Drachen in der Literatur

Andre Zeiten, andre Drachen (Christian Morgenstern)

Immer nicht an Mond und Sterne
mag ich meine Blicke hängen –:
Ach man kann mit Mond und Sternen,
Wolken, Felsen, Wäldern, Bächen
allzuleichtlich kokettieren,
hat man solch ein schelmisch Weibchen
stets um sich wie Phanta Sia.

Darum senk ich heut bescheiden
meine Augen in die Tiefe.
Hier und da ein Hüttenlichtlein;
auch ein Feuer, dran sich Hirten
nächtliche Kartoffeln braten –
wenig sonst im dunklen Grunde.
Doch! da drunten seh ich eine
goldgeschuppte Schlange kriechen …

Hochromantisches Erspähnis!
Kommst du wieder, trautes Gestern,
da die Drachen mit den Kühen
friedlich auf den Almen grasten,
wenn sie nicht grad Flammen speien
oder Ritter fressen mußten –
da der Lindwurm in den Engpaß
seinen Boa-Hals hinabhing
und mit grünem Augenaufschlag
Dame, Knapp und Maultier schmauste –
kommst du wieder, trautes Gestern?

Eitle Frage! Dieses Schuppen-
Ungetüm da drunten ist ein
ganz modernes Fabelwesen,
unersättlich zwar, wie jene
alten Schlangen, doch auch wieder
jenem braven Walfisch ähnlich,
der dem Jonas nur auf Tage
seinen Bauch zur Herberg anbot.

Feuerwurm, ich grüße froh dich
von den Stufen meines Schlosses!
Denn ob mancher dich auch schmähe,
als den Störer stiller Lande,
und die gelben Humpeldrachen,
die noch bliesen, noch nicht pfiffen,
wiederwünschte, – ich bekenne,
daß ich stolz bin, dich zu schauen.
Höher schlägt mir oft das Herze,
seh ich dich auf schmalen Pfaden
deine Wucht in leichter Grazie
mit dem Flug der Vögel messen
und mit Triumphatorpose
hallend durch die Nächte tragen.

Sinnbild bist du mir und Gleichnis
Geistessiegs ob Stoffesträgheit!
Gleichnis bist du neuer Zeit mir,
die, jahrtausendalter Kräfte
Erbin, Sammlerin, sie spielend
zwingt und formt, beherrscht und leitet!

Andre Zeiten, andre Drachen,
andre Drachen, andre Märchen,
andre Märchen, andre Mütter,
andre Mütter, andre Jugend,
andre Jugend, andre Männer –:
Stark und stolz, gesund und fröhlich,
leichten, kampfgeübten Geistes,
Überwinder aller Schwerheit,
Sieger, Tänzer, Spötter, Götter!

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Aufenthalt im Wasserreich (Ciruelo Cabral)

Durch Weingärten und Olivenhaine im Süden Frankreichs, vorbei an den bernsteinfarbenen Schlössern der Herren der Provence und an den rotgedeckten Häusern ihrer Untertanen entlang, floss die Rhone. Der stetige Strom ihres Wassers verriet nicht, dass sie Drachen beherbergte. Einer jedoch hauste in ihren Tiefen: Nahe der Stadt Beaucaire, wo die Rhone in Biegungen dem Meer zustrebte, war die Lagerstatt des Drac verborgen, eines riesigen, uralten Wesens; er verstand sich auf Zauberei, die er für seine eigenen blutigen Zwecke einsetzte.

Der Drac besaß eine Vorliebe für Menschenfleisch und machte sich ein Vergnügen daraus, Sterbliche zu jagen. Von Zeit zu Zeit verließ er den Fluss und begab sich zum Marktplatz von Beaucaire, wo er, für die geschäftigen Stadtbewohner unsichtbar, im Schatten der Platanen herumstrich, ein wachsamer Schatten zwischen Körben voller Fische und Bergen von Obst. Mit kalten, blassen Augen beobachtete der Drache die Hausfrauen, die mit den Händlern schwatzten; mit gekrümmten Klauen schnappte er sich dann geschwind ein unbeaufsichtigtes Kind.

Zum Zeitvertreib lockte der Drac manchmal auch Menschen in seinen Fluss. Einmal tat er dies zu einem seltsamen Zweck, und das geschah so:

An einem Sommernachmittag, als die Sonne unbarmherzig auf Stadt und Felder niederbrannte, ging eine junge Frau aus der Stadt zum Fluss, um die Kleider ihres Kindes zu waschen. Wie sie so ihrer Arbeit nachging, blickte die Frau über das glitzernde Wasser – und dann machte sie große Augen. Auf dem Wasser, nicht weit vom Ufer, schwamm ein goldener Becher. In dem prachtvollen Gefäß schimmerte eine Perle.

Ohne zu überlegen nahm sie den Köder an. Sie streckte die Hand nach dem hübschen Zierat aus, der Becher aber glitt außer Reichweite und glitzerte verführerisch im Sonnenlicht. Die Frau versuchte ihn abermals zu greifen; sie beugte sich über den Uferrand und verlor dabei das Gleichgewicht. Als sie fiel, griff eine Klaue nach ihr; wie eine Fessel schloss sie sich fest um die Taille der jungen Frau. Sie stöhnte und zappelte, aber gegen den Griff war sie machtlos. Sie fühlte, wie sie nach unten gezogen wurde. Während ihre Röcke sich mit Wasser vollsogen, warf sie einen letzten, verzweifelten Blick zum Ufer – sie sah, wie kleine Kleidungsstücke auf dem Gras am Fluss trockneten und das Kind, ganz allein, dasaß und wimmerte. Dann schlugen die Wasser der Rhone über ihrem Kopf zusammen.

Unerbittlich wurde sie in die kalten Tiefen des Flusses hinabgezogen, bis sie nichts wahrnahm als nasse Schwärze, durchbrochen von winzigen Lichtern, strahlend und glitzernd wie die Sterne am nächtlichen Himmel. Sie wurde ohnmächtig.

Als sie die Augen wieder aufschlug, befand sie sich in einer kristallenen Höhle. Vor den durchsichtigen Wänden wogten Wasserpflanzen, als wehe ein Landwind darüber hin. Fische schnellten vorbei. Neben ihr lag der goldene Becher, der sie verlockt hatte, und die Perle, die darin war. Und dann sah sie, wer sie gefangen genommen hatte. Riesenhaft und schimmernd hockte der Drache reglos neben dem Becher und betrachtete sie. Von seinem grünen, starren Blick gebannt, stand die Frau auf, und während sie dies tat, verblasste die Erinnerung an ihr Leben: Ihr kleiner Sohn, ihr Mann, ihr Haus im sonnigen Beaucaire, die Felder und Olivenhaine und die Stadt, das alles wurde zu winzigen Bildern, zu Miniaturen, an die sie sich undeutlich erinnerte, wie an Träume. Nur die Worte des Drachen ertönten in ihrem Kopf. Der Drac sprach mit einer Stimme, die wie ein Gong wiederhallte, und die Sterbliche gehorchte. Der Drache hatte der Frau aufgelauert, weil sie jung und gesund war – und weil sie ihren Sohn stillte. Der Drache brauchte Menschenmilch, um sein eigenes Gezücht, ein schwaches Drachenjunges, zu nähren. So wurde die junge Frau, in einem Zaubergespinst gefangen, die Sklavin des Drac und die Amme eines Drachen. Die Tage vergingen friedlich, und für die menschliche Gefangene in dem trüben Zwielicht der kristallenen Höhle unter dem Fluss war ein Tag wie der andere. Eingelullt von der Bewegung des Wassers draußen und vom Bann des Drachen, lebte sie wie in Trance. Sie säugte das Gezücht des Drac und hegte es, als sei es ihr eigener Sohn. Sie schlief, wann es der Drache gebot, und aß, was er ihr gab. Sie beobachtete die Bewegungen des Wassers durch die durchscheinenden Wände der Höhle, und mit der Zeit wurden ihr die Lebewesen der Rhone – der grün-gold gestreifte Hecht, der schlängelnde Aal, die flinke Forelle – vertraut wie einst die Bewohner von Beaucaire. Mit jedem Tag wurde ihr die Wasserwelt, die sie umgab,verständlicher und bekannter, als seien die Steine und Wasserpflanzen die Felder und Wälder ihrer vergessenen Heimat.

Ihre Sehkraft erhielt sie vom Zauber des Drachen, aber das wusste sie nicht. Jeden Abend rieb sie, wie ihr befohlen war, die Augen des Drachenjungen mit einer Salbe ein, die der Drac ihr gab. Die Salbe verlieh dem Kleinen den durchdringenden Drachenblick, und immer wenn die Frau sich ein Auge rieb, blieb etwas von der Salbe dort hängen, sodass sie ein wenig von der Zauberkraft des Geschöpfes empfing.

Sieben Jahre vergingen. Das Junge wurde groß und stark, und es kam der Tag, an dem der Drac keine Verwendung mehr für seine Gefangene hatte. Er tötete sie nicht, was er durchaus hätte tun können; aber sie hatte seinen Nachkommen genährt, und deshalb ließ er sie frei. Er belegte sie mit einem Bann des Vergessens und versenkte sie in Schlaf, bevor er sie durch den Fluss ans Tageslicht trug.

Die Frau wachte am Ufer in der Nähe ihres Hauses auf. Ein wenig verwirrt sah sie sich um, denn sie erinnerte sich an einen heißen, sonnigen Tag, als sie ihre Wäsche gewaschen und mit ihrem Kind gelacht hatte, das im Gras spielte. Jetzt aber war die Sonne untergegangen, und eines nach dem anderen flammten die Lichter der Stadt auf. Weder die Wäsche auf dem Rasen noch ihr Kind waren irgendwo zu sehen. Sie eilte über die Felder und durch die Straßen der Stadt.

Die Tür ihres Hauses stand offen, um die Abendkühle hereinzulassen, und die Frau ging hinein. Zwei Gesichter wandten sich ihr zu – das eines bärtigen Mannes und eines Knaben, der ihrem Mann glich, als dieser jung gewesen war. Einen Moment starrten sie sich gegenseitig an. Dann sprang der Mann mit einem gellenden Schrei auf. Während der Knabe mit geweiteten Augen zusah, umarmte der Mann die Frau. Er war ihr Ehemann, der sie ertrunken geglaubt und getreu sieben Jahre betrauert hatte. Er überschüttete sie mit Fragen, aber sie konnte keine Antwort geben, denn sie besaß keine Erinnerung an die Welt des Drachen. Der Knabe war ihr Sohn, aber er sprach nicht mit der bleichen, zerlumpten Fremden, ihre Schweigsamkeit schreckte ihn. Aber die Liebe des Vaters zu seiner Frau war so stark und seine Freude über ihre Wiederkehr so groß, dass der Knabe die Fremde allmählich als Mutter annahm. Und in den Wochen ihrer rätselhaften Wiederkehr gewöhnten sich auch die Nachbarn an sie. Ihre siebenjährige Abwesenheit blieb ihnen ein Geheimnis, und ihre Reden schreckten sie zuweilen. Sie träumte von Drachen, erzählte sie oft. Doch ihre Nachbarn waren liebenswürdige Menschen und ließen die Frau gewähren. Sie nahm ihr früheres geordnetes, friedliches Leben wieder auf, kochte und sorgte für den Mann und den Knaben und arbeitete mit den Leuten auf den Feldern. So hätte sie fortleben können, wäre nicht der Drachenblick gewesen. Eines Tages ging sie wie gewohnt auf den Markt, und dort, zwischen den Gemüseverkäufern und Fischhändlern, sah sie den Drac. Schuppig und schimmernd ragte er über den Stadtleuten auf. Sein Haupt reichte fast bis zu den Dachfirsten hinauf, und seine Augen schillerten grün, aber die geschäftigen Händler und ihre Kunden gingen nichtsahnend ihren Geschäften nach. Nur die Frau sah ihn. Als sie aufschrie, blickte er sie scharf an. "Siehst du mich, Sterbliche?", fragte eine Stimme in ihrem Kopf.

"Ich sehe dich, Drache", sagte sie laut, und in diesem Augenblick fielen ihr die ganzen verlorenen sieben Jahre wieder ein. Sie stand regungslos, als die Drachenklaue sich senkte und ihr das linke Auge zuhielt.

"Siehst du mich jetzt?", sagte die Drachenstimme. Sie sah ihn noch. Die Klaue wanderte zu ihrem rechten Auge,und wo der Drache gestanden hatte, sah sie nur den Marktplatz und ihre Mitmenschen. Folgsam sagte sie dem Drachen, dass sie ihn nicht mehr sehe. Sogleich durchfuhr ein blendender Schmerz ihren Kopf. Die Klaue hatte das Auge entfernt, das den Drachenblick besaß.

Halbblind lebte die Frau noch viele Jahre, und wieder und wieder erzählte sie ihre Drachengeschichte. Die Leute hielten sie für verrückt und schlugen ihre traurigen Warnungen in den Wind. So verschwanden Jahr für Jahr Kinder vom Marktplatz von Beaucaire und niemand wußte warum.

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Strahlende Götter des Ostens (Ciruelo Cabral)

Zur Zeit der Tangdynastie, vor mehr als tausend Jahren, war China ein Reich der Wunder, ein Land, wo die Künste eine Vollkommenheit erreicht hatten, von der die Völker des Westens nicht einmal träumen konnten. Die Hauptstadt Tschangan, geschützt durch hohe Mauern mit zahlreichen Toren, war von einem Netz breiter Prachtstraßen durchzogen, und unter den Ziegeldächern der Palastwerkstätten arbeiteten Handwerker, die groben Lehm in allerfeinstes durchscheinendes Porzellan zu verwandeln verstanden und stumpfes Erz in glänzende Skulpturen, so lebensecht, daß sie zu atmen schienen. Aus dem Gespinst der Raupen schufen sie hauchdünne Seidenstoffe, und mit Erde und Bäumen gestalteten sie Gärten von juwelengleicher Vollkommenheit. In einem solchen Garten, geschmückt mit stillen Seen, die angelegt waren, um Mond und Sterne zu spiegeln, mit Brückenbögen und luftigen Aussichtspavillons, lebten einst zwei Drachen. Dieser Garten, den der Eremit Lu Kuei Meng in seiner kunstvollen Handschrift beschrieb, gehörte einem Edelmann, der nicht weit von Tschangan auf dem Land lebte. Er war ein Sammler von Schätzen der Natur. Schwerfällige Pandas aus den Grenzgebieten Tibets verbargen sich scheu zwischen den Bambushalmen des Gartens, goldgefiederte Pfauen und Kicherdrosseln flatterten hinter seinen durchbrochenen Mauern, Yaks und mongolische Dromedare streiften durch seine Glyzinien, ein sibirischer Tiger trottete durch sein Teehaus, und in dem glasklaren, spiegelnden Teich hauste das Drachenpaar. Die Drachen, die mit allen Köstlichkeiten gefüttert wurden, die ein Sterblicher zu bieten vermochte, waren zahme, durch die Gefangenschaft träge gewordene Geschöpfe. Tag für Tag lagen sie regungslos auf einer künstlichen Insel im See in der Sonne, ihre blauen und roten Schuppen schillerten;ihre faltigen Lider waren über gelben Augen halb geschlossen. In kurzen Abständen glitten sie ins kühle Wasser und begaben sich ans Seeufer, wo große Schüsseln aus feinem Porzelan für sie standen, gefüllt mit Kormoran und Gans, gebratenen Schwalben und Haien, mit Ente und Schwein. Drachen, so berichtete Lu Kuei Meng, waren stets gefräßig:“Die großen Wale in allen Meeren reichen nicht aus, um den Appetit der Drachen zu stillen. “ Durch unentwegte Fütterung wurde das in Gefangenschaft gehaltene Paar sanftmütig und etwas von ihrer Drachennatur ging den beiden verloren:Inzwischen ganz und gar erdgebunden, hatten sie kaum noch Ähnlichkeit mit den wilden Geistern von Wind und Wasser, die sie einst gewesen waren. Eines Tages schwebte ein wilder Drache hoch über den Ziegeldächern der Palasthäuser. Als Herr des Windes bewegte er sich kreisend und tänzelnd nach Art des Drachenfluges mit mächtigen Schwingen auf den Luftströmungen. Schließlich erspähten seine weitblickenden Augen den Garten mit den silberblättrigen Weiden und den weißblühenden Pflaumenbäumen, und auf dem glasklaren See sah er zwei Wesen seiner Art, wie sie sich in der Sonne wärmten. Der Drache schwebte in gemächlichen Kreisen herab, bis er sich schließlich auf dem Dach des Teehauses niederließ, dessen First sich unter seinem Gewicht bog. Er beobachtete die gefangenen Drachen, er betrachtete die mit Speisen überhäuften Schüsseln, und mit hallender Donnerstimme begann er in seiner Sprache zu den beiden zu sprechen. „Fliegt mit mir in die Freiheit, Brüder“, sagte er. „Wohnt in den Tiefen der Gewässer und schwebt am Himmel. Rastet in Gefilden jenseits der Grenzen der Lüfte. Wir sind kein Spielzeug für Sterbliche, sondern Geister, die auf den Winden reiten und die Wolken vor sich herblasen. “ Doch die Drachen des Edelmannes waren verdorbene Kreaturen;es ist durchaus möglich, daß ihre erschlafften Schwingen die Fähigkeit zu fliegen verloren hatten. Sie öffneten die Augen, als das wilde Wesen sprach, doch ihre schweren Kiefer blieben auf dem warmen Felsgestein im See liegen. Die goldenen Augen schlossen sich langsam wieder. Die Drachen rührten sich nicht. Abermals sprach die donnernde Stimme:“Wer bei Menschen lebt, wird für Menschen sterben. “ Und mit seinen ausladenden Schwingen die Luft umgreifend, erhob sich der wilde Drache und schwebte kreisend höher und höher in den tiefblauen Himmel hinein, bis er den Blicken entschwand. Drachen besaßen die Gabe der Vorhersehung, und die Prophezeiung erfüllte sich. Lu Kuei Meng schildert in seinem Bericht nicht, wie es dazu kam, aber der Palast des Edelmannes wurde gestürmt und geplündert, die Bewohner wurden hingerichtet, die Menagerie geschlachtet. Nur die kostbaren Drachen ließ man am Leben. Sie wurden in Ketten nach Tschangan geschafft, in einem Triumphzug durch die breiten Prachtstraßen geführt und anschließend zum Palast des Kaisers gebracht, wo man die Wundertiere den gelangweilten Höflingen zur Unterhaltung vorführte. Danach wurden die Drachen geschlachtet und verzehrt.

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Die Prinzessin in der Drachenburg (Sigrid Früh)

Es war einmal ein König, der war groß und mächtig. Über viele Reiche und Länder herrschte er. Er hatte einen ein zigen Sohn. Als dieser herangewachsen war, zog er hinaus in die Welt, um sich eine Braut zu suchen. Aber wohin er auch reiste, nirgendwo fand der Königssohn das Mädchen, dessen Bild er in seinem Herzen trug. Endlich gelangte er auf den Gipfel eines hohen Berges. Dort stand ein Turm, und in diesem Turm wohnte ein ururalter Mann, dessen Bart bis zum Erdboden reichte. Der Alte aber war ein Sternseher, und als der Königssohn ihm gesagt hatte, daß er nach einer Braut suche, da nahm er sein Fernrohr und schaute hindurch und sprach: „Deine Braut ist eine Prinzessin, die in einer Burg von drei Drachen gefangengehalten wird. Die Burg aber steht auf einem hohen Berg inmitten einer einsamen Insel, die von Stürmen umtobt ist. Es ist schwer, dorthin zu gelangen, und es ist noch schwerer, die Drachen zu besiegen.“
Der Prinz dankte dem Weisen, schwang sich auf sein Roß, nahm sein scharfes Schwert in die Hand und vertraute auf Gott.
Als er so lange, lange Zeit in der Welt umhergeritten war, begegnete ihm eines Tages eine alte Frau, die fragte ihn, wohin er gehe. Als sie vernahm, daß er zu der Burg der drei Drachen wollte, sprach sie: „Oh, es ist schwer, mit den Drachen zu streiten. Aber wenn du mir einen Dienst erweisen willst, so will ich dir gerne helfen. Wisse, ich hatte eine Tochter, die war die schönste weit und breit. Als sie herangewachsen war, da kam ein Drache geflogen und raubte sie mir. Seitdem bin ich um die ganze Welt gewandert und habe sie gesucht. Ich habe sie bis zum heutigen Tage nicht gefunden. Suche sie mir auf deinem Wege, und ich will dir ein Döschen wunderkräftiger Salbe geben. Wenn du damit deinen Leib bestreichst, wird Kraft in dich zurückkehren, die dich verlassen hat.“
Der Jüngling dankte der Alten, versprach, nach ihrer Tochter zu suchen, und ritt weiter in die Welt hinaus. Als er so viele, viele Tage und Nächte in der Welt herumgeritten war, begegnete ihm eines Tages ein alter, gebrechlicher Mann, und der Königssohn sah, daß ihn großer Kummer plagte, und fragte ihn nach der Ursache seiner Betrübnis: „Ach“, antwortete der Alte, „siebenmal bin ich um die Welt gereist und über die Meere gezogen und habe nach dem Schatz gesucht, den mir ein Drache geraubt hatte. Doch all meine Mühe war vergebens.“ „Ich bin auf dem Wege zur Burg der drei Drachen, denn dort ist ja meine geliebte Braut. Wenn ich deinen Schatz finde, so will ich ihn dir gerne bringen.“ „Der Himmel segne dich, mein Sohn. Hier, nimm diesen Beutel mit Samen. Wenn du diese Samenkörner gegen harten Felsen wirfst, so wird er zerspringen.“ Der Königssohn dankte dem Alten, gab seinem Roß die Sporen und ritt weiter in die Welt hinaus. Er ritt und ritt, viele Tage und viele Nächte ritt er so dahin. Endlich gelangte er zum Meeresufer. Weit draußen in der Ferne sah er die felsige Dracheninsel. Traurig setzte er sich am Ufer nieder, denn wie sollte er jemals hinüberkommen? Auf einmal kam ein riesengroßer schwarzer Rabe geflogen und sprach mit menschlicher Stimme: „Wer bist du? Was willst du hier an diesem öden Strand ?“ „Ich möchte auf diese Insel dort hinübergelangen und meine Braut von dem Drachen befreien, denn sie wird ja in der Drachenburg gefangengehalten.“
„So bist du der Königssohn, auf den ich schon einundzwanzig Jahre warte. Steig auf meinen Rücken, und ich werde dich hinüberbringen.“
Der Jüngling stieg auf den Rücken des Raben, und dieser flog mit ihm schneller als der Wind durch die Lüfte. Der Weg aber war weit, und dem Vogel erlahmten die Kräfte. Der Königssohn aber nahm von seiner Salbe und bestrich den Leib des Raben damit, und siehe, dessen Kräfte kehrten wieder zurück, und er brachte ihn heil auf die Felseninsel. Der Königssohn dankte dem Vogel und kletterte an den steilen Felsen empor. Auf einreal kam ein dreiköpfiger Drache herbeigeflogen, und er spie Rauch und Feuer und Schwefel. Rasch bestrich der Prinz seinen Leib mit der wunderkräftigen Salbe, und er kämpfte mit dem Untier. Nach langem Gefecht gelang es ihm, die drei Köpfe des Drachen abzuschlagen. Voller Freude betrat er nun die Burg, und da saß in einer Kammer die Prinzessin. Sie war so wunderschön, wie der Jüngling noch nie eine gesehen hatte, und sie war schöner als ihr Bild, das er in seinem Herzen getragen hatte. Sie war voller Freude, als sie den dreiköpfigen Drachen tot am Boden liegen sah. Dann aber sprach sie: „Wir müssen auf der Hut sein, denn bald kommen die beiden andern Drachen zurück, und wenn sie dich sehen, verschlingen sie dich mit Haut und Haar!“
Kaum aber hatte sie diese Worte gesprochen, da hörte man ein Sausen und Brausen in der Luft. Ein Drache mit sechs Köpfen kam geflogen und spie Feuer, Rauch und Schwefel. Schnell bestrich der Jüngling seinen Leib mit der wunderkräftigen Salbe, und nach langem, langem Kampf gelang es ihm, dein Drachen alle sechs Köpfe abzuschlagen. Glücklich umarmte und küßte ihn die Prinzessin. Dann aber sprach sie: „Eile, verstecke dich in der Truhe. Gleich wird der dritte Drache kommen, und der ist schrecklicher als die beiden ersten.“
Kaum hatte der Königssohn den Truhendeckel über seinem Haupt geschlossen, da hörte man auch schon ein Sausen und Brausen gleich einem Erdbeben. Herein kam der dritte Drache geflogen, und er hatte neun Köpfe und spie Feuer und Flammen, Rauch und Schwefel und schrie mit gewaltiger Stimme: „Es riecht nach Menschenfleisch!“ „Nein, nur ein Rabe hat einen Menschenknochen fallen lassen“, sprach die Prinzessin.
Da setzte sich der Drache an den Tisch und fraß neun Stiere, die er vorher gefangen hatte. „Diese Nacht träumte mir, es käme ein alte Frau und fragte mich, wo ihre Tochter geblieben sei“, sagte die Prinzessin. „Das war dein Glück. Hättest du gesagt, daß du es selber bist, ich hätte dich gefressen bei lebendigem Leib.“ „Und dann träumte mir von einem Mann, der war sieben Jahre um die Welt gereist und hat doch nie mehr seinen Schatz gefunden.“
„Das war dein Glück. Hättest du ihm gesagt, daß ich es selber bin, der seinen Schatz besitzt, so hätte ich dich gefressen, ungesotten und ungebraten.“
Unterdessen hatte der Königssohn alles wohl vernommen und sich den Leib mit dem Rest der wunderkräftigen Salbe bestrichen. Er sprang mit einem Male aus der Truhe und kämpfte mit dem Drachen. Lange, lange tobte der Kampf.
Endlich aber gelang es ihm, dem Drachen alle neun Köpfe abzuschlagen. Zu Tode ermattet sank der Königssohn nieder. Da bestrich ihm die Prinzessin die Stirn mit ein wenig Drachenblut, und sogleich kehrte wieder alle Kraft in ihn zurück, und sie gingen miteinander in die Schatzhöhle. Dort aber war das Tor mit einem riesigen Felsbrocken verschlossen. Da gedachte der Jüngling seiner Samenkörner und warf sie gegen den Felsen. I)a zerbarst dieser mit gewaltigem Krachen und gab die Schatzkammern des Drachen frei, die unermeßliche Mengen Gold, Silber und kostbarer Geschmeide bargen. Sie fanden auch den Schatz des alten Mannes. Da rief der Prinz nach dem Raben und gab ihm von dem Drachenblut zu trinken, denn von der Salbe war nichts mehr übrig geblieben. Der Rabe wurde davon so stark, daß er den Prinzen und die Prinzessin samt all ihrer Schätze ans andere Ufer tragen konnte. Noch ehe die beiden ihn danken konnten, hatte er sich in die Lüfte erhoben und ward nicht mehr gesehen.
Bald aber begegneten sie dem alten Mann, und der war froh und glücklich, seine Schätze wieder zu haben. Es dauerte nicht lange, so begegnete ihnen auch die alte Frau, die Königin, die ihre lichter in die Arme schloß. Alle zogen sie dann zusammen an den Königshof, in dem der Vater des Jünglings regierte. Am selben Tage noch wurde dort die Hochzeit gefeiert. Viele Tage und viele Nächte lang feierte und jubelte das Volk, und wenn sie nicht gestorben sind, so feiern sie noch heute.
[Märchen aus Norddeutschland]

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(Publius Ovidius Naso) Kadmus in Illyrien

Kadmus, besiegt durch Gram und gereihete Übel des Hauses,
Und durch künftigen Grams Vordeutungen, ging, der Erbauer,
Aus der eigenen Stadt; als ob ihn der Gegenden Schicksal,
Nicht das seinige drängt‘; und lang‘ umirrend erreicht‘ er
Nun das illyrische Land mit Harmonia, seiner Genossin.
Als sie, von Leid und Alter gebeugt, nachdenken des Hauses
Erste Geschick‘, und beid‘ im Gespräch auffrischen die Drangsal:
Sollte vielleicht, sprach Kadmus, der Drache da, den ich durchbohrte,
Gar ein geheiligter sein? damals, wie ich, kommend von Sidon,
Streute die Natternzähn‘, als neue Saat, in das Erdreich?
Wenn ihn sorgsame Götter gerächt mit so treffendem Zorne;
Mög‘ ich doch selbst auf dem Bauch als langer Drache mich winden!

Sprach’s, und er dehnte den Bauch, ein langgewundener Drache;
Und die gehärtete Haut, er fühlt’s, umzog sich mit Schuppen,
Und sein dunkeler Leib ward blau mit Tropfen gesprenkelt.
Vorwärts sinkt auf die Brust er hinab; und beide vereinigt
Ziehn sich die Bein‘ allmählich gewölbt zur gerundeten Spitze.
Noch sind die Arm‘ unverwandelt; die noch unverwandelten streckt er,
Und mit Tränen beströmend das auch noch menschliche Antlitz:

Komm, mein Weib, komm näher, Erbarmungswürdige! sprach er;
Weil noch etwas von mir nachbleibt, berühre mich! nimm doch,
Traute, die Hand, da sie Hand noch ist, nicht alles mir Schlang‘ ist!
Mehreres strebt zu reden der Greis; doch die Zunge verdünnt sich
Plötzlich, und hebt zweispaltig: wie sehr er sich mühet, die Worte
Stocken ihm, und wie er ringt, doch einige Klage zu geben,
Zischet er; diesen Laut erteilete jetzt die Natur ihm.

Schlagend die Brust mit der Hand, die enthüllete, ruft die Genossin:
Kadmus, o bleib, und wind‘, Unseliger, dich aus dem Scheusal!
Kadmus, wie nun? wo geblieben der Fuß! wo die Händ‘ und die Schultern?
Wo das Gesicht, und die Farb‘, und, indem ich plaudere, alles?
Götter, warum nicht mich zur ähnlichen Schlange verwandelt?

Als sie es sprach, da leckt er das Antlitz seiner Gemahlin,
Und in den teueren Busen, als ob er sie kennete, schlüpft er,
Windet sie ein, und schlängelt, wie lange vertraut, zu dem Hals‘ auf
Wer sich genaht von den Ihrigen, schaut mit Entsetzen. Doch jene
Streichelt den schlüpfrigen Hals des purpurkämmigen Drachen.
Plötzlich wurden es zwei; und sie gehn, in verschlungenen Ringeln,
Schlängelnd einher, bis die Kluft des grenzenden Waldes sie aufnahm.

Jetzt auch fliehn vor den Menschen sie nicht, noch kränken sie feindlich;
Eingedenk, was sie waren, sind noch die friedsamen Drachen.

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Dragons of sumemr

Dragons of Summer

As summer’s heat penetrates earth and soil,
dragons awaken as their bodies uncoil.
A warmth of life causing myths to arise,
to take up on wings of fantasy mount to the skies.
Hot summer winds blow as dragons soar by,
belching out sulferous flame as over the low hills they fly.
The sky is blackened by many a horned back and leathern wing,
over the lands they soar while of nature they sing.
A melodious chant on the back of the wind,
spun on golden throat strings that echo without end.
Shining backs like gemstones and beacons of light,
to reflect upon mountains and hills as they pass over in flight.
Ancient legends now flock to fill the sky,
with great leathern winged myths grinning as they soar by.
As daylight passes into evening and then into beautious night,
they soar off into the sunset in a single glorious flight.

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Miolnir

Miolnir

Dragons do not die. They sleep
And watch, and dream of the world they left behind.
Not the magic sword, the jewel and the skimpy maiden
But the naked figure with the power of the mind
As their only weapon, and the upraised hand
And the maiden choosing a wiser way than marriage
When there is knowledge to be won.

Dragons need no gold. They hoard words.
Sentences and clauses are kept tight in their teeth.
For they duel not with foolish steel, but with Words
The ones that shaped the molten world, and make
Swords softer than clay with one taunt.
Their riddles tie men’s bones in knots
Leaving them helpless under quivering curses.

Dragons use no wings. They fly
On the winds they call for themselves, and the imagination
Of the ones who speak them forth, seeking runes
Long forgotten, but strumming with their mouldering power.
They soar beyond worlds, through time, outside of space
Where mockery cannot touch and there is only the taste
Of stars like candles waiting to be blown out. 

Dragons fear no man. The knights
They have seen have only faith in the weapons given
By well meaning wizards, who do not know the ancient Law
That Love and Honour are the only armour for a hero
And that Ignorance and Fear are his only foes.
They only see the swirling magic light, the orb, the stone
And do not reach beyond for their Power.

Dragons breathe no fire. Theirs is the flame
That kindles in the heart and inspires the hand to create
Or the mind to wonder, or the eyes to roam beyond
And see the colours in the dark, or the song in the air.
Theirs is the burning light that guides the seeker
and brings the Shadow to be faced
That all who seek may be made whole.

© Joanna Berry 2000

Dieses Gedicht wurde augestellt mit freundlicheGenehmigung von
http://www.dragonsight.net

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Waterdragons

Water Dragons

Cool salty seas wash over their realm,
deep blue waters of beauty yield to wooden ship’s helm.
From the water’s depths to the sky they gaze,
and swim it’s mirrored waves.
They dwell in the cool dark depths,
masters of all they survey.
Yet their power wanes at the surface,
when water yields up to air.
Beyond this point they hold no power,
and can only threaten and glare.
Kings and queens of their element,
the royalty of watery serpents they are.
Deep blue scales as bright as jewels,
glitter from off their backs,
as they swim across realms they rule.
Agile and graceful as their brothers of the sky,
through the clear blue ocean they fly.
In undersea castles and coral caves they dwell,
to hoard collections of treasures from ancient cultures that fell.
And rarely from the ocean waves they will rise to peak beyond the swell,
and forever in the lucky viewer’s heart, 
will the visage of the water dragon dwell.

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Drachentraum (Karin Roth)

Wieder einmal lief sie hinaus in den Wald,
ihre Seele fühlte sich einsam, verlassen und kalt.
Im Haus, hatte sie Angst, fürchtete gar um ihr Leben,
nur die Stille konnte ihr in solchen Momenten
Frieden geben.
Nun saß sie da, auf einen Baumstumpf
Morsch und sehr alt,
niemand, so wußte sie,
konnte ihr geben noch halt.
Sie weinte still und leise vor sich hin
Sah in ihrem Leben, keinerlei Sinn.
Da begann ganz sanft in ihren Gedanken,
eine Lied zu erklingen,
sie blickte langsam auf
wollte sehen woher kam dieses Singen.
Was sie erblickte ließ sie vor Angst erstarren,
sie konnte sich nicht mehr bewegen
der Blick der grünen Augen ließ sie stumm verharren.
Ein Wesen sie sah
Aus Fabeln und Legenden
nun dachte sie , so wird also mein Leben hier enden.
Vor ihr da stand ein rießiger Drache in leuchtenden Farben aus Licht,
Menschenfrau sprach er, hab keine Angst, fürchte dich nicht.
Die Stimme die in ihr erklang
war voller Liebe und erweckte Vertrauen
so begann sich langsam
ihre Angst abzubauen.
Warum bist du mir erschienen
Sprach sie nun den Drachen zögerlich an,
seine Augen begannen zu leuchten,
zogen sie in seinen Magischen Bann.
Menschenfrau, so hub der Drache in sanfter Stimme an,
ich konnte spüren wie dein Kummer begann,
ich hörte dich so oft weinen,
bemerkte dein tiefes Leid
fühlte mich zu zeigen, war es nun endlich an der Zeit.
Ich möchte dir helfen,
deine Kummer zu lindern,
niemand könnte mich jetzt noch daran hindern.
Ich komme aus den Wolken, aus einer anderen Zeit,
der Ruf deiner Trauer
hat die Dimensionen durcheilt.
So weißt du denn nicht ,
was du warst in einem früheren Leben,
warst eine von uns hast uns die Freude an Träumen gegeben.
So eilte ich her um dir zu helfen in deiner Not,
damit du nicht suchst
deinen Ausweg im Tod.
Ich bin ein Wesen
Aus Magie und Zauberei
eile jedem verzauberten Wesen
zur Hilfe herbei.
Blick in die tiefen deiner Seele sprach der Drache nun weiter,
da findest du einen Zauber
der bringt dich dann weiter.
Blick tief hinein..lass dich führen durch meinen Gesang,
wir werden dann Fliegen
über die Wolken entlang.
Er schloß die Augen,
begann seine Flügel auszubreiten
bereit, auf den Wolken schwerelos zu gleiten.
Ein Gesang ertönte, so zauberhaft rein,
da wußte die Frau
sie wollte ein Drache wieder sein.
Die Frau hörte zu
nahm die seltsame Weise in sich auf,
begann  sich zu Träumen
auf die Wolken hinauf.
Als sie öffnete die Augen da schwebte sie hoch oben über allem Leid,
und wusste nun war es wieder an der Zeit.
So flogen sie gemeinsam
ihrer alten Welt entgegen
sie wusste
auf sie wartete ein verzaubertes Leben.
Doch als sie erwachte
war sie wieder zu Haus
Das Leben ging weiter
doch sie brach daraus aus.
Sie dachte an Drachen
an verzauberte Orte
und lernte zu geben
anderen ihre eigenen Worte.
Sie ließ sich nicht mehr binden ,
setzte nun ihren Willen endlich ein,
doch im inneren
würd sie so gerne wieder
Ein Drache auf den Winden sein!

© Aquamarin

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The Sacrifice (deutsch) (Der Doktor)

The Sacrifice

Teil 1: Aufbruch

Sie öffnete ihre Augen…
In ihrem Zimmer herrschte Halbdunkel, da die Sonne noch nicht ganz aufgegangen war. Denya stand auf und ging zum Fenster, um sich nach dem Lärm zu erkundigen, der sie aufgeweckt hatte. Es schien sich um eine große Menschenmenge auf dem Platz unter dem Fenster ihres Hauses zu handeln…
Nun, es war nicht wirklich ein "Haus" – es war mehr eine Burg. Denya war die Tochter von Baron Leoric und Baronin Margareth, den Herrschern kleiner Ländereien irgendwo im Osten des Kontinents.
Als sie an ihr Fenster kam, sah sie die vermutete Menschenmenge auf dem Platz vor dem Burgtor. Es sah so aus, als würden die Soldaten ihres Vaters sich auf irgend etwas vorbereiten…
Sie zog sich an und ging hinunter zum Thronsaal (natürlich war er nicht so groß, wie die Thronsäle der Könige, aber besser als gar nichts), wo sie schon ihre Eltern entdeckte, die hektische Anweisungen an unzählige Leute erteilten – sie sahen sehr beschäftigt aus.
Ihr Vater Leoric hatte seine besten Jahre bereits hinter sich. Er war 53 Jahre alt, hatte langes schwarzes Haar und einen gleichfarbigen Bart – graue Strähnen waren im Haar des strengen, aber gutherzigen Mannes noch nicht zu erkennen.
Ihre Mutter Margareth sah nicht sehr anders aus: Sie war zwei Jahre jünger als ihr Mann und ein wenig kleiner, doch auch sie trug lange schwarze Haare und, wie ihr Mann, eine schwarze Robe – Schwarz war die Lieblingsfarbe der beiden.
Noch eine Sache, die sie beide gemeinsam hatten, waren ihre magischen Fähigkeiten. Da es im gesamten Königreich keine talentierteren Magier gab als Denyas Eltern, wurden sie oft für entsprechendes Entgelt von anderen Baronen oder gar Königen gerufen, um die verschiedensten Aufträge auszuführen, die normalerweise unmöglich gewesen wären. Dennoch, sehr häufig mussten sie ihre magischen Fähigkeiten nicht einsetzen.
Nun, ihre Eltern hatten sehr viel Zeit für sie und gaben ihr nahezu alles, was sie sich wünschte. Sie durfte frei in der Stadt umherwandern und tun und lassen, was sie wollte. Mit einer Ausnahme: Sie durfte niemals und unter keinen Umständen die Stadt verlassen.
Sicherlich war die Stadt nicht allzu klein und es gab viel zu entdecken, doch manchmal stand sie einsam auf den Stadtmauern und ließ ihren Blick in die Ferne schweifen. Sie war nicht unglücklich in der Stadt, doch der Wunsch, hier hinaus zu kommen war immer da gewesen. Natürlich hatte sie darüber nachgedacht einfach wegzulaufen, doch sie verwarf den Gedanken immer wieder – sei es, weil es keinen unbewachten Ausgang aus der Stadt gab oder weil sie ihre Eltern, die immer so nett zu ihr waren, nicht betrügen wollte – sie hatte versprochen, niemals zu fliehen.
Also lebte Denya ihr Leben in der Burg für 20 lange Jahre – bis heute…
"Guten Morgen, Mutter, Vater! Sagt mal, was macht ihr hier?" fragte sie.
Ihr Vater drehte sich um und sagte mit seiner tiefen, vollen Stimme: "Guten Morgen, Schatz! Gut geschlafen?"
"Ja, danke, aber sag mir: Was soll das alles hier? Habt ihr wieder einen Auftrag bekommen?"
Er lächelte. "Ich denke, du erinnerst dich an dein Versprechen, diese Stadt niemals zu verlassen?"
"Natürlich… wieso fragst du?" fragte sie verwirrt.
"Heute werden wir dir erlauben, es zu brechen."
Sie verstand nicht. "Was meinst du?"
Ihre Eltern grinsten nur.
"Ihr meint, ich darf aus der Stadt raus? Heute? Oh, Mutter, Vater, das ist wundervoll!"
Margareth sagte: "Wir haben dich zu lange in diesem alten verstaubten Gebäude festgehalten. Es ist nun Zeit, hier raus zu kommen und die Welt zu sehen."
"Aber ihr habt immer gesagt, es wäre zu gefährlich dort draußen…"
"Oh ja, ist es auch noch! Wir werden natürlich auch mit dir kommen. Du musst dich vor absolut nichts fürchten, Denya!"
"Aber… wieso gerade jetzt? Wieso haltet ihr mich hier 20 Jahre lang fest, nur um mich dann einfach so gehen zu lassen?" fragte sie skeptisch.
"Du bist nun alt genug. Es sind zwar immer noch böse Menschen dort draußen – aber du bist nun so erfahren, dass du auf dich selbst aufpassen kannst. Außerdem wollten wir dir zu deinem 20. Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk machen – und der ist ja schließlich in 6 Tagen."
Damit war alle Skepsis beseitigt.
"Oh, das ist das schönste Geschenk, das ihr mir je gemacht habt."
Mit diesen Worten umarmte sie ihre beiden Eltern und brach in Tränen aus.

