Drachen in der Literatur

Andre Zeiten, andre Drachen (Christian Morgenstern)

Immer nicht an Mond und Sterne
mag ich meine Blicke hängen –:
Ach man kann mit Mond und Sternen,
Wolken, Felsen, Wäldern, Bächen
allzuleichtlich kokettieren,
hat man solch ein schelmisch Weibchen
stets um sich wie Phanta Sia.

Darum senk ich heut bescheiden
meine Augen in die Tiefe.
Hier und da ein Hüttenlichtlein;
auch ein Feuer, dran sich Hirten
nächtliche Kartoffeln braten –
wenig sonst im dunklen Grunde.
Doch! da drunten seh ich eine
goldgeschuppte Schlange kriechen …

Hochromantisches Erspähnis!
Kommst du wieder, trautes Gestern,
da die Drachen mit den Kühen
friedlich auf den Almen grasten,
wenn sie nicht grad Flammen speien
oder Ritter fressen mußten –
da der Lindwurm in den Engpaß
seinen Boa-Hals hinabhing
und mit grünem Augenaufschlag
Dame, Knapp und Maultier schmauste –
kommst du wieder, trautes Gestern?

Eitle Frage! Dieses Schuppen-
Ungetüm da drunten ist ein
ganz modernes Fabelwesen,
unersättlich zwar, wie jene
alten Schlangen, doch auch wieder
jenem braven Walfisch ähnlich,
der dem Jonas nur auf Tage
seinen Bauch zur Herberg anbot.

Feuerwurm, ich grüße froh dich
von den Stufen meines Schlosses!
Denn ob mancher dich auch schmähe,
als den Störer stiller Lande,
und die gelben Humpeldrachen,
die noch bliesen, noch nicht pfiffen,
wiederwünschte, – ich bekenne,
daß ich stolz bin, dich zu schauen.
Höher schlägt mir oft das Herze,
seh ich dich auf schmalen Pfaden
deine Wucht in leichter Grazie
mit dem Flug der Vögel messen
und mit Triumphatorpose
hallend durch die Nächte tragen.

Sinnbild bist du mir und Gleichnis
Geistessiegs ob Stoffesträgheit!
Gleichnis bist du neuer Zeit mir,
die, jahrtausendalter Kräfte
Erbin, Sammlerin, sie spielend
zwingt und formt, beherrscht und leitet!

Andre Zeiten, andre Drachen,
andre Drachen, andre Märchen,
andre Märchen, andre Mütter,
andre Mütter, andre Jugend,
andre Jugend, andre Männer –:
Stark und stolz, gesund und fröhlich,
leichten, kampfgeübten Geistes,
Überwinder aller Schwerheit,
Sieger, Tänzer, Spötter, Götter!

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Aufenthalt im Wasserreich (Ciruelo Cabral)

Durch Weingärten und Olivenhaine im Süden Frankreichs, vorbei an den bernsteinfarbenen Schlössern der Herren der Provence und an den rotgedeckten Häusern ihrer Untertanen entlang, floss die Rhone. Der stetige Strom ihres Wassers verriet nicht, dass sie Drachen beherbergte. Einer jedoch hauste in ihren Tiefen: Nahe der Stadt Beaucaire, wo die Rhone in Biegungen dem Meer zustrebte, war die Lagerstatt des Drac verborgen, eines riesigen, uralten Wesens; er verstand sich auf Zauberei, die er für seine eigenen blutigen Zwecke einsetzte.

Der Drac besaß eine Vorliebe für Menschenfleisch und machte sich ein Vergnügen daraus, Sterbliche zu jagen. Von Zeit zu Zeit verließ er den Fluss und begab sich zum Marktplatz von Beaucaire, wo er, für die geschäftigen Stadtbewohner unsichtbar, im Schatten der Platanen herumstrich, ein wachsamer Schatten zwischen Körben voller Fische und Bergen von Obst. Mit kalten, blassen Augen beobachtete der Drache die Hausfrauen, die mit den Händlern schwatzten; mit gekrümmten Klauen schnappte er sich dann geschwind ein unbeaufsichtigtes Kind.

Zum Zeitvertreib lockte der Drac manchmal auch Menschen in seinen Fluss. Einmal tat er dies zu einem seltsamen Zweck, und das geschah so:

An einem Sommernachmittag, als die Sonne unbarmherzig auf Stadt und Felder niederbrannte, ging eine junge Frau aus der Stadt zum Fluss, um die Kleider ihres Kindes zu waschen. Wie sie so ihrer Arbeit nachging, blickte die Frau über das glitzernde Wasser – und dann machte sie große Augen. Auf dem Wasser, nicht weit vom Ufer, schwamm ein goldener Becher. In dem prachtvollen Gefäß schimmerte eine Perle.

Ohne zu überlegen nahm sie den Köder an. Sie streckte die Hand nach dem hübschen Zierat aus, der Becher aber glitt außer Reichweite und glitzerte verführerisch im Sonnenlicht. Die Frau versuchte ihn abermals zu greifen; sie beugte sich über den Uferrand und verlor dabei das Gleichgewicht. Als sie fiel, griff eine Klaue nach ihr; wie eine Fessel schloss sie sich fest um die Taille der jungen Frau. Sie stöhnte und zappelte, aber gegen den Griff war sie machtlos. Sie fühlte, wie sie nach unten gezogen wurde. Während ihre Röcke sich mit Wasser vollsogen, warf sie einen letzten, verzweifelten Blick zum Ufer – sie sah, wie kleine Kleidungsstücke auf dem Gras am Fluss trockneten und das Kind, ganz allein, dasaß und wimmerte. Dann schlugen die Wasser der Rhone über ihrem Kopf zusammen.

Unerbittlich wurde sie in die kalten Tiefen des Flusses hinabgezogen, bis sie nichts wahrnahm als nasse Schwärze, durchbrochen von winzigen Lichtern, strahlend und glitzernd wie die Sterne am nächtlichen Himmel. Sie wurde ohnmächtig.

Als sie die Augen wieder aufschlug, befand sie sich in einer kristallenen Höhle. Vor den durchsichtigen Wänden wogten Wasserpflanzen, als wehe ein Landwind darüber hin. Fische schnellten vorbei. Neben ihr lag der goldene Becher, der sie verlockt hatte, und die Perle, die darin war. Und dann sah sie, wer sie gefangen genommen hatte. Riesenhaft und schimmernd hockte der Drache reglos neben dem Becher und betrachtete sie. Von seinem grünen, starren Blick gebannt, stand die Frau auf, und während sie dies tat, verblasste die Erinnerung an ihr Leben: Ihr kleiner Sohn, ihr Mann, ihr Haus im sonnigen Beaucaire, die Felder und Olivenhaine und die Stadt, das alles wurde zu winzigen Bildern, zu Miniaturen, an die sie sich undeutlich erinnerte, wie an Träume. Nur die Worte des Drachen ertönten in ihrem Kopf. Der Drac sprach mit einer Stimme, die wie ein Gong wiederhallte, und die Sterbliche gehorchte. Der Drache hatte der Frau aufgelauert, weil sie jung und gesund war – und weil sie ihren Sohn stillte. Der Drache brauchte Menschenmilch, um sein eigenes Gezücht, ein schwaches Drachenjunges, zu nähren. So wurde die junge Frau, in einem Zaubergespinst gefangen, die Sklavin des Drac und die Amme eines Drachen. Die Tage vergingen friedlich, und für die menschliche Gefangene in dem trüben Zwielicht der kristallenen Höhle unter dem Fluss war ein Tag wie der andere. Eingelullt von der Bewegung des Wassers draußen und vom Bann des Drachen, lebte sie wie in Trance. Sie säugte das Gezücht des Drac und hegte es, als sei es ihr eigener Sohn. Sie schlief, wann es der Drache gebot, und aß, was er ihr gab. Sie beobachtete die Bewegungen des Wassers durch die durchscheinenden Wände der Höhle, und mit der Zeit wurden ihr die Lebewesen der Rhone – der grün-gold gestreifte Hecht, der schlängelnde Aal, die flinke Forelle – vertraut wie einst die Bewohner von Beaucaire. Mit jedem Tag wurde ihr die Wasserwelt, die sie umgab,verständlicher und bekannter, als seien die Steine und Wasserpflanzen die Felder und Wälder ihrer vergessenen Heimat.

Ihre Sehkraft erhielt sie vom Zauber des Drachen, aber das wusste sie nicht. Jeden Abend rieb sie, wie ihr befohlen war, die Augen des Drachenjungen mit einer Salbe ein, die der Drac ihr gab. Die Salbe verlieh dem Kleinen den durchdringenden Drachenblick, und immer wenn die Frau sich ein Auge rieb, blieb etwas von der Salbe dort hängen, sodass sie ein wenig von der Zauberkraft des Geschöpfes empfing.

Sieben Jahre vergingen. Das Junge wurde groß und stark, und es kam der Tag, an dem der Drac keine Verwendung mehr für seine Gefangene hatte. Er tötete sie nicht, was er durchaus hätte tun können; aber sie hatte seinen Nachkommen genährt, und deshalb ließ er sie frei. Er belegte sie mit einem Bann des Vergessens und versenkte sie in Schlaf, bevor er sie durch den Fluss ans Tageslicht trug.

Die Frau wachte am Ufer in der Nähe ihres Hauses auf. Ein wenig verwirrt sah sie sich um, denn sie erinnerte sich an einen heißen, sonnigen Tag, als sie ihre Wäsche gewaschen und mit ihrem Kind gelacht hatte, das im Gras spielte. Jetzt aber war die Sonne untergegangen, und eines nach dem anderen flammten die Lichter der Stadt auf. Weder die Wäsche auf dem Rasen noch ihr Kind waren irgendwo zu sehen. Sie eilte über die Felder und durch die Straßen der Stadt.

Die Tür ihres Hauses stand offen, um die Abendkühle hereinzulassen, und die Frau ging hinein. Zwei Gesichter wandten sich ihr zu – das eines bärtigen Mannes und eines Knaben, der ihrem Mann glich, als dieser jung gewesen war. Einen Moment starrten sie sich gegenseitig an. Dann sprang der Mann mit einem gellenden Schrei auf. Während der Knabe mit geweiteten Augen zusah, umarmte der Mann die Frau. Er war ihr Ehemann, der sie ertrunken geglaubt und getreu sieben Jahre betrauert hatte. Er überschüttete sie mit Fragen, aber sie konnte keine Antwort geben, denn sie besaß keine Erinnerung an die Welt des Drachen. Der Knabe war ihr Sohn, aber er sprach nicht mit der bleichen, zerlumpten Fremden, ihre Schweigsamkeit schreckte ihn. Aber die Liebe des Vaters zu seiner Frau war so stark und seine Freude über ihre Wiederkehr so groß, dass der Knabe die Fremde allmählich als Mutter annahm. Und in den Wochen ihrer rätselhaften Wiederkehr gewöhnten sich auch die Nachbarn an sie. Ihre siebenjährige Abwesenheit blieb ihnen ein Geheimnis, und ihre Reden schreckten sie zuweilen. Sie träumte von Drachen, erzählte sie oft. Doch ihre Nachbarn waren liebenswürdige Menschen und ließen die Frau gewähren. Sie nahm ihr früheres geordnetes, friedliches Leben wieder auf, kochte und sorgte für den Mann und den Knaben und arbeitete mit den Leuten auf den Feldern. So hätte sie fortleben können, wäre nicht der Drachenblick gewesen. Eines Tages ging sie wie gewohnt auf den Markt, und dort, zwischen den Gemüseverkäufern und Fischhändlern, sah sie den Drac. Schuppig und schimmernd ragte er über den Stadtleuten auf. Sein Haupt reichte fast bis zu den Dachfirsten hinauf, und seine Augen schillerten grün, aber die geschäftigen Händler und ihre Kunden gingen nichtsahnend ihren Geschäften nach. Nur die Frau sah ihn. Als sie aufschrie, blickte er sie scharf an. "Siehst du mich, Sterbliche?", fragte eine Stimme in ihrem Kopf.

"Ich sehe dich, Drache", sagte sie laut, und in diesem Augenblick fielen ihr die ganzen verlorenen sieben Jahre wieder ein. Sie stand regungslos, als die Drachenklaue sich senkte und ihr das linke Auge zuhielt.

"Siehst du mich jetzt?", sagte die Drachenstimme. Sie sah ihn noch. Die Klaue wanderte zu ihrem rechten Auge,und wo der Drache gestanden hatte, sah sie nur den Marktplatz und ihre Mitmenschen. Folgsam sagte sie dem Drachen, dass sie ihn nicht mehr sehe. Sogleich durchfuhr ein blendender Schmerz ihren Kopf. Die Klaue hatte das Auge entfernt, das den Drachenblick besaß.

Halbblind lebte die Frau noch viele Jahre, und wieder und wieder erzählte sie ihre Drachengeschichte. Die Leute hielten sie für verrückt und schlugen ihre traurigen Warnungen in den Wind. So verschwanden Jahr für Jahr Kinder vom Marktplatz von Beaucaire und niemand wußte warum.

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Der Bauer und der Drache (Ciruelo Cabral)

