Drachen in der Literatur

Andre Zeiten, andre Drachen (Christian Morgenstern)

Immer nicht an Mond und Sterne
mag ich meine Blicke hängen –:
Ach man kann mit Mond und Sternen,
Wolken, Felsen, Wäldern, Bächen
allzuleichtlich kokettieren,
hat man solch ein schelmisch Weibchen
stets um sich wie Phanta Sia.

Darum senk ich heut bescheiden
meine Augen in die Tiefe.
Hier und da ein Hüttenlichtlein;
auch ein Feuer, dran sich Hirten
nächtliche Kartoffeln braten –
wenig sonst im dunklen Grunde.
Doch! da drunten seh ich eine
goldgeschuppte Schlange kriechen …

Hochromantisches Erspähnis!
Kommst du wieder, trautes Gestern,
da die Drachen mit den Kühen
friedlich auf den Almen grasten,
wenn sie nicht grad Flammen speien
oder Ritter fressen mußten –
da der Lindwurm in den Engpaß
seinen Boa-Hals hinabhing
und mit grünem Augenaufschlag
Dame, Knapp und Maultier schmauste –
kommst du wieder, trautes Gestern?

Eitle Frage! Dieses Schuppen-
Ungetüm da drunten ist ein
ganz modernes Fabelwesen,
unersättlich zwar, wie jene
alten Schlangen, doch auch wieder
jenem braven Walfisch ähnlich,
der dem Jonas nur auf Tage
seinen Bauch zur Herberg anbot.

Feuerwurm, ich grüße froh dich
von den Stufen meines Schlosses!
Denn ob mancher dich auch schmähe,
als den Störer stiller Lande,
und die gelben Humpeldrachen,
die noch bliesen, noch nicht pfiffen,
wiederwünschte, – ich bekenne,
daß ich stolz bin, dich zu schauen.
Höher schlägt mir oft das Herze,
seh ich dich auf schmalen Pfaden
deine Wucht in leichter Grazie
mit dem Flug der Vögel messen
und mit Triumphatorpose
hallend durch die Nächte tragen.

Sinnbild bist du mir und Gleichnis
Geistessiegs ob Stoffesträgheit!
Gleichnis bist du neuer Zeit mir,
die, jahrtausendalter Kräfte
Erbin, Sammlerin, sie spielend
zwingt und formt, beherrscht und leitet!

Andre Zeiten, andre Drachen,
andre Drachen, andre Märchen,
andre Märchen, andre Mütter,
andre Mütter, andre Jugend,
andre Jugend, andre Männer –:
Stark und stolz, gesund und fröhlich,
leichten, kampfgeübten Geistes,
Überwinder aller Schwerheit,
Sieger, Tänzer, Spötter, Götter!

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Aufenthalt im Wasserreich (Ciruelo Cabral)

Durch Weingärten und Olivenhaine im Süden Frankreichs, vorbei an den bernsteinfarbenen Schlössern der Herren der Provence und an den rotgedeckten Häusern ihrer Untertanen entlang, floss die Rhone. Der stetige Strom ihres Wassers verriet nicht, dass sie Drachen beherbergte. Einer jedoch hauste in ihren Tiefen: Nahe der Stadt Beaucaire, wo die Rhone in Biegungen dem Meer zustrebte, war die Lagerstatt des Drac verborgen, eines riesigen, uralten Wesens; er verstand sich auf Zauberei, die er für seine eigenen blutigen Zwecke einsetzte.

Der Drac besaß eine Vorliebe für Menschenfleisch und machte sich ein Vergnügen daraus, Sterbliche zu jagen. Von Zeit zu Zeit verließ er den Fluss und begab sich zum Marktplatz von Beaucaire, wo er, für die geschäftigen Stadtbewohner unsichtbar, im Schatten der Platanen herumstrich, ein wachsamer Schatten zwischen Körben voller Fische und Bergen von Obst. Mit kalten, blassen Augen beobachtete der Drache die Hausfrauen, die mit den Händlern schwatzten; mit gekrümmten Klauen schnappte er sich dann geschwind ein unbeaufsichtigtes Kind.

Zum Zeitvertreib lockte der Drac manchmal auch Menschen in seinen Fluss. Einmal tat er dies zu einem seltsamen Zweck, und das geschah so:

An einem Sommernachmittag, als die Sonne unbarmherzig auf Stadt und Felder niederbrannte, ging eine junge Frau aus der Stadt zum Fluss, um die Kleider ihres Kindes zu waschen. Wie sie so ihrer Arbeit nachging, blickte die Frau über das glitzernde Wasser – und dann machte sie große Augen. Auf dem Wasser, nicht weit vom Ufer, schwamm ein goldener Becher. In dem prachtvollen Gefäß schimmerte eine Perle.

Ohne zu überlegen nahm sie den Köder an. Sie streckte die Hand nach dem hübschen Zierat aus, der Becher aber glitt außer Reichweite und glitzerte verführerisch im Sonnenlicht. Die Frau versuchte ihn abermals zu greifen; sie beugte sich über den Uferrand und verlor dabei das Gleichgewicht. Als sie fiel, griff eine Klaue nach ihr; wie eine Fessel schloss sie sich fest um die Taille der jungen Frau. Sie stöhnte und zappelte, aber gegen den Griff war sie machtlos. Sie fühlte, wie sie nach unten gezogen wurde. Während ihre Röcke sich mit Wasser vollsogen, warf sie einen letzten, verzweifelten Blick zum Ufer – sie sah, wie kleine Kleidungsstücke auf dem Gras am Fluss trockneten und das Kind, ganz allein, dasaß und wimmerte. Dann schlugen die Wasser der Rhone über ihrem Kopf zusammen.

Unerbittlich wurde sie in die kalten Tiefen des Flusses hinabgezogen, bis sie nichts wahrnahm als nasse Schwärze, durchbrochen von winzigen Lichtern, strahlend und glitzernd wie die Sterne am nächtlichen Himmel. Sie wurde ohnmächtig.

Als sie die Augen wieder aufschlug, befand sie sich in einer kristallenen Höhle. Vor den durchsichtigen Wänden wogten Wasserpflanzen, als wehe ein Landwind darüber hin. Fische schnellten vorbei. Neben ihr lag der goldene Becher, der sie verlockt hatte, und die Perle, die darin war. Und dann sah sie, wer sie gefangen genommen hatte. Riesenhaft und schimmernd hockte der Drache reglos neben dem Becher und betrachtete sie. Von seinem grünen, starren Blick gebannt, stand die Frau auf, und während sie dies tat, verblasste die Erinnerung an ihr Leben: Ihr kleiner Sohn, ihr Mann, ihr Haus im sonnigen Beaucaire, die Felder und Olivenhaine und die Stadt, das alles wurde zu winzigen Bildern, zu Miniaturen, an die sie sich undeutlich erinnerte, wie an Träume. Nur die Worte des Drachen ertönten in ihrem Kopf. Der Drac sprach mit einer Stimme, die wie ein Gong wiederhallte, und die Sterbliche gehorchte. Der Drache hatte der Frau aufgelauert, weil sie jung und gesund war – und weil sie ihren Sohn stillte. Der Drache brauchte Menschenmilch, um sein eigenes Gezücht, ein schwaches Drachenjunges, zu nähren. So wurde die junge Frau, in einem Zaubergespinst gefangen, die Sklavin des Drac und die Amme eines Drachen. Die Tage vergingen friedlich, und für die menschliche Gefangene in dem trüben Zwielicht der kristallenen Höhle unter dem Fluss war ein Tag wie der andere. Eingelullt von der Bewegung des Wassers draußen und vom Bann des Drachen, lebte sie wie in Trance. Sie säugte das Gezücht des Drac und hegte es, als sei es ihr eigener Sohn. Sie schlief, wann es der Drache gebot, und aß, was er ihr gab. Sie beobachtete die Bewegungen des Wassers durch die durchscheinenden Wände der Höhle, und mit der Zeit wurden ihr die Lebewesen der Rhone – der grün-gold gestreifte Hecht, der schlängelnde Aal, die flinke Forelle – vertraut wie einst die Bewohner von Beaucaire. Mit jedem Tag wurde ihr die Wasserwelt, die sie umgab,verständlicher und bekannter, als seien die Steine und Wasserpflanzen die Felder und Wälder ihrer vergessenen Heimat.

Ihre Sehkraft erhielt sie vom Zauber des Drachen, aber das wusste sie nicht. Jeden Abend rieb sie, wie ihr befohlen war, die Augen des Drachenjungen mit einer Salbe ein, die der Drac ihr gab. Die Salbe verlieh dem Kleinen den durchdringenden Drachenblick, und immer wenn die Frau sich ein Auge rieb, blieb etwas von der Salbe dort hängen, sodass sie ein wenig von der Zauberkraft des Geschöpfes empfing.

Sieben Jahre vergingen. Das Junge wurde groß und stark, und es kam der Tag, an dem der Drac keine Verwendung mehr für seine Gefangene hatte. Er tötete sie nicht, was er durchaus hätte tun können; aber sie hatte seinen Nachkommen genährt, und deshalb ließ er sie frei. Er belegte sie mit einem Bann des Vergessens und versenkte sie in Schlaf, bevor er sie durch den Fluss ans Tageslicht trug.

Die Frau wachte am Ufer in der Nähe ihres Hauses auf. Ein wenig verwirrt sah sie sich um, denn sie erinnerte sich an einen heißen, sonnigen Tag, als sie ihre Wäsche gewaschen und mit ihrem Kind gelacht hatte, das im Gras spielte. Jetzt aber war die Sonne untergegangen, und eines nach dem anderen flammten die Lichter der Stadt auf. Weder die Wäsche auf dem Rasen noch ihr Kind waren irgendwo zu sehen. Sie eilte über die Felder und durch die Straßen der Stadt.

Die Tür ihres Hauses stand offen, um die Abendkühle hereinzulassen, und die Frau ging hinein. Zwei Gesichter wandten sich ihr zu – das eines bärtigen Mannes und eines Knaben, der ihrem Mann glich, als dieser jung gewesen war. Einen Moment starrten sie sich gegenseitig an. Dann sprang der Mann mit einem gellenden Schrei auf. Während der Knabe mit geweiteten Augen zusah, umarmte der Mann die Frau. Er war ihr Ehemann, der sie ertrunken geglaubt und getreu sieben Jahre betrauert hatte. Er überschüttete sie mit Fragen, aber sie konnte keine Antwort geben, denn sie besaß keine Erinnerung an die Welt des Drachen. Der Knabe war ihr Sohn, aber er sprach nicht mit der bleichen, zerlumpten Fremden, ihre Schweigsamkeit schreckte ihn. Aber die Liebe des Vaters zu seiner Frau war so stark und seine Freude über ihre Wiederkehr so groß, dass der Knabe die Fremde allmählich als Mutter annahm. Und in den Wochen ihrer rätselhaften Wiederkehr gewöhnten sich auch die Nachbarn an sie. Ihre siebenjährige Abwesenheit blieb ihnen ein Geheimnis, und ihre Reden schreckten sie zuweilen. Sie träumte von Drachen, erzählte sie oft. Doch ihre Nachbarn waren liebenswürdige Menschen und ließen die Frau gewähren. Sie nahm ihr früheres geordnetes, friedliches Leben wieder auf, kochte und sorgte für den Mann und den Knaben und arbeitete mit den Leuten auf den Feldern. So hätte sie fortleben können, wäre nicht der Drachenblick gewesen. Eines Tages ging sie wie gewohnt auf den Markt, und dort, zwischen den Gemüseverkäufern und Fischhändlern, sah sie den Drac. Schuppig und schimmernd ragte er über den Stadtleuten auf. Sein Haupt reichte fast bis zu den Dachfirsten hinauf, und seine Augen schillerten grün, aber die geschäftigen Händler und ihre Kunden gingen nichtsahnend ihren Geschäften nach. Nur die Frau sah ihn. Als sie aufschrie, blickte er sie scharf an. "Siehst du mich, Sterbliche?", fragte eine Stimme in ihrem Kopf.