Am Nachmittag gab ihr Vater noch eine Rede vor der Stadtbevölkerung, in der er den Grund ihres Aufbruchs beschrieb und ihre Rückkehr in 12 Tagen ankündigte. Er übergab die Stadt einem seiner Ratgeber für die Zeit ihrer Abwesenheit und dann brachen sie auf. Denya bekam eine Gänsehaut, als sie durch die großen Stadttore ritten – das war es, wovon sie all die Jahre geträumt hatte. Aber es ging so schnell… 20 Jahre – und nun, einfach so? Außerdem fragte sie sich, wieso ihre Eltern 20 ihrer Wachen mit sich nahmen – normalerweise reisten sie alleine. Sie fragte ihren Vater.
"Deine Sicherheit ist unser größtes Anliegen. Wir könnten es nicht ertragen, wenn dir etwas zustößt. Und wir können nicht immer bei dir sein – selbst Magier müssen schlafen." Er lächelte.
"Es ist nur zu deiner Sicherheit", wiederholte er.
"Aber ihr habt gesagt, ich wäre alt genug, um auf mich selbst aufzupassen!" protestierte sie.
"Wir sind immer noch besorgt um dich – und wir wollen natürlich nichts riskieren, Denya."
Obwohl es ihr etwas seltsam erschien, zuckte sie nur mit den Schultern, ritt weiter und genoss ihre neue Freiheit.

 

Teil 2: Reise

Sie reisten nun schon seit zwei Tagen auf dieser Straße, immer in Richtung der Berge. Sie schliefen immer im Wald und abseits der Straße. Denya fragte sich, warum, doch ihr Vater sagte nur, es sei zu gefährlich, direkt am Straßenrand zu rasten, da viele Räuber sich hier nachts umhertreiben würden und dass es zu teuer wäre, mit 23 Mann in einer Taverne zu übernachten. Es war zwar nicht sehr komfortabel, in einem Zelt zu schlafen, aber da dies eine völlig neue Erfahrung für Denya war, verdrängte eine Sache die andere.

Thomas hatte Wache. Die Bäume ragten hoch über ihm als dunkle Schatten auf und die Geräusche des nächtlichen Waldes umgaben ihn. Seine Wachperiode war fast vorbei – bald würde er gehen, Daniel wecken und ihm die Wache übergeben. Er war sehr müde und freute sich bereits darauf, in einem warmen Schlafsack zu liegen, so unangenehm dieser auch sein mochte.
Doch plötzlich hörte er ein Geräusch aus dem Gebüsch links von ihm – ein seltsames Grunzen. Ein Wildschwein? Oberste Priorität hatte die Sicherheit von Denya… und Wildschweine können sehr gefährlich sein. Er weckte Daniel.
"Hey, Daniel!"
"Wasislos?" murmelte Daniel noch halb im Schlaf.
"Ich glaub da ist irgendein Tier dort drüben in den Gebüschen. Vielleicht ein Wildschwein."
Schon wieder dieses Grunzen. Daniel war sofort wach.
"Nein… nein, das ist kein Wildschwein! Ich war bereits auf Wildschweinjagden, die klingen ganz anders, glaub mir."
"Nun, was könnte es dann sein?"
"Ich weiß nicht" – er pausierte – "Lass es uns rausfinden!"
Thomas war nicht sehr erfreut darüber, in den dunklen Wald zu gehen – aber er wollte nicht erleben, wie Margareth und Leoric reagieren würden, wenn ein wild gewordenes Wildschwein durch das Lager rennt und alles demoliert.
Sie entzündeten ihre Fackeln, zogen ihre Schwerter und gingen in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Nach 100 Metern kamen sie an eine Felswand, in der ein Höhleneingang zu sehen war.
"Denkst du, es kam von da drinnen?" fragte Thomas.
"Ich weiß genauso viel wie du, Daniel! Aber ich würde zu gerne wissen, was in dieser Höhle ist…", antwortete er mit einem neugierigen Unterton – und ging hinein.
"Daniel, bist du wahnsinnig? Komm zurück! Lass uns lieber gehen und die anderen wecken!" flüsterte Thomas – vergeblich.
Schon bald wurde Daniel von der Dunkelheit verschlungen und später auch das Licht seiner Fackel, während Thomas noch unschlüssig vor dem Höhleneingang stand. Einerseits hatte er zu große Angst, in die Höhle zu gehen, andererseits wollte er seinen Freund nicht alleine lassen.
Plötzlich sah er einen hellen Lichtblitz im Inneren.
"Daniel! …Oh, verdammt!!!"
Thomas schluckte seine Angst hinunter und ging in die dunkle Höhle.
Der Gang wurde immer breiter und höher, bis er schließlich 8 Meter hoch und 6 Meter breit war. Schon bald sah er auch das Licht von Daniels Fackel. Er rannte los und rief: "Daniel, was ist…"
Er brach seinen Satz abrupt ab. Daniel konnte ihn nicht mehr hören. Die Fackel lag auf dem Boden – neben den verbrannten Überresten von Daniels Körper. Thomas stand einfach nur da. Einen Moment… Zwei… Dann kniete er sich neben der Leiche nieder. Der Geruch von verbranntem Fleisch stach ihm in die Nase und er fühlte, als ob er sich bald übergeben müsste.
Was zur Hölle hatte das getan?
Nun verfluchte er sich nochmals – er hätte Hilfe holen sollen, bevor er in diese Höhle ging. Das Wesen, das Daniel so zugerichtet hatte, musste immer noch hier in der Nähe sein. Wahrscheinlich, um dasselbe mit ihm zu tun… Er stand hastig auf – nur, um etwas zu sehen, was er vorher noch nie erblickt hatte. Seine Augen weiteten sich voller Schrecken. Er konnte nicht schreien. Er konnte sich nicht bewegen – er war wie versteinert.
Es herrschte eine schreckliche Stille.
Danach das grässliche Geräusch splitternder Menschenknochen.
Und wieder Stille…

Kampfgeräusche weckten Denya. Sie lag in ihrem Zelt und hörte die Schreie der Soldaten ihres Vaters, der Pferde und von etwas anderem, etwas sehr seltsamen. Ein Geräusch wie ein lautes, wütendes Quieken. Sie stand auf, um draußen zu sehen, was los wäre – nur um von ihrem Vater zurück ins Zelt gedrängt zu werden.
"Geh rein und bleib da, das hier ist nichts für unerfahrene Jugendliche wie dich!", schrie er. Und schon war er wieder draußen und rief irgend etwas.
Also setzte sie sich hin und wartete, ein wenig verletzt durch die Worte ihres Vaters. Was hatten sie noch vor zwei Tagen gesagt? "Du bist nun alt genug, um auf dich selbst aufzupassen!"?
Plötzlich konnte sie einen grellen Lichtblitz durch die Zeltplane hindurch sehen. Danach kam wieder das Quieken – diesmal ein Laut des Schmerzes. Dann Stille. Ihre Mutter kam herein. Sie hatte Schweiß auf ihrer Stirn.
"Du kannst jetzt rauskommen – es ist nun sicher."
Als sie nach draußen ging, offenbarte sich ihr eine schreckliche Szenerie: In ihrem Lager lagen die Leichen einiger Wachen. Der süßliche Geruch des Todes hing in der Luft. Und in der Mitte des Rastplatzes lag der Körper des größten Wildschweins, das sie je gesehen hatte. Es war mindestens doppelt so groß wie die Wildschweine, die von den Jägern immer in die Stadt gebracht wurden.
Das Tier war mit Pfeilen gespickt – doch das Wildschwein war nicht durch die Pfeile gestorben, sondern durch den magischen Blitz ihrer Eltern, der seine Seite getroffen hatte.
"Oh, ihr Götter!" flüsterte sie.
In der Nähe standen ihre Eltern und sprachen mit einem der Wächter.
"Wie viele haben wir verloren?" fragte ihr Vater den Mann.
"Fünf sind tot. Und wir sind immer noch auf der Suche nach Daniel und Thomas.", antwortete der Soldat, Barlic war sein Name, erinnerte sie sich.
"Verdammt!"
"Gibt es hier viele solcher Biester?" fragte Denya.
"Ich denke nicht", sagte Barlic, "dies ist bei weitem das größte Wildschwein, das ich je gesehen habe!"
"Aber wieso sollte es herkommen und uns angreifen? Und was ist mit Daniel und Thomas?" – die beiden hatten sie oft bei ihren Ausflügen auf die Stadtmauer begleitet und waren zwei ihrer besten Freunde.
"Wir denken, dass Thomas Daniel aufweckte, dann mit ihm in den Wald ging, wo dann dieses Wildschwein… Es tut mir leid, ich weiß, sie waren eure Freunde. Wir suchen noch ihre Leichen", antwortete er traurig.
Alle waren still, als ein Ruf von der anderen Seite des Lagers kam: "Wir haben sie gefunden!"
Sofort gingen Denyas Eltern und Barlic in diese Richtung. Sie folgte ihnen. Als sie näher kam, sah sie dann die Leichen von Daniel und Thomas.
Daniels Körper war ganz verbrannt und stank fürchterlich. Ein schrecklicher Anblick. Doch Thomas‘ Leiche war viel schlimmer: Thomas war an seiner Taille in zwei Hälften gerissen worden. Eingeweide hingen aus seinem Körper – aber nicht nur seine Leiche war schlimm anzusehen… es war der Blick in seinen Augen… Reiner Schrecken und Todesangst lag in den weit aufgerissen Augen. Sie ertrug es nicht: Sie drehte sich um und erbrach auf den Boden. Ihre Mutter kam zu ihr.
"Tut mir leid für dich – es muss schrecklich sein, so früh mit dem Tod konfrontiert zu werden… und auf diesem Art und Weise…"
"Hast du den Blick in seinen Augen gesehen?" fragte Denya.
"Ja…", antwortete Margareth leise.
"Ein Wildschwein kann so etwas doch nicht machen!?"
"Ich weiß nicht…"
"Ein verdammtes Wildschwein kann nicht einfach so Leute verbrennen!" rief sie und zeigte auf Daniels verbrannte Leiche.
Auf einmal fragte ihr Vater Barlic: "Wo habt ihr sie gefunden?"
"Ähm… in einer Höhle in dieser Richtung", antwortete dieser mit einer entsprechenden Geste.
"Ich möchte sie mir ansehen… jetzt!"
Der Soldat war kurz irritiert, dann befolgte er den Befehl ihres Vaters und ging in den Wald. Leoric folgte ihm. Margareth wandte sich wieder Denya zu: "Ich werde mit ihnen gehen. Du bleibst hier, hier ist es sicher!" Versprichst du mir das?"
Zuerst wollte sie widersprechen. Dann rollte sie jedoch mit den Augen und sagte: "Ja, Mutter."
"Gut!" Damit ging Margareth in den Wald.
Es schien alles irgendwie nicht zusammen zu passen: Der verbrannte Körper von Daniel, der Blick in Thomas‘ Augen, das Riesenwildschwein… Das seltsame Verhalten ihrer Eltern nicht zu vergessen.
Irgend etwas stimmte hier nicht!

Eine Stunde später kehrten ihre Eltern zurück.
"Also, habt ihr irgend was rausgefunden?" fragte Denya neugierig.
"Die Höhle war leer", antwortete Leoric.
"Nun, was könnte dann Daniel und Thomas getötet haben?"
"Ein Mensch natürlich, wahrscheinlich irgendein Magier. Woran dachtest du denn?"
"Kein menschliches Wesen könnte einem Soldaten wie Thomas solche Angst einjagen! Geschweige denn, ihn in zwei Teile reißen!"
"Unterschätze einen Magier nicht! Wir wissen nicht, was Thomas gesehen hat – und vielleicht werden wir es auch nie wissen! Also denk nicht mehr darüber nach!" antwortete Margareth. "Wir brechen bald auf, also pack deine Sachen zusammen!"
Denya war mit den Antworten ihrer Eltern überhaupt nicht zufrieden. Warum sollte ein Magier mitten im dunkelsten Wald zwei Menschen attackieren? Und was war jetzt mit dem Wildschwein? Doch sie fragte nicht mehr, sie kannte ihre Eltern zu gut – sie würde jetzt keine Antworten mehr bekommen.

Die 13 noch übrigen Wachen waren bald damit beschäftigt, das Lager abzubauen und sich für die Weiterreise vorzubereiten. Doch es herrschte eine drückende Atmosphäre zwischen ihnen. Sie hatten einige ihrer Freunde verloren und ihre Herren wollten nun einfach weiter reisen, als ob nichts passiert wäre. Es kam ihnen sehr seltsam vor, doch Denya konnte ihre Eltern ziemlich gut verstehen – auch sie wollte so schnell wie möglich weg von diesem schrecklichen Ort.
Schließlich beerdigten sie ihre Kameraden und hielten eine Schweigeminute. Dann ging es mit ihrer Reise in die Berge, die am Horizont bereits zu sehen waren, weiter. Aber heute waren alle in einer miesen Stimmung und es wurde wenig geredet – am wenigsten über die Ereignisse der letzten Nacht.

Am vierten Tag reisten sie durch ein mittelgroßes Dorf. Einige der Leute sahen von ihrer Arbeit auf, um die Reisenden zu beobachten. Denya sah Bauern, Schmiede, Händler, junge Mädchen und Kinder, die auf den Straßen spielten – alles ging seinen gewohnten Gang. Doch eine Person stach aus der Menge heraus: Ein alter Mann mit weißem Vollbart und roter Robe. Er sah aus wie ein Magier. Und er sah sie mit einem Ausdruck im Gesicht an, den sie noch nie zuvor gesehen hatte: Sein Gesicht drückte nichts aus. Nichts! Kein Zeichen von Interesse, Hass, Liebe oder sonstigen Gefühlen. Er sah sie nur mit seinem kalten Gesichtsausdruck an. War dies der Magier, der Daniel und Thomas getötet hatte? Hatte er das Wildschwein in ihr Lager gesendet?
Auf einmal wurde ihr Pferd unruhig und bäumte sich auf. Sie versuchte, es schnell mit guten Worten zu beruhigen. Doch als sie wieder in die Richtung des alten Mannes sah, war dieser verschwunden.
"Schatz, was ist denn passiert?" fragte ihre Mutter.
"Nichts, nichts, mein Pferd wurde nur kurz unruhig. Alles in Ordnung… hast du diesen komischen alten Mann mit der Robe dort drüben gesehen?"
"Nein – alter Mann?"
"Er stand einfach nur da", sie zeigte auf den Punkt, wo der Mann eben noch gestanden hatte, "und sah mich seltsam an."
"Hm… wir verhalten uns besser vorsichtig – vielleicht war es ja nur ein verrückter alter Mann… aber man weiß ja nie."
Dann wollte sie nichts mehr sagen und schien für den Rest des Tages in Gedanken versunken.

Diese Nacht verbrachten sie in einem Gasthaus direkt an der Straße. Denyas Vater sagte, es wäre nun doch zu gefährlich, in den Wäldern zu schlafen – vielleicht war er doch besorgter über den alten Mann, als er zugab.

Und diese Nacht hatte Denya einen Traum:
Sie sah zwei Magier einen magischen Kampf austragen. Einer davon war ihr Vater Leoric. Den anderen kannte sie nicht, aber sie glaubte, ihn von irgend woher zu kennen.
Dann sah sie den alten Mann mit der roten Robe aus dem Dorf. Er sprach zu ihr ohne seine Lippen zu bewegen: Komm zu mir… Komm… Komm zu mir, Denya… Denya…
Dann sah sie einen dunklen Berg bei Nacht. Der große volle Mond stand direkt über der Bergspitze, hell scheinend. Doch plötzlich färbte er sich rot, so als ob jemand Blut über die Oberfläche des Mondes gießen würde. Und Stimmen erklangen, flüsternd: "Tod…Tod…Tod". Und als der Mond immer mehr mit Blut überzogen wurde, stieg auch die Lautstärke der Stimmen. Schließlich schien ein blutroter Mond auf den Berg und die Stimmen schrien:
"TOD"
Das Geschrei war unerträglich laut.
"TOD"
Sie wollte sich die Ohren zuhalten.
"TOD"
Sie wachte auf…
"Tod"
Es echote in ihrem Kopf.
"Tod…"
Ihr Atem ging schnell.
Ihr Herz pochte, als ob es aus der Brust springen wollte.
Ein seltsamer Traum, dachte sie.
Sie hörte ein Geräusch von draußen – ein Rascheln. Sie ging zu ihrem Fenster. Doch das Einzige, was sie sah, war der Rand des Waldes vor ihr. Aber war da nicht ein Schatten in den Büschen? Sie versuchte, genauer hinzusehen, doch eine große Müdigkeit überfiel sie auf einmal, genauso wie der Gedanke, dass es gut wäre, wieder ins Bett zu gehen. Ihr letzter Gedanke vor dem Einschlafen war: Nur ein Traum! Nur ein Schatten in den Wäldern! Nichts wichtiges…

Am nächsten Tag reisten sie durch offenes Gelände. Es war ein klarer, sonniger Tag und die Gemeinschaft war in guter Laune, ohne irgend welche Gedanken bei den Geschehnissen der vergangenen Tage. Sogar Denyas Eltern, die sich bis jetzt sehr still und zurückgezogen verhalten hatten, waren in scherzhafter Stimmung und sie lachten mit Denya und ihren Soldaten. Ihr Traum war schon fast vergessen. Immer noch hallte der Gedanke Nur ein Traum! Nichts wichtiges… in ihrem Gedächtnis. Deswegen, und weil sie nicht die Stimmung ihrer Eltern verderben wollte, erzählte sie keinem etwas davon. Also reisten sie weiter, mit den Bergen vor und der Trauer hinter sich.
Um die Mittagszeit reisten sie wieder auf einer Straße am Rande eines Waldes, als auf einmal etwas sehr beunruhigendes passierte:
Eine dunkle Wolke erschien direkt über ihren Köpfen – aus dem Nichts. Sie begann zu wachsen und schon bald erstreckte sich ein weiter dunkler Teppich über ihren Köpfen und grollender Donner war zu hören. Alle saßen auf ihren Pferden, den Kopf im Nacken, jeder mit einem alarmierten oder leicht verängstigten Gesichtsausdruck – besonders Denyas Eltern.
Dann setzte ein schwerer Regen ein und sie alle waren binnen Sekunden bis auf die Haut durchnässt.
"Das… das ist nicht gut!" sagte einer der Soldaten.
Ein anderer erwiderte: "Hey, das is nur’n Sturm! N‘ bisschen Regen und Donner werden uns schon nich umbringen!"
Es war bittere Ironie, dass gerade dieser Mann vom ersten Blitz getroffen wurde. Der Blitz war eine lebende Verbindung zwischen den dunklen Wolken und dem armen Pferd und seinem Reiter, welcher zuckte und schrie. Nach einigen Sekunden sanken beide, Reiter und Pferd, qualmend und tot zu Boden.
Und dann brach Panik aus…
Die Pferde drehten durch und rannten voller Panik durcheinander – die Soldaten verhielten sich nicht anders.
Sie konnte Leoric schreien hören: "ZIEHT ALLE METALLISCHEN GEGENSTÄNDE AUS UND WERFT EUCH FLACH AUF DEN BODEN!"
Ein anderer Soldat wurde vom Blitz getroffen. Die Wolke, die sicherlich nicht natürlichen Ursprungs war, schien sich ihre Opfer auszusuchen, als ob sie von irgend einer unbekannten Kraft gelenkt werden würde.
Denyas Pferd bäumte sich auf und warf sie in den Schlamm, wo sie wegen den Anweisungen ihres Vaters auch liegen blieb. Sie beobachtete das Chaos um sie herum – alles schien wie in Zeitlupe abzulaufen: Sie sah einige Wachen, die versuchten, von ihren Pferden herunter zu kommen und ihre Rüstungen abzulegen – einige von ihnen waren nicht schnell genug und wurden von den mächtigen Blitzen getötet oder von ihren eigenen Pferden nieder geritten.
Plötzlich sah sie ein wild gewordenes Pferd direkt auf sich zustürmen. Sie rollte sich zur Seite, nur den Bruchteil einer Sekunde, bevor einer der Hufe direkt neben ihrem Gesicht auf den Boden schlug und Schlamm aufwirbelte.
Dann stoppte der Regen.
Sie sah auf – die dunkle Wolke war weg… einfach verschwunden! Sechs Wachen hatten die magische Attacke überlebt. Die anderen waren verbrannt, nieder geritten worden oder waren geflohen. Sie sah ihre Eltern auf sie zu rennen.
"Denya, geht es dir gut?", fragte ihre Mutter mit besorgter Miene.
Aber Denya antwortete nicht. Sie starrte nur geradeaus, direkt zwischen ihre Eltern hindurch. Was sie sah verursachte aus irgend einem Grund eine unaussprechliche Furcht in ihr.
"Mutter? Vater?"
Sie drehten sich um und sahen es auch. Der alte Mann in der roten Robe stand ungefähr 50 Meter von ihnen entfernt und schaute ihnen zu.
Dann explodierte er.
Er zerplatzte zu einer großen Wolke aus roten Partikeln, die sich im Kreis zu drehen begannen, wie ein bizarrer Tornado.
Sie hörte die erstaunten und angstverzerrten Schreie der Wachen – hatte aber nur für das wundervolle Spektakel ein Auge.
Bald schon war eine Silhouette in der Wolke zu erkennen. Ein großer Schatten.
Dieser Schatten schien mehr und mehr an Konsistenz zu gewinnen, während die Wolke an Dichte verlor. Sie konnte schon einige Details in dem riesigen Schatten erkennen – und begann an sich selbst zu zweifeln.
Nein… Nein! Das… das ist unmöglich! Das ist nicht wirklich!, dachte sie – aber sie beobachtete die Transformation, die sich vor ihren Augen abspielte, weiter. Wurde sie verrückt? Sie sah kurz zu ihren Eltern hinüber – aber deren Gesichter sagten ihr, dass sie alle dasselbe sahen.
Es waren nur ein paar Sekunden – ihr kam es vor wie mehrere Stunden – bis die Verwandlung beendet und sie sich sicher war, keine Halluzinationen zu haben.
Das war real! Ein lebendiger roter Drache stand 50 Meter entfernt von der kleinen Gruppe Menschen. Er war 30 Meter lang und hatte riesige, fledermausartige Flügel, deren Spannweite mindestens ebenso lang war. Er hatte viele Stacheln auf seinem Rücken, lange Hörner auf dem Kopf, einen langen Hals, scharfe Klauen… Ja… das IST ein wirklicher Drache, dachte sie. Keine Täuschung, keine Magie, keine Illusion – Realität!
Und der Drache sah SIE an.
Das einzige, was Denya tun konnte, war, in die smaragdgrünen Augen der Kreatur zu starren. Sie wusste nicht, was sie aus diesem Blick lesen sollte. Er war nicht sehr angsteinflößend oder hasserfüllt. Er war nur in gewisser Weise faszinierend. Auf einmal breitete der Drache seine Flügel aus und begann in ihre Richtung zu fliegen.
"OH IHR GÖTTER, ER WIRD UNS ALLE TÖTEN! FLIEHT! FLIIIEEEHT!" schrie einer der Soldaten und verursachte eine weitere Panik zwischen seinen Kameraden. Die Wachen begannen in verschiedene Richtungen zu rennen. Dann kam der Drache. Er öffnete sein Maul und spie eine weiße Flamme, die den Soldaten Barlic und einen anderen Mann in Asche verwandelte.
Das war zu viel für sie. Sie drehte sich um und lief voller Panik in den Wald. Sie konnte nicht mehr sehen, wie ihre Eltern zum magischen Gegenschlag mit Feuerbällen ansetzten, was dem Drachen nichts ausmachte. Und sie konnte nicht sehen, wie der Drache ihr interessiert zusah, als sie in den Wald floh.
Sie rannte, wie nie zuvor in ihrem Leben. Zweige peitschten ihr ins Gesicht und hinterließen blutige Schnitte – sie beachtete den Schmerz nicht und rannte weiter. Weg von dem Tod, weg von dem Feuer. Schließlich fand sie sich auf einer Lichtung im Wald wieder. Sie war völlig außer Atem, legte die Hände auf die Knie und atmete tief durch. Doch irgend etwas war falsch… sie hörte nichts – keine Tiere, keine Vögel…nichts! Nur der Wind, der in den Bäumen raschelte. Doch… da war kein Wind. Die Bäume bewegten sich nicht.
Denya war wie versteinert, als der gigantische Schatten über ihr auftauchte.
Das Letzte, woran sie sich erinnerte, bevor sie ihr Bewusstsein verlor, war, wie sie von zwei riesigen Klauen durch die Luft getragen wurde…

 

Teil 3: Prophezeiung

Ein roter Mond…
Der Gestank des Todes…
Das Feuer…
Die grünen Augen…
Große, grüne Augen…
Sie lag auf hartem aber ebenem Felsen. Zunächst war sie praktisch blind. Dann gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Sie lag in einer Höhle, starrte an die Wand vor ihr und versuchte, sich zu erinnern, was passiert war – und wieso sie hier lag. War alles nur ein böser Traum gewesen?
Sie hörte ein Geräusch hinter sich und drehte sich um. Da lag der große rote Drache, den Eingang der Höhle blockierend und sie beobachtend. Sofort überschwemmten sie die Erinnerungen. Sie stand schnell auf und ging langsam rückwärts, bis sie mit dem Rücken an die Höhlenwand stieß. Der Drache beobachtete sie einfach nur. Dann hörte sie sich selbst denken:
Habe keine Angst!
Aber sie hatte Angst! Warum dachte sie so etwas?
Ich werde dir nichts tun.
Warum dachte sie solch seltsame Dinge? War sie nun vollkommen durchgedreht? Doch da kam ihr eine Idee:
"Sprichst… sprecht ihr mit mir?", fragte sie den Drachen und kam sich ein wenig lächerlich dabei vor.
Sie dachte…
Nein…der Drache sagte: Ja
"Ihr sprecht zu mir… durch meine Gedanken?"
Ich habe keine Stimmbänder so wie deine Spezies, also muss ich mich auf andere Weise für dich verständlich machen, Denya.
Es kam ihr vor, als würde sie mit sich selbst reden. Doch dann erinnerte sie sich an ihre Situation.
"Woher wisst ihr meinen Namen? Warum habt ihr mich hierher gebracht? Wieso habt ihr uns angegriffen?", fragte sie ärgerlich.
Deine Rasse stellt immer so viele Fragen auf einmal…, dachte sie ein wenig amüsiert – das war verrückt!
Nun, ich weiß viel über dich, Denya, und ich habe dich hergebracht, weil ich dich beschützen will – ich musste die anderen Menschen dafür leider töten.
"Aber ich war die ganze Zeit über in Sicherheit – bis ihr mit euren magischen Tricks aufgetaucht seid! Ihr wart die einzige Gefahr auf meiner Reise!"
Es wurde immer verrückter: Sie stand vor einem echten Drache, der sie jederzeit auf 1001 verschiedenen Wegen umbringen konnte – und sie war drauf und dran, ihn zu beschimpfen und so sehr wütend zu machen. Aber sie hatte seltsamerweise keine Angst – und nun war es sowieso zu spät, um damit aufzuhören. Doch zu ihrem Erstaunen wurde der Drache nicht wütend, sondern…lächelte! Nun, das Zeigen seiner großen scharfen Zähne schien ein Lächeln zu sein – obwohl es wahrscheinlich selbst im Herzen des mutigsten Kriegers eine Panik verursacht hätte.
Du bist wütend – ich verstehe das, Denya. Aber du musst mir glauben!
"Wieso sollte ich euch glauben, Drache? Ihr habt mich entführt, mich von meinen Eltern getrennt und ihr haltet mich in einer dunklen Höhle gefangen!"
Zu allererst: Du bist nicht gefangen. Wenn du gehen willst: Dort ist der Ausgang aus meiner Höhle.
Er zeigte mit einer seiner Klauen auf den Höhleneingang, durch den ein wenig Tageslicht einströmte.
Doch bevor du gehst, solltest du noch etwas über deine Eltern erfahren.
Zuerst war sie nur erstaunt: Der Drache entführte sie, nur um sie kurze Zeit später wieder laufen zu lassen?
"Ihr würdet mich gehen lassen? Einfach so?"
Der Drache nickte.
Sie dachte nach.
"Was sollte ich über meine Eltern wissen?"
Leoric und Margareth sind nicht deine Eltern.
Sie sagte zunächst nichts.
Das ist nicht wahr… nein, das ist nicht wahr! Der Drache lügt… ja, es muss eine Lüge sein…, dachte sie. Aber sie war nicht ganz so überzeugt davon, wie sie hätte sein sollen…
VERDAMMT, DENYA, DAS KANN EINFACH NICHT WAHR SEIN!, scholt sie sich selbst – wie konnte sie sich durch so eine billige Lüge in Zweifel bringen lassen?
Nachdem sie eine Zeit lang still mit sich selbst gerungen hatte, fragte sie dann trotzdem: "Könnt ihr diese Aussage beweisen, Drache?"
Ich denke schon… doch dazu musst du mir vertrauen!
"Ich frage euch noch mal, Drache: Wieso sollte ich euch trauen, nach all dem, was passiert ist?"
Nun… ich habe dich nicht getötet…
Das war ein guter Grund… Wenn er sie töten wollte, warum sollte er solche Spiele spielen?
"Und wie wollt ihr es beweisen?", fragte sie tonlos.
Ich kenne einen magischen Spruch, der dir bereits vergessene Erinnerungen zurück bringen kann.
"Aha… aber sagt mir: Wie soll das beweisen, dass meine Eltern nicht meine Eltern sind?", fragte sie ärgerlich.
Ich kann dir dabei helfen, die Erinnerung an deine wirklichen Eltern und wie sie von Leoric und Margareth umgebracht wurden, zu suchen.
"Meine… sie töteten meine "richtigen" Eltern? Das ist absurd!", sie lachte – doch es klang nicht sehr überzeugend.
Tu es oder lass es – es ist deine Entscheidung… doch ich verspreche, dass ich dir nichts tun werde.
Sie dachte drüber nach… was könnte er schon mit ihr machen? Was würde passieren? Es würde schon nicht von Nachteil sein…
"Nun gut – zeigt mir, was ihr mir zu zeigen habt. Obwohl ich bezweifle, dass ihr die Wahrheit sprecht."
Ich kann dir nur zeigen, was du schon weißt, was jedoch tief in deinem Gedächtnis vergraben liegt. Leg dich hin!
Sie zögerte einen Moment – dann tat sie, wie der Drache gesagt hatte und legte sich auf den harten Boden. Der Drache bewegte eine seiner Krallen in ihre Richtung. Plötzlich überkam sie eine Panik. Ihr Herzschlag und ihr Atem wurden schneller. Sie dachte: Er wird mich töten, oh ihr Götter, er wird mich in tausend Stücke zerfetzen…
Ich muss deinen Kopf berühren, um den Spruch ausführen zu können. Hab keine Angst!
Und sie beruhigte sich wirklich. War das eine Art von Magie?
Nun entspanne dich und schließe deine Augen, Denya!
Da sie sich nun aus irgendeinem Grund wieder beruhigt hatte, war es kein Problem für sie, sich zu entspannen. Und als sie ihre Augen schloss, beachtete sie die Klaue des Drachen, die ihr Gesicht sanft berührte, überhaupt nicht mehr.

Sie fand sich selbst in einer Art Korb liegen. Es schien wie eine Erinnerung aus ihrer frühen Kindheit… Sie konnte sich nicht bewegen und nicht sprechen – nur der Szene, die sich vor ihr abspielte, zusehen: Sie sah einen großen, schlanken Mann in einer weißen Robe, der vor ihrem Korb stand. Er sah sie nicht an, sondern schien sich auf einen Punkt außerhalb ihrer Sichtweite zu konzentrieren. In ihren Augenwinkeln sah sie eine Frau, die ihren Korb hielt und ihr beruhigende Worte ins Ohr flüsterte. Dann sah sie einen anderen Mann in ihrem Sichtfeld erscheinen – es war ihr Vater, Leoric. Er sagte etwas:
Du Narr, du hast keine Chance gegen meine arkanen Kräfte! Gib mir das Kind jetzt gleich und vielleicht werde ich dein wertloses Leben und das deiner Frau verschonen.
Der andere Mann antwortete:
Nein! Du wirst mich schon umbringen müssen, um Denya in deine dreckigen Pranken zu bekommen, Bastard!
Denya konnte sich nicht helfen, sie KANNTE diese Stimme von irgendwoher. Leoric sprach wieder:
Es wird mir ein Vergnügen sein, dich zu töten, Narr!
Die beiden Männer begannen sich zu umkreisen. Dann sah sie das Gesicht des fremden Mannes. Es war der gleiche Mann wie in ihrem Traum gestern Nacht – und die gleiche Szene. Und wieder erschien er ihr seltsam vertraut. Mit einem konzentrierten Gesichtsausdruck starrte er in die Augen seines Feindes. Leoric auf der anderen Seite lächelte böse und schien von dem Verhalten seines Opfers amüsiert.
Dies war nicht ihr Vater, wie sie ihn kannte…
Aber der andere…
Er sah kurz in ihre Richtung, lächelte entschlossen – und dann überwältigte Denya die Erkenntnis, wer ihr wirklicher Vater war… in diesem Blick lagen Gefühle für sie – ehrliche Gefühle… die Gefühle eines Vaters. Und nun schleuderte er einen Feuerball in Leorics Richtung, fest entschlossen, seine kleine Tochter zu verteidigen. Leoric wich blitzschnell aus und begann nun seinerseits, ihren Vater mit Zaubersprüchen zu bombardieren. Doch Denya konnte weder dem magischen Kampf, noch den Schreien ihrer Mutter Aufmerksamkeit schenken. Sie war in Trance, nicht in der Lage, klar zu denken. Ihr Kopf war leer – so unglaublich leer.
20 Jahre Betrug…?
Was ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich zog, war Leoric, wie er zu Boden sank.
Gibst du auf?, fragte ihr Vater.
Lass mich drüber nachdenken…, antwortete Leoric mit einem seltsamen Lächeln auf den Lippen.
Denya wollte ihren Vater warnen, doch sie konnte nichts tun. Einen Moment später wurde er von einem Blitz in den Rücken getroffen, welcher ihn sich auf dem Boden vor Schmerzen winden ließ. Margareth erschien von links.
Hm… nein!, sagte Leoric sarkastisch und stand auf.
Dann zog er einen Dolch, ging zu ihrem Vater und zog seinen Kopf bei den Haaren zurück. Ohne ein Wort zu sagen, schnitt er ihrem Vater die Kehle durch. Ihr Vater röchelte und ein Schwall warmen, roten Blutes ergoss sich auf die Erde. Er sank zu Boden, wo er starb – ertrunken an seinem eigenen Blut.
Denya wollte schreien, sie wollte ihre Augen schließen, sie wollte diesen Alptraum anhalten – doch sie war immer noch machtlos. Dann sah sie ihre Mutter, wie sie sich vor dem Korb aufstellte. Denya wusste, was nun kommen würde, doch alles, was sie tun konnte, war Oh nein! Nein, bitte, nicht! zu denken. Doch ihre Mutter wurde von Leoric hart zur Seite gestoßen. Sie war nun für Denya außer Sicht, doch sie konnte ihren "Vater" sehen, wie er sich neben dem Korb hinkniete. Seine Hände begannen zu glühen und er senkte sie beide mit einem Blick sadistischer Erwartung nach unten. Dann hörte sie die Schreie ihrer Mutter. Die Schreie waren nicht mehr menschlich, als Leoric sie zu Tode folterte. Denya dankte den Göttern, dass sie diese schreckliche Szene nicht mit ansehen musste. Dann kam Margareth wieder in ihr Sichtfeld. Sie beugte sich über ihren Korb und lächelte.
Hallo Denya, meine kleine Tochter!

Sie war wieder in der Drachenhöhle. Doch sie war immer noch wie versteinert. Aber sie wollte sich nicht bewegen, nicht sprechen, nicht schreien. Der Drache sah ihr zu, als eine Träne ihr Gesicht herab lief und auf dem Boden des harten Felsens der Höhle zerplatzte.
Ich weiß, das muss hart für dich sein. So früh mit Tod und Gewalt konfrontiert zu werden… es tut mir leid.
Margareth hatte vor ein paar Tagen fast dasselbe zu ihr gesagt. Nein… er wusste nicht, wie hart es für sie war… er konnte den inneren Schmerz, den sie fühlte, nicht nachempfinden.
Dein Vater war ein guter Mann. Ich habe ihn schon vor deiner Geburt gekannt.
Sie sah auf.
Er rettete mein Leben, als deine Mutter gerade schwanger war. Ich hatte schlimme Verletzungen, als dein Vater mich in den Wäldern fand. Er pflegte mich eine Woche lang, bis ich wieder geheilt war. Ich war ihm natürlich dankbar und wollte mich bei ihm revangieren. Doch das Einzige, was er von mir haben wollte, war ein Versprechen. Ich musste ihm versprechen, sein Kind nach dessen Geburt zu beschützen – dich!
Sie sah ihn ungläubig an.
"Und wo wart ihr dann die 20 Jahre meines Lebens? Wo wart ihr, als meine Eltern starben?", Tränen füllten wieder ihre Augen.
Ich kam zu spät…
Sie schrie: "Aber ihr gabt das Versprechen, mich zu beschützen! Warum seid ihr nicht bei meinen Eltern geblieben? Warum habt ihr sie alleine gelassen?"
Mit Menschen zusammen leben. Das ist keine Leben für einen Drachen!, diesmal waren wütende Emotionen in seinen Gedanken.
Und ich habe geschworen, dich zu beschützen, nicht sie. Du warst die letzten 20 Jahre in Sicherheit. Doch jetzt nicht mehr – also habe ich dich vor Leoric und Margareth gerettet.
"Sie waren beide immer freundlich zu mir… ich kann das nicht glauben! Wieso sollten sie mich wie ihr eigenes Kind behandeln? Und warum muss ich gerade jetzt vor den beiden "gerettet" werden?"
Das ist noch eine Sache, die du über dich wissen musst… Ich bin sicher, dass deine Eltern dir nie über die "Prophezeiung" erzählt haben!?
Noch mehr schreckliche Dinge, die ich erfahren muss…, dachte sie.
"Nein, haben sie nie…"
Lass mich erzählen:
Vor 30 Jahren hatte jede Kreatur mit magischen Fähigkeiten auf diesem Planeten, seien es Magier, Zwerge, Elfen oder auch Drachen, den gleichen Traum: Einer der alten Götter sprach zu uns. Er sagte, dass da ein Kind geboren werden würde. Ein Kind, das jedem die Gabe der Unsterblichkeit geben würde, wenn er es in der Nacht zu dessen 20. Geburtstag auf dem alten Druidenberg opfern würde. Und wenn es geboren wird, würde jeder wissen, wo er das Kind finden könnte. Und wirklich – 10 Jahre später fühlten alle eine extrem starke magische Präsenz, die alle Magier in ihre Richtung zog.

"Ich bin dieses Kind…" – es war keine Frage.
Der Drache lächelte ein trauriges Lächeln.
Ja…
Ich weiß nicht, warum die Götter das taten. Ich würde sagen, es ist eines ihrer grausamen Spiele mit dieser Welt. Vielleicht dachten sie, es wäre spaßig, zu sehen, wie sich Menschen, Zwerge, Elfen und Drachen gegenseitig abschlachten, nur um ein Kind in die Finger zu bekommen und es später zu opfern… Doch sie rechneten nicht mit der Macht von Leoric und Margareth. Die beiden belegten dich mit einem Spruch, der diese attraktive Kraft blockierte. Und der magische Kontakt zu dir wurde von allen verloren. Doch die Götter reagierten nicht, – niemand kennt die Wege, die sie gehen – also bliebst du 20 Jahre lang unentdeckt. Ich wusste, wo du zu finden warst, doch selbst ich kann gegen eine ganze Stadt voll Soldaten und Magiern nichts ausrichten. Darum musste ich bis jetzt warten.