Eines Tages wurde ein Drache auf seinem Heimflug von einem schlimmen Sturm überrascht. Der Wind heulte, und der Regen kam mit einer solchen Wucht hernieder, daß selbst die stämmigsten Eichen entwurzelt und wie Strohhalme geknickt wurden. Trotz seiner enormen Größe wurde der Drache in alle Richtungen geschleudert und verlor in der Dunkelheit die Orientierung. Verzweifelt versuchte er immer wieder, gegen den Sturm anzukämpfen, doch zuletzt fiel er erschöpft zu boden.
Während er so bewußtlos im Schlamm lag, kam ein Bauer aus einer kleinen Hütte in der Nähe des Weges. Als der Bauer, der Lukas hieß, das Ungeheuer erblickte, das wie tot am Boden lag, tat es ihm sogar ein wenig leid. Er näherte sich dem bewegungslosen Körper und stellte fest, daß der Drache noch immer am Leben war. Mit der Hilfe seines Pferdes schaffte er den Drachen zu einer alten Scheune. Dort legte er den Drachen vorsichtig nieder und bedeckte ihn mit einem geflickten Laken, dann rannte er nach Hause und bat seine Frau, etwas zu Essen vorzubereiten. Sie war sehr besorgt:“Du bist wohl verrückt, einem solchen Ungeheuer Nahrung und Schutz zu gewähren. Er wäre besser, es zu töten, der König würde uns für seine Haut belohnen.“- „Sei still, Frau“, entgegnete Lukas, „der Drache ist schwach und krank. Es wäre unchristlich, einem Bedürftigen Hilfe zu verweigern, egal welcher Rasse er auch angehören mag.“ „Sei doch nicht dumm, Mann“, rief die Bauersfrau,“ diese Kreatur ist weder Christ noch Mensch, sie wird dich fressen, sobald es ihr besser geht.“ Ohne auf die Warnung seiner Frau zu achten, machte sich der Bauer daran, den Drachen zu pflegen und zu füttern. Seine Bemühungen trugen bald Früchte, der Drache erholte sich und dankte dem Mann für die Rettung. „Es gibt nichts, wofür du dich bedanken müßtest“, sagte der gute Mann, „wir sind alle Gottes Geschöpfe.“ – „Dennoch hätten mich viele Menschen in deiner Lage getötet und meine wertvolle Haut verkauft.“ „Jeder, der aus dem Unglück anderer Vorteile zieht, ist böse. Ein solches Verhalten wäre eines Ritters unwürdig.“
Als die Bauersfrau, die an der Türe gelauscht hatte, die Worte ihres Mannes vernahm, mußte sie laut lachen. „Seht euch diesen Narren an, der sich selbst die Ritterwürde verleiht, obwohl er ein Almosenempfänger ist!“ kicherte sie in ihrem Versteck. „Du wirst anders reden, wenn die Steuereintreiber kommen und dir dein Pferd nehmen, schließlich haben wir unsere Steuern nicht bezahlt.“ „Es ist Ehre und nicht Reichtum, die einen Mann zum Ritter macht“, entgegnete Lukas mit leiser Stimme. Da der Drache das Gespräch mitangehört und die Armut des Bauern erkannt hatte, bot er ihm eine Belohnung für seine Mühen an. „Ich könnte kein Geld ablehnen, denn der Steuereintreiber wird bald erscheinen, und ich habe nichts, womit ich ihn bezahlen könnte. Doch das war nicht der Grund, aus dem ich dir geholfen habe, mein Freund.“ „Das weiß ich wohl, doch ich bin nun kräftig genug, um Heim fliegen zu können. Komm mit in meine Höhle und such dir aus, was immer dir gefallen mag.“ Obwohl ihn seine Frau bat, nicht zu gehen, stieg Lukas furchtlos auf den Rücken des Drachen. „Wenn du mitten im Wald bist, wird er dich fressen, und ich werde hier allein sein!“ jammerte sie.
Der Drache aber schaffte den Bauern in seine Höhle und bewirtete ihn für drei Tage. Als es für den Bauern Zeit zur Heimkehr wurde, lud sich der Drache einen großen Sack voller Gold und Edelsteine auf den Rücken und brachte den Bauern zu seiner Hütte zurück. „Du kannst zu mir kommen, wann immer es dir schlecht geht“, sagte der Drache zum Abschied.
Lukas fand seine Frau klagend und in Trauerkleider vor, sie hielt ihren Mann für tot. Von den Geschenken des Drachen konnten sich die Bauersleute einen schönen Hof mit vielen Tieren leisten, doch die Frau wurde mit der Zeit immer verschwenderischer. Eines Tages sagte sie zu ihrem Mann:“Wenn wir nur etwas mehr Geld hätten, könnten wir gutes Land erwerben und andere darauf arbeiten lassen. Dann könnten wir einen Sohn haben, der Ritter werden könnte. Warum fragst du nicht den Drachen nach etwas mehr Gold?“ Lukas weigerte sich zunächst, doch dann gab er nach und ging zum Drachen. Dieser hielt das Anliegen für berechtigt und war froh, seinem Freund ein weiteres Mal helfen zu können. Doch es verging kaum ein Jahr, da hörte man von der Frau:“Wenn wir uns ein Schloß und ein paar Ortschaften leisten könnten, würde man uns bestimmt zu Grafen ernennen.“ Lukas war das Nörgeln seiner Frau schnell leid und ging wieder zur Höhle des Drachen. Das Paar erhielt eine Grafschaft. Wenig später wünschte sich die Frau, bei Hofe zu leben. Eines Tages sah die neue Herzogin, wie die Königin in ihrer goldenen Kutsche vorfuhr, gekleidet in Samt und Seide und mit den kostbarsten Juwelen geschmückt. Ihre Augen glänzten Vor Neid und Gier, sie sagte:“Mein lieber Lukas, ich habe mir Gedanken gemacht. Wenn wir einen Sohn hätten und es wäre Krieg, dann müßte er als Offizier an die Front und könnte in der Schlacht fallen. Es wäre viel besser, wenn wir Monarchen wären, dann wäre unser Sohn nicht in Gefahr. Dein Freund der Drache wird uns sicher diesen Wunsch erfüllen.“ „Frau, rede keinen Unsinn!“ schimpfte Lukas, doch seine Frau weinte und bedrängte ihn, bis er wieder den Drachen besuchen ging, der ihn freundlich empfing.
„Freund“, sagte der Drache, nachdem er sich die Geschichte angehört hatte, „deine Frau ist zu ehrgeizig. Sie wird niemals genug bekommen und immer noch mehr wünschen. Aber ich weiß eine Lösung, komm in meine Höhle.“ Der Drache führte seinen Gast in einen gemütlichen Raum, wo wunderhübsche junge Frauen tanzten und sangen. „Nun bist du mein Gefangener. Diese Mädchen werden die Gesellschaft leisten und dafür sorgen, daß jeder deiner Wünsche erfüllt wird, denn sie sind meine Sklavinnen. Du wirst aber niemals in der Lage sein, die Höhle anders als in meiner Begleitung zu verlassen, und du wirst nie zu deiner Frau zurückkehren können.“ Von nun an lebte der brave Mann glücklich mit dem Drachen und seinen Gespielinnen. Lukas Frau aber mußte sich in Trauer kleiden, denn sie nahm an, daß ihr Gatte nun doch noch vom Drachen gefressen worden wäre.

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Ragnar Lodbrock (Sigrid Früh)

König Herraud von Schweden hatte eine Tochter, die war schöner als die Sonne, und er hatte sie über alle Maßen lieb, Jeden Tag sandte er ihr ein Geschenk, um sie zu erfreuen. Eines Tages brachten seine Mannen einen jungen Lindwurm mit, den schenkte er der Jungfrau, die ihn in eine Truhe aus Eschenholz setzte, in der sie ihr Gold und
ihr Geschmeide aufbewahrte. In selben Maße aber, in dem
das Tier heranwuchst vermehrte sich auch das Gold in der Truhe,
Bald aber war der Lindwurm zu einem riesigen Ungeheuer herangewachsen, und er verschlang täglich einen Ochsen. Endlich drohte er alle zu verschlingen, die ihm in die Quere kamen, sei es Mensch oder Tier, und versengte die Luft mit seinem feurig-giftigen Odem. Da bereute der König bitter seine Unbedachtsamkeit, und er versprach seine Tochter demjenigen zur Frau, der den Lindwurm überwinden könne. Das Gold aber solle die Mitgift sein. Diese Kunde hörte Ragnar, des dänischen Königs Sohn. Er war schön, stark, tapfer und kühn. Er ließ sich einen wollnen Mantel und zottige Hosen machen, Als er zu Schiff nach Schweden kam und die Kälte einfiel, ließ er sein Kleid sich vollsaugen mit Wasser und in der Kälte steif frieren. So gewappnet zog er der Königsburg zu, wo alles noch in tiefem Schlafe lag. Bald schon gewahrte er den
Lindwurm, der ihm entgegenzüngelte. Doch Ragnar stieß ihm Mit seinem Speer eine so tiefe Wunde, dass das Untier sich im Todeskampfe wand. Es wollte ihm aber mit seinen fürchterlichen Zähnen die Glieder zerbeißen. Allein es gelang ihm nicht, zu fest und hart war Ragnars Kleid, kein Biß drang hindurch, doch furchtbar tobte noch lange der Kampf, bis das Untier endlich verschied. Die Hofleute und der König selbst, die vom Kampfeslärm erwacht waren und von der Ferne zugesehen hatten, jubelten Ragnar zu, und König Herraud umarmte ihn und nannte ihn Ragnar Lodbrok, das heißt Lodenhose.
Als Ragnar sich gewaschen und festlich gekleidet hatte,erkannten alle seine Schönheit, und die Tochter des Königs von Schweden vermählte sich gerne mit ihm .
[Altdänisches Märchen]

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Riese und Drache

Zwischen Ziegenrück und Gössitz umspült die Saale in weitem Bogen einen Felsen, der das Flußbett hoch überragt und vom Volke Riesenstein genannt wird. Dort wohnte ein Riese mit seinem Weib, und ihnen gegenüber auf dem Drachenstein hauste ein furchtbarer Drache, der sich Menschen und Vieh zum Fraß holte. Der Riese zog mehr als einmal zum Kampfe gegen ihn aus, vermochte aber nichts auszurichten; denn so oft er daran war, das Untier zu überwältigen, erhob es sich auf seinen breiten Flügeln in die Luft. Wenn Riese und Drache miteinander kämpften, so dampften die Felsenhöhen, und der Grund erbebte. Nun hatte der Riese von seinem Weibe einen einzigen Sohn; den raubte der Drache, als er ihn unbehütet fand, führte ihn dahin, und die Eltern hörten mit Schrecken das Wehegeschrei ihres Kindes über sich in den Lüften. Da packte der Riese ergrimmt einen Stein und schleuderte ihn mit gewaltiger Kraft nach dem Drachen, traf ihn auch und sah ihn mit samt dem Kind in die Saale stürzen. Ein Fels, den er im Sturze berührte, zerbarst und begrub ihn und das Riesenkind. Der Wurfstein blieb an der Stromkrümme am Ufer liegen; darauf trat der Riese so heftig vor Schmerz und Zorn, daß sein Fuß sich einprägte. Der Saalefischer aber hat von je die verrufene Stelle gemieden.

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Crusader

Crusader

An anger boiling up deep within,
to burn away the world’s darkest sin.
I soar out with vengence over evil lands,
to slay the darkest demon clans.
I go forth to slay the darkest evil,
the veils of lies I shall reveal.
A power of virtue welling up deep within,
a cause held high by both dragons and men.
An enemy hiding in the depths of soul and mind,
to be sought out and crushed wherever good can find.
A warrior of light honorable and true,
a soldier of fortune through and through.
A dragon in the ranks of righteousness,
a scaled crusader of ancient yore.
I take an oath to honor and justice,
to uphold them now and forevermore.

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Goodbye my friend

„Goodbye my friend“

Magnificent dragon flying high, 
Tell me! Why is it that you cry? 
For your covered in rubies, diamonds and gold, 
You are the reason magical tales are told. 

Graceful and dazzling you glide through the sky, 
Strong and cunning you’ll never die. 
So tell me now, please don’t lie, 
Just let me know, why do you cry? 

For why I cry is not to hear, 
It tells of a story not for young ears. 
But there comes a time when we all must die, 
That is the reason for which I cry. 

I may be covered in rubies, diamonds and gold, 
But like everyone I grow old. 
So you see I’m neither graceful, dazzling nor strong, 
I’m simply the same as everyone. 

Leave me alone up on this rock, staring out to sea, 
Up in the clouds, way up high, he’s calling me. 
For my time on this Earth has come to an end, 
I’ll think of you always, goodbye my friend. 

(c) By Claire Dixon, England.

Dieses Gedicht wurde augestellt mit freundlicheGenehmigung von
http://www.dragonsight.net

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Once

Once

Liquid eyes (once bright) silvered and dulled
Wicked glints replaced by opaque pools
Reflecting empty silence
It presses the massive head down, low, into defeat
Tall gray masonry, strong and new
Ringing with voices, happy and bright
A girl’s voice
She found him there; he kept her
Eternal sunrise — his scarlet scales
Yet vibrant, lasting beyond his youth
Blood red stars
The deceptiver luster of a weary heart
Snakelike ivy, tiny invasive tendrils
Dimming whispers. weak and feeble
Growing old
She stayed, but for one frail moment more
Wings tucked back, as sentient armor
Drawn in tightly, close for comfort
Insufficient solace
From sharp and hollow desolation
Crumbling walls, ivy grown green and dark
Lingering ghosts of dreams and echoes
Empty and vague
It close, when he chose not to leave her
And he rears back and shouts in pain
Flames of despair spread across the sky
Silence once more
A blackened leaf falls, quietly

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Traumdrache (Karin Roth)

Niemals hatte er das Licht der Sonne erblickt
und kein einziges Mal in seinem Leben wurde seine Dunkelheit durch einen Strahl von Helligkeit unterbrochen.
Er lebte sein Leben in Dunkelheit,
 fernab aller Farben und fernab aller Schattierungen die unsere Welt zu geben hatte.
 Doch er empfand es nie als Behinderung, kannte er doch nicht was sehende Menschen jeden Tag durch ihre Augen erblickten und wie sie ihre Welt erlebten.
Wieder einmal war der Streit mit seinen Eltern da,
die Besorgnis um sein Wohlergehen,
die Angst ihm könne etwas passieren,
die Furcht er käme niemals alleine zurecht.
An diesem Tage wollte er nicht mehr zuhören und begann alleine, in den ihm bis dahin unbekannten Wald, zu laufen.
Erleichtert weil er der gespannten Atmosphäre zu Hause entkommen war,
führten ihn seine Schritte den Geräuschen entgegen die er schon länger aus seinem Fenster im Dach hatte hören können.
Das Zirpen der Grillen hörte er,
er nahm wahr das Rauschen der Bäume um sich herum
und er hörte den sanften Gesang der Vögel andächtig zu.
Er fand einen kleinen Hügel auf dem er Platz nahm und so konnte er zuhören,
still und mit einem freudigem Lächeln in seinem jungen Gesicht.
Lange saß er da und überlegte wie er es anstellen konnte damit seine Eltern ihm endlich einmal ernsthaft Gehör schenken würden.
Hallo du, hörte er da eine sanfte Stimme sprechen:
Was überlegst du denn so angestrengt an einem so wunderschönen Tag wie heute?
Ach weißt du, antwortete er in Richtung der schönen Stimme,
ich habe Ärger zu Hause und weiß nicht wie ich ihn schlichten kann.
Möchtest du erzählen? fragte die Stimme wieder
und der Junge begann von sich und seinem Dilemma zu erzählen.
Als er dann geendet hatte, hörte er nur ein lautes Seufzen und die Stimme murmelte:
Was ist schon Augenlicht wert, wenn man nicht mit dem Herzen sehen kann.
Wie meinst du das denn fragte der Junge .
Weißt du sprach die sanfte Stimme weiter,
so viele Menschen können sehen,
haben die Gabe alles erblicken zu können was ihre Augen wahrnehmen können
und doch
sehen sie nicht wirklich,
sie sehen nur was sie sehen wollen
 und die Augen die ihr Herz hat ,
bleiben auf immer geschlossen.
Ich verstehe dich nicht sprach der Junge,
wie sollte man mit dem Herzen sehen können?
So richte deinen Blick einmal auf mich sprach die Stimme
und erzähle mir was du sehen kannst.
Gerade als er erklären wollte das er doch blind sei und nichts sehen konnte,
machte er eine seltsame Wahrnehmung,
In dem Augenblick indem er seinen Kopf in Richtung der Stimme lenkte,
wurde es langsam und stetig hell und er vermeinte Farben zu erkennen.
Was ist das ?
 rief er ängstlich aus, es blendet und ist so hell.
Was du siehst mein Junge, siehst du nicht mit deinen Augen,
was du im Augenblick erblickst,
siehst du mit deinem mutigen und träumenden Herzen das noch an Wunder glaubt.
In dem Moment wurde es hell ,
der Junge stand in einem gleißenden Licht und er erblickte was kein Auge vor ihm sah.
Er sah wundersame Farben die er nicht kannte,
er sah ein Funkeln das er nur aus Erzählungen kannte
und er sah eine riesige Gestalt die sich turmhoch über ihn erhob und ihn mit den sanftesten Augen anblickte,
 die man sich nur in seinen Träumen vorstellen konnte.
Wer oder besser Was bist du fragte er erstaunt.
Ich bin Solus, sprach die Gestalt,
 und ich bin der letzte der Traumdrachen, der noch auf dieser Welt wandelt.
Mich kann keines Menschen Auge erblicken,
nur sehende Herzen,
Herzen die noch an Wunder glauben und an Träume,
die können mich erblicken.
Lasse dich niemals beschränken sprach er weiter,
glaube an dich und an die Kraft deines Geistes,
glaube weiterhin an die Macht deiner Träume
auch wenn dein Auge blind bleibt,
so kannst du doch mit dem Herzen sehen
und bleibe deinen Überzeugungen immer treu,
egal was andere sagen.
Still hörte der Junge den Worten zu und nahm sie tief in sich auf
und je tiefer sie in ihm wirkten,
desto dunkler wurde es wieder um ihn herum
und die Farben die er sah verblassten langsam mit einem sanftem Klingen in seinem Gedanken.
Leise hörte er noch mal die Stimme zu ihm flüstern..
Glaube immer an dich,
sehe mit deinem Herzen
und du wirst eine neue wundersame Welt kennenlernen ,
die vielen sehenden verschlossen bleibt.
Mit Mut und Träumen, kannst du alles in deinem Leben erreichen.
Durch diese Erfahrung gestärkt,
machte er sich langsam auf den Weg nach Hause.
Niemals erzählte er jemanden von seinem Erlebnis
Doch er wuchs heran,
verlor niemals den Glauben an sich
und führte ein Erfülltes, Glückliches und Erfolgreiches Leben
 in Frieden mit sich und seiner Welt.
Doch ab und zu,
sah er mit seinem Herzen
 das gleißende Licht der Hoffnung und der Träume!

