Drachen in der Literatur

Andre Zeiten, andre Drachen (Christian Morgenstern)

Immer nicht an Mond und Sterne
mag ich meine Blicke hängen –:
Ach man kann mit Mond und Sternen,
Wolken, Felsen, Wäldern, Bächen
allzuleichtlich kokettieren,
hat man solch ein schelmisch Weibchen
stets um sich wie Phanta Sia.

Darum senk ich heut bescheiden
meine Augen in die Tiefe.
Hier und da ein Hüttenlichtlein;
auch ein Feuer, dran sich Hirten
nächtliche Kartoffeln braten –
wenig sonst im dunklen Grunde.
Doch! da drunten seh ich eine
goldgeschuppte Schlange kriechen …

Hochromantisches Erspähnis!
Kommst du wieder, trautes Gestern,
da die Drachen mit den Kühen
friedlich auf den Almen grasten,
wenn sie nicht grad Flammen speien
oder Ritter fressen mußten –
da der Lindwurm in den Engpaß
seinen Boa-Hals hinabhing
und mit grünem Augenaufschlag
Dame, Knapp und Maultier schmauste –
kommst du wieder, trautes Gestern?

Eitle Frage! Dieses Schuppen-
Ungetüm da drunten ist ein
ganz modernes Fabelwesen,
unersättlich zwar, wie jene
alten Schlangen, doch auch wieder
jenem braven Walfisch ähnlich,
der dem Jonas nur auf Tage
seinen Bauch zur Herberg anbot.

Feuerwurm, ich grüße froh dich
von den Stufen meines Schlosses!
Denn ob mancher dich auch schmähe,
als den Störer stiller Lande,
und die gelben Humpeldrachen,
die noch bliesen, noch nicht pfiffen,
wiederwünschte, – ich bekenne,
daß ich stolz bin, dich zu schauen.
Höher schlägt mir oft das Herze,
seh ich dich auf schmalen Pfaden
deine Wucht in leichter Grazie
mit dem Flug der Vögel messen
und mit Triumphatorpose
hallend durch die Nächte tragen.

Sinnbild bist du mir und Gleichnis
Geistessiegs ob Stoffesträgheit!
Gleichnis bist du neuer Zeit mir,
die, jahrtausendalter Kräfte
Erbin, Sammlerin, sie spielend
zwingt und formt, beherrscht und leitet!

Andre Zeiten, andre Drachen,
andre Drachen, andre Märchen,
andre Märchen, andre Mütter,
andre Mütter, andre Jugend,
andre Jugend, andre Männer –:
Stark und stolz, gesund und fröhlich,
leichten, kampfgeübten Geistes,
Überwinder aller Schwerheit,
Sieger, Tänzer, Spötter, Götter!

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Aufenthalt im Wasserreich (Ciruelo Cabral)

Durch Weingärten und Olivenhaine im Süden Frankreichs, vorbei an den bernsteinfarbenen Schlössern der Herren der Provence und an den rotgedeckten Häusern ihrer Untertanen entlang, floss die Rhone. Der stetige Strom ihres Wassers verriet nicht, dass sie Drachen beherbergte. Einer jedoch hauste in ihren Tiefen: Nahe der Stadt Beaucaire, wo die Rhone in Biegungen dem Meer zustrebte, war die Lagerstatt des Drac verborgen, eines riesigen, uralten Wesens; er verstand sich auf Zauberei, die er für seine eigenen blutigen Zwecke einsetzte.

Der Drac besaß eine Vorliebe für Menschenfleisch und machte sich ein Vergnügen daraus, Sterbliche zu jagen. Von Zeit zu Zeit verließ er den Fluss und begab sich zum Marktplatz von Beaucaire, wo er, für die geschäftigen Stadtbewohner unsichtbar, im Schatten der Platanen herumstrich, ein wachsamer Schatten zwischen Körben voller Fische und Bergen von Obst. Mit kalten, blassen Augen beobachtete der Drache die Hausfrauen, die mit den Händlern schwatzten; mit gekrümmten Klauen schnappte er sich dann geschwind ein unbeaufsichtigtes Kind.

Zum Zeitvertreib lockte der Drac manchmal auch Menschen in seinen Fluss. Einmal tat er dies zu einem seltsamen Zweck, und das geschah so:

An einem Sommernachmittag, als die Sonne unbarmherzig auf Stadt und Felder niederbrannte, ging eine junge Frau aus der Stadt zum Fluss, um die Kleider ihres Kindes zu waschen. Wie sie so ihrer Arbeit nachging, blickte die Frau über das glitzernde Wasser – und dann machte sie große Augen. Auf dem Wasser, nicht weit vom Ufer, schwamm ein goldener Becher. In dem prachtvollen Gefäß schimmerte eine Perle.

Ohne zu überlegen nahm sie den Köder an. Sie streckte die Hand nach dem hübschen Zierat aus, der Becher aber glitt außer Reichweite und glitzerte verführerisch im Sonnenlicht. Die Frau versuchte ihn abermals zu greifen; sie beugte sich über den Uferrand und verlor dabei das Gleichgewicht. Als sie fiel, griff eine Klaue nach ihr; wie eine Fessel schloss sie sich fest um die Taille der jungen Frau. Sie stöhnte und zappelte, aber gegen den Griff war sie machtlos. Sie fühlte, wie sie nach unten gezogen wurde. Während ihre Röcke sich mit Wasser vollsogen, warf sie einen letzten, verzweifelten Blick zum Ufer – sie sah, wie kleine Kleidungsstücke auf dem Gras am Fluss trockneten und das Kind, ganz allein, dasaß und wimmerte. Dann schlugen die Wasser der Rhone über ihrem Kopf zusammen.

Unerbittlich wurde sie in die kalten Tiefen des Flusses hinabgezogen, bis sie nichts wahrnahm als nasse Schwärze, durchbrochen von winzigen Lichtern, strahlend und glitzernd wie die Sterne am nächtlichen Himmel. Sie wurde ohnmächtig.

Als sie die Augen wieder aufschlug, befand sie sich in einer kristallenen Höhle. Vor den durchsichtigen Wänden wogten Wasserpflanzen, als wehe ein Landwind darüber hin. Fische schnellten vorbei. Neben ihr lag der goldene Becher, der sie verlockt hatte, und die Perle, die darin war. Und dann sah sie, wer sie gefangen genommen hatte. Riesenhaft und schimmernd hockte der Drache reglos neben dem Becher und betrachtete sie. Von seinem grünen, starren Blick gebannt, stand die Frau auf, und während sie dies tat, verblasste die Erinnerung an ihr Leben: Ihr kleiner Sohn, ihr Mann, ihr Haus im sonnigen Beaucaire, die Felder und Olivenhaine und die Stadt, das alles wurde zu winzigen Bildern, zu Miniaturen, an die sie sich undeutlich erinnerte, wie an Träume. Nur die Worte des Drachen ertönten in ihrem Kopf. Der Drac sprach mit einer Stimme, die wie ein Gong wiederhallte, und die Sterbliche gehorchte. Der Drache hatte der Frau aufgelauert, weil sie jung und gesund war – und weil sie ihren Sohn stillte. Der Drache brauchte Menschenmilch, um sein eigenes Gezücht, ein schwaches Drachenjunges, zu nähren. So wurde die junge Frau, in einem Zaubergespinst gefangen, die Sklavin des Drac und die Amme eines Drachen. Die Tage vergingen friedlich, und für die menschliche Gefangene in dem trüben Zwielicht der kristallenen Höhle unter dem Fluss war ein Tag wie der andere. Eingelullt von der Bewegung des Wassers draußen und vom Bann des Drachen, lebte sie wie in Trance. Sie säugte das Gezücht des Drac und hegte es, als sei es ihr eigener Sohn. Sie schlief, wann es der Drache gebot, und aß, was er ihr gab. Sie beobachtete die Bewegungen des Wassers durch die durchscheinenden Wände der Höhle, und mit der Zeit wurden ihr die Lebewesen der Rhone – der grün-gold gestreifte Hecht, der schlängelnde Aal, die flinke Forelle – vertraut wie einst die Bewohner von Beaucaire. Mit jedem Tag wurde ihr die Wasserwelt, die sie umgab,verständlicher und bekannter, als seien die Steine und Wasserpflanzen die Felder und Wälder ihrer vergessenen Heimat.

Ihre Sehkraft erhielt sie vom Zauber des Drachen, aber das wusste sie nicht. Jeden Abend rieb sie, wie ihr befohlen war, die Augen des Drachenjungen mit einer Salbe ein, die der Drac ihr gab. Die Salbe verlieh dem Kleinen den durchdringenden Drachenblick, und immer wenn die Frau sich ein Auge rieb, blieb etwas von der Salbe dort hängen, sodass sie ein wenig von der Zauberkraft des Geschöpfes empfing.

Sieben Jahre vergingen. Das Junge wurde groß und stark, und es kam der Tag, an dem der Drac keine Verwendung mehr für seine Gefangene hatte. Er tötete sie nicht, was er durchaus hätte tun können; aber sie hatte seinen Nachkommen genährt, und deshalb ließ er sie frei. Er belegte sie mit einem Bann des Vergessens und versenkte sie in Schlaf, bevor er sie durch den Fluss ans Tageslicht trug.

Die Frau wachte am Ufer in der Nähe ihres Hauses auf. Ein wenig verwirrt sah sie sich um, denn sie erinnerte sich an einen heißen, sonnigen Tag, als sie ihre Wäsche gewaschen und mit ihrem Kind gelacht hatte, das im Gras spielte. Jetzt aber war die Sonne untergegangen, und eines nach dem anderen flammten die Lichter der Stadt auf. Weder die Wäsche auf dem Rasen noch ihr Kind waren irgendwo zu sehen. Sie eilte über die Felder und durch die Straßen der Stadt.

Die Tür ihres Hauses stand offen, um die Abendkühle hereinzulassen, und die Frau ging hinein. Zwei Gesichter wandten sich ihr zu – das eines bärtigen Mannes und eines Knaben, der ihrem Mann glich, als dieser jung gewesen war. Einen Moment starrten sie sich gegenseitig an. Dann sprang der Mann mit einem gellenden Schrei auf. Während der Knabe mit geweiteten Augen zusah, umarmte der Mann die Frau. Er war ihr Ehemann, der sie ertrunken geglaubt und getreu sieben Jahre betrauert hatte. Er überschüttete sie mit Fragen, aber sie konnte keine Antwort geben, denn sie besaß keine Erinnerung an die Welt des Drachen. Der Knabe war ihr Sohn, aber er sprach nicht mit der bleichen, zerlumpten Fremden, ihre Schweigsamkeit schreckte ihn. Aber die Liebe des Vaters zu seiner Frau war so stark und seine Freude über ihre Wiederkehr so groß, dass der Knabe die Fremde allmählich als Mutter annahm. Und in den Wochen ihrer rätselhaften Wiederkehr gewöhnten sich auch die Nachbarn an sie. Ihre siebenjährige Abwesenheit blieb ihnen ein Geheimnis, und ihre Reden schreckten sie zuweilen. Sie träumte von Drachen, erzählte sie oft. Doch ihre Nachbarn waren liebenswürdige Menschen und ließen die Frau gewähren. Sie nahm ihr früheres geordnetes, friedliches Leben wieder auf, kochte und sorgte für den Mann und den Knaben und arbeitete mit den Leuten auf den Feldern. So hätte sie fortleben können, wäre nicht der Drachenblick gewesen. Eines Tages ging sie wie gewohnt auf den Markt, und dort, zwischen den Gemüseverkäufern und Fischhändlern, sah sie den Drac. Schuppig und schimmernd ragte er über den Stadtleuten auf. Sein Haupt reichte fast bis zu den Dachfirsten hinauf, und seine Augen schillerten grün, aber die geschäftigen Händler und ihre Kunden gingen nichtsahnend ihren Geschäften nach. Nur die Frau sah ihn. Als sie aufschrie, blickte er sie scharf an. "Siehst du mich, Sterbliche?", fragte eine Stimme in ihrem Kopf.

"Ich sehe dich, Drache", sagte sie laut, und in diesem Augenblick fielen ihr die ganzen verlorenen sieben Jahre wieder ein. Sie stand regungslos, als die Drachenklaue sich senkte und ihr das linke Auge zuhielt.