Irgendwie wusste Denya, dass der Drache die Wahrheit sagte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass diese Kreatur log. Und die Geschichte passte auch perfekt zu ihrem Traum von letzter Nacht…
Sie wusste, dass ihr Leben sich durch die Dinge, die sie gerade gesehen und gehört hatte, komplett verändern würde, doch es hörte sich an wie kompletter Nonsens: Ihr Vater, der ihren Vater umbrachte… ein Drache, der sie vor ihrem eigenen Vater beschützte… eine Prophezeiung, die ihren Vater veranlasste, sie zu ermorden… Doch es war gar nicht ihr Vater!? Sie war sich immer noch nicht sicher. Sie erinnerte sich an Leoric mit seinem bösen Grinsen… Dann an den anderen Mann mit seinem milden Blick… Und wieder an Leoric, wie er seine Kehle durchschnitt…
Wenn meine Eltern wirklich so grausam sind, waren sie die letzten 20 Jahre über verdammt gute Schauspieler…, dachte sie.
Sie war ausgelaugt und erschöpft – physisch und emotional.
So viel war passiert…
In Gedanken versunken lag sie so auf dem Boden der Höhle – und schlief erschöpft ein…

Als sie aufwachte, sah sie den Drachen ein paar Schritt neben sich schlafen. Es schien später Nachmittag zu sein, denn der Himmel außerhalb der Höhle färbte sich langsam rot. Sie ging zum Eingang, um sich die Landschaft anzusehen. Die Höhle lag im Inneren von einem der Berge. Der Fels vor ihr fiel nahezu senkrecht ab. Keine Chance für ein Wesen ohne Flügel, hier hoch zu kommen.
Netter Ausblick, hm?, dachte sie sich… und brauchte einige Sekunden, um zu bemerken, dass sie das gar nicht denken wollte. Sie drehte sich um.
Die smaragdgrünen Augen beobachteten sie.
"Ja, es ist sehr schön…" Den Ausblick hatte sie gar nicht so sehr beachtet…
Stille.
"Ich habe über alles, was ihr mir erzählt habt, nachgedacht. Wieso habt ihr alle Männer meines… von Leoric getötet? Warum habt ihr mich nicht einfach bei Nacht geholt oder als ich alleine war?"
Ich wollte nichts riskieren. Du warst nie richtig alleine, immer waren Soldaten um dich herum. Und wäre mein Versuch fehlgeschlagen, wäre es noch schwieriger geworden, dich zu retten – ich musste mich so spät offenbaren, wie möglich.
Sie dachte noch einmal drüber nach – musste sie wirklich vor ihren "Eltern" gerettet werden? Wollten diese sie wirklich töten?
Laut sagte sie: "Unsterblichkeit… nur indem man das Leben einer anderen Person nimmt… es klingt noch immer unglaublich. Wieso muss gerade ich diese Person sein?"
Die Götter haben dich ausgewählt. Ich kann es aus dieser Nähe sogar durch den mächtigen Spruch deiner Eltern hindurch spüren.
"Und wieso seid ihr so sicher, dass diese Unsterblichkeitsgeschichte wahr ist? Warum sind sich Leoric und Margareth so sicher?"
Du verstehst nicht, Mensch! Leoric und Margareth hatten diesen Traum! Ich hatte vor dreißig Jahren diesen Traum! Andere Drachen hatten ihn auch! Selbst dein richtiger Vater… Denkst du immer noch, das ist alles Zufall?
Wütende Emotionen trafen ihre Gedanken und beeinflussten ihre Gefühle.
"Nennt mich nicht "Mensch"! Ihr wisst, dass ich einen Namen habe. Wo wir gerade dabei sind, wie ist eigentlich euer Name?"
Grmpf… nenn mich T’Sana!
"T’Sana… das ist ein seltsamer Name…"
Nenn mich Drache, nenn mich T’Sana – es macht keinen Unterschied!
Sie war wieder still.
Dann sagte sie: "Es tut mir leid. Ich bin immer noch verwirrt von allem… Was würdet ihr sagen, wenn eine Kreatur, die 100mal größer als ihr ist, euch erzählt, dass eure Eltern nicht eure Eltern sind und dass die gesamte Welt euch jagt, nur weil ihr ein wenig Unsterblichkeit mit euch herum tragt!"
Auf einmal kam etwas, wie Fröhlichkeit in ihre Gedanken. Und dann begann der Drache – zu lachen! Es klang zwar mehr wie ein befremdliches Grunzen, doch in ihrem Kopf ertönte trotz ihrer Wut ihr eigenes, helles, klares Lachen – es schien, als würde sie für den Drachen emotional lachen, während er nur die passenden drakonischen Gesten und Töne machte.
"Wieso lacht ihr? Was ist so lustig daran?"
Es ist nur niedlich, dich hier vor mir zu sehen, immer noch mit Angst im Herzen, aber bereits streitend, als wären wir ein altes Ehepaar.
Du siehst gut aus in Rot!, fügte er dann mit einem Grinsen hinzu.
Sie drehte sich wütend um. Der Drache fuhr mit dem Lachen fort und seine Emotionen bekämpften die ihren. T’Sana gewann den Kampf und Denya begann zuerst wider Willen, aber dann ehrlich und herzlich mit ihm zu lachen.
Das ging eine Minute so – bis Denya komplett außer Puste war und sie ein lautes Rumpeln in ihrem Körper vernahm.
"Sagt mal, habt ihr irgend was zu Essen in eurer Höhle?"
Der Drache wurde sofort ernst.
Nein, habe ich nicht. Und ich werde auch nicht jagen gehen. Jemand könnte mir folgen.
"Und was ist mit Wasser? Ihr müsst wissen, dass ich ohne Wasser nicht lange überleben kann…"
Sehr witzig! Tiefer in der Höhle ist eine Quelle, da kannst du dich waschen und etwas trinken.
Sie sah tiefer in die Höhle hinein – oder sie versuchte es zumindest. Denn da war nur ein großes, schwarzes Loch in der Wand.
"Ich kann überhaupt nichts sehen!"
T’Sana grummelte.
Menschen… Nimm das hier!
Ein gelber Ball erschien auf einer seiner Klauen. Er schien wie eine Fackel. Sie nahm ihn – obwohl er wie eine Flamme brannte, war er kalt wie ein Stein.
"Wow!" war alles, was sie heraus brachte.
Dann ging sie tiefer in die Höhle, die sie nun einigermaßen gut ausleuchten konnte, hinein.
Je tiefer sie eindrang, desto wärmer wurde es. Dann fand sie einen kleinen See. Sie legte das Licht auf den Boden und tunkte ihre Zehenspitzen in das Wasser – es war angenehm warm. Zuerst trank sie ein wenig, – trotz seiner warmen Temperatur schmeckte es frisch und sauber – dann zog sie sich aus, ließ sich in den kleinen See gleiten und genoss die Wärme. Als sie wieder aus dem Wasser kam, merkte sie, dass sie nichts zum Abtrocknen besaß. Also würde sie warten müssen. Sie kniete sich hin und sah sich ihr Spiegelbild auf der ruhigen Wasseroberfläche an. Ihr Gesicht war völlig zerkratzt. Denya konnte sich nicht erinnern, jemals so ausgesehen zu haben. Es war verrückt… alles war verrückt.
Eure Körper sind…so zerbrechlich…
Diesmal dauerte es nicht lange, bis sie bemerkte, dass es T’Sana war, der sprach. Sie drehte sich um und versuchte, bestimmte Teile ihres Körpers zu bedecken, als sie den Drachen im Eingang der unterirdischen Höhle sah.
Denkst du, ich finde deinen nackten Körper attraktiv? Ich bin kein Mensch! Außerdem bin ich genauso "nackt" wie du. Und bedecke ich meine Genitalien, wenn ich einen anderen Drachen sehe? Oder einen Menschen? Die Natur hat uns beide so erschaffen, wie wir hier stehen. Aber ihr Menschen müsst immer diese Kleidung tragen, um das zu verbergen, was ihr seid: Tiere! Tiere wie Pferde. Tiere wie Schweine. Tiere wie Elfen oder Zwerge. Tiere wie Drachen…
Sie war verwirrt: "Was… was habe ich denn getan?"
Ein Seufzen ging durch ihren Kopf.
Nichts… es ist nur so, dass ich euch Menschen wohl nie verstehen werde…
"Ihr mögt Menschen nicht besonders, oder?"
Du hast Recht…
"Aber warum? Was ist so schlecht an Menschen?"
Haben Leoric und Margareth dir je etwas über Drachen erzählt?
"Ja, natürlich!"
Dann haben sie dir sicherlich von Drachen erzählt, die schreckliche und brutale Wesen sind, die es mögen, Menschen und Tiere nur zum Spaß zu jagen und zu töten?
"Nun… ja, sowas in der Richtung…"
Und siehst du so einen Drachen vor dir?
"Nun… nein!"
Und das ist der Punkt! Zuerst jagten sie uns, weil wir "ihre" Rinder fraßen. Als ob sie ihnen gehören würden! Die Menschen, die Drachen bekämpft und diese Kämpfe überlebt hatten, verbreiteten Geschichten über die "schrecklichen Bestien" und veranlassten damit noch mehr Menschen, die Welt von dieser "Krankheit", wie sie es nannten, zu befreien. Die Geschichten wurden immer fantastischer: Die Sache, dass Drachen große Schätze hüten… kompletter Schwachsinn! Doch er ließ Tausende von Menschen ausziehen, um Drachen zu töten – alle nur auf der Suche nach Ruhm und Schätzen, die nicht existierten. Die Menschen glaubten alles, was man ihnen erzählte: Dass Drachen nur Jungfrauen fressen würden und dass sie Männer und Kinder als Sklaven hielten. Sie rotteten beinahe unsere gesamte Rasse aus. Nur eine Handvoll von uns sind übrig… Und alles nur wegen ein paar falschen Gerüchten und Geschichten…
Zunächst war er so wütend, dass sie sich instinktiv duckte, doch als er fortfuhr wurde seine Stimme in ihrem Kopf immer trauriger – so traurig, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten.
"Würdet ihr mich auf dem Berg opfern, wenn ihr könntet?", fragte sie dann.
Der Drache sah sie eine Weile mit seinen tief grünen Augen an.
Ich weiß nicht… doch ich gab ein Versprechen. Und Drachen halten ihre Versprechen – sogar gegenüber Menschen. Ich würde mein Leben geben, um dich vor dem Tod zu retten.
"T’Sana?"
Ja?
"Wenn das hier vorbei ist, werde ich allen Menschen die Wahrheit erzählen. Ich werde ihnen sagen, wie ihr Drachen wirklich seid! Ich werde sie bitten, euch nicht mehr zu jagen. Das verspreche ich!"
T’Sana lächelte.
Das ist zwar nett von dir, aber meine Erfahrung lehrt mich, dass Menschen ihre Versprechen eher selten halten.
"Ich werde mein Versprechen halten!"
Wir werden sehen…
Das magische Licht T’Sanas begann zu flackern.
Ich denke, wir gehen besser wieder nach oben. Dort ist besseres Licht für dich. Und ein schöner Sonnenuntergang.
Denya zog sich wieder an und zusammen gingen sie nach oben, die junge Frau und der alte Drache. Doch als sie die obere Höhle, die bereits von dem abendlichen Himmel in tiefes Rot getaucht war, erreichten, blieben sie beide abrupt stehen. T’Sana knurrte.
"Hallo, Schatz!"
Leoric und Margareth standen im Eingang der Höhle.
Denya stand da wie angewurzelt.
"Wie… wie seid ihr hier hoch gekommen?", fragte Denya.
"Nicht nur Drachen können sich in andere Lebewesen verwandeln", war ihre Antwort, wobei sie einen Blick auf die gigantische Kreatur warf. Denya wunderte sich, wieso T’Sana nichts erwiderte.
"Was wollt ihr?"
Margareth lachte seltsam: "Oh, Denya, bist du nicht froh, uns zu sehen? Wir haben dich den ganzen Tag lang gesucht! Wir haben uns Sorgen um dich gemacht! Diese Kreatur hätte dich töten können!"
"Hat er aber nicht! Und nebenbei zeigte er mir, wer ihr wirklich seid, Mörder!"
Jetzt zeigte sich ein wirklich besorgter Ausdruck auf dem Gesicht von Margareth. Kann das gespielt sein?, fragte sich Denya, es wirkt so echt!
"Was meinst du, Schatz? Warum bezeichnest du deine Mutter als Mörderin?"
"Du bist nicht meine Mutter!"
Sie schrie fast.
Doch jetzt sah sie richtig verzweifelt aus und flüsterte fast: "Oh, Denya, Liebling! Was…was ist mit dir los? Was hat diese Kreatur mit dir angestellt?"
"Sie zeigte mir, wer meine echten Eltern getötet hat! Ihr verdammten Bastarde, ich habe euch GELIEBT!"
Ihr Gesichtsausdruck ist so echt…
"Merkst du denn nicht? Er zeigte dir eine Illusion! Etwas, das nie passiert ist…"
Es schien, als würde ihre Mutter gleich weinen.
"Nein, hat er nicht. Ich weiß es!"
Doch sie war sich nicht mehr so sicher.
"T’Sana hat mir über euch und das Opfer erzählt! Ihr habt mich 20 Jahre lang aufgezogen… nur um mich jetzt umzubringen?"
"Oh, Denya, bitte sag mir, dass du das nicht ernst gemeint hast! Bitte sag mir, dass du das nicht so gemeint hast! Nie, niemals würden wir dir ein Leid zufügen! Niemals, Denya… Und das weißt du!"
Denya war nun völlig verwirrt von der Situation. Jetzt konnte sie nicht mehr glauben, dass ihre Eltern sie betrogen, doch es waren immer noch Bilder von ihrer ein paar Stunden zurückliegenden Vision in ihrem Kopf. Sie stand nun genau zwischen T’Sana und Margareth. Ihre Gedanken schienen sich selbst zu bekriegen: In diesem Moment sah sie ihre Leoric und Margareth und was sie für sie getan hatten, dann kamen Bilder von ihnen, wie sie ihren Vater umbrachten. Sie fühlte sich in eine Richtung gezogen, dann wieder in die andere… als ob T’Sana und ihre Eltern einen mentalen Kampf in ihrem Kopf austragen würden…
Ihre Mutter sah sie besorgt an, während sie unentschieden zwischen T’Sana und Margareth hin und her sah.
So lange, bis Margareth auf einmal lächelte und ihre Hände ausstreckte – es war dasselbe Lächeln, das sie ihr vor 20 Jahren gegeben hatten, bei ihrem allerersten Treffen…
Plötzlich war ihr Kopf frei.
Sie machte einen Schritt in die Richtung des Drachen. Dann noch einen.
Das Lächeln auf dem Gesicht ihrer Mutter erstarb abrupt.
"Falsche Entscheidung, Liebling!"
Nach diesen Worten zauberte ihr Vater, der die ganze Zeit so ruhig gewesen war wie T’Sana, einen mächtigen Blitz auf den Drachen, welcher voller Schmerz aufschrie. Ihre Mutter beschoss ihn ebenfalls mit Blitzen, so dass er bald völlig in ein Netz aus zuckenden Blitzen eingehüllt war. Dann stoppte er mit dem Schreien und fiel in sich zusammen, wobei der Boden ein wenig zitterte.
Sie flüsterte: "Nein!"
War sie denn dazu verdammt, allen Wesen, die sie mochte, den Tod zu bringen? Sie drehte sich, mit Tränen in den Augen, zu ihren Eltern um und schrie: "IHR MIESEN SCHWEINE!!!"
"Schschsch, Denya! Du möchtest doch morgen keine schlechte Laune haben. Es ist schließlich dein Geburtstag. Schlaf jetzt!", sagte ihre Mutter mit ihrem typischen kalten Lächeln. Dann berührte sie Denyas Augen mit ihren Fingern, die darauf von seliger Dunkelheit überfallen wurde…

 

Teil 4: Opfer

Es war Nacht und der volle Mond schien über ihr.
Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte – und sie konnte sich nicht bewegen. Denya war auf einer Art Altar festgebunden. Zu ihrer Linken schien eine Klippe zu sein, da der Boden dort einfach aufhörte. Rechts von ihr standen ein paar alte Bäume auf harter, steiniger Erde. Zwischen ihnen brannte ein Feuer. Sie konnte ihre Eltern hören.
"Und du bist sicher, dass der Spruch funktioniert?" das war Margareth.
"Ja – die Energie wird sich spalten und in uns beide fließen. Sei ohne Sorge, es wird klappen, ich bin mir da sehr sicher… oh, schau nur, unser Mädchen ist aufgewacht!"
Mit diesen Worten erschien Leoric in ihrem Sichtfeld. Sein Gesicht war so ernst wie immer.
"Hast du gut geschlafen, Schatz?"
Sie drehte ihren Kopf von ihm weg.
Er seufzte: "Denya, sag mir eins: Würdest du an meiner Position etwa nicht das Gleiche tun? Stell dir mal vor: Du könntest tun und lassen, was du willst! Du hättest Macht – endlose Macht! Und du müsstest nie mehr irgend jemanden fürchten… oder irgend etwas."
"Aber ich würde niemanden töten, den ich 20 Jahre lang geliebt habe!"
"Oh, Denya, du bist ja so naiv. Lass mich dir eins sagen: Wir haben dich niemals geliebt! Nie!"
Sie drehte sich wieder zu ihm um: "Das ist nicht wahr! Ich weiß, dass ihr mich geliebt habt! Ich konnte es fühlen, ich konnte es zwanzig Jahre lang fühlen! Ihr könnt nicht sagen, dass ihr mich nicht geliebt habt! Nein, das könnt ihr nicht…"
Er lachte laut auf: "Oh, Mann! Margareths telepatische Kräfte sind doch besser, als ich gedacht habe. Du musst wissen, sie hat dich die ganze Zeit über manipuliert. Sie gab dir mental ein, nie die Burg zu verlassen – also bist du auch nicht geflohen. Sie gab deinem Unterbewusstsein das Gefühl, wir würden dich lieben – also hast du das auch 20 Jahre lang gedacht. Sie hat dich manchmal Sachen machen lassen, die du überhaupt nicht wolltest – und ohne, dass du es je erfahren hättest!"
"Aber… ich… ich wollte die Burg nicht verlassen, weil… weil… ich dachte ihr würdet…", sie brach in Tränen aus. Sie war nicht mehr in der Lage zu sprechen. Es war ein Schock: 20 Jahre – ein Spiel, ein Drama, ein Theaterstück von zwanzig Jahren Länge. Und sie war die Hauptfigur gewesen.
Leoric fuhr fort: "Du musst wissen, als ich von der Prophezeiung träumte, konnte ich es natürlich nicht glauben. Aber als ich mit Margareth und einigen anderen Menschen sprach, die allesamt genau den selben Traum gehabt hatten, wurde es immer und immer wahrscheinlicher, dass du geboren werden würdest und die Prophezeiung wahr ist. Und dann, eines Nachts, spürten wir die ungeheure Energie – die reine magische Energie, die von dir ausging. Wir wurden nahezu magnetisch in deine Richtung gezogen.
Der einzige Moment in meinem Leben, an dem ich dich liebte, war, als wir dich in deinem Korb fanden und ich die Bestätigung erhielt, dass es dich gibt…"
"Nachdem ihr meine Eltern getötet habt, Mörder!"
Er runzelte die Stirn.
"Ich kannte deine Eltern nicht, aber ich kann offen und ehrlich sprechen, wenn ich sage…"
Er brach seinen Satz abrupt ab. Seine Augen weiteten sich. Er stöhnte… und brach dann tot zusammen. Hinter ihm stand Margareth mit einem blutigen Dolch in der Hand. Und mit ihrem typischen Lächeln sagte sie: "Tut mir leid Leoric, aber ich möchte lieber auf Nummer Sicher gehen… doch du verstehst mich bestimmt."
Dann sah sie auf.
"Ich weiß nicht genau, wie spät es ist, aber dein Geburtstag ist mehr als nah, Denya! Ach ja, wie er die gerade erzählt hat: Es war schon eine harte Zeit mit dir. Immer, wenn du in unserer Nähe warst, musste ich mich konzentrieren. Es hat fünf Jahre gedauert, bis du uns ganz akzeptiert hast… und dieser Drache zerstörte alles binnen weniger Stunden! Er war mächtig – aber nicht so mächtig, wie wir dachten. Er war leicht zu besiegen. War er dein Freund?"
Denya nickte abwesend.
"Oh, tut mir leid! Ich bin mir sicher, du wirst ihn bald schon wieder treffen. Aber bitte, sei ehrlich: Hast du ihm voll und ganz vertraut? Du wusstest doch nichts über ihn. Er hätte dich jederzeit töten können – einfach so! Du weißt nicht, was du dir als Freund auserkoren hast! Ein wildes Tier…"
"NEIN! DU weißt nicht, was ich mir als Freund auserkoren habe! Du weißt nichts über Drachen, gar nichts! Du kennst nur die Klischees von ihnen – du weißt nicht, wie sie wirklich sind! Und du bist noch viel schlimmer, als dieses wilde Tier!"
"Ich denke, ich sollte dir sagen, dass der Drache ähnliche Kräfte hatte, wie ich. Ich denke, er manipulierte deine Gedanken, wie ich es die Jahre davor getan habe. Ich weiß nicht, was er dir erzählt hat, aber ich denke, das Wenigste davon war wahr. Ich denke, er war ein Lügner, wie Leoric und ich. Er hätte dich gegen Mitternacht hierher gebracht und dich getötet. Seine Höhle ist ja schließlich ganz in der Nähe… Aber er ist tot – genauso wie Leoric. Ich bin der letzte Lügner, der übrig ist! Ich bin der Gewinner im großen Spiel der Götter! Und ich werde ihnen gleich sein, wenn ich diese Welt für mich eingenommen habe!"
Die letzten Sätze schrie sie beinahe – dann wurde sie wieder ruhig und beugte sich herab, um in ihr Ohr zu flüstern. "Ich muss dir danken, Denya. Denn du wirst mir die Gabe dazu geben – die Macht!"
Dann küsste Margareth sie auf die Stirn und hob ihren blutigen Dolch.
"Einen schönen Geburtstag wünsche ich dir, Denya", schrie sie.
Doch der Dolch kam nicht herunter. Margareth stand einfach nur da, völlig regungslos. Denya konnte durch ein großes, rundes Loch in ihrem Bauch sehen. Dann materialisierte sich eine große Klaue in diesem Loch – und hinter ihr T’Sana, der rote Drache. Er hatte Margareth einfach auf eine seiner scharfen Klauen aufgespießt. Sie röchelte und spuckte Blut – dann hob sie der Drache hoch und warf sie in die Luft, holte tief Luft und spie eine große weiße Flamme in ihre Richtung, noch während sie flog.
Nur Asche kam wieder zu Boden.
Er drehte sich zu Denya und lächelte.
Unsichtbarkeit – sehr nützlich…
"T’Sana, ich dachte du wärst…"
Tot? Oh, es braucht schon ein wenig mehr, als ein paar lächerliche kleine Blitze, um einen Drachen zu töten! Geht es dir gut?
"Ja, danke." Nun lächelte sie auch. "Ich dachte schon, das wäre mein Ende…"
Ich habe doch gesagt, dass ich dich vor ihnen beschützen würde!
Der Drache lächelte noch ein wenig breiter.
Aber du darfst dich jetzt entspannen – es ist vorbei!
"Ja… endlich…", sie seufzte und versuchte sich zu entspannen.
Dann wurde sie von einer Vision überwältigt.

Sie flog.
Es schien der gleiche Spruch zu sein, den T’Sana schon in seiner Höhle auf sie gesprochen hatte. Doch er hatte sie diesmal nicht mit seiner Klaue berührt! Außerdem konnte es keine von ihren Erinnerungen sein… es war eine von T’Sanas Erinnerungen! Sie war in seinem Körper, sie konnte sehen, was er sah, sie konnte fühlen, was er fühlte, sie teilte sogar seine Emotionen – sie war ein Drache! Denya flog hoch über den Wolken und eine wunderschöne, weiße Landschaft breitete sich unter ihr aus. Und sie fühlte eine magische Präsenz. Eine magnetische Kraft, die sie in eine bestimmte Richtung zog. Sie brach durch die Wolken. Unter ihr lagen Wälder, Flüsse, Wiesen und eine Straße, die sich am Rande des Waldes durch die Landschaft schlängelte. Und dann fand sie, wonach sie gesucht hatte. Zwei Menschen waren auf der Straße – ihre scharfen Augen erkannten einen Mann und eine Frau… die Frau trug irgend etwas. Ein Kind… das Kind, nach dem sie suchte.
Denya’s Unterbewusstsein wusste, was nun kommen würde – aber es war nur eine leise Stimme, die sie nicht beachtete. Sie war von den Gefühlen des Drachen überwältigt. Es war so schön, zu fliegen… es war die pure Freiheit!
Nun war sie den beiden Menschen schon recht nahe, also ging sie in einen Gleitflug, um die beiden nicht zu früh zu erschrecken. Doch ein paar Sekunden bevor sie landete, fiel ihr Schatten über die beiden Menschen. Sie drehten sich um. Die Frau schrie laut und die Augen des Mannes fielen fast aus seinem Kopf. Das Baby, ihr Ziel, begann ebenfalls zu schreien. Aber Denya war von den neuen Gefühlen von T’Sanas Körper noch immer zu fasziniert, um die Stimmen zu beachten, die ihr sagten, dass sie die beiden Gesichter vor ihr kennen würde. Ihr Vater sah noch immer so aus, wie der Mann, den sie in ihren Visionen zuvor gesehen hatte. Sie landete genau vor ihnen, was die Menschen veranlasste, ein paar Schritte rückwärts zu machen.
Der Mann reagierte zuerst: "Was wollt ihr, Drache?" Er hatte Mut.
Sie konnte T’Sana denken hören… oder war es sie, die dachte?
Ich will das Kind.
"Nein! Ihr werdet es niemals bekommen! Niemand wird es je bekommen! Es ist mein Kind und ich werde es vor jedem beschützen, der hier ankommt und es für dieses verdammte Opfer stehlen will! Kommt schon, Drache, kämpft gegen mich! Ich habe keine Angst!"
Sein Geruch sagte aber etwas anderes.
Narr! Denkst du wirklich, du kannst solch einen Kampf gewinnen? Gib mir das Kind und vielleicht lasse ich dich und deine Frau leben!
Der Mann sah sie hasserfüllt an. Dann hob er eine Hand – und aus seinem Finger schoss ein magischer Pfeil, der ihre Brust traf und sie einfror. Der Schmerz war unerträglich. Er war es auch, der sie aus ihrer Lethargie holte. Sie war nicht T’Sana, sie war nur in seinem Körper… und der war drauf und dran, ihre Eltern umzubringen!
Für den Moment konnte sich T’Sanas Körper nicht bewegen. Sie sah ihren Vater wie er sagte: "Ha! Ihr denkt, ich bin so einfach zu besiegen, wie die anderen Menschen? Ihr denkt, es würde einfach werden, das Kind der Unsterblichkeit in die Finger zu bekommen? IHR seid der Narr, Drache!"
Mit diesen Worten zauberte er einige magische Sprüche auf sie, die schreckliche Schmerzen durch ihren gesamten Körper schickten. Sie wollte, dass es aufhört, doch sie hatte keine Kontrolle – sie konnte nur zusehen, denken und leiden.
Doch dann machte ihr Vater einen gravierenden Fehler: In seiner Wut zauberte er einen Feuerball, der das Eis schmelzen ließ und den Drachen befreite. Blitzschnell hob er eine Klaue und drückte Denyas Vater zu Boden.
Und sie konnte nur zusehen.
Ich denke, die Antwort auf die Frage "Wer ist hier der Narr?", hat sich wieder verändert – aber ich denke auch, dass sie sich nicht noch einmal ändern wird…
Und was jetzt kam, war der reinste Horror für sie.
Denn sie holte tief Luft. Sie wollte es nicht sehen, sie wollte ihre Augen schließen oder wegsehen – alles nutzlos. Dann spie SIE eine helle Flamme, die gerade noch heiß genug war, um ihren Vater ein paar Sekunden lang voller Qual schreiend leben zu lassen. Als seine Schreie verstummten, wurde das Feuer, das SIE spie, nahezu weiß und verbrannte ihn letztendlich zu Asche. Sie fühlte T’Sanas tiefe Zufriedenheit – und sie wollte schreien und aufwachen… doch die Folter ging noch weiter.
T’Sana suchte nach der Frau – sie rannte die Straße hinunter. Denya warf sich in die Luft und folgte ihr. Plötzlich stolperte die Frau und fiel der Länge nach hin. Denya brüllte triumphierend, während sie Nein, nein, bitte nicht… dachte. Sie landete vor ihrer Mutter. Die relativ junge Frau rappelte sich auf und starrte in die Augen von Denyas drakonischem Körper. Das Kind war nirgendwo zu sehen…
Wo ist das Kind, Mensch?
Sie konnte die Angst in den Augen ihrer Mutter sehen… sie konnte ihre Angst riechen. Doch die Frau sagte: "Ich werde euch nichts sagen! Ihr werdet sie nie bekommen! Nicht in eintausend Jahren!" Dann spuckte sie auf den Boden vor dem Drachen. Ärger überkam Denya. Dann öffnete SIE ihr Maul und schloss es über ihrer Mutter. Sie hob ihren Kopf und verschlang ihre eigene Mutter, die noch immer zappelte und schrie.
Bei dieser Aktion schrien alle von Denyas Gedanken in psychischer Agonie – doch ihre Gedanken waren die genauen Gegensätze zu ihren Gefühlen ihres Körpers: Sie konnte das Blut ihrer Mutter schmecken – es war köstlich! Doch gleichzeitig erweckt der Geschmack eine unerträgliche Übelkeit in ihr. Und nachher kam wieder dieses Gefühl vollkommener Zufriedenheit – und dazu entstand in ihr ein bodenloser Selbsthass.
Diese gegensätzlichen Gefühle machten sie wahnsinnig – doch die Vision ging immer noch weiter.
Plötzlich konnte sie Pferde hören. Sie mussten noch eine oder zwei Meilen weit weg sein. Sie schlug mit ihren Flügeln, erhob sich in die Lüfte und spähte in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Zwei Pferde mit zwei Reitern kamen die Straße herauf – sie kannte die beiden Menschen nur allzu gut: Es waren Leoric und Margareth. Eine Welle des Zorns überkam sie. T’Sana war durch ihren Vater zu sehr geschwächt, um es mit den beiden Magiern aufnehmen zu können. Er beobachtete sie, wie sie die junge Denya im Wald neben der Straße fanden und wie sie zurück zu ihrer Burg ritten.
Doch den Rest ihrer Vision beachtete sie nicht mehr. Nur ein einziger Gedanke begleitete sie:
Ich habe meine Eltern getötet…
Ich habe meine Eltern getötet…
Ich habe meine Eltern getötet…
ICH HABE MEINE ELTERN GETÖTET!

"ICH HABE MEINE ELTERN GETÖTET! IHR GÖTTER, ICH HABE MEINE ELTERN GETÖTET! ICH HABE…"
HALT DIE KLAPPE!
Sie war sofort ruhig. Sie wollte zwar weiter schreien, doch etwas verbot es ihr. T’Sana lächelte noch immer sein drakonisches Grinsen – doch nun erkannte sie es als das böse Lächeln, das es die ganze Zeit über gewesen war.
In gewisser Weise hast du Recht, meine liebe Denya: Du hast deine Eltern wirklich getötet! Dein Geburt… Ja, deine Existenz hat sie umgebracht!
"Warum? Warum du? Was… was ist mit deinem Versprechen?"
Närrisches Kind! So ein Versprechen existiert natürlich nicht! Und warum ich das hier mache, weißt du gut genug.
"Rache?"
Teilweise, ja! Hauptsächlich kann ich nicht mit deiner Spezies auf einem Planeten zusammen leben. Ihr verbreitet euch über die gesamte Welt und bezeichnet euch selbst als ihre großen Herrscher. Aber ihr seid schwach! Sieh dich an! Was bist du, ohne irgendwelche Waffen oder Zaubersprüche? Fleisch! Das seid ihr Menschen für mich! Es hat mich sehr viel Überwindung gekostet, dich nicht gleich umzubringen, als du in meiner Höhle warst. Und es hat mich sogar noch mehr Überwindung gekostet, mit dir wie ein süßes kleines Haustier zu reden! Doch ich denke, das, was jetzt kommt, ist all den Trubel wert! Stell dir das mal vor: Millionen von Menschen werden sterben – nur wegen dir!
Er hob eine Klaue und setzte sie auf ihre Brust.
Sie schloss ihre Augen…

 

Epilog

T’Sana stand auf der Klippe. Er konnte die Macht fühlen, die durch seine Adern strömte. Es war also Wirklichkeit. Er war unsterblich! Es war nicht nur ein Gefühl – es war eine innere Gewissheit! Er genoss die pure Macht, die ihn durchfloss. Dann fragte er sich, was er mit dieser Macht anstellen wollte. Er hatte es angesichts des überwältigenden Gefühles einfach vergessen. Da sah er unter sich auf der Straße einige Lichter. Es war eine Zigeunerkarawane. Oh, ja… jetzt wusste er wieder, was er mit seiner neuen Macht machen wollte. Er breitete seine Flügel aus und flog den Berg hinunter.

Eine schlaffe Hand hing vom Altar, noch immer vom Feuer auf dem Berg beleuchtet. Doch die Flamme war schon weit herunter gebrannt und würde nicht mehr sehr lange leuchten.
Als die Schreie der sterbenden Menschen den Berg herauf klangen, begann das Feuer stark zu flackern. Es war nicht der Lärm eines Kampfes – es war der Lärm eines Massakers. Männer, Frauen, Kinder, sogar Babys – sie alle schrien und starben in Schmerz und Leid. Nur das triumphierende Brüllen des Drachen war lauter als die schrecklichen Schreie.
Und als die letzten Geräusche von sterbenden Kindern über den Berg hinweg hallten, ging das Feuer aus…

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Sybaris von Cirfis (Ciruelo Cabral)

Nach der Legende kam an den Hängen des Berges Cirfis, nahe der Stadt Delphi, ein ungeheurer Wasserdrache namens Sybaris zu Leben. Sie versetzte die Menschen in Angst und Schrecken, denn jeden Monat verlangte sie einen unschuldigen, schönen, heranwachsenden Knaben, der noch nicht den Nektar der Liebe gekostet haben durfte und verspeiste ihn. Es war die Aufgabe der Priester des Apollo, jeden Monat herauszufinden, welchen Jüngling diesmal das Los treffen würde, dem Drachen geopfert zu werden. So geschah es, daß eines Monats die Wahl auf den schönsten Jüngling der gesamten Region fiel, auf den jungen Alcyoneus. Es fand eine Prozession statt. Der Jüngling wurde mit Rosen gekrönt, was seine Erscheinung noch eindrucksvoller machte, er wirkte wie ein junger Apoll. Jammern und klagen begleitete den Zug zum Opferplatz, so daß die Prozession auch Eurybatus auffiel, einem mutigen jungen Kämpfer, der zufällig des Weges kam. Als er den schönen Alcyneus in seinen weißen Gewändern erblickte, verliebte sich der Soldat sofort in den jungen Mann. Er schloss sich der Prozession an und fragte:“ Wo habt Ihr diesen Jüngling gefunden und wo bringt Ihr ihn hin?“
„Sein Schicksal ist tragisch und seine Zukunft der Tod“, antworteten sie, „er ist das Opfer, das vom Schicksal dazu auserwählt wurde, dem Drachen Sybaris vorgeworfen zu werden.“ Als er daß hörte wurde Eurybatus bleich vor Schrecken. Einem Impuls seines Herzens folgend, bat er darum, Alcyneus befreien und ihn an seiner Stelle zu opfern, da sein Leben bedeutungslos werden würde, wenn der Jüngling sterben müßte. „Opfert mich, ich habe schon viele Jahre gelebt. Dieser Jüngling aber hat das Leben noch nicht einmal geschmeckt. Er soll sich an der Sonne erfreuen und an der Liebe , die er verdient, denn so eine wunderbare Kreatur soll der Liebling Eros und Aphrodites sein, nicht der des finsteren Hades.“
Die Priester wollten diesem Angebot aber nicht entsprechen. Sie fürchteten den Zorn des Drachen, da der Krieger nicht mehr so rein und unbefleckt wie Alcyneus war, sie erlaubten Eurybatus jedoch an der Prozession teilzunehmen. Als sie den Ort erreichten, an dem das Opfer an Sybaris übergeben werden sollte, zogen sich alle vorsichtig zurück. Alcyneus, der in seinem Herzen ebenfalls eine tiefe Liebe für den tapferen Recken empfand, hieß Eurybatus ebenfalls Schutz zu suchen. Doch der Krieger war nicht bereit, den Menschen zu verlassen, der bereits zum Inhalt seines Lebens geworden war. Der ungeheuerliche weibliche Drachen kam aus seiner Höhle und dachte, sie würde nun einen verschreckten, hilflosen Jüngling an der Opferstelle vorfinden. Doch sie traf auf Eurybatus, der- von der Liebe inspiriert, die er in den Augen des Jünglings hatte funkeln sehen- einen Überraschungsangriff gegen die Bestie unternahm und das Ungeheuer tötete. Von einem Drachen war nie wieder etwas zu hören, eine Quelle entsprang an jenem denkwürdigen Ort. Viele Jahre später gründete Eurybatus eine Stadt in Italien, die er Sybaris nannte, als Erinnerung an seine Heldentat.

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Die siebenköpfige Schlange (Sigrid Früh)

Die siebenköpfige Schlange
Es war einmal und zu einer gewissen Zeit ein König. Der versammelte einst seine Flotte mit der ganzen Mannschaft um sich und trat eine weite Reise an. Er fuhr Tag und Nacht immer vorwärts, bis er an einen Ort kam, der dicht mit Bäumen bewachsen war, und an jedem Baume lag ein Löwe. Als er sich mit seinen Leuten ausschiffte, da stürzten sich mit einemmal die Löwen auf sie und wollten sie verschlingen. Nach langem Kampfe gelang es ihnen endlich, die wilden Tiere zu erlegen, aber auch von ihnen waren die meisten getötet worden. Die Übriggebliebenen zogen nun durch den Wald hindurch und fanden auf der anderen Seite einen wunderschönen Garten, darin standen alle Gewächse, die es in der Welt gibt. Es waren auch drei Quellen hier, und die eine von ihnen rieselte Silber, die andere Gold und die dritte Perlen. Da nahmen sie ihre Reisesäcke und füllten sie mit diesen köstlichen Dingen. Es war auch ein großer See in der Mitte des Gartens. Als sie auf diesen zugingen, fing er an zu reden und sagte zu ihnen: „Was macht ihr hier, Kinder, und wen sucht ihr? Verlangt ihr nach unserem König?“
Sie aber erschraken sehr und antworteten nichts.
Da sprach der See abermals zu ihnen: „Ich sehe, daß ihr euch fürchtet, aber ihr seid auch zu eurem Unheil hier hereingekommen. Unser König, der sieben Köpfe hat, schläft jetzt. In wenigen Minuten wird er aufwachen und hierher kommen, sein Bad zu nehmen. Wehe dem, der hier im Garten von ihm angetroffen wird! Es ist unmöglich, ihm zu entrinnen. Macht’s indessen, um euch zu retten, also: legt alle eure Kleider ab und breitet sie. auf den Weg aus von dem Schlosse an bis hierher. Der König wird dann weich gehen, was er sehr liebt, und so wird er euch nicht fressen. Er wird euch nur eine Strafe auferlegen und dann euch ziehen lassen.“
So taten sie denn und warteten den Ausgang ab. Um Mittag dröhnte die Erde und barst an vielen Stellen, es erschienen Löwen, Tiger und andere wilde Tiere und umringten das Schloß, und tausend und aber tausend Tiere kamen aus seinem Inneren heraus mit ihrem König, der siebenköpfigen Schlange. Dieser schritt über die Kleider hinweg, kam zum Sec und fragte ihn, wer die weichen Sachen auf den Weg gebreitet habe. Der See antwortete, das hätten Leute getan, die gekommen wären, ihm ihre Ehrerbietung zu bezeigen. Alsbald befahl der König, daß die Leute vor ihn kommen sollten. Sie nahten sich ihm auf den Knien und erzählten ihm mit wenigen Worten ihre Geschichte.
Er aber sprach zu ihnen mit gewaltiger furchtbarer Stimme: „Weil ihr hier hereingekommen seid, lege ich euch zur Strafe die Verpflichtung auf, mir jedes Jahr aus eurem Volke zwölf Mädchen und zwölf Jünglinge zum Fraße zu bringen. Und wenn ihr das nicht tut, werde ich euer ganzes Volk vertilgen.“
Hierauf teilte er ihnen eines seiner Tiere zu, um ihnen den Weg aus dem Garten zu zeigen, und verabschiedete sie. So zogen sie von dannen. In ihr Land zurückgekehrt, erzählten sie das Geschehene. Und schon rückte die Zeit heran, da sie die Mädchen und Jünglinge dem König der Tiere bringen mußten. Es erging also der Befehl im Lande, daß zwölf Mädchen und ebensoviel Jünglinge sich opfern sollten, um das Vaterland zu retten. Sogleich eilten Jünglinge und Jungfrauen in großer Zahl herbei, viel mehr als nötig waren. Man baute ein neues Schiff und versah es mit schwarzen Segeln. Auf dem schifften sie die für den König der Tiere bestimmten Jünglinge und Mädchen ein und fuhren nach seinem Lande ab. Dort angekommen, gingen sie wieder auf den See zu, aber weder die Löwen regten sich diesmal, noch rieselten die Quellen, und auch der See redete nicht. Sie warteten also, und es dauerte nicht lange, da dröhnte die Erde noch gewaltiger als das erste Mal, das Ungeheuer kam ohne Begleitung heran, schaute den Fraß und verschlang ihn mit einem Male. Die Überbringer kehrten darauf in ihre Heimat zurück, und so geschah es noch viele Jahre hindurch.