"Ich sehe dich, Drache", sagte sie laut, und in diesem Augenblick fielen ihr die ganzen verlorenen sieben Jahre wieder ein. Sie stand regungslos, als die Drachenklaue sich senkte und ihr das linke Auge zuhielt.

"Siehst du mich jetzt?", sagte die Drachenstimme. Sie sah ihn noch. Die Klaue wanderte zu ihrem rechten Auge,und wo der Drache gestanden hatte, sah sie nur den Marktplatz und ihre Mitmenschen. Folgsam sagte sie dem Drachen, dass sie ihn nicht mehr sehe. Sogleich durchfuhr ein blendender Schmerz ihren Kopf. Die Klaue hatte das Auge entfernt, das den Drachenblick besaß.

Halbblind lebte die Frau noch viele Jahre, und wieder und wieder erzählte sie ihre Drachengeschichte. Die Leute hielten sie für verrückt und schlugen ihre traurigen Warnungen in den Wind. So verschwanden Jahr für Jahr Kinder vom Marktplatz von Beaucaire und niemand wußte warum.

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Die goldenen Äpfel der Hesperiden (Ciruelo Cabral)

Der kühnste unter allen griechischen Helden war Herakles, Sohn des Zeus und der Alkmene. Der eifersüchtige Eurystheus, König von Mykene, stellte ihm 12 Aufgaben, darunter eine, die unlösbar schien: Herakles sollte die goldenen Äpfel zurückbringen, die in einem der göttlichen Gärten versteckt waren und von dem furchtbaren Drachen Ladon und den Töchtern der Nacht – als Hesperiden bekannt – bewacht wurden. Das erste Problem bestand darin, daß niemand wußte, wo sich dieser Garten befand. Doch Herakles machte sich gehorsam auf die Suche, er war begierig darauf, diese Heldentaten zu vollbringen. Er suchte, er befragte, doch ohne Erfolg. Doch zu guter Letzt konnte ihm Nereus, der Gott des Meeres, weiterhelfen: der Garten der Hesperiden lag an einem verzauberten Platz hinter dem Ende der Welt, wo der Titan Atlas das Dach des Himmels auf seinen Schultern trug. Der Halbgott machte sich sofort auf den Weg. Er reiste durch unbekannte Gebiete voller Gefahren, wurde mit blutrünstigen und monströsen Kreaturen konfrontiert, doch am Ende erreichte er den gesuchten Ort, wo Atlas das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern stützte. Gleich in der Nähe lag der wunderbare Garten, umrankt von Jelängerjelieber und Kletterrosen. Die Luft war erfüllt vom perlenden Lachen der wunderschönen Nymphen, die mit dem Drachen spielten oder einander zwischen den Bäumen haschten. Der Sohn des Zeus, nur in ein Löwenfell gehüllt und mit einer schweren Keule bewaffnet, befürchtete, daß sein Aufzug die Hesperiden verschrecken könnte, und wagte es nicht, sich zu nähern. Er begab sich also hinüber zu dem Giganten und sagte: „Mächtiger Atlas, du kennst die Nymphen. Könntest nicht du in den Garten gehen und für mich die Äpfel holen? Niemand würde sich vor dir erschrecken. In der Zwischenzeit werde ich den Himmel für dich halten.“ Atlas stimmte sofort zu und setzte die unglaubliche Last beinahe hastig auf den Schultern des Halbgottes ab. Mit einem glücklichen Lächeln und einem Winken betrat er den Garten. Von dort, wo er stand, konnte Herakles die Schreie des Entzückens und der Überraschung hören, als die jungen Frauen den Titanen erblickten, aber auch die tiefere Stimme des Drachen, der Atlas willkommen hieß. Für drei Tage hörte Herakles nichts weiter von Atlas als das Gelächter von Freude und Spiel, das aus dem verzauberten Garten zu ihm herüberdrang. Am dritten Tag kam Atlas endlich zurück und legte die Äpfel zu Füßen des Helden. „Herakles, mein Freund“, sagte er, „ich habe mit dem Drachen gesprochen. Er hat mir erklärt, daß die Hesperiden über den Verlust der Äpfel wütend sind – außerdem: Ich bin es leid, immer nur den Himmel hochzuhalten, ohne jemals Spaß zu haben. Ich hatte eine herrliche Zeit mit dem Drachen und den Nymphen“, fügte er mit einem Winken hinzu, „ich verlasse dich jetzt mein Freund, um von nun an im verzauberten Garten zu leben. Doch um dir zu zeigen, daß ich mein Versprechen gehalten habe, habe ich dir die Äpfel mitgebracht. Nimm es mir nicht übel.“ „Ich verstehe es“, versicherte Herakles, „wenn ich du wäre, hätte ich genauso gehandelt. Doch gestatte mir noch eine letzte Bitte.“ „Frage nur, was auch immer es sei.“ „Du magst das Himmelsdach ja ohne Mühen halten können, doch ich bin nicht daran gewöhnt und es beginnt zu rutschen. Ich möchte ein Seil als Kissen auf meinen Kopf legen.“ „Das erscheint mir nur gerecht“, antwortete der Gigant, „ich werde es für dich halten, damit du dir das Kissen auf den Kopf legen kannst.“ Der ahnungslose Gigant übernahm wieder das Himmelszelt, damit Herakles das Kissen zurechtrücken konnte. Doch der Halbgott hatte genau auf diesen Moment gewartet. Blitzschnell duckte er sich, griff nach den Äpfeln und floh. „Drache, Drache, er flieht!“ rief der aufgeregte Atlas, doch der Drache schob nur seinen Kopf aus der Gartenpforte und sprach: „Du bist so dumm, daß du dein Schicksal verdienst. Ich habe dich davor gewarnt, dem Helden zu trauen. Nun kann niemand mehr deinen Platz einnehmen.“ Als die Hesperiden ihn zum Versteckspiel riefen, kehrte der Drache zurück in den Garten und ließ den armen Atlas allein mit seiner Last.

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Die beiden Geschwister und die drei Hunde

