Drachen in der Literatur

Andre Zeiten, andre Drachen (Christian Morgenstern)

Immer nicht an Mond und Sterne
mag ich meine Blicke hängen –:
Ach man kann mit Mond und Sternen,
Wolken, Felsen, Wäldern, Bächen
allzuleichtlich kokettieren,
hat man solch ein schelmisch Weibchen
stets um sich wie Phanta Sia.

Darum senk ich heut bescheiden
meine Augen in die Tiefe.
Hier und da ein Hüttenlichtlein;
auch ein Feuer, dran sich Hirten
nächtliche Kartoffeln braten –
wenig sonst im dunklen Grunde.
Doch! da drunten seh ich eine
goldgeschuppte Schlange kriechen …

Hochromantisches Erspähnis!
Kommst du wieder, trautes Gestern,
da die Drachen mit den Kühen
friedlich auf den Almen grasten,
wenn sie nicht grad Flammen speien
oder Ritter fressen mußten –
da der Lindwurm in den Engpaß
seinen Boa-Hals hinabhing
und mit grünem Augenaufschlag
Dame, Knapp und Maultier schmauste –
kommst du wieder, trautes Gestern?

Eitle Frage! Dieses Schuppen-
Ungetüm da drunten ist ein
ganz modernes Fabelwesen,
unersättlich zwar, wie jene
alten Schlangen, doch auch wieder
jenem braven Walfisch ähnlich,
der dem Jonas nur auf Tage
seinen Bauch zur Herberg anbot.

Feuerwurm, ich grüße froh dich
von den Stufen meines Schlosses!
Denn ob mancher dich auch schmähe,
als den Störer stiller Lande,
und die gelben Humpeldrachen,
die noch bliesen, noch nicht pfiffen,
wiederwünschte, – ich bekenne,
daß ich stolz bin, dich zu schauen.
Höher schlägt mir oft das Herze,
seh ich dich auf schmalen Pfaden
deine Wucht in leichter Grazie
mit dem Flug der Vögel messen
und mit Triumphatorpose
hallend durch die Nächte tragen.

Sinnbild bist du mir und Gleichnis
Geistessiegs ob Stoffesträgheit!
Gleichnis bist du neuer Zeit mir,
die, jahrtausendalter Kräfte
Erbin, Sammlerin, sie spielend
zwingt und formt, beherrscht und leitet!

Andre Zeiten, andre Drachen,
andre Drachen, andre Märchen,
andre Märchen, andre Mütter,
andre Mütter, andre Jugend,
andre Jugend, andre Männer –:
Stark und stolz, gesund und fröhlich,
leichten, kampfgeübten Geistes,
Überwinder aller Schwerheit,
Sieger, Tänzer, Spötter, Götter!

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Aufenthalt im Wasserreich (Ciruelo Cabral)

Durch Weingärten und Olivenhaine im Süden Frankreichs, vorbei an den bernsteinfarbenen Schlössern der Herren der Provence und an den rotgedeckten Häusern ihrer Untertanen entlang, floss die Rhone. Der stetige Strom ihres Wassers verriet nicht, dass sie Drachen beherbergte. Einer jedoch hauste in ihren Tiefen: Nahe der Stadt Beaucaire, wo die Rhone in Biegungen dem Meer zustrebte, war die Lagerstatt des Drac verborgen, eines riesigen, uralten Wesens; er verstand sich auf Zauberei, die er für seine eigenen blutigen Zwecke einsetzte.

Der Drac besaß eine Vorliebe für Menschenfleisch und machte sich ein Vergnügen daraus, Sterbliche zu jagen. Von Zeit zu Zeit verließ er den Fluss und begab sich zum Marktplatz von Beaucaire, wo er, für die geschäftigen Stadtbewohner unsichtbar, im Schatten der Platanen herumstrich, ein wachsamer Schatten zwischen Körben voller Fische und Bergen von Obst. Mit kalten, blassen Augen beobachtete der Drache die Hausfrauen, die mit den Händlern schwatzten; mit gekrümmten Klauen schnappte er sich dann geschwind ein unbeaufsichtigtes Kind.

Zum Zeitvertreib lockte der Drac manchmal auch Menschen in seinen Fluss. Einmal tat er dies zu einem seltsamen Zweck, und das geschah so:

An einem Sommernachmittag, als die Sonne unbarmherzig auf Stadt und Felder niederbrannte, ging eine junge Frau aus der Stadt zum Fluss, um die Kleider ihres Kindes zu waschen. Wie sie so ihrer Arbeit nachging, blickte die Frau über das glitzernde Wasser – und dann machte sie große Augen. Auf dem Wasser, nicht weit vom Ufer, schwamm ein goldener Becher. In dem prachtvollen Gefäß schimmerte eine Perle.