Verlassen wir jetzt das Ungeheuer und nehmen wir den König des unglücklichen Landes dran! Der wurde alt, und auch die Königin alterte, und Kinder hatten sie nicht. Eines Tages nun saß die Königin am Fenster und weinte, weil sie kinderlos war und sah, daß der Thron in fremde Hände übergehen werde.
Da auf einmal erschien vor ihr ein altes Mütterchen, das hatte einen Apfel in der Hand und fragte: „Was ist dir, meine Königin, daß du weinst und dich härmst?“ „Ach, liebe Alte“, erwiderte jene, „es betrübt mich sehr, daß ich keine Kinder habe.“
„Ei“, sprach die Alte, „darüber härmst du dich? Hör mich an. Ich bin eine Nonne aus dem Kloster Gnothi, und meine selige Mutter hat mir als Erbschaft den Apfel hier hinterlassen: Wer den ißt, der bekommt ein Kind.“ Die Königin gab der Alten viele Taler und kaufte dafür den Apfel. Dann schälte sie ihn, aß ihn und warf die Schalen zum Fenster hinaus. Eine Stute aber, die im Hofe umherlief, fraß die Schalen. Die Königin ward darauf schwanger, und zur selben Zeit ward auch die Stute trächtig. Als die Zeit kam, gebar die Königin ein Knäblein, die Stute aber warf ein männliches Füllen. Der Knabe und das Füllen wuchsen zusammen auf und wurden groß und liebten einander wie Brüder. Da starb der König, sein Weib folgte
ihm nach, und so blieb der Sohn allein, der damals neunzehn Jahre zählte.
Eine Tages nun, da er sich mit seinem Pferde abgab, sprach dieses zu ihm: „Wisse, daß ich dich lieb habe und daß ich dein Wohl und das deines Landes will. So höre mich. Wenn du fortfährst, jedes Jahr zwölf Mädchen und zwölf Jünglinge dem König der Tiere auszuliefern, so wird dein Volk in wenigen Jahren zugrunde gegangen sein. Auf, setz dich auf meinen Rücken, ich werde dich zu einer Frau bringen, die dir angibt, wie du das Ungeheuer töten kannst.“ Da bestieg der Jüngling sein Roß, das trug ihn weit fort zu einem Berg, in dem eine Höhle war, sie dehnte sich unter der Erde aus gleich einer großen Ebene. Darin saß eine Alte und spann. Es war das ein Nonnenkloster, und die Alte war die Äbtissin. Und weil sie in einem fort spann, davon hatte das Kloster den Namen Gnothi (Spinnheim) erhalten. An den Wänden der Höhle befanden sich ringsum steinerne, aus dem Fels ausgehauene Betten, auf denen schliefen die Nonnen. In der Mitte aber brannte ein Licht. Das mußten die Nonnen abwechselnd hüten, damit es nie verlösche, und wenn eine von ihnen es ausgehen ließ, so wurde sie von den übrigen getötet. Sobald nun der Königssohn der spinnenden Alten gewahr wurde, fiel er ihr zu Füßen und bat sie, ihm doch zu sagen, wie er das Ungeheuer töten könne. Sie aber hob den Jüngling auf, umarmte ihn und sprach „Wisse, mein Sohn, daß ich es gewesen bin, die die Nonne zu deiner Mutter sandte und so bewirkte, daß du geboren wurdest, und mit dir auch das Roß, auf daß du mit seiner Hilfe die Welt von dem Ungeheuer befreien könntest. Laß dir also jetzt sagen, was du zu tun hast. Belade dein Roß mit Baumwolle, und schlage mit ihm den und den Weg eine“ – hierbei bezeichnete sie ihm einen heimlichen Weg, der nach dem Palast der Schlange führte und auf dem man den reißenden Tieren verborgen blieb -, „du wirst den König schlafend antreffen auf einem Bett, an dem ringsum Glocken angebracht sind; und über ihm in der Mitte seines Lagers wirst du ein Schwert hängen sehen. Nur mit diesem Schwerte ist es möglich, die Schlange zu erlegen, denn seine Klinge, wenn sie auch bricht, ersetzt sich immer wieder bei jedem neuen Kopfe, der dein Ungeheuer wächst, also, daß du damit alle sieben Häupter ihn abschlagen kannst. Um das nun aber dem Könige zu entwenden, mußt du’s also machen. Schleiche dich ganz leise hinauf in sein Schlafgemach, und verstopfe alle Glocken, die sein Lager umgeben, mit Baumwolle, hierauf nimm ganz sacht das Schwert herab und versetze damit dem Ungeheuer rasch einen Schlag auf seinen Schweif. Da wird es erwachen und, sobald es dich erblickt, sofort dich angreifen. Du aber hau ihm nun den einen Kopf ab, und warte dann, bis der zweite hervorwächst. Dann schlag ihm auch den ab, und so fahre fort, bis du alle sieben Köpfe abgeschlagen.“
Hierauf gab die Alte dem Königssohne ihren Segen. Der machte sich nun auf den Weg, gelangte in dem Schlosse des Ungeheuers an und war so glücklich, es zu erlegen. Als die Tiere des Gartens den Tod ihres Königs erfuhren, da eilten sie alle nach dem Schlosse, aber der Jüngling saß schon längst wieder auf seinem Pferd und war bereits weit von ihrem Reiche entfernt. Sie verfolgten ihn zwar hitzig, konnten ihn aber nicht mehr einholen. Er gelangte glücklich heim, und so hatte er sein Land von großer Gefahr befreit.
[Märchen aus Griechenland]

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Die Drachenjungfrau in der Gerloswand

Viele Jahre ist es her, da lebte im Pinzgau eine stolze Jungfrau, eines Grafen Kind, die von der Natur mit allen Vorzügen des Geistes und des Leibes bedacht war. Sie fühlte sich daher auch über alle Menschen erhaben, war anmaßend und hochmütig, und sie verachtete sogar ihre eigene Mutter, die sich über die Kälte und Lieblosigkeit ihrer Tochter zu Tode grämte.

Nun aber brach die Strafe des Himmels für dieses unkindliche Verhalten über die Jungfrau herein. Schwer und lang war die Buße, die ihrem Hochmut auferlegt wurde. Eine mächtige Bergfrau verwandelte sie in ein Wesen, halb Drache, halb Weib, und bannte sie in eine Felsenhöhle im Inneren der Gerloswand. In großer Einsamkeit, dem Licht der Sonne entrückt, hat sie nun Zeit zu bereuen, was sie verschuldet, und darf nur alle hundert Jahre einmal aus der Tiefe emporsteigen, um auf den zu warten, der sie erlösen soll Erlösung kann sie aber nur finden, wenn ein beherzter Jäger ihr den Kuß der Liebe weiht.

Einmal ist sie schon aus ihrer Höhle hervorgekommen. Glockengeläute im Tal verkündete ihr Erscheinen, aber niemand getraute sich in ihre Nähe. Endlich faßte ein mutiger Jägersbursche den Entschluß, das Erlösungswerk zu wagen. Tapfer schritt er auf die Felswand zu, wo die furchtbare Schreckensgestalt ihm schon von weitem entgegenrief: „Zittere nicht, du Lieber! Erscheine ich dir auch jetzt noch schrecklich und grauenhaft, so wird dein Entsetzen weichen und Freude und Glück dich erfüllen, wenn deine Lippen meinen Mund berührt haben. Weichst du aber von mir zurück, so sind wieder hundert Jahre Elend und Einsamkeit mein Schicksal.“

Mutig versprach ihr der Jäger, vor nichts zurückzuweichen. Als er sie aber in der Nähe in ihrer ganzen fürchteinflößenden Häßlichkeit sah, wich er entsetzt zurück. Wohl versuchte er ein zweites und drittes Mal näher zu treten, aber als der eisige Hauch ihres Mundes sein Gesicht umgab, taumelte er schwindelnd zurück und lag im nächsten Moment zerschmettert unten am Rand der Felswand.

Mit einem Jammerschrei wandte sich die Drachenjungfrau dem Felsen zu und muß nun wieder in ihrer finsteren Höhle, in Grauen versunken, hundert Jahre warten, bis sich vielleicht dann ein tapferer junger Mann findet, der sie ihrem Gefängnis entreißt und wieder in einen Menschen verwandelt.

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Dragons of the mount

Dragons of the Mount

They lair in lofty mountain peaks,
in windy tones of ancient tounges the speak.
Though on quests they travel far afield,
rarely do they exercise the power they wield.
The keepers of the windy heights,
on full moon nights they soar in flights.
To land and sup on the dew of morn,
and return to misty mountains from whence they were born.
These ancient protectors harken to the wind,
to go forth and all of nature defend.
So intimately with the strands of life they entwine,
that never from their watchpost shall they resign.
Always searching always going,
always seeking always flowing.
Never stopping save to smell a rose,
for only chance determines where the dragon goes.

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Monster

Monster

Moving back and forth, the moon throws shadows
Across the noisy room. People scream as glasses clink.
Inky blackness sweeps over the crowd, and as 
Their mouths keep moving, the noise stops. Their features
Are twisted; their gaping mouths and eyes gnarled
Figures in my mind. Suddenly I realize it is not them who
Have changed, it’s me. Looking in the mirror there is not
The person I have come to know as myself. Someone 
Better? The image of a young girl stretched over a 
Hideously ugly, ominous creature. As soon as the 
Thoughts have escaped my mind, the flesh on the mirrored
Image melts away, revealing a terrible creature with
Blackened skin and red bulging eyes. I realize with horror
That this is me, and as I try to scream nothing escapes
My mouth but a venemous rasp full of hate and anguish.
Those in the room I had seen as distorted now look at me –
I am the monster. I try to stop them, but as I do flames 
Shoot out my mouth, scorching those who are brave enough
To get close to try and help me. But how can they if I can’t
Change myself from this monster?

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Where have all the dragons gone

Where have all the dragons gone

Where have all the dragons gone,
what is this place to which they were drawn.
Gone are they from the cloudy skies,
no longer do they soar over seas sunrise.
Forests once magically alive left empty,
the magic left unknown to all humanity.
Not even a glimpse was ever caught,
and soon the dragons will be forgot.
Our memories of them must we cherrish,
or else they shall forever perish.
In all the secret places in all the world,
into these were the dragons hurled.
If only they were not lost forever,
to someday be found now or ever.
Perhaps this day soon will come,
then again we’ll hear the dragon’s hum.
When finally to this realm again are they drawn,
we shall learn where have all the dragons gone.

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Drachentränen 2 (Karin Roth)

Der Drachin Herz in Stein verschlossen
Viele Tränen hat das Wesen im Stein vergossen

Ein See entstand aus all diesem Leid,
ihre Gedanken aber lebten
und wanderten durch die Zeit.

Aus Schmerz dieser Zauber einst entstand
Ihre Seele auf diese Art
aus der Welt verschwand

Die Welt sah viele Tage kommen und gehen,
in der Drachin Herz
war immer noch ein Hoffen und Flehn.

Dann doch irgendwann, in stiller Nacht
wurde ein Wesen der Legenden zu diesem See gebracht.

Ein Drache wie sie, mit Sehnsucht im Herzen
ließ sich nieder um zu vergessen
seine eigenen Schmerzen

Seine Seele auch gelitten
Er wollte seine Qualen lindern,
nahm ein Bad in den Tränen
um sein Leid zu mindern.

Er tauchte ein, in den Quell des Drachens aus Stein,
war sich dabei gewiß
auch er möchte nicht mehr alleine sein.

Seine Sehnen, sein Hoffen, sein starkes Herz
drang durch der Drachin steinernen Schmerz

Durch Gefühle geweckt der Stein um sie verschwand
Der Drache er bot ihr,
ein sehr starkes Band.

Zwei Seelen sich gefunden durch Raum und auch Zeit
Dadurch wurden ihre Herzen
endlich geheilt.

Nun fliegen sie frei und glücklich durch
die Nacht
und wissen genau
das ein Stern über sie wacht

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Das Prettschett (Der Doktor)

Das Prettschett

Oder: Die durchaus erträgliche Leichtigkeit des Seins

Oder: Jäger des verlorenen Prettschetts

Oder: Drachen sind auch nur Menschen

Oder: Das drachige Dekadent

Oder…okay okay, ich fang ja schon an.

Es ist allgemein bekannt, dass Drachen einen schrecklichen Mundgeruch haben.

Doch…woher ist es bekannt?

Die allermeisten Menschen, die den Mundgeruch der Drachen aus nächster Nähe erleben konnten, durften danach sogar sein Innenleben betrachten – vorausgesetzt, sie hatten eine Lampe dabei. Außerdem beschränkte sich diese Betrachtung nur auf einen geringen Teil des Verdauungstraktes.

Der Rest der Menschheit konnte ja nicht wissen, ob Drachen beispielsweise explizite Zahnpflege betrieben – denen kann man ja schließlich alles zutrauen…

Also, warum konnten die Menschen so sicher sein?

Diejenigen, die eine Begegnung der draconischen Art überlebt hatten, reichten kaum aus, um diese Information über den gesamten Globus zu verbreiten – und außerdem, wer spricht schon über den Mundgeruch eines Drachen?

Fakt ist, das Wissen um diese Information war fest in den Köpfen der Menschen verankert.

Fakt ist, Drachen haben einen schrecklichen Mundgeruch.

Und das wirft die nächste Frage auf: Was war zuerst da? Der Mundgeruch oder das Wissen darum?

Und das wirft die Frage auf: Formt die Realität das Wissen oder formt das Wissen die Realität?

Smahug kümmerte sich nicht um solche pseudo-philosophischen Fragen.

Er wartete.

Sein golden geschuppter Körper räkelte sich auf dem hoch gelegenen Plateau des Versammlungsplatzes und glitzerte dabei im Licht der ersten Sonnenstrahlen.

Unvorsichtige hätten ihn für einen gigantischen Schatzhaufen halten können – sie hätten sehr bald herausgefunden, dass die allerwenigsten Schatzhaufen große, grüne Augen haben…

Und einen riesigen Kopf…

Und zwei große Flügel…

Und scharfe Zähne und Klauen…

Und schrecklichen Mundgeruch…

Er wartete auf die anderen.

Sie kamen im Laufe des Vormittags:

Adorelon, der Silberne.

Neidhöcker, der Bronzene – wenn er nicht gerade mal wieder mit Droca verwechselt wurde.

Droca, der Kupferne…oder doch der Bronzene?

Vasdendas, der Messingfarbene.

Morkulebus, der Schwarze, der aus den finsteren Sümpfen des schwarzen Todes kam, die noch nie von einem Menschen lebendig wieder verlassen wurden.

Er wurde von allen immer nur Morki genannt.

Glaureng, der Grüne.

Tjamat, der Blaue.

Schneeweißchen, die Weiße – ja, sie war der einzige weibliche Drache im Rat. Und ja, sie hatte wirklich so einen dämlichen Namen.

Und Kalessan, der Rote.

Kalessan war einem sofort sympathisch, wenn man ihn das erste Mal traf. Denn man wollte unter keinen Umständen zulassen, dass er unsympathisch wurde. Leider reichte bloßes Menschsein schon aus, um ihn sehr unsympathisch werden zu lassen…

"Es ist ungemein praktisch, ein Drache zu sein!", hatte er einmal gesagt, "Du musst dich gar nicht mehr um die Nahrungsbeschaffung kümmern, nein, die Nahrung kommt zu dir…und meistens bringt sie noch tolle Dinge zum Sammeln und Tauschen mit…"

Deswegen war es ihm auch ein besonderes Greuel, seinen geliebten Hort verlassen zu müssen – und darum war er auch der einzige, der nicht im Laufe dieses Vormittags, sondern des nächsten erschien. Den anderen machte das nicht viel aus, sie waren sein Verhalten schon gewohnt – und wenigstens konnten sie derweil die neuesten Nachrichten, Geschichten und praktische Tips zur effektiven Sklavenhaltung austauschen.

Kalessan landete auf seiner Plattform, während die anderen ebenfalls ihre Plätze einnahmen – Smahug dabei, wie es die Tradition verlangte, in der Mitte des Felsplateaus.

Eigentlich waren es mehrere Plattformen: Eine große in der Mitte und zehn weitere, die kreisförmig um sie herum angeordnet waren. Die Drachen hatten keine Ahnung, wer dieses Bergplateau mitten im Gebirge erschaffen hatte. Aber weil sich Unwissenheit seitens der Mächtigen in der Öffentlichkeit niemals gut macht, wurde schnell eine schöne Geschichte erfunden. Nun hieß es offiziell, dass der allererste Rat der Drachen diesen Platz mittels mächtiger Magie aus dem höchsten Berg des Landes heraus gebrochen hatte, um dort in Zukunft seine Versammlungen abzuhalten, die fortan die Geschicke der Welt lenken sollten.

Solche Geschichten machen sich immer gut…

Jeder Drache saß nun auf seiner Plattform. Und sie saßen auch nur, weil nicht genug Platz war, um sich hinzulegen.

Der Rat der Drachen tagte einmal mehr. Und sein Vorsitzender, Smahug, erhob nun die Stimme:

"Schön, dass du es auch für nötig befindest, hier aufzutauchen, Kalessan!"

"Sei froh, dass ich überhaupt gekommen bin! Ich habe nämlich keine große Lust, wieder so einer sinnlosen Sitzung wie letztes Mal beizuwohnen!", erwiderte der rote Drache, was alle anderen zu Gekicher veranlasste – alle, außer Smahug.

"Nein, diesmal ist das Anliegen, weswegen ich euch zusammen gerufen habe, ein äußerst wichtiges!", antwortete dieser.

"Das hast du letztes Mal auch gesagt, als dein Lieblingsschmuckstück verschwunden war, wir deine gesamte Höhle danach abgesucht haben und es schließlich in deinem Ar…"

"Ja ja ja, das war sehr lustig damals, nicht wahr? Ha. Ha. Ha.", unterbrach ihn Smahug schleunigst, "Nein, diesmal ist es wirklich wichtig! Ich denke mal, ihr wisst alle, wo die Menschenstadt "Neudorf" liegt?"

Die meisten Drachen nickten.

"Gut, wir werden der Stadt heute einen kleinen Besuch abstatten. Und, um es gleich hinzuzufügen, wir werden die Stadt nicht zerstören oder sonst irgendwie beschädigen!", sagte Smahug mit einem Seitenblick auf Kalessan.

Ein teils erstauntes, teils erfreutes, teils enttäuschtes Murmeln ertönte aus den Reihen der restlichen Drachen.

Glaureng fragte: "Das wird doch nicht wieder so eine Wohltätigkeitsveranstaltung für Menschen, oder? Das wäre ja noch schlimmer als die Aktion vom letzten Mal!"

Wieder brach Gelächter aus.

Smahug unterbrach die Menge mit einem lauten Brüllen:

"Nein, das wird weder eine Zerstörungsorgie, noch eine Wohltätigkeitsfahrt. Und ich wäre sehr erfreut, wenn ihr mich nicht alle immer wieder an das kleine Missgeschick unserer letzten Zusammenkunft erinnern würdet, danke! Nein, wir werden uns tarnen und mit einem gewissen Menschen in dieser Stadt mal ein paar Worte wechseln. Droca hier…", er deutete mit einem Kopfnicken auf den Kupferdrachen.

"Ich bin Droca!", sagte der Drache, der auf der Plattform nebenan saß, "Das da ist Neidhöcker."

"Warum sitzt ihr eigentlich nebeneinander?", fragte Tjamat, "Man kann euch ja wirklich kaum auseinander halten!"

"Ihr könnt das seit den 450 Jahren die wir schon nebeneinander sitzen nicht – aber ihr habt euch nie darüber beschwert!", erwiderte Neidhöcker.

"Dann tue ich es halt jetzt!"

"Hättest du das nicht früher machen können? Ich habe mich schon so sehr an den Platz hier gewöhnt! Außerdem bist du ja nur neidisch, weil meine Plattform ein bisschen größer…"

"WENN ICH WOHL WIEder auf unser eigentliches Thema zurückkommen könnte?", rief Smahug dazwischen, worauf der Streit zwischen den beiden fürs erste verstummte.

"Also, Droca hat mir berichtet, dass ein Magier namens Saurudalf die Regentschaft über Neudorf übernommen hat. Dieser Magier verkündete, dass er sämtliche Drachen im Umkreis von Neudorf vernichten wolle – etwas, was wir natürlich nicht zulassen können!"

"Ich wusste, dass ich nicht hätte kommen dürfen!", stöhnte Kalessan, "Wozu brauchst du da uns alle? Warum kann Droca ihm nicht alleine einen kleinen Besuch abstatten und ihm den Kopf abbeißen? Hast du etwa Angst, er könnte dir weh tun, Droca?"

"Es wäre sehr nett, wenn du mich ausreden lassen würdest, Kalessan! Dieser Saurudalf hat nämlich laut Drocas Bericht irgendeine Maschine oder ein Artefakt geschaffen – extra zur Vernichtung von Drachen! Ich bin der Meinung, wir sollten uns dieses Artefakt im Rahmen einer kleinen Weiterbildung alle einmal ansehen – und diesem Saurudalf nebenbei noch eine kleine Lektion erteilen."

Als Smahug Kalessans interessierte Seitenblicke vernahm, fügte er hinzu: "Und wir werden ihn nur töten, wenn es sich wirklich absolut nicht vermeiden lässt!"

Irgendetwas in Kalessans Blick sagte ihm jedoch, dass Kalessan schon dafür sorgen würde, dass es sich nicht vermeiden lassen würde…

Die Reise verlief relativ schnell, gegen Nachmittag erreichten die zehn Drachen die Umgebung um Neudorf.

Aufgrund des Namens könnte man vielleicht vermuten, dass es sich nur um eine kleine Ansammlung von Hütten handelte, die mitten im Freien herumstanden und auch nur deswegen als "Dorf" bezeichnet wurden, weil der Abstand zwischen zweien von ihnen weniger als einen Kilometer betrug…

Nein, in Wahrheit handelte es sich um eine der größten Städte des Reiches, mit einer Einwohnerzahl von ungefähr 40.000 Wesen.

Bei der Namenswahl der Stadt war man halt anscheinend ein wenig…uninspiriert gewesen.

Droca, der der Stadt am nächsten wohnte, führte die Drachen zu einem nahe gelegenen Wald, in dem eine Lichtung lag, die groß genug war, um zumindest einem von ihnen Platz zu geben.

Da Glaureng als einziger mehr einem riesigen gefüllten Schleimbeutel als einer geflügelten Echse glich, musste er mit Hilfe von Magie fliegen, was ihn über längere Strecken nicht gerade wenig Kraft kostete. Darum landete er als Erster auf der Lichtung und verschnaufte ein wenig. Das prägte der Lichtung zwar schon Glaurengs charakteristischen Gestank auf und ließ bereits nach kurzer Zeit die ersten Blumen absterben, die restlichen Mitglieder waren diesen sehr speziellen Duft aber glücklicherweise bereits gewohnt. Während ihr Kollege sich noch ausruhte, kreisten die anderen Drachen weit über den Wolken, die über der Lichtung hingen und entzogen sich so eventuellen neugierigen Blicken. Dabei setzte sich eine der unterbrochenen Unterhaltungen vom Vormittag auf mentalem Wege fort.

Tjamat wandte sich – natürlich erst, nachdem er nachgefragt hatte – an Neidhöcker, den Bronzedrachen: "Sag mal, warum gibt es überhaupt eine Unterteilung zwischen Kupfer- und Bronzedrachen? Ich meine, Droca und du, ihr ähnelt euch beide wie ein Ei dem anderen! Ich wette, wenn man einen Schlüpfling von dir und ihm vertauscht, würde keiner von euch etwas merken."

"Pass mal auf, mein lieber, blauer Freund: Ich würde auch aus Tausenden von Kupferdrachenschlüpflingen einen Bronzedrachen herausfinden. Es gibt nämlich gravierende Unterschiede zwischen unseren beiden Rassen!"

"Als da wären…?"

"Nun…zum Beispiel leben Kupferdrachen in ländlichen Gegenden wie dieser hier, während wir Bronzedrachen schöne, felsige Küstenregionen bevorzugen."

"Und daran könntest du die Kleinen unterscheiden, aha… Weißt du was? Ich glaube, diese Einteilung ist nur vorgenommen worden, weil die zehn Plätze die sie da oben auf dem Versammlungsplatz vorgefunden hatten alle gefüllt werden mussten…"

"Da hätte man euch Blaue auch weglassen können und uns dafür dreimal unterteilen können!"

Bevor Tjamat zu einer scharfen Gegenantwort ansetzen konnte, übermittelte ihnen Smahug folgendes: "Glaureng ist fertig da unten. Du bist dran, Tjamat!"

"Wir sprechen uns noch, Höcki!", sagte Tjamat mit einem Knurren und drehte dann ab, um spiralförmig abzusteigen.

So ging es dann immer weiter. Wenn einer der Drachen fertig war, übermittelte er den oben fliegenden Kollegen eine entsprechende Botschaft und der nächste war dran. Smahug war der letzte, der absteigen sollte. Er schraubte sich tiefer und tiefer, bis er die Wolkendecke durchbrach und die Lichtung sichten konnte. Mit angelegten Flügeln legte er einen schnellen Sturzflug nach unten hin und breitete sie kurz vor dem Aufprall wieder aus, was seinen Flug rapide abbremste.

Jedem normalen Wesen von diesem Gewicht und dieser Geschwindigkeit hätte es die Flügel kurzerhand ausgerissen und den Flug kein bisschen gebremst, aber, wie Kalessan bereits sagte, es ist wirklich ungemein praktisch, Drache zu sein – man muss sich um keinerlei physikalische Gesetze mehr kümmern. Wozu gibt es denn Magie?

Smahug drehte der Physik eine lange Nase und landete sanft wie eine Feder auf der großen Lichtung, die für seine stattliche Größe von 50 Metern schon fast wieder zu klein war. Er faltete seine Schwingen zusammen und begann, sich zu konzentrieren und damit die Verwandlung einzuleiten. Wären jetzt Menschen dabei gewesen, hätte Smahug wahrscheinlich eine optisch beeindruckende Schau mit viel Blitz und Rauch vorgelegt – Menschen brauchten so etwas. Da dem aber nicht so war, verschwand der Drache einfach und statt dessen stand an seiner Stelle ein älterer Mann mit weißen Vollbart, langen, ebenfalls weißen Haaren und einer goldfarbenen Robe. Das Assoziationsvermögen eines jeden Menschen würde bei seinem Anblick sofort "Magier" schreien…

Er sah zum Rand der Lichtung. Neun andere Menschen bewegten sich auf ihn zu. Und jeder von ihnen trug eine Robe von einer anderen Farbe.

Alles in allem sah es aus, als wären die Farben aus dem Malkasten eines Grundschülers herausgesprungen und hätten menschliche Gestalt angenommen. Farben hätten sich jedoch wahrscheinlich unauffälliger gekleidet als die Drachen es taten…

Smahug ließ seinen Blick nochmals über die Gruppe schweifen. Vor ihm standen sieben menschliche Männer und zwei Frauen. Es war also alles in Ordnung, alle waren anwesend. Er wollte gerade den Arm in Richtung Neudorf heben und einen Standardspruch á la "Na dann, lasst uns diesem Magier mal zeigen, wer hier der Boss ist!" loslassen, stockte aber. Sieben Männer und zwei Frauen?

Smahug sah sie sich nochmals an. Die eine Frau trug ein weißes Gewand – das musste Schneeweißchen sein… Die andere war blau bekleidet.

"Tjamat, ich denke, ich kann sagen, dass ich mich mit Menschen ganz gut auskenne…und du hast dich versehentlich in eine menschliche Frau verwandelt!"

Tjamats sehr männliche Stimme antwortete ihm: "Wieso ‚versehentlich‘? Sehe ich etwa nicht gut aus?"

Die anderen neun starrten sie…ihn nur an.

"Was ist? Ist irgendwas nicht in Ordnung?", fragte der verwirrte Tjamat.

"Du verwandelst dich in eine menschliche Frau und behältst deine männliche Drachenstimme bei?", fragte Adorelon ungläubig.

"Was dagegen? Wir gehen doch nur da rein, regeln unsere Angelegenheit mit diesem Saurudalf und gehen dann wieder raus oder? Ich werde schon nicht mit jedem zweiten Menschen in dieser Stadt reden…und selbst wenn, was soll uns schon groß passieren?"

Smahug schüttelte den Kopf und seufzte: "Ja, gut, du hast Recht. Es wird nicht lange dauern. Rein und wieder raus, nichts besonderes, ein Kinderspiel für uns, ja… Also, verschwenden wir nicht weiter unsere Zeit mit dieser Angelegenheit sondern ziehen endlich los – hat noch jemand von euch Fragen?"

Er schaute fragend in die Runde – die anderen schauten fragend zurück.

Smahug hob den Arm in Richtung Neudorf und sprach: "Na dann, lasst uns diesem Magier mal zeigen, wer hier der Boss ist!"

Eine derartige Gruppe hätte beim Passieren des großen Stadttores eigentlich auffallen müssen. Doch die Bewohner und damit auch die Torwächter der Stadt waren solcherlei Gefolge schon gewohnt – wenn eine der größten Magierakademien des Reiches mitten in der Stadt steht, ist man so einiges gewohnt…

Die Häuserwände türmten sich rechts und links hoch auf. Zwischen ihnen lag ein gewaltiger Strom aus Menschen, Handelskarren und anderen sich bewegenden Dingen, unter ihnen die zehn Drachen des Rates, die wie ein großer Regenbogenfisch durch das Gedränge schwammen.

Die breite Straße – wahrscheinlich hieß sie auch "Breite Straße" – führte direkt auf den großen Marktplatz der Stadt, der sehr bekannt für…seine Größe war.

Von hier aus zweigten etliche Dutzend große und kleine Straßen in sämtliche Himmelsrichtungen ab, jedoch keine davon so auffällig breit und dicht befahren wie der Weg, auf dem sie in die Stadt gekommen waren.

"So, und wo geht es nun zum…", wollte sich Smahug an Droca wenden, stockte aber einmal mehr. Die zwei Menschen in rotbraunem Gewand, die vor ihm standen, waren für einen Drachen kaum zu unterscheiden. Denn was ist zwischen zwei Menschen schon groß anders? Manchmal ist das Fell auf dem Kopf länger, mal kürzer, mal in der einen Farbe, mal in einer anderen – sehr viel mehr Unterschiede, von weiteren auffälligen Merkmalen wie Größe oder Statur mal abgesehen, konnten Drachen an Menschen nicht ausmachen…oder hatten keine Lust dazu.

Einer von den beiden antwortete auf die abgebrochene Frage: "Folgt mir einfach, ich kenne den Weg zum…", wurde aber seinerseits unterbrochen. Und zwar von einer Menschenfrau, die gerade vorbei lief, dann aber stehen blieb, um den Drachen näher zu betrachten:

"Verzeiht…seid ihr nicht Droca, der Schauspieler?"

"Ähm, nun ja…", antwortete dieser und begann, recht nervös nach rechts und links zu blicken.

"Oh, ich habe das Stück gesehen. Es war großartig! Ihr habt mit solcher Hingabe gespielt, mit solcher Emotion, mit solchem Talent! Eure Verkörperung des Newob hatte so viel Tiefe, so viel Kraft, so viel Liebe…", ergoss sich der Redeschwall der Frau über den Drachen, in dessen Blick jetzt eine Spur von Panik lag, während ihn seine Kollegen nur mit offenen Mündern anstarrten.

Irgendwie gelang es Droca, sich selbst zu überwinden und ein paar Worte hervorzustammeln: "Gute Frau, ich weiß nicht, wovon…"

Die Frau schien ihn nicht zu hören. Sie brach ihren Redeschwall zwar ab, aber nur um einer Gruppe anderer Frauen in der Nähe zuzuwinken und laut zu schreien: "Trixi, Daisy, Peggy, kommt her, seht mal, wen ich gefunden habe! Es ist Droca! Der Droca!"

Die drei angesprochenen Frauen sahen auf, kreischten laut und rannten auf den Drachen zu. Anscheinend waren diese vier aber nicht die einzigen, die den Drachen zu kennen schienen, denn nun erschollen weitere laute Rufe und immer mehr Menschen kamen heran, um ein Auge auf den Drachen werfen zu können. Es entstand ein riesiges Gedränge um die Drachengruppe, mit Droca in ihrem Mittelpunkt. Die Leute schrien Dinge wie "Nur ein Stück von seinem Gewand!", "Eine Locke seiner prächtigen Haare!" oder "Oh bitte, lasst mir auch was von ihm übrig!" und die Menschen begannen an ihm zu ziehen und zu zerren.

Auf einmal blitzte ein helles rotes Licht auf, welches den Marktplatz für den Bruchteil einer Sekunde im Licht der nachmittäglichen Sonne noch einmal extra erhellte.

Stille.

Eine große Masse an Menschenaugen starrte sie ausdruckslos an.

Smahug steckte den kleinen Stock mit dem rötlich glühenden Punkt am Ende wieder in eine Tasche seiner Robe.

"Was glotzt ihr alle so? Haut endlich ab! Hier gibt es nichts zu sehen! Los, geht weiter euren Geschäften nach!", rief er laut.

Gemurmel und Bewegung entstand wieder und die Menschen kehrten zu ihren vorherigen Aktivitäten zurück.

"Was…was war das?", fragte Droca.

"Eine kleine Spielerei, hab ich mal vom Elfenkönig Emballasilvarandarlessadar dem MCXXIX. bekommen. Es stimuliert die Nervensynapsen des menschlichen Großhirns und löscht so ihr Kurz…"

Smahug bemerkte die Verständnislosigkeit in Drocas Augen.

"Ach, vergiss es! Sag du mir lieber, was das hier gerade war! Wie hat sie dich nochmal bezeichnet? Als Schaumspüler?"

"Schauspieler. Ähm, wisst ihr, die Menschen haben hier eine Tradition namens ‚Theater‘. Ich habe da mal mitgemacht. Eine Gruppe von Menschen, die Schauspieler, tun so, als wären sie jemand anders und erzählen so auf der Theaterbühne eine Geschichte. Und viele andere Menschen schauen dabei zu."

"Und was hat das Ganze für einen Sinn?", fragte Morkulebus.

"Nun, es ist ein…direkteres und anschaulicheres Mittel, um Geschichten glaubwürdig erzählen zu können, würde ich sagen."

"Und was für eine Geschichte habt ihr da erzählt?", fragte Adorelon.

"Oh, ich kann euch sagen, dass war eine ganz fantastische Geschichte! Es ging um einen Drachentöter, der sich mit dem letzten Drachen zusammenschließt, um einen bösen König zu bekämpfen."

"Und du hast dich vor all den Menschen in deiner wahren Gestalt gezeigt?", fragte Vasdendas.

"Neinneinnein, ich habe den Drachentöter gespielt. Der Drache war ein großes Gerüst auf Rädern – sah zwar nicht unbedingt wie ein Drache aus, aber die Phantasie musste sich den Rest einfach nur dazu denken, dann wirkte es gar nicht mal so schlecht. Ich sage euch, die Menschen waren hin und weg von dem Stück!"

"Das ist ja sehr erfreulich für dich, lieber Droca! Schön, dass du den Ruf unserer Rasse so in den Dreck ziehst. Schön, dass du so bekannt bist und so viel Aufmerksamkeit auf dich ziehst. Schön, dass du unsere gesamte Aktion hier gefährdest!", rief Smahug.

"Ach komm schon, reg dich ab – was soll uns hier bitteschön passieren?"

Bevor Smahug zu einer Gegenantwort ansetzen konnte, schob sich Kalessan dazwischen: "Uns kann hier gar nichts passieren. Aber unser Anführer hier hat Angst, dass arme, unschuldige Menschen zu Schaden kommen könnten, wenn etwas schiefgeht – ist es nicht so, oh großer, weiser Anführer?"

Smahug starrte ihn nur wütend an.

Dann antwortete er endlich: "Das Thema haben wir schon so oft durchgekaut, Kalessan! Diesen Disput verschieben wir auf später, ja? Ich möchte erstmal die Angelegenheit in dieser Stadt bereinigen, ja? Also, Droca, wo lang geht es denn jetzt zu diesem…Rathaus?"

"Folgt mir einfach!"

Nachdem sich durch einige weitere größere Straßen durchgearbeitet hatten, kamen sie auf einen kleineren Platz. Nur ein einzelner, kleiner und noch dazu ziemlich dreckiger Springbrunnen zierte die Fläche. Neben den üblichen Häusern und Geschäften war der Rand des Platzes noch von einem großen, prächtig verzierten Fachwerkhaus gesäumt, welches seine Nachbarn von der Ästhetik her in den Schatten tiefster und vollkommenster Hässlichkeit stellte.

"Sieht so aus, als wären wir am Ziel. Warum müssen die Mächtigen unter den Menschen ihre Potenz eigentlich immer in solchen Prunkbauten ausdrücken? Wenn sie das Geld schon ausgeben müssen, können sie das auch für nützlichere Zwecke machen…", sagte Smahug.

"Ähm, das ist die örtliche Taverne und nicht das Rathaus…", erwiderte Droca.

"Die örtliche…was?", antwortete Smahug ungläubig, "Warum hat eine Taverne bitteschön eine so teure Aufmachung? Ist das etwa die einzige Taverne in der Stadt? Dann könnte ich es ja verstehen…"

"Neinnein, der ‚Rumstehende Esel‘ ist bei weitem nicht das einzige Gasthaus hier. Nur Wirt Brennessel ist der einzige, der es irgendwie geschafft hat, eine Versicherung für Einrichtungsschäden zu ergattern…"

"Eine was?"

Droca suchte nach Worten und wedelte dabei suchend mit den Armen in der Luft: "Ähm…das ist, wenn…wenn…wenn du…nein…ähm, pass auf, das funktioniert so: Wenn jemand dein…ähm…dein Eigentum beschädigt und du…und du so eine Versicherung…ähm…äh…ach, vergiss es!"

"Also, wo ist jetzt das verdammte Rathaus?", fragte der langsam ungeduldig werdende Kalessan.

"Da drüben!"

"Das Haus sieht aber aus wie alle anderen!", sagte Vasdendas enttäuscht.

"Die Stadt hat halt nicht viel Geld – selbst du dürftest mehr in deinem Hort haben, als die hier in ihrer Stadtkasse, Vas.", entgegnete der Kupferdrachen.

"Da scheint es ja wirklich schlimm um die Stadt zu stehen. Was haben die denn gemacht, um sich so groß zu verschulden?", fragte Neidhöcker.

"Ich bin nicht verschuldet!", sagte Vasdendas.

"Keine Ahnung! Gestern war die Kasse noch voll und nichts deutet auf eine finanzielle Katastrophe hin und am nächsten Tag liegt in der Schatzkammer nur noch ein Schuldschein mit einem riesigen Betrag drauf – beeindruckend, wie menschliche Politiker das so hinbekommen…", erklärte Droca.

"Ich bin nicht verschuldet!", sagte Vasdendas.

Kalessan schnaubte verächtlich: "Typisch Menschen, die können weder mit sich selbst, noch mit Geld richtig umgehen – und sowas favorisierst du, Sma…"

Kalessan stockte.

Smahug stand mit geschlossenen Augen da. Er atmete ruhig ein und aus. Ein Zeichen, dass die anderen Drachen sofort zu deuten wussten. Als er die Augen wieder aufmachte, sah Smahug, wie sie in voller Bereitschaft an der Tür des Rathauses standen und ihn halb ängstlich, halb erwartungsvoll betrachteten. Er ging auf sie zu und sagte kühl: "Gut. Keine Unterhaltungen mehr. Keine Plaudereien. Keine Diskussionen. Kein Blödsinn. Wir gehen jetzt da rein. Ich werde reden. Niemand sonst. Verstanden?"

Neun Köpfe bewegten sich simultan auf und ab, erleichert darüber, den Wutausbruch abgewendet zu haben.

Smahug öffnete die Tür.

"Ah, Hallo! Mister Saurudalf hat euch bereits erwartet. Bitte setzt euch doch kurz, ich sage ihm dann gleich Bescheid, ja?", ertönte eine näselnde Frauenstimme, welche Smahug den Schwung seines Auftretens nahm und ihn verblüfft im Raum stehen ließ.

Das Zimmer war klein und stickig. Die Wände waren grau gestrichen und die Einrichtung bestand aus einer von Holzwürmern durchlöcherten Tür gegenüber des Eingangs, einem von Holzwürmern durchlöcherten Tisch auf dem zahlreiche Papierstapel und ein Tintenfass standen und einem von Leinenwürmern durchlöcherten Bild an der Wand dahinter, welches einen Ritter zeigte, der gerade einen kleinen Drachen mit einer Lanze aufspießte.