"Siehst du mich jetzt?", sagte die Drachenstimme. Sie sah ihn noch. Die Klaue wanderte zu ihrem rechten Auge,und wo der Drache gestanden hatte, sah sie nur den Marktplatz und ihre Mitmenschen. Folgsam sagte sie dem Drachen, dass sie ihn nicht mehr sehe. Sogleich durchfuhr ein blendender Schmerz ihren Kopf. Die Klaue hatte das Auge entfernt, das den Drachenblick besaß.

Halbblind lebte die Frau noch viele Jahre, und wieder und wieder erzählte sie ihre Drachengeschichte. Die Leute hielten sie für verrückt und schlugen ihre traurigen Warnungen in den Wind. So verschwanden Jahr für Jahr Kinder vom Marktplatz von Beaucaire und niemand wußte warum.

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Der äthiopische Drache (Ciruelo Cabral)

Vor langer Zeit wurde Äthiopien von König Cepheus und Königin Cassiopeia regiert, die sich damit rühmte, schöner als alle Nereiden zu sein. Die Töchzter des Meeres beschwerten sich über diese Anschuldigungen bei Poseidon, sie wollten Ihre Ehre wieder hergestellt sehen. Poseidon schickte einen Drachen, der das gesamte Land verwüstete und alle jungen Menschen Äthiopiens verspeiste. Die entsetzte Bevölkerung befragte das Orakel von Ammon; sie erfuhren, daß die einzige Hoffnung auf Erlösung darin bestand, dem Drachen Andromeda, die wunderschöne Königstochter, zu opfern. Cepheus und Cassiopeia wollten ihre Tochter nicht ins Verderben schicken, doch unter dem Druck ihrer Untertanen mußten sie dem Opfer schließlich zustimmen. Soldaten ketteten das Mädchen an einen Felsen im Meer, wo das Ungeheuer lebte. Klagend und weinend warteten die Eltern der Prinzessin am Ufer. Doch Perseus, Sohn des Zeus, kam auf seinem geflügelten Roß Pegasus vorbei und sah das verzweifelte Königspaar. Der Held, der gerade die furchtbare Medusa getötet hatte fragte beide nach ihrem Leid. Schluchzend erzählten König und Königin die ganze Geschichte.
„Wir warten hier auf das Ungeheuer, das unsere Tochter verschlingen wird“, jammerten sie, „falls irgendwer unsere Tochter erretten könnte, so würde er nicht nur unseres ewigen Dankes gewiß, wir gäben ihm Andromeda zur Frau und den Thron als Mitgift.“
Perseus empfand dieses Angebot als sehr verlockend, zumal die Schönheit des Mädchens, das da an den Felsen gekettet stand, mehr als offensichtlich und der König höchst wohlhabend war. Er setzte sich den magischen Helm auf, der ihm von Hades, dem Herrn der Unterwelt gegeben worden war und der ihn unsichtbar machte. Dann faßte er sein glänzendes Schild – ein Geschenk der Göttin Athene (Er war mit beiden Gottheiten verwandt) und das Diamantenschwert, daß er von Merkur erhalten hatte und zog in den Kampf gegen das Ungeheuer. Gegen den unsichtbaren Gegner hatte der Drache keine Chance, auch Andromeda ahnte nicht, wer ihr da zu Hilfe kam. Der Halbgott zerschnitt die Haut des Drachen, bis er an sein Herz kam und riß es heraus. Dann nahm er den Helm ab und zeigte sich der wunderschönen Prinzessin. Mit einem Hieb zertrennte er die Ketten, die sie an den Felsen ketteten, hob die Königstochter auf sein geflügeltes Roß und flog mit ihr zum Königspalast.
Am Palast des Königs wartete allerdings eine unliebsame Überraschung auf den Helden. An der Spitze seiner Armee stand Phineus, früherer Freier und verlangte sie zur Frau. Perseus dachte nicht daran seine wohlverdiente Belohnung aufzugeben. Er zog den Kopf der Medusa aus der Tasche und hielt ihn Empor, worauf alle Anwesenden zu Stein erstarrten. Nun war es ihm vergönnt, die schöne Andromeda zu heiraten; sie hatten viele Kinder. Eines von ihnen war Alkmene, die spätere Mutter des mächtigen Herakles.

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Aschenhans und der Urlindwurm (Sigrid Früh)