© Aquamarin 19.05.03

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Traumflug (Karin Roth)

Ich sah dich fliegen
am glühenden Firmament
man erkannte das es war
dein ureigenstes Element

Frei wie ein Adler
flogst du den Sternen entgegen
aus Ehrfurcht vor dir
konnte ich mich nicht mehr bewegen

Deine Gestalt
war mächtig und elegant
du schimmerst am Himmel
wie ein feuriger Trabant

Immer wieder
blieb mein Blick an dir hängen
unterlagst du doch dort oben
keinerlei Zwängen

Ich bewundere
deine glänzende Gestalt
und mein Herz wusste
in dir ist kein Funken von Gewalt

Wesen wie du
brachten mich zu meinen Träumen
umgeben mich
wie sanftes Meeresschäumen

Solange ich dich
in meinen Träumen fliegen sehe
weiss ich genau
das ich dir Rechten Wege gehe

Nun fliege weiter
oh Traumdrache mein
wirst immer ein Stück
von meiner Seele sein

© Aquamarin 12.8.2003

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Der Drache aus Mont Blanc (Ciruelo Cabral)

Die ruhige kleine Stadt Mont Blanc war ein zufriedenes Plätzchen. Sie wurde von einem gütigen und weisen König regiert und führte einen blühenden Handel. Der König hatte eine wunderschöne Tochter, die von allen geliebt und geachtet wurde. Als einzige Wolke am Horizont wirkte die Tatsache, daß die Einwohner nicht besonders fromm waren und öfter einmal vergaßen, den Göttern zu opfern, wodurch die heidnischen Priester oft verärgert wurden. So berichtet die Legende, daß sich an einem Mittsommertag plötzlich ein gigantischer Drache mit grünlich-blau schimmernden Schuppen aus den Tiefen des Flusses erhob.
Die schreckliche Bestie erschien vor den verängstigten Bewohnern und sprach zu ihnen: „Von nun an verlange ich in jedem Monat von euch eine schöne Jungfrau für mein Mahl“, seine klagende Stimme klang fast wie trauriger Gesang, „sonst werde ich eure Häuser und Felder und euer Vieh zerstören. Wenn ihr mir aber gehorcht, so verspreche ich, niemandem ein Leid zuzufügen und euch in Frieden leben zu lassen.“ Die verstörten Stadtbewohner liefen zum Palast des Königs, um ihm von ihrem Unglück zu berichten. Zu seinem Leidwesen mußte er wohl oder übel die Forderungen des Drachen akzeptieren. Vergeblich versuchten die Einwohner, die Götter um Befreiung von diesem Ungeheuer anzuflehen, selbst die Priester der heidnischen Kultstätten konnten nicht weiterhelfen. Die Monate vergingen, und mit jedem Neumond wurde dem hungrigen Drachen eine neue Jungfrau zugeführt. Die Lage wurde unerträglich. Die Menschen saßen in ihren Häusern, und wenn sie nicht über eine tote Tochter weinten, so waren sie zumindest in größter Sorge um das Schicksal ihrer Kinder. Die Mädchen warfen sich in die Arme des erstbesten Mannes, den sie trafen, auf daß sie ihre Jungfräulichkeit verlieren würden. Diejenigen Mädchen, die als zukünftige Opfer ausgewählt worden waren, mußten eingeschlossen und bewacht werden, damit sie sich nicht selbst töteten, um ihren furchtbaren Los zu entgehen. Nach einiger Zeit gab es keine Jungfrauen mehr. Die einzigen, die aus der Lage noch einen Nutzen ziehen konnten, waren die heidnischen Priester, denn die Menschen kehrten zur Religion zurück und opferten den Göttern.
Der Monat April kam ins Land, beinahe ein Jahr nach dem Erscheinen des Ungeheuers. Das nächste Opfer würde die Tochter des Königs sein, denn sie hatte darauf bestanden, in die Auswahl der Jungfrauen, die dem Drachen geopfert werden sollten, aufgenommen zu werden. Ergeben in ihr Schicksal verbrachte das Mädchen, das kurz zuvor zum Christentum bekehrt worden war, die Nacht in stillem Gebet. Am Morgen, angetan mit weißen Gewändern und gekrönt mit einem Blumenkranz, sagte sie ihren gramgebeugten Eltern und den weinenden Bürgern Lebewohl. Gefestigt in ihrem Glauben und vertrauend auf den Beistand der Jungfrau Maria machte sich die Prinzessin allein auf den Weg zur Drachenhöhle, wo sie ruhig und in Gebete versunken auf ihr Ende wartete. Die Bürger versammelten sich entlang der Stadtmauern und warteten darauf, daß die Bestie aus ihrer Höhle hervorkommen würde – alle wollten Zeuge dieser Tragödie sein. Plötzlich galoppierte ein unbekannter Ritter in wildem Tempo auf einem weißen Roß mit silberner Mähne einher. Es wird berichtet, daß seine Waffen wie reines Silber in der Sonne glänzten, sein Umhang aber war rot wie Feuer. Auf seinem Schild prangte ein rotes Kreuz auf goldenem Grund. Ohne sein Roß zu zügeln, raste der Fremde auf das Ungeheuer zu. Überwältigt von der Kraft des stolzen Ritters zog sich der Drache zurück und legte sich friedlich nieder. „Werte Dame“, sagte der Fremde, „schlingt den Gürtel eueres Gewandes um den Nacken des Drachen, und er wird uns friedsam folgen.“ Ohne Furcht befolgte das Mädchen die Anweisung – der Drache konnte geführt werden und leistete keinen Widerstand. Die seltsame Prozession machte ihren Weg zu den Toren der Stadt, wo die Bürger in ungläubigem Staunen warteten. Das Mädchen lief, um seine Eltern zu umarmen, während sich die heidnischen Priester damit rühmten, das Monster durch ihre Opfergaben und Rituale besiegt zu haben. Der Ritter aber bat um Ruhe, die ganze Stadt lauschte den Worten des geheimnisvollen und mutigen Retters: „Ich bin Georg, ein Soldat Christi“, sagte er, „und reite unter seinem Schutz. Diese junge Christin betete um den Beistand von Maria und ihrem Sohn, dem Erlöser, daher erhielt ich den Auftrag, sie vor dem Tode zu erreten. Möge das Kreuz, welches dich gerettet hat, für immer diese Stadt krönen. Verlaßt eure falschen Götter und ihr werdet niemals mehr einen Drachen fürchten müssen.“ Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schlug der junge Ritter das Zeichen des Kreuzes über dem Ungeheuer. Der Drache war in einen Rosenbusch verwandelt, dessen Blüten rot wie Blut leuchteten. Auch heute noch wird in Katalonien der Name des Heiligen Georg mit Rosen in Verbindung gebracht, als Erinnerung an jenen Ritter, der sie für immer vor dem Drachen errettet hat.