Hinter dem Tisch saß ein Skelett. Nein, bei näherem Hinsehen handelte es sich tatsächlich um eine lebendige, wenn auch schon recht alte Frau. Sie hatte nur einen Hüftumfang, der ein jedes der gängigen Topmodels wie eine Tonne auf Beinen aussehen lassen würde.

Smahug fing sich langsam wieder: "Was…habt ihr gerade gesagt?"

"Ich sagte, ihr sollt euch kurz setzen, während ich Saurudalf…"

"NIEMAND…sagt MIR…was ICH zu tun habe!", schrie Smahug sie mit vor Zorn weit geöffneten Augen, die fast aus dem Kopf quollen, an. Dann schritt er auf die Tür zu und öffnete sie mit einem entschlossenen Tritt, was zur Folge hatte, dass sie laut krachte und mehrere Meter weit in den nächsten Raum hinein flog.

Smahug blieb abermals stehen, während die anderen Drachen aufrückten und ihm den Rücken sicherten – zumindest würden sie ihre Aktion so bezeichnen.

Vor ihnen tat sich eine Halle auf. Sie war nicht sehr groß – Kalessan, der mit über zwei Metern der Größte von ihnen war, musste nur den Arm ausstrecken, um die Decke zu berühren – aber das machte sie in ihrer mehrere Dutzend Meter messenden Länge wieder wett. Ein breiter, roter Teppich erstreckte sich über die gesamte Halle. Rechts und links neben ihm standen zwei ebenso lange und diesmal seltsamerweise nicht von Holzwürmern durchlöcherte Tische. Der Teppich endete an einem roten Sessel – und auf diesem Sessel saß ein junger Mann. Er hatte die Beine übereinander geschlagen und las in einem großen Buch, welches auf seinem Schoß lag. Er war ebenfalls mit einer Robe bekleidet, wäre in einer Menschenmenge aber wohl kaum so aufgefallen wie der Rat.

Er sah auf: "Cassandra, habe ich nicht gesagt, dass ich nicht gestört werden…möchte…aahh, ich verstehe, ihr seid es!"

"Ja, wir sind es – und wer zur Hölle seid ihr?", entgegnete der bereits sehr aufgebrachte Smahug.

"Erlaubt mir, mich vorzustellen…", setzte der Mann an.

"Ich habe es euch befohlen, nicht erlaubt!", schrie Smahug ihn an.

Damit hatte er ihn ein wenig aus dem Konzept gebracht, denn der Mensch schaute jetzt nervös hin und her und leckte sich mit der Zunge über die Lippen. Bevor er jedoch weiterreden konnte, ertönte wieder die Stimme der alten Frau neben ihnen: "Es tut mir leid, Mister Saurudalf, aber diese Herren haben sich einfach vorgedrängelt, bevor ich etwas unternehmen konnte!"

"Ähm, schon gut Cassandra, bitte…nehmen sie sich den Rest des Tages frei, ich denke, ich brauche sie heute nicht mehr!"

"Aber die Akten müssen noch…"

"Bitte gehen sie jetzt!", sagte Saurudalf mit leicht erhobener Stimme.

"Ja, Mister!", ertönte die leise Antwort. Danach war die Frau verschwunden und die Tür wurde zugeschlagen.

"Ihr seid also Saurudalf? Gut, dann seid ihr auch der, den wir suchen…aber anscheinend wurden wir auch schon erwartet?", meldete sich jetzt Smahug wieder zu Wort.

"Oh, äh…ihr gehört doch zu der Abenteurergruppe, die die Handelskarawane aus Kleinstadt begleitet hat oder?", kam die Antwort.

"Nein, sind wir nicht. Wir kommen wegen einer anderen Angelegenheit. Wir haben gehört, ihr habt eine Abneigung gegen Drachen?"

"Oh, diese schrecklichen, hässlichen, stinkenden, brutalen, fliegenden Monster? Ich hätte da einen Auftrag für eure Gruppe, der sich mit diesen höllischen Kreaturen befasst. Ihr müsst nur meine neuste Kreation mitnehmen, die Drachen suchen und könnt ihnen dann im Handumdrehen den Garaus machen. Das ist garantiert völlig ungefährlich und macht eine Menge Spaß! Außerdem springt noch ein wenig was dabei für euch heraus…"

Bevor einer der Drachen aufbrausen konnte, hob Smahug schnell beschwichtigend die Hand und antwortete: "Ähm…das hört sich…sehr gut an. Zeigt uns doch mal eure ‚Kreation‘. Würdet ihr das für uns tun?"

"Oh, aber natürlich – seht her!", sagte Saurudalf und streckte die Hand nach einem kleinen Tisch aus, der neben seinem Sessel stand. Auf ihm stand irgend etwas, aber es war von einem dicken blauen Samttuch bedeckt, sodass man nur einen vagen Schemen von dem Objekt ausmachen konnte. Saurudalf packte die Samtdecke und zog sie weg. Was zum Vorschein kam, war eher unspektakulär: Das Objekt sah aus, wie eine stinknormale und nicht einmal besonders große Kristallkugel, die vielleicht für einen Jahrmarktswahrsager gerade mal gut genug gewesen wäre.

Saurudalf schaute seine Schöpfung stolz an und sprach: "Ich nenne es…" – er machte eine dramatische Pause – "…das Prettschett!"

"Das Prettschett!", echoten einige der Drachen.

Smahug drehte sich um und starrte sie kurz an – dann wendete er sich wieder Saurudalf zu.

"Und das da soll eure großartige Drachenvernichtungsmaschine sein? Alleine die Erscheinung dieses Objekts ist nicht sehr eindrucksvoll – musstet ihr diesem armen Ding auch noch so einen bescheuerten Namen geben?", sagte er mit unterdrücktem Lachen.

"Sagt mir ja nichts gegen den Namen! Ich habe es nach meinem armen, verstorbenen Terrier benannt, der vor einem Jahr ermordet wurde…verschlungen…von einem Drachen!", antwortete Saurudalf mit einer Stimme, die von Trauer und Hass nur so strotzte.

Jetzt meldete sich Kalessan zu Wort: "Ihr habt dieses Ding nach eurem verstorbenen Terrier Prettschett benannt? Was ist denn das für ein bescheuerter Name für einen Terrier? Der Terrier Prettschett…pah, ich glaub’s nicht!"

"Der Name ist nicht bescheuert. Außerdem hieß er Prett-Schett und nicht Prettschett!", erwiderte Saurudalf trotzig.

"Und wo ist da bitteschön der Unterschied?"

"In der Schreibweise!"

Kalessan schloss die Augen und war jetzt seinerseits dran, ruhig ein- und auszuatmen. Dann sagte er resigniert: "Gut…in Ordnung…das wird mir hier langsam zu bunt, mein lieber Anführer. Wir verschwenden hier nur unsere Zeit – und das sage ich dir als Drache, der sich nun wirklich nicht über einen Mangel an selbiger beklagen kann!"

"Nein Kalessan, wir werden jetzt versuchen, alles über dieses…dieses Prettschett dort herauszubekommen. Und ich werde erst gehen, wenn das Ding da zerstört ist!", entgegnete ihm Smahug.

Kalessan sah auf.

"Oh? Na, wenn’s weiter nichts ist…", sagte er und richtete einen Finger auf die Kugel. Ein roter Feuerblitz schoss auf das Objekt zu – und verschwand darin.

Eine Sekunde später begann sie innerlich in einem unheimlichen, blauen Licht zu glühen.

Saurudalf schaute seine Schöpfung kurz an, richtete sich dann wieder an die Drachen und sagte: "Das Prettschett ist nicht direkt eine Drachenvernichtungsmaschine, wie ihr es so schön zu sagen pflegtet, meine lieben Echsen. Es ist mehr…ein Gefäß, ein Behältnis für einen ganz besonderen Inhalt. Ihr möchtet mehr über seine Funktionsweise erfahren, werter Smahug? Es wird durch Drachenmagie aktiviert. Und es absorbiert genau diese Form der Magie aus einem weiten Umkreis, der euch zehn hier ganz sicher mit einschließt. Jetzt, in diesem Moment, in dieser Sekunde, wird euch gerade der Grundstein eurer Macht genommen: Eure Magie! Und was sind Drachen ohne Magie, die dazu noch in unbewaffneten Menschenkörpern stecken? Wehrlos…absolut wehrlos! Insofern hattet ihr mit eurer Betitelung als Drachenvernichtungsmaschine schon in gewisser Weise Recht…"

Während er sprach, gewann das blaue Licht im Innern der Kristallkugel an Intensität und strahlte bald fast so hell wie eine künstliche Sonne.

Kalessan starrte das Ding nur ungläubig an und lachte dann auf: "Und den Mist sollen wir euch glauben, Menschling? So etwas Dreistes habe ich wirklich noch nie gesehen! Du vielleicht Smahug? Smahug?"

Smahug stand wie erstarrt neben ihm. Er war kalkweiß im Gesicht.

"Ich…fühle mich…so leer…", stöhnte er.

Als Kalessan sich umdrehte, sah er in den meisten Gesichtern der anderen Drachen den gleichen, bleichen Ausdruck.

Als Magier war er bei weitem nicht so gut wie einige der anderen aus dem Rat – aber es reichte immer noch aus, um den ein oder anderen nervenden Menschen auch mal aus der Entfernung zu beseitigen…oder anscheinend, um ein Prettschett zu aktivieren…

Doch auch er spürte es – beziehungsweise, er spürte es nicht mehr. Es war, als ob ein Körperteil fehlen würde – mit dem Unterschied, dass noch alles an ihm dran war.

Saurudalf streichelte über die hell strahlende Kugel neben ihm und begann wieder zu reden: "Es war mir wirklich eine Freude, mit den zehn ehemals mächtigsten Wesen dieser Welt sprechen zu können, doch ich denke, ich werde diese Audienz jetzt beenden. WACHEN!"

Rechts und links neben dem Sessel wurden zwei nahezu unsichtbare Steintüren aufgestoßen und an die 20 Soldaten der neuen Ausbildungsreihe "Schergen des Bösen, TYP 4: ‚Kanonenfutter für Helden’" kamen mit gezogenen Schwertern in den Saal gestürmt, drängten die Drachen gegen einen der Tische und umzingelten sie im Halbkreis.

"Noch einen letzten Wunsch?", fragte Saurudalf. Die Tradition verlangt es halt so.

Kalessan dachte nach…die Situation stand schlecht.

Ziemlich übel sogar.

Aber da stimmte doch etwas nicht…

Er…konnte Saurudalfs stinkenden Schweiß riechen – aus dieser Entfernung.

Sein Geruchsinn war also immer noch so ausgeprägt wie vorher.

Ebenso sein Gehör.

Und wenn seine Sinne noch immer die eines Drachen waren, dann musste doch auch…

"Ja, lasst mich noch kurz etwas ausprobieren…", antwortete er und drehte sich suchend um. Hinter ihm auf dem Tisch stand ein eiserner Kerzenleuchter. Er nahm ihn und drehte ihn prüfend hin und her.

Dann begann er ihn zu verbiegen, als wäre es ein Stück billiger, dünner Draht. Nach ein paar Sekunden hatte er aus dem Leuchter einen formvollendeten Doppelknoten mit Schleifchen geformt – angesichts der geringen Größe des Leuchters eine beachtliche Leistung.

Dann drehte er sich in einer blitzschnellen, flüssigen Bewegung zu der nächsten Wache hin und schmetterte ihm das Teil gegen den Helm. Es ertönte ein Ton, der in dieser Lautstärke sonst nur um 12 Uhr mittags von großen Kirchtürmen erklingt. Kalessan sah noch einmal zufrieden auf seine improvisierte Waffe.

"Hm, na wenigstens das funktioniert noch…", sagte er und schaute auf, "Na dann, kampflos werde ich nicht…"

Vor ihm hingen 19 Schwerter und Schilde in der Luft, die sich gerade fragten, was sie eigentlich dort oben hielt.

Sie fielen auf den Boden.

Man hörte noch schnelle Schritte.

Eine der Steintüren am anderen Ende des Saales wurde zugeschlagen.

Anscheinend war die Eigenschaft "Künstliche Intelligenz" der neuen Soldaten noch ausbaubar…

Saurudalf starrte Kalessan wütend an.

Kalessan sagte zu ihm: "Pass auf, ich werde jetzt etwas machen, was ich seit 1000 Jahren schon nicht mehr getan habe – ich werde es mal auf dem diplomatischen Weg versuchen! Also: Gib du uns jetzt dieses Ding da und vielleicht werde ich es nicht ganz so schmerzhaft machen!"

"IHR droht MIR? In eurer Situation? Meine Wachen mögen vielleicht nicht ganz effektiv gewesen sein, aber ich weiß immer noch genau, was mit Abschaum wie euch zu tun ist! Friss das, Drachengewürm!"

Er streckte seinen Arm aus und eine mächtige magische Entladung baute sich zwischen dem Magier und Kalessan auf. Blitze umzuckten ihn und die anderen Drachen. Nach ein paar Sekunden stoppte das magische Gewitter – und alles sah so aus, wie vorher. Saurudalf starrte zuerst ungläubig an die Stelle, wo jetzt eigentlich zehn Aschehäufchen liegen sollte, schaute danach wieder auf seine Hand und wieder zurück zu den Drachen. Die am Boden liegende Wache war jetzt nur noch ein Aschehäufchen. Mit dem Spruch stimmte also anscheinend alles…

"Was…wie…warum?"

"Diese Immunität ist uns ebenfalls angeboren, lieber Saurudalf – studiert eure Gegner ein wenig besser, dann kommt ihr das nächste Mal vielleicht mit dem Leben davon! Wenn ihr unsere Magie schon als Machtquelle benutzen wollt, wovon ich jetzt einfach mal ausgehe, dann solltet ihr auch erstmal ihre Grundzüge und Mechanismen verstehen – ansonsten ist dieses Prettschett da für euch nur ein hübscher kleiner Briefbeschwerer!"

Kalessan war über sich selbst erstaunt, dass er noch so viel über draconische Magie wusste – es war ja nie sein Ding gewesen…

Saurudalf reckte sein Kinn vor: "Ach, ihr sagt eure Macht wäre nutzlos für mich!? Das werden wir ja sehen! Ich habe viel Zeit und ihr seid immer noch absolut wehrlos! Vielleicht ist dieses Schicksal sogar noch besser für euch zehn – auf ewig dazu verdammt, ein Mensch zu sein! Ich wünsche euch viel Spaß mit eurer neuen Existenz, AHAHAHAHAHAHAHA…"

Er holte eine kleine Kugel aus seinem Ärmel und warf sie auf den Boden. Es gab einen kleinen Lichtblitz, purpurner Rauch stieg auf, der sich langsam verzog.

Als die Sicht wieder klar wurde, waren Saurudalf und das Prettschett verschwunden.

"Oh nein! Kalessan, warum hast du ihn nicht aufgehalten?", schrie Smahug auf einmal.

"Ach reg dich ab, Smahug! Den finden wir schon, den riecht man doch zehn Meilen gegen den Wind! Außerdem, warum meldest du dich erst jetzt und hast vorher nur blöd herum gestanden?"

"Hast du eigentlich eine Ahnung, was das eben gerade für ein Schock für mich war? Hast du eine Ahnung, wie es ist, das mächtigste Wesen auf dem Kontinent zu sein und seine gesamte Macht zu verlieren? HAST DU EIGENTLICH AUCH NUR DIE SPUR EINER AHNUNG?"

"Nein, habe ich nicht. Aber ich habe jetzt eine Ahnung, wie es ist, im Körper eines Menschen auf unbestimmte Zeit eingesperrt zu sein! Wir sollten jetzt erst einmal alle einen kühlen Kopf bewahren – besonders du, oh großer Anführer! Dann suchen wir diesen Typen, holen uns unsere Magie zurück und schon ist wieder alles in Ordnung, dann kannst du wieder mit deinem Lieblingsspielzeug spielen!"

Beim letzten Satz starrte Smahug Kalessan mit einem Blick an, der beinahe den berühmten Medusa-Effekt gehabt und ihn zu Stein verwandelt hätte.

"Er hat Recht, Smahug, wir sollten uns jetzt auf die Suche machen und diesen Magier suchen gehen!", meldete sich jetzt einer der anderen zu Wort.

"Ihr habt ja Recht. Du, Kalessan, und du, Droca…"

"Neidhöcker!"

"…Neidhöcker…wir müssen jetzt alle einen kühlen Kopf bewahren…aber…aber was ist, wenn er schon längst aus der Stadt heraus ist und in einen Tempel in einem dunklen Sumpf, der dann auf einmal zusammen mit dem Prettschett für immer versinkt, SODASS WIR ES NIE WIEDER FINDEN, OH NEIN!" – die letzten Worte schrie er wieder.

"Solch ein Tempel kann gar nicht existieren, hier in der Umgebung gibt es nämlich keinen Sumpf! Dazu müsste er viel zu weit reisen.", sprach Morkulebus.

"Das stimmt aber nicht ganz, ein wenig weiter im Norden ist ein…", wollte Droca ihm erwidern, wurde jedoch von Neidhöcker unterbrochen, der ihn anstieß und ihm ins Ohr flüsterte: "Jetzt mach es bitte nicht noch schlimmer, ja?"

"Ähhhm…nunja, was ich sagen wollte: Sein Hauptquartier muss hier irgendwo in der Stadt sein! Einen Moment…ich glaube sogar, er hat in der örtlichen Magierakademie einen Posten als Lehrkraft gehabt, vielleicht könnte man…sich da mal erkundigen!?", sagte Droca.

Smahug erging sich noch immer in Trauer.

"Seht ihn euch an, unseren großen Anführer! Da ist er kurz davor, zu weinen. Hat dir deine Mama nicht gesagt, das Drachen nicht weinen? Jetzt komm endlich hoch und spiele deine Rolle als Anführer oder wir werden jemand anderes für diese Rolle auswählen!", sagte Glaureng.

Smahug sah auf und die anderen Drachen fragend an. Diese nickten nur.

Dann sprach er: "Na schön, ihr habt ja Recht… Ähm, du sagtest er hätte eine Stelle an der hiesigen Magierakademie? Nun gut…Morki, Kalessan, ihr beide geht zu dieser Akademie und versucht, alles über diesen Saurudalf herauszufinden! Wir anderen nehmen uns ein paar Zimmer in dieser Taverne hier nebenan!"

"Du lässt Kalessan auf die Menschen hier los?", fragte Morkulebus.

"Dich auch, ja. Ihr werdet wahrscheinlich mit einigen Menschen etwas…direkter reden müssen, um an die Informationen zu kommen, die wir brauchen – und zum Direkt-Reden seid ihr beiden einfach mal die Besten!"

"Und warum können wir anderen nicht mit?" erkundigte sich eine Männerstimme in einem Frauenkörper.

"Unter anderem wegen dir, außerdem…", setzte Smahug an, wurde aber sogleich wieder von Tjamat unterbrochen: "Das ist Diskriminierung! Nur weil ich wie eine Frau aussehe, möchte ich nicht wie eine behandelt werden! Ich verlange sofortige Gleichberechtigung für…"

Smahug hob seine Stimme: "Außerdem wissen wir nicht, wer in dieser Stadt von uns weiß. Und wenn da auf der Akademie lauter Schergen des Saurudalf herumlaufen, wäre es vielleicht ein bisschen ungünstig, wenn wir alle gemeinsam dort erscheinen, nicht wahr? Ich muss mich jetzt außerdem noch erstmal ein wenig ausruhen…"

Tjamat murmelte noch was von "Frauenfeind" und gab dann Ruhe.

Der goldene Drache war nun wieder voll in Fahrt: "Na los, los, los! Woraus wartet ihr noch?", gestikulierte er wild in Kalessans und Morkulebus‘ Richtung, "Wir haben nicht viel Zeit! Jedes Jahr zählt!"

Drachen denken halt in ein klein wenig anderen zeitlichen Relationen als Menschen es tun…

Ein paar Minuten später schwammen Kalessan und Morkulebus erneut durch die Straßen Neudorfs.

"Du bist dir auch sicher, dass das hier der richtige Weg ist, Morki?

"Weißt du was? Ich finde meinen Weg nach Hause immer! Nachts. Durch einen überall gleich aussehenden Sumpf. Blind. Da wird es ja wohl nicht sehr schwer sein, in einer Menschenstadt direkt auf das höchste Gebäude, welches sich ein paar hundert Meter vor uns befindet, zuzuhalten!"

"Wollte ja nur auf Nummer sicher gehen…"

Sie schoben sich durch die vielen Menschenmassen in Richtung Magierakademie. Die Magier konnten sich nur ein relativ kleines Grundstück kaufen, deswegen ragte das Gebäude mehr in die Höhe als die Breite. Zumindest am unteren Ende. Weiter oben, wo rechts und links keine Häuser mehr im Weg standen, wurde die Akademie zu einer komplizierten Konstruktion, die an die hundert Meter breit war und in diesem Stil weiter in die Höhe ragte, wo sie dann wieder ein wenig dünner wurde – doch den Rest konnte man aufgrund der vielen Wolken am Himmel nicht mehr erkennen.

Der Betrieb auf dem Platz vor dem Eingangstor war, wie überall sonst in der Stadt, sehr heftig – mit dem Unterschied, dass sich hier mehr Leute mit langen Bärten und spitzen Hüten tummelten als anderswo. Die Magier zeigten sich dabei leider genauso originell in ihrer Farbwahl wie die Drachen.

"Na toll, die anderen hätten doch mitkommen können – die hier sehen alle ja genauso aus wie wir!", sagte Morkulebus enttäuscht.

"Ich denke mal, das vorhin war nur eine Ausrede von Smahug mit dem ‚Wir fallen ja so schräckelich auf!‘. Wir sind verdammt nochmal normaler als diese verdammten Menschen! Aber hey – was soll’s? Jetzt können wir den ganzen Spaß für uns alleine haben!"

Kalessan grinste.

Morkulebus zuckte nur mit den Schultern und ging mit Kalessan zusammen in das Gebäude hinein.

In der Eingangshalle…nun, von Eingangshalle konnte man nicht sprechen. Aufgrund des eher kleinen quadratischen Grundrisses des Gebäudes musste man eher von einer Eingangskammer reden. Der Großteil der Kammer war mit Treppe verbaut, die gleich rechts neben der Eingangstür anfing und sich eng an der Wand um den gesamten Raum herum nach oben schlängelte. Wenn man den Kopf in den Nacken legte, sah man nichts als Treppe, die sich immer weiter nach oben schlängelte, um schließlich weit oben in der Decke zu verschwinden. Und andauernd gingen Männer mit Hüten und Bärten die Treppen rauf und runter.

Ein Meter vor dem Eingangsportal stand ein kleiner Steintisch, hinter dem ein jüngerer männlicher Mensch mit komischen roten Punkten im Gesicht und einem seltsamen Drahtgestell mit zwei Gläsern auf der Nase saß.

Kalessan sah Morkulebus kurz an, ging dann auf den Tisch zu und schlug mit der geballten Faust auf die Fläche, sodass ein lautes Knirschen erklang und sich viele feine Risse bildeten. Der Mensch schaute immer wieder ungläubig starrend zwischen Kalessan und dem Tisch hin und her. Er begann zu zittern.

Kalessan sagte im drohenden Tonfall: "So, Kleiner, du wirst uns jetzt sagen, wo dieser Saurudalf ist oder ich denke mir für dich eine ganz besonders schöne Todesart aus!"

"Wawawawawawawawawawawawawawawawa…", stammelte der Mensch.

"Ähm, Kalessan? Ich glaube, hier ist das ‚direkte Reden‘ noch nicht nötig!"

"Hm? Oh, schade… Also gut, Menschlein, verrate uns…ähm…bitte…sofort, wo dieser Saurudalf…ähm…arbeitet!"

"Sasasasasasa…"

Kalessan zog eine Augenbraue hoch – in seiner draconischen Gestalt machte diese Geste Menschen meistens extrem nervös. So nervös, dass sie versuchten, sich für ihre bloße Existenz zu entschuldigen oder gleich anfingen, um Gnade zu flehen. Meistens kamen sie nur bis: "Oh, bitte, bitte, tötet mich niAAAHH!"

Doch auch so hatte seine Geste eine entsprechende Wirkung: "SaurudalfhatseinBüroim3.StockdieTrepperaufunddanngleichdiezweiteTürvonlinks!", antwortete der Mensch nun im Zeitraffer.

Kalessan lächelte dem Menschen zu und zusammen mit Morkulebus ging er die Treppe hinauf.

Nachdem die beiden ein paar Minuten lang nur Stufen gestiegen waren, fragte Morkulebus: "Du, ich habe gehört, du hast letztens diesen einen roten Heißspund beinahe zerfleischt! Was hat der dir denn getan? Er war doch sicherlich nicht so blöd und hat versucht, in dein Revier einzudringen?"

"Nein, er wollte sich an meine Neffin ranmachen!"

"Du hast eine Neffin?"

"Ja, du nicht?", entgegnete Kalessan.

"Ich bin schon seit 1000 Jahren ohne Bruder oder Schwester, komm mir jetzt bitte nicht damit! Was hat denn der Kleine genau gemacht?"

"Er hat ihr die Krallen massiert!"

"Bitte…was? Er hat ihr nur die Krallen massiert und du schlachtest ihn fast ab?", fragte Morkulebus ungläubig, "Sie ist schließlich nur deine Neffin!"

"Nur meine Neffin!", spie Kalessan aus, "Verwandtschaft ist Verwandtschaft! Außerdem liegt nicht viel zwischen einer Krallenmassage und einem sexuellem Anbaggerungsversuch!"

"Moment! Moment mal, stop! Ich weiß ja nicht, inwiefern meine und deine Krallenmassagentechnik auseinandergehen, aber eine Krallenmassage und ein sexueller Anbaggerungsversuch sind in meinen Augen alles andere als ein und dasselbe!"

"Hast du schonmal jemandem eine Krallenmassage gegeben?", fragte Kalessan.

"Willst du mich verarschen? Natürlich hab ich schonmal jemandem eine Krallenmassage gegeben, ich bin der verdammte Krallenmassagenmeister! Ich habe die perfekte Technik für jede Krallensorte!"

"Würdest du auch…einem männlichen Drachen eine Krallenmassage geben?"

Morkulebus blieb stehen und sah ihn an.

Dann sagte er: "Leck mich!"

"Ach komm schon!"

"Ich sagte Leck mich!"

"Pfft…in welchem Stock sind wir eigentlich?"

Nach einer weiteren Minute Treppensteigen erreichten sie die Decke. In ihr war ein großes Loch. Die Treppe führte durch dieses Loch auf einen nach rechts und links langführenden Korridor. Auf der Wand gegenüber war eine große Eins gemalt. Daneben begann eine weitere Treppe.

Kalessan und Morkulebus sahen sich an, seufzten und machten sich auf den Weg.

Zum Glück lagen die nächsten Stockwerke direkt übereinander – wenige Sekunden später standen sie also vor der Tür von Saurudalf Büro. Sie war klein, unscheinbar und aus Holz. Rechts neben der Tür hing eine kleine Plakette an der Wand. Darauf stand geschrieben: "Saurudalf Roklem, Doktor der Thaumaturgie"

"Hier arbeitet der Mistkerl also!", sagte Kalessan, "Na dann, lass uns anfangen!"

"Einen Moment noch, wie spät ist es denn?"

"Was?"

"Oh, vergiss es!"

Sie traten gleichzeitig auf die Tür ein, was einmal mehr zur Folge hatte, dass diese mehrere Meter weit in den Raum gesprengt wurde und gegen die hintere Wand des Zimmers geschleudert wurde, wo sie in mehrere Stücke zerbarst.

Als die beiden Drachen den Raum betraten, sahen sie einen großen, schweren Holztisch, der im linken Teil des Zimmers stand. Wie es bei diesen Einrichtungsgegenständen üblich war, lagen große Stapel von Papier darauf, sowie ein Tintenfass und eine Feder, sowie zwei Kerzenständer aus massivem Eisen.

Nach ein paar Sekunden erhob sich ängstlich ein eher seltsames Exemplar der Spezies Mensch hinter dem Tisch.

Sein Gesicht bestand mehr aus braunem Bart als aus Gesicht und seine gleichfarbigen Haare fielen bis auf die Schultern. Mit einer Mischung aus Erstaunen, Furcht, Ärger und Verwirrung sah er die beiden Drachen an, die den Raum jetzt betraten und auf ihn zu gingen.

Morkulebus begann, sich die vielen Bilder und Zeichnungen an den Wänden anzuschauen, während Kalessan direkt zum Tisch ging und sich mit den Händen darauf abstützte.

"Hallo, wir möchten mit Saurudalf reden! Aber lass mich raten: Er ist gerade nicht zu sprechen?"

Der Mensch sah ihn weiterhin verwirrt an.

"Dacht ich’s mir doch!"

Kalessans Blick fiel auf einen kleinen Teller, der auf dem Tisch lag. Auf dem Teller wiederum lagen zwei Hälften dieser Dinger, die von den Menschen immer "Brötchen" genannt wurden, aufeinander. Zwischen ihnen steckte eine dicke Scheibe Fleisch und noch ein paar weitere, undefinierbare Dinge.

"Oh, was zu essen! Ich darf doch?", sagte er. Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er das seltsame Brötchen und biss einmal herzhaft hinein.

"Hm, das ist gut…wirklich gut – wie nennt ihr Menschen das?", fragte Kalessan mit vollem Mund.

Der Mensch starrte ihn nur weiter fassungslos an, brachte aber irgendwie "…ein…ein Börger…" als Antwort hervor.

"Oh, ein Bürger? Aus dieser Stadt?"

"…ich…denke schon…"

"Jetzt seid ihr Menschen also auch unter die Kannibalen gegangen… Morki, hast du schonmal einen Bürger aus Neudorf gefressen?"

"Nein!"

"Ihr schmeckt verdammt gut, hat euch das schonmal jemand gesagt?", wandte sich Kalessan wieder an den Menschen.

Dieser schien wieder langsam zu Bewusstsein zu kommen: "Hört mal, was wollt ihr von mir?"

Kalessan biss nochmals in den Börger.

"Wir möchten wissen, wo sich Saurudalf momentan aufhält. Und du tätest besser daran, es uns jetzt gleich zu sagen…", sagte er dann mit einem freundlichen Lächeln – das brachte die Leute immer aus dem Konzept.

"Ich bin nur sein Sekretär! Woher soll ich wissen, wo er sich gerade befindet? Wisst ihr, Herr Saurudalf ist ein vielbeschäftigter Mann und…"

"Ich habe mich vielleicht nicht ganz klar ausgedrückt…vielleicht hilft dir das hier auf die Sprünge?"

Er nahm einen der eisernen Kerzenhalter und brach ihn in der Mitte durch.

Die Augen des Menschen weiteten sich wieder.

"Da…dada…dadadas war massives Eisen, sowas kann man nicht einfach verbiegen…geschweige denn zerbrechen! Was zur Hölle seid ihr eigentlich?"

"Wenn ich dir jetzt erzählen würde, wir beide wären Drachen, die in Menschenkörpern stecken und nicht mehr hinaus kommen, würdest du mir dann glauben, Menschlein?", lächelte ihn Kalessan an.

"Nun, wir leben in einer Welt der Magie, hier ist alles möglich und…ihr seid wirklich Drachen?"

"Können sich Tausende von Toten irren?", entgegnete Kalessan lächelnd.

Morkulebus gesellte sich wieder neben Kalessan.

"Du, irgendwas sagt mir, dass wir hier nichts Neues herausbekommen. Lass uns gehen!"

Auf einmal wurde eine Tür in der Wand hinter ihnen aufgestoßen. Heraus kam ein Mensch, der es in der Größe schon fast mit Kalessans Menschengestalt aufnehmen konnte. Er hatte einen kurzen Stab in der Hand, den er mit beiden Händen festhielt. Der Mann schrie: "VERRECKT, IHR DRACONISCHEN MISTKELRE, VERRECKT!"

Dann begann er, unter lautem Getöse mehrere Energieladungen aus dem Stab auf Kalessan und Morkulebus abzufeuern. Irgendwann machte der Stab nur noch *puffpuff*.

Der Mann rannte los, aus der Tür hinaus auf den Korridor und war verschwunden.

Die beiden Drachen starrten sich zunächst selbst und dann einander mehrere Sekunden lang an.

"Wer zur Hölle war das?", fragte Kalessan.

"Das war Ivel, einer von Saurudalfs engeren Mitarbeitern.", antwortete der bärtige Mensch hinter dem Tisch.

Kalessan und Morkulebus sahen sich nochmals an. Dann rannten auch sie los, dem Mann hinterher.

"Hey, so wartet doch, oh mächtige Drachen!", hörten sie den Menschen noch rufen, als sie auf die Treppe stürmten und dem Flüchtenden hinterher hetzten.

Sie rannten, rammten und stießen sich durch regelrechte Horden von Magiern die Treppe nach unten. Ivel konnte nicht weit von ihnen entfernt sein, da die einzelnen Magier, die sie beiseite stießen noch immer einen sehr frisch empörten Gesichtsausdruck trugen.

Nach einigen Minuten kamen sie unten an, rannten durch das geöffnete Portal hindurch auf den Platz davor – und sahen sich Ivel gegenüber, der zwei Armbrüste auf sie richtete.

"So lässt es sich doch gleich viel besser zielen! Absolut freies Schussfeld, keine Möglichkeit mehr für euch, euch zu verstecken und keiner hier kümmert sich um unseren kleinen Disput! So macht mir die Sache Spaß!"

Und wirklich, die Leute ringsum gingen alle weiter ihren Tätigkeiten nach, als würde nichts besonderes geschehen. Entweder gehörte eine Aktion wie diese hier zur Tagesordnung oder die Ignoranz der Menschen ging weiter, als die Drachen gedacht hatten…

Ivel sprach weiter: "Nun gut, Schlangenbrut – oh, das reimt sich ja, hihihi – wo ist denn der Rest von euch? Saurudalf sprach von zehn Drachen in Menschenkostümen, nicht von zwei!"

Kalessan verdrehte entnervt die Augen und sah dabei plötzlich, wie weit über ihm im Licht der untergehenden Sonne etwas kurz aufblitzte.

Morkulebus antwortete Ivel: "Bist du wirklich so dumm und denkst, wir würden dir verraten, wo die anderen sind?"

"Ich töte euch so oder so, da könnt ihr es mir genauso gut auch verraten!"

"Moment…das macht doch überhaupt keinen Sinn!", entgegnete Morkulebus.

Kalessan fragte sich gerade, ob er sich in dem kurzen Aufblitzen getäuscht hatte, als es noch einmal geschah. Er sagte: "Sie befinden sich momentan in der Taverne ‚Rumstehender Esel‘ und haben sich dort Zimmer gemietet."

Morkulebus flüsterte ihm entrüstet zu: "Kalessan, was soll das? Willst du die anderen auch noch gefährden!?"

"Gefährden? Denkst du, diese kleinen Splitter da können einen Drachen verletzen?"

"Bitte vergiss nicht, dass wir momentan vielmehr Menschen sind als Drachen!"

Das Aufblitzen wiederholte sich. Es war schon deutlich näher gekommen und wiederholte sich jetzt immer wieder in regelmäßigen, kurzen Abständen.

Ivel hatte das ständige Nach-Oben-Sehen Kalessans bemerkt. Er sprach: "Ich…kenne diesen Trick… Doch andererseits…andererseits könnte da oben ja auch wirklich etwas sein… Ich werde es mir besser ansehen. Doch damit ihr mich nicht einfach so überwältigen könnt, werde ich dazu einen Schritt zurücktreten."

Er machte einen Schritt rückwärts und legte den Kopf leicht in den Nacken.

Kalessan lächelte.

Das folgende Geräusch konnte er dank seines exzellenten Gehörs nun in seiner "klanglichen Reinheit", wie er es nennen würde, voll genießen:

Wupwupwupwupwupwupflatschpling


Ivel kippte zur Seite. Blut strömte aus einer kleinen Wunde in seiner Stirn und in seinem Nacken. Unter ihm lag ein kleines, rot gefärbtes Geldstück. Kalessan hob es auf, schnippte es in die Luft und fing es spielerisch wieder auf – Drachen lassen nunmal keine einzige Möglichkeit aus, ihren Hort zu erweitern.

Eine Stimme aus der Menge kam: "Hat wohl wieder jemand das Münzwerfverbot auf der Spitze des Turms missachtet…"

Eine junge Frau, die das Geschehen beobachtet hatte, rief mit fassungsloser Stimme: "Diese…diese Münze hat gerade einen Menschen umgebracht…und ihr hebt sie noch auf? Das bringt doch Unglück! Sie ist ja noch ganz vom Blut dieses armen Mannes besudelt!"

Kalessan sah die Münze an, die ihre rote Farbe tatsächlich nur vom Blut Ivels zu haben schien – und stecke sie sich in den Mund. Er lutschte ein paar Sekunden darauf herum und spuckte sie wieder aus. Hervor kam ein Goldtaler – die Studenten hier hatten für ihre Streiche anscheinend ein recht großes Budget…

Kalessan sagte: "Jetzt ist sie sauber!"

Die Frau fiel in Ohnmacht.

Während sich die ersten Menschen daran machten, den toten Körper nach Wertsachen zu durchsuchen, machten Kalessan und Morkulebus sich wieder auf den Weg zurück zur Taverne. Plötzlich ertönte hinter ihnen eine Stimme: "So wartet doch, edle Drachen, ich möchte euch begleiten!"

Es war der bärtige Mann von oben.

Kalessan rollte mit den Augen und drehte sich um: "Jetzt hör mal…ähm…"

"Oh, verzeiht, edle Drachen, ich vergaß, mich vorzustellen.", er neigte sein Haupt, "Mein Name ist Karlmax."

"Nun gut…Karlmax…ich schlage dir vor, du haust jetzt besser ab, ansonsten erleidest du garantiert dasselbe Schicksal wie dein Kollege da hinten – nur wird es diesmal kein Zufall sein und durch echte Handarbeit geschehen."

Kalessan hielt ihm die Münze vor sein Gesicht.

"Er war nicht mein Kollege – ich konnte ihn eh nicht leiden!"

"Schön für dich – und jetzt: Verpiss dich!"

"Ähm, wa…was? Wie? Äh…wie soll ich mich verpissen, oh edler Drache?"

"Ach, vergiss es…hau einfach ab, ja?"

"Einen Moment! Ihr wollt doch meinen Meister Saurudalf finden, nicht wahr? Ich…kann euch vielleicht doch sagen, wo er sich aufhält!"

Eine halbe Stunde später standen sie vor der Taverne.

"Oh, ich kann es noch immer nicht glauben, ich werde gleich die mächtigsten Geschöpfe dieser Welt treffen!", rief Karlmax freudig aus.

"Die hast du schon getroffen, Menschlein. Gleich siehst du nur den Rest von ihnen.", erwiderte Kalessan.

"Setzt du dich jetzt also schon auf eine Stufe mit Smahug?", fragte Morkulebus.

"Nein – ich stelle mich über ihn. Ohne seine Magie ist er schließlich nur ein desillusioniertes Häufchen Elend, du hast ihn doch gesehen. Er hat sich die ganze Zeit immer an seine Magie geklammert, seine gesamte Macht, sein Eigen, sein Schatzzz. Smahug benutzte die Magie, um sich sein gesamtes Leben zu vereinfachen. Ich würde mal gerne wissen, ob er ohne seine Magie überhaupt noch Jagen gehen und überleben könnte. Und dann sein ständiger Kontakt zu den Menschen!", schnaubte Kalessan verächtlich, "Er hat es schon immer gebraucht, seinen ach so reichen Wissensfundus diesen Wichten mitzuteilen und so seine ach so ‚überlegene‘ Intelligenz zum Ausdruck zu bringen. Ich sage dir, der ständige Kontakt zu den Menschen hat ihn verweichlicht, ihn von dem abgewandt, was ein Drache eigentlich sein sollte…hörst du mir eigentlich zu, Morki?"

"Nein."

"Dann lass uns rein gehen!"

Als die beiden Drachen sich in dem Raum umsahen, konnten sie nur Adorelon entdecken, der am Tresen auf sie wartete – von den anderen war keine Spur zu sehen. Der Schankraum war anscheinend noch ziemlich leer, er würde sich jedoch aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit wahrscheinlich schon bald mit Besuchern füllen.

"Wo sind die anderen?", fragte Kalessan.

"Nachdem sie ein paar Minuten lang mit sich alleine waren, haben sie allesamt einen extremen Stimmungseinbruch bekommen und hocken nun auf ihren Zimmern herum. Smahug ist da noch am schlimmsten – mit dem kann man kaum mehr reden! Ich sehe die Sache nicht so wild, dass wird schon alles werden…", antwortete Adorelon.

"Entschuldigt!", meldete sich Karlmax zu Wort, "Seid ihr auch ein Drache?"

Adorelon sah ihn schief an.

"Wo habt ihr denn den aufgetrieben? Im Gefängnis? Bei dem Bart hat der doch sicher 50 Jahre gesessen!"

"Bart?", erkundigte sich Morkulebus.

"Das haarige Ding da im Gesicht."

"Oh! Nein, der arbeitet für Saurudalf und sagte er könne uns zu dessen Versteck führen. Ich hoffe für dich, dass das auch stimmt, Kleiner! Wie dem auch sei, würdest du bitte so freundlich sein und die anderen holen, damit wir weitermachen können, Adorelon?", sagte Kalessan.