Ein Müller und seine Frau starben nacheinander; sie hinterließen aber zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, und diesen zum Erbe nichts andres als eine Ziege und einen Hahn. Da wollten die Kinder beide Tiere verkaufen, damit sie zu leben hätten, und es band der Knabe der Ziege den Hahn zwischen die Hörner und trieb sie zum Jahrmarkt. Auf der Straße traf er zu einem Fleischhauer, der wollte gerade Vieh kaufen und führte drei Hunde mit sich, einen schwarzen, einen weißen und einen gefleckten. „Willst du nicht mit mir tauschen?“ sprach er zum Knaben. Der sah sich die Hunde an, und weil sie ihm sehr gut gefielen, schlug er ein. Der Fleischhauer gab ihm noch ein Pfeifchen und sagte: „Wenn du dieses blasest, so kommen die Hunde, wo sie auch immer sind, dir zu Hilfe!“ Damit kehrte er nach Hause. Aber seine Schwester fing an zu weinen, als sie sah, daß ihr Bruder kein Brot brachte. „So müssen wir jetzt doch verhungern!“ rief sie einmal über das andere.
Die Hunde aber hatten alles verstanden, und sie sprangen nur einmal auf und liefen fort. In der Nähe war gerade das königliche Lustschloß. Da lief der schwarze in die Küche und brachte einen Braten; der weiße lief in die Speisekammer und brachte ein Brot, der gefleckte sprang in den Keller und holte eine Flasche Wein. Nun freuten sich die beiden Kinder, aßen und tranken und hatten von da an keine Not; denn wenn sie hungrig waren, so brachten ihnen die Hunde immer Speise. Aber der König hatte gehört, daß drei Hunde so und so in seine Küche, seine Speisekammer und seine Keller einbrächen und das Beste fortschleppten und daß man sie nicht fangen könne. Da befahl er, man solle überall nachsuchen, und wenn man die Hunde fange, sie und ihre Herren umbringen. Das erfuhren auch die Kinder; sie machten sich schnell auf und zogen mit den Hunden tief in einen Wald. Hier kamen sie an eine Hütte, drinnen brannte eine Kerze; sie gingen hinein, und da war eine alte Frau. „Gottlob!“ rief sie, „heute Nacht gibt es wieder etwas zum Umbringen! Denn wisset, hier hausen zwölf Räuber, die bald nach Hause kommen.“ Die Kinder fürchteten sich sehr; allein dem Knaben kam es bald ein, was zu machen sei. Er ließ den schwarzen Hund vor der Gassentüre, den weißen hinterm Tor, den gefleckten vor der Haustüre Wache halten.
Bald kamen sechs Räuber und fluchten und tobten. Die alte Räubergroßmutter wollte hinaus und ihre Leute warnen; allein der gefleckte Hund knurrte, sprang gegen sie und ließ sie nicht heraus. Als aber die sechs an das Haus kamen, sprang der schwarze Hund auf, riß sie nieder und brachte alle um. Dann legte er sich zwischen die Toten und lauerte wieder. Nach kurzer Zeit kamen auch die sechs anderen; der schwarze riß sie ebenfalls nieder und würgte sie; nur einer von den Räubern, ein junger Kaufmann, war nicht ganz tot. Der schleppte sich noch zum Tor hinein. Da riß ihn der weiße Hund zu Boden. Die alte Räubergroßmutter mußte jetzt alles zeigen, was zu sehen war. In einer Kammer lagen große Haufen gestohlener Schätze, und an einer Wand hing ein großes Schwert, das hüpfte in der Scheide. Der Knabe nahm es und band es sich an die Seite. Der Keller war voll von Toten; dahin mußte die Alte auch die Erschlagenen schleppen; allein den halbtoten jungen Kaufmann verschloß sie unbemerkt in die Kammer.
Am andern Morgen nahm der Knabe seinen schwarzen Hund und ging fort, um die Gegend zu beschauen. Die Schwester blieb mit den beiden anderen Hunden in der Räuberhütte. Da nahm die Alte einen Topf, ging hinaus in die Kammer, schmierte den Kaufmann, und alsbald war er frisch und gesund; beide kamen nun zur Schwester und überredeten sie, sie solle den Kaufmann heiraten und hier wohnen und alle Schätze besitzen. Ihren Bruder sollten sie umbringen, doch müßten sie erst die Hunde fortschaffen. Das sei aber leicht; sie solle nur einzeln dieselben in die Kammer nach Mehl schicken, da werde sie die Alte einsperren. Dem Mädchen gefiel der junge Kaufmann, und es willigte ein, und dieser versteckte sich. Als ihr Bruder nach Hause kam, erschien ihm seine Schwester verändert, sie sprach auch ganz anders; nur einmal schickte sie die Hunde hinaus in die Kammer nach Mehl. Da merkte sich der Knabe etwas; er ging hinaus und wollte in die Kammer; diese aber war fest verschlossen. Da erinnerte er sich an das Pfeifchen, das ihm der Fleischhauer gegeben; er nahm es hervor und blies. Auf einmal sprang die Tür entzwei, und die drei Hunde waren um ihn. Nun ging er wieder in die Hütte. Da stand seine Schwester und der junge Kaufmann und wollten den Knaben eben angreifen und umbringen. Aber er zog sein Schwert und hieb dem Kaufmann den Kopf ab, ging dann in die Kammer und tat an der Alten ein Gleiches; darauf befahl er seiner Schwester, die Toten in den Keller zu schleppen, warf sie dann selbst hinein und sprach, indem er sie einschloß: „Bis du den jungen Räuber nicht aufgegessen hast, sollst du immer hier bleiben!“
Dann nahm der Knabe seine drei Hunde und zog fort. Er kam aber in eine Stadt, wo die Häuser alle mit schwarzem Flor überzogen waren. Er fragte gleich, was das zu bedeuten hätte. Da erzählte ihm der Wirt: In der Nähe sei ein siebenhäuptiger Drache; dem müßte jedes Jahr eine Jungfrau dargebracht werden, und jetzt sei es an der Tochter des Königs, und darum sei die Stadt in Trauer. Da geschah es, daß die Königstochter hinausfuhr ohne Begleitung; nur der Kutscher war auf dem. Wagen. Der Knabe nahm seine Hunde und zog auch dahin; er kam auf einem Umwege noch eher zur Stätte. Der Kutscher aber getraute sich nicht, nahe zu fahren; er hielt schon von weitem still, und die Königstochter mußte zu Fuße die übrige Strecke zurücklegen. Als sie anlangte, kam ihr der Knabe entgegen und sprach: „Fürchte dich nicht, ich will den Drachen bestehen!“ Sein Schwert hüpfte schon in der Scheide und sehnte sich nach dem Drachenblut. Bald kam der fürchterliche Wurm schnaubend herangefahren. Der Knabe erhob sein Schwert, und auf einen Hieb waren alle Häupter unten. Er blieb aber unbedacht auf der Stelle stehen, und nun traf ihn der zappelnde Schweif des Drachen, so daß er wie tot hinfiel. Die Hunde sprangen nun auf den Drachen und machten ihn in kurzem vollends tot; nur zuckten die Glieder, bis die Sonne unterging. Die Königstochter aber sank hin zur Leiche und weinte sehr. Da kamen auch die Hunde und weinten und wußten keinen Rat. Endlich erinnerten sich der weiße und gefleckte Hund an den Topf, aus dem die Alte im Wald den Kaufmann lebendig gemacht. Wie sie es erzählten, gab ihnen der schwarze einen derben Schlag, warum sie nicht eher daran gedacht hätten, und sie mußten gleich hinlaufen und den Topf bringen.
Als die Königstochter den Toten geschmiert hatte, schlug er die Augen auf, war frisch und gesund, und es schien ihm, als erwache er aus einem tiefen Schlafe. „Du hast mich gerettet und sollst nun auch meine Hand haben, wie es mein Vater versprochen hat!“ rief die Königstochter. Der Knabe freute sich des, aber er wollte sie prüfen, ob sie ihm auch treu sein würde, und sprach daher: „Ich muß noch in der Welt herumziehen und Drachen bekämpfen; aber unter Jahr und Tag komme ich, dann wollen wir Hochzeit halten!“
Die Königstochter schnitt darauf ihren Namen aus dem Taschentuch und gab ihn dem Knaben, und jedem der Hunde legte sie ein seidenes Band um den Hals, dem schwarzen ein weißes, dem weißen ein schwarzes und dem gefleckten ein gestreiftes; dann schnitt der Junge noch die Zungen aus den Drachenhäuptern, steckte sie ein und ging weiter; die Königstochter aber weinte. Als der Kutscher sah, daß der Drache erlegt und der Junge fort war, lief er auch hin und fragte die Königstochter, warum sie weine, da sie jetzt befreit sei. Wie sollte sie nicht weinen, sprach sie, da ihr Retter sie verlassen habe. Der Kutscher aber baute hierauf gleich einen bösen Plan. Er drohte der Königstochter, wenn sie nicht verspreche zu sagen, daß er den Drachen erlegt habe, so wolle er sie auf der Stelle umbringen. In der Not versprach es die Königstochter. Da nahm er die Häupter vom Drachen, lud sie auf den Wagen und fuhr mit der Königstochter heim. Alles Volk jubelte, als man sie wieder sah, und pries ihren Retter, und für den gab sich der Kutscher aus. Der König wollte auch gleich Wort halten und ordnete an, daß die Hochzeit gefeiert werde. Aber seine Tochter bat ihn sehr, er solle ihr noch ein Jahr freie Zeit gönnen, und so ließ er’s geschehen.
Eben war das Jahr zu Ende und der Hochzeitstag da; die ganze Stadt war festlich geschmückt, und in der königlichen Küche und im Keller war alles beschäftigt. Der Knabe war ebenfalls auf die verabredete Zeit in die Stadt gekommen. Der Gastwirt erzählte ihm nun, warum die ganze Stadt heute so fröhlich sei:
Der Kutscher des Königs habe vor einem Jahr den Drachen erlegt, und heute erst, weil es die Königstochter so gewünscht, solle die Hochzeit gefeiert werden. Da sah der Knabe, wie treu ihm die Königstochter gewesen und daß ein schändlicher Betrug im Spiele sei. Er sagte aber nichts von sich und von dem, was er vorhabe; nur behauptete er, er werde heute das Beste von der Königstafel essen und trinken und am Ende werde ihn der alte König selbst mit vier weißen Hengsten zum Hochzeitsmahle führen. Der Wirt glaubte nicht, daß dieses möglich sei, und wettete auf sein ganzes Vermögen.
Als es Mittag war und es hieß, daß alle schon an der königlichen Tafel säßen, schickte der Knabe seinen schwarzen Hund hin, er solle von dem Teller der Königstochter den Braten bringen. Der Hund lief in einem fort, riß alle Wachen, die ihm wehren wollten, nieder, und eben hatte man der Königstochter das beste Stück vorgelegt, als der Hund es packte und damit fortlief und es seinem Herrn brachte. Die Königstochter aber hatte den Hund an dem weißen Bande gleich erkannt und freute sich im Herzen, daß ihr Retter nahe sei. Nun wollte der Knabe auch Brot haben; das mußte der weiße Hund holen; der machte es ebenso wie der schwarze, nahm es der Königstochter neben dem Teller her fort und lief hinaus; der alte König, der Bräutigam und die Gäste erstaunten und waren zornig; nur die Königstochter freute sich. „Jetzt will ich aber auch trinken!“ sprach der Knabe, als er gegessen hatte. Der gefleckte Hund mußte den Wein holen, der vor der Königstochter auf dem Tische stand. Er machte es ebenso wie der schwarze und weiße Hund; die Königstochter freute sich, als sie auch ihn sah; aber der alte König konnte seinen Zorn nicht mehr zurückbehalten; er gab Befehl, man solle den Herrn der Hunde erforschen und gleich gebunden vor ihn bringen. Sogleich gingen eine Menge Soldaten hin und her und suchten ihn und kamen so auch ins Wirtshaus.
As sie die Hunde hier sahen und ihren Herrn daneben, wollten sie ihn packen und fortführen; allein die Hunde fielen gleich über sie her und warfen sie zu Boden. Als man dem König das meldete, stieg sein Zorn aufs höchste; er schickte alle seine Soldaten hin, um den Frevler herbeizuholen; allein auch diese konnten nichts machen; die Hunde rissen alle nieder. Da ließ der Knabe sagen, der König solle gleich mit vier weißen Hengsten nach ihm kommen und ihn zur königlichen Tafel führen. Der König hatte seinen Zorn zwar aufgegeben; denn er sah ein, daß er es mit einem mächtigen Herrn zu tun habe; allein sein Stolz ließ es ihm nicht zu, selbst hinzufahren. Er schickte nur einen Minister und einen Hofwagen mit zwei Pferden; aber der Knabe wies diesen zurück und ließ dem König sagen, er solle gleich selbst kommen und mit einem Viergespann, so wie es verlangt worden, sonst würde es ihm nicht gut gehen. Die Königstochter redete ihrem Vater zu, er solle nicht sein Leben aufs Spiel setzen, und so bemeisterte er seinen Zorn und fuhr hin. Als der königliche Wagen von vier weißen Hengsten gezogen vor dem Wirtshause hielt, lief der Wirt wie wahnsinnig zum Knaben und sprach: „Du hast die Wette gewonnen; ich aber bin ein ruinierter Mann!“ Allein der Knabe tröstete ihn gleich: „Also du glaubst mir jetzt? Nun, ich schenke dir wieder alles, was du verspielt hast!“ Damit ging er hinaus und setzte sich neben den König, und seine drei Hunde sprangen auch in den Wagen; sobald er fortrollte, rief der Wirt: „So einen Gast habe ich in meinem Leben nie beherbergt!“
Als sie im Königssaale anlangten, setzte sich der Knabe sogleich der Braut gegenüber, und neben dieser saß der Bräutigam. Nun aß man und war lustig. Zuletzt kam man nach mancherlei Gesprächen auf die Beantwortung von Fragen. Als die Reihe zu fragen an den Knaben kam, sprach er: „Was verdient der, welcher den König auf das schändlichste betrügt?“ Der Bräutigam rief sogleich: „Der verdient, daß man ihn an den Schweif eines wilden Pferdes binde und durch die Stadt schleife.“ Da erhob sich der Knabe: „Du hast dir selbst dein Urteil gesprochen, denn wisse, ich bin der Drachentöter, nicht du!“ Der Kutscher aber behauptete noch fort, daß er ihn getötet habe, und ließ zum Beweise die sieben Drachenhäupter hereinbringen. Noch waren die Gäste auf seiner Seite. Da sprach aber der Knabe, man solle dem Drachen in den Mund sehen. Da fanden sie keine Zungen darin. „Wo sind denn die Zungen“, fragte der Knabe, „wenn du den Drachen getötet hast?“ Darauf war der Kutscher nicht gefaßt und behauptete dreist, Drachen hätten keine Zungen. Den Gästen kam das nun doch sonderbar vor; allein sie wußten nicht, wie die Sache wäre. Da ließ man den Koch hereinrufen, und der König fragte diesen, ob er ein Tier kenne, das keine Zunge hätte. Der Koch sprach, er kenne keines; alle Tiere müßten auch eine Zunge haben, denn womit sollten sie sonst schmecken. „Nun!“ sprach aber der Knabe, „will ich es noch mehr beweisen, daß die Drachen Zungen haben“, nahm damit sein Tuch heraus, wickelte es auf und legte sieben Drachenzungen vor, und als man sie in den Mund hielt, paßten alle genau.
Der Kutscher fing nun an zu zittern und wollte hinaus: allein man hielt ihn fest. „Jetzt aber wird auch die Königstochter es bezeugen, daß ich den Drachen getötet habe.“ Damit nahm er den Namen aus ihrem Taschentuch und sprach: „Ist das deine Arbeit? Siehe die Halsbänder der Hunde, kennst du sie? Erzähle!“ Jetzt, da die Sache ohne ihr Zutun schon heraus war, hielt sie sich ihres Eides für los und ledig und erzählte alles vom Drachenkampf und wie sie ihrem Befreier den Namen aus ihrem Schnupftuch gegeben und den Hunden die Halsbänder umgelegt habe; wie dann der Kutscher hingekommen und gedroht habe, sie umzubringen, wenn sie ihm nicht eidlich verspreche, ihn für den Drachentöter auszugeben. Da wurde der Kutscher ergriffen und die Strafe, die er sich selbst bestimmt hatte, an ihm vollzogen.
Der Knabe aber hielt nun Hochzeit mit der Königstochter; und diese war über alle Maßen froh und glücklich. Als der alte König starb, folgte ihm der Knabe im Reiche nach, und er herrschte weise und gerecht.
Aber ein Kummer nagte doch an seinem Herzen; er dachte an seine Schwester, und obgleich diese so böse an ihm gehandelt, so hatte er ihr jetzt doch verziehen, und er wollte sie, wenn möglich, auch noch glücklich machen. Er zog daher mit seinen Hunden nach dem Waldhäuschen. Da fand er sie im Keller; sie hatte alle Toten verzehrt, nur den Kaufmann nicht, und das wollte sie auch nicht, lieber sterben. Der Bruder nahm sie jetzt mit an seinen Königshof und machte sie zum ersten Hoffräulein. Allein sie hatte ihre Falschheit noch nicht aufgegeben; ihr Bruder sollte es büßen, daß er sie so gestraft habe. Sie ließ bei einem Schmied ein scharfes Messer machen und stellte dieses in das Bett des Königs. Als dieser abends müde sich auf das Bett warf, ging es ihm durch und durch, und er war alsbald tot. Am Morgen aber, wie man hörte, daß der König ermordet wäre, wurde das ganze Land von der höchsten Trauer erfüllt; die Schwester aber hatte ihr böses Gewissen vom Hofe fortgetrieben, und so war man überzeugt, daß sie es getan habe. Die Königin aber warf sich auf die Leiche, rang die Hände und konnte nicht weinen vor Schmerz; die Hunde lagen um sie, winselten in der Trauer um ihren Herrn und ächzten. Da erinnerten sie sich an den Topf mit der lebendig machenden Salbe. Schnell liefen sie nach der Stelle, wo der Drache gelegen, fanden hier noch die Scherben und brachten sie, und es war noch so viel Salbe drinnen, daß man den König bestreichen konnte. Da schlug er wieder die Augen auf und war gesund. Alles war voller Jubel, allein niemand freute sich mehr als die Königin. Als man dem König sagte, was mit ihm vorgefallen und daß seine Schwester entwichen sei, rief er:
„Ja, die böse Schlange, das hat sie getan!“ Er ließ sie wieder aufsuchen und ins Waldhaus einsperren bei ihrem toten Kaufmann; da mußte sie nun fort an der Leiche sitzen; bis sie verhungerte.
Es geschah aber, daß die Hunde jetzt vor den König traten und sprachen: „Von nun an können wir dir nichts weiter nützen, haue uns die Häupter ab.“ — „Nein, nie und nimmermehr, das wäre ein schöner Dank für so treue Dienste!“ Wenn sie ihm auch weiter keinen Dienst mehr erweisen könnten, so wolle er sie doch getreu pflegen bis an ihren Tod. Da baten sie ihn aber so sehr und so lange, daß er gerade den größten Dank ihnen damit erweise, wenn er ihren Wunsch erfülle, und so faßte er endlich betrübten Herzens sein Schwert und hieb jedem das Haupt ab. Siehe, da standen nur einmal drei Königssöhne: „Dank dir, du hast uns erlöst; wir waren so lange verzaubert, bis zum Dank für geleistete Dienste ein junger Held uns das Haupt abschlagen würde, und das hast du getan!“ Damit zog jeder fort in seine Heimat, und so waren jetzt alle froh und zufrieden.