Es lebte einmal ein Bauer auf Leegarth, der hatte sieben Söhne und eine Tochter. Der jüngste Sohn aber wurde nur der Aschenhans genannt. Den ganzen Tag ging er in abgerissenen Kleidern und reit ungekämmtem Haar umher, aus dem jeder Windstoß eine Aschenwolke blies. Sogar nachts schlief er in der Asche. Aschenhans n-iußte tagein, tagaus den Boden fegen, Torf für das Feuer holen und alle niedrigen Arbeiten verrichten. Von seinen Brüdern erhielt er oft Schläge und böse Worte, sie verlachten und verspotteten ihn. Nur seine Schwester hatte ihn von Herzen lieb. Sie lauschte gerne den Geschichten von Helden, Riesen und Trollen, die er so gut wie kein anderer zu erzählen wußte. Eines Tages geschah es, daß des Königs Boten zu dem Bauern kamen und ihre sagten, er solle seine Töchter an des Königs Hof senden, auf daß sie dessen einziger Tochter als Magd und Gefährtin diene. So wurden dem Mädchen die besten Kleider angelegt, und dann ritt sie mit den Boten fort. Von da an sprach Aschenhans kaum mehr ein Wort, und er ließ traurig den Kopf hängen. Als eine Zeit vergangen war, breitete sich unheilvolle Kunde im Lande aus, Es hieß, der große Lindwurm nähere sich der Küste. Diese Nachricht ließ selbst die Kühnsten unruhig werden. Wahrhaftig reckte das Untier schon sein Haupt gegen das Ufer, riß seinen greulichen Rachen auf und gähnte schrecklich. Als der Lindwurm das Maul wieder schloß, da erbebte die Erde. Dies tat er, um zu zeigen, er werde das Land vernichten, wenn man ihm nichts zu fressen gäbe.
Dieser Lindwurm war der größte und erste, der Vater von allen Übrigen, deshalb hieß er der Urlindwurm. Er konnte mit seinem giftigen Atem jede lebende Kreatur, die er anhauchte, töten und alles, was wuchs und grünte, verdorren lassen, Furcht befiel jedes Herz, und Klagen erhoben sich im ganzen Land.
Drei Tage lang berieten der König und das Thing, was in dieser grollen Not zu tun sei. Keiner aber wußte einen Weg dem Untier ZU entkommen. Nun gab es in dein Königreich einen mälchtigen Zauberer, von dem die Leute sagten, daß er um alle Dingo wisse. Der König allein hielt ihn für einen hinterlistigen Ränkeschmied und mißtraute ihm aus ganzer Seele,
Als das Thing nun Weder ein noch aus wußte, trat auf einmal die Königin in die Versammlung.
Sie war herrschsüchtig, kalt und böse, und sie sprach. Ihr seid alle tapfere Männer und kühne Krieger, solange ihr nur sterblichen Gegnern gegenübersteht. jetzt aber steht ein Feind vor euch, der eurer Kraft spottet, denn vor ihm sind eure Waffen wie Stroh. Nicht durch Schwert und Speer kann dieses Ungeheuer überwunden werden, sondern nur durch Zaubermittel. Ihr solltet euch Rat holen bei denn großen Zauberer, der von allen diesen Dingen weiß. Denn Klugheit siegt, wo Kraft und Stärke versagen.“
Also wurde der Zauberer gerufen. Er sah häßlich aus wie ein Gespenst, und sein Anblick war furchterregend. Ernst sei die Frage, und schwierig sei sie zu beantworten, sagte er zu den Männern des Things, doch werde er am folgenden Tage bei Sonnenaufgang seinen Rat mitteilen.
Am nächsten Morgen gab der Zauberer bekannt, es gäbe nur einen einzigen Weg, den großen Lindwurm zufriedenzustellen und das Land zu retten. Es müßten ihm einmal in der Woche sieben Jungfrauen zum fraß vorgeworfen werden. Wenn dieses Mittel nicht ausreiche, dann bliebe nur
noch ein weiteres, das aber sei so furchtbar, da es gar nicht ausgesprochen werden dürfe, es sei denn, das andere versage.
So sprach der Zauberer, und sein Rat wurde angenommen und als Gesetz, verkündet. Jeden Samstag wurden sieben Mädchen gebunden auf einen Felsen gelegt, und das Untier streckte seine Lange Zunge heraus und schlang sie alle in seinen furchtbaren Rachen. Eines Samstags stiegen die Leute von Leegarth auf einen Hügel, und sie sahen, wie der große Lindwurm sieben
Jungfrauen mit flaut und Haaren auffraß. Da weinten die Frauen, und die Gesichter der Männer wurden grau. Während alle jammerten und klagten, ob es denn keine andere Rettung für das Land gäbe, erhob sich Aschenhans und sprach: „Ich bin bereit, mit dem Drachen zu kämpfen, denn ich fürchte den Tod nicht.“ Da gab ihm sein ältester Bruder einen schrecklichen Hieb und befahl ihm, sich nach Hause zu scheren in sein Aschenloch. Aschenhans aber wiederholte seine Worte. Darüber gerieten die Brüder in so großen Zorn, daß sie mit Steinen nach ihm warfen, bis er davonlief. Zur Nachtzeit bekamen sie ihn in der Scheune zu fassen und hätten ihn im Stroh erstickt, wenn nicht der Vater zu Hilfe gekommen wäre.
Aschenhans aber sprach: „Du hättest mir nicht helfen müssen, Vater, denn mit Leichtigkeit hätte ich mich meiner Brüder erwehren können, wenn ich es nur gewollt hätte.“
Da lachten sie alle und fragten voller Hohn. „Und warum hast du es dann nicht versucht?“
„Weil ich all meine Kraft für den Kampf mit dem Urlindwurm aufsparen will“, antwortete Aschenhans. Darauf hielten sie sich vor Lachen den Bauch, und der Mater sagte: „Du wirst mit dem großen Lindwurm kämpfen, wenn ich Löffel aus den Hörern des Mondes mache!
Überall aber im Land erhob sich große Trauer und Wehklagen über den Tod so vieler Jungfrauen. Die Leute sagten, es werde bald keine Frau mehr sein, um Kinder zu gebären.
Also wurde wiederum das Thing einberufen, und die Männer riefen nach dem Zauberer und begehrten auch, das zweite Mittel zu erfahren. Der Zauberer reckte seine häßliche Gestalt. Der Bart hing ihm bis zu den Knien, und sein Haar war wie ein Mantel um ihn. Und er sprach: „Mit der größten Trauer spreche ich es aus, es gibt nur ein einziges Heilmittel. Oh, daß ich nie geboren wäre oder doch nicht so lange gelebt hätte, um den Tag zu sehen, an dem ich hier stehe, dieses Heilmittel zu verkünden. Des Königs ein zige Tochter Gemdelovely muß dem Lindwurm geopfert werden. Dann erst wird das Ungeheuer unser Land verlassen.“
Lange Zeit schwiegen alle Versammelten. Endlich erhob sich der König kummervoll, doch groß und aufrecht, und er sprach: „Gemdelovel ist mein einziges Kind. Sie ist das Liebste, was ich auf Erden habe. Sie sollte einmal mein Reich erben, Wenn aber ihr Tod das Land retten kann, so soll sie sterben. Es ist wohl ihre Pflicht, als die Letzte aus denn ältesten Geschlecht des Landes ihr Leben für ihr Volk hinzugeben.“
Da erhob sich der Älteste des Thing und fragte, ob dies der Wille aller sei. Keiner sprach, aber alle hoben sie die Hand. Sie taten es in großem Kummer, denn Gemdelovely wurde von allen geliebt. Darauf sprach des Königs Waffenmeister: „Wenn das Untier auch dann nicht das Land verläßt, nachdem es die Prinzessin verschlungen hat, so soll der Zauberer das nächste Opfer sein.“
Dem stimmten alle mit Beifallsrufen zu.Bevor der Spruch des Things verkündet wurde, bat der König um einen Aufschub von drei Tagen. Dies Wurde gewährt. Dann gab der Älteste den Spruch des Things bekannt. Leer König sandte Boten in alle Lande, um kundzutun, daß derjenige, dem es gelänge, den Lindwurm mit Waffengewalt oder List aus denn Lande zu bringen, Gemdelovely zur Frau bekäme. Obendrein solle er das Königreich erben und das Schwert Sicherbeißer, mit dem der große Oddie seine Feinde besiegt und ans andere Ende der Welt getrieben hatte.
Manch ein Fürst und großer Streiter hielt diesen dreifachen Preis wohl wert. Aber die Gefahr, die dem drohte, der diese drei gewinnen wollte, die wollte keiner auf sich nehmen. Und auch des Kühnsten Herr erstarrte vor Furcht. Als der Bauer von Leegarth vom Thing zurückkam mit der Kunde, daß die schöne Gemdelovely dem Untier vor geworfen werden sollte, hob ein großes Jammern und Klagen an, denn alle Menschen, außer der Königin, die ihre Stiefmutter war, liebten die Prinzessin. Aschenhans aber schwieg.Sechsunddreißig große Helden kamen zum Haus des Königs in der Hoffnung, den Preis zu gewinnen. Aber zwölf von ihnen fielen in Ohnmacht, als sie den Lindwurm erblickten, zwölf weitere waren so entsetzt, daß sie heim liefen in ihr eigenes Land. Zwölf schließlich blieben am Hofe des Königs, aber Herz und Mut waren ihnen tief gesunken.
Am Vorabend des Tages, an dem die Prinzessin geopfert werden sollte, gab der König für die zwölf Helden und seine Männer ein großes Mahl. Doch Trauer hatte alle er faßt, und so wurde wenig gegessen und noch weniger gesprochen. Wenn sie auch dem Wein zusprachen, so war doch keinem nach Scherzen zumute. Der König aber verbarg sein Antlitz vor ihnen. Als sich alle bis auf den König und seinen Waffenmeister zur Ruhe begeben hatten, öffnete der König seine große Truhe und nahm das Schwert Sicherbeißer in seine Hände. „Warum nehmt Ihr Sicherbeißer aus der Truhe?“ fragte der Waffenmeister, „morgen werden es vier mal zwanzig und sechzehn Jahre, daß Ihr in die Welt kamt, und manche heldenhafte Tat habt Ihr getan in dieser Zeit. Aber die Tage, da Ihr in den Kampf zogt, sind vorüber. Laßt Sicherbeißer ruhen, mein Herr und König. Ihr seid zu alt, seine Klinge jetzt noch zu schwingen.“ „Schweig! sprach der König, „oder ich werde meine Kraft an deinem Leibe versuchen. Glaubst du, daß ich, der ich von dem großen Oddie abstamme, ertragen könnte, daß mein einziges Kind von einem Ungeheuer verschlungen wird und ich keinen Streich wagte für mein eigen Fleisch und Blut? Ich sage dir, und ich schwöre es dir reit meinem Daunen kreuzweise auf Sicherbeißers Spitze : dieses gute Schwert und ich, wir werden untergehen, ehe meine Tochter stirbt. Und nun, mein treuer Waffenmeister, begib dich beim ersten Hahnenschrei eilends hinunter ans Meeresufer. Bringe mein Boot zu Wasser, richte den Mast auf, halte die Segel bereit und wende den Bug seewärts. Bewache es gut, bis ich komme. Dies wird der letzte Dienst sein, den du mir erweisen kannst. Schlafe nun wohl, mein alter Freund und Gefährte.“ Auch auf Leegarth traf man Vorbereitungen für den nächsten Tag, denn alle sollten hingehen am nächsten Morgen, den Tod Gemdelovelys mitanzusehen, alle, außer Aschenhans, der mußte zu Hause bleiben und die Gänse hüten. wie er nun in der Asche lag, bedrückten ihn so viele Gedanken, und es wollte kein Schlaf über ihn kommen. Da hörte er Vater und Mutter auf ihrem Lager miteinander sprechen. Er hörte, wie die Mutter sagte : „So wollt ihr also morgen alle hingehen und zusehen, wie die Prinzessin aufgefressen wird?“ „Ja, wahrhaftig, Frau und du sollst auch mitkommen. Du sollst hinter mir auf Teetang reiten, auf dem schnellsten Pferd im Lande, und keiner wird uns zuvorkommen.“ Da antwortete sinnend die Frau: „Ich habe manchmal gedacht, du liebst mich doch nicht so sehr, wie ein Mann seine Frau lieben soll.““Wie kannst du einen solchen Gedanken hegen“, rief der Mann, „habe ich jemals etwas getan oder gesagt, das dich glauben machen könnte, ich liebte dich nicht mehr als alle anderen Frauen auf Erden ?“ „Nicht, was du sagst, sondern was du nicht sagst, läßt mich an deiner Liebe zweifeln. Seit fünf Jahren schon habe ich dich wieder und wieder gebeten, mir zu sagen, wie du Teetong zu so schnellem Lauf antreibst, daß er jedes andere Pferd im Lande schlägt, aber ich könnte ebensogut den Stein in der Mauer fragen. Ist das ein Zeichen wahrer Liebe?“ Nun , liebes Weib“, antwortete der Mann, „wenn dich dies so sehr bedrückt, so will ich dir das Geheimnis verraten. Wenn ich will, da Teetong stillsteht, gebe ich ihm einen Schlag auf die linke Schulter, wenn ich will, daß er recht schnell geht, gebe ich ihm zwei Schläge auf die rechte Schulter, Soll er aber aus Leibeskräften rennen, dann blase ich durch die Luftröhre einer Gans. Ich habe stets ein solches Stück Drossel in meiner rechten Rocktasche, auf daß es notfalls zur Hand ist. Wenn Teetang meinen Pfiff hört, dann läuft er wie der Wind. So, nun weißt du alles. Laß uns noch ein wenig schlafen, denn es ist schon spät.“ Aschenhans aber hatte alles gehört. Er wartete, bis die Eltern eingeschlafen waren. Dann aber hielt es ihn nicht mehr auf seinem Lager. Er nahm die Gänsedrossel heimlich aus seines Vaters Rocktasche und schlich sich in den Stall. Dort zäumte er Teetang und führte ihn hinaus. Aschenhans schwang sich in den Sattel und gab dem Pferd zwei Schläge auf die rechte Schulter. Da schoß es wie ein Pfeil davon und wieherte dabei laut. Davon erwachte der Bauer. Er weckte eilends seine Söhne, und sie sch rangen sich auf ihre Pferde und galoppierten hinter Aschenhans und Teetong her, allen voran der Vater, und der rief. Halt, halt, he Teetore steh! Als Teetong diesen Ruf vernahm, blieb er stehen wie ein Fels. Doch Aschenhans setzte die Gänsedrossel an die Lippen und blies mit aller Macht darauf. Da schoß Teetong, davon wie der Wind, und der Vater und die Brüder hatten das Nachsehen. Bei Sonnenaufgang kahl Aschenhans zum Meeresufer. Er pflockte sein Pferd an und ging in eine kleine Hütte hinein, Dort nahm er ein brennendes Stück Torf aus dem 1-euer und gab es in einen alten Topf. Damit ging er an die Stelle, wo des Königs Boot an einem Stein vertäut war- Der Diener, der das Boot bewachen sollte, bis der König käme, zitterte vor Kälte, denn die Nacht war eisig gewesen. „Warum kommst du nicht an Land und läufst ein wenig umher, um dich aufzuwärmen?“ fagte ihn Aschenhans. „Der Waffenmeister- hat es mir verboten. ‚Wenn er mich nicht in, Boot findet, schlägt er weich halb tot..“ „Dein Waffenmeister ist ein weiser Mann“, sagte Aschenhans, ich aber will mir ein Feuer anzünden und Seeschnecken rösten.“
Er begann, ein Loch in den Boden zu schlagen, um darin das Feuer zu entfachen, irrt selben Augenblick aber rief er laut: Gold, Gold! So wahr ich der Sohn meiner Mutter bin, hier ist Gold in der Erde !“
Als der Mann im Boot das hörte, sprang; er an Land und stier Aschenhans zur Seite. Während er in dem Loch stocherte, packte Aschenhans seinen Topf, liste das Haltetau, sprang in das Boot und stieß es ab ins tiefe Wasser, der Mann am Strand mochte schreien, so laut er wollte. Als die
Sonne über die Berge heraufstieg, setzte Aschenhans seift Segel und steuerte geradewegs auf das Haupt des Lindwurms zu.
Das Scheusal lag vor ihm wie ein großer, hoher Berg. Seine Augen glühten und sprühten wie ein Leuchtfeuer. Sein Leib erstreckte sich über die halbe Welt. Seine furchtbare Zunge war Hunderte von Metern lang und konnte ganze Städte ins Meer fegen. Diese schreckliche Zunge war gespalten. Mit den beiden Spitzen konnte das Ungeheuer seine Beute packen, die größten Schiffe wie Eierschalen zerdrücken und die Mauern der größten Burgen Arie Nüsse zerknacken.
Aschenhans aber war ohne Furcht.
Währenddessen waren der König und seine Krieger zum Strand gekommen. Als der einig sein Boot weit draußen sah, geriet er in großen Zorn, Aschenhans fuhr von der Seite an den Kopf des Lindwurms heran, dann ließ er das Segel herunter und saß still da seit eingelegten Rudern und hing seinen Gedanken nach, Als der erste Sonnenstrahl die Augen des Ungeheuers traf, gähnte es. Es war das erste von sieben Malen, die der Lindwurm vor seinen grausigen Mahlzeiten zu gähnen pflegte. Jedesmal, wenn das Untier gähnte, schoß eine Wasserwoge in sein aufgesperrtes Maul hinein. Aschenhans ruderte so nahe wie möglich an des Lindwurms Maul heran, und beim nächsten Gähnen wurde wies Boot an der einwärts stürzenden Flutwelle mitgerissen und in den finsteren Schlund des Drachen hinunter
gespült. Weiter und weiter, tiefer und tiefer hinunter fuhr Aschenhans. Er steuerte sein Boot in der Mitte des Schlundes, bis das Wasser seichter wurde und der Mast sich mit
der Spitze oben an der Wandung verfing und der Kiel auf denn Grund festsaß.
Aschenhans sprang aus dem Boot. Er watete vorwärts, bis er zu der Leber des Ungeheuers kam. Er zog sein Messer
und schnitt ein Loch in die Leber und schob seinen glimmenden Torf in das Loch.. Er blies den Torf an, bis er dachte, seine Lippen müßten zerspringen. Der Torf flammte auf, und die Flamme ergriff das Fett der Leber. Ein gewaltiges Feuer entstand, Da lief Aschenhans zu seinem Boot zurück, und wie nun der Lindwurm die Hitze des Feuers spürte, fing er an, furchtbare Fluten aus seinem Magen zu speien. Eine von ihnen erfaßte das Boot, zerbrach den Mast und warf Boot und Mann heil und trocken an Land. Der König und seine Leute zogen sich auf einen hohen Hügel zurück, wo sie sicher waren vor den Fluten und vor den schrecklichen Feuer- und Rauchstößen, die das Ungeheuer von sich gab. Es war ein grauenvoller Anblick. Hinter den Flutwellen brachen aus dem Maul des Ungeheuers riesige Rauchwolken hervor, die waren schwarz wie Pech. Als das Feuer in ihn größer wurde, streckte es seine schreckliche Zunge heraus und schwang sie hin und her. Es umklammerte ein Horn des Mondes mit den gegabelten Enden, und als die Gabel ans Horn des Mondes abglitt und wieder herabstürzte, spaltete sie die Erde und schuf ein großes Stück Meer, wo vorher trockenes Land gewesen. Dieses Meer trennt noch heute Dänemark von Schweden und Norwegen. Am Ende dieses Meeres sind zwei große Meerbuchten, die von den beiden Spitzen der gegabelten Zunge des Lindwurms herrühren. Darauf zog der Lindwurm seine lange Zunge ein, und wie er sich nun wand und ringelte, bebte die ganze Erde. Schließlich zog er sich langsam zu einem riesengroßen Klumpen zusammen, und dabei peinigte ihn das Feuer in seinem Innern so sehr, daß er sein Haupt zu den WoIken aufwarf und es sogleich wieder ins Meer fallen ließ, Mit einer Gewalt, die die ganze Welt erschütterte.
Von der Wucht des Niederstürzens flogen ihm viele Zähne aus de m Maul, und diese bildeten die Orkneyinseln. Noch mehr Zähne spie das Untier ins Meer, und aus diesen wurden die Shetlandinseln. Und zum drittenmal schleuderte es Zähne aus seinem Maul, und aus diesen wurden die Färöerinseln. Danach rollte er sich zu einem mächtigen Koloss zusammen, und daraus entstand Island. Endlich hauchte der Urlindwurm sein Leben aus. Aber noch brennt das Feuer unter Island, und dieses Feuer ist es, das die feuerspeienden Berge der Insel speist. Da nahm der König Aschenhans in seine Arme, küßte und segnete ihn. Er legte ihm seinen eigenen Mantel um die Schultern und nahm Gemdelovelys Hand und legte sie in die seinige und gab sie zusammen als Mann und Frau. Und er gürtete Aschenhans mit dem Schwert Sicherbeißer. Aschenhans schwang sich auf Teetong und ritt an Gemdelovelys Seite. Als sie alle voller Freude zum Schloß geritten kamen, trat ihnen die Schwester von Aschenhans entgegen und flüsterte der Prinzessin etwas ins Ohr, und diese gab es an ihren Vater weiter. Da verfinsterte sich des Königs Antlitz, denn er hatte vernommen, daß die Königin den ganzen Morgen mit dem Zauberer gebuhlt habe,“Ich werde den Zauberer töten!“ rief der König aus, „Ach“, antwortete das Mädchen, „sie sind geflohen, auf den beiden besten Pferden sind sie hinweg geritten
„So schnell können sie nicht geritten sein, daß ich sie nicht einholen könnte“, sprach Aschenhans und sprengte auf Teetong davon wie der Wind. Bald hatte er das unselige Paar erreicht.
Der Zauberer aber höhnte: „Diesem Knäblein werde ich sogleich den Kopf abschlagen, denn er wußte wohl, daß sein Leib gefeit war gegen jedes gewöhnliche Eisen. Aschenhans aber zog das Schwert Sicherbeißer und stieß es denn falschen Unhold ins Herz, daß sein schwarzes Blut zu Boden rann.
Die Königin wurde bis zum Ende ihrer Tage in einen hohen Turm gesperrt. Aschenhans und Gendelovely
wurden miteinander vermählt, und sie feierten ein Hoch-
zeitsfest, das dauerte neun Wochen lang. Des Königs Skalde dichtete ein Langes Heldenlied, und die Hofsänger Stimmten einen neuen Gesang an, und dies war der Kehrreim
Der beste Stein im ganzen Land liegt über des Königs Tor. Er kam aus einem Aschenloch, dort lag er lang zuvor.
Später wurden Aschenhans und Gemdelovely König und Königin, und sie lebten lange in Glanz und Freude, und ihre Herrschaft war eine gesegnete.
[Märchen aus Schottland]