"Nein, ich denke wir sollten diese Nacht noch hier verbringen – die Dunkelheit bricht gerade herein, da wären wir auf der Straße zu auffällig. Außerdem sind mir die anderen noch nicht bereit dazu, wir sollten sie eine Nacht lang ausruhen lassen, dann geht es ihnen bestimmt besser.", erwiderte Adorelon.

"Weißt du was? Es ist mir egal, was du denkst – ich möchte aus diesem Körper heraus!"

"Smahug ist nicht in der Verfassung dazu, Befehle zu erteilen, deswegen muss jemand anders diesen Posten übernehmen."

Kalessan starrte ihn hasserfüllt an.

"Und du bist natürlich geradezu prädestiniert dafür, nicht wahr? Was nimmst du dir eigentlich das Recht heraus, hier den großen Anführer spielen zu dürfen?"

"Ich bin nach Smahug immerhin der Älteste vor dir, Kalessan!"

"Oh ja, um gigantische 134 Jahre Unterschied, oh Ältester und damit natürlich auch Weisester unserer Rasse!", giftete ihn Kalessan an.

"So verlangt es die Tradition – wenn es dir nicht passt, kannst du nachher gerne bei Smahug Beschwerde einreichen!"

Kalessan starre ihn weiterhin wütend an, drehte sich nach einigen Sekunden um und wollte die Treppe hochstürmen, prallte dabei jedoch mit Karlmax zusammen, der immer noch hinter ihm stand.

"Verzeiht, oh Drache, aber ich hätte da noch einige Fragen an euch…", sagte dieser, wurde aber gleich von Kalessan unterbrochen: "Und du, Kleiner, du hörst mir jetzt mal genau zu! Ich kann Menschen generell schon nicht ausstehen. Menschen, die mich nerven, sind noch viel schlimmer dran – weißt du, was ich mit allen Menschen, die mich jemals nervten, gemacht habe?"

"Ähm…nein?"

"Die meisten habe ich bei lebendigem Leibe verschlungen, den Rest auf andere Art und Weise getötet. Doch ich kann dir versichern: Es war immer qualvoll und langsam. Was ich dir damit sagen will, ist folgendes: Wenn du mir noch einmal, nur noch ein einziges Mal auf die Nerven gehst, wird dein Schicksal nicht sehr anders aussehen. Und es ist mir egal, was andere ach so autoritäre Drachen sagen – verstanden?"

Ohne ein weiteres Wort stürmte Kalessan die Treppe hoch und auf das für ihn gemietete Zimmer.

Karlmax sah ihm nur verwirrt nach. Dann sagte er: "Er kann Menschen nicht besonders gut leiden oder?"

Adorelon antwortete ihm: "Stimmt, um nicht zu sagen: Er verachtet euch alle aus tiefstem Herzen. Und er ist in dieser Beziehung sehr konsequent."

"Aber warum?"

"Warum? Nun, vielleicht weil ihr euch wie eine Seuche über die gesamte Welt ausbreitet, die Wälder abholzt, mit Dingen rumspielt, die ihr nicht versteht, nichts anderes zu tun habt, als Kriege zu führen und liebend gerne Drachen tötet!?"

"Oh…"

"Vielleicht kann er euch aber auch deswegen nicht leiden, weil es nicht besonders günstig ist, wenn man die Angewohnheit hat, sich andauernd mit seinem Hauptnahrungsmittel anzufreunden!?"

"Oh…"

"Hm, vielleicht aber auch deswegen, weil Menschen einst seine gesamte Familie und fast auch ihn selbst umbrachten?"

"Oh…bitte, was?"

"Da war er schon im heranwachsenden Alter und hatte seine große Liebe gefunden…ich weiß jetzt nicht mehr, wie sie hieß. Auf jeden Fall kamen die Drachentöter in die Höhle, als Kalessan gerade weg war und seine Angebetete schlief. Die Menschen brachten sie um und zerstörten danach die Eier. Kalessan fand sie gerade, als sie sich an seinem Hort gütlich taten. Er ist vollkommen ausgerastet. Hat sie alle an Bäume gefesselt und dann jeden Einzelnen vor den Augen der anderen fünf Tage lang gefoltert…so erzählt man sich. Damals nannte man ihn auch noch Stormblazer – frag mich bitte nicht, warum!"

"Oh…das tut mir leid für ihn!"

"Sag es ihm doch, er interpretiert das wahrscheinlich nur als ’nerven‘ und macht seine Drohung wahr…wie gesagt, er ist sehr konsequent."

Zwei Stunden später hielt sich nahezu die halbe Stadt im Schankraum des "Rumstehenden Esels" auf. Die anderen Drachen waren nun auch alle aus ihren Zimmern gekrochen, mischten sich unter die Menschen und versuchten, sich die Zeit zu vertreiben.

Karlmax saß zusammen mit dem immer noch traurig dreinblickenden Smahug am Tresen und trank ein alkoholhaltiges Getränk nach dem anderen, wobei er dem Drachen einige seiner äußerst interessanten Theorien erläuterte:

"Also, passu auf! Da isch die Bu…die Bur…die Burschwasie oder so, dassin die Leute, die die ganze Knede ham. Un dann isch da dasch Pro…dasch Prole…Proledingschbumsch un…undie ham alle keine Knede. Verstehschtu? Und irjenwann, wenn die Pro…die Prole…diese armen Schweinsens die Schnause voll ham, dann kommendie so an un machen die jesamde Burschwodingsch feddisch…verschtehst?"

Er hatte in Smahug einen geduldigen, jedoch teilnahmslosen Zuhörer…

In zwei verschiedenen Ecken des Schankraumes saßen Adorelon und Kalessan, jeder zusammen mit je einer menschlichen Frau. Während Adorelon seine Schwäche für menschliche Frauen zeigte und eher offen mit seinem Mädchen plauderte und auch ein wenig flirtete, sagte Kalessan zu seiner Frau nur Dinge wie "Oh wie gerne würde ich jetzt mit dir in eine dunkle Gasse gehen und dich vernaschen!", worauf diese nur dämlich kichern konnte, unwissend darüber, dass ihr Gegenüber das Gesagte vollkommen wörtlich meinte.

Neidhöcker saß an einem Tisch, an dem gerade ein Wettkampf im Armdrücken lief und wo er durch seine außergewöhnlichen Kräfte schon bald als Champion des Abends galt und die Wetten für ihn mit einer Gewinnspanne von 1:1.0001 liefen.

Droca sah sich schon bald von einer großen Horde Menschen umzingelt, die alle wollten, dass er ihnen seinen Namen auf ihre mitgebrachten Papierfetzen, Bilder, Taschen oder Körper schrieb.

Ganz anderen Problemen gegenüber sahen sich die "Frauen" des Rates. Während Tjamat zwar immer wieder von menschlichen Männern aufgrund ihrer Schönheit angesprochen wurde, war nach dem ersten Wortwechsel sofort Schluss mit dem Flirten – die meisten Männer liefen würgend und mit der Hand vorm Mund hinaus.

Schneeweißchen wurde jedoch penetranterweise von einem Menschen traktiert, der andauernd versuchte, mit ihr ein Gespräch anzufangen. Nun sei erwähnt, dass Schneeweißchen zwar die menschliche Sprache beherrschte, sie aber nie anwendete. In den kalten Nordlanden, aus denen sie kam, war es fast nie nötig, Menschlich zu sprechen. Die Menschen die sie dort traf, waren entweder tiefgefroren oder wollten sie töten – beides keine gute Grundlage, um eine gepflegte Konversation zu betreiben… Mal ganz davon abgesehen, dass Schneeweißchen viel zu stolz war, diese "niedere" Sprache zu sprechen.

Irgendwann setzte sich dieser Mensch jedenfalls neben sie und begann, sie damit zuzusülzen, wie "bezaubernd" sie doch sei, wie "atemberaubend" ihre Schönheit und wie "grazil" ihre Gesichtszüge, dass er noch nie so eine "elfengleiche, perfekte" Frau gesehen habe und wie gerne er sie doch kennen lernen würde. Ihr Schweigen interpretierte er als angeborene Stummheit und ihre Geduld als offenes Interesse für ihn. Nach einiger Zeit riss jedoch selbst Schneeweißchens draconischer Geduldsfaden. Sie nahm Hans und schleuderte ihn ohne große Anstrengung durch die halbe Taverne an die gegenüberliegende Wand. Seine Reaktion darauf war nur: "Eine wunderschöne Frau, die auch noch stark wie ein Bär ist…genau mein Fall!"

Keine solchen Probleme hatte Glaureng. Sein Gestank manifestierte sich bereits als grünliche Wolke, die über seinem Tisch schwebte und jeden, der nicht selbstmordgefährdet war, auf großem Abstand hielt.

Bleiben noch Morkulebus und Vasdendas. Die beiden befanden sich gerade in einer Konversation. Morkulebus sagte: "Ich kenne dich jetzt schon seit 1348 Jahren und verstehe immer noch nicht, warum du dir als Drache eine pazifistisch-vegetarische Grundhaltung zugelegt hast. Ich könnte mich keine zwei Tage nur von Pflanzen und Wurzeln ernähren!"

"Weißt du was? Ich verstehe euch alle nicht, wie ihr all diese Geschöpfe der Natur so sinnlos und brutal abschlachten könnt, um dann ihre Eingeweide raus zu reißen und diese dann noch zu essen! Das ist doch widerlich, abartig!"

"Ich find’s eher…lecker! Komm schon, du hast es doch noch nie ausprobiert!"

"Werde ich auch nie. Stell dir nur mal vor: Du bist ein Mensch, der sagen wir 30 Jahre lang glücklich und zufrieden vor sich hin lebt, was für ihn ja schon eine recht lange Zeit ist. Eines Tages geht er dann vielleicht nichts Böses wollend in den Wald, um Blümchen zu pflücken oder sich an Mutter Natur zu erfreuen und auf einmal kommt dann so ein daher geflogener schwarzer Drache an und beendet sein Leben mit einem Handstreich. Wie würdest du es finden, wenn dir jetzt jemand einfach so dein Lebenslicht ausblasen würde und du nichts dagegen tun könntest?"

"So ist der Lauf der Dinge! Doch lassen wir das, hier kommen wir eh zu keinem Ergebnis…was mich viel mehr interessiert, ist, wie du bis zum heutigen Tag überleben konntest, ohne irgendeinem Lebewesen Schaden zuzufügen. Die Drachentöter werden dich kaum verschont haben, nur weil alle wissen, wie friedlich und unbeschwert du vor dich hin lebst…"

"Ich habe mich magisch schon sehr früh selbst ausbilden lassen. Ich habe es sogar geschafft, meine Höhle so zu tarnen, dass nur ein Minimum an Drachentötern sie je gefunden hat und eindringen konnte!"

"Und was hast du mit denen gemacht?", fragte Morkulebus.

"Nun, zuerst habe ich sie immer freundlich zum Essen eingeladen…"

"Hat es denn geklappt?"

"Nun…nein, sie haben meine Einladung immer missverstanden."

"Und was hast du stattdessen gemacht?"

"Dann bin ich immer schnell geflohen und habe mir eine neue Höhle gesucht…", antwortete Vasdendas mit gesenktem Haupt.

Morkulebus schüttelte nur noch den Kopf.

Diese Diskussion und die anderen Aktivitäten der Drachen zogen sich jedenfalls noch den gesamten Abend hin, bis der Rat nach und nach beschloss, zu Bett zu gehen.

Als Kalessan am nächsten Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen flachen und mit weicher, fleischfarbener Haut bedeckten Bauch, auf dem die Bettdecke unordentlich ausgebreitet war. Seine wenigen, im Vergleich zu seinem eigentlichen Körper kläglich dünnen Beine und Arme flimmerten ihm hilflos vor den Augen.

Kalessan schrie.

Er war jedoch ein wenig enttäuscht, als sich seiner Kehle nur lächerliche 60 Dezibel entrangen.

Wenige Sekunden später kamen die anderen Ratsmitglieder in den Raum hinein gestürmt, Smahug an der Spitze.

Er rief: "Was? Was ist los? Was ist passiert?"

Die anderen schauten nur hinter Smahugs Rücken hervor und Kalessan neugierig an.

"Ich..ähm…ach nichts, ich dachte beim Aufwachen, ich hätte alles nur geträumt – aber wie du siehst, hat sich relativ wenig verändert… Wenigstens scheinst du wieder bei Verstand zu sein!"

Smahug runzelte: "War ich das etwa irgendwann nicht?"

"Vor wenigen Stunden das letzte Mal."

"Oh…daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern…", antwortete er mit auf einmal seltsam verträumter Stimme.

"Sag mal, Smahug, geht es dir irgendwie…nicht gut? Hat dich der Schock vielleicht doch schwerer getroffen?"

Wieder mit verträumter Stimme und abwesendem Blick, antwortete er: "Welcher Schock?"

"Deine Magie – deine verlorene Magie. Du hast gestern den ganzen Abend über den Verlust deiner ach so kostbaren draconischen Magie getrauert!"

Smahug schien irgendwie müde. Mit entsprechender Stimme antwortete er: "Magie…? Draconisch…? Was meinst du mit ‚draconisch‘?"

Kalessan runzelte die Stirn.

Dann fragte er: "Welcher Spezies gehörst du an, Smahug?"

"Ich…ich weiß nicht. Ich meine zu wissen, ein Mensch zu sein…doch…doch war da nicht noch was anderes?"

"Na toll, jetzt ist er völlig durchgeknallt!", spie Kalessan aus, "Na, was sagst du dazu, Adorelon, oh der du unser neuer Anführer bist?"

Dieser sah jedoch keine Spur besser aus als Smahug. Mit gleicher, abwesender Stimme antwortete er: "Ja, Mama!"

Als Kalessan sich die anderen Drachen betrachtete, sah er überall den langsam völlig verträumt werdenden Gesichtsausdruck – von der Neugierde, die vor ein paar Sekunden noch in die Gesichter seiner Kollegen geschrieben stand, war nun nichts mehr zu erkennen. Jetzt hatten sie eine Mimik, die man eigentlich nur bekommt, wenn man sehr viel verbotenes Zeug geraucht hat.

"SEID IHR DENN JETZT ALLE WAHNSINNIG GEWORDEN?", schrie Kalessan, sprang aus dem Bett, nahm Smahug und presste ihn gegen die Wand.

"Was bist du?"

"Ich…bin ein Mensch, genau wie d…"

Kalessan schüttelte ihn.

"Falsche Antwort!"

Da kam ihm eine Idee. Er zog ein Goldstück aus Smahugs Robe.

"Erinnerst du dich an das hier? Du hattest mal Tonnen davon, so viel, dass du darin baden konntest! Du hättest diese ganze verdammte Stadt kaufen können und wärest noch immer der Reichste von uns gewesen!"

Dazu bewegte er das Goldstück vor Smahugs Nase hin und her. Dessen Blick klärte sich langsam auf. Schließlich sagte Smahug "Ich…erinnere…mich…" und lächelte ihn an. Dann wurde er sich seiner Situation schlagartig wieder bewusst. Er vergrub seine Hände im Gesicht und heulte: "Und ich kann nie mehr zurück zu meinem schönen Schatz! Und…UND ZU MEINER MAGIE!"

"Oh nein…jetzt fang bitte nicht wieder damit an!", sagte Kalessan – ohne Erfolg.

Die anderen Drachen standen nur im Raum herum und starrten sie verständnislos-verträumt an.

"Was glotzt ihr alle so? Jetzt bringt dieses Weichei hier raus und lasst mich alleine…ich muss nachdenken!"

Wenigstens konnten sie noch seine Befehle ausführen – und taten es sogar. Doch was brachte es, wenn man eine Horde von Idioten als Untertanen hatte? Als die Drachen aus dem Raum verschwunden waren, erschien Karlmax in der Tür.

Kalessan sagte finster: "Was zur Hölle ist hier eigentlich los?"

Der Magier antwortete: "Nun, es fing an, kurz nachdem ihr auf euer Zimmer gegangen seid. Die anderen blieben noch ein bisschen unten, doch als ich mich mit ihnen unterhielt, wurden sie immer abwesender. Sie vergessen, wer sie sind…oder besse – was sie sind. Und es wird immer schlimmer."

"Aber warum? Einige von ihnen sind früher schon tagelang in ihrer menschlichen Form gewesen…Adorelon sogar ein paar Jahre, als er die Beziehung zu dieser Bauerntochter hatte…"

"Nun, ich habe mir in der Nacht Gedanken darüber gemacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass das physische Erscheinungsbild in dem sie sich momentan befinden, sich ihres Geistes bemächtigt und…ach verdammt, ich hatte doch so einen Merksatz dafür. Ah, genau, passt auf, ich habe ihn: ‚Das Schwein bestimmt das Bewusstsein…‘ Moment…nein…nein, das war es nicht…"

Er sah auf.

Kalessans Blick, mit dem dieser zurück starrte, sagte: "Du wirst das jetzt noch einmal so wiederholen, dass ich es auch verstehe, ansonsten passiert etwas sehr, sehr schlimmes!"

"Nun, ähm…ihr müsst verstehen: Eure Magie ist eure Essenz. Die Magie ist das, was euch als Drachen kennzeichnet, wenn ihr euch in euren menschlichen Körpern befindet. Jetzt, wo euch eure Magie fehlt, unterscheidet ihr euch nicht von anderen Menschen. Deswegen beginnt ihr, welche zu werden…", er stockte und begann nachzugrübeln, "Hm…oder war es ‚Das Bein bestimmt das Bewusstsein‘?"

"Wenn die anderen langsam zu Menschen werden – was ist dann mit mir? Ich weiß, dass ich ein Drache war…bin."

"Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke es liegt daran, dass ihr meine Spezies noch nie…so gut leiden konntet. Deswegen weigert sich euer Verstand hartnäckig, den Glauben anzunehmen, ihr wäret der von euch selbst erwählte größte Feind…(hmmm, ‚Die Pein…‘?)…ähm…aber ich bin auch fest davon überzeugt, dass ihr euch der Verwandlung nicht sehr viel länger entziehen könnt…(‚Der Leim…‘?)"

"Und wieviel Zeit habe ich noch?"

"Ich weiß es nicht. Vielleicht noch ein paar Stunden…(‚Der Hain…‘?)"

"Oh verdammt! Also gut, du weißt wo Saurudalfs Versteck ist. Wie schnell kannst du uns dort hinführen?"

Karlmax‘ antwortete abwesend: "Jaja…(‚Herr Klein…‘?)"

Kalessan nahm ihn an der Kehle und hob ihn auf eine Höhe mit seinen Augen.

"Hör mal zu: Du wirst jetzt aufhören über diesen dämlichen Merksatz nachzudenken. Du wirst mich und meine Kollegen jetzt zu Saurudalfs Versteck führen. Du hast eine Stunde Zeit. Ansonsten wird die letzte Handlung meiner draconischen Existenz noch einmal meine Lieblingsbeschäftigung sein – das Ausblasen von menschlichen Lebenslichtern auf extrem brutale und unangenehme Art und Weise."

Karlmax wand sich in Kalessans stählernem Griff und röchelte.

Kalessan ließ ihn fallen, beugte sich über ihn und fragte fröhlich: "Na, kann’s losgehen?"

Karlmax führte den Rat zum Eingang der Kanalisation von Neudorf.

Es hatte sich als nötige Maßnahme erwiesen, die neun abwesenden Drachen mit dem Menschen zusammen zu ketten, weil sie ansonsten von alleine keinen Schritt mehr getan hätten – ihr Bewusstsein schaltete doch schneller ab, als erwartet…

"Meine Freunde hier werden aufpassen, dass du mir nicht einfach wegrennst!", hatte Kalessan zu Karlmax gesagt.

Der gesamte Rat bildete also jetzt eine kleine Kolonne aus vor sich hin träumenden Menschen in farbigen Gewändern, die von einem grimmigen Hünen in roter Robe begleitet und von einem kleinen, bärtigen Mann geführt wurde.

"Woher weißt du eigentlich von Saurudalfs geheimen Versteck? So geheim scheint es ja nicht zu sein, wenn du davon weißt…"

Karlmax ignorierte den sarkastischen Unterton Kalessans: "Ich habe einmal heimlich in Saurudalfs Aufzeichnungen gestöbert. Da bin ich auf eine Wegbeschreibung zu seinem Versteck in der Kanalisation gestoßen."

"Das ist ja schön für dich!", antwortete Kalessan, "Mit jedem Satz, den du sagst, verschwendest du weitere wertvolle Zeit deines kurzen Lebens. Wenn ich dir also einen gut gemeinten Vorschlag machen darf: Geh weiter!"

"Ich gehe doch weiter!"

"Willst du mich nerven?"

Karlmax hob die Hände in einer abwehrenden Geste und wollte gerade die Kanalisation betreten, als er mit einem jungen Mann zusammen prallte, der diese gerade verließ. Der Mann schaute die seltsame Gruppe verwirrt an und sagte: "Also Sally hat schon zugemacht. An eurer Stelle würde ich es heute Abend noch einmal versuchen. Oder wollt ihr woanders hin? Achso, zum Sklavenhändler?"

Karlmax antwortete: "Ähm, nein, wir wollen nicht zu Sally – und auch nicht zum Sklavenhändler, wir haben…ähm, woanders einen Termin."

Der Mann zuckte nur mit den Schultern und ging weiter seines Weges.

Kalessan fragte Karlmax auf ihrem Weg in die Kanalisation: "Wer ist Sally? Und was zur Hölle hat sie in der Kanalisation zu suchen?"

"Nun…Sally ist Inhaberin eines…Geschäftes…"

"Ein Geschäft in der Kanalisation? Was verkauft sie denn da unten? Scheiße?"

"Nein, sie verkauft…gewisse Dienstleistungen…"

Kalessan zog nur die Augenbraue hoch.

"Man kann zu ihr gehen…und gegen ein gewisses Entgelt kann man mit einer Frau…zusammen sein…"

"Und das geht nur in der Kanalisation?"

"Naja, Sallys Aktivitäten werden nicht von allen als…völlig legal betrachtet…"

Zu Karlmax‘ Erleichterung hakte Kalessan nicht weiter nach, sondern schüttelte nur den Kopf.

Auf ihrem Weg durch die Kanalisation bemerkte der Drache, dass überall an den Wänden Fackeln hingen. Wozu sollte jemand in einer Kanalisation Fackeln aufhängen lassen? Und warum kamen ihnen immer wieder Menschen auf dem Weg in die Kanalisation entgegen?

Karlmax sagte: "So, jetzt kommen wir in den Haupttunnel!"

Sie bogen um eine Ecke – und fanden sich auf einer Art Straße wieder. Erneut hingen hier überall Fackeln an den Wänden. Mehrere Menschen liefen auf den breiten Randsteinen neben dem stinkendem Hauptstrom der Kanalisation entlang und bogen ab und zu in finstere Seitengassen ein. Als Kalessan einen Blick in einen der Seitentunnel warf, sah er am Ende eine Tür, über der ein hölzernes Schild hing, auf dem ein großes Messer abgebildet war. In einem anderen Tunnel war eine Tür mit einem Schild, auf dem ein brennendes Pentagramm aufgemalt war. Wieder in einem anderen Tunnel hing ein Schild auf dem eine vermummte Gestalt zu sehen war.

Nachdem sie diesen Tunnel passiert hatten, kam ihnen genau eine solche Person entgegen. Als Kalessan sie passierte, rempelte diese ihn kurz an, entschuldigte sich und ging hastig weiter. Kalessan befühlte seine Taschen und war eher weniger überrascht, als er sie leer vorfand.

Er drehte sich um und sah die vermummte Gestalt noch schnell in den dazu passenden Seitentunnel einbiegen. Kalessan rannte dem Menschen in den Tunnel hinterher und kam vor der Holztür mit dem "Vermummter Mann"-Schild zu stehen.

Er klopfte an, worauf sich der obligatorische Schlitz, durch den zwei finstere Augenpaare starrten, öffnete.

"Ja?", hieß es barsch.

"Einer von euren kleinen, dreckigen Dieben hat mich eben beraubt. Er wird eine Menge Leben retten, wenn er mir jetzt gibt, was mir zusteht."

Die finsteren Augen wurden noch finsterer. Dann ging der Schlitz zu. Von innen hörte man die Stimme des Pförtners rufen: "Jimmy, hast du eben einen zwei Meter großen Typen, mit ’ner komischen roten Robe ausgeraubt?…Du hast da mal wieder was vergessen!"

Der Schlitz öffnete sich wieder: "Es tut uns leid, er ist noch jung und relativ unerfahren. Hier, bitte!"

Eine Karte wurde durch den Schlitz gesteckt. Kalessan nahm sie entgegen. Der Schlitz ging zu. Auf der Karte stand: "Ihr wurdet von Jimmy dem Fuß ausgeraubt, offizielles Mitglied der Diebesgilde, Neudorf, HbmG. Wir danken für eure Kooperation und wünschen euch noch einen angenehmen weiteren Aufenthalt in der Neudorfer Kanalisation!"

Kalessan zerknüllte die Karte wütend mit einer Hand.

"So, das reicht…jetzt gibt es Tote!"

Er ballte seine Hand zur Faust und schlug mit aller Kraft gegen die Holztür. Der erwartete Effekt explodierenden Holzes blieb jedoch aus. Stattdessen explodierte der Schmerz in seiner Hand.

Kalessan wimmerte.

Hinter der Tür ertönte die Stimme des Pförtners: "Wir haben jetzt geschlossen, kommt morgen wieder!"

Kalessan betrachtete ungläubig seine schmerzende Hand – es hatte also begonnen.

Er rannte los.

Am anderen Ende des Tunnels stand Karlmax mit den träumenden Drachen.

"Was…was ist denn los mit euch?"

"Halt die Klappe und führe mich zu Saurudalfs Versteck. Keine Umwege, kein Verlaufen, keine ‚Abkürzungen‘, verstanden?".

Karlmax sah ihn an – direkt in seine Augen. Und was er entdeckte, gefiel ihm überhaupt nicht – er sah Panik.

Obwohl Karlmax nicht der Schnellste war und die neun Drachen hinter ihm die Fortbewegung enorm erschwerten, schafften sie es binnen weniger Minuten durch einige Seitenkanäle in einen kleinen Tunnel, der an einer Gargoyle-Statue endete.

"Und jetzt? Ich tippe auf das alte ‚Schalter finden und drücken‘-Spiel.", sagte Kalessan ungeduldig, aber mit einer gehörigen Portion Galgenhumor.

"Nicht ganz…laut Saurudalfs Aufzeichnungen müsste uns jetzt ein Rätsel gestellt werden. Leider weiß ich nicht genau, wie es lautet."

"Ein Rätsel? Warum wird nicht nach irgendeinem Passwort oder so gefragt? Das wäre doch viel sicherer!"

"Nunja, Saurudalf ist recht vergesslich, besonders was Passwörter betrifft. Aber er ist gut im Rätseln. Deswegen hat er diesen Gargoyle verzaubert, ein Rätsel aufzugeben. So hat er zumindest eine Eselsbrücke für sein Passwort…"

Kalessan zog eine Augenbraue hoch, zuckte dann aber nur mit den Schultern und ging auf die Statue zu. Die Augen des Gargoyles begannen auf klassische Art und Weise rot zu glühen. Dann sprach er:

"Halt, wer hier vorbei möchte, muss erst das schwierigste Rätsel lösen, welches da je erfunden worden ist, ansonsten…"

"Ansonsten was?", fragte Kalessan herausfordernd.

"Ansonsten wird er ein schreckliches Schicksal erleiden!"

"Das da wäre…"

"Er muss eine Stunde warten, bis er noch einen Versuch bekommt!"

"Bitte…was? Keine tödlichen Strafen? Keine alles zu Asche verbrennenden Feuerbälle? Keine rasiermesserscharfen, plötzlich aus der Wand schießenden Klingen? Keine sich langsam zusammen bewegenden Wände, die ihre Opfer langsam und qualvoll zerquetschen?"

"Nein! Mein Meister würde sich doch nicht absichtlich in Gefahr bringen. Außerdem wäre es doch ziemlich lästig, die Sauerei hinterher hier immer aufräumen zu müssen, nicht wahr?", antwortete der Gargoyle fröhlich.

"Oh…wie langweilig!", entgegnete Kalessan offensichtlich enttäuscht, "Nun gut, dann stell dein ach so schweres Rätsel!"

"Nun gut. Aber seid vorbereitet auf das schwierigste und gewiefteste Rätsel aller Zeiten, eine Kopfnuss, die nur die Allerwenigsten der Allerwenigsten knacken konnten, eine Aufgabe, die nur die Schlauesten der Schlauesten der…"

Der Gargoyle bemerkte nun Kalessans patentierten Todesblick, welcher anscheinend auch bei ihm hervorragend funktionierte…

"Ähm, ja…Verzeihung. Hier nun das Rätsel: Am Morgen geht es auf vier Bei…"

"Der Mensch!", sagte Kalessan.

"Hey, das ist gemein. Ihr kanntet das Rätsel schon!"

"Oh, ich bitte dich – das ist das älteste, dümmste und vor allem populärste Rätsel der Geschichte."

"Aber bis jetzt hat es noch keiner gelöst!"

"Nun…wie viele waren vor uns denn schon hier außer deinem Meister?"

Der Gargoyle sah sie nachdenklich an, zuckte dann mit steinernen Schultern und schob sich mitsamt der Wand, in der er befestigt war, beiseite und gab den Weg frei.

Karlmax sagte: "Ich kannte das Rätsel noch nicht!"

"Du bist ja auch kein Drache. Weiter!"

Kalessan, Karlmax und die neun halbnarkotisierten Drachen gingen durch die Tür hindurch. Dahinter befand sich ein Raum, der eher spärlich ausgestattet war: Je zwei Holzbänke standen an den beiden Seitenwänden und in der Mitte des Raumes war ein Tisch, auf dem einige Schriftrollen lagen.

Karlmax sagte: "Das hier muss der Empfangsraum sein!"

"Wozu braucht ein machtgieriger Magier in seinem geheimen Labor unter der Erde einen Empfangsraum?"

"Hoher Besuch, Freunde, Sponsoren…"

Kalessan nahm sich eine der Schriftrollen. Sie war mit dem Schriftzug "Mord ist Sport, Ausgabe 4/01" betitelt.

Die Tür hinter ihnen ging wieder zu. Aus der gleichen Richtung ertönte eine Stimme: "Guten Tag!"

Die beiden drehten sich ruckartig um. Hinter ihnen stand ein ihnen sehr bekannter Mann, der einmal mehr zwei Armbrüste auf sie richtete.

"Ivel!?", riefen sie gleichzeitig (Kalessan und Karlmax, nicht die Armbrüste).

"Nein, ich bin Esöb, der Zwillingsbruder von Ivel, den ihr so hinterhältig ermordet habt. Dafür werdet ihr mir bezahlen!"

"Wir haben gar kein Geld dabei, das wurde uns gestohlen!", antwortete Karlmax schnell, "Außerdem haben wir ihn nicht umgebracht!"

"Du hörst besser auf, mich für dumm zu verkaufen!"

"Er hat Recht, wir haben ihn nicht umgebracht. Nicht direkt zumindest.", warf Kalessan ein.

"Wenn ihr es nicht wart, wer dann?"

"Ich könnte euch jetzt die Wahrheit erzählen und sagen, dass Ivel von einer Münze getötet wurde, die mehrere hundert Meter weit fiel, eine irrsinnige Geschwindigkeit entwickelte und seinen Kopf durchbohrte. Würdet ihr mir glauben?"

"Das geschah vor der Magierakademie?"

"Ja."

"Oh diese verdammten Studenten! Eines Tages verpasse ich denen für ihre dummen Streiche eine Tracht Prügel, die sich gewaschen hat! Wie dem auch sei, ich danke euch für eure Hilfe. Jetzt muss ich euch aber leider bitten, mit mir mitzukommen – wir haben euch bereits erwartet."

Er deutete höflich auf die Tür am anderen Ende des Raumes.

Angesichts der Armbrüste blieb den beiden wohl keine Wahl. Sie setzten sich in Bewegung, öffneten die Tür und liefen den dahinter liegenden Gang hinunter. Esöb ging direkt hinter ihnen, stieß aber immer wieder mit dem geistlosen Smahug zusammen, der noch hinter Karlmax hing – und das brachte ihn langsam aus der Fassung: "Müssen diese neun Zombies denn unbedingt hinter dir herlaufen? Öffne die Tür!"

Karlmax tat wie ihm geheißen und öffnete die Tür neben ihm. Dahinter lag ein leerer, kleiner Raum.

"Binde sie ab und führe sie da hinein!"

Nachdem Karlmax auch das ausgeführt hatte, erkundigte sich Esöb: "Und sie können sich nicht aus freiem Willen weiterbewegen?"

"Anscheinend nicht, nein."

"Gut. Weiter!"

Einmal mehr markierte eine dieser langweiligen Holztüren das Ende des Ganges.

"Da durch!"

Hinter dieser letzten Tür wartete eine echte Überraschung auf Kalessan und Karlmax: Es handelte sich hierbei nicht um einen weiteren, kleinen, leeren Raum, sondern um eine Halle von relativ beachtlichen Ausmaßen. Überall standen Tische herum, auf denen, wie es sich für ein ordentliches Magierlabor gehört, verschiedenste Gerätschaften und vor allem Dutzende Reagenzgläser standen, die mit allerlei Flüssigkeiten gefüllt waren, deren Farbspektrum es einmal mehr schon fast mit dem der Drachen aufnehmen konnte.

An einem der Tische und neben einem großen Eisenkäfig stand mit dem Rücken zu ihnen Saurudalf. Vor ihm war das Prettschett positioniert. Saurudalf fluchte: "Verdammt!"

Kalessan antwortete: "Ihr wisst nicht, wie man es bedient, hm? Lasst mich raten: Es liegt an diesen komplizierten ausländischen Anleitungen, die kein Normalsterblicher verstehen kann, nicht wahr? Achso, ihr habt es ja selbst gebaut…ich vergaß…"

Saurudalf drehte sich um.

"IHR! Ich…äh…ich habe euch schon erwartet! Besonders…MEIN SEKRETÄR? Was zur Hölle willst du hier, Karlmax? Und wo ist der Rest von dem Drachengesocks?"

"Die habt ihr mit euren Mätzchen in den Wahnsinn getrieben, sodass sie jetzt glauben, sie wären Menschen. So etwas finde ich sehr unschön von euch… Ich dachte, ihr wolltet aus dieser Stadt einen lebenswerten Ort machen!", antwortete Karlmax – seine Naivität war doch wirklich zu niedlich.

"Die anderen habe ich in eine unserer Zellen gesperrt – wie er sagt, sie waren völlig geistlos…", sagte Esöb.

"Hm…interessant! Sagt mir, um noch einmal auf den Beginn unseres Gespräches zurück zu kommen, Drache, was meintet ihr damit, dass ich nicht wüsste, wie man das Prettschett bedient?"

"Wir haben euch doch gesagt, dass sich unsere Magie von der euren unterscheidet. Das Ding da hat keinerlei Nutzen für euch, solange ihr die Funktionsweise unserer Magie nicht versteht."

Saurudalf kniff die Augen zusammen und schenkte Kalessan den bösen Blick, was diesen natürlich wenig beeindruckte.

"Nun, ich lerne schnell. Ihr seid nicht zufällig bereit, es mir zu erzählen?"

Kalessan lächelte den Magier an.

"Nun gut, dann werde ich mich woanders erkundigen gehen."

"Da bin ich ja mal gespannt, wie ihr das anstellen wollt. Wenn nicht gerade Smahug wieder ein loses Mundwerk gehabt hat, dürfte dieses Geheimnis kaum in einer eurer billigen Schriften niedergeschrieben sein. Und bei dieser Angelegenheit bin ich mir ziemlich sicher, dass sogar er die Klappe halten kann." antwortete Kalessan.

Saurudalf lächelte den Drachen an.

"Er hat geredet, nicht wahr?", sagte Kalessan

"Ganz in der Nähe von Neudorf gibt es einen alten Tempel mit einer großen Bibliothek. Und rein zufällig gibt es meines Wissens nach in dieser Bibliothek auch ein Buch über "Die Geheimnisse der Drachenmagie" – verfasst mit Hilfe von Smahug, dem Weisen…"

Kalessan spitzte die Lippen und ging dann mit seinem Gesicht in eine wütend-enttäuschte Grimasse über. Er sah ungefähr so aus, als hätte ihm jemand eine Stunde lang ohne Unterbrechung ins Gesicht geschlagen.

"Ähm, Meister?", fragte Esöb.

"Ja?"

"Meint ihr den Tempel, der im Dunklen Sumpf im Norden liegt?"

"Ja!"

"Ich halte es für gefährlich, dort hinzureisen. Der Tempel ist im letzten Monat wieder einige Meter gesunken, habe ich gehört. Viele der örtlichen Mönche haben ihn schon verlassen, weil er jetzt jederzeit untergehen könnte…"

"Ach, Quatsch! So lange wird er ja wohl noch halten. Ich brauche höchstens zwei Tage bis dahin. Und für meine Studien benötige ich auch nicht viel Zeit. Doch bevor ich abreise, habe ich noch etwas zu erledigen…", sagte Saurudalf mit einem bösen Blick auf Kalessan und Karlmax.

An seinen Sekretär gewandt sagte er dann: "Zunächst einmal: Du bist gefeuert! Und dann habe ich mir für euch beide schon ein wundervolles Schicksal ausgedacht. Ich werde an euch beiden meine neueste und bösartigste Errungenschaft einweihen und euch in einen großen Bottich stecken, der bis zum Rand gefüllt ist mit kochender, brodelnder, alles auflösender…", er machte eine dramatische Pause, "ASCORBINSÄURE!"

"Ähm…Meister?"

"Ja, was ist?"

"Ähm, das mit dem Kochen und Brodeln und dem Alles-auflösen stimmt nicht so ganz…"

"Bitte…was?"

"Nun…es handelt sich nicht um eine aggressive Flüssigkeit, wie ihr vielleicht annehmt, sondern eher um…um…um…ein Pulver…"

"Ein Pulver…"

"Ein Pulver."

"Ich hatte dir doch aufgetragen, Säure für meine Folterkammer zu beschaffen!"

"Ja – und ihr hattet mir auch aufgetragen, möglichst die billigste Säure zu besorgen, die ich finden könnte. Und das war nunmal Ascorbinsäure."

"Kann man das Pulver vielleicht in Wasser lösen und so eine kochende, brodelnde und alles auflösende Säure schaffen?"

"Nein, das habe ich schon versucht."

Saurudalf schloss die Augen, presste die Zeigefinger an die Stirn, massierte sich die Schläfen und atmete ruhig ein und aus. Dann sagte er: "Nun gut…vielleicht ist es ja besser so.", er wandte sich an Kalessan, "Jetzt kann ich euch noch damit quälen, wie ich eure eigene Magie benutze, um euch langsam zu Tode zu foltern… Esöb, du wirst diese beiden hier in den Eisenkäfig sperren und sie so lange bewachen, bis ich wieder da bin – verstanden?"

"Ja, Herr."

"Diese Aufgabe ist auch wirklich nicht zu schwer für dich?"

"Nein, Herr."

"Du wirst dich auf diesen Stuhl setzen und diese beiden nicht aus den Augen lassen?"

"Ja, Herr. Nein, Herr."

"Gut."

Saurudalf drehte sich ohne ein weiteres Wort um und stürmte aus der Halle hinaus.

"Es war irgendwas mit ‚…ein‘ hinten dran…", sagte sich Karlmax.

Er saß nun schon seit ungefähr zwei Stunden zusammen mit Kalessan in dem Eisenkäfig und nutzte die Zeit, um sich über das Problem Gedanken zu machen, welches ihn schon seit einiger Zeit beschäftigte.

Kalessan saß ebenfalls in Gedanken versunken neben ihm.

"Wisst ihr vielleicht noch ein Wort mit ‚…ein‘ hinten dran?", wandte Karlmax sich an den verwandelten Drachen. Dieser saß jedoch nur da und starrte ins Leere.

"Ähm…Kalessan?", fragte Karlmax und streckte die Hand aus. Er zögerte kurz, in dem Bewusstsein, dass sein Vorhaben einem Selbstmord gleichkommen könnte – dann rüttelte er den Drachen an der Schulter. Nichts geschah.

"Kalessan? Hallo! Aufwachen! Oh, verdammt…"

Das war ein schlechtes Zeichen. Kalessan war unübersehbar geistig abwesend.

Karlmax suchte nun nach der Lösung von einem ganz anderen Problem. Er tastete seine Taschen nach Geld ab, doch seine Unterbezahlung machte sich in gefundenem finanziellem Nichts recht deutlich bemerkbar.

Er fragte den in der Nähe auf einem Stuhl sitzenden Esöb, der gerade in einer Schriftrolle las, die mit "Das Sally-Magazin" betitelt war: "Ähm habt ihr vielleicht kurz eine Münze oder ein Goldstück für mich? Ihr bekommt es auch gleich wieder."

Esöb sah kurz auf: "Ich soll dich wohl noch dafür bezahlen, dass du da drinnen sitzt? Vergiss es!"

Dann wandte er sich wieder seiner Schriftrolle zu. Auf einmal wurden seine Augen groß. Er drehte die Schriftrolle um 90 Grad. Seine Augen wurden noch größer. Esöb schaute wieder auf Karlmax und machte den Mund hastig auf und zu: "Ent…ent…oh…oooh….entschuldige mich, ich habe…oohhoohh…kurz was zu erledigen!"