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Der Dachenstich zu Furth im Wald

Dieses Fest, das alljährlich am Sonntag nach dem Fronleichnamsfest begangen wird, verdanktseinen Ursprung wahrscheinlich einer jener alten Lindwurmsagen, die ehedem fast in allenGebirgsländern unter dem Volk verbreitet waren. Das Schauspiel, das zum Nutzen der Wirte,Bäcker und Metzger noch immer sehr viele Zuseher aus der Umgegend herbeizieht, geht in denersten Nachmittagsstunden des genannten Tages auf dem großen Stadtplatz vor sich.

Die auftretenden Personen sind: Ein Rittersmann zu Pferd, in Harnisch und Blechhaube, umgeben voneiner Schar Trabanten; dann eine Königstochter aus unbekanntem Land, die zum Zeichen ihreshohen Standes ein Goldkrönlein auf dem Haupt trägt und mit soviel Silbergeschnür undSchaumünzen behängt ist, als man nur immer auftreiben kann. Eine Ehrendame, die»Nachtreterin« genannt, begleitet die Prinzessin. Letztere nimmt auf einer erhabenenenBühne Platz, und ihr gegenüber stellt sich in einiger Entfernung der Drache auf, eingreuliches Ungetüm mit dickem ungestaltetem Leib; freilich nur ein Holzgerippe, mit bemalteLeinwand überzogen und von zwei im Inneren verborgenen Männern bewegt. Ein dichtesGewühl sammelt sich jedesmal um diese abenteuerliche Erscheinung, und dann macht sich deDrache bisweilen den Jux, mit weit aufgesperrtem Rachen unter die Menge zu rennen, die eiligzurückweicht und dabei in den possierlichsten Lagen übereinander purzelt. DeHauptspaß aber ist, wenn es dem Ungetüm gelingt, eine Böhmin aus dem Haufenherauszupacken und ihr mit den Zähnen die breite Tellerhaube vom Kopf zu reißen.

Inzwischen sprengt der Ritter zur Prinzessin heran, und es entspinnt sich zwischen beidennachfolgender Dialog in Knittelversen:

RitterGrüß Gott, grüß Gott, Ihr königliche Tochter mein!
Was macht Ihr auf diesem harten Stein?
Mich dünkt’s, Ihr seid ganz trauervoll,
Die Sach‘, die Sach‘ steht nicht gar wohl.
PrinzessinAch, edler, treuer Rittersmann,
Mein‘ Not und Treu‘ zeig ich Euch an.
Ich wart‘ dahier auf Drachengreul,
Er wird mich schlucken in schneller Eil‘.
RitterSchad’t nicht, schad’t nicht, seid wohlgemut!
Die Sach‘, die Sach‘ wird b’währt und gut;
Rufet zu mir, und betet zu Gott,
Er wird uns helfen aus aller Not.
PrinzessinAch, edler, treuer Rittersheld,
Flieht weit hinweg; flieht weit ins Feld!
Sonst müßt Ihr Euer ritterliches Leben
Mit nur bis in den Tod aufgeben.
RitterIch als starker Rittersmann,
Das grausam Tier macht mir nicht bang;
Mit meinem Degen und Rittershand
Will ich ihn räumen aus dem Land.
PrinzessinSeht, seht, Ihr Ritter und Herr:
Das grausam Tier tritt schon daher.

Während dieser Worte rückt der Drache gegen die Bühne vor und stellt sich an, alswollte er die Prinzessin verschlingen. Doch der kühne Ritter sprengt ihm entgegen undstößt seine Lanze tief in den Rachen des Ungeheuers. Bei diesem Manöver mußaber derjenige, der die Rolle des Ritters spielt (immer ein junger Bürgerssohn) sich wohl inacht nehmen, daß er die in der Gaumenhöhlung verborgene Blase trifft. Das Volk will heuteBlut sehen – sei es auch nur unschuldiges Ochsenblut –, und wenn der Held des Tagesfehl sticht, so überschüttet ihn ein Hagel von Spottreden. Ist der Lanzenstoßglücklich beigebracht, so zieht der Ritter sein Schwert und haut den Drachen ein paarmalüber den Schädel, dann macht er ihm mit einem Pistolenschuß vollends den Garaus.

Nachdem er auf diese Weise das Scheusal unschädlich gemacht hat, kehrt er zu der Prinzessinzurück und ruft siegesfroh aus:

     Freud‘, Freud‘, Ihr königliche Tochter mein,
Jetzt könnt Ihr frisch und fröhlich sein!
Dem Drachen hab‘ ich geben seinen Rest,
Weil er die Stadt hat lang gepreßt.

Die Prinzessin dankt ihm darauf mit diesen Worten:

Ach, edler, treuer Rittersheld,
Weil er den Drachen hat angefällt,
Zu seinem Degen und Ritterlanz‘
Verehr‘ ich ihm ein schön Ehrenkranz.

Hiermit steigt sie von der Bühne herab und spricht, indem sie dem Ritter den Kranz um den Armbindet, die Schlußverse:

Der Herr Vater und Frau Mutter werden kommen sogleich
Und werden uns geben das halbe Königreich.

Die Trabanten nehmen jetzt den Ritter und die Prinzessin in die Mitte und geleiten sie in dieHerberge zum Rittertanz. Auch die Zuschauer zerstreuen sich in die Schenken, und das Fest endet wiedie Volksfeste immer: mit einem allgemeinen Trinkgelage.

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Dragon’s Call

"Dragons Call"

We sleep with the dragons,
in the hidden lair.
We sing their call,
in our every prayer.

Threw our eyes,
their world is clear.
Their forgotten song,
our heart can hear.

They guide our way,
threw the darkest night.
We use their wisdom,
to give us sight.

Threw our voice,
you hear their cries.
Their fire can be seen,
deep in our eyes.

They are alive,
deep in our minds.
In us the dragon,
you can find.

Copyright Heather O’Connell (8/16/98), All rights reserved

Dieses Gedicht wurde augestellt mit freundlicheGenehmigung von
http://www.dragonsight.net

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Looking for someone

„Looking for Someone"

I can see their fire far in distance,
Between shadows, between lights,
The night awaits for your flights,
There I’ll find that Dragon sight

I feel them; they’re looking at me,
Out from the deep, they are here, 
Red, blue, black… too many colors,
So my eyes, …. so my body, will have to follow,

I can see them in the distance,
Probably they are coming for me
Look…, look! Also you can see!
Dragons are here, they are here for thee.

—–
*Keep looking, Dragons are not too far…*
Cryn

Dieses Gedicht wurde augestellt mit freundlicheGenehmigung von
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Storm

Storm

You hear the distant roar
so you prepare for the attack
as the roaring grows louder
the sky is getting darker
then you see the dragon
breathing out his flame
it lights the city up
those who stayed out
may just get it
the blue ice dragon roars
shaking all the windows
the dragon he breaths
and freezes everything
will this dragon ever leave?
you think as you wait and wait
the dragon sneezes
and it falls to the ground
(this dragon has allergies
which is why he sneezes a lot)
finally the dragon moves on
and you dress warmly
and go outside
you have to shovel the walk
the dragon left a foot of it
you survey the damage
you work on the damages
then you hear a roar
and wonder, is he coming again?

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Drachenherz (Karin Roth)

Mit eines Drachen Herzen leben,
was kann es denn viel schöneres geben.
Zu gehen auf die Himmelsreise,
zu leben auf eine besondere Weise.
Im Herzen große Stärke spüren
und andere auf den Weg des Fliegens führen.
Magie zu fühlen bei jedem Gedanken,
zu sehen wie sich Zauber um die Seele ranken.
Den Wind bezwingen bei jedem Flügelschlag,
zu steigen hoch hinauf in den beginnenden Tag.
Das Firmament ist deine Welt der Freude,
es gibt kein Gestern.. nur noch Heute.
Zu leben frei und ungebunden,
so hat dein Herz doch Frieden gefunden.
Das Herz des Drachen schlägt in dir,
du lebst dein Leben jetzt und hier.
Genieße dann den Flug des Lebens,
auf das er dir immer
Freude kann geben.

© Aquamarin August 02

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Der Wasserdrache (Melanie Möller)

Er lebt im feuchten, kalten Nass
in unterirdischen Stollen, Höhlen und Grotten
am Leid der anderen hat er Spaß
bekannt ist er auch bei den Schotten

Er schimmert in Grün, Türkis und Blau
fordert als Tribut jährlich eine junge Frau
mit Vorliebe ein schönes Wesen von Güte und Fleiß,
das ist für die Dörfler stets ein sehr hoher Preis.

Doch verliebt sich das Wesen und wart den Schein
kann sich die Jungfrau sicher sein
das sie weg ist die Gefahr und die Härte
und er wird zum poetischen, treusorgenden Gefährten

– der Wasserdrache

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Jason Medea und der Drache (Ciruelo Cabral)