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Das Zauberroß

Der Vater war gestorben und hatte seinem Jungen nichts hinterlassen als ein Schwert; damit zog er fort und wollte dienen gehen. Nur einmal begegnete ihm ein alter Mann, der war auf einem Auge blind und sah auch mit dem andern nicht recht, der fragte ihn: „Wo gehst du hin, Junge?“ — „Dienen!“ sprach der Junge. „Ich brauche gerade so einen; willst du meine Schafe weiden?“ Es war dem Jungen recht, und der Alte nahm ihn mit sich. Als er ihm die Herde übergeben, sprach er: „Hüte dich nur, in jenen Wald zu gehen, denn keiner meiner Knechte ist lebendig herausgekommen.“ Der Junge hielt sich einige Zeit daran; aber bald dachte er bei sich: „Du mußt doch einmal sehen, was dort ist; was könnte dir schaden, du hast ja dein gutes Schwert!“ Kaum hatte er den Wald betreten und die große Herrlichkeit darin angesehen, so kam ein dreihäuptiger Drache auf ihn [zu] und schrie: „Menschenkind, wie kommst du herein; kein Vöglein wagt es, meinen Wald zu verunreinigen, willst du ihn mit deinen Schafen verätzen? Du mußt mit mir schlagen oder ringen, was willst du lieber?“ – „Ringen!“ sprach der Junge. Da faßte ihn der Drache und schlug ihn bis zu den Knien in den Erdboden. Der Junge faßte darauf sein Schwert und hieb dem Drachen die drei Häupter ab und trug sie nach Hause und hing sie auf die Zaunpfähle. „Was hast du da?“ fragte der Alte, denn er konnte es nicht
sehen. „Drei Häupter von einem Bock, den ich im Walde erschlagen!“ – „Du Junge, das mag dir schlecht frommen; gehe nicht mehr in den Wald!“ Aber am anderen Tage trieb die Lust den Knaben noch tiefer hinein; da war es noch stiller und herrlicher; nur einmal kam ein sechshäuptiger Drache: „Ha, Menschenkind, kein Vöglein kommt in unsern Wald, du hast ihn mit deinen Schafen verunreinigt und mir meinen Bruder umgebracht; du mußt mit mir schlagen oder ringen; was willst du lieber ?“ – „Ringen!“ Da faßte ihn der Drache und schlug ihn bis an den Nabel in den Erdboden. Der Junge ergriff sein Schwert und hieb dem Drachen alle Häupter ab und trug sie nach Hause und steckte sie auf die Zaunpfähle. „Was hast du da?“ fragte der Alte. „Sechs Häupter von einem Bock, den ich im Wald erschlagen!“ – „Das mag dir schlecht frommen, gehe nicht mehr in den Wald!“ Tags darauf hatte der Knabe noch viel größere Lust und ging tiefer in den Wald, und es war da noch stiller und herrlicher. Nur einmal kam ein neunhäuptiger Drache: „Ha, Menschenkind, kein Vöglein kommt in unsern Wald, du hast ihn verunreinigt und meine Brüder umgebracht; du mußt mit mir schlagen oder ringen; was willst du lieber?“ – „Ringen!“ Da faßte ihn der Drache und schlug ihn bis unter die Achseln in den Erdboden. Der Knabe konnte sein Schwert noch schwingen und hieb dem Drachen alle Häupter ab, trug sie nach Hause und steckte sie zu den ändern auf die Zaunpfähle. „Was hast du da wieder ?“ fragte der Alte. „Neun Häupter von einem Bock, den ich im Wald erschlagen!“ – „Das mag dir schlecht frommen, gehe nicht mehr in den Wald!“ Aber am folgenden Tag drang der Junge noch tiefer hinein, und es war da noch viel stiller und herrlicher. Nur einmal kam ein zwölfhäuptiger Drache herangefahren: „Ha, Menschenkind, kein Vöglein kommt in unsern Wald, du hast ihn verunreinigt und meine Brüder umgebracht; du mußt mit mir schlagen oder ringen;
was willst du lieber?“ – „Schlagen!“ sprach der Junge; denn er fürchtete, der Drache werde ihn bis über den Kopf in den Erdboden stoßen, und dann könne er sein Schwert nicht brauchen. Da schlug der Drache ihn mit seinem Schweif, daß er zwölf Klaftern weit fortflog. Jetzt kam aber der Junge mit seinem Schwert herbeigelaufen und hieb dem Drachen elf Häupter auf einmal ab; bis er das zwölfte abschlug, waren die elf andern wieder gewachsen, und wenn er die elf abschlug, wuchs das zwölfte wieder. So ging es bis gegen Abend.
Als aber die Sonne unterging, verlor der Drache alle Kraft, und die des Knaben wuchs, und so schlug er die zwölf Häupter auf einmal ab. Als er nach Hause kam, steckte er sie zu den ändern auf die Zaunpfähle, und alle Pfähle um den Hof waren jetzt besetzt. Da fragte der Alte: „Was hast du da?“ – „Zwölf Häupter von einem Bock, den ich im Wald erschlagen!“ – „Das wird dir schlecht frommen, gehe nicht mehr in den Wald!“ Allein jetzt war die Lust und Begierde des Knaben gerade auf das höchste gestiegen: „Was wird noch da sein!“ dachte er und ging am folgenden Tage noch tiefer hinein. Da war es viel stiller und schöner. Nur einmal sah er in der Ferne ein Häuschen und davor stand eine steinalte Frau, das war die Buschmutter. Er ging zu ihr und grüßte sie freundlich. „Komm herein!“ sprach die Alte. Da rührte sie ihn in ein Zimmer, darin lag ein Toter. „Das ist mein jüngster Sohn, den du mir zuerst erschlagen hast!“ Dann kamen sie in ein anders Zimmer:
„Hier liegt sein älterer Bruder, den du zum zweitenmal erschlugst!“ Sie gingen in das folgende Zimmer: „Hier liegt dessen älterer Bruder, den du zum drittenmal erschlugst!“ Sie kamen in ein anders: „Hier liegt mein ältester Sohn, den du zuletzt erschlugst!“ Sie öffnete eine andere Türe und rief: „Und dahin kommst du!“ Da wollte sie ihn packen, aber der Knabe erhob sein Schwert und schlug sie gleich zu Boden; doch konnte er sie, wie sehr er auch schlug, nicht verwunden, und die Alte verlachte und verhöhnte ihn. Wie aber seine rechte Hand ermüdet war, nahm er das Schwert in die Linke: „O weh ! O weh!“ schrie sogleich die Alte, „haue nicht; ich will dir was Heilsames sagen!“ – „So sprichst du gleich!“ rief der Junge und hielt das Schwert gezückt über ihr. Die alte Hexe zitterte und sprach: „Hinter diesem Hause steht ein Baum, unter dessen Wurzel ist ein mächtiger Stein, und darauf liegt eine Kröte; nimm diese und bestreiche damit dreimal dem Alten die Augen und schleudre sie ihm zuletzt wider die Stirne, daß sie zerplatzt; so wird er wieder sehen!“ – „Ist das alles?“ sprach der Junge. „Ja!“ sprach die Hexe. Kaum hatte sie es gesagt, so ließ er das Schwert auf sie niederfahren, und ihr Kopf lag gleich auf dem Boden.
Nun grub er unter dem Baum bis auf den mächtigen Stein and die Kröte, nahm sie und eilte nach Hause, bestrich dem Alten dreimal die Augen und schleuderte sie ihm dann an die Stirne, daß sie in tausend Stücke zerschmettert wurde, und alsbald waren seine Augen heil, und er sah wie die Sonne. Aus der zerschmetterten Kröte war aber auch eine kleine Gestalt hervorgesprungen; diese rief: „Ich danke dir, daß du mich erlöst hast; die alte Hexe hat nicht alles gesagt; ich mußte, in die garstige Kröte verschlossen, auf dem Schatz der Drachenbrüder liegen und ihn bewachen!“ Damit schlüpfte sie in eine Bergspalte. Nun sah der Junge gleich nach und fand richtig unter dem mächtigen Stein den unermeßlichen Schatz. „Lasse den Schatz da“, sprach der Alte, „den kannst du jederzeit heben; allein ich gebe dir eine köstlichere Gabe dafür, daß du mir das Licht der Augen zurückgegeben, das mir die alte Hexe genommen hatte! Nimm das Roß aus meinem Stall, damit reite in die Welt, denn du bist noch jung.“
Das Roß aber war kein gewöhnliches; es hatte acht Füße und war wunderschön, aber das Beste an ihm war, daß es sprechen konnte und große Weisheit besaß. Der Junge war sehr froh, setzte sich gleich auf und ritt in die Welt. Wie er ein Stück geritten war, sah er auf der Erde eine kupferne Feder liegen. „Die mußt du aufheben!“ sprach das Roß; der Junge tat es; ein wenig weiter lag eine silberne Feder und noch ein wenig weiter eine goldne. Auch diese hob er auf, wie ihn das Roß geheißen hatte.
Nun gelangte er bald in die große Stadt, wo der König wohnte; er ging an den Hof und fragte, ob man keinen Knecht brauche, er wolle gerne dienen mit seinem Roß. Der König nahm ihn an. Nach einiger Zeit machte man eine große Jagd; da erjagte der Junge eine Menge Wild, denn mit seinem Roß konnte er alles ereilen. Das gefiel nun dem König so sehr, daß er den Jungen lieb gewann vor den ändern Knechten; diese aber überkam der Neid, und sie dachten darauf, wie sie ihren Kameraden verderben könnten. Der Junge hatte dem König die kupferne, silberne und goldene Feder geschenkt. Da gingen eines Tages die ändern Knechte zu ihrem Herrn und sagten: „Der Jungknecht hat sich gerühmt: ja es wäre ihm ein leichtes, auch die drei Vögel zu bekommen, von denen die Federn wären.“ Den König überkam sogleich die Lust und Begierde, die Vögel zu besitzen; er ließ den Jungen rufen und sagte:
„Wenn du mir in drei Tagen die Vögel nicht zur Stelle schaffst, so ist es aus mit deinem Leben!“ Da war der Junge traurig und wußte sich nicht zu helfen. Wie er in den Stall trat, fragte ihn sein Roß: „Warum bist du so traurig?“ Da erzählte es der Junge. „Gehe zum König“, sprach das Roß, „und verlange von ihm einen kupfernen, silbernen und goldnen Vogelkorb.“
Als er die drei Käfige hatte, sprach das Roß weiter: „Jetzt setze dich auf mich und reite ins Feld“, und wie sie dort angelangt waren, sprach es wieder. „Nun rufe einmal nach allen vier Weltgegenden:, Vögel her!'“ Kaum war das geschehen, so kamen eine Menge Vögel von allen Seiten herbei und auch der Vogelkönig erschien und fragte den Jungen, was er befehle. „Kannst du mir nicht sagen, wo die drei Vögel zu finden, von denen diese Federn sind „- „Die gehören nicht meinem Reiche an“ sprach der Vogelkönig, „gleich will ich aber bei meinem Volke fragen, ob niemand Bescheid weiß.“ Aber kein Vogel konnte Auskunft geben. „Fehlt niemand?“ fragte der König. Als man jetzt nachzählte, so fehlten drei Vögel, die kamen eben herbeigeflogen und waren sehr müde. „Wir hörten wohl den Ruf, aber wir konnten nicht so leicht kommen; denn wir waren am Weitende!“ sprachen sie und erzählten nun von den Wunderdingen, die sie gesehen, der eine vom kupfernen Drachen und kupfernen Vogel, der andere vom silbernen Drachen und silbernen Vogel und der dritte vom goldnen Drachen und vom goldnen Vogel, wie die Drachen sich gesonnt und wie die drei Vögel sie in den Schlummer gesungen hätten.
Das war dem Jungen sehr angenehm zu hören, und der Vogelkönig befahl, daß die drei ihm den Weg zeigen sollten. Auf seinem schnellen Roß war er bald an Ort und Stelle, und mit seinem Schwert erschlug er die Drachen alsbald, und der kupferne und silberne und goldne Vogel ließen sich leicht fangen. Der König freute sich sehr, als der Junge ihm nur einmal die Vögel brachte, und von da an liebte er ihn noch viel mehr; aber die anderen Knechte wurden um so neidischer und falscher und suchten immer, wie sie ihn verderben könnten. Da sprachen sie eines Tages wieder zum König: „Der Jungknecht hat sich gerühmt, es sei ihm ein leichtes, die schöne Meerjungfrau seinem Herrn zu verschaffen.“ Den König ergriff sogleich ein unendliches Verlangen, das schöne Weib zu besitzen; er ließ den Knaben vor sich kommen und sprach: „Wenn du in drei Tagen mir nicht die schöne Meerjungfrau bringst, so hat dein Leben ein Ende; bringst du sie aber, so sollst du mein halbes Königreich und meine Schwester zum Weibe bekommen!“ Der Junge freute sich über das letzte, wie er aber an das erste, an den schweren Auftrag dachte, ward er sehr betrübt. Da fragte ihn wieder sein Roß, warum er so traurig sei. Er erzählte ihm’s. „Gehe hin zum König und verlange von ihm ein ganz weißes Brot und eine Flasche vom besten Wein.“
Als der Junge das Brot und den Wein brachte, sprach das Roß wieder: „Nun setze dich auf mich und reite zum Meere !“ Als sie da anlangten, sagte es weiter: „Jetzt lege Brot und Wein ans Ufer, sobald das Meer dann anfängt zu steigen, wird die Meeresjungfrau kommen und vom Brot essen und vom Wein trinken. Sobald das geschehen, rufe gleich aus dem Versteck: „Gesehen, gefangen!“ aber ja nicht eher, als bis sie gegessen und getrunken, denn es wäre dann umsonst und sie verschwände schnell in der Flut, aber ja früher, als bis ihren Fuß wieder die Welle genetzt hat. Dann ist sie gebannt und muß uns zu Hofe nachfolgen.“
Also tat der Knabe, wie ihn das weise Roß gelehrt hatte. Die Jungfrau kam langsam, sah zuerst genau um sich, horchte, endlich trat sie aus dem Wasser ans Ufer, nahm von dem Brot und trank von dem Wein, und schon wollte sie zurück; nun erscholl der Ruf: „Gesehen, gefangen!“ Da stand sie bleich und festgebannt, und der Junge mit dem Roß sprang schnell hervor, grüßte sie schön und bat sie zu folgen, denn sie solle die Gemahlin seines Königs werden. Die Jungfrau folgte, weil sie mußte, aber sie trug mit sich großen Zorn. Als der König sie sah, grüßte er sie fein und freute sich sehr und hätte gerne bald Hochzeit gehalten; allein die Meerjungfrau blickte finster und sprach: „Zuerst mußt du mir noch meinen Fohlenhengst und mein Gestüte hieher schaffen.“ Da ging der König wieder zum Knaben und sagte: „Hast du mir die Meerjungfrau gebracht, so mußt du mir auch ihren Fohlenhengst und ihr Gestüte hieher rühren, sonst hat dein Leben ein Ende; ist das aber vollbracht, so will ich nichts mehr von dir verlangen, und dann sollst du den versprochenen Lohn haben!“
Der Knabe ward wieder ganz betrübt, und wie er so in den Stall kam, fragte ihn wieder sein Roß, was ihm fehle. Er erzählte ihm von dem neuen Auftrag, „Gehe zum König und verlange von ihm zwölf Büffelhäute und zwölf Pfund Harz, dann klebe diese zusammen und überziehe mich damit.“ Als das geschehen war, sprach das Roß weiter: „Jetzt sitze auf mich und ziehe ans Meer!“ Als sie da angekommen waren, sprach das Roß wieder: „Jetzt nimm meinen Halfter und verkrieche dich; dann will ich den Hengst herbeilocken und mit ihm kämpfen; wenn du siehst, daß er zur Erde fällt, so komme und lege ihm den Halfter an.“ Kaum hatte sich der Junge versteckt, so stampfte das Roß und wieherte. Nur einmal kam der Fohlenhengst herbeigerannt und schnaubte Feuer und Flammen; da fing der Kampf an; er durchbiß ein Büffelfell nach dem andern, als er aber das zwölfte durchbissen hatte, sank er vor Ermattung nieder; jetzt lief der Junge hinzu und legte ihm den Halfter an. „Nun schnell auf und davon!“ flüsterte ihm sein Roß zu. Der Junge schwang sich auf, und der Fohlenhengst mußte aufstehen und nachfolgen. Da stampfte er einmal gewaltig und wieherte so laut, daß es dem Jungen durch Mark und Bein ging. Nach einiger Zeit sprach das Roß : „Sieh zurück, merkst du nichts?“ – „Ich sehe eine Wolke aufsteigen.“ – „Das ist das Gestüt, wenn das uns erreicht, so sind wir verloren, denn wir werden von ihm zertreten!“ Da stampfte der Fohlenhengst noch einmal und wieherte. „Siehe zurück!“ sprach das Roß. „Ich sehe schon die vielen Pferdehäupter!“ Da rannten sie aus allen Kräften, und als sie durchs Schloßtor zogen, so stampfte der Fohlenhengst zum drittenmal und wieherte. Alsbald waren auch die Stuten da und kamen in den Schloßhof.
Der Junge aber hatte sein Roß schnell in den Stall gebunden und hatte dem König die Nachricht gebracht, der Auftrag sei vollführt; der freute sich sehr; die Meerjungfrau jedoch sah noch viel wilder und entsetzlicher aus als früher. „Bis du nicht alle Stuten gemolken und in der siedenden Milch dich gebadet hast, werde ich dein Weib nicht!“ Da kam der König wieder zum Knaben und sprach: „Melke die Stuten sogleich in einen großen Kessel, und wenn du es nicht tust, so ist dein Leben am Ende.“ – „O König“, sprach der Junge, „hältst du so dein Versprechen?“ Er ward traurig, ging in den Stall und klagte seinem Roß. „Was gibt es denn wieder?“ fragte dieses. Er sagte ihm vom neuen Auftrag. „Führe mich in den Hof, so wirst du gleich melken können!“ Kaum war das geschehen, blies das Roß aus seinem linken Nasenflügel solche Kälte heraus, daß die Füße der Stuten an die Erde anfroren; so molk der Knabe leicht, denn die Stuten standen ruhig wie Lämmer.
Als der Kessel voll war, machte man Feuer darunter, und als die Milch siedete, zitterte der König, denn er merkte, es könne sein Leben kosten. Da rief die Meerjungfrau: „Der Knecht soll zuerst baden, der mich und meinen Fohlenhengst und mein Gestüt hieher gebracht hat!“ Denn sie haßte ihn deshalb und wollte ihn zuerst verderben. „Ja“, rief der König, „nur schnell, steige hinein.“ Der Junge dachte: „Nun ist es aus mit dir“, und war ganz niedergeschlagen; „lasse mich nur einmal noch mein Roß sehen!“ Das wurde ihm gestattet. Als er hinkam, sagte ihm das Roß: „Führe mich nur zum Rande des Kessels und fürchte dich dann nicht.“ Also tat der Knabe, und sowie er in den Kessel stieg, blies das Roß auf einmal so viel Kälte hinein, daß die Milch lauwarm wurde; es dünkte ihn sehr gut, und er rief: „Wie tut das so wohl!“ Als der König sah, daß sein Knecht unversehrt blieb, bekam er Mut und sprach: „Heraus mit dir, daß ich jetzt einsteige.“ Kaum war der Junge heraus, so war auch der König schon drinnen, und das Bad schien ihm angenehm. Aber nun bliss das Roß aus dem rechten Nasenflügel auf einmal so viel Glut in den Kessel, daß die Milch gleich hoch aufsiedete und der König verbrannte.
Da lächelte die Meerjungfrau und dachte, der Junge werde nun ihr Gemahl werden, doch er ging hin und nahm. die Schwester des Königs; die stolze Meerjungfrau aber, die ihn hatte verderben wollen, machte er zu ihrer Dienstmagd. Als er nun Herr und König war, sagte das Roß zum Jungen: „Noch einen Dienst kann ich dir tun, setze dich auf mich und nimm den Fohlenhengst und alle Stuten und bringe dir den Schatz her.“ Da zog der Knabe hin und brachte den unermeßlichen Schatz, der unter dem Baum lag. Als das geschehen war, sprach das Roß; „Von nun an bedarfst du meiner nicht“, und verschwand vor den Augen des Jungen. Wahrscheinlich zog es wieder zu jenem alten Mann, seinem Herrn; die Meerjungfrau aber, ihren Fohlenhengst und ihre Stuten behielt der neue König immerfort in seinem Dienst und war reich und mächtig, glücklich und zufrieden.

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Der Drache zu Malchin

In Malchin erzählte man sonst noch viel vom Drachen, und viele hatten ihn gesehen, wie er durch die Luft gezogen, so groß wie ein Wesbaum, vorn mit einem ordentlichen dicken Kopf und einem langen Schwanz hinten, und bezeichneten auch genau die Häuser, wo er den Leuten etwas zugetragen. Nun war auch einmal einer, der hatte gehört, wie man den Drachen zwingen könne, das was er trage, fallen zu lassen; da ging er hinaus, als der Drache gezogen kam, und zieht sich, mit Respekt zu melden, die Hosen ab. Da hat der Drache seine Last in einen Brunnen fallen lassen, und als er nun hinging, um zu sehen, was es sei, war der Brunnen bis zum Rande mit Erbsen gefüllt. Die hat man dem Vieh als Futter vorgeworfen, es hat sie aber nicht fressen mögen. – Nicht so gut ist es einem andern ergangen; der tat auch so, hatte sich aber dabei nicht gehörig vorgesehen und war nicht, wie man das tun muß, dabei unter Dach geblieben, da hat ihn der Drache so beschmutzt, daß er den Gestank sein‘ Lebtag‘ nicht hat wieder loswerden können.

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Dancing on air

Dancing on air

Dancing On Air 
Flying, soaring
Dancing on air,
I sail the thermals
Without a care.

Climbing, diving
Spinning with flair,
Where I go
I know not where.

Oceans, lakes,
Come into view;
Their crystal clear waters
A beautiful blue.

The mountains, the plains,
Come into sight.
Explore them all,
All day and all night.

Tis good to be a dragon
With a view from here
Flying, soaring,
Dancing on air.