Dann stand er schnell auf, rannte mit der Schriftrolle vor den Augen zunächst gegen eine geschlossene Tür, öffnete sie dann, ging hindurch und schloss sie wieder. Dann waren nur laute Oh..oohh…ohhohhhhoooohhhhs aus dem Raum dahinter zu hören.

Karlmax dachte weiter nach, wie er Kalessan aus seiner Lethargie reißen könnte. Da kam ihm eine weitere Idee.

Er ging zu Kalessan und öffnete dessen Mund und legte ein paar seiner Finger hinein.

"Na, schmeckt euch das?"

Keine Reaktion.

Zur Standardausstattung eines Bürgers, der in einer Stadt wie Neudorf wohnt, gehört immer ein Messer. Das ist so selbstverständlich, dass es nicht einmal von den örtlichen Bösewichten und Schurken bei Durchsuchungen abgenommen wird. Es gibt sogar ein Gesetz, das alle Bürger von Neudorf verpflichtet, immer ein Messer dabei zu haben. Wenn man jemandem sein persönliches Messer entwendet, droht dem Dieb darauf die Todesstrafe. Das reduzierte die Gerichtsverfahren wegen vorsätzlichem Mord ganz erheblich, da nun jeder Mörder auf "Verteidigung aus Notwehr" plädieren konnte.

Jedenfalls holte Karlmax sein ganz persönliches Messer aus dem Ärmel, zögerte kurz, biss dann die Zähne zusammen und schnitt sich in den Arm.

Dann ließ er das Blut in Kalessans geöffneten Mund laufen.

Zunächst gab es wieder keine Reaktion. Dann schloss sich Kalessans Mund plötzlich um die Wunde und begann zu saugen.

"AUA!", rief Karlmax, zog den Arm schnell weg und legte sich dann erschrocken die Hand auf den Mund, in der Annahme, Esöb könnte etwas gehört haben.

Kalessan starrte ihn zunächst an, als ob er ein saftiges Stück Fleisch wäre. Dann schaute er ihn völlig verwirrt an und schließlich betrachtete er ihn so, wie er ansonsten immer nur…Karlmax anstarrte. Sein Blick fiel auf dessen Schnittwunde.

Er runzelte die Stirn und schien erneut ins Leere zu starren. Als Karlmax schon dachte, seine schmerzhafte Aktion hätte doch keinen Erfolg gehabt, sagte Kalessan:

"Warum tust du das? Du hast mich vorher noch nie getroffen. Du weißt nicht mal mehr, ob ich die Wahrheit sage und wirklich ein Drache bin… Außerdem war ich nicht gerade nett zu dir – und dennoch machst du das alles hier mit, um mir zu helfen. Warum?"

Karlmax zuckte mit den Schultern: "Nun, sogar Saurudalf sagt, dass ihr ein Drache seid – warum sollte er sonst so etwas behaupten? Vielleicht helfe ich euch aber auch nur deswegen, weil ich schon immer einem Drachen begegnen wollte – weil ich schon immer mal auf einem Drachen reiten und die Welt von oben sehen wollte…ich bin wahrscheinlich nur wieder zu naiv…"

"Allerdings! Schon Pläne, wie wir hier herauskommen?"

"Nun…nein! Ich dachte vielleicht, dass ihr…"

"Kalessan! Karlmax!", rief eine Stimme von der Tür her, durch die sie den Raum betreten hatten. In ihr stand Smahug.

"Was macht ihr denn da drinnen?"

Kalessan antwortete: "Smahug! Geht es dir wieder besser?"

Der Drache kam näher an den Käfig heran: "Ging es mir denn je schlecht? Daran kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern…"

Kalessan seufzte: "Nicht schon wieder…Smahug, sag mir: Was bist du?"

"Wie…was bin ich?"

"Welcher Spezies gehörst du an?"

"Ich bin natürlich ein Mensch! Was ist denn das für eine seltsame Frage?", antwortete Smahug fröhlich.

Kalessan senkte resigniert den Kopf und seufzte erneut – diesmal war sich Smahug anscheinend sicher. Dann schreckte er auf: "Karlmax, wo ist dieser Esöb hin?"

"Oh, der ist wahrscheinlich gerade auf der Toilette und schaut sich schmutzige Schriftrollen an…", antwortete dieser.

"Warum muss er dazu auf die Toilette? Warum geht er nicht in die Eingangshalle und nimmt eine der sauberen Schriftrollen?"

"Vergesst es! Smahug, könntet ihr bitte das Schlüsselbund dort nehmen und die Tür dort drüben abschließen? Das würde uns ein paar Probleme ersparen…", Karlmax zeigte auf die Schlüssel und die Tür.

"Was ist denn hinter…"

"Halt den Mund und tu es einfach! Wir wissen nicht, wann er wieder zurück kommt!", sagte Kalessan.

Smahug hob abwehrend die Hände: "Nein! Nicht in diesem Tonfall! Ich möchte zuerst das Zauberwörtchen hören!"

"Abrakadabra!"

"Du weißt, welches Wort ich meine!"

"Er hat es doch eben gerade gesagt!", stöhnte Kalessan und deutete auf Karlmax.

"Ich möchte es aber von dir hören!"

Kalessan seufzte: "Würdest du BITTE zu diesem Tisch dort gehen, BITTE das Schlüsselbund welches dort liegt aufnehmen, dich BITTE zu dieser Tür dort drüben bewegen und sie dann BITTE abschließen, WEIL UNSER VERDAMMTES LEBEN DAVON ABHÄNGT!"

"Aber natürlich, mein Freund!", antwortete Smahug fröhlich und setzte sich in Bewegung.

"Oh…das ist so erniedrigend!", stöhnte Kalessan.

Smahug probierte einige der Schlüssel aus und fand schließlich den richtigen. Kurz nachdem er ihn umgedreht hatte, wurde die Klinke von der anderen Seite heruntergedrückt.

Smahug rief: "Hahaahaaa, wir haben dich eingeschlossen, du Bösewicht!"

Esöb antwortete: "Och Mist…dann geh ich halt noch mal auf die Toilette…"

Kalessan und Karlmax befanden sich wieder auf dem Weg zur Oberfläche.

Hinter ihnen liefen die neun nun mehr als aufgeweckten Mitglieder des Rates. Sie benahmen sich wie Kinder, die gerade durch das größte Spielwarengeschäft der Welt liefen – und dabei war es nur eine stinkende Kanalisation…

"Was war eigentlich der Grund für ihren langen Aussetzer vorhin?", erkundigte sich Kalessan.

"Ich vermute, dass sie sich in einem inneren Konflikt befanden, in dem ihre alten Erinnerungen und ihr neues, menschliches Ich gegeneinander ankämpften. Eine Vergangenheit als Drache und eine Zukunft als Mensch lässt sich nunmal nicht unter einen Hut bringen. Nun, das Ergebnis dieses Konfliktes liegt hier gut sichtbar vor uns. Sie scheinen nun hyperaktiv zu sein und all die neuen Eindrücke in sich aufzunehmen, als müssten sie ihr verlorenes Gedächtnis mit Erinnerungen aller Art füllen…"

"Aber du bist dir sicher, dass sie ihre Erinnerungen von vor der Verwandlung alle wieder zurück erhalten?", fragte Kalessan.

"Ich bin mir in gar nichts sicher – ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob man sie überhaupt zurückverwandeln kann!", kam Karlmax‘ Antwort.

"Du wirst ja richtig aggressiv, Kleiner – so gefällst du mir!", erwiderte Kalessan mit einem Grinsen.

"Und warum geht es euch auf einmal wieder so gut? Ihr hört euch nicht so an, als wäret ihr noch vor einigen Minuten kurz davor gewesen, eure Existenz aufzugeben…", fragte Karlmax.

"Du hast Blutgruppe 0 negativ?"

"Woher…"

"Meine Lieblingsblutgruppe – lass es mich so sagen: Dafür lohnt es sich wirklich, weiter als Drache zu existieren!", antwortete Kalessan weiterhin grinsend. Dann wurde er schlagartig ernst, blieb stehen und sah Karlmax lange und seltsamerweise völlig ohne Aggressivität im Blick in die Augen.

"Danke!", sagte er dann – und ging weiter.

Karlmax sah ihm nach.

An der Oberfläche angekommen machten sie sich auf die Suche nach dem erstbesten Stall, der Pferde verleihen konnte. Auf dem Weg zu "Rudy’s Rappen" in der Stinkegasse, dem einzigen Pferdestall der auch richtige Pferde anbot, kamen sie einmal mehr an dem großen Platz vor der Magierakademie vorbei. Auf dem Platz stand eine derartig große Menschenmasse, dass es unmöglich war, den Platz zu überqueren, wenn man nicht gerade ein Bulldozer war.

Die Menge bestand nahezu ausschließlich aus menschlichen Männern im jungen bis mittleren Alter, die alle in voller Rüstung und bewaffnet waren. Sie standen halbkreisförmig um den Eingang der Magierakademie. Alle schauten einen kleinen Holzpodest vor dem Eingang an, auf dem ein Redner stand – es war Saurudalf.

Mit lauter Stimme verkündete er etwas: "…und deswegen benötige ich mindestens ein Viertel von euch, damit wir uns zusammen einen Weg durch die Armee schlagen können. Diejenigen unter euch, die diese Aktion überleben, werden reich belohnt werden!"

Karlmax fragte einen in der Nähe stehenden Soldaten: "Was ist denn los? Was für eine Armee meint er?"

"Neudorf wird von der Armee des Schräckelichen Haramasch belagert. Seine Truppen haben bereits die gesamte Stadt umzingelt und man kann nun weder in sie hinein noch aus ihr heraus…deswegen möchte der Bürgermeister jetzt losziehen, um Hilfe zu holen. Doch dazu braucht er halt ein paar Männer, um sich eine Schneise zu schlagen."

"Aber wie kann so eine Armee unbemerkt bleiben? Warum wurden wir nicht vorgewarnt?"

"Keine Ahnung…wahrscheinlich haben all die Händler, Kundschafter und Reisenden nur wieder vergessen, uns davon zu erzählen – das hatten wir schon einmal.", der Soldat zuckte mit den Schultern.

"Wie groß ist denn Haramaschs Armee?"

"So an die 1.000 Mann…"

"Hm, das geht ja noch.", erwiderte Karlmax erleichtert.

"Ja, wenn man die restlichen 99.000 Amazonenkämpferinnen seiner Armee nicht mitzählt – die sind alle anscheinend völlig begeistert von Haramasch…"

Karlmax klappte die Kinnlade herunter.

Kalessan sagte: "Diese Armee ist kein Problem für uns, sobald wir unsere Magie wieder haben. Komm mit!"

Er packte Karlmax am Ärmel und zog ihn mit sich durch die Menge – die anderen Drachen folgten brav. Wenigstens gab es diesmal wirklich was zum Glotzen…

Nach einigen Minuten voller Schubsen und Drängeln gelangte Kalessan mit seinem Anhang dem Holzpodest schon sehr nahe. Leider fielen die Drachen mit ihren farbigen Roben in der Menge so stark auf, wie ein Pottwal im häuslichen Wohnzimmer. Ihre Ankunft blieb bei Saurudalf also nicht unbemerkt.

"Ihr da! Bringt mir diese komischen Vögel in ihren bunten Roben hier her und haltet sie hier fest!"

Wenige Sekunden später sahen sich die Drachen mit Saurudalf konfrontiert und von einer Horde feindlicher Soldaten umzingelt.

"Ich weiß nicht, wie ihr euch befreien konntet…aber ich werde euren Tod nicht weiter hinauszögern! Soldaten! Bringt sie um! Hier und jetzt, vor meinen Augen!", rief Saurudalf.

"Aber Herr, warum sollen wir sie umbringen? Sie haben euch doch gar nichts getan!", erwiderte einer der Soldaten. Die anderen nickten zustimmend.

"Doch, haben sie – was wagt ihr eigentlich, meine Autorität in Frage zu stellen!?"

"Wir möchten ja nur wissen, was sie euch getan haben."

"Siiieee…sind bei mir eingebrochen und…und haben versucht mich zu bestehlen.", Saurudalf war sichtlich stolz darauf, dass er seinem Publikum zumindest eine Halbwahrheit präsentiert hatte.

"Wir wollten uns aber nur das zurückholen, was uns gehört!", schrie Kalessan den Magier an.

Einer der Soldaten sah den Drachen an und wieder zu Saurudalf zurück: "Stimmt das, was er sagt?"

Saurudalf lief rot an: "DAS IST DOCH WOHL VÖLLIG EGAL, JETZT BRINGT DIESE MISTKERLE ENDLICH UM!"

"Oh nein, so kommen wir erst gar nicht ins Gespräch.", antwortete der Soldat und wandte sich wieder an Kalessan, "Was hat euch Saurudalf denn abgenommen?"

"Wenn ich dir erzählen würde, dass ich und meine neun farbigen Kollegen hier Drachen sind, deren Magie von Saurudalf gestohlen wurde, wodurch sie jetzt in diesen Menschenkörpern feststecken – würdest du mir dann glauben?"

Der Soldat schrak zurück: "Das ist ja ein unglaubliches Vergehen! Werter Bürgermeister, bevor wir euch in eurem Vorhaben unterstützen können, muss ich euch eindringlich darum bitten, diesen Herren hier ihre Magie zurück zu geben!"

Saurudalf sah so aus, als würde er gleichzeitig kurz vor dem größten Heulkrampf und dem schwersten Wutausbruch in der Geschichte der Menschheit stehen.

So ist es äußerst bewundernswert, dass er es schaffte, sich zusammenzureißen. Jedenfalls schrie er nicht groß herum und brachte alles um, was ihm im Wege stand.

Vielmehr hob er beide Hände. Sie begannen zu leuchten.

"Vielleicht kann ich euch Drachen mit Magie nicht verletzten – aber eurem Freund und dem Großteil der anderen Menschen hier würden ein paar ordentliche Stromschläge sicherlich…schlecht tun. Deswegen tut ihr alle gut daran, mich jetzt durch zu lassen – und wehe euch, ihr versucht, mich anzugreifen oder ihr verfolgt mich…ihr möchtet nicht wissen, was dann passiert!", sagte er.

Kalessan schnaubte verächtlich. Sollte er jetzt der Beschützer dieser Menschen sein? Das wurde wirklich immer und immer besser… Er tröstete sich jedoch damit, dass seine eigene magische Immunität nun wahrscheinlich auch verschwunden sein würde und trat beiseite.

Eine kleine Gasse bildete sich in der Menge. Saurudalf bewegte sich zügig durch die Masse, die Hände leuchtend im Anschlag gehalten. Am Rande des Platzes angekommen, rannte er los.

"VERDAMMT!", schrie Kalessan und stampfte mit dem Fuß auf.

Karlmax versuchte, ihn zu beruhigen: "Ruhig Blut, Kalessan! Er kann ohne Hilfe nicht aus der Stadt raus, er ist uns hier ausgeliefert."

"Du vergisst den netten Herrn Haramasch und seine Feministentruppe, Kleiner. Allzu viel Zeit haben wir in dieser Hinsicht sicherlich nicht mehr."

Die Menge auf dem Platz begann sich langsam aufzulösen – die Soldaten waren anscheinend auf dem Weg, um die Stadtmauern zu bemannen und der aufkommenden Belagerung zu trotzen.

Karlmax sagte: "Das mit dem Krieg lasst mal meine Sorge sein!"

Er stieg auf den Podest und richtete sich lauthals an die Menge: "Ähm…Hallo? Könnte mir mal bitte jemand zuhören?"

Jemand in der Menge schien ihn tatsächlich bemerkt zu haben: "Hey Leute, schaut mal, da steht noch jemand auf dem Podest!"

Zustimmende Rufe ertönten aus anderen Teilen der Masse: "Ja, stimmt!", "Der hat sicher was zu sagen!", "Komm, sprich zu uns!", "Ja, genau, sprich zu uns!"

Der Platz füllte sich wieder genauso schnell mit Soldaten, wie er sich geleert hatte – anscheinend war jede Möglichkeit, die unangenehme Arbeit auf der Mauer noch ein wenig hinauszuzögern, äußerst willkommen.

"Ähm…hört mich an, oh Soldaten von Neudorf!", rief Karlmax in übertriebener Betonung.

Ein Blick in die Menge verriet ihm, dass diese Art der Rede nicht sehr gut ankam. Also machte er normal weiter: "Passt auf, ich weiß, wie ihr die Invasion auf unsere Stadt verhindern könnt!"

"Hört hört!", kam die Antwort aus dem Publikum.

"Diese letzten 24 Stunden hat mir eines klar gemacht: Die physische Projektion des eigenen Ich ist rückkoppelnd auf die Gedanken des betroffenen Individuums!"

Stille.

Kurze Ansätze eines halbherzigen "Hört…" waren zu vernehmen.

"Ähm…was ich sagen möchte, ist: Das, was man glaubt zu sein, das ist man auch. Das, was man weiß, das kann auch nicht falsch sein. Wenn wir jetzt einfach annehmen…nein, wenn wir wissen, dass diese Armee gar nicht da draußen steht – dann wird sie auch nicht mehr da sein, wenn wir nachsehen. Jetzt wissen wir noch, dass Haramasch mit seinen Horden da draußen wartet. Wenn wir jetzt anfangen zu wissen, dass alles seinen gewohnten Gang geht, dann kann doch gar keine Barbarenhorde existieren. Denn wir wissen, dass sie nicht existiert!", Karlmax‘ Versuch den Soldaten seine Gedankengänge zu erklären war ähnlich hilflos wie der eines Hochschullehrers, der Quantenphysik in einer Vorschulklasse unterrichten soll.

Dennoch sprangen die Soldaten auf seinen Vortrag an – wenn auch nicht so, wie sich Karlmax das vorgestellt hatte: "Hey, der Typ da scheint intelligent zu sein, das stimmt sicher, was der sagt!", "Ja, genau!", "Hey, ich weiß gar nichts von eine Barbarenhorde, die vor unserer Stadt campt und uns zu überrennen droht!", "Was für eine Barbarenhorde?"

Die Menge begann sich auf unter fröhlichem Gelächter aufzulösen.

Kalessan stellte sich neben Karlmax. Aus der absoluten Leere seines Gesichtsausdruck konnte man nur ansatzweise das herauslesen, was er über das eben Gesehene dachte.

Er sagte zu Karlmax: "Eine Frage…eine einzige Frage, dich mich Zeit meines Lebens beschäftigt hat: Ihr existiert erst seit wenigen Jahrtausenden. Ihr vermehrt euch schneller als die Karnickel. Ihr nehmt mit euren Städten und Burgen drei Viertel der gesamten Landmasse des Planeten ein. Ihr seid die erfolgreichste Spezies, die diese Welt je hervorgebracht hat…

Warum?"

Karlmax sah ihn an und lächelte – es war, als ob die Rollen getauscht wurden – und sagte: "Wir wissen halt sehr viel…"

Und dann stand Esöb vor ihnen. Er hatte eine riesige Armbrust in der Hand. Wie man unschwer erkennen konnte, war sie jedoch ein wenig modifiziert: Die Waffe war mit lauter Zahnrädern versehen und hatte statt einem Abzug eine große Kurbel, sowie ein langes, ledernes Band, welches an der Seite des Geschützes herunter hing und in dem viele weitere großkalibrige Armbrustbolzen steckten.

Er trieb die Drachen auf dem Podest zusammen und begann, böse zu grinsen.

"So…ich denke mal, ich habe jetzt die Erlaubnis von Saurudalf bekommen, euch mit meinem kleinen Baby hier umzulegen. Noch ein paar obligatorische letzte Worte?"

Kalessan bemerkte ein vertrautes altes Aufblitzen über sich und sah nach oben. Dann rief er: "Ja: ALLE IN DIE AKADEMIE!"

Esöb sah ebenfalls nach oben – diesmal war das Blitzen nicht einfach, sondern gleich dutzendfach. Und während sich die Drachen in die Akademie zurückzogen, fluchte er seine eigenen letzten Worte: "Oh, diese verdammten Studenten!"

Und dann war da wieder dieses wundervolle Geräusch:


Wupwupwupwupwupwupflatschpling


wupwupflatschpling


wupflatschpflatschplingpling


wupwupwupflatschpling


Es sah aus wie eine realistische Version des Märchens vom Sterntaler.

Die Drachen beobachteten das Schauspiel teils angewidert, teils belustigt.

Kalessan sagte: "Diese Studenten gefallen mir…sie haben genau das richtige Timing!"

Zur gleichen Zeit, außerhalb der Stadt:

Die gigantischen Horden des schräckelichen Barbaren Haramasch bereiteten sich auf ihren Sturm auf Neudorf vor.

Junge Männer machten sich bereit, für ihren Führer in den gegnerischen Pfeilhagel zu laufen und schoben den riesigen Rammbock in Richtung des großen Holztores der Stadt. Hinter ihnen folgten die ersten Wellen von Kriegerinnen und Bogenschützinnen.

Über Steine und Äste rollte der gigantische Baumstamm, auf welchem vorne ein Eisenkopf in Form eines riesigen Geschlechtsteiles aufgesteckt war – das Zeichen des Schräckelichen Haramasch. Es hatte schon seine Gründe, warum ihm die Frauen wortwörtlich in Scharen hinterher liefen.

Die Männer hatten das Stadttor erreicht. Auf Kommando holten sie mit dem schweren Baumstamm aus und ließen ihn gegen das Tor krachen. Die Erschütterung und der Lärm mussten durch die gesamte Stadt zu hören sein.

Ein weiteres Mal schmetterte der eiserne Wille Haramaschs gegen die schutzlosen Tore Neudorfs. Da rief einer der Männer, die das Gerät bedienten: "STOP! STOP! Ist euch eigentlich nichts aufgefallen?"

"Hey, an dem Rammbock da vorne steckt ja ein…"

"Nein, das meine ich nicht, Idiot! Wir müssten doch jetzt eigentlich von siedendem Öl übergossen und von Pfeilen überschüttet werden, oder?"

Zustimmende Rufe ertönten von den anderen Männern. Der Redner ging ein paar Schritte zurück, hob die Hände trichterförmig vor den Mund und rief lauthals: "HAAALLOOO! IHR DA! GEHT ES LANGSAM MAL LOS HIER?"

Keine Antwort.

"IST ÜBERHAUPT JEMAND ZU HAUSE?"

Keine Antwort.

Der Mann stapfte wieder zurück zu seinen Kollegen.

"Na toll, keiner da. Da gibt es endlich mal eine Sache, für die man ordentlich sterben kann und dann…"

"Ja, genau! Ich hatte mich schon so gefreut, heldenhaft für die Eroberung dieser Stadt draufzugehen."

"Und meine Familie braucht das Geld von meiner Lebensversicherung!"

"Von deiner was?"

"Ähm…das ist, wenn…wenn…wenn du…nein…ähm, pass auf, das funktioniert so: Wenn du…ähm…stirbst und du…und du so eine Versicherung…ähm…äh…ach, vergiss es!"

"Was ist hier eigentlich los, ihr maskulinen Faulpelze?", brüllte eine heran marschierende Kommandantin.

"Die Neudorfer wollen nicht kämpfen!"

"Was?"

"Die reagieren einfach nicht auf unsere Attacken!"

"Ist doch wunderbar, da bleibt ihr noch ein bisschen länger am Leben."

"So macht es aber keinen Spaß!", sagte einer der Soldaten enttäuscht.

"Hm…da hast du auch wieder Recht.", stimmte die Kommandantin zu.

"Und was machen wir jetzt?"

"Tja, ich würde sagen, diese Party ist gelaufen…kommt, wir suchen uns eine andere Stadt – ich sage noch schnell Haramasch Bescheid!"

"In Ordnung!", "Bis nachher!", "Tschau!", "Ssih Juh!", "Wir sehn uns!", "Bai bai!"

Es war eine fröhliche Soldatentruppe.

Kalessan schaute vorsichtig über die Mauer.

"Ich glaube es einfach nicht – die ziehen tatsächlich ab! Woher zur Hölle wusstest du, dass das passieren würde?"

Karlmax zuckte mit den Schultern: "Einen Versuch war es doch wert, meint ihr nicht auch?"

Jemand zupfte ihn am Gewand: "Ähm…Entschuldigung?

"Was ist…Neidhöcker?"

"Mooooment! Woher willst du wissen, dass das da Neidhöcker ist und nicht Droca?", unterbrach ihn Kalessan.

"Aber ich bin Neidhöcker!"

Karlmax schaute Kalessan verwirrt an: "Das ist doch eindeutig. Er hat eine viel größere Nase als Droca, außerdem ist seine Stirn leicht gewölbt und er hat ein gut sichtbares Grübchen im Kinn. Mal ganz davon abgesehen, dass seine Haare blond und Drocas Haare eher dunkelblond sind… Das Einzige, was die beiden verbindet, ist die Farbe ihres Gewandes. Obwohl…Neidhöckers Robe ist eher bronze- und Drocas kupferfarben…"

"Ist dir gerade klar geworden, dass du das erste Wesen bist, das die beiden mit 100%iger Genauigkeit voneinander unterscheiden konnte?"

"Ähm…hallo?", sagte Neidhöcker, "Darf ich auch noch was sagen?"

"Jaja, nur zu…", antwortete Kalessan.

"Wir suchen doch nach diesem Saurudalf…wie wollen wir ihn jetzt finden?"

"Ich denke, wir sollten uns auf den Weg zu ‚Rudys Rappen‘ machen und versuchen, Saurudalf dort abzufangen."

Wenige Minuten später kamen sie an besagtem Ort an.

Es handelte sich…um einen Stall.

Ein ganz normaler Stall.

Er war im fackwerklichen Stil erbaut und hatte eine große, klassische Holztür als Eingang.

Keine architektonischen Verrücktheiten.

Keine durchgedrehten Menschen, die vor dem Stall herumliefen, noch durchgedrehtere Sachen machten und gar unaussprechliche Dinge taten.

Ein ganz normaler Stall.

Kalessan mochte den Stall.

An der Tür hing ein Schild:

Rudys Rappen

Inhaber: Rudy Maphrodit


Kalessan, Karlmax und der Rest betraten das Gebäude.

Es roch nach Pferd. Und auch ein wenig nach Eseln, Schweinen und zu groß geratenen Hunden. Sie alle standen in ihren Boxen rechts und links neben dem Hauptgang, welcher an einer Art Theke endete.

Dahinter stand ein muskulöser, ungewaschener und unrasierter Mann.

Der Stall war schon fast zu klassisch.

Karlmax sagte: "Hallo…ich nehme an, ihr seid Rudy?"

"Nennt mich Maphrodit!", kam die barsche Antwort.

"In Ordnung, Herr Maphrodit. Wir wollten nur fragen, ob hier vor kurzem ein junger, recht unauffällig gekleideter Mann vorbei gekommen ist."

"Geht’s vielleicht ’n bisschen präziser, Freundchen? Junge Männer, die unauffällig gekleidet sind, kommen hier nicht gerade selten vorbei."

"Ähm…wisst ihr zufällig, wie der Bürgermeister aussieht?"

"War vor ’ner Viertelstunde hier, der gute alte Saurudalf. Wollte mein schnellstes Pferd hab’n. Hab ihm hundert Goldstücke dafür abgeknöpft. Dabei sind se doch alle gleich schnell!", Herr Maphrodit lachte.

"Dann gebt uns euer zweitschnellstes Pferd!"

"Das kostet euch 90 Goldstücke!"

"20 Goldstücke!", warf Kalessan ein und setzte sofort seinen Lieblingsblick auf.

Herr Maphrodit zeigte sich allerdings als äußerst widerstandsfähig…

"Lass nich mit mir fälschen!"

Das verwirrte selbst Kalessan. Doch zum Glück kam ihm Tjamat zu Hilfe.

"Ooohhh, schaut mal, das süße Hündchen da!", sagte sie…er zu einem riesigen, bellenden Dobermann, der angestrengt an seiner Kette riss und versuchte, ihm die Kehle rauszureißen.

Der Fakt, dass da gerade eine Frau mit der tiefsten Bassstimme sprach, die Herr Maphrodit je gehört hatte, ließ dessen Unterkiefer runterklappen und brach seine psychische Widerstandskraft gegenüber Kalessans "Tu was ich die befehle!"-Blick. Diese taktische Schwäche wurde sofort ausgenutzt.

"10 Goldstücke!"

Herr Maphrodit nickte wortlos und murmelte: "Box 4…"

Kalessan sagte zu Smahug: "Du regelst das mit der Bezahlung. Zur Not bleibst du einfach so lange hier, bis ich wieder zurückkomme, ja?"

"In Ordnung, mein Freund!", antwortete dieser fröhlich.

Kalessan verzog säuerlich das Gesicht, drehte sich dann um und ging zur besagten Box. Karlmax folgte ihm.

"Was ist?", fragte Kalessan.

"Darf ich nicht mitkommen?"

"Zu zweit sind wir viel zu langsam – ich reite alleine."

"Aber ihr kennt nicht die geheime Abkürzung durch den Wald, so wie ich…", antwortete Kalessan mit einem Grinsen.

"Sag mal, woher kennst du eigentlich immer die beste Abkürzung, den exakten Weg zum Ziel und die richtige Erklärung für alles?"

"Wenn man nicht der Stärkste oder Schnellste ist oder enorme magische Fähigkeiten, sowie einen eisernen Willen oder wirtschaftliches Geschick hat, dann hat man in dieser Stadt keine Chance zu überleben. Also schafft man sich so viel Wissen an wie möglich, um den Großen und Starken nützlich zu sein."

Kalessan seufzte: "Wenn doch nur alle Menschen eine solche Einstellung hätten… Steig auf!"

Ihm gefiel diese Abkürzung nicht. Äste peitschten gegen sein Gesicht und Zweige rissen seine Kleidung auf. Warum musste er eigentlich reiten? Ach ja, weil Karlmax nicht reiten konnte – selbst er als Drache konnte das! Ein Transportmittel, das man fressen konnte, hielt er für eine praktische Erfindung.

Nach einer Ewigkeit, wie es Kalessan schien, kamen sie aus dieser Hölle von einem Wald heraus und auf offenes Gelände.

"Wohin jetzt?", rief Kalessan.

Doch sein Reitpartner antwortete nicht.

Der Drache drehte sich um, blieb jedoch bei der Hälfte der Drehung stecken. Genau parallel zu ihnen, vielleicht 50 Meter entfernt, ritt Saurudalf und starrte sie genauso dämlich an wie sie ihn. Dennoch reagierte er früher und gab seinem Pferd die Sporen.

Die Verfolgungsjagd ging nun über das offene Feld.

Saurudalf hatte sein Pferd anscheinend bereits ziemlich verausgabt, denn obwohl Kalessan und Karlmax zu zweit auf einem Ross saßen, gelang es ihnen, immer weiter und weiter aufzuholen.

Sie kamen näher und näher, bis auf eine Entfernung von 5 Metern, da schlug Saurudalf einen Haken und vergrößerte den Abstand wieder.

So ging das Spiel eine Zeit lang weiter. Immer wieder holten Kalessan und Karlmax auf. Ab und zu kamen sie sogar so nah heran, dass Karlmax nach Saurudalf greifen konnte. Doch dieser schlug immer wieder plötzliche Haken, was einmal sogar zur Folge hatte, dass Karlmax fast aus dem Sattel fiel.

Schließlich kamen Verfolger und Verfolgter an einen Fluss, der über eine Furt durchquert werden konnte. Saurudalf ritt vor und drehte am anderen Ufer um. Er hob etwas in die Luft – es war das Prettschett.

Er rief: "Wenn ihr ihn haben wollt – dann kommt und verlangt nach ihm!"

Karlmax rief zurück: "Heißt es nicht das Prettschett?"

Kalessan sagte zu ihm: "Können wir solche Debatten jetzt wohl mal bitte außen vor lassen?"

Dann ritt er los, durch die Furt. Auf halbem Wege hob Saurudalf auf einmal den anderen Arm und begann, einen seltsamen Singsang aufzusagen. Gleich darauf war ein lautes Rauschen zu vernehmen.

Kalessan ritt weiter, doch das Rauschen wurde schnell immer lauter und lauter. Mit letzter Kraft schob sich sein Pferd aus dem Fluss hinaus. Der Drache stürzte sich sogleich auf seinen Widersacher.

Die beiden Pferde gingen zu Boden.

Nach ein paar Sekunden legte sich der Staub.

Kalessan hatte Saurudalf am Boden festgenagelt. Dieser schaute ihn völlig verwirrt an: "Das…das ist aber nicht richtig! Ihr solltet voller Erstaunen in dem Fluss warten und dann hilflos von der gigantischen Flutwelle weggespült werden…"

Kalessan drehte sich um. Das Rauschen, das er gehört hatte, war nur der Wind gewesen. Doch da war auch eine Flutwelle. Sie war knapp einen Meter hoch.

"Ich bin beeindruckt…", sagte er. Dann holte er aus und schlug Saurudalf mit der Faust ins Gesicht, sodass dieser sofort bewusstlos wurde.

"Ähm…hallo? Könnt ihr mir mal helfen?", fragte Karlmax, der bäuchlings unter dem Pferd begraben lag.

Kalessan hörte nicht auf ihn. Er nahm das immer noch blau leuchtende Prettschett in die Hand und betrachtete es kurz.

Karlmax sah, wie er es zu Boden schmetterte und wie es zerplatzte. Das blaue Leuchten, das vorher immer so intensiv gewesen war ging in die Luft über und wurde sofort von Kalessans Körper aufgesogen. Die Bedienung des Prettschetts war doch einfacher, als er gedacht hatte…

Wie ein gigantischer Wirbelsturm rotierte die blau gefärbte Luft um den Drachen, ohne jedoch einen Ton hervorzubringen. Es war, als betrachtete man einen spektakulären Effektfilm, den man vorher auf "Stumm" geschaltet hat. Schon bald war nichts mehr von dem blauen Licht in der Luft um Kalessan vorhanden.

Und dann verschwand die Sonne.

Nein, sie verschwand nicht – sie war einfach weg.

An ihrer statt erhob sich eine riesige gelbe Mauer vor Karlmax‘ Augen. Es war Kalessans Unterbauch.

Der Drache hatte seine Flügel weit ausgebreitet und das Sonnenlicht schien durch die relativ dünnen Membranen.

Seine Arme hielt er so, als ob er die Welt umarmen wolle.

Die Augen waren geschlossen.

Es war die Pose, die Menschen einnahmen, wenn sie nach einem sehr langen und sehr unfreiwilligem Aufenthalt unter der Erde endlich mal wieder an die Erdoberfläche kamen und die Sonne sehen konnten.

Dann ertönte die Stimme des Drachen. Wie eine mächtige Orkanböe drückten die erzeugten Schallwellen Karlmax zu Boden.

"JAAAAA – DAS IST MACHT!"

Kalessan schlug die Augen wieder auf. Sein Blick fiel auf Karlmax. Mit einer Handbewegung schleuderte er das erschöpfte Pferd von seinem Körper herunter.

Der kleine Mensch rappelte sich auf und betrachtete den Drachen mit offenem Mund von oben bis unten.

"Ihr…ihr seid wunderschön…", hauchte er.

"Schön für dich, Wurm!", antwortete das gigantische Wesen in leiserem Tonfall, was allerdings auch schon ausreichte, Karlmax wieder zu Boden zu schmettern.

Der Drache machte nicht einmal eine Bewegung mit der Klaue, als er den Menschen in die Luft hob, welcher sich nun, von unsichtbaren Händen getragen, in einer Höhe mit Kalessans gigantischem Gesicht befand.

Das Gesicht grinste – Karlmax lächelte zurück.

"Du denkst also wirklich, ich hätte mich geändert…", sagte der Drache, diesmal in einem Tonfall, der in Karlmax‘ Ohren keine bleibenden Schäden hinterließ.

Das Lächeln auf dessen Gesicht erstarb sofort und wich einem verwirrten Blick.

"Was…was meint ihr damit?"

"Oh, komm schon – ich hatte dich für intelligenter gehalten. Denkst du wirklich, du kannst einen 3000 Jahre währenden Persönlichkeitszug von mir einfach umpolen? Ich dachte eigentlich immer, deine Naivität wäre nur oberflächlich. Jetzt hat sie dich in den Tod getrieben…"

"Ihr…ihr wollt mich jetzt umbringen? Einfach so umbringen? Ich habe euch das Leben gerettet! Ich habe euch eure Existenz bewahrt! Ohne mich wäret ihr gar nicht in der Gestalt, in der ihr euch momentan befindet!"

Kalessan lachte: "Oh, aber Selbstbewusstsein hast du dazu gewonnen – bravo! Weißt du…ich bin dir sehr dankbar, dass du mir mein Leben gerettet hast. Ich bin dir aber noch dankbarer für die erste richtige Mahlzeit seit langem, die du mir abgeben wirst. Und natürlich für dieses wunderbare Geschenk…diese unbändige Kraft, die nun durch meinen Körper fließt…"

"Ihr werdet den anderen Drachen ihre Magie doch zurückgeben…oder?"

"Ha, deine Naivität kennt wirklich keine Grenzen! Schau dir diese Trottel doch an! Einer ist unfähiger als der andere, kaum sind sie von dieser Kraft getrennt. Sie vergraben sich in sich selbst und akzeptieren ihr Schicksal – sie kämpfen nicht für ihre Existenz. Ich bin der Einzige, der würdig ist für diese Macht!"

"Aber…aber…", stammelte Karlmax, "Aber es ist nicht richtig! Es kann nicht einer alleine die gesamte Verantwortung übernehmen. Es kann nicht nur eine Meinung vertreten sein, eine Herrschaft oder ein überautoritäres Wesen."

"Deine kleinen Theorien können mir absolut egal sein, Wurm. Du warst zwar ein ganz schlaues Kerlchen, aber es kann mir egal sein, was die Welt über mich denkt. Was wollen sie denn alle gegen mich unternehmen? Endlich habe ich die Freiheit, zu tun und lassen, was ich will, unabhängig von den Entscheidungen irgendeines Rates und ohne die Möglichkeit, dass mir jemand in meine Angelegenheiten pfuscht!"

"Nun gut, dann fresst mich! Doch ich prophezeie euch eins: Wenn ihr nicht im Sinne eurer Untergebenen handelt, wovon ich stark ausgehe, dann werden sie sich eines Tages gegen euch aufheben – allesamt! Alle intelligenten Völker und Wesen dieses Planeten werden sich gegen euch auflehnen. Und dann habt ihr nur zwei Möglichkeiten: Entweder, sie finden einen Weg, euch umzubringen. Oder ihr schafft es, sie alle zu vernichten. Doch sagt mir: Lohnt es sich, alleine auf der Welt zu sein? Was nützt es, über die gesamte Welt zu herrschen, wenn es nichts mehr gibt, worüber man herrschen könnte? Eines Tages werdet ihr das einsamste Wesen auf diesem Planeten sein und dann werdet ihr wünschen, mich nicht gefressen und den Rat gerettet zu haben. Ich weiß, dass auch ihr von anderen Wesen abhängig seid. Ihr habt doch immer jemanden gebraucht, mit dem ihr euch auseinandersetzen konntet. Ich weiß, dass ihr die Konversationen und Streitigkeiten mit euren Kollegen im Grunde immer gemocht habt. Ohne sie wird es euch schnell langweilig werden."

Kalessan schnaubte: "Und woher willst du das wissen, Würmchen?"

"Ich weiß es einfach. So etwas habe ich im Gefühl! Und jetzt: Bringt es hinter euch!"

Karlmax Stimme zitterte kein bisschen – das tat schon sein Körper. Und sein Blick sah eisern in die gelb glühenden Abgründe seines Gegenübers, so wie es vor ihm noch niemand getan hatte.

Kalessan war beeindruckt.

"Ich bin beeindruckt!", sagte er, "Du versuchst nicht weiter, mich irgendwie umzustimmen. Du flehst nicht um dein Leben. Du bettelst nicht um Gnade oder um einen schnellen Tod, weil du weißt, dass es keinen Sinn hat. Ich bin nicht dumm, musst du wissen…und ich weiß, dass alles, was du gerade gesagt hast, vollkommen richtig ist."

"Also…was werdet ihr jetzt tun?", fragte Karlmax.

Kalessan lächelte.



"Sagt, werter Herr, was ist das da für ein Ding, was ihr in den Händen haltet?", fragte Tjamat den Herrn Maphrodit höflich.

"Dassis ’ne Armbrust, du Ausjeburt der Hölle! Noch ein Wort von dir und ich drück‘ ab!", antwortete dieser nicht ganz so höflich.

"Und was passiert dann?", erkundigte sich Smahug, der sich genähert hatte, um das interessante Gerät zu betrachten.

Herr Maphrodit wich sofort zurück an seine Theke.

"Und ihr andern bleibt mir auch fern, oder ’s setzt für euch auch was, ihr Diebe!"

"Was ist ein Dieb?", fragte einer der restlichen Drachen mit kindlicher Neugier.

"Seid’s ihr vollkommen bescheuert oder was? Ihr wisst jenau, dass ihr mir noch Geld schuldet…150 Goldstücke!"

"Geld?"

"Schon mal g’sehn?", fragte Herr Maphrodit sarkastisch, als er eine golden glänzende Münze aus der Tasche zog.