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Der Drache fährt aus

Das Alpenvolk in der Schweiz hat noch viele Sagen bewahrt von Drachen und Würmern, die vor alter Zeit auf dem Gebirge hausten und oftmals verheerend in die Täler herabkamen. Noch jetzt, wenn ein ungestümer Waldstrom über die Berge stürzt, Bäume und Felsen mit sich reißt, pflegt es in einem tiefsinnigen Sprichwort zu sagen: »Es ist ein Drach ausgefahren.« Folgende Geschichte ist eine der merkwürdigsten:

Ein Blinder aus Lucern ging aus, Daubenholz für seine Fässer zu suchen. Er verirrte sich in eine wüste, einsame Gegend, die Nacht brach ein und er fiel plötzlich in eine tiefe Grube, die jedoch unten schlammig war, wie in einen Brunnen hinab. Zu beiden Seiten auf dem Boden waren Eingänge in große Höhlen; als er diese genauer untersuchen wollte, stießen ihm zu seinem großen Schrecken zwei scheußliche Drachen auf. Der Mann betete eifrig, die Drachen umschlangen seinen Leib verschiedenemal, aber sie taten ihm kein Leid. Ein Tag verstrich und mehrere, er mußte vom 6. November bis zum 10. April in Gesellschaft der Drachen harren. Er nährte sich gleich ihnen von einer salzigen Feuchtigkeit, die aus den Felsenwänden schwitzte. Als nun die Drachen witterten, daß die Winterzeit vorüber war, beschlossen sie auszufliegen. Der eine tat es mit großem Rauschen und während der andere sich gleichfalls dazu bereitete, ergriff der unglückselige Faßbinder des Drachen Schwanz, hielt fest daran und kam aus dem Brunnen mit heraus. Oben ließ er los, wurde frei und begab sich wieder in die Stadt. Zum Andenken ließ er die ganze Begebenheit auf einen Priesterschmuck sticken, der noch jetzt in des hl. Leodagars Kirche zu Lucern zu sehen ist. Nach den Kirchenbüchern hat sich die Geschichte im Jahr 1420 zugetragen.

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Bloodlust

Bloodlust

From gleaming scales soaked with blood,
an armoured, 
clawed hand reaches up,
towards the heavens, 
relishing the smell,
of victory,
which so many,
hours of battle was the product,
a dead,
lifeless carcass,
so beautiful in its,
monstrosity,
has been slain.

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First day of spring

First Day of Spring

On the First Day of Spring
As the Morning Glory blooms
And the Shadow of the Dragon 
Dances down the temple steps
He emerged from the budding oak
and stemming honeysuckle.
His movements were fluid,
His eyes were gentle,
His scales a liquid black,
His horns and claws a soft silver.

Slowly, He approached me
Sensing my fear and curiosity.
He explained He had chosen me
for his human counterpart.
From that moment on
His Heart and mine were one.
Through the seasons and time,
I learned His ways as He learned mine.
Always together, if not in body
by Mind, Heart and Spirit.

The last time I saw Him was
the day before the First Day of Spring.
He said our time together was done.
It was time for Him to go.
On the First Day of Spring,
As the Morning Glory recesses
And the Shadow of the Dragon
Is fading from the temple steps,
He had departed ’neath the budding oak
and stemming honeysuckle.

I know He has gone
Where I cannot follow.
But His Heart and Mind
Are still vivid within me.
And on the First Day of Spring,
When the Morning Glory smiles at the sun
And the Shadow of the Dragon
Prances about the temple steps,
I can still feel his soft scales
And hear his wise voice.

And I realize no matter where He is,
He is always right beside me.

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Oh to be a dragon

Oh to be a dragon

Oh to be a dragon,
whether of small or greatest size.
To live in harmony with nature,
and learn to be naturally wise.
Though trapped within this human shell,
my dragon heart and soul doth swell.
I yearn to soar among lofty peaks,
to ride the wind’s back is what my heart seeks.
If only my skin were like brilliant scales,
and my fingers and toes as sharp as nails.
From my back great wings would spread,
to lift my soul to where only angles dare to tread.
From my lungs would spring searing flame,
to burn away evil and cowardly shame.
Myths and legends would enshroud my name,
were I a dragon of mythical fame.
To perch on windward crags and peaks,
and gaze down upon lands of human reeks.
All I can do is hope and pray,
that perhaps I shall be a dragon one day.

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In Phanta’Schloss

Immer nicht an Mond und Sterne
mag ich meine Blicke hängen -:
Ach man kann mit Mond und Sternen,
Wolken, Felsen, Wäldern, Bächen
allzuleichtlich kokettieren,
hat man solch ein schelmisch Weibchen
stets um sich wie Phanta Sia.

Darum senk ich heut bescheiden
meine Augen in die Tiefe.
Hier und da ein Hüttenlichtlein;
auch ein Feuer, dran sich Hirten
nächtliche Kartoffeln braten –
wenig sonst im dunklen Grunde.
Doch! da drunten seh ich eine
goldgeschuppte Schlange kriechen . . .

Hochromantisches Erspähnis!
Kommst du wieder, trautes Gestern,
da die Drachen mit den Kühen
friedlich auf den Almen grasten,
wenn sie nicht grad Flammen speien
oder Ritter fressen mußten –
da der Lindwurm in den Engpaß
seinen Boa-Hals hinabhing
und mit grünem Augenaufschlag
Dame, Knapp und Maultier schmauste –
kommst du wieder, trautes Gestern?

Eitle Frage! Dieses Schuppen-
Ungetüm da drunten ist ein
ganz modernes Fabelwesen,
unersättlich zwar, wie jene
alten Schlangen, doch auch wieder
jenem braven Walfisch ähnlich,
der dem Jonas nur auf Tage
seinen Bauch zur Herberg anbot.

Feuerwurm, ich grüße froh dich
von den Stufen meines Schlosses!
Denn ob mancher dich auch schmähe,
als den Störer stiller Lande,
und die gelben Humpeldrachen,
die noch bliesen, noch nicht pfiffen,
wiederwünschte, – ich bekenne,
daß ich stolz bin, dich zu schauen.
Höher schlägt mir oft das Herze,
seh ich dich auf schmalen Pfaden
deine Wucht in leichter Grazie
mit dem Flug der Vögel messen
und mit Triumphatorpose
hallend durch die Nächte tragen.

Sinnbild bist du mir und Gleichnis
Geistessiegs ob Stoffesträgheit!
Gleichnis bist du neuer Zeit mir,
die, jahrtausendalter Kräfte
Erbin, Sammlerin, sie spielend
zwingt und formt, beherrscht und leitet!

Andre Zeiten, andre Drachen,
andre Drachen, andre Märchen,
andre Märchen, andre Mütter,
andre Mütter, andre Jugend,
andre Jugend, andre Männer
Stark und stolz, gesund und fröhlich,
leichten, kampfgeübten Geistes,
überwinder aller Schwerheit,
Sieger, Tänzer, Spötter, Götter!

v. Christian Morgenstern (1871-1914)

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Tal der Tränen (Karin Roth)

Als die Nacht sich hernieder senkte ,
begrüßte das Tal seinen neusten Bewohner.
Eine Wölfin ..
Jung an Jahren war sie,
Ihre Muskeln zeichneten sich deutlich unterm dem nachtschwarzen, wie Rabenfedern schimmernden  Fell ab.
Wenn sie lief,
tat sie es mit einem geschmeidigem ,
federnden Gang der allen Wölfen eigen war.
Ihre Augen glänzten Bernsteinfarbig über dem strahlendweißem Gebiss aus Raubtierzähnen.
Sie war eine wunderschöne Vertreterin ihrer Art.
Doch..
Sie kam alleine,
ohne Rudel,
ohne Gefährten,
wollte sich in ihrer Trauer ob dem Verlust des Rudels zurückziehen
und hier im Tal der Tränen das letzte Mal die wundersame Scheibe am Himmel anheulen und ihre Reise zu den Sternen antreten.
Sie suchte sich zwischen den mächtigen Granitblöcken die dort lagen  einen Platz,
ließ sich auf die Hinterläufe nieder
hob ihr Stolzes Haupt und begann die Uralte Klage der Wölfe anzustimmen.
Als ihre kraftvolle Stimme im Tal wiederhallte,
verstummten alle Geräusche im Tal und jedes Lebewesen dort,
lauschte der Klage der Wölfin voller Andacht und Trauer.
Stunden über Stunden saß sie dort,
klagte über ihre Einsamkeit,
klagte über den Verlust ihres Rudels
und klagte über ihr Schicksal.
Dann,
als langsam die Sonne begann über den Gipfeln der Berge ihren Blutroten Schein erstrahlen zu lassen,
vernahm die Wölfin ein fernes Rauschen und ein merkwürdig Summen erklang in ihren hellhörigen Ohren.
Dort.. über dem höchsten Berg ,
wurde das glühen der Sonne unterbrochen und sie sah einen mächtigen Leib der sich in den Himmel schwang.
Furchtlos blicke die Wölfin in den Himmel und betrachtete das Wesen das mit langen Flügelschlägen sich ihr näherte.
Blau wie der Ozean schimmerte es,
Schwingen aus Leder und Schuppen,
Krallen so scharf wie der Berggrad den es eben überflogen hatte
und einen Kopf der alleine größer war als ihr ganzer Körper.
Die Schwingen entfachten um sie einen Sturm,
 der sie fast von den Läufen gefegt hatte als der Drache landete.
Er faltete seine Flügel auf den Rücken,
senkte sein Haupt
und blickte mit den selben Bernsteinaugen die sie selber hatte in die ihren.
Stolz wie sie war,
hob sie den Kopf und blickte in seine Augen.
Was störst du mich fragt die Wölfin,
ich möchte alleine sein mit meinem Kummer und mit dem Schmerz über meinen Verlust.
Ich hörte dein Klagen ,
hörte den Gesang,
der über die Berge hinauf zu meinen Hort schallte
sprach nun der Drache die Wölfin an.
Du sangst von Einsamkeit,
von Verlust
und von vielen Schmerzen.
Es hat mich gerührt dein Klageruf sprach der Drache nun weiter,
Wisse du Wesen der Erde.
du bist uns Drachen verbunden.
Wir sind beide freie Geister,
wir leben nach unseren eigenen Gesetzen
durch diese Verbundenheit im Geiste
kannst du niemals einsam sein.
Du magst dein Rudel verloren haben,
magst im Augenblick alleine über deine Erde streifen,
doch deine Seele fliegt,
dein Gesang trug sie zu mir und hat sich verbunden mit mir ,
so wie nur freiheitsliebende Seelen sich finden können.
Selbst wenn ich weiterfliegen mag zu meinem eigenen Horizont,
selbst wenn ich weit von dir meine Flügel die Wolken streifen lassen werde,
so wird in Zukunft immer ein Teil von mir in deinem Herzen über die Steppen dieser Erde wandeln und uns beide verbinden.
So wandere nun zurück meine kleine Schwester,
trage den Kampf deines Lebens von neuem aus
und vergiss nie das dir eine Drachenseele zur Seite stehen wird.
Mit diesen Worten breitete der Drache seine Schwingen aus
und hob sich mit einem mächtigen Schwung hinauf in die Wolken.
Lange noch saß die Wölfin dort und dachte über diese Worte nach.
Sie spürte in sich eine neue Kraft.. das Wissen um Freundschaft und Verbundenheit erwärmte ihr Herz und sie machte sich auf, so wie der Drache sagte
und begann aufs neue den Kampf des Lebens,
immer in der Gewissheit das sie,
auch wenn von vielen verlassen,
einen Freund hatte der zu ihr stand und immer in den schweren Zeiten ihres Lebens
einen Teil seiner Seele opfern würde um bei der ihren zu sein.
Denn durch die Macht der Freundschaft,
ist niemand alleine,