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Guardian

Guardian

I am he who shall watch over you,
your destiny, shall I hold.
Near you I will always be,
my wings protect you from hurting.
In our minds will always be,
thoughts of us together.
As you grow, year by year,
I remain, ever watching.
If you need, I will come,
promises are mine to keep.
As years pass day by day,
the vigil I will never cease.
I will go wherever you travel,
life’s ancient mysteries to unravel.
As you sail across open ocean,
I calm the waves with soothing motion.
When you toil through dusty desert sands,
I pour down sweet rain from foreign lands.
And your soul through life continues on,
forever I remain your guardian.

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Outsider

Outsider

Why is it so hard, a dragon to be?
No one listens, no one understands me.
Why am I shunned, rejected by man?
No one to guide me, to give me their hand.

People are cynical, so I have seen,
Turning away, is the normal routine.
They say I am thoughtless, nasty and rude,
Always offensive and in a bad mood.

All I have wanted, is someone to care.
Someone just like me, to listen and share.
Under the armor, and kept out of sight,
A dragon is caring, kind and polite.

Life is repressing, it crushes my soul,
Makes me resemble a shell, not a whole.
All that remains is a large empty void,
A place where feelings have all been destroyed.

Sometimes I think how I miss the clear nights,
Looking above at the shimmering lights.
Dreaming of freedom, that used to be mine;
Wondering this, „Am I one of a kind?“

Others may chuckle and give me odd stares,
Looking at me saying, „Who really cares?“
Those are the comments that cause such sharp pain,
Living together, and yet feeling slain.

Why is it so hard, a dragon to be?
Standing alone, no one talking to me.
Being an outsider, just looking in,
Waiting for someone to tell me, „Come In.“

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Als ich noch Drache war (Karin Roth)

Als ich noch Drache war
war die Welt noch ein schöner Ort
und ich flog weite Runden
über meinem grünen Hort

Als ich noch Drache war
gab es noch Glück und Ehre
nun sind die Seelen der Menschen
Orte voller Leere

Als ich noch Drache war
hörte ich Kinder fröhlich lachen
heute werden sie gedrillt
um später Kriege zu machen

Als ich noch Drache war
gab es Wiesen und Wälder
heute bestellen die Menschen
riesige unnatürliche Felder

Als ich noch Drache war
hatte die Zukunft einen Sinn
heute allerdings geht alles
in der Hektik des Augenblickes dahin

Als ich noch Drache war
wünschte ich mir ein Mensch zu sein
nun bin ich Mensch
und träume wieder vom Fliegen
wünsche von Herzen
wieder Drachengestalt zu kriegen

© Aquamarin 17.06.2003

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Zwischenreich (Karin Roth)

Morgendämmerung zwischen den Welten, die Zeit in der Dämmerung und Licht sich vereinen und die Zeitzonen im ätherischem Licht erglühen lassen.
Hier, im Reich zwischen den Welten, stand SIE nun vor dem großen Teich der Seher.
SIE, die eine, die Welten erschuf und deren Schicksal bestimmen konnte, blickte hinab auf ihre Kinder.
In warme ledrige Schwingen gehüllt rief sie die Zeiten herbei…  und was sie sah, lie0 ihr innerstes erschaudern.

Bruder und Schwester bekämpften sich erbittert,
Stahl gegen Fleisch und Schuppen,
Lanzen gegen Zähne, Klauen und heißes Feuer.

Zu lange so dachte sie,
habe ich diese meine Welt vernachlässigt.
Traurig sah sie in den Gezeitenstrom und beobachtete durch Äonen hindurch den Kampf von Menschen und ihren geflügelten Brüdern.
Sie sah den Beginn der Welt, in der sich die Wesen auf diesem Planeten noch klar darüber waren das sie aus einem Blut geschaffen wurden.
Sah Menschenwesen und Geflügelte in Harmonie und Eintracht leben.
Bewacher und Schützer waren die Großen Drachen der Menschheit , doch dies alles geriet in Vergessenheit.
Ein Mantel aus Schweigen und Furcht überzog den Planeten und die alten Werte waren verschüttet konnten nicht mehr wieder auferstehen.
Sie sah die Menschheit wachsen und gedeihen und im selben Maße wurde das Volk der Drachen aus der Welt gedrängt.
Kein Platz mehr um zu überleben.. kein Platz mehr um ihre Magie zum tragen zu bringen.. kein Platz mehr für die Liebe die diese beiden Völker einst verband.

SIE.. als Geschöpf beider Völker trauerte um den Verlust der dieser Welt beschert war.
Sie blickte sich selbst im Teich an
Ihr große beeindruckende Menschengestalt … rote Augen in denen das Feuer der Lava glühte das durch ihre Adern floss.. Schwingen, die wenn sie zusammengefaltet waren, sich hoch über ihren Kopf erhoben.
Ledrig.. tiefschwarz und mit starken Muskelsträngen durchzogen,
 die sie wie eine Feder durch die Lüfte tanzen ließen.

SIE ein Wesen in denen beides vereint war,
SIE blickte auf ihre vergessene Welt und weinte heiße Feuertränen aus Trauer darüber was aus ihren Kindern wurde.
Doch da..
Sie konnte es nicht glauben..
Ein Hoffnungsschimmer
Es gab noch Menschen die ihre Brüder nicht verachteten.
Sie hatten zwar die Sprache des Herzen verlernt
Konnten sich nicht mehr ausdrücken ihren großen Brüdern und Schwestern gegenüber
aber
sie hatten einen Weg gefunden.
In Träumen.. in Wünschen, in Sehnsüchten.. in Schriften
Sie besangen ihre Brüder in Geschichten
Schrieben Fabeln und Legenden über sie
Und ließen nie Sterben die Magie der alten Welt.

Beruhigt wandte sie sich ab vom großen Teich,
ein Lächeln ließ ihr Gesicht erstrahlen,
denn sie wußte
solange noch Phantasie in den Herzen der Menschen lebte
solange noch der Glaube an Magie existierte
solange
ist immer noch die Möglichkeit das diese Welt nicht untergehen wird
solange noch Hoffnung auf Erden lebt
werden Menschen und Drachen leben
leben in jedem Wesen
und deren Magie wird die Welt erobern wie es in alten Zeiten vorherbestimmt war
©Aquamarin 2001

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Der Drachenprinz (Ciruelo Cabral)

In der Blütezeit des Mittelalters wurden die angesehensten Poetenwettstreite von Frankreich am Hofe von Eleonore von Aquitanien abgehalten. Alle gefeierten Troubadoure versammelten sich hier, um ihre Künste vorzuführen, und einmal pro Jahr wurde dann der Gewinner dieses Wettkampfes verkündet.
Einmal ging der Gewinn an einen unbekannten edlen jungen Mann, der sich weigerte, seinen Namen oder seine Herkunft preiszugeben, obwohl ihn selbst Eleonore darum bat. Die Aura des Mysteriösen umgab diesen anonymen Troubadour – zusammen mit seiner Schönheit und Sanftheit wurde er schnell zu einem Favoriten der Damen bei Hofe. Griselda, ein junges und sehnsüchtiges Mädchen – sie war die jüngste Tochter des Grafen von Foix – verliebte sich von ganzem Herzen in den Ritter und gestand ihm eines Tages ihre Liebe. Bewegt von der Offenheit der jungen Maid stimmte der Troubadour zu, sie heimlich zu heiraten und in sein Heim mitzunehmen. Er verlangte nur ein Versprechen: Griselda dürfte niemals versuchen, ihn zu anderen als den von ihm erwählten Zeiten zu sehen, und sie dürfte niemals den Versuch unternehmen, sein Geheimnis zu lüften. Die liebeskranke Maid stimmte diesen seltsamen Wünschen zu, war es doch ein geringes Opfer dafür, endlich mit ihrem Geliebten zusammen sein zu können.
Eines Nachts, nachdem die junge Griselda in den Armen ihres Liebsten im Schloß von Eleonore von Aquitanien – wo sie lebte – eingeschlafen war, öffnete sie die Augen und fand sich in einem unbekannten Raum. Es war ein luxuriöser Raum, geschmückt mit edlen Stoffen und kostbaren Steinen. Neben ihr lag ihr Ehemann und lächelte sie gütig an. „Du bist in meinem Haus, das jetzt auch dein Haus ist“, sagte der Troubadour, „du kannst den Dienern Befehle erteilen und tun, was immer du willst. In den Stallungen stehen Pferde zu deiner Verfügung, Jäger und Falken für die Jagd, du kannst kommen und gehen, wann du willst. Du bist meine Frau, alles, was mein ist, ist auch dein. Die Zofen sind bereit, dir zu dienen, und Musiker und Tänzerinnen wollen dich unterhalten; Geschmeide und Stoffe mögen dich umschmeicheln. Wenn du irgendetwas wünschst – sage es mir nur, und ich werde es dir geben.“ „Ich wünsche mir nichts als die Liebe meines Mannes“, antwortete die junge Frau verwirrt. „Das ist gut, meine Liebste, aber vergiß nicht dein Versprechen.“ Griselda war übervoll von Glück, sie flog in die Arme ihres geliebten Gatten. Für eine Weile hielt die Frau ihr Versprechen leicht, fühlte sie sich doch wie im Paradies. Der Troubadour war ein sanfter und liebevoller Gemahl und verbrachte die meiste Zeit mit seiner Gattin. Nur bisweilen verschwand er hinter einer verschlossenen Tür, doch sie stellte – wie versprochen – keine Fragen. Dennoch wuchs mit der Zeit die Neugier in ihr.
Eines Tages entschloß sie sich doch, endlich hinter das Geheimnis ihres Mannes zu kommen. Sie schlich hinauf zu der Tür des verbotenen Zimmers, die unverschlossen geblieben war, und spähte durch einen Spalt in den Raum. Mit Grauen sah sie, daß sich der Troubadour in einen riesigen Drachen mit grünen Schuppen und kräftigen Schwingen verwandelt hatte. Sie konnte nicht verhindern, daß ein Schrei des Entsetzens über ihre Lippen kam. Der Drachenprinz fuhr herum und erblickte sein Weib. Tief enttäuscht von diesem Betrug befahl er seinen Dienern, Griselda unverzüglich zurück zum Hof von Aquitanien zu schaffen, nie wieder ging er zurück, um sie zu sehen. Griselda aber konnte ihren Liebsten nicht vergessen, kein Tag verging, an dem sie sich nicht an die glücklichen Zeiten an der Seite des sanften Drachen erinnerte. Voller Trauer und Wehmut schrieb sie ihre Abenteuer nieder – so konnte die Geschichte des Drachenprinzen ihren Weg auch zu uns finden.

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(Grimm) Die zwei Brüder

Es waren einmal zwei Brüder, ein reicher und ein armer. Der reiche war ein Goldschmied und bös von Herzen; der arme nährte sich davon, daß er Besen band, und war gut und redlich. Der arme hatte zwei Kinder, das waren Zwillingsbrüder und sich so ähnlich wie ein Tropfen Wasser dem andern. Die zwei Knaben gingen in des Reichen Haus ab und zu und erhielten von dem Abfall manchmal etwas zu essen. Es trug sich zu, daß der arme Mann, als er in den Wald ging, Reisig zu holen, einen Vogel sah, der ganz golden war und so schön, wie ihm noch niemals einer vor Augen gekommen war. Da hob er ein Steinchen auf, warf nach ihm und traf ihn auch glücklich; es fiel aber nur eine goldene Feder herab, und der Vogel flog fort. Der Mann nahm die Feder und brachte sie seinem Bruder, der sah sie an und sprach „Es ist eitel Gold“, und gab ihm viel Geld dafür. Am andern Tag stieg der Mann auf einen Birkenbaum und wollte ein paar Äste abhauen. Da flog derselbe Vogel heraus, und als der Mann nachsuchte, fand er ein Nest, und ein Ei lag darin das war von Gold. Er nahm das Ei mit heim und brachte es seinem Bruder, der sprach wiederum: „Es ist eitel Gold“ und gab ihm, was es wert war. Zuletzt sagte der Goldschmied: „Den Vogel selber möcht‘ ich wohl haben.“ Der Arme ging zum drittenmal in den Wald und sah den Goldvogel wieder auf dem Baum sitzen. Da nahm er einen Stein und warf ihn herunter und brachte ihn seinem Bruder, der gab ihm einen großen Haufen Gold dafür. Nun kann ich mir forthelfen, dachte er und ging zufrieden nach Haus.

Der Goldschmied war klug und listig und wußte wohl, was das für ein Vogel war. Er rief seine Frau und sprach: „Brat mir den Goldvogel und sorge, daß nichts davon wegkommt, ich habe Lust, ihn ganz allein zu essen.“ Der Vogel war aber kein gewöhnlicher, sondern so wunderbarer Art, daß wer Herz und Leber von ihm aß, jeden Morgen ein Goldstück unter seinem Kopfkissen fand. Die Frau machte den Vogel zurecht, steckte ihn an einen Spieß und ließ ihn braten. Nun geschah es, daß während er am Feuer stand und die Frau anderer Arbeit wegen notwendig aus der Küche gehen mußte, die zwei Kinder des armen Besenbinders hereinliefen, sich vor den Spieß stellten und ihn ein paarmal herumdrehten. Und als da gerade zwei Stücklein aus dem Vogel in die Pfanne herabfielen, sprach der eine: „Die paar Bißchen wollen wir essen, ich bin so hungrig, es wird’s ja niemand daran merken.“ Da aßen sie beide die Stückchen auf; die Frau kam aber dazu, sah, daß sie etwas aßen, und sprach: „Was habt ihr gegessen ?“ „Ein paar Stückchen, die aus dem Vogel herausgefallen sind“, antworteten sie. „Das ist Herz und Leber gewesen, sprach die Frau ganz erschrocken, und damit ihr Mann nichts vermißte und nicht böse ward, schlachtete sie geschwind ein Hähnchen, nahm Herz und Leber heraus und legte es zu dem Goldvogel. Als er gar war, trug sie ihn dem Goldschmied auf, der ihn ganz allein verzehrte und nichts übrigließ Am andern Morgen aber, als er unter sein Kopfkissen griff und dachte das Goldstück hervorzuholen, war so wenig wie sonst eins zu finden.

Die beiden Kinder aber wußten nicht, was ihnen für ein Glück zuteil geworden war. Am andern Morgen, wie sie aufgestanden, fiel etwas auf die Erde und klingelte, und als sie es aufhoben, da waren’s zwei Goldstücke. Sie brachten sie ihrem Vater, der wunderte sich und sprach: „Wie sollte das zugegangen sein ? Als sie aber am andern Morgen wieder zwei fanden, und so jeden Tag, da ging er zu seinem Bruder und erzählte ihm die seltsame Geschichte. Der Goldschmied merkte gleich, wie es gekommen war und daß die Kinder Herz und Leber von dem Goldvogel gegessen hatten, und um sich zu rächen und weil er neidisch und hartherzig war, sprach er zu dem Vater: „Deine Kinder sind mit dem Bösen im Spiel, nimm das Gold nicht und dulde sie nicht länger in deinem Haus, denn er hat Macht über sie und kann dich selbst noch ins Verderben bringen !“ Der Vater fürchtete den Bösen, und so schwer es ihm ankam, führte er doch die Zwillinge hinaus in den Wald und verließ sie da mit traurigem Herzen.