Jason war der Sohn und legitimer Erbe von Aison, dem König von Iolkos. Doch als Aison starb, bemächtigte sich sein Halbbruder – Pelias – des Thrones. Pelias befürchtete, daß Jason die Macht, die ihm rechtmäßig zustand, doch noch beanspruchen würde, er mußte ihn also auf eine Weise loswerden, die jeglichen Verdacht von ihm selbst ablenken würde. Er stellte also an Jason die Bitte, er möge ihm das goldene Vlies zurückholen, das von einem ungeheuren Drachen bewacht wurde. Das Vlies war das Fell des magischen, geflügelten Widders gewesen, den der Gott Hermes geschickt hatte, um die Geschwister Phrixos und Helle vor dem Tode zu erretten. Als beide auf dem Rücken dieses Wundertieres ritten fiel Helle ins Meer, das von nun an nach ihr den Namen Helles Meer oder Hellespont erhielt. Phrixos erreichte das Land der Kolcher an der Küste des Schwarzen Meeres. Dort opferte er den Widder für Zeus und übergab das Fell an König Aietes als Dank für dessen Gastfreundschaft. Dieser widmete das Vlies dem Gott Ares, hängte es in einem geweihten Garten auf und stellte einen Drachen zur Bewachung ab. Jason versammelte die berühmtesten Männer Griechenlands, um mit einem Schiff namens Argo auf die Fahrt zu gehen – die Männer wurden Argonauten genannt. Nach vielen Abenteuern endlich in Kolcherland angekommen, erklärte Jason dem König, daß er gekommen wäre, um das Vlies zu holen. Aietes fürchtete, seinen kostbaren Schatz zu verlieren, also verlanbgte er von Jason, daß dieser zunächst eine schwierige Aufgabe verrichten müsse:
Er solle ein Feld mit zwei wilden Stieren pflügen, deren Füße aus Eisen waren und denen Flammen aus den Nüstern schlugen. Jason hatte wenig Hoffnung, diese Aufgabe erfüllen zu können, doch Medea, die Königstochter, wollte ihm helfen. Sie hatte sich in Jason verliebt und erbat das Versprechen, daß er sie – wenn er mit ihrer Hilfe die Aufgabe erledigen konnte – heiraten und mit nach Griechenland nehmen müßte. Jason stimmte der Bitte dieser wunderschönen Frau nur allzugerne zu.
Nachdem er mit Medeas Hilfe die geforderte Arbeit erledigt hatte, verlangte Jason wieder bei König Aietes nach dem goldenen Vlies. „Du hast die schwierige Aufgabe mit Bravour gelöst“, sagte der König,“ ich vermute, daß Du es nicht allein geschafft hast, aber Du hast dir auf jeden Fall das Recht erwirkt, das Vlies zu holen. Es hängt von einem Baum und wird von einem Drachen bewacht, der niemanden in die Nähe kommen läßt. Verwunde oder verletzte ihn nicht, denn dieser Drache ist dem Gott Ares geweiht. Du mußt das Vlies also stehlen, während der Drache schläft, daß ist meine letzte Bedingung.“
Der König wußte nur zu gut, daß der schlaue Drache mit offenen Augen schlief, die Augen aber schloß, wenn er wach wahr; er hoffte, daß auch Jason auf diese List hereinfallen würde. Doch Medea belauschte den Vater, als er von diesem Trick erzählte, und gab das Geheimnis an ihrem Geliebten Helden weiter. So warteten Jason und seine Argonauten bis zur Nacht, wo der Drache seine Augen öffnete und einschlief. Heimlich stahlen sie das goldene Vlies und segelten an Bord er Argo zurück nach Iolcos. Mit ihnen kam auch Medea, gemeinesam erlebten sie noch viele Abenteuer.

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Die Königstochter in der Flammenburg

Es war einmal ein armer Mann, der hatte so viele Kinder, als Löcher sind in einem Sieb, und hatte alle Leute in seinem Dorfe schon zu Gevatter gehabt; als ihm nun wieder ein Söhnlein geboren wurde, setzte er sich an die Landstraße, um den ersten besten zu Gevatter zu bitten. Da kam ein alter Mann in einem grauen Mantel die Straße, den bat er, und dieser nahm den Antrag willig an, ging mit und half den Knaben taufen. Der alte Mann aber schenkte dem Armen eine Kuh mit einem Kalb; das war an demselben Tage, an welchem der Knabe geboren, zur Welt gekommen und hatte vorn an der Stirne einen goldnen Stern und sollte dem Kleinen gehören. Als der Knabe größer war, ging er mit seinem Rind, das war nun ein großer Stier geworden, jeden Tag auf die Weide. Der Stier aber konnte sprechen, und wenn sie auf dem Berg angekommen waren, sagte er zum Knaben: „Bleibe du hier und schlafe, indes will ich mir schon meine Weide suchen!“ Sowie der Knabe schlief, rannte der Stier wie der Blitz fort und kam auf die große Himmelswiese und fraß hier goldne Sternblumen. Als die Sonne unterging, eilte er zurück und weckte den Knaben, und dann gingen sie nach Hause. Also geschah es jeden Tag, bis der Knabe zwanzig Jahre alt war. Da sprach der Stier eines Tages zu ihm:
„Jetzt sitze mir zwischen die Hörner, und ich trage dich zum König; dann verlange von ihm ein sieben Ellen langes eisernes Schwert und sage, du wollest seine Tochter erlösen.“
Bald waren sie an der Königsburg; der Knabe stieg ab und ging vor den König und sagte, warum er gekommen sei. Der gab gern das verlangte Schwert dem Hirtenknaben; aber er hatte keine große Hoffnung, seine Tochter wiederzusehen, denn schon viele kühne Jünglinge hatten es vergeblich gewagt, sie zu befreien. Es hatte sie nämlich ein zwölfhäuptiger Drache entführt, und dieser wohnte weit weg, wohin niemand gelangen konnte; denn erstens war auf dem Wege dahin ein hohes unübersteigliches Gebirge, zweitens ein weites und stürmisches Meer und drittens wohnte der Drache in einer Flammenburg. Wenn es nun auch jemandem gelungen wäre, über das Gebirg und das Meer zu kommen, so hätte er doch durch die mächtigen Flammen nicht hindurchdringen können, und wäre er glücklich durchgedrungen, so hätte ihn der Drache umgebracht.
Als der Knabe das Schwert hatte, setzte er sich dem Stier zwischen die Homer, und im Nu waren sie vor dem großen Gebirgswall. „Da können wir wieder umkehren“, sagte er zum Stier, denn er hielt es für unmöglich, hinüber zu kommen. Der Stier aber sprach: „Warte nur einen Augenblick!“ und setzte den Knaben zu Boden. Kaum war das geschehen, so nahm er einen Anlauf und schob mit seinen gewaltigen Hörnern das ganze Gebirge auf die Seite, also, daß sie weiterziehen konnten.
Nun setzte der Stier den Knaben sich wieder zwischen die Hörner, und bald waren sie am Meere angelangt. „Jetzt können wir umkehren!“ sprach der Knabe, „denn da kann niemand hinüber!“ – „Warte nur einen Augenblick!“ sprach der Stier, „und halte dich an meinen Hörnern.“ Da neigte er den Kopf zum Wasser und soff und soff das ganze Meer auf, also daß sie trocknen Fußes wie auf einer Wiese weiterzogen. Nun waren sie bald an der Flammenburg. Aber da kam ihnen schon von weitem solche Glut entgegen, daß der Knabe es nicht mehr aushalten konnte. „Halte ein!“ rief er dem Stiere zu, „nicht weiter, sonst müssen wir verbrennen.“ Der Stier aber lief ganz nahe und goß auf einmal das Meer, das er getrunken hatte, in die Flammen, also daß sie gleich verlöschten und einen mächtigen Qualm erregten, von dem der ganze Himmel mit Wolken bedeckt wurde. Aber nun stürzte aus dem fürchterlichen Dampfe der zwölfhäuptige Drache voll Wut hervor. „Nun ist es an dir!“ sprach der Stier zum Knaben, „siehe zu, daß du auf einmal dem Ungeheuer alle Häupter abschlägst!“ Der nahm alle seine Kraft zusammen, faßte in beide Hände das gewaltige Schwert und versetzte dem Ungeheuer einen so geschwinden Schlag, daß alle Häupter herunterflogen. Aber nun schlug und ringelte sich das Tier auf der Erde, daß sie erzitterte. Der Stier aber nahm den Drachenrumpf auf seine Homer und schleuderte ihn nach den Wolken, also, daß keine Spur mehr von ihm zu sehen war. Dann sprach er zum Knaben: „Mein Dienst ist nun zu Ende. Gehe jetzt ins Schloß, da findest du die Königstochter und führe sie heim zu ihrem Vater!“ Damit rannte er fort auf die Himmelswiese, und der Knabe sah ihn nicht wieder. Der Junge aber fand die Königstochter drinnen, und sie freute sich sehr, daß sie von dem garstigen Drachen erlöst war. Sie fuhren nun zu ihrem Vater, hielten Hochzeit, und es war große Freude im ganzen Königreiche.

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Der Drachentöter zu Mixnitz

In sagenhaften Zeiten soll die sogenannte Mixnitzer Kogellucken – die Drachenhöhle genannt – einen ungeheuren Drachen beherbergt haben.

Es war ein scheußliches Ungetüm, das dort oben lebte, sah einer riesigen Schlange ähnlich, trug aber einen schuppigen Panzer, an dessen Oberseite zwei zackige Flügel emporstarrten, und war mit vier scharfkralligen Füßen bewehrt. Das Ungetüm richtete viel Schaden in der ganzen Umgebung an, Menschen und Tiere waren ihm schon zum Opfer gefallen, und Furcht und Entsetzen herrschten in der Gegend. Niemand wußte, was man gegen diesen schrecklichen Feind unternehmen sollte.

Nun hatte auch ein Landwirt aus Pernegg, der in der Nähe von Röthelstein am Mixnitzbach einen großen Meierhof besaß, die Gefräßigkeit des Ungetüms zu spüren bekommen. Das Untier verschlang zwei Rinder aus seiner Herde und tötete auch einen Hirtenjungen. Da versprach der Landwirt demjenigen eine große Belohnung, der den Drachen töten und die Gegend von dieser Plage befreien würde. Die Aussicht auf reichen Lohn lockte gar viele an, das gefährliche Unternehmen zu wagen, aber keinem gelang es, das Untier zu töten. Manche verloren schon den Mut, wenn sie das scheußliche Vieh nur von weitem sahen oder sein schauerliches Brüllen hörten, einige versuchten zwar den Kampf, waren aber schließlich froh, wenn sie sich, mit mehr oder weniger gräßlichen Wunden bedeckt, vor den Krallen des Drachens retten konnten, und andere sah man nie wieder; sie waren wohl im Kampf mit dem gräßlichen Untier umgekommen. Das Vieh aber ging nach wie vor seinem Raum nach und verbreitete Angst und Schrecken unter dem Volk. Niemand getraute sich mehr, den Kampf mit dem gräßlichen Drachen aufzunehmen, sogar die Knechte und Mägde verließen den gefährdeten Meierhof.

Da faßte der Ziehsohn des Landwirtes, der auf dem Meierhof arbeitete, den Entschluß, den Drachen zu beseitigen. Da man aber bisher im offenen Kampf gegen ihn nichts ausgerichtet hatte, ersann er eine List und traf in aller Stille seine Vorbereitungen.

Zunächst wollte er das Lager des Drachen auf dem Berg auskundschaften. Dabei entdeckte er, daß sich der Drache eine Rinne vom Berg bis ins Tal herab ausgewälzt hatte, die vollkommen glatt und ohne Steine und Schroffen war. Daraus schloß er, daß der Drache auf der Bauchseite eine weiche, zarte Haut haben müsse, und baute nun auf dieser Erwägung seinen Plan auf, wie er die Gegend von dieser entsetzlichen Plage befreien könnte. Er begab sich in der Dämmerung, als der Wind günstig stand, so daß das Untier seine Nähe nicht zu wittern vermochte, zur Rinne und vergrub eine große Anzahl von Sicheln und Sensen im Boden, und zwar so, daß die Spitzen in der Richtung der Anhöhe, von der das Untier herabkam, aus der Erde herausragten. Dann versteckte er sich seitwärts in einem Gebüsch, um die Wirkung seines Mittels mit anzusehen.

Er brauchte nicht lange zu waren, so hörte er das Ungeheuer, das im Bach seinen Durst stillen wollte, schnaubend und brüllend vom Berg herunterkommen, und bald sah er durch die Zweige des Gebüschs die Augen des Drachen, dessen riesigem Rachen feuriger Dampf entströmte.

Als der Drache zu der Stelle kam, wo die scharfen Spitzen der Sensen und Sicheln aus dem Boden standen, begann er plötzlich schrecklich zu brüllen und zu heulen, daß dem jungen Mann hinter den Stauden angst und bang wurde. Die spitzen, schneidigen Werkzeuge bohrten sich in den weichen Bauch des darüber hinweggleitenden Ungeheuers und rissen schreckliche Wunden. Wenn sich das Tier in seinem Schmerz zurückbäumte und dann wieder nach vorn fallen ließ, griffen die Spitzen neuerlich in die Haut ein und bohrten sich tief in seine Eingeweide. Von rasenden Schmerzen gequält, heulte das Ungeheuer fürchterlich, wälzte sich in seinem Bett hin und her und schlug mit dem riesigen Schwanz und den krallenbewehrten Flügeln so mächtig um sich, daß ganze Bäume geknickt und große Felsblöcke aus dem Boden herausgerissen wurden. Aber je mehr das Untier wütete und tobte, um so tiefer drangen die verborgenen Waffen in seine Eingeweide ein. Tödlich verwundet, ballte sich der Drache endlich zu einem scheußlichen, blutbefleckten Klumpen zusammen und kollerte hilflos ins Tal hinab, wo er unter furchtbaren Zuckungen verendete.

