
war, ihn mit dem peinlichen Auftreten seiner Artgenossen konfrontieren zu müssen.
„Was wollte er denn nun genau?“, unterbrach Ninnel Kalessans Gedankengänge.
„Er hat eine Versammlung einberufen, zu der ich gehen muss. Sieht so aus,
als müsstest du mich begleiten…“
„Oh toll, dann darf ich endlich mit dir fliegen?“

So sehr Kalessan versucht hatte dies zu vermeiden, diesmal hieß die Antwort
wohl oder übel:
„Ja…“
Ninnel klatschte freudig erregt in die Hände und bedrängte den Drachen,
sogleich loszufliegen. Seufzend begann dieser mit den Vorbereitungen, nur damit
dieses elende Gequengel endlich aufhören würde.

Währenddessen
war ein junger Mann aus einer fremden Dimension damit beschäftigt, die
finsteren Sümpfe des Schwarzen Todes zu finden, was sich als nicht besonders
einfach herausstellen sollte.

Viele Wochen lang zog er alleine durch die Dörfer und Wälder, doch
keiner schien den richtigen Weg zu wissen, und böse Menschen hatten die
Hinweisschilder umgedreht oder mit obszönen Zeichnungen unleserlich gemacht.
Die Wälder waren auch nicht ungefährlich, denn überall streunten
gefährliche, wilde Tiere umher. Der Mann aus der fremden Dimension sorgte
sich aber nicht darum, denn schließlich war er ja auserwählt, diese
Welt zu retten, deswegen konnte ihm natürlich nichts passieren. Eine große
Anzahl von Zufällen, namentlich zwei Wölfe, die sich im Streit um
ihn als Beute selbst zerfleischten, ein Bär, der kurz vor seinem Angriff
unglücklich stolperte und sich an einem Baum das Genick brach und ein Löwe,
der sich gerade auf den Reisenden stürzen wollte, dem dann aber einfiel,
dass es im Wald gar keine Löwen gab, worauf er in einer Rauchwolke verpuffte,
sorgten dann auch wunderbarerweise dafür, dass ihm tatsächlich nichts
passierte.

Einmal stieß der Reisende sogar auf eine Räuberbande, die ihn freundlich
umzingelte. Diese Räuber entpuppten sich jedoch als hinterhältige
Versicherungsvertreter, worauf selbst der Mann aus der fremden Dimension schleunigst
die Flucht ergriff.
Schließlich kam er in eine weitere kleine Stadt und traf dort endlich
auf einen Menschen, der den Weg in die finsteren Sümpfe des Schwarzen Todes
zu kennen schien. Es handelte sich um einen seltsamen, kleinen Kerl in einer
knallbunten, ledrigen Rüstung, die aus so vielen Einzelteilen bestand,
dass die gesamte Konstruktion bei der geringsten Bewegung hin und her wackelte.
Am Bauch war offenbar eine Klappe, die man beliebig öffnen und schließen
konnte. Die Klinge seines Schwertes wies eine leichte Kurve auf und schien die
gesamte Biographie seines Besitzers zu erzählen, so vollgekritzelt mit
fremdartigen Schriftzeichen wie sie war.

„Und du weißt, wo es zu den finsteren Sümpfen des Schwarzen
Todes geht?“, fragte der Reisende den Krieger.
„Ja, Nagersacki wissen wo ihr finden finstere Sümpfe, hai!“
„Wo?“
„Was?“

„Häh?“
„Nein – hai!“, sagte der Krieger nochmals.
„Ach so… kannst du mich dort hinführen?“
„Warum sollte Nagersacki das tun? Wo ist die Ehre darin, fragt er den
Fremden.“

„Die Ehre?“, erkundigte sich der Fremde verwirrt.
„Nagersacki kämpfen nur für die Ehre. Wenn Ehre von Nagersacki
verletzt, Nagersacki bringen sich selbst um mit Kike-Riki!“
Nagersackie öffnete demonstrativ die Klappe an seiner Rüstung und
zeigte dem Fremden seinen nackten Bauch.
„Sag mal, was genau bist du eigentlich?“

"Nagersacki sein ehrenhafter Sauriam!", antwortete der Krieger mit
stolzgeschwellter Brust.
"Ich dachte, die Saurier wären alle ausgestorben!?“
"Wenn alle ausgestorben, warum stehen Nagersacki jetzt vor euch?"
„Verstehe… Meinst du, das es ehrenvoll wäre, wenn du mir bei der
Rettung der Welt hilfst?“
„Rettung der Welt? Ist große Ehre für Nagersacki! Es wird mir
Freude sein, den Fremden zu begleiten und ehrenhaft zu sterben, hai!“

„Wo?“
„Was?“
„Ach, vergiss es…“

Es
war ein wahrhaft trauriger Punkt erreicht, wenn Kalessan nun schon selbst beim
Fliegen keine Privatsphäre mehr hatte. Wenigstens hatte er Ninnel so stark
in alle möglichen warm haltenden Kleidungsstücke verschnürt,
dass dieser zwar noch atmen, aber keinen artikulierten Laut mehr hervorbringen
konnte. Dass er ihn fest an seine Brust gepresst hielt, tat sein übriges,
um ihn wenigstens den ganzen Flug über still und warm zu halten. Auf Kalessans
Rücken hätte sich der Junge bei den ganzen Stacheln und Zacken die
dort waren nur irgendwann selbst aufgespießt, auch wenn der Drache diesen
Gedanken mittlerweile mit ungeahnter Genugtuung verfolgte.

Zum Versammlungsort war es ein halber Tag Flugzeit von Kalessans Behausung aus.
Den Großteil der Zeit verbrachte der Drache damit, sich besonders blutige
Todesarten für Ninnel auszudenken, ansonsten fragte er sich, was Smahug
wohl zu der Einberufung eines Treffens hätte bewegen können.
Wahrscheinlich wollte er ihnen mal wieder einen neuen Ring in Drachengröße
präsentieren, den Generationen tüchtiger Zwerge in Jahrhunderte langer
Feinarbeit geschmiedet hatten. Oder ein wahnsinniger Mensch hatte mal wieder
eine todbringende Maschine erfunden, die die Sonne in die Luft sprengen würde,
wenn ihm nicht die Weltherrschaft zugesprochen würde.
Kalessan wusste nicht, was davon er mehr verachtete.

Er wusste ebenfalls nicht, dass er bei seinem Flug sehr aufmerksam beobachtet
wurde.
Als er am Versammlungsort ankam, einer konzentrischen Ansammlung von Felsplateaus
hoch in den Bergen, die vor langer Zeit genauso gut von Drachen- wie von Götter-
oder Zufallshand hätte geschaffen worden sein können, waren alle anderen
neun Mitglieder des Rates bereits anwesend.
Kalessan kreiste einmal über der Runde, die in den Farben Gold, Silber,
Bronze, Kupfer, Messing, Grün, Schwarz, Blau und Weiß leuchtete,
landete und mischte der Farbpalette einen aggressiven, roten Ton hinzu.
Die anderen Drachen waren sehr erstaunt, als sie ihn kommen sahen – normalerweise
erschien er immer erst ein oder zwei Tage später als angekündigt war.

„Oh, der werte Kalessan beehrt unsere illustre Runde ausnahmsweise einmal
pünktlich. Gute Vorsätze fürs neue Jahrhundert stehen aber erst
in ein paar Jahren an, mein bester!“, spöttelte Smahug, der Älteste
der Runde.
„Deine dämlichen Bemerkungen kannst du dir sonstwo hin stecken! Sag
mir lieber, was so überaus wichtig war, damit ich mich hierher quälen
musste, die letzten Male hat es nur Unglück gebracht.“, kam die gefauchte
Antwort von Kalessan, der gerade auf seinem Plateau Platz genommen hatte.

„Oh, ich sehe, bei deinen Manieren hat sich wenig geändert… und
wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du dir keinen Proviant zu den Treffen
mitnehmen sollst?“, merkte der goldene Drache an, als Kalessan das dicke
Ninnel-Bündel ablud, welches sich in der fremdartigen Runde neugierig umsah.
„Und dann auch noch ein Kind!“, fuhr er kopfschüttelnd fort,
„Dann friss es wenigstens gleich, damit wir das hinter uns haben!“
„So sehr es mich anwidert das zu sagen, aber dieses Kind wird nicht gefressen.
Ich habe schon zu viel deswegen durchgemacht.“
„Oh, Kalessan nimmt sich eines Menschenjungen an? Das kann einem ja fast
Angst machen!“, kam der gehässige Kommentar von Droca, dem Kupferdrachen.
Droca glich seinem benachbarten Bronzedrachen, Neidhöcker, wie ein Ei dem
anderen und war nur deswegen als er selbst zu identifizieren, weil er ein großes
Schild um den langen Hals trug, auf dem in großen, gut lesbaren Buchstaben
sein Name stand. Neidhöcker trug ein ähnliches Schild, nur dass auf
diesem sein eigener Name zu lesen war.

„Wenigstens brauche ich nicht mehrere Millennien, um mir eine Methode
auszudenken, mit der man mich einwandfrei identifizieren kann!“, entgegnete
der rote Drache, worauf Droca beschämt den Blick abwendete.
„Wer ist das überhaupt, dass du dich plötzlich mit Menschen
abgibst?“, kam eine weitere Frage von Adorelon, dem Silberdrachen.
„Dies ist Ninnel, Karlmax‘ Sohn!“, sagte Kalessan und versuchte,
wenigstens ein bisschen feierlich zu klingen, erntete aber lediglich verständnislose
Blicke.

„Wessen Sohn?“
„Ihr erinnert euch doch hoffentlich? Männlicher Mensch, viele Haare
im Gesicht, rettete alle unsere Existenzen…“
„Nein!“
„Nein!“
„Nein?“
„Nein!“

„Nein!“
„Thric!“
„Nein!“
„Nein!“
„Ja… Moment, nein, doch nicht!“
„Dann weiß ich nicht, was peinlicher ist – dass ich mir als
einziger in der Runde den Namen eines speziellen Menschen behalten konnte oder
dass ihr alle den Namen dieses Menschen vergessen konntet, der euch alles bewahrt
hat, was euch teuer war.“, brauste Kalessan auf.

„Habe ich irgendwas nicht mitbekommen? Woher der plötzliche Seitenwechsel,
Kalessan?“, fragte ihn Tjamat, der blaue Drache, der gerade mit einer
überdimensionierten Nagelfeile seine Krallen schönte.
„Oh, du meinst den Menschen in dieser Saurudalf-Angelegenheit, nicht wahr?“,
merkte Droca an, „Von dem habe ich noch öfters gehört, der ist
jetzt ein berühmter Theoretiker geworden oder so, hat großen Erfolg,
zieht durch die Lande, gibt Vorlesungen undsoweiter – in meinen Augen
ist unsere Schuld an diesen Menschen bezahlt.“

Die anderen Drachen stimmten dem kollektiv zu.
„Dann habe ich in den letzten Wochen anscheinend die Schuld von uns allen
zusammen bezahlt.“, antwortete Kalessan mit einem düsteren Blick
auf Ninnel, der gerade einen Stein über den Rand vom Plateau des roten
Drachen fallen ließ, um zu hören, wie tief der Abgrund darunter sei.
„Und jetzt erzählt ihr mir besser, warum ich mit diesem Balg überhaupt
herkommen musste – und lasst es bitte einen guten Grund sein, denn ich
bin zu fertig mit den Nerven, um irgendeine idiotische Begründung für
diese Zusammenkunft akzeptieren zu können!“

Kalessans letztes Fünkchen Hoffnung verschwand, als alle anderen Drachen
auf einmal reges Interesse an Steinen, Wolken und intensiver Krallenmaniküre
zeigten.
Smahug räusperte sich kurz und sagte dann:
„Nuntja, ähm, weißt du, der Grund für dieses Treffen ist…
wie soll ich es sagen, also es ist so… ähm… unsere liebe Schneeweißchen
hier…“, er deutete auf die weiße Drachin, die sich konsequent
weigerte, auch nur ein Wort in der allgemeinen Sprache zu sprechen, „…nun,
sie hat doch morgen ihren 2000. Geburtstag und da wollten wir eine kleine…
Feier veranstalten… hast du meinen Hauswürger etwa nicht aussprechen
lassen?“

Aus dem Tal dröhnte das donnernde Echo einer Steinlawine hinauf, die durch
Ninnels Steinwurf ausgelöst worden war.
Sie setzte sich in Kalessans Kopf in Form einer Lawine aus Wut fort.
Er brüllte laut auf, so laut, dass es selbst den restlichen Drachen in
den Ohren schmerzte, und schlug mit der geballten Faust auf den Felsboden seines

Plateaus.
Kalessans Schrei und das kleine Beben von seinem Schlag reichten aus, um Ninnel
über den Rand der Klippe, an der er sich immer noch aufhielt, auf einen
tiefen, tödlichen Fall zu schicken.

Kalessan und die anderen Drachen bemerkten es nicht.
Aufmerksame Augen beobachteten – und reagierten.
Der rote Drache tobte.
Die restlichen neun Mitglieder des Rates waren schon so einiges an Wutausbrüchen
gewohnt, die Kalessan angesichts ihm weniger wichtig erscheinenden Themen der
Versammlung losgelassen hatte, aber dies übertraf alles vorher dagewesene.
Wochenlang aufgestaute Wut entlud sich in unartikuliertem, lautem Gebrüll
und zahlreichen Gewalttaten gegenüber dem Felsen, auf dem der rote Drache
saß. Früher hatte er wenigstens noch den Anstand gehabt, ihnen einzeln
Beleidigungen zuzuschreien. Hätte ihn diesmal nicht ein letzter Funken
Vernunft davon abgehalten, er hätte sich wahrscheinlich auf Smahug gestürzt
und versucht, ihn umzubringen.

So dauerte es auch mehrere Minuten, bis er sich wieder beruhigt hatte und auf
dem großen Felsplateau nichts mehr außer der rauschende Wind zu
hören war.
Die restlichen Drachen des Rates kauerten sich alle eingeschüchert auf
ihren Plätzen zusammen und wagten es nicht, einen Laut zu machen, der die
Aufmerksamkeit Kalessans auf sie ziehen könnte.
Smahug erholte sich als erster:
„Bist du jetzt fertig, Kalessan? Gut, dein Mensch ist nämlich verschwunden.
Zufrieden?“

Kalessans wahnsinniger Blick klärte sich ein wenig auf, als er sich auf
seinem Plateau umsah und bemerkte, dass Ninnel tatsächlich verschwunden
war. Er warf einen Blick über die Felskante und suchte den Felsboden weit
unter sich nach dem Jungen ab, aber da war nichts. Der Drache wandte sich wieder
Smahug zu:
„Na und? Dann ist er endlich tot, und ich habe versagt. Es ist mir egal!
Und weißt du, was mir noch egal ist? Diese Versammlung hier! Wir sollten
die Welt regieren, und was machen wir stattdessen? Wir feiern Geburtstage, suchen
nach deinen Schätzen und legen uns mit mickrigen Magiern an. Wann haben
wir für diese Welt in letzter Zeit wirklich etwas wichtiges getan? Nichts!
Und dann sind wir sogar noch zu arrogant, um eine gute Tat anzuerkennen, die
mal jemand für uns tut. In dieser Hinsicht habe ich in den letzten Wochen
mehr im Namen dieses Rates getan als wir alle zusammen in den letzten acht Jahren.
Ich habe jemandem gezeigt, dass mir das, was er für mich getan hat, nicht
scheißegal war. Ja, es war ein Mensch. Ja, ich habe dabei gelitten, und
ja, ich habe versagt. Das beweist mir nur, wie inkompetent diese gesamte Versammlung
hier ist – darum sollte mir mein Versagen wohl doch nicht so egal sein…“

„Versagen wobei, Onkel Kalessan?“, ertönte eine leise Stimme
über dem Rauschen des Windes.
Kalessan dreht sich um.
„Oh, Scheiße!“
Ninnel war offensichtlich am Leben. Die Tatsache, dass er sich in den Klauen
eines fremden, roten Drachen befand, ließ jedoch nicht dafür sprechen,
dass es noch lange so bleiben würde.