Ohne zu überlegen nahm sie den Köder an. Sie streckte die Hand nach dem hübschen Zierat aus, der Becher aber glitt außer Reichweite und glitzerte verführerisch im Sonnenlicht. Die Frau versuchte ihn abermals zu greifen; sie beugte sich über den Uferrand und verlor dabei das Gleichgewicht. Als sie fiel, griff eine Klaue nach ihr; wie eine Fessel schloss sie sich fest um die Taille der jungen Frau. Sie stöhnte und zappelte, aber gegen den Griff war sie machtlos. Sie fühlte, wie sie nach unten gezogen wurde. Während ihre Röcke sich mit Wasser vollsogen, warf sie einen letzten, verzweifelten Blick zum Ufer – sie sah, wie kleine Kleidungsstücke auf dem Gras am Fluss trockneten und das Kind, ganz allein, dasaß und wimmerte. Dann schlugen die Wasser der Rhone über ihrem Kopf zusammen.

Unerbittlich wurde sie in die kalten Tiefen des Flusses hinabgezogen, bis sie nichts wahrnahm als nasse Schwärze, durchbrochen von winzigen Lichtern, strahlend und glitzernd wie die Sterne am nächtlichen Himmel. Sie wurde ohnmächtig.

Als sie die Augen wieder aufschlug, befand sie sich in einer kristallenen Höhle. Vor den durchsichtigen Wänden wogten Wasserpflanzen, als wehe ein Landwind darüber hin. Fische schnellten vorbei. Neben ihr lag der goldene Becher, der sie verlockt hatte, und die Perle, die darin war. Und dann sah sie, wer sie gefangen genommen hatte. Riesenhaft und schimmernd hockte der Drache reglos neben dem Becher und betrachtete sie. Von seinem grünen, starren Blick gebannt, stand die Frau auf, und während sie dies tat, verblasste die Erinnerung an ihr Leben: Ihr kleiner Sohn, ihr Mann, ihr Haus im sonnigen Beaucaire, die Felder und Olivenhaine und die Stadt, das alles wurde zu winzigen Bildern, zu Miniaturen, an die sie sich undeutlich erinnerte, wie an Träume. Nur die Worte des Drachen ertönten in ihrem Kopf. Der Drac sprach mit einer Stimme, die wie ein Gong wiederhallte, und die Sterbliche gehorchte. Der Drache hatte der Frau aufgelauert, weil sie jung und gesund war – und weil sie ihren Sohn stillte. Der Drache brauchte Menschenmilch, um sein eigenes Gezücht, ein schwaches Drachenjunges, zu nähren. So wurde die junge Frau, in einem Zaubergespinst gefangen, die Sklavin des Drac und die Amme eines Drachen. Die Tage vergingen friedlich, und für die menschliche Gefangene in dem trüben Zwielicht der kristallenen Höhle unter dem Fluss war ein Tag wie der andere. Eingelullt von der Bewegung des Wassers draußen und vom Bann des Drachen, lebte sie wie in Trance. Sie säugte das Gezücht des Drac und hegte es, als sei es ihr eigener Sohn. Sie schlief, wann es der Drache gebot, und aß, was er ihr gab. Sie beobachtete die Bewegungen des Wassers durch die durchscheinenden Wände der Höhle, und mit der Zeit wurden ihr die Lebewesen der Rhone – der grün-gold gestreifte Hecht, der schlängelnde Aal, die flinke Forelle – vertraut wie einst die Bewohner von Beaucaire. Mit jedem Tag wurde ihr die Wasserwelt, die sie umgab,verständlicher und bekannter, als seien die Steine und Wasserpflanzen die Felder und Wälder ihrer vergessenen Heimat.

Ihre Sehkraft erhielt sie vom Zauber des Drachen, aber das wusste sie nicht. Jeden Abend rieb sie, wie ihr befohlen war, die Augen des Drachenjungen mit einer Salbe ein, die der Drac ihr gab. Die Salbe verlieh dem Kleinen den durchdringenden Drachenblick, und immer wenn die Frau sich ein Auge rieb, blieb etwas von der Salbe dort hängen, sodass sie ein wenig von der Zauberkraft des Geschöpfes empfing.

Sieben Jahre vergingen. Das Junge wurde groß und stark, und es kam der Tag, an dem der Drac keine Verwendung mehr für seine Gefangene hatte. Er tötete sie nicht, was er durchaus hätte tun können; aber sie hatte seinen Nachkommen genährt, und deshalb ließ er sie frei. Er belegte sie mit einem Bann des Vergessens und versenkte sie in Schlaf, bevor er sie durch den Fluss ans Tageslicht trug.

Die Frau wachte am Ufer in der Nähe ihres Hauses auf. Ein wenig verwirrt sah sie sich um, denn sie erinnerte sich an einen heißen, sonnigen Tag, als sie ihre Wäsche gewaschen und mit ihrem Kind gelacht hatte, das im Gras spielte. Jetzt aber war die Sonne untergegangen, und eines nach dem anderen flammten die Lichter der Stadt auf. Weder die Wäsche auf dem Rasen noch ihr Kind waren irgendwo zu sehen. Sie eilte über die Felder und durch die Straßen der Stadt.