Große Freude erfüllte alle Bewohner der Gegend, als sie erfuhren, daß der fürchterliche Feind nun doch erledigt sei. Von allen Seiten eilten die Leute an die Stätte, wo die ungeheure Mißgestalt verendet in ihrem Blut lag, noch im Tod schrecklich ansehen, mit ihrem schuppigen Riesenleib und dem entsetzlichen zähnestarrenden Rachen. In einer tiefen Grube wurde der stinkende Kadaver verscharrt, wobei es der Arbeit vieler starker Männer bedurfte, den Riesenleib in die Grube zu wälzen.

Dem klugen, mutigen, jungen Mann aber, der die Gegend von dieser Drachennot befreite, schenkte der Bauer zum Lohn für seine tapfere Tat den Meierhof, und alle Leute im Muttal feierten ihn als ihren Retter und Befreier.

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A dragon’s day

"A Dragon’s Day"

Through the valley dark and cold,
over forests and castles bold,
on to mountains where dark things sleep,
to dine on a heard or flock of sheep,
then away to distant ocean shore,
past villages towns pastures and more,
to wade in crystal water of pristine ocean,
to ponder some lofty thought or peaceful notion,
and as the sun grows heavy in western sky,
a quick drink and away from the shore I fly,
away to my lair I soar through velvet skies,
as my mountain lair comes into sight,
I beat softly my wings slowing my flight,
to land gracefully on the ledge outside of my cave,
and lumber toward my hoard of which legends rave,
to sleep on a bed of jewels and riches untold,
while the light outside dies and the rock grows cold,
I lie inside on a bed of gold.

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Magi Dragons

"Magi Dragons"

Among the eldest races of dragonkind,
they are the most difficult to find.
Of the greatest skill in magic were they,
once their great power could turn night into day.
Long ago in the past this was true,
yet now in the present they are scattered and few.
Ancient forests and hills were once their home,
and from these places far and wide they would roam.
Untill one day when their magic was lost,
the pendulum had swung back and to them at great cost.
A cataclysm did not befall them rather they just faded away,
and we are left with but a few Magi dragons today.
Of those few wondrous creatures that today yet still remain,
bring us joy and from our sorrows help us refrain.
To catch a glimpse of their wondrous form so beautiful and fair,
to see their coat of tiny iridescent scales and flowing long silken hair.
To gaze into their warm and glowing eyes,
to watch them as on great wings they mount to the skies.
Their movements so graceful and poised yet their body so powerful and strong,
something that would make one wonder if in imagination was where they belong.
For this is why they are so rare and hard to find,
and they appear only to those whose imagination refuses to be confined.

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The deal

The Deal

Here me my friend don’t be afraid,
on the ground my claws are laid.
All I ask is that you’ll be my friend,
and if you do some of my power I’ll lend.
Locked away in this mystic ring I am,
hear my deal for it’s no sham.
Freedom from my prison is what I crave,
set me free and I’ll be your slave.
But not through my veins can the blood of life run,
for with a body of life must I become one.
If only again my senses can experience the wonder of life,
my power shall you have to crush all worry and strife.
A mighty dragon will you become,
as your human weakness will be undone.
Into the clouds up high you will fly,
as you spread your wings and soar into the sky.
All these things for you I can provide,
all that you have to do is let me inside.
For your body is all I need,
to become one with and finally be freed.

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Drachenkind (Karin Roth)

Breite deine Flügel weit aus
und fliege mit mir in den Himmel hinaus
Sehe die Sterne im Firmament stehen
lass uns die Wege der Träume begehen
Flieg hoch hinaus mein Drachenkind
folge deinen Träumen ganz geschwind
Träume von Welten die dir stehen offen
so lässt mein Herz mich weiterhin hoffen
Bezwinge den Sturm und reite den Wind
so liebe ich dich, mein Drachenkind
Erkämpfe deinen Weg und gib niemals auf
nur so kannst du gelangen
hoch in die Sterne hinauf
Von oben dann kannst du sehen auf die Welt
die uns beherbergt wie ein schützendes Zelt
Hilf mit sie zu pflegen und sorge dich um Sie
so wird dir verwehrt ihre Dankbarkeit nie
Nun flieg in dein Leben und denke an mich
denn meine Gedanken kreisen immer um dich
Egal wo du bist, ich bin immer für dich da
So ist meine Seele der deinen immer nah
In Gedanken verbunden
breiten wir nun die Flügel weit aus
und fliegen gemeinsam in neue Welten hinaus

© Aquamarin Sep. 2002

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Der Feendrache (Melanie Möller)

Ein Wesen gar lieblich und klein
sein Herz ist edel und rein.
Sein Gemüt ist von Güte und Sanftmut
in den Blättern der Bäume es friedlich ruht.

Wurzeln, Obst und Nüsse sind seine Speisen,
mit den Elfen und Feen geht es auf Reisen.
Auf seinem Rücken sind schimmernde Schwingen
ist selig und glücklich mit seinem Sinnen.

Sein Körper hat kleine seidene Härchen
seine Existenz ist verankert in Legenden und Märchen.
Mühelos fliegt es durch Zeit und Raum
ist viel mehr als nur ein Kleinmädchentraum

– der Feendrache

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Kadmos und der Drache des Ares (Ciruelo Cabral)

Agenor, der König von Tyrus und Sidon, hatte drei Söhne und eine wunderschöne Tochter namens Europa. Als Zeus, in Gestalt eines Stieres, Europa entführt hatte, schickte der König seine Söhne los, um die verlorene Tochter zu suchen und zurückzubringen. Die drei jungen Männer machten sich auf den Weg, erkannten aber bald die Hoffnungslosigkeit ihrer Suche. Kadmos, einer der Brüder, wandte sich an das Orakel von Delphi. Das Orakel riet ihm, von der Suche nach der Schwester abzulassen und stattdessen eine Stadt zu gründen. Um den rechten Platz dafür zu finden, sollte Kadmos einem Rind folgen; an der Stelle, wo es sich im Gras zur Ruhe legen würde, wäre der richtige Ort. Kadmos zog umher, bis er ein fruchtbares Tal erreichte. Es war entlegen und menschenleer. Er fand das Rind, das noch niemals ein Joch ertragen mußte und folgte ihm. An einem herrlichen Platz nahe eines Flusses ließ sich das Tier nieder; der junge Mann entschied, die Stadt genau an diesem Ort zu gründen. Da sich die Prophezeiung erfüllt hatte, opferte er das Tier für die Göttin Athene und fiel darauf erschöpft in einen tiefen Schlaf. In seinen Träumen erschien ihm eine überaus schöne Frau in weißen Gewändern. Sie trug einen Helm und einen glänzenden Brustpanzer. In ihren Händen hielt sie eine silberne Lanze und einen Schild, auf einer Schulter kauerte eine Eule “ Kadmos erkannte die Göttin Athene.
Die Erscheinung sprach mit sanfter Stimme: „Kadmos, tapferer Recke, du sollst tatsächlich eine Stadt hier gründen. Doch zuvor mußt du einen ungeheuren Drachen töten, der den Quell des Ares bewacht. Dann sollst du seine Zähne in aufgelockertes Erdreich säen.“
Kadmos zog voller Mut in den Kampf gegen die Bestie. Der mächtige Drache versuchte jede erdenkliche List, doch Kadmos kämpfte unerschüttert. Der Boden war über und über mit Blut bedeckt, Felsen flogen durch die Lüfte wie Kieselsteine. Die Schreie des Helden nud das Brüllen des Drachen konnte bis zum Olymp vernommen werden, wo das Kampfgetümmel den Göttervater bei der Ruhe störte. Verdrossen schickte er seine Tochter Athene Kadmos zu Hilfe, damit diese Schlacht ein für allemal beendet würde. Gehorsam erschien die Göttin auf dem Schlachtfeld, doch selbst mit ihrer Unterstützung brauchte Kadmos noch einen weiteren Tag, um den Drachen zu töten. Er brach die Zähne aus dem Rachen der toten Bestie, pflügte ein Feld und säte sie in den mit Blut und Schweiß getränkten Boden. Eine ganze Saat bewaffneter Männer wuchs vor seinen Augen aus dem Boden. Sie bekämpften einander, bis nur noch 5 Männer übrig waren. Diese warfen auf Athenes Geheiß die Waffen zu Boden, erkannten Kadmos als ihren König und erbauten die Mauern der Stadt Theben. Von nun an regierte Kadmos diese Stadt, deren Männer für ihren Mut und ihre Tapferkeit berühmt waren, waren sie doch den Zähnen eines Drachen entsprungen.

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Der dreizehnte Sohn des Königs von Erinn (Sigrid Früh)