Gemessen an Kalessan war dieser Drache gerade mal halb so groß, aber immer
noch groß genug, um bei den meisten Menschen ernsthafte Blasenschwäche
zu bewirken. Weitaus eindrucksvoller als seine Größe war jedoch sein
Blick. So ein Blick ließ nur auf einen Verstand hinter diesen Augen schließen,
der vollkommen wahnsinnig und zu allem bereit war, dabei noch einen extremen
Hang zum Sadismus hatte, jedoch alle Handlungen mit kalter Berechnung durchführen
konnte. Kalessan hatte in seinen besseren Tagen auch nicht anders ausgesehen…
Er erholte sich von daher von diesem Anblick daher als erster.
„Wer bist du?“, fragte er.

„Oh, wir sind wohl ein ganz stürmischer, nicht wahr?“, sagte
der Drache, der nach dessen Stimme zu urteilen unmissverständlich weiblich
war und fügte dem bedrohlichen Blick ein ähnlich schockierendes Lächeln
mit spöttischem Unterton hinzu, während er mit heftigen, schweren
Flügelschlägen versuchte, einigermaßen seine Höhe zu halten.
„Ist euch eigentlich klar, dass jedem Drachen, der unaufgefordert diese
Versammlung besucht, die Todesstrafe droht?“, schaltete sich nun Smahug
an die Drachin gewandt ein.

Diese riss ihren Blick von Kalessan los und funkelte den Vorstand des Rates
an:
„Natürlich ist mir das klar – nur frage ich mich, warum das
ganze? Damit wir anderen Drachen nicht herausbekommen, dass ihr nur Geburtstagspartys
feiert und Nichtigkeiten besprecht, anstatt die Welt zu beherrschen? Eine hervorragende
Begründung, wirklich!“
Die Stimme der Drachin troff vor Hohn und ließ Smahug sichtbar zusammenzucken.
Sie blickte sich in der Runde um:
„Oh, ihr seid wirklich ein wahrer Haufen von Herrschern: verfressen, fett,
herrschsüchtig, faul, arrogant und zu nichts nutze!“

Ihr Blick kam zu Kalessan zurück.
„Was ist mit dir? Du scheinst ähnlicher Meinung zu sein…“
„Gib mir den Jungen zurück und nenn mir deinen Namen!“, bellte
er.
Die Drachin sah Ninnel kurz an, der die gesamte Szenerie mit anscheinend sehr
großem Interesse verfolgt hatte und seinen Blick kontinuierlich von Drache
zu Drache wandern ließ, um auch ja nichts zu verpassen.

„Dir scheint dieser Junge ja sehr viel zu bedeuten… wenn das so ist,
dann komm doch und hol ihn dir!“, antwortete die rote Drachin lachend,
drehte ab und begann, auf der nächst besten Luftströmung davon zu
fliegen.
Smahug war außer sich:
„Das… das… das ist ein Skandal! Das ist mir vorher noch nie untergekommen.
Selbst ihr roten Drachen wisst, dass diese Versammlung für euch untersagt
ist!“
„Ich wusste doch, dass ich hier nie erwünscht war…“, antwortete
Kalessan abfällig.

„Du weißt genau, was ich damit gemeint habe. Dieser Verstoß
muss geahndet werden! Dem Gesetz muss Folge getragen werden! Sie wird die Konsequenzen
für diese Untat tragen müssen! Kalessan, da sie Mitglied deiner Rasse
ist, wirst du das Urteil an ihr vollstrecken!“
„Du meinst sie umbringen?“
„Ganz genau!“, Smahugs Stimme überschlug sich, „Ich befehle
es dir!“

Die folgende Stille hätte kein Friedhof besser hinzaubern können.
Als Kalessan das nächste Mal sprach, war seine Stimme leise und zischend:
„Du befiehlst mir gar nichts mehr, Smahug! Diese Zeiten sind vorbei. Ich
werde diese Drachin verfolgen und töten – weil sie mich herausgefordert
hat. Und wenn ich sie umbringe, dann wird das mein letzter Dienst für diesen
Rat gewesen sein.“
Er drehte sich um und breitete seine Flügel aus.

„Du kannst nicht austreten!“, brüllte Smahug ihn an.
„Dann halte mich auf!“, entgegnete der rote Drache, stieß
sich ab und flog der Drachin hinterher, die ihn so frech herausgefordert hatte.
Schneeweißchen murmelte etwas auf Draconisch, das ungefähr mit „Wirklich,
ein schöner Geburtstag!“ übersetzt werden konnte.

Mit
Nagersacki unterwegs zu sein, erwies sich für den Fremden aus einer anderen
Welt als an sich schon sehr schwere Aufgabe, da man sehr aufpassen musste, die
Ehre dieses Kriegers nicht zu verletzen. Einmal hatte sich ein Vogel direkt
über Nagersackis Kopf erleichtert, und nachdem der Krieger sich nicht dazu
in der Lage sah, das Tier deswegen zu einem fairen Kampf zu stellen, hatte der
Reisende seine Liebe Mühe, den Sauriam davon abzuhalten, sich selbst das
Schwert in seine Bauchklappe zu rammen.
Nichtsdestotrotz führte ihn Nagersacki in ein Gelände, das zumindest
schon mal die Bezeichnung „finsterer Sumpf“ verdient hatte.
„Sag mal, Nagersacki, warum heißen die finsteren Sümpfe des
Schwarzen Todes eigentlich so?“, erkundigte sich der Fremde.

„Nun, sie sehr finster seien…“
„Und weiter?“
„‚Schwarzer Tod‘, so wird genannt Drache, der lebt in Sumpf.
Seien kein netter Zeitgenosse, ha ha!“, erklärte Nagersacki.
„Oh, genau zu dem möchte ich aber.“
„Ihr wollen den Schwarzen Tod umbringen? Das werden ein wahrhaft guuuter
Kampf!“

„Ich will ihn eigentlich nicht umbringen, vielmehr… mit ihm reden!“
Der Fremde achtete darauf, nicht zu viele Details über seinen geheimen
Auftrag und vor allem über die Schriftrolle mit der wichtigen Nachricht
zu preiszugeben – man wusste nie, wem man trauen konnte, dazu hatte er
schon zu viele Bücher gelesen.
„Oh… darf Nagersacki ihn umbringen, nachdem ihr geredet habt?“,
fragte der Krieger hoffnungsvoll.
„Nein!“

„Oh bitte, nur ein bisschen!“
„Nein, und es bleibt dabei!“
Der Reisende hoffte stark, dass er den Sauriam nicht zu sehr in seiner Ehre
verletzt hatte, ansonsten würde dieser Streit noch viel heftigere Ausmaße
annehmen. Der Krieger beschränkte sich jedoch darauf, lautstark zu schmollen
und etwas in seiner eigenen, zwitschernden Sprache zu murmeln.
Die beiden setzten ihre Reise durch den immer finsterer und sumpfiger werdenden
finsteren Sumpf in verdrossenem Schweigen fort. Obwohl es eigentlich ein heller
Tag sein sollte, war der Himmel düster und dem Sumpf hing eine niederdrückende
Stimmung an. Dies lag vor allem an der Vegetation, beziehungsweise den sogenannten
Gruselbäumen. Diese haben eine sehr bizarre, gekrümmte Form mit vielen
gezackten Ästen und Auswüchsen, die jeden phantasievollen Verstand
geradezu dazu auffordern, sie für gefährliche Monster oder ausgestreckte
Klauen zu halten. Diese spezielle Baumart wächst besonders inmitten von
dunklen Wäldern und Sümpfen. Aufgrund ihrer die Atmosphäre steigernde
Wirkung wird sie gerne von bösen Herrschern und Kreaturen an diesen ihren
Heimstätten importiert und verdrängt schnell sämtliche Restvegetation,
die andere Farben außer grau, schwarz und braun aufweist. Alle anderen
Pflanzen bleiben seltsamerweise unangetastet…

Die unheimliche Wirkung des Sumpfes ließ auch das Gemüt des Reisenden
nicht ganz unangetastet. Er war sich zwar immer noch sicher, dass ihm als Weltenretter
nichts passieren konnte, dennoch hoffte er, dass er den Drachen bald finden
würde, damit er schnell aus diesem Sumpf heraus kommen und die Welt retten
könnte.
Nagersacki bedeutete ihm plötzlich, stehen zu bleiben und sah sich aufmerksam
um.
„Es sehr ruhig geworden ist. Kein gutes Zeichen sein.“
Dies wurde darin bestätigt, dass aus den Schatten der Gruselbäume
um ihnen herum auf einmal drei schreckliche Kreaturen auftauchten und sie umzingelten.
Es handelte sich um hoch gewachsene, bucklige Humanoide mit entstellten Gesichtern.
Sie hatten lange, rübenartige Nasen, zahnlose Höhlen als Münder,
das Kinn von jedem von ihnen war mehrere Zentimeter lang und sie waren überall
von pulsierenden Warzen entstellt. Sogar einige der Warzen hatten Warzen und
aus ihnen wuchsen lange, dünne Haare, die wahrscheinlich keine noch so
scharfe Gartenschere hätte durchschneiden können.

Nagersacki zögerte nicht lange, zog sein langes Schwert, stieß einen
hochfrequenten Kampfschrei aus und stürmte auf die nächst beste der
drei Kreaturen zu. Diese wich ihm mühelos aus und stellte ihm ein Bein.
Nagersacki hatte nicht genug Zeit, um zu reagieren, stolperte und legte sich
der Länge nach hin. Leider hielt er dabei sein Schwert so ungünstig,
dass er es sich dabei selbst in den Bauch rammte. Am Boden liegend sah er noch
einmal zu dem Reisenden hoch und sagte:
„Es ist vollbracht.“
Dann hauchte er seinen Lebensatem aus.

Was für ein oberpeinlicher Schlusssatz!, dachten sich alle Anwesenden.
Die drei Kreaturen schlossen nun ihren Kreis um den einsamen Reisenden, der
heftig zu zittern begann und sich nun doch schon seinem Ende nahe wähnte.
Eine letzte Frage wollte er ihnen jedoch noch stellen:
„Werwerwer seid ihr?“
Sie kreischten laut auf, was anscheinend ihre Art war, zu lachen. Danach antworteten
sie im Chor:
„Wir sind die drei schrecklichen Furien!“

„Ich bin Alexzstrzuszszuszia!“, schrie die eine, und der Reisende
begann noch heftiger zu zittern.
„Mein Name ist Chmlech’krach!clochchmchmrn!“, kreischte die
zweite Furie, und der Reisende begann qualvoll zu wimmern.
Dann stellte sich die dritte vor:
„Und ich heiße…“
Als die Furie ihren Namen genannt hatte, tönten die Schreie des Reisenden
laut und gellend, aber ungehört durch den finsteren Sumpf.

Die
Drachin zu verfolgen, war für Kalessan wahrlich kein Zuckerschlecken, da
diese sich als äußerst flink entpuppte und den größeren
Drachen in relativ kurzer Zeit abgehängt hatte.
Kalessan musste ab und an sogar auf die Hilfe von Menschen am Boden zurückgreifen:
„Ist hier ein roter Drache vorüber geflogen?“
Der Blick des von ihm angesprochenen Bauern machte ihm klar, dass es momentan
nur einen einzigen Drachen in seinem Universum gab. Seine Selbsterhaltungstriebe
brachten ihn jedoch zumindest so weit, den Arm unter wildem Zittern in die entsprechende
Richtung auszustrecken.

Kalessan flog los und brachte ihn nicht um – sogar dazu war er zu wütend.
Nach etlichen Stunden des Folgens von Spuren in der Luft und Hinweisen vom Boden
fand er die Höhle, die den Geruch jener fremden Drachin trug, am Rand einer
kleinen Gebirgskette. Er zwängte sich durch den für ihn viel zu kleinen
Durchgang und kam alsbald in den Hauptraum der Behausung der fremden Drachin.
Diese erwartete ihn bereits entspannt auf dem Boden liegend und zufrieden grinsend.
Über ihr baumelte ein überdimensionierter Vogelkäfig, in dem
Ninnel hockte und Kalessan ebenfalls fröhlich grinsend zuwinkte.
„Hast ja ziemlich lange gebraucht, mein Bester – mit diesem Quälgeist
hätte ich es wohl auch kaum länger ausgehalten…“, gurrte die
rote Drachin, stand auf und stupste den Käfig kurz an, worauf Ninnel wild
hin und hergeschleudert wurde.

„Hör mal zu: Ich bin momentan ziemlich stinkig – was stressige
Situationen betrifft, was andere Drachen betrifft und vor allem was
diesen Jungen dort betrifft. Der Rat hat mich beauftragt, dich wegen deines
Verstoßes gegen unser Gesetz zu töten, aber darauf habe ich jetzt
ehrlich gesagt keine Lust. Aus diesem Verein bin ich draußen. Wenn du
mir den Jungen also jetzt gibst und dich dann nie wieder blicken lässt,
bin ich bereit, dich am Leben zu lassen.“
Die gefährliche Ruhe von Kalessans Tonfall hätte selbst einige der
älteren Mitglieder im Drachenrat verschreckt, doch diese viel kleinere
Drachin lachte nur und legte den Kopf schief.

„Dir liegt wirklich viel an diesem kleinen Bengel, nicht wahr? Ich frage
mich, was an ihm so besonders ist…“
„Das geht dich nichts an! Und jetzt rück ihn raus, das ist meine
letzte Warnung!“, grollte Kalessan und nahm einen noch bedrohlicheren
Tonfall an, wenn das überhaupt möglich war.
„Tut mir leid, aber ich habe ihn nicht entführt, um ihn dir dann
einfach wieder zurückzugeben…“
„Und was willst du dann?“

Die Augen der Drachin verengten sich zu kleinen Schlitzen, und sie zischte:
„Ich will kämpfen!“
Kalessan lachte auf:
„Pah! Wie alt bist du eigentlich?“
„Man fragt eine Lady nicht nach ihrem Alter, aber schön: 500 Jahre…“

„Noch völlig grün hinter den Ohren… Du denkst doch nicht wirklich,
dass du auch nur den Hauch einer Chance hast!? Was könnte wohl der Grund
sein, dass du dein Leben so vorzeitig beenden willst?“
„Das wirst du noch früh genug sehen – na, was ist?“,
fauchte die Drachin und machte herausfordernde Gesten.
Kalessans Miene gefror.
„Du meinst es ernst, hm? … Nun gut, wie willst du es austragen?“

„Luftkampf. Kein Feuer, keine Magie – nur Geschick und Stärke!“
„Entweder du bist verdammt gut für dein Alter, oder du bist vollkommen
wahnsinnig.“, schnaubte Kalessan.
„Vielleicht bin ich ja beides – wollen wir jetzt endlich anfangen?“
Eine aufgeregte Kinderstimme mischte sich ein:

„Oh toll, ihr werdet gegeneinander kämpfen! Darf ich zusehen? Bittebittebitte!“
„Halt die Klappe!“, brüllten Kalessan und die Drachin gleichzeitig,
worauf Ninnel Ruhe gab.

Wenige
Minuten später umkreisten sich die beiden Drachen über den Bergen.
Der Himmel hatte sich im Laufe des Tages zugezogen, und die Wolken hingen dicht,
grau und tief über der Landschaft.

„Ich gebe zu, ich bin ein wenig beeindruckt von deinem Mut… oder von
deiner Dummheit.“, sagte Kalessan.
„Oh, du wirst noch viel beeindruckter sein, glaube mir!“
„Und du willst das wirklich?“, fragte Kalessan die fremde Drachin,
immer noch zweifelnd.
Diese ignorierte ihn.
„Bist du bereit?“, fragte sie.