Die Drachen schraken sofort auf, wichen vor dem kleinen Geldstück zurück und betrachteten es furchtvoll.

"Nehmt dieses schreckliche Mordinstrument sofort weg von uns! Wollt ihr uns etwa Schaden zufügen?", rief Smahug ängstlich aus.

"Wat?"

"Wir haben vorhin gesehen, wie ein Mensch damit umgebracht wurde – bitte…tut uns nichts!"

Das löste bei Herrn Maphrodit einen Geistesblitz aus, wie er nur äußerst gerissenen und geldgierigen Geschäftsleuten kommen kann. Zur Probe hielt die Münze noch ein wenig weiter von sich, was sofort zur Folge hatte, dass die Drachen noch ein wenig weiter zurückwichen. Er legte die Armbrust auf seine Theke und bewegte sich langsam auf die Gruppe der neun verschüchterten Drachen zu, die Münze stetig von sich gerichtet.

"Ihr werdet mir jetzt all euer Ge…alle eure Waffen geben, ansonsten werde…ich meine hier benutzen!", rief er aus.

"Oh, bitte…wir sind unbewaffnet!"

"Wat, ihr habt kein Geld dabei?"

"Wir…wir sind friedliebende Leute, wir tragen keine Waffen bei uns!", stammelte Smahug.

"Nicht ma‘ mehr euer Messer?"

"Was auch immer das ist – nein!"

Und wie es der Zufall so will erspähte Herr Maphrodit just in diesem Moment durch die immer noch geöffnete Eingangspforte seines Stalles zwei Männer der Stadtwache vor seinem Laden. Schnell bewegte er sich auf die beiden zu und rief: "Hey, Wachen! Ich hab‘ hier neun Frevler, die ohne Messer herumlaufen und mir noch Geld schulden. Nehmt se sofort fest!"

Die beiden Männer reagierten nicht.

Sie schauten nach oben.

Genauso die vielen Menschen rechts und links neben ihnen.

"Hallo? Könnt’s ihr noch hören?"

Vielleicht lag es ja an der Münze in Herrn Maphrodits Hand…auf jeden Fall stürmte die kleine Menschenmasse, die sich vor seinem Laden angesammelt hatte, auf einmal laut schreiend auseinander.

Die Tiere im Stall begannen zu scheuen und zu schreien.

Die Erde erzitterte und ein lautes Krachen war von draußen zu hören.

"Wat zur…", setzte Herr Maphrodit an. Der Rest seines Satzes ging jedoch in einem ohrenbetäubenden Knirschen und Bersten unter.

Bretter und Holzsplitter fielen auf ihn, seine Tiere und seine neun Kunden herunter. Alle Anwesenden in dem Gebäude warfen sich zu Boden, bis der Holzregen aufgehört hatte.

Herr Maphrodit sah nach oben.

Das Dach des Hauses war nicht mehr vorhanden. Stattdessen türmte sich der Schatten eines gigantischen Drachen über das Gebäude, der sich anscheinend direkt in das Haus nebenan gesetzt hatte und den Inhalt des von ihm aufgebrochenen Stalls fies grinsend betrachtete.

"Da seid ihr ja alle, schön zusammengepfercht auf einen Haufen – wie praktisch!", donnerte seine Stimme über die Stadt und zerstörte noch ein wenig mehr von Herrn Maphrodits Stall.

Und während dieser noch überlegte, ob er von dem Drachen einen Schadenersatz fordern solle, wurde der Kunde, der eine goldene Robe trug, wie von Geisterhand in die Luft erhoben.

Herr Maphrodit beobachtete sprachlos, wie der Mensch immer weiter anstieg, auf den gigantischen Kopf und das riesige Maul des Drachen zu.

Saurudalf erwachte.

Er war anscheinend nicht tot.

Das war ja zumindest schonmal etwas…

Er richtete sich auf.

Anscheinend lag er immer noch neben der Furt, die über den Fluss führte.

Mein Prettschett!, dachte er panisch und betastete hektisch seinen gesamten Körper, sah sich um – und fand ein paar Meter neben ihm die übrig gebliebenen Scherben seiner Kreation.

Er kniete sich hin, nahm einige der Scherben mit beiden Händen auf und ließ sie durch seine Finger auf den Boden rieseln.

"Mein schönes, schönes Prettschett…wie konnte das nur passieren? Was habe ich falsch gemacht? Warum ich? Warum muss immer mir so etwas passieren? WARUM ICH?", schrie er letztendlich laut aus.

"Psst, nicht so laut! Ihr wollt doch nicht wilde Tiere anlocken oder?", ertönte eine Stimme.

"Oh, richtig…Verzeihung! Moment mal…", Saurudalf drehte sich um, "DU?"

"Warum duzt mich eigentlich jeder in dieser dämlichen Geschichte, während alle anderen geihrzt werden?", antwortete sein Sekretär.

"Bitte…was?"

"Ach, vergesst es!"

"Wo ist dieser unsägliche Drache hin? Ich möchte meine Magie wiederhaben!", rief Saurudalf wütend aus.

"Keine Ahnung, er hat mich einfach hier gelassen und ist weggeflogen. Ich bin nur noch hier, um euch einem Gericht zu verantworten, das eine angemessene Strafe über eure Taten verhängen wird."

"Ich habe keine Zeit für solche Spielchen!", knurrte Saurudalf entnervt und machte eine Handbewegung durch die Luft, die zur Folge hatte, dass Karlmax‘ Beine wortwörtlich unter seinem Körper weggefegt wurden.

Er gab einen kurzen Schmerzenslaut von sich und fragte Saurudalf dann erstaunt am Boden liegend: "Hey, wie habt ihr das gemacht?"

"Die Macht ist mit mir…ich bin Magier, du Vollidiot!"

Er machte weitere Handbewegungen. Karlmax drehte sich schnell, ein wenig über dem Boden schwebend, immer im Kreis.

"Du sagst mir jetzt, wo dieser Drache hin ist, ansonsten mache ich hiermit solange weiter, bis das gesamte Blut deines Körpers im Kopf und in den Füßen ist!"

Karlmax‘ Antwort war: "Hui! Juchuu! Das macht Spaß!"

Saurudalf zog ihn mit einer Handbewegung an sich heran und starrte ihn mit wütenden Blicken an.

"Du hältst das Ganze wohl für besonders komisch, nicht wahr? Nun, ich nicht. Also, wo ist der Drache?"

"Ich weiß es nicht!"

"Nun gut…dann brauche ich dich nicht mehr…"

Saurudalf schleuderte seinen Sekretär mit einer starken magischen Handbewegung mehrere Meter weit von sich weg und gegen einen Baum, wo dieser an einem spitzen Ast hängen blieb.

Der Magier lächelte, drehte sich um – und hörte wieder auf zu lächeln. Die Erde bebte kurz, als der gigantische rote Drache rund zehn Meter vor ihm aufsetzte.

Sie erbebte erneut. Direkt hinter ihm hatte sich ein weiterer Drache, diesmal mit goldenen Schuppen niedergelassen.

Dann bebte die Erde wieder.

Und wieder.

Und wieder.

Und immer wieder, als die anderen acht Drachen des Rates sich kreisförmig um ihn postierten und eine riesige, undurchdringliche Mauer aus schuppigen Leibern bildeten.

Der goldene Drache begann zu sprechen: "Seid ihr Saurudalf Roklem, Bürgermeister der Menschenstadt Neudorf und lehrender Magier an der dortigen Magierakademie?"

Aufgrund der für ihn eher ungewohnten Lautstärke wälzte sich der Mensch auf dem Boden hin und her, hielt sich die Ohren zu und schrie in einem hilflosen Versuch, gegen die geballte Dezibelkraft anzukommen, laut "AAAAAAAAAAAHHHH!".

"Was hat er gesagt?", fragte Smahug.

"Ich glaube, er sagte ‚Jaaaaaaaaaaaaa!’", antwortete Vasdendas.

"Müssen denn diese Formalitäten sein? Können wir ihn nicht einfach endlich umbringen?", seufzte Kalessan.

Smahug sagte: "Du hast ja Recht…also, Freunde – auf mein Zeichen! Eins, Zwei…"

Während Smahug diesen Satz sagte, rappelte sich Saurudalf wieder auf.

Ah, so ist es besser!, dachte er sich.

Blut strömte aus seinen Ohren.

Doch warum macht dieser Drache sein Maul auf und zu, ohne etwas zu sagen?

So sehr Saurudalf Rätsel mochte, dieses sollte ihm für den Rest seines Lebens zu schaffen machen und ungelöst bleiben. Unnötig zu sagen, dass dieser Rest nicht mehr sehr groß war.

Denn plötzlich öffneten alle zehn Drachen ihre Mäuler und hauchten ihn an. Ein tödlicher Regenbogen aus Drachenodems ging auf ihn nieder.

Fortan hätte man den Magier Saurudalf in ein Buch der Rekorde eintragen können, hätte es etwas derartiges schon gegeben. Er war der erste Mensch der Welt, der auf sechs verschiedene Weisen gleichzeitig starb.

Er wurde durch die Odems der Drachen gleichzeitig verbrannt, eingefroren, von Säure zerfressen, von einer Giftwolke erstickt, von einem Blitz gebrutzelt und in einer Wolke aus Wasserdampf gekocht.

Das hatte natürlich zur Folge, dass von ihm und einem großen Stück Land rings um ihn herum relativ wenig übrig blieb.

Smahug ergriff erneut das Wort: "So, gute Arbeit Freunde, das wäre erl…Vas? Vasdendas? Geht es dir gut?"

Der messingfarbene Drache saß bebend vor dem verkohlten Stück Land, das einmal Saurudalf gewesen war.

"Ich…ich habe gerade ein lebendes Wesen umgebracht…"

"Tut mir ja sehr leid, dass du so gegen deine Prinzipien ver…"

Vasdendas unterbrach ihn gleich wieder: "Es war…befriedigend…es…es hat mir etwas gegeben, diesen…diesen MISTKERL zu pulverisieren. Na? Gefällt dir das, du…du blöder Mensch du? Na? Willst du mehr davon?"

Und erneut spie er seinen korrosiven Atem auf das ohnehin schon gequälte Stück Land.

"Na? Jetzt bist du nicht mehr so stark, ohne dein Prettschett, hm?"

Er nahm die verbrannte Erde in seine Klauen, warf sie in die Luft und lachte dazu irre.

Während einige der anderen Drachen des Rates versuchten, ihn zu beruhigen, fiel Kalessan etwas ein: "Wo ist denn eigentlich Karlmax?"

"Der hängt da hinten an diesem kleinen Baum.", antwortete Smahug.

"Smahug?"

"Ja?"

"Du hast Recht, er hängt da an dem Baum. An einem spitzen Ast hängt er.", sagte Kalessan.

"Ja, und?"

"Der Ast ist durch seinen Brustkorb getrieben worden."

"Oh…ist er tot?"

Das Paradies war schön.

Karlmax hatte zwar nie an ein Leben nach dem Tod geglaubt, doch hier war es. Eine wundervolle, paradiesische Landschaft mit immergrünen Bäumen, wundervoll duftenden Blumen in den schönsten Farben, großartigem Wetter und idyllischen Seen.

Doch das war noch nicht alles. Als er das Paradies durchstreifte, noch immer in den Sachen, die er bei seinem Tod getragen hatte, traf er auf all die Personen, die ihm in seinem Leben wichtig gewesen waren.

Seine verstorbenen Eltern, seine Geschwister, seine gesamte Familie war dar. Und es bedurfte keiner Worte mehr, um zu kommunizieren – es herrschte einfach ein tiefes, wortloses Verständnis. Lächelnd und lachend zeigten ihm seine Verwandten die schönsten Ecken des Paradieses, führten ihn durch die idyllische Landschaft und durch heimelige Dörfer, in denen die Menschen in ewigem Glück leben konnten.

Und die ganz Zeit dachte dich Karlmax nur eines: Warum bin ich eigentlich nicht schon früher gestorben?

Irgendwann versammelten sich all seine Verwandten rings um ihn herum und lächelten ihn an. Doch etwas Trauriges schwang in diesem Lächeln mit.

Was…was ist?, wollte Karlmax fragen, doch auf einmal gab der Boden unter ihm nach und er fiel. Er konnte noch von unten die Gesichter seiner Liebsten sehen, wie sie ihm nachsahen.

Dann verschwammen ihre Köpfe.

Stattdessen starrten ihn zehn riesige Drachen an.

Und sie alle hatten schrecklichen Mundgeruch.

Außerdem lag er auf einem verkohlten Stück Land. Neben ihm standen ein paar verbrannte, verkrüppelte Bäume.

"Er kommt zu sich!", sagte einer von den Drachen.

"Was…wo…wo sind meine Eltern? Meine Verwandten? Die schöne Landschaft? Bin ich in der Hölle?", stammelte Karlmax.

"Du bist wieder in der Welt der Lebenden.", antwortete der Drache mit dem goldenen Kopf, "Du hast unser Leben gerettet, also retteten wir deines – ist doch ein faires Geschäft, nicht wahr?"

"Ja…", sagte der Mensch resigniert.

"Und so dankt er es uns. Hallo! Wir haben uns alle gerade angestrengt, um dich aus dem Reich der Toten zu holen!", sprach der grüne Drache…Glaureng war sein Name gewesen, richtig.

"Denen geht es irgendwie immer so mies, wenn man sie wieder zum Leben erweckt. Bis jetzt haben sich nur die wenigsten gefreut. Die waren aber genauso wenig dankbar…", erwiderte Adorelon, der Silberne.

So langsam kamen die Erinnerungen Karlmax‘ wieder zurück. Er wandte sich an Kalessan: "So seid ihr meinem Rat also gefolgt!?"

"Andernfalls wärest du bereits seit einigen Stunden verdaut."

"Und…" – Karlmax warf einen Blick auf die anderen Drachen – "Und die anderen hier haben wieder alle ihr Gedächtnis zurück? Sie sind wieder genauso wie vorher?"

"Ich denke schon.", antwortete Kalessan, "Sie haben jetzt nur erstmal keine große Lust, wieder in die Nähe von menschlichen Städten zu kommen…kann ich ihnen nicht verdenken."

"Und jetzt? Was passiert jetzt?"

"Wir werden jetzt alle nach Hause fliegen. Ich erkläre diese Sitzung als beendet! Wir sehen uns in ein paar Jahrzehnten zur Jahrhundertsabrechnung wieder, ja?", sagte Smahug.

Die meisten der Drachen riefen eine Zustimmung, verabschiedeten sich voneinander und schwangen sich in die Lüfte.

"Und das war’s? Mehr nicht? Keine große Abschlussfeier? Sie haben mir nicht einmal mehr gedankt!", rief Karlmax enttäuscht.

"Sie haben ihre Schuld an dich bezahlt. Du bist schließlich auch nur ein Mensch von vielen. In ein paar Jahren bist du eh tot.", erwiderte Kalessan, der noch dageblieben war, "Aber du kannst gerne mit zu mir kommen, dann zeige ich dir mal meine Höhle, wenn es dich froh macht."

Ein glückliches Aufblitzen in Karlmax‘ Augen verriet ihm, dass dies der Fall war. Kalessan senkte seinen Kopf.

"Also gut – steig auf!"

Karlmax ließ nicht lange auf sich warten.

"Nun gut, oh großer Anführer…man sieht sich!", sagte Kalessan zu Smahug.

"Kalessan, ich wollte dir noch sagen, ähm…danke! Du hast die richtige Entscheidung getroffen!", antwortete dieser.

"Dieses Urteil überlasse lieber mir, Smahug!"

Er stieß sich vom Boden ab und flog weg.

Smahug sah ihm nach und dachte sich: Irgendetwas bin ich auch ihm schuldig…vielleicht sollte ich demnächst damit aufhören, so offen über unsere Rasse zu plaudern…

Und während ihrem Flug nach Hause dachten auch die anderen über sich und die zurückliegenden Ereignisse nach.

Droca dachte darüber nach, ob er bei dem aufkommenden Theaterstück "Kerker und Drachen" eine Rolle übernehmen sollte.

Neidhöcker dachte: Ich habe jetzt mal wieder richtig Lust, an einer saftigen Wurzel zu knabbern!

Adorelon dachte: Der zeitliche Ablauf der letzten paar Seiten ist irgendwie vollkommen unlogisch, wenn man mal darüber nachdenkt…

Vasdendas dachte: Ich muss jetzt irgend etwas töten…jetzt sofort!

Glaureng dachte: War ich wirklich so böse, dass man mich so hässlich erschaffen musste? Das ist gemein!

Tjamat dachte ernsthaft darüber nach, demnächst bei sich zu Hause ein Ei auszubrüten.

Morkulebus dachte ernsthaft darüber nach, professioneller Krallenmasseur zu werden.

Schneeweißchen dachte: HED DSUEB SAHEZA KEIW JASHD AKEJES MEUNASJ KAOSLEJB!

Karlmax erfreute sich an der absoluten Freiheit des Fliegens, genoss den Wind, der durch seinen Bart rauschte und dachte: Vielleicht ist das Leben ja doch nicht so schlimm!?

Und Kalessan? Der dachte nur: Oh, hab ich einen Hunger! Irgendwo muss doch hier etwas zum Essen sein! Ein Dorf, eine kleine Stadt…irgendwas!

Tja…das Sein verdirbt das Bewusstsein.

Der Doktor, http://www.die-subkultur.net 

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Der verlorene Traum (Karin Roth)

Er saß alleine in seiner dunklen, kalten und feuchten Höhle.. verzweifelt versuchte er sich zu erinnern wer er war, doch seine Erinnerung war wie ein schwarzes tiefes Loch in dem kein Lichtlein sich regen wollte.
Wenn er sich im Teich vor der Höhle betrachtete, so sah er nur eine dunkle und verkrüppelte Gestalt.. schwarze Haut spannte sich um deformierte Knochen, sein Gesicht.. ja kann man es Gesicht nennen.. war übersät von Pusteln und verschoben in sich selbst, sein hässlicher  Körper kann sich kaum aufrecht halten und seine Hände… ja seine Hände.. waren Klumpen die am Ende seiner Arme fast nutzlos hingen.
Er war ein Gargoyle.. verstümmelte Flügel hingen nutzlos an seinem Rücken und er wusste nicht wer er ist oder wer er war.
Stunden über Stunden saß er da und grübele über sein Leben während um ihn herum das Leben des Waldes seinen Lauf nahm.
Er wusste er war nicht immer so ein Wesen gewesen.. wusste das er einmal etwas anderes war,wusste das einst die Magie sein Leben beherrscht hatte, doch nur wage Erinnerungsfetzen drangen noch in seine Gedanken.
So lebt er er sein tristes Leben fernab von jedweder Behausung.. lebte das Leben eines einsamen Eremitens und trauerte um Dinge die er nicht mehr wusste.
Er sah Jahreszeiten kommen und gehen.. sah wie der Wald um ihn herum wuchs und gedeihte aber er scherte sich nicht um die Belange seiner Welt in der er Lebte.
Eines Tages.. es ward ein schrecklicher Sturm über die Berge hereingebrochen sah er am Rande des Teiches etwas liegen..
Hell glänzend.. filigran und zart.. ein Wesen .. wie er aus den Legenden.. er hatte eine Waldelfe gefunden die durch den Sturm verletzt lag.
Vorsichtig näherte er sich der Elfe.. er hatte furcht vor ihr, denn er wusste um die Blicke anderer Wesen wenn sie ihn erblickten.
Doch als er sah wie hilflos und verletzt sie war, nahm er sie auf und trug sie in seine Höhle.
Das erstemal seit vielen Monden hatte er Kontakt mit einem anderen Wesen. Langsam ließ er sie auf sein Lager sinken und versucht ungeschickt ihre Wunden zu verarzten.
Dann setzte er sich neben sie.. nahm seine Flöte.. das einzige was ihm Freude bereitete und spielte eine sanfte Weise die ihren Schlaf begleiten sollte.
Lange Zeit beobachtete er ihren unruhigen Schlaf.. kühlte mit dem klaren Wasser von Teich ihr erhitzes Gesicht und erfreute sich trotz seiner Furcht an ihrer lieblichen Gestalt.
Irgendwann übermannte ihn jedoch der Schlaf und er glitt hinüber in die Welt der Nacht.
Viele Stunden später wurde er durch eine sanfte Berührung geweckt.
Er schrak hoch und erblickte die Elfe die aufrecht im Bette saß.
Ängstlich zog er sich vor ihr zurück und verbarg sein Gesicht im Schatten der Höhle.
Wer bist du hörte er sie da mit lieblicher Stimme sprechen.. ich wollte dir danken das du mich vor dem Sturm gerettet hast und mit dein Heim als Zuflucht gabst.
Ich bin niemand antwortete er.. niemand
So trete doch heraus aus dem Dunkel sprach die Elfe wieder, ich möchte demjenigen Dank sagen der mich vor dem sicheren Tod gerettet hat.
Zögerlich trat der Gargoyle einen Schritt aus dem dunkel der Höhle.. bereit die Flucht zu ergreifen, falls er wieder den Schrecken und die Angst in den Augen seines Gegenübers erkennen konnte.
Doch.. was war das?
Sie lächelte.. lächelte IHN an..
Ohne Furcht
Ohne Schrecken
Ohne Abscheu in den klaren Augen.
Ich bin Syl sprach sie.. eine Waldelfe und durch dein Handeln hast du mich bewahrt in das Schattenreich einzukehren.
Du hast einen Wunsch frei, denn mein Leben lag in deinen Händen und es ist Sitte bei meinem Volke das ich dir nun einen Wunsch gewähren muss.
Aber ich habe keine Wünsche sprach er.. das einzige was ich möchte kannst du mir nicht geben..
Was ist es, das ich dir nicht geben kann hub die Elfe wieder an.
Meine Erinnerung.. meine Vergangenheit.. Mein damaliges Leben sprach er traurig.
Da stand die Elfe auf, ging auf den Gargoyle zu und nahm sanft sein Gesicht in ihre kleinen Hände.
Höre zu so meinte sie und lass mich dir eine kleine Geschichte erzählen.
Einst lebte hier im Wald ein Wesen… umhüllt von Magie und Zauberei…
 Ein Wesen so schön wie die Morgendämmerung,
 doch hart im Herzen und verschlossen für alle die Hilfe bei ihm suchten.
Als nun einst eine von meinem Volke Hilfe bei ihm zu suchen glaubte.. schickte er sie in den Sturm hinaus und verweigerte ihr jedwede Zusage.
Schwer verletzt fand sie jedoch den Weg in ihr zu Hause und wurde zornig auf das Wesen.. so ging sie zu dem Herrscher des Waldes und bat ihn unter Tränen das Wesen mit einem Fluch zu belegen.
Der Fluch besagte das es dahinvegetieren sollte… als hässliches und verabscheuungswürdiges Geschöpf.. bis.. ja bis es jemanden freiwillig seine Hilfe anbot und selbstlos handeln würde.
Wenn dies geschehen sollte, würde sich das Wesen wieder an sein früheres Leben erinnern und durch einen von den Elfen geschickten Traum zu seinem alten Selbst zurückfinden.
Weißt du von wem ich spreche fragte die Elfe den Gargoyle?
Vollkommen überrascht hatte er der Geschichte der Elfe zugehört und ihn überkam nun eine große Demut und er schämte sich sehr als er in ihr offenes Gesicht blickte.
Du sprichst von mir nicht wahr? Ich war dieser Narr der nur sein eigenes Wohl im Sinne hatte und niemals andere gedachte.
Ja sprach sie.. du warst es, doch durch deine Tat von heute Nacht hast deinen verloren geglaubten Traum wiedererlangt.
Heute Nacht werde ich die Zauber rufen um dich von deinem Fluch zu erlösen, denn du hast dein innerstes überwunden und Mitleid empfunden für ein anderes Lebewesen.
Mit diesem Worte in seinen Gedanken schlief der Gargolye ein und begann zu träumen.
Er träumte von weiten Wäldern.. er träumte vom fliegen und er träumte von der Morgensonne die er so lange gemieden hatte.
Er träumte auch von Magie.. von Zauberwesen und von einer majestätischen Gestalt die über den Lüften zu  schweben schien.
Plötzlich vernahm er ein Brennen in seinen Adern.. ein Spannen in seiner Haut und einen unglaublichen Schmerz in seinen Knochen
Und er erwachte.
Was ihn empfing war ein unsagbarer Schmerz und ein gleißendes Licht das ihn umgab..
Lange dauerte es und er dachte er müsse nun seine Reise zu den Sternen antreten und sein Leben würde nun ein Ende finden.
Doch der Schmerz ließ nach und als er die Augen öffnete sah er die Elfe lächeln vor sich stehen.
Was hast du mit mir gemacht sprach er… warum dieser Schmerz und diese Qual?
So schau in den Teich sprach die Waldelfe und erblicke dein altes Gesicht
Und sage mir was du darin erkennen kannst.
Er schritt langsam aus der Höhle, trat an den Teich und blickte hinein.
Was er dort erkennen konnte, ließ ihn wiederum vor Schreck aber auch Freude erstarren.
Er sah…
Sich selbst…
Majestätisch und groß
Schillernd in Smaragd und Rubintönen
Augen die wie Bernsteine funkelten
Flügel die sich Meterhoch über seinen Schädel erhoben
Klauen so rein und hart wie Diamant
Schuppen die ,die Farben der Morgendämmerung trugen
Ein Drache
Er war ein Drache
Mit seinem Anblick im Teich kehrte auch seine Erinnerung zurück an seine verwerflichen Taten und er schämte sich sehr.
So höre zarte Elfe begann er nun mit mächtiger Stimme zu der Elfe zu sprechen,
ich gebe dir hier nun ein Versprechen
Niemals wieder soll ein Wesen meiner Art Hilfe verweigern
Niemals wieder wird ein Wesen meiner Art das Mitleid vergessen
Niemals wieder wird ein Wesen meiner Art vergessen was mir geschah
Niemals wieder  das schwöre ich dir in Namen aller Drachen auf Erden.
Mitleid und Hilfsbereitschaft sollen nicht in Vergessenheit geraten und ich werde die Kunde verbreiten und mein Bestes dazu tun
Denn wo das Mitleid stirbt, da stirbt auch die Welt
Wo die Hilfe stirbt da stirbt auch das Gewissen
Wo das Verstehen stirbt
Da stirbt auch diese Welt.
Mit diesen Worten erhob sich der Drache und flog hinweg über die Berge um  auszuziehen und sein Versprechen einzuhalten.
Zurück blieb die Elfe mit einem wissenden Lächeln und zufrieden kehrte sie zu ihrem Volke zurück.
Wusste sie doch nun, das alle folgenden Generationen diesem Wort folge leisten würden und die Drachen nun endlich ihrer Bestimmung zukommen würden.
Als Helfer.. Schützer und Bewacher dieser unserer Welt.
Wo Drachen leben…
 sei es in der Phantasie der Menschen oder in den Zauberreichen
wird immer das Verständnis und die Hilfsbereitschaft regieren
So fliegen auch heute noch viele Drachen durch unsere Geister und durch unsere Welt,
denn wahrhafte Güte existiert in vielen von uns

© Aquamarin 2002

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Der Drache mit den sieben Köpfen

Es war einmal, wie noch nie — wenn es nicht gewesen wäre, würde man es nicht erzählen, — in einem Reich ein ungeheuerer Drache. Der hatte sieben Köpfe, lebte in einer Grube und nährte sich nur von Menschenfleisch. Wenn er zum Fressen auszog, floh alle Welt, sperrte sich in die Häuser ein und hielt sich verborgen, bis er seinen Hunger an irgend einem Wanderer gestillt hatte, den sein Schicksal in den Tod getrieben hatte. Alle Menschen der Gegend zitterten vor der Bosheit und Grausamkeit des Drachens. Tag und Nacht beteten sie. Mit Gebeten und allem, was es gibt, versuchten sie es zu erreichen, daß Gott die arme Menschheit von diesem unersättlichen Untier befreie, aber vergeblich. Alle möglichen Zauberer wurden herbeigeholt, aber sie trugen mit ihren Künsten nur Schande davon.
Endlich, als der Kaiser sah, daß alles vergeblich war, beschloß er, dem Helden, der das Reich von diesem Schrecken befreien würde, seine Tochter zur Frau und das halbe Kaiserreich dazu zu geben und gab diesen Beschluß der ganzen Welt bekannt.
Schau, nachdem diese Nachricht in das Land gegangen war, beschlossen mehrere tapfere Männer, miteinander sich auf die Lauer zu legen und besprachen sich darüber, wie sie das Land von einem so schrecklichen Drachen befreien könnten. Sie einigten sich untereinander und beschlossen, ein Feuer am Rande der Stadt zu machen, die dem Ort, an dem der Drache hauste, am nächsten gelegen war, und wo sich auch der Sitz des Kaisers befand. Sie wollten dort der Reihe nach Wache halten, immer je einer, während die anderen schlafen sollten. Und damit nicht etwa der, der Wache halten sollte, einschliefe und vielleicht der Drache käme und sie alle fräße, taten sie ein Gelöbnis, daß derjenige, der das Feuer ausgehen lasse, getötet werde, zur Strafe dafür, daß er geschlafen habe, während er hätte wachen müssen.
Mit diesen Helden verbrüderte sich auch ein Jüngling aus rumänischem Stamme, der von dem Versprechen des Kaisers gehört hatte und gekommen war, auch sein Glück zu versuchen. Sie brachen alle auf, wählten einen Platz in der Nähe der Drachengrube und begannen Wache zu halten.
Sie lauerten einen Tag, zwei Tage, mehrere Tage, und es geschah nichts. Aber eines Tages, nach Sonnenuntergang, als unser kühner Jüngling an der Reihe war zu wachen, brach der Drache aus seiner Grube auf und näherte sich den Männern, die neben dem Feuer schliefen. Unserem Helden, der wachte, wurde das Herz wie ein Floh *1), aber er ermannte sich rasch, und siehe, er warf sich mit dem nackten Säbel in der Hand auf den Drachen und kämpfte mit ihm, bis er ihn sicher hatte und: hrrstl, schlug er ihm einen Kopf ab, hrrst!, schlug er ihm noch einen ab, und so, einen nach dem anderen, schlug er ihm sechs Köpfe ab. Der Drache krümmte sich vor Schmerz, schlug mit dem Schweif, daß man schaudern konnte vor Entsetzen. Unser Tapferer aber kämpfte auf Leben und Tod, während seine Genossen tief schliefen.
Als er sah,daß sie nicht erwachten, nahm er alle Kraft zusammen, warf sich noch einmal auf den furchtbaren Drachen und schlug ihm auch das Haupt, das ihm noch geblieben war, ab. Da floß schwarzes Blut aus dem unreinen Tier, siedete schrecklich auf und floß und floß, bis es das ganze Feuer ausgelöscht hatte.
Was sollte unser Held nun tun, damit seine Genossen das Feuer nicht ausgelöscht fänden, wenn sie erwachten? Denn es war ja ihre Abmachung, den zu töten, der das Feuer ausgehen lassen würde. Er machte sich also zuerst daran und schnitt die Zungen aus den Köpfen des Drachen, steckte sie zu sich, dann stieg er, so schnell er konnte, auf einen hohen Baum und blickte nach allen Richtungen, um zu sehen, ob er irgendwo Licht entdeckte. Er wollte dann dorthin gehen und ein wenig Feuer verlangen, um ihr ausgelöschtes Wachfeuer wieder anzuzünden.
Er suchte hier und dort und sah nirgends Licht. Noch einmal blickte er mit großer Aufmerksamkeit nach allen Seiten, und da entdeckte er in einer unglaublichen Entfernung einen Funken, der kaum noch leuchtete. Da kroch er von dem Baum herunter und brach dorthin auf.
Er ging und ging, bis er in einen Wald gelangte, in dem er die Abendröte antraf, die er aufhielt, damit die Nacht später aufhöre. Er ging dann weiter und weiter und fand die Mitternacht und mußte sie binden, damit sie die Abendröte nicht einhole. Was sollte er tun, wie sollte er es anstellen, um zum Ziel zu gelangen? Er bat sie, ihm zu helfen, einen Baum auf den Rücken zu nehmen, den er, wie er sagte, von der Wurzel abgeschnitten habe. Er forderte sie auf, sich mit dem Rücken gegen den Baum zu stellen, um zu stoßen, während er ihn von der anderen Seite mit den Händen herausziehen wolle, damit er ihm dann auf den Rücken falle und er ihn zu seinem Arbeitsplatz bringen könne.
Die Mitternacht stellte sich aus Mitleid auf seine Bitte hin, mit dem Rücken gegen den Baum, den er ihr gezeigt hatte, und während sie sich bemühte, band er sie an den Baum fest und ging weiter, denn er hatte keine Zeit zu verlieren.
Er hatte nicht mehr weit zu gehen, da traf er auf die Morgenröte. Aber die Morgenröte nahm sich nicht viel Zeit, mit ihm zu sprechen; sie sagte, daß sie der Mitternacht nachgehen müsse, die sie verjagt habe. Er tat, was er tun konnte, und brachte auch sie gut unter, wie die beiden anderen, aber erst nach größerem Kopfzerbrechen. Dann ging er weiter und gelangte endlich zu einer großen Höhle, in der er das Feuer gesehen hatte.
Hier traf ihn neues Ungemach. In dieser Höhle lebten Riesen, die nur ein Auge mitten in der Stirne hatten. Er verlangte von ihnen Feuer, aber sie legten, statt ihm Feuer zu geben, Hand an ihn und banden ihn. Drauf stellten sie einen Kessel mit Wasser auf das Feuer und bereiteten sich vor, ihn darin zu kochen und dann aufzufressen.
Aber gerade, als sie ihn in den Kessel werfen wollten, hörte man Lärm nicht weit von der Höhle. Alle liefen hinaus und ließen nur einen Alten zurück, der das Essen fertig machen sollte. Als sich unser Held allein mit dem alten Riesen sah, sann er auf Rache. Der Riese band ihn los, um ihn in den Kessel zu werfen. Unser Held aber nahm ein Holzscheit und stieß es geradezu in das Auge des Alten, blendete ihn, und ohne ihm Zeit zu lassen, auch nur noch: krk! zu sagen, brachte er ihn zu Fall und stieß ihn in den Kessel.
Er nahm das Feuer, dessentwegen er gekommen war, brach glücklich auf und kam mit heiler Haut davon.
Als er zu der Morgenröte gelangt war, gab er ihr freien Weg. Dann machte er sich auf die Beine und lief, bis er zur Mitternacht gekommen war, band auch sie frei und ging dann auch zur Abendröte, die er wegschickte, ihre Aufgabe zu erfüllen.
Als er bei seinen Genossen anlangte, schliefen die alle noch. Noch immer hatte das Licht des Tages nicht begonnen, sich zu zeigen, so lang war diese Nacht, da unser Held ihren Lauf aufgehalten hatte. So hatte er genügend Zeit gehabt, nach dem Feuer herumzulaufen, das er brauchte.
Er hatte noch nicht angefangen, das Feuer gut anzuzünden, als seine Genossen aufzuwachen begannen. Da sagten sie: "Diese Nacht war aber lang, Vetter!" — "Lang ja, Vetterchen", antwortete unser Held und blies aus voller Brust, um das Feuer anzufachen. Sie standen auf, streckten und reckten sich. Aber wie erzitterten sie, als sie das riesige Ungeheuer tot neben, sich sahen und dazu den riesigen Blutsee. Sie rissen die Augen auf und mit großem Staunen bemerkten sie, daß die Häupter des Drachen fehlten. Unser Held aber erzählte nichts von dem, was er erlebt hatte, aus Furcht, es könnte bei ihnen Neid entstehen, und sie gingen alle zusammen in die Stadt.
Als sie in der Stadt angelangt waren, sahen sie, wie sich die ganze Welt, groß und klein, über die Tötung des Drachen freute, Gott lobte, daß die lange Nacht vorüber gegangen sei, sei, daß man noch einmal den Tag erleben könne und wie man den Retter bis in den Himmel hob.
Unser Held, der freilich auch das Fehlen der Drachenköpfe bemerkt hatte, zerbrach sich nicht viel den Kopf, denn er wußte sich reinen Herzens, und ging zum Kaiserhof, um zu sehen, was mit den Häuptern ohne Zungen geschehen würde, denn er hatte gleich bemerkt, daß hier irgendeine Teufelei im Spiele sei.
Siehe, da war der Koch des Kaisers, ein schwarzer, dicklippiger Zigeuner, aus Neugierde, um zu sehen, was es dort Neues gäbe, zu den Männern, die Wache standen, hinausgegangen, und als er sie schlafend fand und dabei das schreckliche Ungeheuer ohne Atem, stürzte er sich mit dem Hackbeil auf dieses und schnitt ihm die Köpfe völlig ab. Dann ging er mit den Köpfen zum Kaiser, zeigte sie ihm und rühmte sich, er habe die Heldentat vollbracht. Als der Kaiser sah, daß der Koch die Siegesbeute vorwies, hielt er eine große Tafel, um ihn mit seiner Tochter zu verloben, und nahm sich vor, eine große Hochzeit zu veranstalten, zu der er alle Kaiser einladen wollte.
Der Zigeuner zeigte aller Welt seine Kleider, die er voll Blut beschmiert hatte, damit ihm geglaubt würde. Als unser Held in dem Palast anlangte, saß der Kaiser in guter Laune bei Tisch. Das Zigeunerchen aber saß auf sieben Polstern an der Spitze des Tisches. Der Held trat an den Kaiser heran und sagte: "Mächtiger Kaiser, ich habe gehört, daß irgendwer sich vor deiner Majestät gerühmt hätte, daß er den Drachen ermordet habe. Es ist nicht wahr, Majestät, ich bin der, der ihn getötet hat."
"Du lügst, Flegel", schrie der Zigeuner aufgeblasen und befahl den Dienern, ihn hinauszuwerfen. Der Kaiser aber, dem es nicht sehr glaubhaft erschien, daß der Zigeuner diese Heldentat vollbracht haben sollte, sagte: "Womit kannst du deine Behauptungen beweisen, kühner Mann?" "Meine Behauptungen", antwortete der Jüngling, "kann ich sehr gut beweisen; befehlt nur, man solle zuerst einmal feststellen, ob die Häupter des Drachen, die dort zur Schau aufgestellt sind, auch ihre Zungen haben." — "Man soll nur suchen, man soll nur suchen", schrie das Zigeunerchen. Es ängstigte sich schon, aber es stellte sich, als ob es ihn nichts angehe. Daraufhin wurde gesucht, und in keinem der Köpfe fand man eine Zunge. Die Gäste staunten und fragten einander, was das wohl zu bedeuten habe. Der Zigeuner, der bestürzt dastand und es bereute, daß er die Zungen in den Drachenhäuptern nicht gesucht hatte, bevor er sie dem Kaiser brachte, schrie laut; "Werft ihn hinaus, denn er ist ein Narr, der nicht weiß, was er redet." Der Kaiser aber sagte: "Du,. Jüngling; gibst uns also zu verstehen, daß der den Drachen getötet hat, der uns die Zungen zeigen kann." — "Verschwind vom Erdboden", kreischte der Zigeuner, der zitterte wie Espenlaub und gelb war wie Wachs, "siehst du nicht, Kaiser, daß dieser Armselige verrückt ist und hierher gekommen ist, um uns hinters Licht zu rühren?" — "Wer betrügt", antwortete der Held ruhig, "wird seine Strafe finden." Er begann die Zungen aus seinem Gewand zu nehmen und zeigte sie dem ganzen Hof, und so oft er eine Zunge zeigte, so oft fiel ein Polster unter dem Zigeuner zur Erde, bis er, mit dem letzten, auch vom Stuhl fiel, so sehr hatte sich das Scheusal erschreckt.
Darauf erzählte unser Held alles, was er erlebt hatte, und wie er es gemacht hätte, daß die Nacht so lange gedauert hatte.
Der Kaiser mußte sich nicht lange bedenken, um einzusehen, daß der Held die Wahrheit erzählt hatte, und da er über den Zigeuner wegen seines Betrugs und seiner unverschämten Reden empört war, gab er einen Befehl. Gleich wurden zwei wilde Pferde und zwei Säcke mit Nüssen herbeigebracht. Der Zigeuner wurde an den Schwanz der Pferde und an die Säcke mit Nüssen gebunden, die Pferde aber wurden losgelassen. Sie liefen durch Sümpfe, und wo eine Nuß fiel, fiel auch ein Stück von ihm, bis es mit dem Zigeuner aus war.
Nach einigen Tagen aber, nachdem alles gehörig vorbereitet worden war, wurde die große Hochzeit gefeiert, bei der unser junger Rumäne die Tochter des Kaisers zur Frau nahm. Es war eine große noch nie erlebte Fröhlichkeit, und das Fest dauerte mehrere Wochen, an deren Ende der Held auch den Kaiserthron erhielt. Die schöne Prinzessin aber dankte Gott unter Tränen dafür, daß er sie von dem abscheulichen Zigeuner, dem unreinen Schwarzgesicht, befreit und ihr einen so heldenhaften Gatten gegeben hatte.
Auch ich war dabei und habe bei der Hochzeit mitgeholfen, indem ich mit dem Sieb Wasser herbeiholte. Am Schlusse der Hochzeit wurde ein Korb mit gedörrten Pflaumen gebracht, die in die geöffneten Mäuler geworfen wurden. Ich aber stieg in den Sattel und habe euch solches erzählt.

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