© Aquamarin 3.2003

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Der Bauer und der Drache (Ciruelo Cabral)

Eines Tages wurde ein Drache auf seinem Heimflug von einem schlimmen Sturm überrascht. Der Wind heulte, und der Regen kam mit einer solchen Wucht hernieder, daß selbst die stämmigsten Eichen entwurzelt und wie Strohhalme geknickt wurden. Trotz seiner enormen Größe wurde der Drache in alle Richtungen geschleudert und verlor in der Dunkelheit die Orientierung. Verzweifelt versuchte er immer wieder, gegen den Sturm anzukämpfen, doch zuletzt fiel er erschöpft zu boden.
Während er so bewußtlos im Schlamm lag, kam ein Bauer aus einer kleinen Hütte in der Nähe des Weges. Als der Bauer, der Lukas hieß, das Ungeheuer erblickte, das wie tot am Boden lag, tat es ihm sogar ein wenig leid. Er näherte sich dem bewegungslosen Körper und stellte fest, daß der Drache noch immer am Leben war. Mit der Hilfe seines Pferdes schaffte er den Drachen zu einer alten Scheune. Dort legte er den Drachen vorsichtig nieder und bedeckte ihn mit einem geflickten Laken, dann rannte er nach Hause und bat seine Frau, etwas zu Essen vorzubereiten. Sie war sehr besorgt:“Du bist wohl verrückt, einem solchen Ungeheuer Nahrung und Schutz zu gewähren. Er wäre besser, es zu töten, der König würde uns für seine Haut belohnen.“- „Sei still, Frau“, entgegnete Lukas, „der Drache ist schwach und krank. Es wäre unchristlich, einem Bedürftigen Hilfe zu verweigern, egal welcher Rasse er auch angehören mag.“ „Sei doch nicht dumm, Mann“, rief die Bauersfrau,“ diese Kreatur ist weder Christ noch Mensch, sie wird dich fressen, sobald es ihr besser geht.“ Ohne auf die Warnung seiner Frau zu achten, machte sich der Bauer daran, den Drachen zu pflegen und zu füttern. Seine Bemühungen trugen bald Früchte, der Drache erholte sich und dankte dem Mann für die Rettung. „Es gibt nichts, wofür du dich bedanken müßtest“, sagte der gute Mann, „wir sind alle Gottes Geschöpfe.“ – „Dennoch hätten mich viele Menschen in deiner Lage getötet und meine wertvolle Haut verkauft.“ „Jeder, der aus dem Unglück anderer Vorteile zieht, ist böse. Ein solches Verhalten wäre eines Ritters unwürdig.“
Als die Bauersfrau, die an der Türe gelauscht hatte, die Worte ihres Mannes vernahm, mußte sie laut lachen. „Seht euch diesen Narren an, der sich selbst die Ritterwürde verleiht, obwohl er ein Almosenempfänger ist!“ kicherte sie in ihrem Versteck. „Du wirst anders reden, wenn die Steuereintreiber kommen und dir dein Pferd nehmen, schließlich haben wir unsere Steuern nicht bezahlt.“ „Es ist Ehre und nicht Reichtum, die einen Mann zum Ritter macht“, entgegnete Lukas mit leiser Stimme. Da der Drache das Gespräch mitangehört und die Armut des Bauern erkannt hatte, bot er ihm eine Belohnung für seine Mühen an. „Ich könnte kein Geld ablehnen, denn der Steuereintreiber wird bald erscheinen, und ich habe nichts, womit ich ihn bezahlen könnte. Doch das war nicht der Grund, aus dem ich dir geholfen habe, mein Freund.“ „Das weiß ich wohl, doch ich bin nun kräftig genug, um Heim fliegen zu können. Komm mit in meine Höhle und such dir aus, was immer dir gefallen mag.“ Obwohl ihn seine Frau bat, nicht zu gehen, stieg Lukas furchtlos auf den Rücken des Drachen. „Wenn du mitten im Wald bist, wird er dich fressen, und ich werde hier allein sein!“ jammerte sie.
Der Drache aber schaffte den Bauern in seine Höhle und bewirtete ihn für drei Tage. Als es für den Bauern Zeit zur Heimkehr wurde, lud sich der Drache einen großen Sack voller Gold und Edelsteine auf den Rücken und brachte den Bauern zu seiner Hütte zurück. „Du kannst zu mir kommen, wann immer es dir schlecht geht“, sagte der Drache zum Abschied.
Lukas fand seine Frau klagend und in Trauerkleider vor, sie hielt ihren Mann für tot. Von den Geschenken des Drachen konnten sich die Bauersleute einen schönen Hof mit vielen Tieren leisten, doch die Frau wurde mit der Zeit immer verschwenderischer. Eines Tages sagte sie zu ihrem Mann:“Wenn wir nur etwas mehr Geld hätten, könnten wir gutes Land erwerben und andere darauf arbeiten lassen. Dann könnten wir einen Sohn haben, der Ritter werden könnte. Warum fragst du nicht den Drachen nach etwas mehr Gold?“ Lukas weigerte sich zunächst, doch dann gab er nach und ging zum Drachen. Dieser hielt das Anliegen für berechtigt und war froh, seinem Freund ein weiteres Mal helfen zu können. Doch es verging kaum ein Jahr, da hörte man von der Frau:“Wenn wir uns ein Schloß und ein paar Ortschaften leisten könnten, würde man uns bestimmt zu Grafen ernennen.“ Lukas war das Nörgeln seiner Frau schnell leid und ging wieder zur Höhle des Drachen. Das Paar erhielt eine Grafschaft. Wenig später wünschte sich die Frau, bei Hofe zu leben. Eines Tages sah die neue Herzogin, wie die Königin in ihrer goldenen Kutsche vorfuhr, gekleidet in Samt und Seide und mit den kostbarsten Juwelen geschmückt. Ihre Augen glänzten Vor Neid und Gier, sie sagte:“Mein lieber Lukas, ich habe mir Gedanken gemacht. Wenn wir einen Sohn hätten und es wäre Krieg, dann müßte er als Offizier an die Front und könnte in der Schlacht fallen. Es wäre viel besser, wenn wir Monarchen wären, dann wäre unser Sohn nicht in Gefahr. Dein Freund der Drache wird uns sicher diesen Wunsch erfüllen.“ „Frau, rede keinen Unsinn!“ schimpfte Lukas, doch seine Frau weinte und bedrängte ihn, bis er wieder den Drachen besuchen ging, der ihn freundlich empfing.
„Freund“, sagte der Drache, nachdem er sich die Geschichte angehört hatte, „deine Frau ist zu ehrgeizig. Sie wird niemals genug bekommen und immer noch mehr wünschen. Aber ich weiß eine Lösung, komm in meine Höhle.“ Der Drache führte seinen Gast in einen gemütlichen Raum, wo wunderhübsche junge Frauen tanzten und sangen. „Nun bist du mein Gefangener. Diese Mädchen werden die Gesellschaft leisten und dafür sorgen, daß jeder deiner Wünsche erfüllt wird, denn sie sind meine Sklavinnen. Du wirst aber niemals in der Lage sein, die Höhle anders als in meiner Begleitung zu verlassen, und du wirst nie zu deiner Frau zurückkehren können.“ Von nun an lebte der brave Mann glücklich mit dem Drachen und seinen Gespielinnen. Lukas Frau aber mußte sich in Trauer kleiden, denn sie nahm an, daß ihr Gatte nun doch noch vom Drachen gefressen worden wäre.

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Ragnar Lodbrock (Sigrid Früh)

König Herraud von Schweden hatte eine Tochter, die war schöner als die Sonne, und er hatte sie über alle Maßen lieb, Jeden Tag sandte er ihr ein Geschenk, um sie zu erfreuen. Eines Tages brachten seine Mannen einen jungen Lindwurm mit, den schenkte er der Jungfrau, die ihn in eine Truhe aus Eschenholz setzte, in der sie ihr Gold und
ihr Geschmeide aufbewahrte. In selben Maße aber, in dem
das Tier heranwuchst vermehrte sich auch das Gold in der Truhe,
Bald aber war der Lindwurm zu einem riesigen Ungeheuer herangewachsen, und er verschlang täglich einen Ochsen. Endlich drohte er alle zu verschlingen, die ihm in die Quere kamen, sei es Mensch oder Tier, und versengte die Luft mit seinem feurig-giftigen Odem. Da bereute der König bitter seine Unbedachtsamkeit, und er versprach seine Tochter demjenigen zur Frau, der den Lindwurm überwinden könne. Das Gold aber solle die Mitgift sein. Diese Kunde hörte Ragnar, des dänischen Königs Sohn. Er war schön, stark, tapfer und kühn. Er ließ sich einen wollnen Mantel und zottige Hosen machen, Als er zu Schiff nach Schweden kam und die Kälte einfiel, ließ er sein Kleid sich vollsaugen mit Wasser und in der Kälte steif frieren. So gewappnet zog er der Königsburg zu, wo alles noch in tiefem Schlafe lag. Bald schon gewahrte er den
Lindwurm, der ihm entgegenzüngelte. Doch Ragnar stieß ihm Mit seinem Speer eine so tiefe Wunde, dass das Untier sich im Todeskampfe wand. Es wollte ihm aber mit seinen fürchterlichen Zähnen die Glieder zerbeißen. Allein es gelang ihm nicht, zu fest und hart war Ragnars Kleid, kein Biß drang hindurch, doch furchtbar tobte noch lange der Kampf, bis das Untier endlich verschied. Die Hofleute und der König selbst, die vom Kampfeslärm erwacht waren und von der Ferne zugesehen hatten, jubelten Ragnar zu, und König Herraud umarmte ihn und nannte ihn Ragnar Lodbrok, das heißt Lodenhose.
Als Ragnar sich gewaschen und festlich gekleidet hatte,erkannten alle seine Schönheit, und die Tochter des Königs von Schweden vermählte sich gerne mit ihm .
[Altdänisches Märchen]

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Riese und Drache

Zwischen Ziegenrück und Gössitz umspült die Saale in weitem Bogen einen Felsen, der das Flußbett hoch überragt und vom Volke Riesenstein genannt wird. Dort wohnte ein Riese mit seinem Weib, und ihnen gegenüber auf dem Drachenstein hauste ein furchtbarer Drache, der sich Menschen und Vieh zum Fraß holte. Der Riese zog mehr als einmal zum Kampfe gegen ihn aus, vermochte aber nichts auszurichten; denn so oft er daran war, das Untier zu überwältigen, erhob es sich auf seinen breiten Flügeln in die Luft. Wenn Riese und Drache miteinander kämpften, so dampften die Felsenhöhen, und der Grund erbebte. Nun hatte der Riese von seinem Weibe einen einzigen Sohn; den raubte der Drache, als er ihn unbehütet fand, führte ihn dahin, und die Eltern hörten mit Schrecken das Wehegeschrei ihres Kindes über sich in den Lüften. Da packte der Riese ergrimmt einen Stein und schleuderte ihn mit gewaltiger Kraft nach dem Drachen, traf ihn auch und sah ihn mit samt dem Kind in die Saale stürzen. Ein Fels, den er im Sturze berührte, zerbarst und begrub ihn und das Riesenkind. Der Wurfstein blieb an der Stromkrümme am Ufer liegen; darauf trat der Riese so heftig vor Schmerz und Zorn, daß sein Fuß sich einprägte. Der Saalefischer aber hat von je die verrufene Stelle gemieden.