„Bereit, wenn du es bist.“, antwortete Kalessan, aber noch während
er sprach, hatte sich die Drachin aufgeschwungen und war in den Wolken verschwunden.
Also wird gespielt…, dachte sich der ältere Drache und folgte
ihr in die dichte Wolkendecke.
Kalessan hatte in seinem Leben schon viele Luftkämpfe mit anderen Drachen
ausgetragen und wusste nur zu gut, dass das Antreten gegen einen älteren,
stärkeren und erfahreneren Gegner ein böses Ende haben konnte. Wenn
man die Wettersituation als Vorteil im Kampf richtig ausnutzte, konnte man auch
einen stärkeren Gegner leicht bezwingen. Doch auch Kalessan wusste um den
Vorteil von Wolken und Überraschungsangriffen. Leider hatte es nun schon
seit geraumer Zeit niemand mehr gewagt, ihn herauszufordern, weswegen er ein
wenig aus der Übung war und den ersten Angriff zu spät kommen sah.

Er drehte schnell ab, und die junge Drachin stürzte an ihm vorbei, jedoch
konnte sie ihm ihre Klauen einmal über die Seite ziehen und ließ
ein paar nicht sehr tiefe, aber dennoch spürbare Striemen zurück.
Danach war sie wieder außer Sichtweite.
Oh, diese Drachin hat ja richtig Schneid!, dachte sich Kalessan und
flog aufwärts, um in höheren Luftschichten aus der Wolkendecke auszubrechen.
So langsam regte sich in ihm wieder die alte Kampfeslust, und er begann, seine
alten Taktiken anzuwenden. Über den Wolken kreiste er und behielt die Schatten
unter sich wachsam nach der geringsten Bewegung im Auge, ohne dabei die restliche
Umgebung außer Acht zu lassen.

Da! Unten wirbelten die Wolken leicht auseinander, als ob sich etwas großes
darin bewegen würde. Er legte die Flügel an und begann einen lautlosen
Sturzflug auf das Bewegungsmuster zu, durchbrach die Wolkendecke und konnte
die junge Drachin sehen, wie sie, ihn nicht bemerkend, aufmerksam die Wolken
unter sich absuchte.
Schade, es war sehr kurz mit dir, aber angenehm!, dachte sich Kalessan
und streckte seine Klauen aus, um die kleinere Drachin in der Luft zu zerreißen.
Den Bruchteil einer Sekunde bevor er auf sie auftraf, drehte sie sich auf einmal
blitzartig um ihre Achse und wirbelte zur Seite, sodass Kalessan sie knapp verfehlte.
Dabei gelang es ihr, in die empfindliche, bereits von Narben durchsäte
Flügelmembran des älteren Drachen zu beißen. Dadurch war sie
jedoch kurz in Reichweite von Kalessan, der jetzt seinerseits die Gelegenheit
nutzte, sich geschickt in der Luft drehte und ihr eine Klaue in den Hals rammte.
Die Drachin löste sich von ihm und brüllte auf, jedoch klang es mehr
wie ein lustvolles Stöhnen als ein Schmerzensschrei. Danach verschwand
sie wieder in den Wolken.

Kalessan verfluchte sich selbst, dass er auf diese Falle hereingefallen war.
Er hatte diese junge Drachin anscheinend gewaltig unterschätzt. Aber man
wird nicht so alt, wenn man nicht aus seinen Fehlern lernt…
Er durchbrach erneut die Wolkendecke auf der oberen Seite. In einiger Entfernung
flog seine Gegnerin – auch sie hatte ihn entdeckt und flog direkt auf
ihn zu. Ein paar Hundert Meter bevor sie aufeinander prallten, tauchte sie in
die Wolken ab. Doch diesen Trick kannte Kalessan. Als er hinter sich das Rauschen
hörte, drehte er sich blitzartig um und entblößte seine Fänge.
Die Drachin, die von unten aus den Wolken hervor kam, einen halben Looping flog,
um sich dann von oben überraschend auf ihren Gegner stürzen zu können,
hatte nicht erwartet, direkt in die Klauen ihres Feindes zu fallen. Die beiden
Kämpfer verkeilten sich kurz ineinander und versuchten, während des
freien Falls dem Gegner die Flügel so zu beschädigen, dass dieser
nicht mehr fliegen und am Boden zerschellen würde. Beide zogen sich schwere
Wunden zu, bevor sie sich voneinander trennten und wieder in den Wolken verschwanden.

Kalessan hatte mehrere tiefe Kratzer an seiner Unterseite und einige Bisswunden
am Hals davongetragen, seiner Gegnerin aber dafür ein paar Risse in der
linken Flügelmembran und eine tiefe Verletzung am Hinterbein beigebracht.
Doch für ihr Alter war dieses junge Ding erstaunlich erfahren im Kampf.
Kalessan hatte schon wesentlich älteren Drachen gegenüber gestanden,
die sich ungeschickter angestellt hatten und nicht so lange durchhielten wie
diese Drachin. Wirklich schade, dass er sie würde umbringen müssen…
Der Kampf tobte noch über eine Stunde lang, und Kalessan musste feststellen,
dass er zwar wesentlich stärker als sein junges Gegenüber war, jedoch
bei weitem nicht mehr so agil und schnell. Sein hohes Alter mochte ihm zwar
mehr Erfahrung und ausgeklügeltere Kampftaktiken beigebracht haben, doch
diese waren im Laufe der Jahre so weit eingestaubt, dass er in der jungen Drachin
einen nahezu ebenbürtigen Gegner hatte.

Die Schlacht hätte noch viel länger dauern können, doch Kalessan
deutete der Drachin bei einer günstigen Gelegenheit eine kurze Auszeit
an. Kurze Zeit später umkreisten sich die beiden wieder unter der Wolkendecke.
„Was ist, machst du etwa schon schlapp?“, bellte seine junge Gegnerin
mit einem teuflischen Grinsen im Gesicht, obwohl sie aus mehreren Wunden heftig
blutete.
„Ich gebe zu, ich bin wahrlich beeindruckt von deinen Fähigkeiten.
So einen guten Kampf hatte ich schon lange nicht mehr. Bevor wir weitermachen
möchte ich zumindest noch deinen Namen erfahren!“

„Lady Syrop, zu euren Diensten!“, sprach die Drachin und verneigte
sich spöttisch in der Luft vor ihrem Gegner.
„Syrop? DU hast all diese Drachentöter zu mir geschickt?“
Die junge Drachin lachte lauthals über die Kalessan offen ins Gesicht geschriebene
Verblüffung:
„Ja, das war ich. Da du noch am Leben bist, scheinen sie ihre Aufgabe
nicht sehr gut erfüllt zu haben…“

„Aber wozu? Ich habe dich vorher noch nie gesehen. Was habe ich dir getan?“
„Nun, gar nichts!“
„Und was willst du dann?“, fragte der ältere Drache, dessen
Verwunderung immer größer wurde.
„Was ich will? Aufmerksamkeit! Und die bekäme ich wohl kaum, wenn
ich junges Ding mal eben bei dir angeklopft hätte, nicht wahr?“

„Aufmerksamkeit? Das ist alles? Warum das?“
„Wenn du das bis jetzt noch nicht herausgefunden hast, dann können
wir diese Angelegenheit genauso gut beilegen, mein Liebster…“, antwortete
Syrop spöttisch.
Doch Kalessan hatte schon begriffen. Er war überrascht über die Vorgehensweise
der jungen Drachin, und er war noch viel mehr überrascht über den
Erfolg, den sie damit hatte. Doch es passte alles zusammen. Kalessan konnte
nicht umhin, sich selbst den Erfolg ihres Anliegens einzugestehen – nun
galt es, entsprechend zu reagieren.

„Dir ist klar, was du da willst?“, sagte er.
„Ja!“
„Dir ist außerdem klar, dass ich das schon seit einer Ewigkeit nicht
mehr getan habe?“
„Allerdings!“
„Dann lass es uns beenden!“

Syrop nickte zufrieden. Sie beide begannen, sich immer weiter in die Höhe
zu schrauben und dabei stetig einander zu umkreisen. Höher und höher
flogen sie, durch die Wolken hindurch und noch viel weiter, bis in obere Schichten,
wo die Luft schon sehr dünn war, sich dabei immer umkreisend, wie in einem
grotesken Tanz der Sonne entgegen.
Dort oben trennten sie sich dann voneinander und flogen auseinander, um sich
dann in angemessenem Abstand voneinander gegenüber zu positionieren und
ein paar Sekunden mit heftigen Flügelschlägen in der dünnen Luft
zu verharren.
„Bist du bereit dafür?“, fragte Kalessan die jüngere Drachin,
die vor Erschöpfung zitternd sich mühsam ihm gegenüber in der
Luft hielt, aber immer noch die Kraft hatte, keck zu antworten:

„Bist du es denn?“
Kalessan brüllte auf und warf sich vorwärts. Mit kräftigen Flügelschlägen
steuerte er auf sein Gegenüber zu. Syrop tat es ihm gleich, schrie auf
und brauste ebenfalls auf den viel größeren roten Drachen hin.
Die beiden näherten sich einander immer schneller und schneller. Keiner
drosselte seine Geschwindigkeit oder drehte gar ab, als sie auf Konfrontationskurs
gingen. Lediglich im letzten Moment glaubte Kalessan, eine Spur von Zweifel
in den Augen Syrops zu sehen, doch da war es bereits zu spät.

Die beiden Kolosse prallten in der Luft wuchtig aufeinander und beschrieben
eine bizarre Pirouette, als sie sich festhielten und umeinander drehten. Blitzartig
umwickelte der viel größere Kalessan Syrops Hals und Schwanz mit
den seinen, krallte sich an ihr fest, hielt ihre Flügel mit seinen Klauen
an den Seiten, sodass sie völlig umklammert war und legte seine eigenen
Schwingen an. In einer tödlichen Umarmung stürzten die beiden Drachen
sich immer noch drehend kopfüber den Wolken entgegen. Die gefangene Syrop
kreischte, riss Kalessans Unterleib mit ihren Klauen auf und biss sich in seinem
Hals fest, doch dieser hielt sie in seiner erbarmungslosen Umklammerung fest
und schien den Schmerz gar nicht zu spüren.
Immer und immer schneller werdend rauschten sie der Wolkendecke und damit dem
tödlichen Boden entgegen, unzertrennlich verbunden.
Und dann machte Kalessan etwas sehr unartiges…

Syrop brüllte auf.
In der Ekstase ihrer Vereinigung und ihres freien Falls stürzten die beiden
Drachen durch die Wolkendecke, immer weiter an Geschwindigkeit gewinnend.
Letztendlich durchbrachen sie auch die Wolken, und der Boden kam wie eine gigantische,
tödliche Fliegenklatsche rasend schnell auf sie zu.
Man könnte meinen, dass die beiden ewig in dieser Verbindung bis zu ihrem
Tod zu Boden hätten stürzen können, doch wenige Hundert Meter
über dem Wald, in den sie hineinzustürzen drohten, trennte sich Kalessan
von Syrop und breitete seine Schwingen weit aus, um den Sturzflug anzufangen.
Selbst unter Einsatz seiner Magie riss die ungeheure Wucht des plötzlichen
Luftwiderstandes ihm beinahe seine Flügel aus, und fast erschien es, dass
er doch noch als ein sehr großer, roter Fleck am Boden enden würde.
Doch kurz vor dem Aufprall bekam er noch seinen nötigen Aufwind und schwebte
in einer weiten Kurve wieder nach oben, wobei er einige Baumkronen mit seinen
Hinterklauen streifte. Danach vollzog er eine elegante Wendung in der Luft und
flog in Richtung Syrop.

Diese konnte den Sturzflug nicht so gut abfangen. Auch sie breitete ihre Schwingen
aus, ging in einen steilen Sinkflug und hoffte, kurz vor dem Aufprall abdrehen
zu können, doch der wenige Spielraum, den sie hatte, reichte nicht aus.
Die Drachin rauschte in die Baumkronen hinein, entwurzelte viele Bäume
und pflügte eine große Schneise in den Wald, als sie auf dem Boden
auftraf und mehrere Dutzend Meter weit rutschte, bevor sie zum Stillstand kam.
Kalessan zerdrückte noch viel mehr Bäume, als er neben der übel
zugerichteten Drachin landete, die sich beim Aufprall wahrscheinlich sämtliche
Knochen im Leib gebrochen hatte, aber immer noch am Leben war.
Die Bewunderung des älteren Drachen für sie kannte keine Grenzen,
als Syrop noch die Kraft fand, zu ihm aufzusehen und mit einem matten Lächeln
hervorzubringen:

„Das müssen wir unbedingt noch einmal machen!“

Wenige
Tage später…
Die Tournee war erfolgreich gewesen. Sämtliche von Karlmax Lesungen waren
ausverkauft, das Publikum jedes Mal sehr aufmerksam, gebannt von seinen Ausführungen
und der Applaus zum Ende jedes Auftritts immer wieder ohrenbetäubend. Karlmax
hatte zwar bei keiner der von ihm besuchten Städte das Gefühl, dass
die dortigen Menschen wirklich den Mut oder die Lust hatten, die von ihm vorgestellten
Thesen auch tatsächlich umzusetzen, aber das war er mittlerweile gewohnt.
Immerhin ließ sich damit ganz gut Geld verdienen.

Rita war ihm während seiner Tour wie immer eine großartige Unterstützung
gewesen, hatte Karlmax‘ ideologische Gegner immer wieder höflich
zurecht gewiesen (wobei „Mit verknoteten Armen und Beinen in einer dunklen
Gasse landen“ noch als höflich gewertet werden durfte) und ihm das
stressige Leben einer solchen Reise wesentlich einfacher gemacht.
Karlmax bereute es, die gute Beziehung, die sie in den letzten Wochen geführt
hatten, wieder ein wenig trüben zu müssen, als sie sich erneut der
Höhle von Kalessan näherten.

„Du Rita, ich fürchte, da gibt es etwas, was ich dir über diesen
Kalessan, der Ninnel betreut hat, erzählen muss…“, sprach er das
leidige Thema an.
„Er wird unseren Jungen doch auch gut behandelt haben!?“
„Ja, das hoffe ich… Nun, ich hätte es dir wahrscheinlich schon
früher sagen sollen, aber Kalessan ist nicht wirklich ein Mensch, sondern…
na ja, ein Drache. Bitte verzeih mir, dass ich dir das nicht schon früher
anvertraut habe, aber du hättest ihm unseren Jungen wohl kaum anvertraut,
wenn du das gewusst hättest…“

Schuldbewusst schaute Karlmax auf den Boden, während er auf Ritas Reaktion
wartete, darauf hoffend, nicht selbst mit verknoteten Armen und Beinen im Wald
zu landen.
„Ein Drache? Aber, das ist ja… perfekt!“, rief Rita aus, „Warum
hast du mir das nie erzählt? Einen besseren Beschützer für unser
Ninnilein als einen Drachen kann ich mir doch gar nicht vorstellen. Und wenn
er dann noch mit dir befreundet ist, wo liegt das Problem?“
„Nun, darin liegt das Problem! Ich war mir gar nicht mal sicher,
ob er Freunds genug war, diese Aufgabe überhaupt anzunehmen und durchzuführen…“,
antwortete Karlmax, der sich von Ritas überraschender Reaktion schnell
erholt hatte, „Ehrlich gesagt hoffe ich selbst, dass er unseren Jungen
gut behandelt hat.“

„Na und wenn nicht, dann bekommt er es eben mit mir zu tun, nicht wahr,
Schatz?“
Karlmax lächelte matt:
„Ja, Liebling…“
Zusammen betraten sie die Höhle.
Kalessan erwartete sie bereits, in der Mitte seiner Hauptwohnhöhle liegend.
Zu Karlmax‘ Erleichterung hatte er den Raum einer gründlichen Reinigung
unterzogen, denn sämtliche der stinkenden, gelben Pfützen waren mittlerweile
verschwunden. Der Raum sah recht ordentlich aus und roch auch so.