Nun liefen die zwei Kinder im Wald umher und suchten den Weg nach Haus, konnten ihn aber nicht finden, sondern verirrten sich immer weiter. Endlich begegneten sie einem Jäger, der fragte: „Wem gehört ihr, Kinder ?“ „Wir sind des armen Besenbinders Jungen“, antworteten sie und erzählten ihm, daß ihr Vater sie nicht länger im Hause hätte behalten wollen, weil alle Morgen ein Goldstück unter ihrem Kopfkissen läge. „Nun“, sagte der Jäger, „das ist gerade nichts Schlimmes, wenn ihr nur rechtschaffen dabei bleibt und euch nicht auf die faule Haut legt.“ Der gute Mann, weil ihm die Kinder gefielen und er selbst keine hatte, so nahm er sie mit nach Haus und sprach: „Ich will euer Vater sein und euch großziehen.“ Sie lernten da bei ihm die Jägerei, und das Goldstück, das ein jeder beim Aufstehen fand, das hob er ihnen auf, wenn sie’s in Zukunft nötig hätten.

Als sie herangewachsen waren, nahm sie ihr Pflegevater eines Tages mit in den Wald und sprach: „Heute sollt ihr euren Probeschuß tun, damit ich euch freisprechen und zu Jägern machen kann.“ Sie gingen mit ihm auf den Anstand und warteten lange, aber es kam kein Wild. Der Jäger sah über sich und sah eine Kette von Schneegänsen in der Gestalt eines Dreiecks fliegen, da sagte er zu dem einen: „Nun schieß von jeder Ecke eine herab.“ Der tat’s und vollbrachte damit seinen Probeschuß. Bald darauf kam noch eine Kette angeflogen und hatte die Gestalt der Ziffer Zwei; da hieß der Jäger den andern gleichfalls von jeder Ecke eine herunterholen, und dem gelang sein Probeschuß auch. Nun sagte der Pflegevater: „Ich spreche euch frei, ihr seid ausgelernte Jäger !“ Darauf gingen die zwei Brüder zusammen in den Wald, ratschlagten miteinander und verabredeten etwas. Und als sie abends sich zum Essen niedergesetzt hatten, sagten sie zu ihrem Pflegevater: „Wir rühren die Speise nicht an und nehmen keinen Bissen, bevor Ihr uns eine Bitte gewährt habt.“ Sprach er: „Was ist denn eure Bitte ?“ Sie antworteten: „Wir haben nun ausgelernt, wir müssen uns auch in der Welt versuchen, so erlaubt, daß wir fortziehen und wandern.“ Da sprach der Alte mit Freuden: „Ihr redet wie brave Jäger, was ihr begehrt, ist mein eigener Wunsch gewesen; zieht aus, es wird euch wohl ergehen.“ Darauf aßen und tranken sie fröhlich zusammen.

Als der bestimmte Tag kam, schenkte der Pflegevater jedem eine gute Büchse und einen Hund und ließ jeden von seinen gesparten Goldstücken nehmen, soviel er wollte. Darauf begleitete er sie ein Stück Wegs, und beim Abschied gab er ihnen noch ein blankes Messer und sprach: „Wann ihr euch einmal trennt, so stoßt dies Messer am Scheideweg in einen Baum, daran kann einer, wenn er zurückkommt, sehen, wie es seinem abwesenden Bruder ergangen ist, denn die Seite, nach welcher dieser ausgezogen ist, rostet, wann er stirbt solange er aber lebt, bleibt sie blank.“ Die zwei Brüder gingen immer weiter fort und kamen in einen Wald, so groß, daß sie unmöglich in einem Tag herauskonnten. Also blieben sie die Nacht darin und aßen, was sie in die Jägertaschen gesteckt hatten; sie gingen aber auch noch den zweiten Tag und kamen nicht heraus. Da sie nichts zu essen hatten, so sprach der eine: „Wir müssen uns etwas schießen, sonst leiden wir Hunger“, lud sein Büchse und sah sich um. Und als ein alter Hase dahergelaufen kam, legte er an, aber der Hase rief:

„Lieber Jäger, laß mich leben,
Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Sprang auch gleich ins Gebüsch und brachte zwei Junge; die Tierlein spielten aber so munter und waren so artig, daß die Jäger es nicht übers Herz bringen konnten, sie zu töten Sie behielten sie also bei sich, und die kleinen Hasen folgten ihnen auf dem Fuße nach. Bald darauf schlich ein Fuchs vorbei, den wollten sie niederschießen, aber der Fuchs rief:

„Lieber Jäger, laß mich leben,
Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Er brachte auch zwei Füchslein, und die Jäger mochten sie auch nicht töten, gaben sie den Hasen zur Gesellschaft, und sie folgten ihnen nach. Nicht lange, so schritt ein Wolf aus dem Dickicht, die Jäger legten auf ihn an, aber der Wolf rief:

„Lieber Jäger, laß mich leben,
Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Die zwei jungen Wölfe taten die Jäger zu den anderen Tieren, und sie folgten ihnen nach. Darauf kam ein Bär, der wollte gern noch länger herumtraben und rief:

„Lieber Jäger, laß mich leben,
Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Die zwei jungen Bären wurden zu den andern gesellt, und waren ihrer schon acht. Endlich, wer kam ? Ein Löwe kam und schüttelte seine Mähne. Aber die Jäger ließen sich nicht schrecken und zielten auf ihn; aber der Löwe sprach gleichfalls:

„Lieber Jäger, laß mich leben,
Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Er holte auch seine Jungen herbei, und nun hatten die Jäger zwei Löwen, zwei Bären, zwei Wölfe, zwei Füchse und zwei Hasen, die ihnen nachzogen und dienten. Indessen war ihr Hunger damit nicht gestillt worden, da sprachen sie zu den Füchsen: „Hört, ihr Schleicher, schafft uns etwas zu essen, ihr seid ]a listig und verschlagen.“ Sie antworteten: „Nicht weit von hier liegt ein Dorf, wo wir schon manches Huhn geholt haben; den Weg dahin wollen wir euch zeigen.“ Da gingen sie ins Dorf, kauften sich etwas zu essen und ließen ihren Tieren Futter geben und zogen dann weiter. Die Füchse aber wußten guten Bescheid in der Gegend, wo die Hühnerhöfe waren, und konnten die Jäger überall zurechtweisen. Nun zogen sie eine Weile herum, konnten aber keinen Dienst finden, wo sie zusammen geblieben wären, da sprachen sie: „Es geht nicht anders, wir müssen uns trennen.“ Sie teilten die Tiere, so daß jeder einen Löwen, einen Bären, einen Wolf, einen Fuchs und einen Hasen bekam. Dann nahmen sie Abschied, versprachen sich brüderliche Liebe bis in den Tod und stießen das Messer, das ihnen ihr Pflegevater mitgegeben, in einen Baum; worauf der eine nach Osten, der andere nach Westen zog.

Der Jüngste aber kam mit seinen Tieren in eine Stadt, die war ganz mit schwarzem Flor überzogen. Er ging in ein Wirtshaus und fragte den Wirt, ob er nicht seine Tiere herbergen könnte. Der Wirt gab ihnen einen Stall, wo in der Wand ein Loch war; da kroch der Hase hinaus und holte sich ein Kohlhaupt, und der Fuchs holte sich ein Huhn und, als er das gefressen hatte, auch den Hahn dazu. Der Wolf aber, der Bär und Löwe, weil sie zu groß waren, konnten nicht hinaus. Da ließ sie der Wirt hinbringen, wo eben eine Kuh auf dem Rasen lag, daß sie sich sattfraßen. Und als der Jäger für seine Tiere gesorgt hatte, fragte er erst den Wirt, warum die Stadt so mit Trauerflor ausgehängt wäre. Sprach der Wirt: „Weil morgen unseres Königs einzige Tochter sterben wird.“ Fragte der Jäger: „Ist sie sterbenskrank?“ „Nein“, antwortete der Wirt, „sie ist frisch und gesund, aber sie muß d o c h sterben.“ „Wie geht das zu ?“ fragte der Jäger. „Draußen vor der Stadt ist ein hoher Berg, darauf wohnt ein Drache, der muß alle Jahre eine reine Jungfrau haben, sonst verwüstet er das ganze Land. Nun sind schon alle Jungfrauen hingegeben, und ist niemand mehr übrig als die Königstochter, dennoch ist keine Gnade, sie muß ihm überliefert werden; und das soll morgen geschehen.“ Sprach der Jäger: „Warum wird der Drache nicht getötet ?“ „Ach“, antwortete der Wirt, „so viele Ritter haben’s versucht, aber allesamt ihr Leben eingebüßt; der König hat dem, der den Drachen besiegt, seine Tochter zur Frau versprochen, und er soll auch nach seinem Tode das Reich erben.“

Der Jäger sagte dazu weiter nichts, aber am andern Morgen nahm er seine Tiere und stieg mit ihnen auf den Drachenberg. Da stand oben eine kleine Kirche, und auf dem Altar standen drei gefüllte Becher, und dabei war die Schrift: Wer die Becher austrinkt, wird der stärkste Mann auf Erden und wird das Schwert führen, das vor der Türschwelle vergraben liegt. Der Jäger trank da nicht, ging hinaus und suchte das Schwert in der Erde, vermochte es aber nicht von der Stelle zu bewegen. Da ging er hin und trank die Becher aus und war nun stark genug, das Schwert aufzunehmen, und seine Hand konnte es ganz leicht führen. Als die Stunde kam, wo die Jungfrau dem Drachen sollte ausgeliefert werden, begleiteten sie der König, der Marschall und die Hofleute hinaus. Sie sah von weitem den Jäger oben auf dem Drachenberg und meinte, der Drache stände da und erwartete sie, und wollte nicht hinaufgehen, endlich aber, weil die ganze Stadt sonst wäre verloren gewesen, mußte sie den schweren Gang tun. Der König und die Hofleute kehrten voll großer Trauer heim, des Königs Marschall aber sollte stehen bleiben und aus der Ferne alles mitansehen.

Als die Königstochter oben auf den Berg kam, stand da nicht der Drache, sondern der junge Jäger, der sprach ihr Trost ein und sagte, er wollte sie retten, führte sie in die Kirche und verschloß sie darin. Gar nicht lange, so kam mit großem Gebraus der siebenköpfige Drache dahergefahren. Als er den Jäger erblickte, verwunderte er sich und sprach: „Was hast du hier auf dem Berge zu schaffen ?“ Der Jäger antwortete: „Ich will mit dir kämpfen !“ Sprach der Drache: „So mancher Rittersmann hat hier sein Leben gelassen, mit dir will ich auch fertig werden“, und atmete Feuer aus sieben Rachen. Das Feuer sollte das trockene Gras anzünden, und der Jäger sollte in der Glut und dem Dampf ersticken, aber die Tiere kamen herbeigelaufen und traten das Feuer aus. Da fuhr der Drache gegen den Jäger, aber er schwang sein Schwert, daß es in der Luft sang, und schlug ihm drei Köpfe ab. Da ward der Drache erst recht wütend, erhob sich in die Luft, spie die Feuerflammen über den Jäger aus und wollte sich auf ihn stürzen, aber der Jäger zückte nochmals sein Schwert und hieb ihm wieder drei Köpfe ab. Das Untier ward matt und sank nieder und wollte doch wieder auf den Jäger los, aber er schlug ihm mit der letzten Kraft den Schweif ab, und weil er nicht mehr kämpfen konnte, rief er seine Tiere herbei, die zerrissen es in Stücke. Als der Kampf zu Ende war, schloß der Jäger die Kirche auf und fand die Königstochter auf der Erde liegen, weil ihr die Sinne von Angst und Schrecken während des Streites vergangen waren. Er trug sie heraus, und als sie wieder zu sich kam und die Augen aufschlug, zeigte er ihr den zerrissenen Drachen und sagte ihr, daß sie nun erlöst wäre. Sie freute sich und sprach: „Nun wirst du mein liebster Gemahl werden, denn mein Vater hat mich demjenigen versprochen, der den Drachen tötet.“ Darauf hing sie ihr Halsband von Korallen ab und verteilte es unter die Tiere, um sie zu belohnen, und der Löwe erhielt das goldene Schlößchen davon. Ihr Taschentuch aber, in dem ihr Name stand, schenkte sie dem Jäger, der ging hin und schnitt aus den sieben Drachenköpfen die Zungen aus, wickelte sie in das Tuch und verwahrte sie wohl Als das geschehen war, weil er von dem Feuer und dem Kampf so matt und müde war, sprach er zur Jungfrau: „wir sind beide so matt und müde, wir vollen ein wenig schlafen.“ Da sagte sie „ja“, und sie ließen sich auf die Erde nieder, und der Jäger sprach zu dem Löwen: „Du sollst wachen, damit uns niemand im Schlaf überfällt !“ Und beide schliefen ein. Der Löwe legte sich neben sie, um zu wachen; aber er war vom Kampf auch müde, daß er den Bären rief und sprach „Lege dich neben mich, ich muß ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf !“ Da legte sich der Bär neben ihn, aber er war auch müde und rief den Wolf und sprach: „Lege dich neben mich, ich muß ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf !“ Da legte sich der Wolf neben ihn, aber auch er war müde und rief den Fuchs und sprach: „Lege dich neben mich, ich muß ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf!“ Da legte sich der Fuchs neben ihn, aber auch er war müde und rief den Hasen und sprach: „Lege dich neben mich, ich muß ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf !“ Da setzte sich der Hase neben ihn, aber der arme Has war auch müde und hatte niemand, den er zur Wache herbeirufen konnte, und schlief ein. Da schlief nun die Königstochter, der Jäger, der Löwe, der Bär, der Wolf, der Fuchs und der Has, und schliefen alle einen festen Schlaf.