Der dreizehnte Sohn
des Königs von Erinn


Vor langer Zeit lebte einmal ein König in Erinn, und der hatte dreizehn Söhne. Als sie herangewachsen waren, ließ er sie in allen Künsten unterweisen, die ihrem Rang angenmessen waren. Nun geschah es, daß der König eines Tages auf der Jagd zu einem See kam, darauf sah er eine Schwanenmutter mit dreizehn Jungen. Diese aber hielt nur zwölf davon bei sich. Das dreizehnte aber trieb sie immerzu weg und ließ es den andern nicht nahe kommen. Darüber wunderte sich der König sehr. Als er nun nach Hause kam, rief er seinen Ratgeber, den alten blinden Weisen, zu sich, und sprach: „Etwas Seltsames sah ich heute bei der Jagd. Da war eine Schwanenmutter mit dreizehn Jungen. Doch sie behielt nur zwölf bei sich und trieb das dreizehnte immerzu weg. Sage mir doch du, der du weise bist, was hat das zu bedeuten? Warum sollte eine Mutter ihr dreizehntes Kind hassen und die zwölf andern beschützen ?“ „Wisse“, sprach der alte blinde Weise, „alle Geschöpfe der Erde, ob Tier oder Mensch, welche dreizehn .Junge haben, sollten das dreizehnte wegstoßen, damit es allein durch die Welt wandere und sein Schicksal suche, damit der Wille des Himmels sein Werk an ihm tun kann und die andern verschonen möge. Auch du, mein König, der du dreizehn Söhne hast, mußt den dreizehnten der Diachbha, der Schicksalsgottheit, ausliefern.“ „War es das, was die Schwanenmutter mir zeigen wollte, daß auch ich meinen dreizehnten Sohn der Diachbha geben muß?“
„Ja, so ist es“, sprach der Weise, „du mußt einen von deinen dreizehn Söhnen hergeben.“
„Ach“, klagte der König, „wie kann ich einen fortgeben, wenn ich sie alle liebe, und welcher sollte es denn sein?“ „Ich will dir sagen, was du tun mußt“, antwortete der Weise. „Wenn heute abend deine dreizehn Söhne heimkommen, so schließe die Tür vor dem letzten.“ Nun war aber einer der Königssöhne sehr langsam. Er war nicht so flink und gewandt wie seine Brüder. Es war der Älteste, und man nannte ihn Sean Ruadh (der rote Johann), und doch war er der beste und größte Held von allen. An diesem Abend nun kam er als letzter heim, und als er vor der Türe stand, schloß sie sein Vater vor ihm zu. Sean Ruadh hob die Hände auf und sprach: „Was willst du von mir, was hast du mit mir vor, Vater?“ „Die Pflicht fordert von mir“, sprach der König, „daß ich einen meiner Söhne der Diachbha zu geben habe, und weil du heute abend der letzte warst, mußt du gehen.“ „Dann will ich gehen“, sprach der Sohn. „Gib mir eine Ausrüstung für die Wanderung in die weite Welt.“ Die Ausrüstung wurde gebracht, und Sean Ruadh legte alles an. Zuletzt gab ihm der Vater noch ein schwarzes Roß, das so schnell war, daß es den Wind vor sich überholen und den Wind hinter sich weit zurücklassen konnte. Sean Ruadh bestieg das Roß und ritt davon, ohne zu rasten und zu ruhen.
Eines Morgens nahm er ein paar alte Kleider, die er in seinem Bündel am Sattel hatte, heraus, zog sie an, ließ sein
Pferd im Wald zurück und ging auf eine Lichtung.
Er mußte nicht lange warten, bis ein fremder König heranritt und zu ihm sprach: „Wer bist du, und wohin gehst du?“ „Oh“, sagte Sean Ruadh, „ich streife nur so umher, ich weiß nicht, was ich tun soll, und habe kein Ziel.“
„Wenn es so mit dir steht“, meinte der König, „dann komm mit mir.“
„Wozu soll ich mit dir gehen?“ fragte Sean Ruadh.
„Ich habe eine große Herde Kühe“, sagte der König, „und ich habe keinen Hirten für sie. Doch habe ich noch eine andere Sorge und einen großen Kummer. Meine Tochter wird nämlich bald eines schrecklichen Todes sterben, denn tief ins Meer lebt eine riesige Seeschlange, und dieses Ungeheuermußallesieben Jahreeine Königstochterbekonmmen, die es verschlingt. Alle sieben Jahre taucht das Untier aus dem Meere auf, um seinen Tribut zu fordern, und dieses Mal ist die Reihe an meiner Tochter. An welchem Tag genau das Ungeheuer auftauchen wird, wissen wir nicht. Das ganze Land trauert mit mir um mein unglückliches Kind.“ „Vielleicht wird einer kommen, der sie retten wird“, sprach Sean Ruadh.
„Ach“, sprach der König, „es ist schon ein ganzes Heer von Königssöhnen da. Alle haben versprochen, sie zu retten, aber ich fürchte, keiner von ihnen wird den Kampf mit der Seeschlange bestehen.“ Sean Ruadh kam mit dem König überein, daß er ihm sieben Jahre dienen wolle, und ging mit ihm heim. Ani nächsten Morgen trieb Sean Ruadh des Königs Kühe auf die Weide. Nun aber lebten nicht weit von der Burg des Königs drei Riesen. Sie hausten in drei Schlössern. Sean Ruadh trieb die Herde bis zum Weideland der Riesen, stieß ein Stück der Umfassungsmauer um und ließ die Kühe hinein. Das Gras war sehr hoch und dreimal so gut wie auf den besten Weiden des Königs. Als Scan Ruadh nun dasaß und die Kühe hütete, kam ein Riese auf ihn zu und schrie laut: „Ich weiß nicht, soll ich dich in die Lüfte blasen, daß du in tausend Stücke zerfällst, oder soll ich dich mit einem Bissen verschlingen!“ „Pralle nicht“, sprach Sean Ruadh, „du sollst wissen, daß ich hergekommen bin, dir das Lebenslicht auszublasen.“ „Welche Art des Kampfes willst du?“ fragte der Riese. „Auf den grauen Steinen oder mit scharfen Schwertern?“
„Kämpfen will ich mit dir auf den grauen Steinen!“ rief Sean Ruadh, „wo deine ungeschlachten Beine immer tiefer einsinken, meine aber oben bleiben werden.“ Sie fingen an zu kämpfen. Beim ersten Mal drückte Sean Ruadh den Riesen bis zu den Knien zwischen die harten grauen Steine, beim zweiten bis zum Gürtel und beim dritten bis zu den Schultern.
„Halt ein! Zieh mich raus!“ schrie der Riese. „Ich will dir auch mein Schloß und alles, was ich besitze, geben. Mein Lichtschwert will ich dir geben, das jeden Gegner mit einem einzigen Streich tötet. Mein schwarzes Pferd will ich dir geben, das schneller ist als der Wind. All dies findest du in meinem Schloß.“
Sean Ruadh tötete den Riesen und ging hinauf zum Schloß. Dort sprach die Magd zu ihm: „Sei von Herzen willkommen, du hast mich aus der Gewalt des schrecklichen Riesen befreit. Komm mit mir, ich will dir all seine Schätze zeigen.“
Sie öffnete die Tür zur Kammer des Riesen und sagte: „Hier sind die Schlüssel des Schlosses. Alles ist dein.“ „Behalte sie, bis ich wiederkomme. Ich lege mich jetzt zurrt Schlafe nieder. Wecke mich bei Sonnenuntergang“, sprach Sean Ruadh und legte sich in des Riesen Bett. Er
schlief, bis die Sonne sich dem Untergang neigte. Dann weckte ihn die Magd, und er trieb des Königs Herde nach Hause. Noch nie hatten die Kühe soviel Milch gegeben wie an diesem Abend. Sie gaben soviel Milch wie sonst in einer Woche.
Sean Ruadh aber ging zum König und fragte: „Ist die schreckliche Seeschlange wieder aus dem Meere aufgetaucht?“
„Nein, noch ist meine Tochter am Leben“, antwortete der König. „Aber wer weiß, vielleicht kommt das Ungeheuer schon morgen.“
„Vielleicht kommt es auch morgen nicht, sondern erst an
einem anderen Tag“ , sprach Sean Ruadh und ging wieder in den Stall. Und der König hatte keine Ahnung, wie stark Sean Ruadh war, denn er ging barfuß, zerlumpt und abgerissen.
Am zweiten Morgen trieb Sean Ruadh des Königs Kühe auf des zweiten Riesen Land. Auch dieser kam herausgerannt mit denselben Fragen und Drohungen wie der erste, und der Kuhhirte gab die gleichen Antworten wie am Tage zuvor. Wieder fingen sie an zu kämpfen, und als der Riese bis zu den Schultern in dem harten grauen Felsen steckte, sprach er: „Wenn du mir das Leben schenkst, will ich dir mein Lichtschwert und mein rotes Pferd
eben.“
„Wo ist dein Lichtschwert?“ fagte Sean Ruadh.
„Es hängt über meinem Lager“, antwortete der Riese.
Da lief Sean Ruadh zum Schloß des Riesen, nahm das Schwert von der Wand, und laut schrillte das Schwert, als er es packte, doch er ließ es nicht los, eilte zum Riesen zurück und fragte: „Wie kann ich des Schwertes Schneide prüfen?“
„An einem Stock“, war die Antwort.
„Keinen besseren Stock seh ich als deinen Hals“, sagte Sean Ruadh und schlug dem Riesen den Kopf ab. Darauf ging er wieder in das Schloß und hing das Schwert auf. „Segen über dich, daß du den Riesen getötet.“ rief die Magd. „Komm, und ich will dir all seine Schätze zeigen.“ In diesem Schloß fand Sean Ruadh noch größere Schätze als im ersten. Wieder gab er der Magd, nachdem er alles gesehen hatte, die Schlüssel, damit sie diese für ihn aufbewahre, bis er- sie brauche. Wieder schlief er wie ans Tag zuvor. Am Abend trieb er wieder die Herde nach Hause. Der König aber sprach: „Seit du hier bist, lacht mir das Glück. Meine Kühe haben heute dreimal soviel Milch gegeben wie gestern.“
„Kam das Ungeheuer heute?“ fragte Sean Ruadh.
„Auch heute ist es nicht aus dem Meer aufgetaucht“, antwortete der König, „aber es kann sein, daß es morgen kommt.“
Ani dritten Morgen trieb Sean Ruadh des Königs Kühe aus, und er trieb sie auf das Land des dritten Riesen. Auch dieser kam sogleich herbei und kämpfte mit dem Hirten einen noch wilderen Kampf als die beiden anderen. Aber Sean Ruadh stieß den Riesen bis zu den Schultern in die grauen Steine.
Da rief der Riese: „Laß mich am Leben, und ich schenke dir mein Lichtschwert und mein weißes Pferd mit der silbernen Mähne, das schneller ist als der Gedanke des Menschen.“
Sean Ruadh aber tötete den Riesen. Auch in dessen Schloß wurde er von der Magd mit Freude und Segenswünschen empfangen. Sie zeigte ihm alle Schätze und übergab ihm die Schlüssel. Doch auch diese ließ er ihr zur Bewahrung, his er sie brauchen würde.
Am Abend gaben des Königs Kühe noch mehr Milch als zuvor.
Als der vierte Tag gekommen war, zog Sean Ruadh wieder mit der Herde aus. Er machte halt vor dem Schloß des ersten Riesen, und die Magd mußte ihm das Gewand des Riesen bringen. Dieses war tiefschwarz. Er legte es an und
war schwarz wie die Nacht, und er gürtete sich das Lichtschwert um. Dann bestieg er das schwarze Roß, das schneller war als der Wind, und zwischen Himmel und Erde dahinsausend machte er nicht eher halt, als bis er zum Meeresstrand kam. Dort sah er Hunderte und aber Hunderte von Königssöhnen, die alle den sehnlichen Wunsch hatten, des Königs Tochter zu retten. Zugleich aber hatten sie solche Angst vor dem schrecklichen Ungeheuer, daß sie sich nicht in seine Nähe trauten.
Als Sean Ruadh die Königstochter und die zitternden Ritter gesehen hatte, ritt er auf seinem schwarzen Roß zum
Schloß, und der König erblickte einen schönen Fremdling, der zwischen Himmel und Erde heranritt und vor ihm halt machte.
„Ist am Meeresufer ein Markt oder ein großes Kampfspiel ?“ fragte der Fremde.
„Hast du nicht gehört“, antwortete der König, „daß heute ein Ungeheuer, die große Seeschlange aus dem Meer auftauchen wird, um meine Tochter zu verschlingen ?“ „Nein, ich habe nichts vernommen“, sprach der Fremde, wandte sein Roß und verschwand. In kurzer Zeit war der schwarze Reiter bei der Königstochter, die allein auf einem Felsen über dem Meere saß. Wie sie den Fremden erblickte, dachte sie, er sei der schönste Mann auf Erden, und ihr Herz frohlockte.
„Hast du denn keinen, der dich retten kann fragte der Reiter.
„Nein, niemanden“, antwortete die Königstochter.
„So erlaube, daß ich mein Haupt in deinen Schoß lege, bis das Ungeheuer kommt, dann wecke mich auf.“ Er legte sein Haupt in ihren Schoß und fiel in tiefen Schlaf. Doch während er schlief, nahm die Königstochter drei Haare von seinem Haupt und barg sie an ihrem Busen. Kaum hatte sie das getan, da tauchte das Ungeheuer aus dem Meere auf. Es war groß wie eine Insel, und während es herankam, blies es das Wasser gen Himmel. Sie weckte den Fremden, und dieser sprang in die Höhe. Die große Seeschlange näherte sich der Königstochter und riß den Rachen auf, so weit wie ein Brückenbogen.