„Willkommen zurück!“, begrüßte sie der Drache mit
gemäßigter Stimme.
Rita machte große Augen.
„Ihr seid doch dieser Drache, der vor neun Jahren Rudis Stall zerstört
hat, oder irre ich mich?“
„Nein, keineswegs. Zu dieser Gelegenheit lernte ich auch… euren werten
Mann dort kennen.“

Kalessan lächelte Karlmax auf eine Weise an, die ihm überhaupt nicht
gefiel…
„Warum hast du mir eigentlich nie davon erzählt, dass du mit ihm
befreundet bist?“
Bei diesem Satz leuchteten Kalessans Augen gefährlich auf.
Karlmax wendete sich nur mühsam vom Anblick des Drachen ab und an seine
Frau:

„Hättest du mir geglaubt?“
„Ähm… nein, du hast Recht, Schatz.“, antwortete Rita lächelnd
und wendete sich ihrerseits wieder an den Drachen:
„Na gut, wo ist unser kleiner Junge denn?“
Kalessan begann auf eine Weise zu grinsen, die Karlmax kalte Schauer über
den Rücken laufen ließ. Dann deutete er nach oben.

Ninnel winkte ihnen aus einem an der Decke baumelnden, großen Vogelkäfig
fröhlich grinsend zu.
Ritas Lächeln gefror auf ihrem Gesicht.
„Warum hängt mein Sohn in einem Käfig von der Decke?“,
fragte sie tonlos.
„Oh, versteht mich nicht falsch, es ist nur zu seinem eigenen Schutz.
Ich mag vielleicht versprochen haben, dass ich eurem Sohn nichts antue, für
die liebe Syrop hier gilt das jedoch leider nicht…“, sagte Kalessan,
worauf sich hinter ihm etwas regte und der kleinere, aber immer noch imposante
Kopf der Drachin hinter seinem Rücken erschien.

„Holen sie diesen kleinen Quälgeist endlich ab?“, fragte sie,
während Kalessan den Käfig von seiner Kette löste, ihn auf den
Boden stellte und die Klappe öffnete.
Ninnel rannte sofort freudig kreischend auf seine Mutter zu und umarmte sie
stürmisch.
Karlmax sah sich immer noch sehr beansprucht darin, die gesamte Szenerie zu
begreifen.
Kalessan nahm ihm diese Bürde ab:

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir danken oder dich verfluchen soll.
Einerseits hat dieser Winzling dort mir einige der stressigsten und peinlichsten
Wochen meines Lebens beschert, auf der anderen Seite hätte ich ohne ihn
diese nette, junge Dame hier“, er deutete kurz auf Syrop, „wahrscheinlich
nicht näher kennen gelernt. Ihm selbst geht es anscheinend recht gut, und
es ist ihm in meiner Gegenwart nichts schlimmes von… permanenter Dauer geschehen.
Nicht wahr, Ninnel?“
„Onkel Kalessan hat mich von einer Klippe geschubst, aber Tante Syrop
da drüben hat mich gerettet!“, rief der Junge fröhlich aus.
Rita und Karlmax starrten die beiden Drachen sprachlos an.
Kalessan grinste erneut.

„Ja, er hatte hier schon viel Spaß die letzten paar Wochen. Ich
bin mir sicher, dass er euch das noch alles erzählen wird. Euch beiden
schlage ich jetzt vor, dass ihr meine Höhle und meinen Wald sofort verlasst
und euch hier nicht mehr blicken lasst. Nächstes Mal bin ich für den
Jungen nämlich nicht mehr Beschützer, sondern Raubtier – alles
klar?“
Karlmax nickte – er hatte verstanden.

„Lass uns gehen, Rita!“, sagte er und entfernte sich langsam von
den beiden Drachen, während er seine Frau und seinen Sohn mit sich zog.
Ninnel winkte „Onkel Kalessan“ noch ein letztes Mal zu, dann verschwanden
die drei aus der Höhle.
Auf dem Heimweg erzählte Ninnel seinen geschockten Eltern alles über
weggezauberte Ritter, gefressene Jungfrauen, Kalessans Wäschen und viele,
bunte Drachen.

In der Höhle sahen sich die beiden Drachen an und atmeten erleichtert auf.
„Bin ich froh, dass dieser kleine Mistkerl endlich weg ist!“, sagte
Syrop, und lehnte sich an Kalessan an.
Der alte Drache seufzte:
„Glaube mir, du bist nicht halb so froh wie ich… nicht halb so froh…“
„War das denn wirklich nötig? Hättest du die drei nicht einfach
umbringen und die Sache vergessen können?“

Kalessan schüttelte den Kopf.
„Nein, dann hätte ich bei dieser Aufgabe doch noch im letzten Moment
versagt. Manchmal muss man halt etwas tun, was einem überhaupt nicht gefällt…
und wie gesagt, ohne diesen Quälgeist hätte ich dich wohl nicht kennen
gelernt, insofern hatte diese Sache ja doch etwas gutes.“
„Och, ich hätte mir schon etwas einfallen lassen, um deine Aufmerksamkeit
zu gewinnen, mein Lieber.“, schnurrte die junge Drachin.

„Was hättest du eigentlich getan, wenn einer dieser Drachentöter
es geschafft hätte, mich umzubringen?“
„Dann wärst du wohl kaum der würdige Partner für mich gewesen,
den ich mir gewünscht hatte.“
„Hm… Meinst du wirklich, dass Sex die Grundlage für eine gute Beziehung
sein kann?“, fragte Kalessan seine neue Partnerin.

„Wir sind Drachen, natürlich geht das… wie war es denn
bei deiner letzten Gefährtin?“
„Ich… weiß es nicht mehr… es ist schon so lange her… zu lange!“
„Und genau deswegen bin ich jetzt da.“, gurrte Syrop.
Kalessan lächelte.

„Aber mal was anderes: Wie sieht es eigentlich jetzt mit dir und dem Rat
aus?“, fragte sie.
„Erzähl mir nicht, dass du nur aus politischen Gründen eine
Beziehung mit mir eingegangen bist!“
„Vielleicht?“
Syrop grinste geheimnisvoll.
„Nun, ich habe gesagt, dass, wenn ich dich umbringe, dies mein letzter
Dienst für den Rat gewesen sein wird. Da ich dich nicht umgebracht habe
und dies in nächster Zeit auch nicht tun werde, heißt das wohl, dass
ich auch noch nicht ausgestiegen bin… Ich bin jedenfalls sehr gespannt, was
die sagen, wenn wir beide beim nächsten Treffen dort zusammen aufkreuzen.“,
sagte Kalessan.

„Und du meinst nicht, dass die etwas dagegen haben werden?“
„Natürlich! Sie werden sich mit allen Mitteln dagegen sträuben
– aber wer wird sich schon mit uns beiden anlegen wollen?“
Die beiden Drachen lachten lauthals auf, und irgendwo im Wald wunderte sich
ein einsamer Einsiedler, weil er diesen Laut noch nie aus der Höhle seines
Herren gehört hatte.
„Dabei fällt mir ein… ich habe ganz vergessen, Morki auf diesen
Dimensionsreisenden anzusprechen, den ich zu ihm geschickt habe. Was wohl aus
dem geworden ist?“

Dem
Fremden war es tatsächlich gelungen, sich aus den Klauen der schrecklichen
Furien zu befreien. Als er den Namen der letzten Furie vernommen hatte, musste
er vor Lachen laut aufschreien, denn einer der Freunde seiner Heimatwelt hatte
den gleichen, dämlichen Namen, was er persönlich recht lächerlich
fand. Dies war den Furien so peinlich gewesen, dass diese sich beschämt
ins Unterholz verkrochen.
So konnte der Reisende weiter ziehen, immer tiefer in die finsteren Sümpfe
des Schwarzen Todes hinein.
Hier, im Herzen des Sumpfes, war es noch dunkler als in seinen Ausläufern,
und der Fremde musste trotz seiner bereits an die Dunkelheit gewöhnten
Sicht sehr aufpassen, wohin er trat.
Es dauerte nicht mehr lange, bis er an seinem Zielort ankam. Die Bäume
lichteten sich zu einer großen Lichtung, die einen einigermaßen
festen Boden zu haben schien.

In ihrer Mitte lag der schwarze Drache. Er war kleiner als der große rote,
den der Fremde vorher getroffen hatte, aber immer noch unheimlich imposant.
Sein Blick war weniger aggressiv als der des roten Drachen, hatte aber eine
ebenso beunruhigende Intensität, die zusammen mit seinem düsteren
Aussehen und der finsteren Umgebung sehr beängstigend wirkte.
Als er sprach, dröhnte seine tiefe Stimme über die Lichtung hinweg:
„Da kommt man gerade nach Hause und bekommt schon Besuch. Was willst du,
Winzling?“
„Bist du Morkulebus, der Herr dieses Sumpfes?“

„Der bin ich – es gibt nicht gerade viele Drachen in diesem Sumpf,
Winzling!“
„Cool! Der große, rote Drache hat mir diese Botschaft gegeben, die
ich dir übergeben soll. Ich muss diese Welt retten, musst du wissen…“
Der schwarze Drache schien interessiert:
„Kalessan hat dir diese Nachricht mitgegeben? Zeig her!“
Der Reisende händigte dem Drachen die Botschaft aus und war dann sehr darauf
bedacht, wieder einen möglichst respektvollen Abstand zu ihm zu bekommen.

Morkulebus brach das Siegel der Botschaft und entrollte sie, so gut es mit seinen
großen Klauen eben ging. Dann überflog er den Inhalt der Schriftrolle
kurz und schnaubte.
„Was steht drin?“, fragte der Reisende gespannt.
Morkulebus funkelte ihn ausdruckslos an, grinste dann und winkte ihn zu sich,
um ihm die Botschaft zu geben.
Der Fremde war bis zum Äußersten gespannt. Endlich würde er
erfahren, was der große, rote Drache seinem schwarzen Kollegen mitgeteilt
hatte. Endlich würde er seine Bestimmung in dieser Welt mitgeteilt bekommen.

Er nahm die Schriftrolle von dem schwarzen Drachen entgegen und las sie sich
durch.
Die Mitteilung war recht kurz.
Sie lautete:

Von
Kalessan an Morki:
Guten Appetit!

Manchmal
sollte man nicht wirklich jeden Scheiß annehmen, der einem aufgetragen
wird…

Written by Der Doktor http://www.die-subkultur.net

Beitrag weiterempfehlen:

The Sacrifice (Der Doktor)

The Sacrifice

Chapter 1: Departure

She opened her eyes…
The sun hadn’t risen yet, so it was not very bright outside her chamber. Denya jumped out of her bed and went to her window – a noise which sounded like a large crowd had woken her up. It seemed to come from the yard under the window of her house…
Well, it wasn’t really a house…it was a castle. She was the daughter of Baron Leoric and Baroness Margareth, the rulers of small lands somewhere in the East of the continent. When she got to her window, she saw the crowd she had heard on the yard in front of the town’s center. It seemed her father’s soldiers had prepared for something…
She got into her clothes and went down to the throne hall (It wasn’t as big as the throne hall of the kings, but it was better than nothing), where she saw her parents giving orders to lots of people – they seemed to be very busy.
Her father, Leoric, was a man who had just left his best days behind. He was 45 years old and had long black hair and a full beard of the same colour. She knew him as a very good-natured man.
Her mother Margareth looked not very different. She was only two years younger and a bit smaller than him. She had black long hair, too. Both of them always wore black robes – black was their favourite colour.
Her parents were both powerful mages. That could be very useful at war or at a siege…well, that had never happened, so they didn’t have to use their arcane powers very often, only if they were called by some other Baron or King somewhere in the world – but even that didn’t happen very often.
Her parents gave Denya nearly everything she wanted. She could walk around free in the castle and she could do anything she wanted to. Except one thing: She wasn’t allowed to leave the town… Sure, the town was not very small and in the taverns strange people were always telling exciting storys… But she sometimes stood on the walls of the castle and let her eye wander across the beautiful landscape. She wasn’t unhappy in the castle, but she always wanted to get out of here. Of course she thought of running away, but she had never found a way out that wasn’t guarded…and she also didn’t want to betray her parents – she had promised that she wouldn’t run away. So Denya lived her life in the castle for nearly 20 long years – until now…
„Good morning Mum, Dad. What are you doing here?“, she asked.
Her father turned to her and said with his deep, full voice: „Good morning, dear! Did you sleep well?“
„Yes, thanks dad. Now tell me: What does all that here mean? Do you have an assignment again?“
He smiled: „You remember your promise of never leaving this castle?“
Denya was a bit confused: „Of course I remember. Why do you ask?“
„Today you will be allowed to break it.“
First she didn’t realize: „What do you mean?“
They just grinned.
„Do you mean that I will be allowed to leave? Today? Oh, Mum, Dad, that’s wonderful!“
Her mother, Margareth, said: „We kept you too long in this old dusty building. It’s time to get outside and see the world.“
„But you always said it would be very dangerous outside…“
„Oh, yes, it is. And of course we will come with you. You don’t have to fear anything.“
„But…why now? Why did you keep me here for 20 years and now you want to go out with me – just like this?“, she asked sceptically.
„You’re old enough. There are still evil men outside – but you’re now wise enough to have a look by yourself. And we want to give you a special present on your 20th birthday.“ She remembered: Her birthday would be in six days.
„Oh Mum! Dad! That’s better than any present you ever gave me.“
She embraced Margareth and Leoric and burst into tears.

That afternoon her father gave a speech to the townsfolk which explained the reason of their departure and announced their return in twelve days. He gave the leadership over the town to one of his councillors and then they departed. Denya got a goose-skin as they rode through the great towngates – that was what she had dreamed of as long as she could remember. But it came so fast…twenty years – and now, just like this? And she wondered why her parents were taking 20 of their guards with them – usually they travelled alone. So she asked her father.
„Your security is our biggest care. We could not bear it if something happened to you. We cannot always be with you – even wizards have to sleep.“, he smiled, „It is just for your security.“, he repeated.
„But you said I’m wise enough to have a look by myself!“, she protested.
„We’re still a bit worried. And we don’t want to risk anything.“, he responded.
It still seemed a bit strange to her, the whole thing, but she just shrugged her shoulders and enjoyed her new freedom.

Chapter 2: Voyage

They had been on road for 2 days now. They always slept in the forest and off the road. Denya wondered why, but her father just told her, that there were sometimes bandits on the road at night and that they couldn’t rest in taverns with 20 soldiers. Surely it wasn’t very comfortable to sleep in a tent, but it was a completely new experience for her – and one thing pushed away the other one.