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Crusader

Crusader

An anger boiling up deep within,
to burn away the world’s darkest sin.
I soar out with vengence over evil lands,
to slay the darkest demon clans.
I go forth to slay the darkest evil,
the veils of lies I shall reveal.
A power of virtue welling up deep within,
a cause held high by both dragons and men.
An enemy hiding in the depths of soul and mind,
to be sought out and crushed wherever good can find.
A warrior of light honorable and true,
a soldier of fortune through and through.
A dragon in the ranks of righteousness,
a scaled crusader of ancient yore.
I take an oath to honor and justice,
to uphold them now and forevermore.

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Goodbye my friend

„Goodbye my friend“

Magnificent dragon flying high, 
Tell me! Why is it that you cry? 
For your covered in rubies, diamonds and gold, 
You are the reason magical tales are told. 

Graceful and dazzling you glide through the sky, 
Strong and cunning you’ll never die. 
So tell me now, please don’t lie, 
Just let me know, why do you cry? 

For why I cry is not to hear, 
It tells of a story not for young ears. 
But there comes a time when we all must die, 
That is the reason for which I cry. 

I may be covered in rubies, diamonds and gold, 
But like everyone I grow old. 
So you see I’m neither graceful, dazzling nor strong, 
I’m simply the same as everyone. 

Leave me alone up on this rock, staring out to sea, 
Up in the clouds, way up high, he’s calling me. 
For my time on this Earth has come to an end, 
I’ll think of you always, goodbye my friend. 

(c) By Claire Dixon, England.

Dieses Gedicht wurde augestellt mit freundlicheGenehmigung von
http://www.dragonsight.net

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Once

Once

Liquid eyes (once bright) silvered and dulled
Wicked glints replaced by opaque pools
Reflecting empty silence
It presses the massive head down, low, into defeat
Tall gray masonry, strong and new
Ringing with voices, happy and bright
A girl’s voice
She found him there; he kept her
Eternal sunrise — his scarlet scales
Yet vibrant, lasting beyond his youth
Blood red stars
The deceptiver luster of a weary heart
Snakelike ivy, tiny invasive tendrils
Dimming whispers. weak and feeble
Growing old
She stayed, but for one frail moment more
Wings tucked back, as sentient armor
Drawn in tightly, close for comfort
Insufficient solace
From sharp and hollow desolation
Crumbling walls, ivy grown green and dark
Lingering ghosts of dreams and echoes
Empty and vague
It close, when he chose not to leave her
And he rears back and shouts in pain
Flames of despair spread across the sky
Silence once more
A blackened leaf falls, quietly

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Traumdrache (Karin Roth)

Niemals hatte er das Licht der Sonne erblickt
und kein einziges Mal in seinem Leben wurde seine Dunkelheit durch einen Strahl von Helligkeit unterbrochen.
Er lebte sein Leben in Dunkelheit,
 fernab aller Farben und fernab aller Schattierungen die unsere Welt zu geben hatte.
 Doch er empfand es nie als Behinderung, kannte er doch nicht was sehende Menschen jeden Tag durch ihre Augen erblickten und wie sie ihre Welt erlebten.
Wieder einmal war der Streit mit seinen Eltern da,
die Besorgnis um sein Wohlergehen,
die Angst ihm könne etwas passieren,
die Furcht er käme niemals alleine zurecht.
An diesem Tage wollte er nicht mehr zuhören und begann alleine, in den ihm bis dahin unbekannten Wald, zu laufen.
Erleichtert weil er der gespannten Atmosphäre zu Hause entkommen war,
führten ihn seine Schritte den Geräuschen entgegen die er schon länger aus seinem Fenster im Dach hatte hören können.
Das Zirpen der Grillen hörte er,
er nahm wahr das Rauschen der Bäume um sich herum
und er hörte den sanften Gesang der Vögel andächtig zu.
Er fand einen kleinen Hügel auf dem er Platz nahm und so konnte er zuhören,
still und mit einem freudigem Lächeln in seinem jungen Gesicht.
Lange saß er da und überlegte wie er es anstellen konnte damit seine Eltern ihm endlich einmal ernsthaft Gehör schenken würden.
Hallo du, hörte er da eine sanfte Stimme sprechen:
Was überlegst du denn so angestrengt an einem so wunderschönen Tag wie heute?
Ach weißt du, antwortete er in Richtung der schönen Stimme,
ich habe Ärger zu Hause und weiß nicht wie ich ihn schlichten kann.
Möchtest du erzählen? fragte die Stimme wieder
und der Junge begann von sich und seinem Dilemma zu erzählen.
Als er dann geendet hatte, hörte er nur ein lautes Seufzen und die Stimme murmelte:
Was ist schon Augenlicht wert, wenn man nicht mit dem Herzen sehen kann.
Wie meinst du das denn fragte der Junge .
Weißt du sprach die sanfte Stimme weiter,
so viele Menschen können sehen,
haben die Gabe alles erblicken zu können was ihre Augen wahrnehmen können
und doch
sehen sie nicht wirklich,
sie sehen nur was sie sehen wollen
 und die Augen die ihr Herz hat ,
bleiben auf immer geschlossen.
Ich verstehe dich nicht sprach der Junge,
wie sollte man mit dem Herzen sehen können?
So richte deinen Blick einmal auf mich sprach die Stimme
und erzähle mir was du sehen kannst.
Gerade als er erklären wollte das er doch blind sei und nichts sehen konnte,
machte er eine seltsame Wahrnehmung,
In dem Augenblick indem er seinen Kopf in Richtung der Stimme lenkte,
wurde es langsam und stetig hell und er vermeinte Farben zu erkennen.
Was ist das ?
 rief er ängstlich aus, es blendet und ist so hell.
Was du siehst mein Junge, siehst du nicht mit deinen Augen,
was du im Augenblick erblickst,
siehst du mit deinem mutigen und träumenden Herzen das noch an Wunder glaubt.
In dem Moment wurde es hell ,
der Junge stand in einem gleißenden Licht und er erblickte was kein Auge vor ihm sah.
Er sah wundersame Farben die er nicht kannte,
er sah ein Funkeln das er nur aus Erzählungen kannte
und er sah eine riesige Gestalt die sich turmhoch über ihn erhob und ihn mit den sanftesten Augen anblickte,
 die man sich nur in seinen Träumen vorstellen konnte.
Wer oder besser Was bist du fragte er erstaunt.
Ich bin Solus, sprach die Gestalt,
 und ich bin der letzte der Traumdrachen, der noch auf dieser Welt wandelt.
Mich kann keines Menschen Auge erblicken,
nur sehende Herzen,
Herzen die noch an Wunder glauben und an Träume,
die können mich erblicken.
Lasse dich niemals beschränken sprach er weiter,
glaube an dich und an die Kraft deines Geistes,
glaube weiterhin an die Macht deiner Träume
auch wenn dein Auge blind bleibt,
so kannst du doch mit dem Herzen sehen
und bleibe deinen Überzeugungen immer treu,
egal was andere sagen.
Still hörte der Junge den Worten zu und nahm sie tief in sich auf
und je tiefer sie in ihm wirkten,
desto dunkler wurde es wieder um ihn herum
und die Farben die er sah verblassten langsam mit einem sanftem Klingen in seinem Gedanken.
Leise hörte er noch mal die Stimme zu ihm flüstern..
Glaube immer an dich,
sehe mit deinem Herzen
und du wirst eine neue wundersame Welt kennenlernen ,
die vielen sehenden verschlossen bleibt.
Mit Mut und Träumen, kannst du alles in deinem Leben erreichen.
Durch diese Erfahrung gestärkt,
machte er sich langsam auf den Weg nach Hause.
Niemals erzählte er jemanden von seinem Erlebnis
Doch er wuchs heran,
verlor niemals den Glauben an sich
und führte ein Erfülltes, Glückliches und Erfolgreiches Leben
 in Frieden mit sich und seiner Welt.
Doch ab und zu,
sah er mit seinem Herzen
 das gleißende Licht der Hoffnung und der Träume!

© Aquamarin 19.05.03

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Traumflug (Karin Roth)

Ich sah dich fliegen
am glühenden Firmament
man erkannte das es war
dein ureigenstes Element

Frei wie ein Adler
flogst du den Sternen entgegen
aus Ehrfurcht vor dir
konnte ich mich nicht mehr bewegen

Deine Gestalt
war mächtig und elegant
du schimmerst am Himmel
wie ein feuriger Trabant

Immer wieder
blieb mein Blick an dir hängen
unterlagst du doch dort oben
keinerlei Zwängen

Ich bewundere
deine glänzende Gestalt
und mein Herz wusste
in dir ist kein Funken von Gewalt

Wesen wie du
brachten mich zu meinen Träumen
umgeben mich
wie sanftes Meeresschäumen

Solange ich dich
in meinen Träumen fliegen sehe
weiss ich genau
das ich dir Rechten Wege gehe

Nun fliege weiter
oh Traumdrache mein
wirst immer ein Stück
von meiner Seele sein

© Aquamarin 12.8.2003

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Der Drache aus Mont Blanc (Ciruelo Cabral)