Der Marschall aber, der von weitem hatte zuschauen sollen, als er den Drachen nicht mit der Jungfrau fortfliegen sah und alles auf dem Berg ruhig ward, nahm sich ein Herz und stieg hinauf. Da lag der Drache zerstückt und zerrissen auf der Erde und nicht weit davon die Königstochter und ein Jäger mit seinen Tieren, die waren alle in tiefen Schlaf versunken. Und weil er bös und gottlos war, so nahm er sein Schwert und hieb dem Jäger das Haupt ab und faßte die Jungfrau auf den Arm und trug sie den Berg hinab. Da erwachte sie und erschrak, aber der Marschall sprach: „Du bist in meinen Händen, du sollst sagen, daß ich es gewesen bin, der den Drachen getötet hat.!“ „Das kann ich nicht“, antwortete sie, „denn ein Jäger mit seinen Tieren hat es getan.“ Da zog er sein Schwert und drohte, sie zu töten, wenn sie ihm nicht gehorchte, und zwang sie damit, daß sie es versprach. Darauf brachte er sie vor den König, der sich vor Freuden nicht zu fassen wußte, als er sein liebes Kind wieder lebend erblickte, das er von dem Untier zerrissen glaubte. Der Marschall sprach zu ihm: „Ich habe den Drachen getötet und die Jungfrau und das ganze Reich befreit, darum fordere ich sie zur Gemahlin, so wie es zugesagt ist.“ Der König fragte die Jungfrau: „Ist das wahr, was er spricht ?“ „Ach ja „, antwortete sie, „es muß wohl wahr sein, aber ich halte mir aus, daß erst über Jahr und Tag die Hochzeit gefeiert wird“, denn se dachte, in der Zeit etwas von ihrem lieben Jäger zu hören. Auf dem Drachenberg aber lagen noch die Tiere neben ihrem toten Herrn und schliefen. Da kam eine große Hummel und setzte sich dem Hasen auf die Nase, aber der Hase wischte sie mit der Pfote ab und schlief weiter. Die Hummel kam zum zweiten Male, aber der Hase wischte sie wieder ab und schlief fort. Da kam sie zum drittenmal und stach ihm in die Nase, daß er aufwachte. Sobald der Hase wach war, weckte er den Fuchs, und der Fuchs den Wolf, und der Wolf den Bär und der Bär den Löwen. Und als der Löwe aufwachte und sah, daß die Jungfrau fort war und sein Herr tot, fing er an fürchterlich zu brüllen und rief: „Wer hat das vollbracht ? Bär, warum hast du mich nicht geweckt ?“ Der Bär fragte den Wolf: „Warum hast du mich nicht geweckt ?“ Und der Wolf den Fuchs: „Warum hast du mich nicht geweckt ?“ Und der Fuchs den Hasen: „Warum hast du mich nicht geweckt?“ Der arme Has wußte allein nichts zu antworten, und die Schuld blieb auf ihm hängen. Da wollten sie über ihn herfallen, aber er bat und sprach: „Bringt mich nicht um, ich will unsern Herrn wieder lebendig machen. Ich weiß einen Berg, da wächst eine Wurzel, wer die im Mund hat, der wird von aller Krankheit und allen Wunden geheilt. Aber der Berg liegt zweihundert Stunden von hier.“ Sprach der Löwe „In vierundzwanzig Stunden mußt du hin- und hergelaufen sein und die Wurzel mitbringen.“ Da sprang der Hase fort, und in vierundzwanzig Stunden war er zurück und brachte die Wurzel mit. Der Löwe setzte dem Jäger den Kopf wieder an, und der Hase steckte ihm die Wurzel in den Mund, alsbald fugte sich alles wieder zusammen, und das Herz schlug und das Leben kehrte zurück. Da erwachte der Jäger und erschrak, als er die Jungfrau nicht mehr sah, und dachte: Sie ist wohl fortgegangen, während ich schlief, um mich loszuwerden. Der Löwe hatte in der großen Eile seinem Herrn den Kopf verkehrt aufgesetzt, der aber merkte es nicht bei seinen traurigen Gedanken an die Königstochter. Erst zu Mittag, als er etwas essen wollte, da sah er, daß ihm der Kopf nach dem Rücken zu stand, konnte es nicht begreifen und fragte die Tiere, was ihm im Schlaf widerfahren wäre ? Da erzählte ihm der Löwe, daß sie auch aus Müdigkeit eingeschlafen wären, und beim Erwachen hätten sie ihn tot gefunden mit abgeschlagenem Haupte, der Hase hätte die Lebenswurzel geholt, er aber in der Eil‘ den Kopf verkehrt gehalten; doch wollte er seinen Fehler wiedergutmachen. Dann riß er dem Jäger den Kopf wieder ab, drehte ihn herum, und der Hase heilte ihn mit der Wurzel fest.

Der Jäger aber war traurig, zog in der Welt herum und ließ seine Tiere vor den Leuten tanzen. Es trug sich zu, daß er gerade nach Verlauf eines Jahres wieder in dieselbe Stadt kam, wo er die Königstochter vom Drachen erlöst hatte, und die Stadt war diesmal ganz mit rotem Scharlach ausgehängt. Da sprach er zum Wirt: „Was will das sagen ? Vor’m Jahr war die Stadt mit schwarzem Flor überzogen, was soll heute der rote Scharlach ?“ Der Wirt antwortete: „Vor’m Jahr sollte unseres Königs Tochter dem Drachen ausgeliefert werden, aber der Marschall hat mit ihm gekämpft und ihn getötet, und da soll morgen ihre Vermählung gefeiert werden; darum war die Stadt damals mit schwarzem Flor zur Trauer und ist heute mit rotem Scharlach zur Freude ausgehängt.“

Am andern Tag, wo die Hochzeit sein sollte, sprach der Jäger um die Mittagszeit zum Wirt: „Glaubt Er wohl, Herr Wirt, daß ich heut Brot von des Königs Tisch hier bei Ihm essen will ?“ „Ja, sprach der Wirt, „da wollt ich doch noch hundert Goldstücke daransetzen, daß das nicht wahr ist !“ Der Jäger nahm die Wette an und setzte einen Beutel mit ebensoviel Goldstücken dagegen. Dann rief er den Hasen und sprach: „Geh hin, lieber Springer, und hol mir von dem Brot, das der König ißt !“ Nun war das Häslein das Geringste und konnte es keinem andern wieder auftragen, sondern mußte sich selbst auf die Beine machen. Ei, dachte es, wann ich so allein durch die Straßen springe, da werden die Metzgerhunde hinter mir drein sein. Wie es dachte, so geschah es auch, und die Hunde kamen hinter ihm drein und wollten ihm sein gutes Fell flicken. Es sprang aber, hast du nicht gesehen ! und flüchtete sich in ein Schilderhaus, ohne daß es der Soldat gewahr wurde. Da kamen die Hunde und wollten es heraushaben, aber der Soldat verstand keinen Spaß und schlug mit dem Kolben drein, daß sie schreiend und heulend fortliefen. Als der Hase merkte, daß die Luft rein war, sprang er zum Schloß hinein und gerade zur Königstochter, setzte sich unter ihren Stuhl und kratzte sie am Fuß. Da sagte sie: „Willst du fort !“ und meinte, es wäre ihr Hund. Der Hase kratzte zum zweitenmal am Fuß, da sagte sie wieder: „Willst du fort !“ und meinte, es wäre ihr Hund. Aber der Hase ließ sich nicht irre machen und kratzte zum drittenmal. Da guckte sie herab und erkannte den Hasen an seinem Halsband. Nun nahm sie ihn auf ihren Schoß, trug ihn in ihre Kammer und sprach: „Lieber Hase, was willst du ?“ Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier und schickt mich, ich soll um ein Brot bitten, wie es der König ißt.“ Da war sie voll Freude und ließ den Bäcker kommen und befahl ihm, ein Brot zu bringen, wie es der König aß. Sprach das Häslein: „Aber der Bäcker muß mir’s auch hintragen, damit mir die Metzgerhunde nichts tun.“ Der Bäcker trug es ihm bis an die Türe der Wirtsstube. Da stellte sich der Hase auf die Hinterbeine, nahm alsbald das Brot in die Vorderpfoten und brachte es seinem Herrn. Da sprach der Jäger: „Sieht Er, Herr Wirt, die hundert Goldstücke sind mein.“ Der Wirt wunderte sich. Aber der Jäger sagte weiter: „Ja, Herr Wirt, das Brot hätt‘ ich, nun will ich aber auch von des Königs Braten essen.“ Der Wirt sagte: „Das möcht ich sehen“, aber wetten wollte er nicht mehr. Rief der Jäger den Fuchs und sprach: „Mein Füchslein, geh hin und hol mir Braten, wie ihn der König ißt !“ Der Rotfuchs wußte die Schliche besser, ging an den Ecken und durch die Winkel, ohne daß ihn ein Hund sah, setzte sich unter der Königstochter Stuhl und kratzte an ihrem Fuß. Da sah sie herab und erkannte den Fuchs am Halsband, nahm ihn mit in ihre Kammer und sprach: „Lieber Fuchs, was willst du ? Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier und schickt mich, ich soll bitten um einen Braten, wie ihn der König ißt.“ Da ließ sie den Koch kommen, der mußte einen Braten, wie ihn der König aß, anrichten und dem Fuchs bis an die Türe tragen. Da nahm ihm der Fuchs die Schüssel ab, wedelte mit seinem Schwanz erst die Fliegen weg, die sich auf den Braten gesetzt hatten, und brachte ihn dann seinem Herrn. „Sieht Er, Herr Wirt“, sprach der Jäger, „Brot und Fleisch ist da, nun will ich auch Zugemüs‘ essen, wie es der König ißt.“ Da rief er den Wolf und sprach: „Lieber Wolf, geh hin und hol mir Zugemüs‘, wie’s der König ißt !“ Da ging der Wolf geradezu ins Schloß, weil er sich vor niemand fürchtete. Und als er in der Königstochter Zimmer kam, da zupfte er sie hinten am Kleid, daß sie sich umschauen mußte. Sie erkannte ihn am Halsband und nahm ihn mit in ihre Kammer und sprach: „Lieber Wolf, was willst du ?“ Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier, ich soll bitten um ein Zugemüs‘, wie es der König ißt.“ Da ließ sie den Koch kommen, der mußte ein Zugemüs‘ bereiten, wie es der König aß, und mußte es dem Wolf bis vor die Türe tragen, da nahm ihm der Wolf die Schüssel ab und brachte sie seinem Herrn. „Sieht Er, Herr Wirt“, sprach der Jäger, „nun hab ich Brot, Fleisch und Zugemüs‘, aber ich will auch Zuckerwerk essen, wie es der König ißt.“ Rief er den Bären und sprach: „Lieber Bär, du leckst doch gern etwas Süßes, geh hin und hol mir Zuckerwerk, wie’s der König ißt !“ Da trabte der Bär nach dem Schlosse und ging ihm jedermann aus dem Wege. Als er aber zu der Wache kam, hielt sie die Flinten vor und wollte ihn nicht ins königliche Schloß lassen. Aber er hob sich in die Höhe und gab mit seinen Tatzen links und rechts ein paar Ohrfeigen, daß die ganze Wache zusammenfiel, und darauf ging er geraden Weges zu der Königstochter, stellte sich hinter sie und brummte ein wenig. Da schaute sie rückwärts und erkannte den Bären und hieß ihn mitgehn in ihre Kammer und sprach: „Lieber Bär, was willst du ?“ Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier, ich soll bitten um Zuckerwerk, wie’s der König ißt.“ Da ließ sie den Zuckerbäcker kommen, der mußte Zuckerwerk backen, wie’s der König aß, und dem Bären vor die Türe tragen. Da leckte der Bär erst die Zuckererbsen auf, die heruntergerollt waren, dann stellte er sich aufrecht, nahm die Schüssel und brachte sie seinem Herrn. „Sieht Er, Herr Wirt“, sprach der Jäger, „nun habe ich Brot, Fleisch, Zugemüs‘ und Zuckerwerk, aber ich will auch Wein trinken, wie ihn der König trinkt !“ Er rief seinen Löwen herbei und sprach: „Lieber Löwe, du trinkst dir doch gerne einen Rausch, geh und hol mir Wein, wie ihn der König trinkt !“ Da schritt der Löwe über die Straße, und die Leute liefen vor ihm, und als er an die Wache kam, wollte sie den Weg sperren, aber er brüllte nur einmal, so sprang alles fort. Nun ging der Löwe vor das königliche Zimmer und klopfte mit seinem Schweif an die Türe. Da kam die Königstochter heraus und wäre fast über den Löwen erschrocken; aber sie erkannte ihn an dem goldenen Schloß von ihrem Halsbande und hieß ihn in ihre Kammer gehen und sprach: „Lieber Löwe. was willst du ?“ Antwortete er: „Min Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier, ich soll bitten um Wein, wie ihn der König trinkt.“ Da ließ sie den Mundschenk kommen, der sollte dem Löwen Wein geben, wie ihn der König tränke. Sprach der Löwe: „Ich will mitgehen und sehen, daß ich den rechten kriege.“ Da ging er mit dem Mundschenk hinab, und als sie unten hinkamen, wollte ihm dieser von dem gewöhnlichen Wein zapfen, wie ihn des Königs Diener tranken; aber der Löwe sprach: „Halt ! Ich will den Wein erst versuchen“, zapfte sich ein halbes Maß und schluckte es auf einmal hinab. „Nein“, sagte er, „das ist nicht der rechte.“ Der Mundschenk sah ihn schief an, ging aber und wollte ihm aus einem andern Faß geben, das für des Königs Marschall war. Sprach der Löwe: „Halt ! Erst will ich den Wein versuchen“, zapfte sich ein halbes Maß und trank es, „der ist besser, aber noch nicht der rechte.“ Da ward der Mundschenk bös und sprach: „Was so ein dummes Vieh vom Wein verstehen will !“ Aber der Löwe gab ihm einen Schlag hinter die Ohren, daß er unsanft zur Erde fiel. Und als er sich wieder aufgemacht hatte, führte er den Löwen ganz stillschweigend in einen kleinen besonderen Keller, wo des Königs Wein lag, von dem sonst kein Mensch zu trinken bekam. Der Löwe zapfte sich erst ein halbes Maß und versuchte den Wein, dann sprach er: „Das kann von dem rechten sein“, und hieß den Mundschenk sechs Flaschen füllen. Nun stiegen sie herauf, wie der Löwe aber aus dem Keller ins Freie kam, schwankte er hin und her und war ein wenig trunken, und der Mundschenk mußte ihm den Wein bis vor die Tür tragen. Da nahm der Löwe den Henkelkorb in das Maul und brachte ihn seinem Herrn. Sprach der Jäger: „Sieht Er, Herr Wirt, da hab ich Brot, Fleisch, Zugemüs, Zuckerwerk und Wein, wie es der König hat, nun will ich mit meinen Tieren Mahlzeit halten“, und setzte sich hin, aß und trank und gab dem Hasen, dem Fuchs, dem Wolf, dem Bär und dem Löwen auch davon zu essen und zu trinken und war guter Dinge, denn er sah, daß ihn die Königstochter noch lieb hatte.