Thomas was on watch. The trees rose high above him as dark shadows and the noise of the night forest surrounded him. His post was nearly over – soon he would go to wake Daniel and deliver the watch to him. He was tired and looked forward to lying in a warm sleeping-bag.
Suddenly he heard a strange noise in the bushes left of him – a very strange grunt. He thought it would be some wild boar. His first responsibility was to protect Denya – and he knew that boars could be very dangerous. He woke up Daniel.
„Hey, Daniel!“
„Whassaabbb?“, Daniel mumbled.
„I think there’s some kind of animal in the bushes over there! Seems to be a boar.“
Again this grunt. Daniel was awake at once.
„That…that’s no boar! I know, I’ve been on some boar-hunts! They sound completely different!“
„Well, what is it then?“, Thomas asked.
„I don’t know“, he paused, „Let’s find out!“
Thomas wasn’t very pleased to go into the dark forest – but he didn’t want to learn how Leoric and Margareth would react if a wild boar would ran through the camp rampaging everything in its way.
They lit their torches, drew their swords and went in the direction where the strange noises came from. After about 100 meters through dark forest thus found the mouth of a cave in a hill standing inside the forest.
„Do you think it came from inside, Daniel?“, Thomas asked.
„I only know as much as you, Thomas! What could be in this cavern?“, he responded, with a tone of coriousity. With these words he went into the cave.
„Daniel, are you mad? Come back! Let’s go and wake the others!“, Thomas whispered.
But he didn’t hear him. Soon the darkness swallowed him and later the light of his torch.
„Daniel? Daniel, come back!!!“, he shouted. He looked around…should he go and get help? But that would mean leaving Daniel alone. Thomas didn’t know what to do – he was too afraid to go into the cave.
Suddenly there was a bright flash of light inside.
„Daniel! …oh, Dammit!“, with these words, Thomas swallowed his fear and went into the dark cave.
Soon the small passage widened until it was at least 24 feet high and 18 feet wide.
He could see the light of Daniel’s torch. He began to run, but as he reached the light, he stopped abruptly. The torch lay on the ground – with the carbonized remains of his friend at its side. He stood there. One moment. Two. Then he knelt down. The smell of burnt flesh was in the air. Thomas felt as if he was going to vomit.
What the hell did that?
Suddenly he cursed himself again – he should have got help before he went into this cave. In addition was the possibility that the thing that burned his friend was still in this cave – propably to do the same with him. He got on his feet and looked up, just in time to see something he had never seen before. His eyes widened in terror. He couldn’t scream. He couldn’t move – he was as paralyzed.
A horrible silence.
The horrible sound of splittering human bones.
A horrible silence.

The sounds of battle awakened Denya. She was lying in her tent and heard the screams of her father’s guards, the panicking horses and something very strange. A sound like a loud, angry squeaking. She stood up and went outside to see what was up, just to be pushed back by her father.
„Go inside and stay there. This is nothing for inexperienced teenagers like you!“, he shouted.
So she sat down and waited, a bit injured by her father’s words – what did he say just two days ago…“You’re wise enough to have a look by yourself!“? Suddenly she could see a bright flash of light through her tent. Then there was the squeaking again, but this time it was a sound filled with pain. Then silence followed. Her mother came in. There was sweat on her forehead.
„You may come out now – it’s all safe!“
When she went outside, she saw a horrible scene: In the camp lay the corpses of some guards. The smell of death hung in the air. In the middle of the camp lay the body of the biggest boar she had ever seen. It was at least double the size of the boars the hunters brought into the town she lived in. The boar was pierced with arrows, but that wasn’t what killed it – the boar died from a magic bolt from her parents, which had hit its side, which was now black.
„Oh, good gods“, she whispered.
Nearby stood her parents, talking to one of their guards.
„How many did we lose?“, her father asked the man.
„Five are dead and we’re still searching for Daniel and Thomas“, the guard repeated.
„Oh, damn!“, her father shouted.
„Are there many of these beasts in this forest?“, Denya asked.
„I don’t think so.“, said the guard, Barlic was his name, she remembered, „That’s by far the biggest boar I’ve ever seen!“
„But how could it come in here?“, she wanted to know, „Why should it attack us? And what about Daniel and Thomas?“ She had always played with both of them on the castle walls when she was a child.
„We think that Thomas woke Daniel up and went into the forest with him, where they met the boar and then…I’m sorry, I know they were your friends. We’re still searching for their bodies…“, he repeated sadly.
Everyone was silent, as a call came from one side of the camp: „We found them!“
Immediately her parents and Barlic went in this direction. Denya followed them. As she came near she saw the two bodies of Thomas and Daniel.
Daniel’s body was completely burned and smelled horrible. It looked terrible.
But Thomas‘ one was much worse. Thomas was ripped into two pieces at his hip. Bowels hung out of his dead body – but it was not just his corpse that was so terrible,…it was the look in his eyes. There was pure terror in them. She turned around, staggered two steps forward, and vomitted on the ground. Her mother came to her.
„I’m sorry – it must be horrible to be confronted with death this way…“, she said.
„Did you see the look in his eyes?“, Denya asked
„Yes, I did…“, she responded quietly.
„A boar cannot do this!?“
„I don’t know…“
„A boar cannot burn people like this!!!“, she shouted and pointed at Daniel’s corpse.
Suddenly her father asked: „Where did you find them?“
„Er…in a cave in the north…“, responded the soldier.
„I want to inspect it…now!“
The Soldier was quickly irritated, then he went into the forest and Leoric followed him.
Margareth turned to Denya again: „I’ll go with them. You will stay here, where it is safe! Do you promise that?“
First Denya wanted to follow her. Then she rolled with her eyes and said: „Yes, mother!“
„Good!“.
With that she went into the forest.
That was all very strange…the incinerated corpse of Daniel, the dreadful look in Thomas‘ eyes, the giant boar – they all didn’t fit together. Not to mention the strange behaviour of her parents.
About one hour later, Denya’s parents returned.
„So did you find anything out?“, she asked curiously.
„The cave was empty“, Leoric answered.
„Well, what killed Daniel and Thomas?“
„A human of course, probably a mage. What do you think it should be?“
„But this look in Thomas‘ eyes! No sight of a human being could have cast such a terrible look so terrible in his eyes!“
„We do not know what Thomas saw – and probably we will never know! So do not think about it anymore!“, her mother Margareth responded.
„We are going to leave soon, so get your things together!“
Denya wasn’t satisfied with her parent’s answers. Why should a mage attack two guards in a cave deep in the darkest woods? But she didn’t ask anymore, she knew her parents too well – she wouldn’t get any response from them.

The thirteen remaining guards soon were very busy at breaking down the camp and got ready to travel on. But there was a depressed athmosphere between the guards. They lost some of their friends and their masters just wanted to go on as if nothing had happened. It was very strange to all of them, but Denya could understand her parents very well for getting away from this horrible place as fast as possible.
Finally they buried their comrades and spent silent minute. Then they went on with their voyage to the mountains which could be seen a couple of miles away. But this day everyone was in a bad mood and nobody wanted to talk about the events of the last night.

On the fourth day they travelled through a village of medium size. Some of the people looked up from their work to watch them passing. There were peasants, blacksmiths, traders, young girls and children. But one person was very conspicuous. An old man with a full white beard and a red robe. He watched her with an expression on his face she had never seen before: His face expressed nothing. Nothing! No sign of interest, hate, love etc. He just watched her. Could this be the mage who killed Daniel and Thomas? Did he send the boar into their resting place? Suddenly her horse panicked and pranced. She tried to calm it down with good words. As she looked in the direction of the old man, he had disappeared.
„Dear, what happened?“, her mother asked.
„Nothing, my horse just panicked suddenly. It’s OK…did you see that strange old man in the red robe?“
„No – old man?“, her father responded.
„He stood just over there“, she pointed on the place where the man had stood, „he was looking at me very strangely.“
„Hm…we better be careful – perhaps it was just a crazy old man…but you never know!“
Then he didn’t want to talk anymore and seemed to be lost in his thoughts for the rest of the day.

This time they passed the night in an inn directly on the road. Denya’s father said it would be too dangerous to sleep in the forest this time – perhaps he was more worried about this old man than she thought.

This night Denya had a dream:
She saw two mages fighting a magic battle. One of them was her father, Leoric. The other one she didn’t know, but she meant to remember him from somewhere.
Then she saw the old man with the red robe from the village. He spoke to her without moving his lips: Come…come…Denya…Denya…
Then there was a dark mountain at night with the big full moon above it, shining brightly. But suddenly the moon’s colour turned red, as if blood would stream down its surface and voices appeared, first whispering: „Death…death…death“. As the moon became even more overcast with blood, the voices got louder and louder. And as the moon was completely red, they screamed:
„DEATH“
She wanted the sound to stop.
„DEATH“
She wanted to cover her ears.
„DEATH“
She woke up…
„Death“
It echoed in her mind.
„Death…“
Her breath was fast.
Her heart was beating.
What a strange dream, she thought.
There was a noise outside – a rustle. She went to her window. The only thing she saw was the edge of the forest before her. But wasn’t there a shadow in the bushes? Suddenly a strong weariness overcame her and the thought that it would be better to go to bed. So she went back to bed. Her last thought before falling asleep again was: Only a dream! Only a shadow in the woods! Nothing serious…

The next day they travelled through open landscape. It was a clear and sunny day and the company was in a good mood and without any thoughts about the events of the past days. Even her parents who had been very silent were now in a joking mood and they laughed with Denya and their guards. Her dream was nearly forgotten. Still the thought Only a dream, nothing serious!, echoed in her mind. Therefore and because she didn’t want to ruin the good mood of her parents, she did not tell them anything.
So they went on, with the mountains at their front and sorrow at their backs.
At about midday they travelled on a road at the edge of a forest. Suddenly something very strange happened: A dark cloud seemed to appear over their heads directly out of nothing. It began to grow very fast and a heavy rolling thunder could be heard. They all sat on their horses and looked upwards, everyone with an alarmed or fearful expression on his face – especially Denya’s parents.
Suddenly it began to rain heavily.
„That’s not good…“, said one of her father’s soldiers.
Another one said: „Hey, ´tis just a storm! A little rain and some thunder won’t hurt us!“
It was a bitter irony that exactly this man was hit by a powerful lightning bolt that stroke down. He was still able to scream – but after a few seconds of being electrified he stopped and fell to the ground as a smoking corpse.
The horses panicked – as did some of the guards.
She heard her Leoric screaming: „GET ALL YOUR ARMOR AND YOUR SWORDS OFF AND THROW YOURSELVES TO THE GROUND!“
Another soldier was hit by a lightning. The cloud, which surely wasn’t a natural one, seemed to chose its victims as if it were controlled by some unknown power. Denya’s horse pranced and threw her to the ground where she kept lying as her father had said and watched what was happening around her. Everything seemed to happen in slow motion: She saw the guards getting off their panicking horses and trying to get their armour off – some of them were not fast enough and got killed by the powerful lightnings or were trampled by their own horses. Suddenly she saw one of the horses running directly towards her, blind in fear. She rolled aside, just a split-second before a mighty hoof hit the ground directly beside her face.
Suddenly the rain stopped. She looked upwards – and the dark cloud was away…just away! Six guards had survived the magical attack. The others had been burned, were trambled or they had fled. She saw her parents running towards her.
She had to be very dirty with all the mud she had been lying in.
„Denya, are you alright?“, her mother asked with a worried expression on her face.
But Denya didn’t answer. She just had to stare straight ahead. What she saw caused an unspeakable fear in her.
„Mum? Dad?“
They turned around and now they also saw him. The old man in the red robe was standing about 150 feet away from them and watched.
Then he exploded.
He exploded into a giant cloud of red particles that began to spin around, like a tornado.
She heard the astonished and fearful screams of the guards – but she just looked at the wonderful spectacle in front of her.
Soon a big silhouette could be seen in the cloud. The silhouette seemed to gain more and more consistency while the cloud lost at density. Now she could make out some details of the shadow in the cloud.
No…No! That’s impossible! This can’t be real!, she thought – but she watched the transformation and doubted her intellect more and more. Was she going mad? She took a look at her parents – but the expressions on their faces said, that they were seeing the same.
As the transformation ended she was sure she was not crazy…this was real – a real red dragon was standing in front of the small group of humans. He was about 90 feet long and had huge batlike wings with a span of nearly 100 feet. He had lots of spikes on his back, horns on his head, a long neck, four sharp claws on each of his feet – yes, this IS a real dragon, she thought. No fake, no magic, no illusion – reality!
And the dragon looked at HER.
The only thing Denya could do was stare into the smaragd-green eyes of the creature.
But suddenly it spread its wings and threw itself into the air to fly in their direction.
„OH MY GOD, IT WILL KILL US ALL! FLEE! FLEE!“, screamed one of the guards and caused another panic among his companions. The guards began to run in different directions. Then the dragon came. He opened his mouth and spit a white flame that incinerated Barlic and another man she didn’t know. That was too much for her…she turned around and ran into the forest in a wild panic. What she didn’t see was, that her parents attacked the dragon with magic fireballs which didn’t seem to affect him – and that the dragon was watching her running into the woods.
She ran as she had never run before. Branches whiped her face and left some bloody cuts – but she didn’t care, she just wanted to get away from the death and the fire. Finally she landed in a clearing in the forest. She was out of breath, put her hands on her knees and tried to rest a bit. But something was wrong: She didn’t hear anything – no animals, no birds, nothing. Only the wind rushing through the trees. But there was no wind. The trees did not move. She was paralyzed as the giant shadow appeared over her.
The last thing she remembered before losing consciousness, was being carried through the air by two giant claws…

Chapter 3: Prophecy

A red moon…
The smell of death…
The fire…
The green eyes…
Green eyes…
She was lying on hard but plain rock. First she couldn’t see anything. Then her eyes grew accustomed to the darkness. She was lying in a cave staring at the wall in front of her and trying to remember what happened – and why she was here. Was it just a bad dream?
She heard a noise behind her. She rolled around. There lay the big red dragon, blocking the exit of the cave and watching her. Then she immediately remembered everything that had happened, got to her feet and went slowly backwards until she hit the wall behind her. The dragon just watched her. Suddenly she heard herself thinking:
Don’t be afraid!
But she was afraid! Why did she think this?
I won’t hurt you.
Why the hell did she think such strange things? Was she going mad again? Then she had an idea:
„Are…are you speaking to me?“, she asked the dragon and felt herself a bit ridiculous.
Denya thought…no the dragon said: Yes
„You are talking to me…through my mind?“
I do not have vocal chords like your species, so I have to use other methods of communication to make myself understandable for you, Denya.
It seemed to her as if she was speaking with herself. But then she reminded herself of the situation she was in.
„How do you know my name? Why did you bring me here? Why did you attack us?“, she asked angrily.
Your species always asks so many questions at one time…, she thought with a touch of amusement in her own mind – that was crazy!
I know very much about you, Denya, and I brought you here, because I want to protect you – I had to kill the other humans to do this.
„But I was safe all the time – until you appeared with your magical tricks!“ It was really crazy: She was standing in front of a real dragon that could kill her any time and in 1001 different ways – and she was just about to make him very angry. But she had no fear – she wondered why, but now it was too late to backstab… To her astonishment, he didn’t get angry and…smiled! Well, the showing of his big sharp teeth seemed to be a smile to her. Although it could have caused panic in the heart of even the strongest warrior.
You are angry – I understand that, Denya. But you have to believe me!
„Why should I believe you, dragon? You have taken me away from my parents and you are holding me prisoner in a dark cave!“
First of all, you are not imprisoned! When you want to go: Over there’s the mouth of my cave. He pointed with one of his claws into the direction of the exit.
But there’s one thing about your parents you have to know before you go!
First she was a bit astonished: The dragon took her with him just to let her go few moments later?
„You would let me go now? Just like that?“, she asked. The dragon nodded. She paused. „What do I have to know about my parents?“
Leoric and Margareth are not your parents.
At first she said nothing. That’s not true…no, that’s not true. The dragon is lying…yes, it has to be a lie…HELL, DENYA, THAT CANNOT BE TRUE!, she thought. But she wasn’t as convinced of this as she should be…
After a minute of silence and ringing with herself she asked: „Can you prove that, dragon?“
I think I can…but you have to trust me!
„I ask you again, dragon: Why should I trust you, after all that has happened?“
Well…I did not kill you…
Now, that actually was a good reason… If he wanted to kill her, why should he play such games?
„How do you want to prove what you said?“, she asked tonelessly.
I know a spell that can help you remember things you have already forgotten.
„Aha! So tell me: how should this prove that my parents aren’t my parents?“, she asked now with anger in her mind.
I can help you search for the memories of your true parents and how they got killed by Leoric and Margareth!
„My…they killed my „real“ parents? This is absurd…“, she laughed – it didn’t sound very convincing.
Do it or let it be – it’s your choice…but I promise it won’t hurt.
She thought about it…what could he do with her? What would happen? It surely wouldn’t be prejudicial…
„OK – show me what you have to show.“
I can only show you, what you already know, but is buried deep in your mind. Lay down!
She hasitated a moment – then she lay down on the hard ground as the dragon said.
The dragon moved one of his sharp claws into her direction. Suddenly a panic overhwelmed her. Her heartbeat and her breath got faster. She thought: He will kill me, good gods, he will cut me into thousands of pieces…
I have to touch your head to perform the spell. Don’t be afraid.
And she really calmed down – Is this some kind of magic?, she asked herself.
Now relax and close your eyes, Denya!
As she was completely calm now (although she didn’t know why) it was no problem for her to relax. And as she closed her eyes she didn’t mind the dragon, that gently touched her face, anymore.