Die ruhige kleine Stadt Mont Blanc war ein zufriedenes Plätzchen. Sie wurde von einem gütigen und weisen König regiert und führte einen blühenden Handel. Der König hatte eine wunderschöne Tochter, die von allen geliebt und geachtet wurde. Als einzige Wolke am Horizont wirkte die Tatsache, daß die Einwohner nicht besonders fromm waren und öfter einmal vergaßen, den Göttern zu opfern, wodurch die heidnischen Priester oft verärgert wurden. So berichtet die Legende, daß sich an einem Mittsommertag plötzlich ein gigantischer Drache mit grünlich-blau schimmernden Schuppen aus den Tiefen des Flusses erhob.
Die schreckliche Bestie erschien vor den verängstigten Bewohnern und sprach zu ihnen: „Von nun an verlange ich in jedem Monat von euch eine schöne Jungfrau für mein Mahl“, seine klagende Stimme klang fast wie trauriger Gesang, „sonst werde ich eure Häuser und Felder und euer Vieh zerstören. Wenn ihr mir aber gehorcht, so verspreche ich, niemandem ein Leid zuzufügen und euch in Frieden leben zu lassen.“ Die verstörten Stadtbewohner liefen zum Palast des Königs, um ihm von ihrem Unglück zu berichten. Zu seinem Leidwesen mußte er wohl oder übel die Forderungen des Drachen akzeptieren. Vergeblich versuchten die Einwohner, die Götter um Befreiung von diesem Ungeheuer anzuflehen, selbst die Priester der heidnischen Kultstätten konnten nicht weiterhelfen. Die Monate vergingen, und mit jedem Neumond wurde dem hungrigen Drachen eine neue Jungfrau zugeführt. Die Lage wurde unerträglich. Die Menschen saßen in ihren Häusern, und wenn sie nicht über eine tote Tochter weinten, so waren sie zumindest in größter Sorge um das Schicksal ihrer Kinder. Die Mädchen warfen sich in die Arme des erstbesten Mannes, den sie trafen, auf daß sie ihre Jungfräulichkeit verlieren würden. Diejenigen Mädchen, die als zukünftige Opfer ausgewählt worden waren, mußten eingeschlossen und bewacht werden, damit sie sich nicht selbst töteten, um ihren furchtbaren Los zu entgehen. Nach einiger Zeit gab es keine Jungfrauen mehr. Die einzigen, die aus der Lage noch einen Nutzen ziehen konnten, waren die heidnischen Priester, denn die Menschen kehrten zur Religion zurück und opferten den Göttern.
Der Monat April kam ins Land, beinahe ein Jahr nach dem Erscheinen des Ungeheuers. Das nächste Opfer würde die Tochter des Königs sein, denn sie hatte darauf bestanden, in die Auswahl der Jungfrauen, die dem Drachen geopfert werden sollten, aufgenommen zu werden. Ergeben in ihr Schicksal verbrachte das Mädchen, das kurz zuvor zum Christentum bekehrt worden war, die Nacht in stillem Gebet. Am Morgen, angetan mit weißen Gewändern und gekrönt mit einem Blumenkranz, sagte sie ihren gramgebeugten Eltern und den weinenden Bürgern Lebewohl. Gefestigt in ihrem Glauben und vertrauend auf den Beistand der Jungfrau Maria machte sich die Prinzessin allein auf den Weg zur Drachenhöhle, wo sie ruhig und in Gebete versunken auf ihr Ende wartete. Die Bürger versammelten sich entlang der Stadtmauern und warteten darauf, daß die Bestie aus ihrer Höhle hervorkommen würde – alle wollten Zeuge dieser Tragödie sein. Plötzlich galoppierte ein unbekannter Ritter in wildem Tempo auf einem weißen Roß mit silberner Mähne einher. Es wird berichtet, daß seine Waffen wie reines Silber in der Sonne glänzten, sein Umhang aber war rot wie Feuer. Auf seinem Schild prangte ein rotes Kreuz auf goldenem Grund. Ohne sein Roß zu zügeln, raste der Fremde auf das Ungeheuer zu. Überwältigt von der Kraft des stolzen Ritters zog sich der Drache zurück und legte sich friedlich nieder. „Werte Dame“, sagte der Fremde, „schlingt den Gürtel eueres Gewandes um den Nacken des Drachen, und er wird uns friedsam folgen.“ Ohne Furcht befolgte das Mädchen die Anweisung – der Drache konnte geführt werden und leistete keinen Widerstand. Die seltsame Prozession machte ihren Weg zu den Toren der Stadt, wo die Bürger in ungläubigem Staunen warteten. Das Mädchen lief, um seine Eltern zu umarmen, während sich die heidnischen Priester damit rühmten, das Monster durch ihre Opfergaben und Rituale besiegt zu haben. Der Ritter aber bat um Ruhe, die ganze Stadt lauschte den Worten des geheimnisvollen und mutigen Retters: „Ich bin Georg, ein Soldat Christi“, sagte er, „und reite unter seinem Schutz. Diese junge Christin betete um den Beistand von Maria und ihrem Sohn, dem Erlöser, daher erhielt ich den Auftrag, sie vor dem Tode zu erreten. Möge das Kreuz, welches dich gerettet hat, für immer diese Stadt krönen. Verlaßt eure falschen Götter und ihr werdet niemals mehr einen Drachen fürchten müssen.“ Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schlug der junge Ritter das Zeichen des Kreuzes über dem Ungeheuer. Der Drache war in einen Rosenbusch verwandelt, dessen Blüten rot wie Blut leuchteten. Auch heute noch wird in Katalonien der Name des Heiligen Georg mit Rosen in Verbindung gebracht, als Erinnerung an jenen Ritter, der sie für immer vor dem Drachen errettet hat.