Aber schon stand der schwarze Ritter da und rief: „Diese Jungfrau gehört inir, rühre sie nicht an!“
Dann zog er sein Lichtschwert und hieb dem Ungeheuer mit einem einzigen Streich das Haupt ab. Aber siehe, das Haupt fuhr zurück an seinen Platz und wuchs wieder an. In einem Augenblick hatte der Seedrache sich umgewendet und eilte ins Meer zurück. Und im Forteilen schrie er
noch: „Morgen werde ich wiederkommen und die ganze Welt verschlingen !“
„Vielleicht“, sprach der schwarze Ritter, „wird ein anderer als ich dir hier entgegentreten.“
Sean Ruadh aber bestieg sein schwarzes Pferd und war auf und davon, ehe die Königstochter ihn hindern konnte. Und ihr Herz war traurig, als sie ihn schneller als der Wind zwischen Himmel und Erde davoneilen sah. Sean Ruadh ritt zum Schloß des ersten Riesen, brachte das Pferd in den Stall, legte Kleider und Schwert ab. Dann schlief er auf des Riesen Bett, bis die Magd ihn am Abend weckte. Und er trieb die Kühe heim wie jeden Tag. Er begegnete dem König und fragte: „Wie ist es deiner Tochter heute ergangen ?“
„Oh, das Ungeheuer stieg aus dem Meer, um sie zu holen, aber ein wunderschöner schwarzer Held kam zwischen Himmel und Erde angeritten und rettete sie.“ „Wer ist denn dieser Held gewesen?“ „Unter den Rittern sind viele, die behaupten, sie hätten sie
gerettet. Aber noch ist meine Tochter nicht in Sicherheit,
denn morgen wird der Meeresdrache wiederkommen.“ „Fürchte dich nicht, sicher kommt morgen ein anderer Ritter.“
Früh am nächsten Tag trieb Sean Ruadh des Königs Herde auf das Land des zweiten Riesen. Er machte halt vor dem Schloß, und die Magd mußte ihm das Gewand des zweiten Riesen bringen. Dieses war rot. Er legte es an und war rot wie die aufgehende Sonne. Und er gürtete sich das Lichtschwert um. Dann bestieg er das rote Roß, das schneller war als der Blitz, und zwischen Himmel und Erde dahinsausend machte er nicht eher halt, als bis er zum Meeresstrand kam, wo er wieder die Königssöhne und Ritter zittern sah. Die Königstochter aber saß allein auf dem Felsen.
Wieder ritt Sean Ruadh zum König und fragte: „Ist am Meeresufer ein Markt oder ein großes Kampfspiel?“ Und wieder erhielt er die gleiche Antwort wie am Tag zuvor. „Ist denn kein Held da, sie zu retten?“ „Ritter und Königssöhne sind genug da“, antwortete der König. „Alle versprechen, sie zu retten, und alle behaupten, sie wären sehr tapfer, doch keiner wird zu seinem Wort stehen und dem Ungeheuer entgegentreten, wenn es sich aus dem Meer erhebt.“ Ehe der König sich versah, war der Fremde verschwunden. In kurzer Zeit war der rote Reiter bei der Königstochter, die allein auf dem Felsen über dem Meer saß.
„Hast du denn keinen, der dich retten kann?“ fragte der Reiter. „Nein, niemanden.“ „So erlaube, daß ich mein Haupt in deinen Schoß lege, bis das Ungeheuer kommt, dann wecke mich auf.“ Er legte sein Haupt in ihren Schoß und fiel in tiefen Schlaf. Doch während er schlief, nahm die Königstochter die drei Haare aus ihrem Busen, verglich sie mit seinem Haar und sprach zu sich selbst: „Es ist derselbe Ritter, der gestern hier war.“
Als der Seedrache über das Wasser heranbrauste, weckte die Königstochter den Fremden. Der sprang auf und eilte zum Ufer. Noch schneller als am Tag vorher raste das Ungeheuer heran. Noch mehr Wasser warf es in die Höhe, und mit aufgerissenem Rachen kam es an Land. Wieder stellte sich Sean Ruadh in den Weg und schlug mit einem Schwertstreich das Ungeheuer in zwei Hälften. Doch die beidem Hälften schlossen sich wieder und waren eins wie zuvor.
Das Untier wandte sich zum Meer und schrie: „Alle Helden auf Erden werden die Jungfrau morgen nicht vor mir retten.“
Sean Ruadh schwang sich auf sein Pferd und ritt zurück. Fort war er und ließ die Königstochter in Verzweiflung zurück. Sie raufte sich ihr Haar und vergoß Ströme von Tränen über den Verlust des roten Ritters, des einzigen Mannes, der Mut genug besessen hatte, für sie zu kämpfen. Sean Ruadh aber zog im Schloß seine alten Kleider an und trieb die Kühe heim wie jeden Abend. Der König erzählte ihm: „Ein fremder Ritter, ganz in Rot gekleidet, hat heute meine Tochter gerettet. Doch sie weint sich die Seele aus dem Leib, weil er fort ist. Aber noch ist meine Tochter nicht in Sicherheit, denn morgen wird der Meeresdrache wiederkommen.“ „Fürchte dich nicht, denn morgen kommt sicher wieder ein anderer Ritter“, antwortete Sean Ruadh. Früh am nächsten Tag trieb Sean Ruadh die Herde auf das Land des dritten Riesen. Er machte halt vor dem Schloß, und die Magd mußte ihm das Gewand des dritten Riesen bringen. Dies war weiß mit Gold und Silber. Er legte es an und war strahlend schön wie der lichte Tag. Er gürtete sich das Lichtschwert um und bestieg das weißsilberne Pferd, das schneller ist als der Gedanke des Menschen. Als er fort reiten wollte, sprach die Magd zu ihm: „Heute wird das Ungeheuer so voller Wut sein, daß niemand es aufhalten kann. Wenn es sich aus dem Wasser heben wird, werden drei große Schwerter aus seinem Rachen kommen, und diese vermögen die ganze Welt in Stücke zu hauen und zu vernichten, wenn sie ihm zur Schlacht entgegenträte. Nur einen Weg gibt es, den Seedrachen zu überwinden. Nimm diesen roten Apfel, steck ihn an deinen Busen, und wenn das Untier vom Meer gegen dich anstürmt, dann wirf ihm den Apfel in den offenen Rachen, und du wirst sehen, der große Drache wird sich auflösen und auseinander fließen und auf dem Strand sterben.“ Sean Ruadh flog auf seinem weißsilbernen Roß zwischen Himmel und Erde dahin, dreimal so schnell wie am Tage zuvor. Wieder sah er die Jungfrau allein auf dein Felsen sitzen. Wieder sah er die zitternden Königssöhne und Ritter in der Ferne warten, um alles mit anzuschauen, was geschehen würde. Sean Ruadh ritt wieder zum König und fragte: „Ist am Meeresufer ein Markt oder ein großes Kampfspiel?“ Und wieder erhielt er die gleiche Antwort wie am Tage zuvor. Ehe der König sich versah, war der Freinde verschwunden.
In kurzer Zeit war der weiße Ritter bei der Königstochter. „Hast du denn keinen, der dich retten kann?“ „Nein, niemanden.“
„So erlaube, daß ich mein Haupt in deinen Schoß lege, bis das Ungeheuer kommt, dann wecke mich auf.“ Er legte sein Haupt wieder in ihren Schoß und fiel in tiefen Schlaf. Doch während er schlief, verglich die Königstochter die drei Haare mit seinem Haar und sprach wieder „Es ist derselbe Ritter, der mich schon zweimal gerettet hat.“
Als der Seedrache kam, weckte die Königstochter den Fremden. Der sprang auf die Füße und lief zum Meeresufer. Furchtbar war das Untier anzuschauen. Es war von ungeheurer Größe und hatte ein Maul so riesig, daß es die ganze Welt hätte verschlingen können, und aus dem Maul kamen drei scharfe Schwerter hervor. Mit wildem Brüllen
stürzte sich das Untier Sean Ruadh entgegen. Aber dieser schleuderte ihm den roten Apfel in den Rachen. Da fiel das Untier am Strande nieder, löste sich auf und floß auseinander.
Sean Ruadh sprach zur Königstochter: „Dieser Drache wird niemals mehr Unheil anrichten.“ Die Königstochter lief zu ihm hin und wollte ihn festhalten. Aber er saß schon auf dein weißsilbernen Roß und war auf und davon, zwischen Himmel und Erde dahinreitend, ehe sie ihn hindern konnte. Sie hatte jedoch einen seiner Stiefel aus purem Silber so fest umklammert, daß Sean Ruadh ihn in ihrer Hand zurücklassen mußte.
Als er an diesem Abend die Kühe heim trieb, kam der König aus dem Schloß, und Sean Ruadh fragte: „Was gibt es Neues von dem Seedrachen?“
„Oh“, sprach der König, „ich habe nichts wie Glück, seit du gekommen bist. Ein Ritter, schön wie der lichte Tag auf einem weißsilbernen Roß, zwischen Himmel und Erde dahinreitend, hat heute das Ungeheuer vernichtet. Meine Tochter ist für alle Zeiten vor ihm sicher. Doch sie ist in großer Trauer und weint bittere Tränen, weil ihr Retter verschwunden ist.“
Am Abend dieses Tages gab es ein Fest in dem Königsschloß, wie es noch nie eins gegeben hatte. In den Hallen ergingen sich die vielen Königssöhne und Rittet‘, und Jeder von ihnen prahlte: „Ich bin der, der die Königstochter errettet hat.“
Der König aber sandte nach dem alten blinden Weisen und fragte, was er tun sollte, uni den Mann zu finden, der seine Tochter wirklich errettet habe.
Da sprach der alte Weise: „Laß Botschaft ergehen an alle Welt, daß der Mann, an dessen Fuß der silberne Stiefel paßt, der Held sei, der den Drachen vernichtet habe, und daß du ihm deine Tochter zur Frau geben wolltest.“ Da ließ der König Botschaft und Kunde ausgehen durch alle Lande, jeder Mann solle kommen und den Stiefel zur Probe anlegen. Aber er war zu groß für die einen und zu klein für die andern.
Da sich nun keiner gefunden hatte, dem der Stiefel gepaßt hätte, sprach der alte blinde Weise: „Nun haben alle versucht, den Stiefel anzuziehen, nur der Kuhhirte nicht.“ „Ach, der ist ja immer mit den Kühen unterwegs“, sagte der König, „den brauchen wir nicht zu fragen.“
„Schicke trotzdem zwanzig Mann aus“, sprach der alte Weise, „und laß den Kuhhirten holen.“ Da sandte der König zwanzig Mann aus, und die fanden
den Hirten im Schatten einer Mauer schlafend. Da machten sie sich daran, ein Heuseil zu drehen, um ihn zu binden. Aber er erwachte und hatte zwanzig Seile gedreht, bevor sie eines fertig hatten. Dann band er die zwanzig zu einem Bündel zusammen und hing das Bündel an der Mauer auf. Im Schloß warteten sie lange Zeit. Als die zwanzig mit dem Kuhhirten noch immer nicht kamen, da sandte der König schließlich zwanzig weitere aus, um zu sehen, warum es so lange dauere. Als sie den Kuhhirten gefunden hatten, begannen auch diese ein Heuseil zu drehen. Doch es erging ihnen wie den andern. Auch sie wurden in ein Bündel zusammengebunden und zu den andern zwanzig gehängt.
Als nun weder die einen noch die andern heimkamen, sprach der alte blinde Weise zum König: „Geh jetzt nur selbst. Wirf dich vor dem Kuhhirten auf die Knie, denn er hat je zwanzig Mann in zwei Bündel aneinandergebunden.“
Da ging der König auf die Weide und warf sich vor dem Kuhhirten nieder.
Der hob ihn sogleich auf und fragte: „Was soll das bedeuten ?“
„Komm mit und lege den silbernen Stiefel an!“
„Wie kann ich mitgehen, wenn ich hier meine Arbeit zu tun habe?“
„Oh, das soll dich nicht hindern, du kommst bald genug zurück, um deine Arbeit fertig zu machen.“ Sean Ruadh band die vierzig Mann los und ging mit dem König. Als er zum Schloß kam, sah er des Königs Tochter in ihrer Kammer im Turm am Fenster sitzen, und der silberne Stiefel stand auf der Fensterbank vor ihr. Im selben Augenblick sprang der Stiefel durch die Luft und legte sich von selbst an seinen Fuß. Die Königstochter aber lief die Treppen hinunter und umarmte und küßte ihn. Der ganze Platz aber stand voller Königssöhne und Ritter. „Was wollen diese Männer hier?“ fragte Sean Ruadh.
„Sie haben versucht, den Stiefel anzuziehen, und hofften, daß er passe.“
„Macht euch hinweg, ihr Feiglinge, ihr Prahler“, rief Sean Ruadh, „damit mein Zorn nicht über euch komme.“
Da stoben sie in alle Winde davon. Der König aber sandte Boten an alle Könige und Königinnen, auch an Diarmuid, den Sohn des obersten Herrschers des Lichts. Sie sollten zur Hochzeit seiner Tochter mit Sean Ruadh kommen. Nach der Hochzeit ging Sean Ruadh mit seiner Frau in das Königreich der Riesen und lebte da und ließ seinen Schwiegervater König in seinem eigenen Land bleiben.
[Märchen aus Irland]

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