She found herself lying in some kind of basket. It seemed to be a memory from the time when she was a baby… She couldn’t move, she couldn’t speak – the only thing she could do was watch the scene in front of her: She saw a tall and slim man in a white robe standing before her basket, with his face looking in another direction. In the corner of her eyes she saw a woman holding her basket and whispering soothing words in her ear. Then she saw another man appearing in her field of vision – it was her father, Leoric. He said something:
You fool, you have no chance against my arcane powers! Hand out the child right now and perhaps I will spare your worthless life, and that of your wife.
No – you will have to kill me to get Denya into your dirty pranks, bastard!
She couldn’t help it, she KNEW that voice from somewhere!
It will surely be fun killing you, fool!
The two men began to circle round each other. Then she saw the other man. It was the man of her dream last night. But he appeared somehow familiar to her. With an expression of concentration on his face he stared with his blue eyes into the face of his enemy. Leoric on the other side smiled an evil smile and seemed to be amused by the behaviour of his prey. This was not her father as she knew him… But the other one… He sent a quick look in her direction, smiled – and suddenly Denya was overwhelmed by the realization who her father was… Now her real father cast a fireball in the direction of Leoric, who dodged away and now began to cast a spell himself. Denya didn’t pay attention to the magic battle in front of her or to her crying mother. She was in a trance, unable to think clearly. Her head was empty. What wakened her attention again was Leoric sinking to his knees, totally exhausted.
Do you give up?, her father asked.
Let me think about it…, repeated Leoric with a strange smile on his face.
One moment later her father was hit in the back by a lightning bolt that made him squirm on the ground in pain. Margareth appeared from the left.
No!, said Leoric sarcastically and stood up.
Then he drew a dagger out of his black robe, went over to her father, took his head by the hair and bared his throat. Then without any word he let the dagger without any word slowly glide from one ear to the other one. Her father gurgled and with a swall of warm red blood he sank to the earth, where he died – drowned by his own blood.
Denya wanted to scream. She wanted to close her eyes. She wanted to stop this nightmare – but she couldn’t do anything, as in the dream she had the night before. Then she saw her mother positioning herself in front of her basket. Denya knew what had to come now but the only thing she could do was think No, please, don’t!. But her mother was pushed away rudely by Leoric. She was now out of sight, but she saw her „father“ kneeling down beside the basket. His hands began to glow and he put them both down with a sadistic look in his eyes and a mad smile on his face. Then she heard her mother’s screams. The screams were not human anymore as Leoric tortured her to death. Denya thanked the gods that she did not had to see the terrible scene. There came Magareth into her field of vision. She bowed over her basket and smiled.
Hi Denya, my little daughter!

She was in the dragon’s cave again. But she was still paralyzed. She couldn’t move, speak, scream… The dragon just watched her, as a tear ran down her face, bursting on the hard rock of his cave.
I know this is hard for you! To be confronted with death and violence at such a young age… I’m sorry.
Margareth had said the same thing to her a few days ago. No…he didn’t know how hard it was…he couldn’t guess the inner pain she felt.
I have known your father since before you were born!
She looked up.
He saved my life when your mother was pregnant. I was badly injured when your father found me in the woods. He tended me for one week until I was healed. The only thing he wanted to have as a reward was a promise. I had to promise that I would protect his child after its birth – you!
She looked at him in disbelief.
„But where have you been all the 20 years of my life? Where were you been when my parents died?“, tears began to fill her eyes again.
I came to late…
She cried: „But you promised to protect me! Why didn’t you stay with my parents? Why did you leave them alone?“
To be together with humans: That’s no life for a dragon., there was an angry emotion in this thought.
And I have sworn to protect YOU, not them. You have been safe for the last 20 years. Now you’re not anymore – so I rescued you from Leoric and Margareth.
„They both have always been friendly to me…I still do not understand! Why did they treat me as if I was their child? And why do I have to be rescued from them now?“
There’s something more you have to know about yourself… I’m sure your parents never told you anything about the „Prophecy“?
Even more terrible things she would have to know…
„No, they didn’t tell me…“
About ten years ago, every creature on this planet with a magical ability, human and dwarven mages, elves and even dragons, dreamed the same dream: One of the old gods spoke to us. He said that a child would be born. A child that could give the gift of immortality to the one who would sacrifice it to the gods on the old druid mountain on its twentieth birthday. When its born, everyone who dreamed this dream would know where to find the child. And really – ten years later everyone felt a great magical presence and lots of people were drawn into this direction.
That was very much to think about.
„I am the child…“ – it was no question.
The dragon smiled a somehow sad smile.
Yes, you are… I don’t know why the gods did this. I would say it’s one of their cruel games they’re playing with this world. Perhaps they thought it would be fun to see, how humans, dwarves, elves and dragons kill themselves just to gain a child and to murder it later… But they didn’t reckon with Leoric and Margareth… They cast a spell on you that blocked this attractive power. And the contact to you was lost by everyone. The gods didn’t react…no one knows the ways they’re going…so you were kept undetected for 20 years. I knew where you’d been, but I couldn’t do anything against a whole town of soldiers. So I had to wait until now.
For some reason Denya knew it was true, what the dragon had said. She just couldn’t think this creature was lying. In addition the whole story matched with the dream she had the day before…
Her life would be completely changed through all the things she had heard and seen in the minutes before. It sounded like nonsense: Her father killing her father…a dragon protecting her from her father…a prophecy predicting her father trying to kill her… But it wasn’t her father!?! She still wasn’t sure. She remembered Leoric with this evil grin on his face… Then the other man looking at her mildly… And then Leoric cutting his throat… If my parents are really so cruel, than they have been very good actors the last 20 years…, she thought. She was tired – so much had happened… She was still lying on the floor, so she fell asleep very soon, deep in thoughts…

When she awakened she saw the dragon that slept a few feet next to her. It was late afternoon and the sky outside the cave slowly turned red. She went to the mouth of the cave to take a look at the landscape. The cave was inside one of the mountains. The rock in front of the cave fell steeply down. No chance for a human to get up here.
Nice view, hm?, she thought…and needed some seconds to notice that she didn’t want to think this. She turned around. Smaragd green eyes watched her.
„Yes, it’s beautiful…“ She hadn’t figured the view…
Silence.
„I have thought about everything you told me. Why did you kill all these people? Why didn’t you just catch me at night or when I was alone?“
I didn’t want to risk anything. There were too many guards. And if I would have failed it would have been even more difficult to rescue you…
Again she thought about it – did she really have to be rescued from her parents? Did they really want to kill her? Aloud she said: „Immortality…just by killing one person… it still sounds unbelievable. And why am I that person?“
The gods have chosen you. Now that I’m near to you, I can sense it even through the mighty spell of your parents.
„And why are you so sure this immortality story is true? Why are my par…Leoric and Margareth so sure?“
He growled.
You do not understand, human! I had this dream! Other dragons had this dream! Leoric and Margareth had this dream! Even your real father had this dream! Do you still think this is chance?
Angry emotions hit her mind and mixed with her own.
„Don’t call me human all the time! You know I have a name. By the way, what’s your name?“
Call me T’Sana!
„T’Sana…that’s a strange name!“
Call me dragon, call me T’Sana – there’s no difference!
He was still angry.
Again, she was silent.
Then she said: „I’m sorry. I’m still confused by everything that’s happening. What would you say, if a creature that is a hundred times larger than you tells you that your parents aren’t your parents and that the whole world is hunting you because you are carrying immortality around with you!“
Suddenly something like happiness came into her mind and then the dragon…laughed! It was more a strange grunting, but a clear laughter in her mind – it seemed as if she laughed for the dragon emotionally and the dragon would just make the matching draconic sounds.
„Why are you laughing? What’s so funny about that?“
It’s just kinda cute to see you standing in front of me, still with fear in your mind, but complaining as if I were your wife. You are looking good in red!, he said with a grin.
She turned around in anger. The dragon continued to laugh and her own emotions and those of the dragons fought each other. At least T’Sana won the mental battle and she was laughing together with him.
After a minute of laughing, she asked: „Tell me, T’Sana, do you have something to eat in your cave?“ He got serious immediately.
No, I haven’t. And I will not go hunting. Someone could follow me back to my cave.
„So…what about water? I will not survive very long without any water, you have to know…“
Very funny! Deeper in my cave is a spring, there you can drink and wash yourself.
She looked deeper into the cave. It was just a black hole in the wall.
„I cannot see anything there!“
T’Sana sighed.
Humans…take that!
A yellow ball appeared in one of his claws. It shone like a torch. She took it – although it burned like a flame, it was cold like a stone.
„Wow!“, was all she could say.
Then she went down the way into the cave that she could now see clearly.
As she went deeper into the cave it got warmer. There she found a small lake. She laid the light onto the floor and touched the water surface with one of her toes – it was comfortably warm. First she drank some water – it tasted fresh and clean. Then Denya took off her clothes and slipped into the small lake where she swam around and enjoyed the warmth. Then she got out of the water and noticed that she hadn’t anything to dry her body. She would have to wait. So she kneeled down and watched her mirror image in the lake. She saw the scratches on her face. Denya couldn’t remember herself ever looking like this. It was crazy…everything was crazy.
Your bodies are…so fragile…
She turned around and tried to cover certain parts of her body as she saw T’Sana standing in the mouth of the cave.
Do you think your naked body attracts me? I am not human! And I’m as naked as you are. Do I cover my genitals when I see another dragon? Or a human? Nature created us both as we are in the moment. But you humans always have to wear these clothes to hide what you are: Animals! Animals like horses. Animals like elves or dwarves. Animals like dragons.
She was confused: „What…what did I do?“
A sigh went through her mind.
Nothing…it’s just that I will never understand you humans…
„You…do not like humans very much, do you?“
Yes…
„But why? What’s so bad about humans?“
Did Leoric and Margareth ever tell you anything about dragons?
„Yes, of course!“
And they told you that dragons were furious and brutal creatures that liked to hunt and kill humans and animals just for fun?
„Something like that, yes…“
Now, do you see one of those dragons in front of you?
„Well…no!“
And that’s the point! At first they hunted us, because we ate „their“ cattle. As if it belonged to them! The humans that battled dragons spread stories about the fights against the „furious beasts“ and caused even more humans to free this world from the „disease“. The stories got more and more fantastic: The story that dragons would hoard treasures…it is complete nonsense – but it caused thousands of humans to kill dragons in search of glory and treasure. The humans believed everything they heard: that dragons would only eat young virgins and that they would steal men and children to be their slaves. They nearly exterminated our whole species. Only a handful dragons are left… And everything just because of some rumours…
First he was angry and she ducked her head instinctively, but then the voice in her head became sad – so sad that tears filled her eyes.
„Would you sacrifice me, if you could?“
The dragon paused and mustered her with his deep green eyes.
I don’t know…but I gave a promise. Dragons hold their promises – even in front of humans. So I would give my life to save you from death.
„T’Sana?“
Yes?
„I will tell the humans the truth. I will tell them now you dragons are in reality. And I will tell them not to hunt you anymore. I promise!“
T’Sana smiled.
That’s nice from you, Denya. But I know that you humans do not always hold your promises.
„I will hold my promise!“
We’ll see…
Suddenly the magic light from T’Sana began to flicker.
I think we better go upstairs. I think there will be better light for you. And a wonderful sunset.
So Denya put on her clothes and together they went to the mouth of the upper cave, the young woman and the old dragon. But as they reached the cave that was lit by the red sky outside, both of them stopped suddenly. T’Sana growled.
Leoric and Margareth were standing in the mouth of the cave.
Denya stood rooted to the spot.
While Leoric had an eye on the dragon, her „mother“ smiled and said: „Hi, Dear!“
„How…how did you get up here?“, Denya asked.
„Not only dragons can transform themselves into other beings.“, was her answer with a look at the huge creature beside her. Denya wondered why he didn’t say anything.
„What do you want?“
She laughed: „Oh, Denya, aren’t you happy to see us? We have searched for you the whole day! We have been so worried about you! This creature could have killed you!“
„But he didn’t kill me! Besides that he showed me what you really are, you murderer!“
Her mother now had a really worried expression on her face. This couldn’t be acting, she thought…or could it…?
„What do you mean, dear? Why do you call your mother a murderer?“
„You are not my mother!!!“, she nearly screamed.
Now she looked really dismayed and she nearly whispered: „Oh, Denya, dear! What did this creature tell you?“
„He showed me how you killed my real parents! You and Leoric together!“
Her expressions are so real…
„Don’t you see? He showed you an illusion. Something that has never happened…“, it seemed her mother was nearly weeping.
„No, he didn’t. I know it!“, but she was not as sure anymore. „T’Sana told me about you and the Sacrifice! You brought me up over 20 years…just to kill me now?“
„Oh, dear, I think it’s too late. You’re stammering nonsense. His influence on you is already too big! Please, Denya, come back!“
Denya was totally confused by the situation. Now she couldn’t believe her parents betrayed her, but she still had some pictures of the vision in her mind. She stood between T’Sana and her parents. Her mind seemed to fight with itself: In one moment she remembered the two humans in front of her as her parents and what they did for her in the last 20 years, then came the pictures of Leoric and Margareth killing her father. She was pulled in one direction, then in the other one…as if T’Sana and her parents would fight a battle in her head…
Until Margareth stretched her hands out and smiled – it was the same smile she gave her 20 years ago when they had met first… Suddenly her mind was free. She made a step into T’Sana’s direction. Then another one.
The smile on her mother’s face stopped abruptly.
„Wrong decision, dear!“
With these words her father who had been as silent as T’Sana the whole time cast a mighty lightning bolt onto the dragon, which screamed in agony. Her mother also cast a lightning bolt and T’Sana was completely wrapped in jerking lightnings. Then he stopped screaming and fell to the floor, motionless.
„No!“, she whispered it. Was she doomed to bring death to all the people she loved?
She turned around to her parents, with tears in her eyes „YOU BASTARDS!!!“, she screamed, weeping.
„Shhhshhh, Denya! You surely don’t want to be in a bad mood tomorrow. After all, it’s your birthday. Sleep now!“, her mother said with her typical cold smile. Then she touched her eyes with her fingers and a wonderful darkness surrounded her.