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Das Zauberroß

Der Vater war gestorben und hatte seinem Jungen nichts hinterlassen als ein Schwert; damit zog er fort und wollte dienen gehen. Nur einmal begegnete ihm ein alter Mann, der war auf einem Auge blind und sah auch mit dem andern nicht recht, der fragte ihn: „Wo gehst du hin, Junge?“ — „Dienen!“ sprach der Junge. „Ich brauche gerade so einen; willst du meine Schafe weiden?“ Es war dem Jungen recht, und der Alte nahm ihn mit sich. Als er ihm die Herde übergeben, sprach er: „Hüte dich nur, in jenen Wald zu gehen, denn keiner meiner Knechte ist lebendig herausgekommen.“ Der Junge hielt sich einige Zeit daran; aber bald dachte er bei sich: „Du mußt doch einmal sehen, was dort ist; was könnte dir schaden, du hast ja dein gutes Schwert!“ Kaum hatte er den Wald betreten und die große Herrlichkeit darin angesehen, so kam ein dreihäuptiger Drache auf ihn [zu] und schrie: „Menschenkind, wie kommst du herein; kein Vöglein wagt es, meinen Wald zu verunreinigen, willst du ihn mit deinen Schafen verätzen? Du mußt mit mir schlagen oder ringen, was willst du lieber?“ – „Ringen!“ sprach der Junge. Da faßte ihn der Drache und schlug ihn bis zu den Knien in den Erdboden. Der Junge faßte darauf sein Schwert und hieb dem Drachen die drei Häupter ab und trug sie nach Hause und hing sie auf die Zaunpfähle. „Was hast du da?“ fragte der Alte, denn er konnte es nicht
sehen. „Drei Häupter von einem Bock, den ich im Walde erschlagen!“ – „Du Junge, das mag dir schlecht frommen; gehe nicht mehr in den Wald!“ Aber am anderen Tage trieb die Lust den Knaben noch tiefer hinein; da war es noch stiller und herrlicher; nur einmal kam ein sechshäuptiger Drache: „Ha, Menschenkind, kein Vöglein kommt in unsern Wald, du hast ihn mit deinen Schafen verunreinigt und mir meinen Bruder umgebracht; du mußt mit mir schlagen oder ringen; was willst du lieber ?“ – „Ringen!“ Da faßte ihn der Drache und schlug ihn bis an den Nabel in den Erdboden. Der Junge ergriff sein Schwert und hieb dem Drachen alle Häupter ab und trug sie nach Hause und steckte sie auf die Zaunpfähle. „Was hast du da?“ fragte der Alte. „Sechs Häupter von einem Bock, den ich im Wald erschlagen!“ – „Das mag dir schlecht frommen, gehe nicht mehr in den Wald!“ Tags darauf hatte der Knabe noch viel größere Lust und ging tiefer in den Wald, und es war da noch stiller und herrlicher. Nur einmal kam ein neunhäuptiger Drache: „Ha, Menschenkind, kein Vöglein kommt in unsern Wald, du hast ihn verunreinigt und meine Brüder umgebracht; du mußt mit mir schlagen oder ringen; was willst du lieber?“ – „Ringen!“ Da faßte ihn der Drache und schlug ihn bis unter die Achseln in den Erdboden. Der Knabe konnte sein Schwert noch schwingen und hieb dem Drachen alle Häupter ab, trug sie nach Hause und steckte sie zu den ändern auf die Zaunpfähle. „Was hast du da wieder ?“ fragte der Alte. „Neun Häupter von einem Bock, den ich im Wald erschlagen!“ – „Das mag dir schlecht frommen, gehe nicht mehr in den Wald!“ Aber am folgenden Tag drang der Junge noch tiefer hinein, und es war da noch viel stiller und herrlicher. Nur einmal kam ein zwölfhäuptiger Drache herangefahren: „Ha, Menschenkind, kein Vöglein kommt in unsern Wald, du hast ihn verunreinigt und meine Brüder umgebracht; du mußt mit mir schlagen oder ringen;
was willst du lieber?“ – „Schlagen!“ sprach der Junge; denn er fürchtete, der Drache werde ihn bis über den Kopf in den Erdboden stoßen, und dann könne er sein Schwert nicht brauchen. Da schlug der Drache ihn mit seinem Schweif, daß er zwölf Klaftern weit fortflog. Jetzt kam aber der Junge mit seinem Schwert herbeigelaufen und hieb dem Drachen elf Häupter auf einmal ab; bis er das zwölfte abschlug, waren die elf andern wieder gewachsen, und wenn er die elf abschlug, wuchs das zwölfte wieder. So ging es bis gegen Abend.
Als aber die Sonne unterging, verlor der Drache alle Kraft, und die des Knaben wuchs, und so schlug er die zwölf Häupter auf einmal ab. Als er nach Hause kam, steckte er sie zu den ändern auf die Zaunpfähle, und alle Pfähle um den Hof waren jetzt besetzt. Da fragte der Alte: „Was hast du da?“ – „Zwölf Häupter von einem Bock, den ich im Wald erschlagen!“ – „Das wird dir schlecht frommen, gehe nicht mehr in den Wald!“ Allein jetzt war die Lust und Begierde des Knaben gerade auf das höchste gestiegen: „Was wird noch da sein!“ dachte er und ging am folgenden Tage noch tiefer hinein. Da war es viel stiller und schöner. Nur einmal sah er in der Ferne ein Häuschen und davor stand eine steinalte Frau, das war die Buschmutter. Er ging zu ihr und grüßte sie freundlich. „Komm herein!“ sprach die Alte. Da rührte sie ihn in ein Zimmer, darin lag ein Toter. „Das ist mein jüngster Sohn, den du mir zuerst erschlagen hast!“ Dann kamen sie in ein anders Zimmer:
„Hier liegt sein älterer Bruder, den du zum zweitenmal erschlugst!“ Sie gingen in das folgende Zimmer: „Hier liegt dessen älterer Bruder, den du zum drittenmal erschlugst!“ Sie kamen in ein anders: „Hier liegt mein ältester Sohn, den du zuletzt erschlugst!“ Sie öffnete eine andere Türe und rief: „Und dahin kommst du!“ Da wollte sie ihn packen, aber der Knabe erhob sein Schwert und schlug sie gleich zu Boden; doch konnte er sie, wie sehr er auch schlug, nicht verwunden, und die Alte verlachte und verhöhnte ihn. Wie aber seine rechte Hand ermüdet war, nahm er das Schwert in die Linke: „O weh ! O weh!“ schrie sogleich die Alte, „haue nicht; ich will dir was Heilsames sagen!“ – „So sprichst du gleich!“ rief der Junge und hielt das Schwert gezückt über ihr. Die alte Hexe zitterte und sprach: „Hinter diesem Hause steht ein Baum, unter dessen Wurzel ist ein mächtiger Stein, und darauf liegt eine Kröte; nimm diese und bestreiche damit dreimal dem Alten die Augen und schleudre sie ihm zuletzt wider die Stirne, daß sie zerplatzt; so wird er wieder sehen!“ – „Ist das alles?“ sprach der Junge. „Ja!“ sprach die Hexe. Kaum hatte sie es gesagt, so ließ er das Schwert auf sie niederfahren, und ihr Kopf lag gleich auf dem Boden.
Nun grub er unter dem Baum bis auf den mächtigen Stein and die Kröte, nahm sie und eilte nach Hause, bestrich dem Alten dreimal die Augen und schleuderte sie ihm dann an die Stirne, daß sie in tausend Stücke zerschmettert wurde, und alsbald waren seine Augen heil, und er sah wie die Sonne. Aus der zerschmetterten Kröte war aber auch eine kleine Gestalt hervorgesprungen; diese rief: „Ich danke dir, daß du mich erlöst hast; die alte Hexe hat nicht alles gesagt; ich mußte, in die garstige Kröte verschlossen, auf dem Schatz der Drachenbrüder liegen und ihn bewachen!“ Damit schlüpfte sie in eine Bergspalte. Nun sah der Junge gleich nach und fand richtig unter dem mächtigen Stein den unermeßlichen Schatz. „Lasse den Schatz da“, sprach der Alte, „den kannst du jederzeit heben; allein ich gebe dir eine köstlichere Gabe dafür, daß du mir das Licht der Augen zurückgegeben, das mir die alte Hexe genommen hatte! Nimm das Roß aus meinem Stall, damit reite in die Welt, denn du bist noch jung.“
Das Roß aber war kein gewöhnliches; es hatte acht Füße und war wunderschön, aber das Beste an ihm war, daß es sprechen konnte und große Weisheit besaß. Der Junge war sehr froh, setzte sich gleich auf und ritt in die Welt. Wie er ein Stück geritten war, sah er auf der Erde eine kupferne Feder liegen. „Die mußt du aufheben!“ sprach das Roß; der Junge tat es; ein wenig weiter lag eine silberne Feder und noch ein wenig weiter eine goldne. Auch diese hob er auf, wie ihn das Roß geheißen hatte.
Nun gelangte er bald in die große Stadt, wo der König wohnte; er ging an den Hof und fragte, ob man keinen Knecht brauche, er wolle gerne dienen mit seinem Roß. Der König nahm ihn an. Nach einiger Zeit machte man eine große Jagd; da erjagte der Junge eine Menge Wild, denn mit seinem Roß konnte er alles ereilen. Das gefiel nun dem König so sehr, daß er den Jungen lieb gewann vor den ändern Knechten; diese aber überkam der Neid, und sie dachten darauf, wie sie ihren Kameraden verderben könnten. Der Junge hatte dem König die kupferne, silberne und goldene Feder geschenkt. Da gingen eines Tages die ändern Knechte zu ihrem Herrn und sagten: „Der Jungknecht hat sich gerühmt: ja es wäre ihm ein leichtes, auch die drei Vögel zu bekommen, von denen die Federn wären.“ Den König überkam sogleich die Lust und Begierde, die Vögel zu besitzen; er ließ den Jungen rufen und sagte:
„Wenn du mir in drei Tagen die Vögel nicht zur Stelle schaffst, so ist es aus mit deinem Leben!“ Da war der Junge traurig und wußte sich nicht zu helfen. Wie er in den Stall trat, fragte ihn sein Roß: „Warum bist du so traurig?“ Da erzählte es der Junge. „Gehe zum König“, sprach das Roß, „und verlange von ihm einen kupfernen, silbernen und goldnen Vogelkorb.“
Als er die drei Käfige hatte, sprach das Roß weiter: „Jetzt setze dich auf mich und reite ins Feld“, und wie sie dort angelangt waren, sprach es wieder. „Nun rufe einmal nach allen vier Weltgegenden:, Vögel her!'“ Kaum war das geschehen, so kamen eine Menge Vögel von allen Seiten herbei und auch der Vogelkönig erschien und fragte den Jungen, was er befehle. „Kannst du mir nicht sagen, wo die drei Vögel zu finden, von denen diese Federn sind „- „Die gehören nicht meinem Reiche an“ sprach der Vogelkönig, „gleich will ich aber bei meinem Volke fragen, ob niemand Bescheid weiß.“ Aber kein Vogel konnte Auskunft geben. „Fehlt niemand?“ fragte der König. Als man jetzt nachzählte, so fehlten drei Vögel, die kamen eben herbeigeflogen und waren sehr müde. „Wir hörten wohl den Ruf, aber wir konnten nicht so leicht kommen; denn wir waren am Weitende!“ sprachen sie und erzählten nun von den Wunderdingen, die sie gesehen, der eine vom kupfernen Drachen und kupfernen Vogel, der andere vom silbernen Drachen und silbernen Vogel und der dritte vom goldnen Drachen und vom goldnen Vogel, wie die Drachen sich gesonnt und wie die drei Vögel sie in den Schlummer gesungen hätten.
Das war dem Jungen sehr angenehm zu hören, und der Vogelkönig befahl, daß die drei ihm den Weg zeigen sollten. Auf seinem schnellen Roß war er bald an Ort und Stelle, und mit seinem Schwert erschlug er die Drachen alsbald, und der kupferne und silberne und goldne Vogel ließen sich leicht fangen. Der König freute sich sehr, als der Junge ihm nur einmal die Vögel brachte, und von da an liebte er ihn noch viel mehr; aber die anderen Knechte wurden um so neidischer und falscher und suchten immer, wie sie ihn verderben könnten. Da sprachen sie eines Tages wieder zum König: „Der Jungknecht hat sich gerühmt, es sei ihm ein leichtes, die schöne Meerjungfrau seinem Herrn zu verschaffen.“ Den König ergriff sogleich ein unendliches Verlangen, das schöne Weib zu besitzen; er ließ den Knaben vor sich kommen und sprach: „Wenn du in drei Tagen mir nicht die schöne Meerjungfrau bringst, so hat dein Leben ein Ende; bringst du sie aber, so sollst du mein halbes Königreich und meine Schwester zum Weibe bekommen!“ Der Junge freute sich über das letzte, wie er aber an das erste, an den schweren Auftrag dachte, ward er sehr betrübt. Da fragte ihn wieder sein Roß, warum er so traurig sei. Er erzählte ihm’s. „Gehe hin zum König und verlange von ihm ein ganz weißes Brot und eine Flasche vom besten Wein.“
Als der Junge das Brot und den Wein brachte, sprach das Roß wieder: „Nun setze dich auf mich und reite zum Meere !“ Als sie da anlangten, sagte es weiter: „Jetzt lege Brot und Wein ans Ufer, sobald das Meer dann anfängt zu steigen, wird die Meeresjungfrau kommen und vom Brot essen und vom Wein trinken. Sobald das geschehen, rufe gleich aus dem Versteck: „Gesehen, gefangen!“ aber ja nicht eher, als bis sie gegessen und getrunken, denn es wäre dann umsonst und sie verschwände schnell in der Flut, aber ja früher, als bis ihren Fuß wieder die Welle genetzt hat. Dann ist sie gebannt und muß uns zu Hofe nachfolgen.“
Also tat der Knabe, wie ihn das weise Roß gelehrt hatte. Die Jungfrau kam langsam, sah zuerst genau um sich, horchte, endlich trat sie aus dem Wasser ans Ufer, nahm von dem Brot und trank von dem Wein, und schon wollte sie zurück; nun erscholl der Ruf: „Gesehen, gefangen!“ Da stand sie bleich und festgebannt, und der Junge mit dem Roß sprang schnell hervor, grüßte sie schön und bat sie zu folgen, denn sie solle die Gemahlin seines Königs werden. Die Jungfrau folgte, weil sie mußte, aber sie trug mit sich großen Zorn. Als der König sie sah, grüßte er sie fein und freute sich sehr und hätte gerne bald Hochzeit gehalten; allein die Meerjungfrau blickte finster und sprach: „Zuerst mußt du mir noch meinen Fohlenhengst und mein Gestüte hieher schaffen.“ Da ging der König wieder zum Knaben und sagte: „Hast du mir die Meerjungfrau gebracht, so mußt du mir auch ihren Fohlenhengst und ihr Gestüte hieher rühren, sonst hat dein Leben ein Ende; ist das aber vollbracht, so will ich nichts mehr von dir verlangen, und dann sollst du den versprochenen Lohn haben!“
Der Knabe ward wieder ganz betrübt, und wie er so in den Stall kam, fragte ihn wieder sein Roß, was ihm fehle. Er erzählte ihm von dem neuen Auftrag, „Gehe zum König und verlange von ihm zwölf Büffelhäute und zwölf Pfund Harz, dann klebe diese zusammen und überziehe mich damit.“ Als das geschehen war, sprach das Roß weiter: „Jetzt sitze auf mich und ziehe ans Meer!“ Als sie da angekommen waren, sprach das Roß wieder: „Jetzt nimm meinen Halfter und verkrieche dich; dann will ich den Hengst herbeilocken und mit ihm kämpfen; wenn du siehst, daß er zur Erde fällt, so komme und lege ihm den Halfter an.“ Kaum hatte sich der Junge versteckt, so stampfte das Roß und wieherte. Nur einmal kam der Fohlenhengst herbeigerannt und schnaubte Feuer und Flammen; da fing der Kampf an; er durchbiß ein Büffelfell nach dem andern, als er aber das zwölfte durchbissen hatte, sank er vor Ermattung nieder; jetzt lief der Junge hinzu und legte ihm den Halfter an. „Nun schnell auf und davon!“ flüsterte ihm sein Roß zu. Der Junge schwang sich auf, und der Fohlenhengst mußte aufstehen und nachfolgen. Da stampfte er einmal gewaltig und wieherte so laut, daß es dem Jungen durch Mark und Bein ging. Nach einiger Zeit sprach das Roß : „Sieh zurück, merkst du nichts?“ – „Ich sehe eine Wolke aufsteigen.“ – „Das ist das Gestüt, wenn das uns erreicht, so sind wir verloren, denn wir werden von ihm zertreten!“ Da stampfte der Fohlenhengst noch einmal und wieherte. „Siehe zurück!“ sprach das Roß. „Ich sehe schon die vielen Pferdehäupter!“ Da rannten sie aus allen Kräften, und als sie durchs Schloßtor zogen, so stampfte der Fohlenhengst zum drittenmal und wieherte. Alsbald waren auch die Stuten da und kamen in den Schloßhof.
Der Junge aber hatte sein Roß schnell in den Stall gebunden und hatte dem König die Nachricht gebracht, der Auftrag sei vollführt; der freute sich sehr; die Meerjungfrau jedoch sah noch viel wilder und entsetzlicher aus als früher. „Bis du nicht alle Stuten gemolken und in der siedenden Milch dich gebadet hast, werde ich dein Weib nicht!“ Da kam der König wieder zum Knaben und sprach: „Melke die Stuten sogleich in einen großen Kessel, und wenn du es nicht tust, so ist dein Leben am Ende.“ – „O König“, sprach der Junge, „hältst du so dein Versprechen?“ Er ward traurig, ging in den Stall und klagte seinem Roß. „Was gibt es denn wieder?“ fragte dieses. Er sagte ihm vom neuen Auftrag. „Führe mich in den Hof, so wirst du gleich melken können!“ Kaum war das geschehen, blies das Roß aus seinem linken Nasenflügel solche Kälte heraus, daß die Füße der Stuten an die Erde anfroren; so molk der Knabe leicht, denn die Stuten standen ruhig wie Lämmer.
Als der Kessel voll war, machte man Feuer darunter, und als die Milch siedete, zitterte der König, denn er merkte, es könne sein Leben kosten. Da rief die Meerjungfrau: „Der Knecht soll zuerst baden, der mich und meinen Fohlenhengst und mein Gestüt hieher gebracht hat!“ Denn sie haßte ihn deshalb und wollte ihn zuerst verderben. „Ja“, rief der König, „nur schnell, steige hinein.“ Der Junge dachte: „Nun ist es aus mit dir“, und war ganz niedergeschlagen; „lasse mich nur einmal noch mein Roß sehen!“ Das wurde ihm gestattet. Als er hinkam, sagte ihm das Roß: „Führe mich nur zum Rande des Kessels und fürchte dich dann nicht.“ Also tat der Knabe, und sowie er in den Kessel stieg, blies das Roß auf einmal so viel Kälte hinein, daß die Milch lauwarm wurde; es dünkte ihn sehr gut, und er rief: „Wie tut das so wohl!“ Als der König sah, daß sein Knecht unversehrt blieb, bekam er Mut und sprach: „Heraus mit dir, daß ich jetzt einsteige.“ Kaum war der Junge heraus, so war auch der König schon drinnen, und das Bad schien ihm angenehm. Aber nun bliss das Roß aus dem rechten Nasenflügel auf einmal so viel Glut in den Kessel, daß die Milch gleich hoch aufsiedete und der König verbrannte.
Da lächelte die Meerjungfrau und dachte, der Junge werde nun ihr Gemahl werden, doch er ging hin und nahm. die Schwester des Königs; die stolze Meerjungfrau aber, die ihn hatte verderben wollen, machte er zu ihrer Dienstmagd. Als er nun Herr und König war, sagte das Roß zum Jungen: „Noch einen Dienst kann ich dir tun, setze dich auf mich und nimm den Fohlenhengst und alle Stuten und bringe dir den Schatz her.“ Da zog der Knabe hin und brachte den unermeßlichen Schatz, der unter dem Baum lag. Als das geschehen war, sprach das Roß; „Von nun an bedarfst du meiner nicht“, und verschwand vor den Augen des Jungen. Wahrscheinlich zog es wieder zu jenem alten Mann, seinem Herrn; die Meerjungfrau aber, ihren Fohlenhengst und ihre Stuten behielt der neue König immerfort in seinem Dienst und war reich und mächtig, glücklich und zufrieden.

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