Und als er Mahlzeit gehalten hatte, sprach er: „Herr Wirt, nun hab ich gegessen und getrunken, wie der König ißt und trinkt, Jetzt will ich an des Königs Hof gehen und die Königstochter heiraten. Fragte der Wirt: „Wie soll das zugehen, da sie schon einen Bräutigam hat und heute die Vermählung gefeiert wird ?“ Da zog der Jäger das Taschentuch heraus, das ihm die Königstochter auf dem Drachenberg gegeben hatte und worin die sieben Zungen des Untiers eingewickelt waren, und sprach: „Dazu soll mir helfen, was ich da in der Hand halte.“ Da sah der Wirt das Tuch an und sprach: „Wenn ich alles glaube, so glaube ich das nicht und will wohl Haus und Hof dransetzen.“ Der Jäger aber nahm einen Beutel mit tausend Goldstücken, stellte ihn auf den Tisch und sagte: „Das setze ich dagegen !“

Nun sprach der König an der königlichen Tafel zu seiner Tochter: „Was haben die wilden Tiere alle gewollt, die zu dir gekommen und in mein Schloß ein- und ausgegangen sind ?“ Da antwortete sie: „Ich darf’s nicht sagen, aber schickt hin und laßt den Herrn dieser Tiere holen, so werdet Ihr wohltun.“ Der König schickte einen Diener ins Wirtshaus und ließ den fremden Mann einladen, und der Diener kam gerade, wie der Jäger mit dem Wirt gewettet hatte. Da sprach er: „Sieht Er Herr Wirt, da schickt der König einen Diener und läßt mich einladen, aber ich gehe so noch nicht.“ Und zu dem Diener sagte er: „Ich lasse den Herrn König bitten, daß er mir königliche Kleider schickt, einen Wagen mit sechs Pferden und Diener, die mir aufwarten.- Als der König die Antwort hörte, sprach er zu seiner Tochter: „Was soll ich tun ?“ Sagte sie: „Laßt ihn holen, wie er’s verlangt, so werdet Ihr wohltun.“ Da schickte der König königliche Kleider, einen Wagen mit sechs Pferden und Diener, die ihm aufwarten sollten. Als der Jäger sie kommen sah, sprach er: „Sieht Er, Herr Wirt, nun werde ich abgeholt, wie ich es verlangt habe“, und zog die königlichen Kleider an, nahm das Tuch mit den Drachenzungen und fuhr zum König. Als ihn der König kommen sah, sprach er zu seiner Tochter: „Wie soll ich ihn empfangen ?“ Antwortete sie: „Geht ihm entgegen, so werdet Ihr wohltun.- Da ging der König ihm entgegen und führte ihn herauf, und seine Tiere folgten ihm nach. Der König wies ihm einen Platz an neben sich und seiner Tochter, der Marschall saß auf der andern Seite als Bräutigam; aber der kannte ihn nicht mehr. Nun wurden gerade die sieben Häupter des Drachen zur Schau aufgetragen, und der König sprach: „Die sieben Häupter hat der Marschall dem Drachen abgeschlagen, darum geb ich ihm heute meine Tochter zur Gemahlin.“ Da stand der Jäger auf, öffnete die sieben Rachen und sprach: „Wo sind die sieben Zungen des Drachen ?“ Da erschrak der Marschall, ward bleich und wußte nicht, was er antworten sollte, endlich sagte er in der Angst: „Drachen haben keine Zungen.“ Sprach der Jäger: „Die Lügner sollen keine haben, aber die Drachenzungen sind das Wahrzeichen des Sieges“, und wickelte das Tuch auf, da lagen sie alle sieben darin, und dann steckte er jede Zunge in den Rachen, in den sie gehörte, und sie paßte genau. Darauf nahm er das Tuch. in welches der Name der Köngstochter gestickt war, und zeigte es der Jungfrau und fragte sie, wem sie es gegeben hätte. Da antwortete sie: „Dem, der den Drachen getötet hat.“ Und dann rief er sein Getier, nahm jedem das Halsband und dem Löwen das goldene Schloß ab und zeigte es der Jungfrau und fragte, wem es angehörte. Antwortete sie: „Das Halsband und das goldene Schloß waren mein, ich habe es unter die Tiere verteilt, die den Drachen besiegen halfen.“ Da sprach der Jäger: „Als ich müde von dem Kampf geruht und geschlafen habe, da ist der Marschall gekommen und hat mir den Kopf abgehauen. Dann hat er die Königstochter fortgetragen und vorgegeben, er sei es gewesen, der den Drachen getötet habe; und daß er gelogen hat, beweise ich mit den Zungen, dem Tuch und dem Halsband.“ Und dann erzählte er, wie ihn seine Tiere durch eine wunderbare Wurzel geheilt hätten und daß er ein Jahr lang mit ihnen herumgezogen und endlich wieder hierhergekommen wäre, wo er den Betrug des Marschalls durch die Erzählung des Wirts erfahren hätte. Da fragte der König seine Tochter: „Ist es wahr, daß dieser den Drachen getötet hat ?“ Da antwortete sie : „Ja, es ist wahr jetzt darf ich die Schandtat des Marschalls offenbaren, weil sie ohne mein Zutun an den Tag gekommen ist, denn er hat mir das Versprechen zu schweigen abgezwungen. Darum aber habe ich mir ausgehalten, daß erst in Jahr und Tag die Hochzeit sollte gefeiert werden.“

Da ließ der König zwölf Ratsherren rufen, die sollten über den Marschall Urteil sprechen, und die urteilten, daß er müßte von vier Ochsen zerrissen werden. Also ward der Marschall gerichtet, der König aber übergab seine Tochter dem Jäger und ernannte ihn zu seinem Statthalter im ganzen Reich. Die Hochzeit ward mit großen Freuden gefeiert, und der junge König ließ seinen Vater und Pflegevater holen und überhäufte sie mit Schätzen. Den Wirt vergaß er auch nicht und ließ ihn kommen und sprach zu ihm: „Sieht Er, Herr Wirt, die Königstochter habe ich geheiratet, und sein Haus und Hof sind mein.“ Sprach der Wirt: „Ja, das wäre nach dem Rechten.“ Der junge König aber sagte: „Es soll nach Gnaden gehen: Haus und Hof soll Er behalten, und die tausend Goldstücke schenke ich ihm noch dazu.

Nun waren der junge König und die junge Königin guter Dinge und lebten vergnügt zusammen. Er zog oft hinaus auf die Jagd, weil das seine Freude war, und die treuen Tiere mußten ihn begleiten. Es lag aber in der Nähe ein Wald, von dem hieß es, er wäre nicht geheuer, und wäre einer erst darin, so käme er nicht leicht wieder heraus. Der junge König hatte aber große Lust. darin zu jagen, und ließ dem alten König keine Ruhe, bis er es ihm erlaubte. Nun ritt er mit einer großen Begleitung aus, und als er zu dem Wald kam, sah er eine schneeweiße Hirschkuh darin und sprach zu seinen Leuten: „Haltet hier, bis ich zurückkomme, ich will das schöne Wild jagen“, und ritt ihm nach in den Wald hinein, und nur seine Tiere folgten ihm. Die Leute hielten und warteten bis Abend, aber er kam nicht wieder. Da ritten sie heim und erzählten der jungen Königin: „Der junge König ist im Zauberwald einer weißen Hirschkuh nachgejagt und ist nicht wieder gekommen.“ Da war sie in großer Besorgnis um ihn.

Er war aber dem schönen Wild immer nachgeritten und konnte es niemals einholen; wenn er meinte, es wäre schußrecht, so sah er es gleich wieder in weiter Ferne dahinspringen, und endlich verschwand es ganz. Nun merkte er, daß er tief in den Wald hineingeraten war, nahm sein Horn und blies, aber er bekam keine Antwort, denn seine Leute konnten’s nicht hören. Und da auch die Nacht einbrach, sah er, daß er diesen Tag nicht heimkommen könnte, stieg ab, machte sich bei einem Baum ein Feuer an und wollte dabei übernachten. Als er bei dem Feuer saß und seine Tiere sich auch neben ihn gelegt hatten, deuchte ihm, als höre er eine menschliche Stimme; er schaute umher, konnte aber nichts bemerken. Bald darauf hörte er wieder ein Ächzen wie von oben her, da blickte er in die Höhe und sah ein altes Weib auf dem Baume sitzen, das jammerte in einem fort: „Hu, hu, hu, was mich friert !“ Sprach er: „Steig herab und wärme dich, wenn dich friert.‘ Sie aber sagte: „Nein, deine Tiere beißen mich.“ Antwortete er: „Sie tun dir nichts, Altes Mütterchen, komm nur herunter.“ Sie war aber eine Hexe und sprach: „Ich will eine Rute von dem Baum herabwerfen, wenn du sie damit auf den Rücken schlägst tun sie mir nichts.“ Da warf sie ihm ein Rütlein herab, und er schlug sie damit alsbald lagen sie still und waren in Stein verwandelt. Und als die Hexe vor den Tieren sicher war, sprang sie herunter und rührte auch ihn mit einer Rute an und verwandelte ihn in Stein. Darauf lachte sie und schleppte ihn und seine Tiere in einen Graben, wo schon mehr solcher Steine lagen.

Als aber der junge König gar nicht wiederkam, ward die Angst und Sorge der Königin immer größer. Nun trug sich zu, daß gerade in dieser Zelt der andere Bruder, der bei der Trennung gen Osten gewandert war, in das Königreich kam. Er hatte einen Dienst gesucht und keinen gefunden, war dann herum gezogen hin und her und hatte seine Tiere tanzen lassen. Da fiel ihm ein, er wollte einmal nach dem Messer sehen, das sie bei ihrer Trennung in einen Baumstamm gestoßen hatten, um zu erfahren, wie es seinem Bruder ginge. Wie er dahin kam, war seines Bruders Seite halb verrostet und halb war sie noch blank. Da erschrak er und dachte: Meinen Bruder muß ein großes Unglück zugestoßen sein, doch kann ich ihn vielleicht noch retten, denn die Hälfte des Messers ist noch blank. Er zog mit seinen Tieren gen Westen, und als er an das Stadttor kam, trat ihm die Wache entgegen und fragte, ob sie ihn seiner Gemahlin melden sollte, die junge Königin wäre seit ein paar Tagen in großer Angst über sein Ausbleiben und fürchtete, er wäre im Zauberwald umgekommen. Die Wache nämlich glaubte nichts anders, als er wäre der junge König selbst so ähnlich sah er ihm, und hatte auch die wilden Tiere hinter sich laufen. Da merkte er, daß von seinem Bruder die Rede war, und dachte: Es ist das Bete, ich gebe mich für ihn aus, so kann ich ihn wohl leichter erretten. Also ließ er sich von der Wache ins Schloß begleiten und ward mit Großer Freude empfangen. Die junge Königin meinte nichts anders als es wäre ihr Gemahl, und fragte ihn, warum er so lange ausgeblieben wäre. Er antwortete: „Ich hatte mich in einem Walde verirrt und konnte mich nicht eher wieder herausfinden.

Abends ward er in das königliche Bett gebracht, aber er legte ein zweischneidiges Schwert zwischen sich und die junge Königin. Sie wußte nicht, was das heißen sollte, getraute sich aber nicht zu fragen.

Da blieb er ein paar Tage und erforschte derweil alles, wie es mit dem Zauberwald beschaffen war, endlich sprach er: „Ich muß noch einmal dort jagen.“ Der König und die junge Königin wollten es ihm ausreden, aber er bestand darauf und zog mit großer Begleitung hinaus. Als er in den Wald gekommen war, erging es ihm wie seinem Bruder, er sah eine weiße Hirschkuh und sprach zu seinen Leuten: „Bleibt hier und wartet bis ich wiederkomme, ich will das schöne Wild jagen“, ritt in den Wald hinein, und seine Tiere liefen ihm nach. Aber er konnte die Hirschkuh nicht einholen und geriet so tief in den Wald, daß er darin übernachten mußte. Und als er ein Feuer angemacht hatte, hörte er über sich ächzen: „Hu, hu, hu, wie mich friert !“ Da schaute er hinauf, und es saß dieselbe Hexe oben im Baum. Sprach er: „Wenn dich friert, so komm herab, altes Mütterchen, und wärme dich.“ Antwortete sie: „Nein, deine Tiere beißen mich“ Er aber sprach: „Sie tun dir nichts“ Da rief sie: „Ich will dir eine Rute hinabwerfen, wenn du sie damit schlägst, so tun sie mir nichts.“ Wie der Jäger das hörte, traute er der Alten nicht und sprach: „Meine Tiere Schlag ich nicht, komm du herunter, oder ich hol dich.“ Da rief sie: „Was willst du wohl ? Du tust mir doch nichts“ Er aber antwortete: „Kommst du nicht, so schieß ich dich herunter.“ Sprach sie: „Schieß nur zu, vor deinen Kugeln fürchte ich mich nicht.“ Da legte er an und schoß nach ihr, aber die Hexe war fest gegen alle Bleikugeln, lachte, daß es gellte, und rief: „Du sollst mich noch nicht treffen.“ Der Jäger wußte Bescheid, riß sich drei silberne Knöpfe vom Rock und lud sie in die Büchse, denn dagegen war ihre Kunst umsonst, und als er losdrückte, stürzte sie gleich mit Geschrei herab. Da stellte er den Fuß auf sie und sprach: „Alte Hexe, wenn du nicht gleich gestehst, wo mein Bruder ist, so pack ich dich mit beiden Händen und werfe dich ins Feuer !“ Sie wer in großer Angst bat um Gnade und sagte: „Er liegt mit seinen Tieren versteinert in einem Graben.“ Da zwang er sie mit hinzugehen, drohte ihr und sprach: „Alte Meerkatze, Jetzt machst du meinen Bruder und alle Geschöpfe, die hier liegen lebendig, oder du kommst ins Feuer !“ Sie nahm eine Rute und rührte die Steine an, da wurde sein Bruder mit den Tieren wieder lebendig, und viele andere, Kaufleute, Handwerker, Hirten, standen auf, dankten für ihre Befreiung und zogen heim. Die Zwillingsbrüder aber, als sie sich wiedersahen, küßten sich und freuten sich von Herzen. Dann griffen sie die Hexe, banden sie und legten sie ins Feuer, und als sie verbrannt war, da tat sich der Wald von selbst auf und ward licht und hell, und man konnte das königliche Schloß auf drei Stunden Wegs sehen.

Nun gingen die zwei Brüder zusammen nach Haus und erzählten einander auf dem Weg ihre Schicksale. Und als der jüngste sagte, er wäre an des Königs statt Herr im ganzen Lande, sprach der andere: „Das hab ich wohl gemerkt, denn als ich in die Stadt kam und für dich angesehen ward, da geschah mir alle königliche Ehre. Die junge Königin hielt mich für ihren Gemahl, und ich mußte an ihrer Seite essen und in deinem Bett schlafen.“ Wie das der andere hörte, ward er so eifersüchtig und zornig, daß er sein Schwert zog und seinem Bruder den Kopf abschlug. Als dieser aber tot dalag und er das rote Blut fließen sah, reute es ihn gewaltig. „Mein Bruder hat mich erlöst“, rief er aus, „und ich habe ihn dafür getötet !“ und jammerte laut. Da kam sein Hase und erbot sich, von der Lebenswurzel zu holen, sprang fort und brachte sie noch zu rechter Zeit, und der Tote ward wieder ins Leben gebracht und merkte gar nichts von der Wunde.

Darauf zogen sie weiter, und der jüngste sprach: „Du siehst aus wie ich, hast königliche Kleider an wie ich, und die Tiere folgen dir nach wie mir. Wir wollen zu den entgegengesetzten Toren eingehen und von zwei Seiten zugleich beim alten König anlangen.“ Also trennten sie sich, und bei dem alten König kam zu gleicher Zeit die Wache von dem einen und dem andern Tore und meldete, der junge König mit den Tieren wäre von der Jagd angelangt. Sprach der König: „Es ist nicht möglich, die Tore liegen eine Stunde weit auseinander.“ Indem aber kamen von zwei Seiten die beiden Brüder in den Schloßhof hinein und stiegen beide herauf. Da sprach der König zu seiner Tochter: „Sag an, welcher ist dein Gemahl ? Es sieht einer aus wie der andere, ich kann’s nicht wissen.“ Sie war da in großer Angst und konnte es nicht sagen, endlich fiel ihr das Halsband ein, das sie den Tieren gegeben hatte, suchte und fand an dem einen Löwen ihr goldenes Schlößchen. Da rief sie vergnügt: „Der, dem dieser Löwe nachfolgt, der ist mein rechter Gemahl !“ Da lachte der junge König und sagte: „Ja, das ist der rechte“, und sie setzten sich zusammen zu Tisch, aßen und tranken und waren fröhlich. Abends, als der junge König zu Bett ging, sprach seine Frau: „Warum hast du die vorigen Nächte immer ein zweischneidiges Schwert in unser Bett gelegt ? Ich habe geglaubt, du wolltest mich totschlagen.“ Da erkannte er, wie treu sein Bruder gewesen war.

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