Chapter 4: Sacrifice

It was night.
She didn’t know how long she had slept.
The full moon was shining above her.
She couldn’t move.
Denya was tied on some kind of altar. To the left of the altar seemed to be a cliff – the ground just ended there. To her right stood a few old trees on the hard and stony earth. This had to be the Druid’s Mountain. Between the trees a fire was burning. She could hear her parents.
„And you are sure the spell works, Leoric?“, that was Margareth.
„Yes – the energy will split and flood into us both. Don’t be worried Magareth, it will work, I’m sure…oh, look, our girl is awake!“
With these words he appeared in her field of vision. His face was as grave as it had always been.
„Did you have a good sleep, dear?“
She did not answer and turned her face in another direction.
He sighed: „Denya, tell me! Wouldn’t you do this at my position? Imagine! You could do what you want! You would have power – endless power! You would not have to fear anyone…or anything!“
„But I would not kill someone I have known and loved for 20 years!“
„Oh, Denya, you’re so naive. Let me tell you something: We never loved you! Never!“
She turned around again: „That’s not true! I know you loved me. I could feel it throughout all the twenty years. You cannot say you didn’t love me! You cannot!“
He laughed: „Oh, dear! Maragareth’s telepatic abilities were better than I thought. You have to know she manipulated you the whole time. She told you mentally never to leave the castle – so you did not flee. She gave your subconscious the idea that we loved you. So you had this feeling. She made you do things sometimes you didn’t want – without you ever knowing it!“
„But…I never wanted to leave the castle, because…because…I thought, you would…“, she burst into tears. She couldn’t speak anymore. It was a shock: 20 years – a game, a drama, a play of twenty years. Just for her.
Leoric continued: „You should know, when I first dreamed of the prophecy, I couldn’t believe it of course. But when I spoke with Margareth and some other mages, who had all the same dream, it got more and more likely that your birth would happen and the prophecy would show itself as true. And then ten years later we sensed the power – the pure magical power. We were drawn into your direction magnetically. The only time in my life I really loved you, was when we found you in your basket and I knew that you were real…“
„After you killed my parents, murderer!“
He knitted his brows.
„I didn’t know your parents, but I can speak openly and honestly, when I say…“
He stopped. His eyes widened. He groaned…and then he collapsed, dead. Behind him stood Margareth with a bloody dagger in her hand. And with her typical smile she said: „Sorry Leoric, but I wanted to be sure that nothing goes wrong at the Sacrifice…but you surely understand me.“
Then she looked up.
„I don’t know the exact time, but your birthday is very near, Denya! Oh, as he told you, it was a hard time with you! I always had to concentrate when you were near at first. Five years of work until you fully accepted us…and this dragon destroyed everything within a day! He was powerful – but not as powerful as we thought. He was easy to defeat. Was he your friend?“
Denya nodded.
„Oh, I’m sorry. I’m sure you will soon meet him again. But please, dear, be honest: Did you fully trust him? You knew nothing about him. He could have eaten you when he got hungry…just like that! You don’t know what you have chosen as a friend! He is still a wild animal!“
„NO! YOU do not know what I have chosen as a friend! You don’t know anything about dragons! You know only the stereotypes of them – you don’t know what they really are! And you’re much worse than this wild animal!“
„I think I have to tell you that this dragon had similar powers to me. I think he manipulated your mind like I did years before. I don’t know exactly what he told you, but I think the least of what he said was true. I think he was a liar like me and Leoric. He would have brought you here by midnight and he would have killed you. But he is dead – as Leoric is. I’m the last liar standing! I’m the winner of the great game of the gods! And I will join them after I have conquered this world for myself!“, she nearly screamed the last sentences – then she got quiet again, „I have you to thank, Denya! Because you will give me the gift, the power!“
Margareth kissed Denya on her forehead. Then she raised her bloody dagger.
„Happy Birthday, Denya!!!“, she cried.
But the dagger did not come down. Margareth was just standing there. Denya could see through a great round hole in her belly. Suddenly a claw materialized in the hole – and behind her T’Sana, the red dragon. He had just pierced her with one of his sharp claws. Margareth’s rattled and she spat blood – then the dragon raised her and threw her body into the air. As she flew he took a deep breath and spat a great white flame in her direction. Only ashes were falling to the ground. He turned to Denya and smiled.
Invisibility – very useful…
„T’Sana, I thought you would be…“
Dead? Oh, it takes a little bit more to kill a dragon than some lightning bolts from two human-mages! Are you alright?
„Yes, thank you“, now she smiled, too, „I thought that would be my end…“
Hey, I told you they wouldn’t hurt you!
The dragon smiled even wider.
But you may relax now – it’s over!
„Yes…finally…“ So her muscles relaxed. And then she had a vision.

She was flying. It seemed to be the same spell T’Sana had cast on her in his cave.
But it couldn’t be one of her memories…it was a memory of T’Sana! She was in his body, she shared his vision, his feelings and even his emotions – she was a dragon! Denya was flying above the clouds, so a beautiful white landscape spread under her.
And she felt a magical presence. A magnetic power that forced her to fly into a special direction. Then she broke through the clouds. There were woods below her…rivers, meadows and roads. And there she found what she had searched for. Two humans were on the road – her sharp eyes detected a man and a woman…and the woman carried something. A child…the child she was searching for. Denya’s mind knew what had to come now – but her mind was still a low voice she didn’t notice. She was overwhelmed by the feelings she had. It was wonderful to fly…it was pure freedom! Now she was very near to both humans, so she went into a glide not to scare them too soon. But a few seconds before she landed, her shadow fell over them and they turned around. The woman screamed and the man’s eyes nearly fell out of his head. The baby, her target, also began to scream. But Denya was still enthralled by the completely new feeling of T’Sana’s body and she ignored the voices that said she knew the two faces in front of her. She landed directly in front of the two humans which caused them to make some steps backwards.
The man reacted first: „What do you want, dragon?“ He really had courage.
She could hear T’Sana think…or was she thinking?
I want that child.
„No! You’ll never get it! No one will ever get it! It is my child and I will protect it from everyone that’s going to come and steal it for this damn Sacrifice! Come on, dragon, fight me! I have no fear!“
You fool! Do you really think you can win this battle?Just hand out the child and perhaps I will let you and your wife live!
The man just watched her. The he raised a hand – and out of his finger came a magic bolt which hit her chest and froze her immediately. The pain was terrible. And that brought her out of her lethargy. She was not T’Sana, she was just in his body…and she was about to fight her father! He still looked like the man the dragon had shown her in her old vision.
But for now, T’Sana’s body couldn’t move. She watched her father as he said: „Ha! You think I’m as easy to defeat as other humans? You think it would be easy to get the child of immortality? Just like this? YOU are the fool, dragon!“
With these words he cast some magic spells that caused horrible pains throughout her body. She wanted to stop it, but she had no control – she could only watch, think and suffer. But then the mage, her father, made a mistake: In his rage he cast a magic firebolt to make him feel even more pain. Of course that caused the ice to melt and the dragon was free again. He raised a claw and pinned her father to the ground.
I think the answer to the question „Who is the fool?“ has changed again – but I also think it won’t change anymore…
Then SHE took a deep breath. She didn’t want to see what had to follow now, but she couldn’t close her eyes or look away. So SHE spat a bright flame that was just as hot to let her father live and scream in agony for a couple of seconds until the screams stopped and the fire SHE spat gained more brightness and finally burned him to ashes. She felt T’Sana’s deep satisfaction – and she wanted to scream and wake up…but the torment continued.
T’Sana searched for the woman – she ran down the street. But the dragon was weakened by the pain. Not without exertion, Denya threw himself into the air and followed her. Suddenly the woman stumbled and fell down. Denya roared triumphantly while she was thinking No, no, please, don’t… She landed before her mother. The relatively young woman got on her feet and stared into the eyes of Denya’s draconic body. The child was nowhere to be seen…
Where’s the child, human?
Fear was in the eyes of her mother…she could even smell her fear. But the woman said: „I won’t tell you! You will never find her! Not in a thousand years!“ Then she spat on the ground in front of the dragon. A great anger overcame Denya. The SHE opened her mouth and closed it over her. Then SHE raised her head and swallowed her own mother who was still struggeling and screaming in her mouth. At this action all thoughts of Denya screamed in psychical agony – but her thoughts were the contrasts to the feelings of her body: She could taste the blood of her mother – it was really delicious! And after swallowing her mother completely there was again this feeling of complete satisfaction. These paradox feelings and thoughts drove her mad – but the vision still continued. Suddenly she heard horses with her great sense of hearing. They seemed to be one or two miles away. She threw herself up into the air and peered into the direction the sounds came from. There were two horses – she knew the humans that sat on them. It was Leoric and Margareth. Suddenly a wave of deep anger overwhelmed her. T’Sana was too weak to fight both of them – they were too powerful for him now. He watched them from the air while they found the child somewhere in the woods beside the roads. Then he followed them to their castle that wasn’t really far away.
But Denya had just one thought for the rest of her vision:
I killed my parents…
I killed my parents…
I killed my parents…
I KILLED MY PARENTS!

„I KILLED MY PARENTS! OH, MY GOD, I KILLED MY PARENTS! I KILLED MY…“
SHUT UP!!!
She was immediately quiet. She wanted to scream on, but something told her not to do so. T’Sana was still smiling his draconic grin – but now she realized it as the evil smile it had always been.
For some reason you’re right, my dear Denya! You really killed your parents! Your birth…your existance killed them!
„Why? Why you? What…what about your promise?“
You’re still a foolish child! This promise doesn’t exist! And you know the reason why I’m doing this.
„Revenge?“
Partially! Mainly I cannot live on this planet together with your species! You are spreading all around the world and you declare yourselves the great rulers of it! But you’re weak! Look at yourself! What are you without any weapon or magical abilities? Meat! That’s what you are! It cost me great effort not to kill you immediately when you were in my cave. And it cost me even more effort to talk to you like a cute little pet! But I think that what’s coming is worth the trouble! Millions of people will die – just because of you!
With that he raised a talon and pointed it on her chest.
She closed her eyes…

Epilogue

T’Sana was standing at the cliff. He could feel the power streaming through his veins. It was true! He was immortal! It wasn’t just a feeling – it was an inner assurance. He just enjoyed the pure power that was flooding him for about half an hour – then he asked himself what to do with his new power. He had just forgotten it. Then he saw some lights on the road under him. It was a caravan of gypsies. Oh, yes…he knew what to do with his new power now. He spreaded his wings and flew down the mountain.

A slack hand was hanging down the altar, still lit by the fire on the mountain. But the flame had burned down and wouldn’t do it any longer.
As the screams of dying humans sounded up to the mountain, the fire began to flicker. It wasn’t the sound of a battle – it was the sound of a massacre. Men, women, children, even babies – they all screamed and died in pain and agony. Only the triumphant roaring of the dragon was louder than the terrible noise of dying humans.
And as the last screams of a dying child echoed over the mountain, the fire went out…

Written by Der Doktor

Beitrag weiterempfehlen:

Tristan und Isolde

Auf seiner Burg zu Tintajol herrschte König Marke über Kurnewale und England. Er war geliebt und geachtet von allen Bewohnern seines Landes, und viele hochgesinnte Ritter und schöne Damen scharten sich um seinen Thron. Unter ihnen war Tristan, des Königs Neffe. Seinen Vater Riwalin von Parmenie hatte König Morgan von Bretagne erschlagen, und seine Mutter Blancheflur, König Markes Schwester, war nach der Geburt des Knaben vor Gram gestorben. Weil es in Trauer geboren worden war, hatte das Kind den Namen Tristan erhalten. Riwalins Lehnsmann, der treue Marschall Rual, hatte sich seiner angenommen und ihm eine sorgfältige Erziehung gegeben. Später war Tristan nach mancherlei Irrfahrt zu seinem Oheim nach Tintajol gelangt und hatte an Markes Hof alle Herzen für sich gewonnen. Unübertrefflich war er in allen ritterlichen und höfischen Künsten, und als er, kaum den Knabenschuhen entwachsen, den Ritterschlag erhielt, wußte jeder im Lande, daß niemand solcher Ehre mehr wert sei als der jugendliche Tristan.

Bald darauf trat der junge Ritter vor König Marke und bat um Urlaub, um nach Bretagne zu ziehen und den Tod seines Vaters zu rächen.

Das geschah, und Tristan erwarb sich hohen Ruhm. Er erschlug Herrn Morgan, den Mörder seines Vaters, und gewann sein Land zurück, das er dem treuen Rual zu Lehen gab.

Als Tristan an Markes Hof zurückkehrte, fand er das ganze Land in Trauer. Morolt, der Schwager des Königs von Irland, war gekommen und hatte einen Tribut eingefordert, den König Marke von früher her schuldete. Dreißig schöne Knaben sollten als Geiseln gestellt werden. Da beschwor Tristan König Marke und seine Ratgeber, den Tribut zu verweigern und die endgültige Entscheidung einem Zweikampf zwischen ihm und Morolt anheimzugeben. Nach einigem Zögern stimmte Marke zu, und in dem Kampfe, der nun stattfand, siegte Tristan über den starken Morolt und tötete ihn. Indessen hatte auch Morolt seinem Gegner eine schwere Wunde an der Hüfte geschlagen, und bevor er starb, sagte er Tristan, daß sein Schwert vergiftet sei und die Wunde nur durch seine Schwester Isolde, die Königin von Irland, geheilt werden könne. Morolts Leiche wurde nach Irland gebracht, wo der Held tief betrauert wurde, besonders von seiner Schwester Isolde und ihrer jungen Tochter, die den Namen der Mutter trug.

In Morolts Wunde fand man einen Splitter aus Tristans Schwert. Den nahm die junge Isolde an sich und bewahrte ihn in einem Schrein. Der König aber erließ ein Gebot, nach dem jeder, der aus Kurnewale nach Irland komme, es mit dem Leben büßen müsse.

Auf Burg Tintajol aber lag der junge Tristan und siechte an seiner Wunde dahin. Kein Arzt vermochte ihm zu helfen. Darum faßte der todwunde Mann den Entschluß, die Königin Isolde aufzusuchen. Er ließ sich von seinen Getreuen nach Irland bringen und heimlich an Land setzen. Und da er sich als Spielmann ausgab, wurde er bei Hofe gut empfangen. Auch die Königin Isolde nahm ihn freundlich auf, und gern versprach sie, ihn zu heilen, da sie sein Saitenspiel liebte.

"Armer Spielmann", sagte sie, "von Gift bist du so wund. Doch du darfst gewiß sein, daß meine Hand dich heilen wird."

Da wurde Tristan so froh, daß er trotz aller Schmerzen das Saitenspiel ergriff. Die Königin lauschte ihm und rief ihre Tochter, die blonde Isolde, herbei. Da spielte und sang Tristan vor den schönen Frauen so wundersam, wie sie es noch nie in ihrem Leben gehört hatten.

Königin Isolde gab sich große Mühe, die Wunde des fremden Spielmanns, der sich Tantris nannte, zu heilen, und bald war Tristan durch ihre Kunst von seinem Siechtum genesen und gesund und stark wie je zuvor.

Die junge Isolde hatte diese Zeit gut genutzt; denn Tristan war ihr ein gar trefflicher Lehrmeister im Gesang und Saitenspiel gewesen.

Doch nun zog es den Genesenen in die Heimat zurück, zumal da er fürchten mußte, von einem der Mannen Morolts, die in Tintajol gewesen waren, erkannt zu werden. Er gab vor, er müsse wieder zu seiner geliebten Gattin, und nahm Urlaub von der Königin und der schönen Isolde.

Zu Tintajol in Kurnewale herrschte große Freude über Tristans Heilung, und der junge Held war von Herzen froh, daß er wieder am Hofe des Oheims weilen durfte.

König Marke liebte den Neffen und überhäufte ihn mit ritterlichen Ehren. Das erregte Neid bei manchen Großen seines Landes, und als das Gerücht umlief, König Marke werde den Neffen zu seinem Erben einsetzen, wurden Stimmen gegen ihn laut, die von Haß und Mißgunst zeugten.

Um dem drohenden Sturme zu entgehen, riet Tristan selbst dem König Marke, sich doch noch zu vermählen. Er empfahl dem Oheim die schöne junge Königstochter Isolde und erbot sich, die gefährliche Brautwerbung zu wagen.

König Marke zögerte recht lange, da er den Neffen nicht solcher schweren Gefahr aussetzen wollte; aber schließlich willigte er doch ein.

So schiffte sich Tristan nach Irland ein und ließ sich wieder heimlich an Land setzen. Diesmal gab er sich als Kaufmann aus und fand auch Aufnahme am Hofe.

Damals hauste in Irland ein Drache, der das Land so bedrohte, daß der König demjenigen die Hand seiner Tochter zu geben versprach, der das Untier erschlagen würde. Deshalb wagte Tristan heimlich den Kampf mit dem Drachen, besiegte das Untier nach schweren Gefahren und schnitt ihm die Zunge heraus, die er unter seinem Wams an seiner Brust verbarg. Dann suchte er sich ein Versteck, um von der Mühsal des Kampfes auszuruhen.

Das Gift der Drachenzunge begann jedoch zu wirken, und er versank in eine tiefe Ohnmacht.

Bald darauf kam ein anderer Ritter, der Truchseß des Königs, an die Stelle, wo Tristan den Drachen erschlagen hatte. Der wollte auch die schöne Isolde gewinnen und hieb und stach auf den Drachen ein, obgleich das Untier schon tot war. Dann suchte er lange nach dem Sieger, um den Entkräfteten zu töten, doch Tristan fand er nicht.

Trotzdem ritt der Truchseß stolz an seines Königs Hof und begehrte als Drachentöter den Siegespreis, die Hand der Königstochter.

Da war die schöne Isolde tief bekümmert, daß sie den anmaßenden Mann heiraten sollte. Die Mutter aber tröstete sie, da ihr ein Traum offenbart hatte, daß ein anderer den Drachen besiegt habe.

So ritt am nächsten Morgen die Königin mit ihrer Tochter und ihrer Nichte Brangäne und einem Knappen in den Wald, um den Drachentöter zu suchen. Sie fanden ihn bewußtlos in seinem Versteck. Die Mädchen hielten ihn für tot; doch die Königin erkannte, daß der unbekannte Ritter unter der Wirkung eines Zaubers stand, und sie fand und entfernte die Drachenzunge an seinem Leibe, so daß Tristan alsbald wieder zu sich kam.

Mit freudigem Erstaunen erkannten die Frauen in ihm ihren Spielmann wieder, und obwohl Tristan diesmal zugab, daß er aus Kurnewale stammte, sicherte ihm die edle Königin Schutz für Leben und Leib zu.

Die Frauen nahmen nun Tristan mit auf die Burg. Als der Truchseß wiederum die Hand der Königstochter zu fordern wagte, wurde sie ihm verweigert, und die Königin verkündete, daß der Drachentöter sich am dritten Tage dem Truchseß zum Kampfe stellen werde.

Indessen waren die Frauen treulich besorgt, den vom Kampf ermatteten Helden zu stärken.

Da fügte es der Zufall, daß die junge Isolde, während Tristan schlief, sein Schwert in die Hand nahm, und sie erschrak, weil sie eine Scharte entdeckte. Sie holte eilends den Splitter, den man in Morolts Wunde gefunden hatte, herbei, und siehe, er paßte genau.

Nun war der Besieger ihres geliebten Oheims in ihrer Hand, und sie empfand glühenden Haß gegen Tristan.

"Dieser ist Tristan, der Mörder deines Bruders“, rief sie der Mutter, die hereintrat, in wilder Erregung zu und hob den Arm, um den Schlafenden mit dem Schwerte zu durchbohren. Die Königin aber ermahnte sie, daß man Tristan Schutz für Leib und Leben zugesichert habe. Da ließ die schöne Isolde das Schwert fallen und brach in bittere Tränen aus.

Gütig redete ihr die Mutter zu und gab zu bedenken, daß Isolde, wenn Tristan tot wäre, dem Truchseß als Siegespreis verfallen sei.

Da verbarg die schöne Isolde ihren Haß, und als Tristan erwachte, ließen sich die beiden Frauen nichts anmerken und redeten freundlich mit ihm.

Nun berichtete der Held von der Botschaft, um deretwillen er nach Irland gekommen war.

"Seit meiner Rückkehr aus Irland habe ich zu Tintajol das Lob der blonden Isolde gesungen, und ich bin hierher gesandt, um für meinen Herrn, König Marke, um die Hand der Königstochter zu freien.“

Und auf den Rat der Mutter nahm Isolde die Werbung an.

Der Zweikampf fand nicht mehr statt, weil der Truchseß sich aus Feigheit zurückzog. Da gab auch der König seine Einwilligung zur Vermählung seiner Tochter mit König Marke, und die blonde Isolde zog zu Schiff, von Tristan und ihrer Freundin Brangäne begleitet, in König Markes Land.

Die Königin aber, die das Glück ihrer Tochter für alle Zeiten sichern wollte, hatte ihrer Nichte Brangäne einen Liebestrank anvertraut, den diese Marke und Isolde nach vollzogener Vermählung zu trinken geben sollte.

"Niemand darf zugleich mit ihnen beiden von dem Minnetrank genießen", hatte sie das Mädchen ermahnt.

Eines Tages, während der Überfahrt, saß Tristan in Isoldes Schiffsgemach und erzählte ihr von König Marke und dem Hof zu Tintajol. Da geschah es, daß Tristan nach einem Trunk begehrte, und da Brangäne nicht im Gemache anwesend war, bot eine Dienerin ihm das Gefäß mit dem Liebestrank, den sie für Wein hielt. Tristan reichte den Becher in ritterlicher Weise zuerst der Königstochter, die zaudernd trank, dann genoß auch Tristan davon.

Als Brangäne dazukam und den Becher geleert fand, brach sie in bittere Klagen aus. Was half es, daß sie das Gefäß ergriff und ins Meer schleuderte! Schon spürten Tristan und Isolde die Wirkung des Zaubers, und beide fühlten, daß sie zusammen nur ein Herz besäßen, und wagten doch aus Scham und Zweifel nicht, sich die seltsame Wandlung einzugestehen.

Wohl versuchte Tristan, den schweren Kampf zu bestehen, um der Treue, der Pflicht und der Ehre zu genügen, aber die Liebe zu Isolde brannte heiß in seinem Herzen. Blickte er ihr in die Augen, so waren alle festen Vorsätze dahin.

Nicht anders erging es Isolde. Auch sie lag in Liebesbanden. Bald vermochte sie an nichts anderes mehr zu denken als an Tristan.

In dem quälenden Widerstreit zwischen Verlangen und Pflichtgefühl siegte die Liebe, und noch ehe Isolde in Markes Land kam, hatte sie dem zukünftigen Gatten die Treue gebrochen.

Brangäne erzählte den beiden von dem Zaubertrank und versprach ihnen ihre Hilfe und Verschwiegenheit.

Als das Schiff sich der Küste näherte, sandte Tristan Boten nach Tintajol, und mit großem Gepränge ließ König Marke seine junge Braut in die Stadt geleiten. Gar bald vermählte er sich mit ihr.

Doch der Zauber, dem Tristan und Isolde auf dem Schiffe verfallen waren, erlosch nicht. Nie wieder konnten die Liebenden voneinander lassen, und immer wieder mußte Isolde König Marke die Treue brechen.

Keinen andern Gedanken hegten die Liebenden als den, wie sie hämischem Argwohn entgehen und Isoldes Gatten täuschen konnten.

Zunächst gelang es ihnen mit Brangänes Hilfe, doch dann schöpfte Marke Verdacht. Marjodo, der Truchseß, hatte das Liebespaar einmal überrascht. Der ging zu König Marke und verdächtigte die beiden Liebenden.

"Es geht um deine Ehre", sagte der Truchseß, den die Eifersucht um Isolde, die Blonde, verzehrte, und Marke ließ sich, von Argwohn gequält, überreden, seinem Weibe eine Falle zu stellen.

Die wachsame Brangäne war jedoch Marjodos Treiben auf die Spur gekommen und warnte ihre Herrin. Deshalb zeigte sich Isolde, als König Marke ihr pIötzlich ankündigte, daß er sie einer Pilgerfahrt wegen für lange Zeit verlassen müsse, tief bekümmert. Der König, der ihr Tristans Gesellschaft während seiner Abwesenheit empfahl, fühlte sich von Argwohn und Eifersucht befreit, als sein Weib Abscheu gegen Tristan heuchelte, und in seinem Herzen bat Marke der blonden Isolde das Unrecht ab, das er ihr mit seinem Verdacht angetan zu haben meinte.

Marjodo, dem Truchseß, hielt er triumphierend die Treue seines Weibes vor. Der aber ließ sich nicht täuschen und erbot sich mit spöttischem Lächeln, die Liebenden zu überlisten. Marke sollte Tristan von der Königin trennen und über Land schicken; dann werde er sehen, was geschähe. Blutenden Herzens befolgte Marke den Rat des Truchseß.

Da litten Tristan und Isolde die brennenden Qualen der Trennung und Sehnsucht. Brangäne aber ersann eine kluge List, wie sie ihrer Herrin und Tristan helfen könnte.

Durch den Garten von Tintajol floß ein klarer Bach, darüber hatte man einen Turm gebaut, in dem jetzt Isolde zu ihrer Erholung auf Brangänes Rat Wohnung nahm. Da ließ Tristan Rindenstücke den Bach hinabtreiben, an denen Isolde erkennen konnte, bei welchen Bäumen des Gartens sie der Geliebte zur Nacht erwartete, bei den Pinien, im Ulmenhain oder bei den Eichen.

So trafen sich die Liebenden jede Nacht im Garten der Burg. Der böse Zwerg Melot, den Marjodo beauftragt hatte,Tristans Weg zu verfolgen, konnte sich jedoch wie ein Eichhörnchen von Ast zu Ast schwingen und entdeckte das Geheimnis der Rindenstücke und offenbarte es König Marke.

Da sahen sich die Liebenden im Ulmenhain zu mitternächtiger Stunde plötzlich von den Mannen König Markes umstellt, und das Geheimnis ihrer Liebe wurde enthüllt.

Das erbitterte Volk und alle Barone des Landes forderten ein Gottesgericht, wie es auf einer Insel im Meer stattzufinden pflegte. Dort sollte Isolde ihre Unschuld erweisen.

Heimlich gab Isolde durch die treue Brangäne ihrem Geliebten Nachricht.

Als die Königin in ihrem Schifflein nahe der Insel landete und von Rittern ans Ufer getragen werden sollte, lehnte sie es ab, sich von ihnen, die sie so hart beschuldigten, berühren zu lassen.

Am Ufer stand, in seine Kutte gehüllt, ein fremder Pilger. Der wurde herbeigerufen, und man befahl ihm, die Königin durch das seichte Wasser an den Strand zu tragen. Der Fremde folgte willig der Aufforderung, nahm die schöne Isolde in seine Arme und trug sie durch das Wasser an Land. Isolde, die in dem Pilgersmann längst den Geliebten erkannt hatte, raunte ihm ins Ohr, er solle am Ufer straucheln, so daß sie beide zu Fall kämen. Das geschah, und so lag die schöne Königin für einen Augenblick an der Seite des Pilgers in seinen Armen. Die Ritter wollten den Pilgrim für seine Unachtsamkeit mit Ruten züchtigen; doch die Königin bat für ihn um Gnade. Da ließen sie von ihm ab.

Als man Isolde auf dem Gerichtstag zwang, ihre Unschuld zu beschwören, bekräftigte sie mit einem Eid, daß sie nie in eines anderen Mannes Armen gelegen habe als in denen ihres Gemahls und des Pilgers, der sie an Land getragen habe.

Darauf wurde ihr befohlen, die Hand auf das glühende Eisen zu legen, und siehe, ihre Haut blieb unverbrannt.

So war die Wahrheit von Isoldes Worten vor aller Augen bewiesen, und König Marke nahm sein Weib wieder in Gnaden auf.

Auf der Burg sah Tristan auch Kaedins schöne Schwester, Isolde mit den weißen Händen. Da trat das Bild der fernen Geliebten ihm so lebendig vor die Seele, daß er sich um des gleichen Namens willen mit Isolde Weißhand vermählte, aber seine Sehnsucht nach der blonden Isolde wurde nicht gestillt.

Tristan begleitete von nun an seinen Schwager Kaedin auf dessen Kriegszügen. Eines Tages weilten sie auf einer Burg und mißbrauchten in der Abwesenheit des Ritters das Gastrecht, weil Kaedin sich um die Liebe der Burgherrin bewarb. Der Ritter, der sich betrogen fühlte, verfolgte sie nach seiner Rückkehr, stellte sie zum Kampfe und rannte Kaedin den Speer in den Leib, daß er tot vom Pferde sank. Dafür erschlug ihn Tristan. Aber die Übermacht der Feinde war zu groß, und Tristan erhielt eine schwere Wunde, so daß er nur mit Mühe den Verfolgern entkam.

Isolde Weißhand pflegte den sehr Wunden, der mit dem Tode rang. Kein Arzt und keine Arzenei vermochten ihm zu helfen. Da sandte Tristan einen getreuen Boten an König Markes Hof und ließ die blonde Isolde bitten, seine Todesnot zu lindern. Der Bote brachte die traurige Kunde nach Tintajol; Isolde zögerte keinen Augenblick und bestieg sofort das Schiff.

Indessen wurde der todwunde Tristan von Isolde Weißhand gepflegt. Sie grämte sich, daß Tristan die blonde Isolde rufen ließ, und oft mußte sie auf Tristans Bitte ans Fenster treten, um nach dem weißen Segel, das Isoldes Ankunft künden sollte, Ausschau zu halten.

Als sie das Schiff endlich kommen sah und das weiße Segel in der Sonne glänzte, verkündete sie es Tristan; aber von dem Segel sagte sie nichts. "Liebe Isolde, sage an, wie ist das Segel?" fragte Tristan.

Isolde Weißhand sprach in dieser Not nicht die Wahrheit und antwortete: "Ein schwarzes Segel sah ich."

Da brach der Tod Tristan das Herz. Vergebens beteuerte Isolde Weißhand in ihrem Schmerz, daß sie nicht wahr gesprochen habe.

Tristan lag tot und hörte sie nicht mehr.

Als Isolde, die Blonde, und ihre Begleiter ans Ufer gelangt waren, vernahmen sie große Klage in der Stadt und erfuhren den Grund.

Da stand die schöne Isolde stumm vor Schmerz und sank ohnmächtig nieder. Tristans Tod hatte auch ihr die Lebenskraft genommen.

Als sie wieder zu sich kam, hatte sie nur den Wunsch, den Toten zu sehen. So gingen sie alle ins Münster, wo Tristan auf der Bahre lag. Sie nahm das Tuch von seinem Antlitz, warf sich an der Bahre nieder und küßte es.

So lag sie Mund an Mund mit dem toten Tristan; da brach auch ihr das Herz, und sie starb den Minnetod.

Die Körper der Liebenden wurden einbalsamiert und in Särge gelegt, und Isolde Weißhands Vater, Herzog Jovelin, dachte den zweien ein würdiges Begräbnis zu geben.

Inzwischen aber hatte König Marke den Tod der Liebenden erfahren und war zu Schiff nach Burg Karke gekommen.

Als er von der treuen Brangäne vernommen hatte, wie alles geschehen war, von dem Trank der Minne, der die Herzen bezaubert hatte, daß sie nicht mehr voneinander lassen konnten, da brach er in laute Klage aus und rief: "O weh, Tristan, hättest du von Anfang an alles bekannt, ich hätte dir Isolde zur Frau gegeben. So wäre ich rein von Sündenschuld geblieben, und ihr wäret gerettet."

Marke führte die Leichen auf seinem Schiff mit sich nach Tintajol. Dort lag das ganze Land in Trauer. Der König ließ zwei marmorne Särge anfertigen und die Toten darein legen. Im Burggarten von Tintajol wurden sie begraben.

König Marke gab sein Reich einem seiner Barone und ging ins Kloster.

Er hatte aber auf Tristans Grab einen Rosenstock pflanzen lassen und auf Isoldes eine Weinrebe. Als Rebe und Rose wuchsen, neigte sich über den Gräbern jeder Zweig dem andern zu, und dicht ineinander verflochten und verwachsen waren Rose und Rebe.

Beitrag weiterempfehlen:

Stöbere im Archiv