Die Tür ihres Hauses stand offen, um die Abendkühle hereinzulassen, und die Frau ging hinein. Zwei Gesichter wandten sich ihr zu – das eines bärtigen Mannes und eines Knaben, der ihrem Mann glich, als dieser jung gewesen war. Einen Moment starrten sie sich gegenseitig an. Dann sprang der Mann mit einem gellenden Schrei auf. Während der Knabe mit geweiteten Augen zusah, umarmte der Mann die Frau. Er war ihr Ehemann, der sie ertrunken geglaubt und getreu sieben Jahre betrauert hatte. Er überschüttete sie mit Fragen, aber sie konnte keine Antwort geben, denn sie besaß keine Erinnerung an die Welt des Drachen. Der Knabe war ihr Sohn, aber er sprach nicht mit der bleichen, zerlumpten Fremden, ihre Schweigsamkeit schreckte ihn. Aber die Liebe des Vaters zu seiner Frau war so stark und seine Freude über ihre Wiederkehr so groß, dass der Knabe die Fremde allmählich als Mutter annahm. Und in den Wochen ihrer rätselhaften Wiederkehr gewöhnten sich auch die Nachbarn an sie. Ihre siebenjährige Abwesenheit blieb ihnen ein Geheimnis, und ihre Reden schreckten sie zuweilen. Sie träumte von Drachen, erzählte sie oft. Doch ihre Nachbarn waren liebenswürdige Menschen und ließen die Frau gewähren. Sie nahm ihr früheres geordnetes, friedliches Leben wieder auf, kochte und sorgte für den Mann und den Knaben und arbeitete mit den Leuten auf den Feldern. So hätte sie fortleben können, wäre nicht der Drachenblick gewesen. Eines Tages ging sie wie gewohnt auf den Markt, und dort, zwischen den Gemüseverkäufern und Fischhändlern, sah sie den Drac. Schuppig und schimmernd ragte er über den Stadtleuten auf. Sein Haupt reichte fast bis zu den Dachfirsten hinauf, und seine Augen schillerten grün, aber die geschäftigen Händler und ihre Kunden gingen nichtsahnend ihren Geschäften nach. Nur die Frau sah ihn. Als sie aufschrie, blickte er sie scharf an. "Siehst du mich, Sterbliche?", fragte eine Stimme in ihrem Kopf.

"Ich sehe dich, Drache", sagte sie laut, und in diesem Augenblick fielen ihr die ganzen verlorenen sieben Jahre wieder ein. Sie stand regungslos, als die Drachenklaue sich senkte und ihr das linke Auge zuhielt.

"Siehst du mich jetzt?", sagte die Drachenstimme. Sie sah ihn noch. Die Klaue wanderte zu ihrem rechten Auge,und wo der Drache gestanden hatte, sah sie nur den Marktplatz und ihre Mitmenschen. Folgsam sagte sie dem Drachen, dass sie ihn nicht mehr sehe. Sogleich durchfuhr ein blendender Schmerz ihren Kopf. Die Klaue hatte das Auge entfernt, das den Drachenblick besaß.

Halbblind lebte die Frau noch viele Jahre, und wieder und wieder erzählte sie ihre Drachengeschichte. Die Leute hielten sie für verrückt und schlugen ihre traurigen Warnungen in den Wind. So verschwanden Jahr für Jahr Kinder vom Marktplatz von Beaucaire und niemand wußte warum.

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Siegfried und Fafnir (interpretiert) (Ciruelo Cabral)

Göttervater Odin gab den Eisriesen den Auftrag, eine Brücke zu errichten, die Walhalla, das himmlische Paradies, mit der Erde verbinden sollte. Als Entlohnung verlangten die Erbauer Freyja, die Liebesgöttin. Als die Brücke fertiggestellt war, wollten die Götter Freyja wieder befreien, doch die Eisriesen verlangten einen gleichwertigen Ersatz: Sie wollten den Hort des Rheingoldes, der von den Nibelungen bewacht wurde. Die Götter waren also gezwungen, den Schatz zu rauben; sie übergaben ihn an die Eisriesen, die ihn in einer Höhle von dem Drachen Fafnir bewachen ließen. Mimi, einer der Zwerge, war verzweifelt – sie konnten alle zusammen nichts gegen diese Drachen ausrichten. Als er erfuhr, daß Siegmund, König und Held aus dem Geschlecht der Wölsunge, in einer Schlacht gefallen war, entschloß er sich, die Erziehung des nun vaterlosen kleinen Prinzen Siegfried zu übernehmen und ihn zu einem Recken auszubilden, der so mutig und stark wie der gefallene König sein würde. Als Siegfried 18 Jahre alt geworden war, übergab ihm Mimi die zerbrochenen Überreste vom Schwert seines Vater, dem magischen Balmung, und lehrte ihn, das Schwert neu zu schmieden. Nachdem das Schwert gerichtet war, erzählte Mimi vom Drachen Fafnir, erwähnte aber den Schatz nicht. „Es wäre eine große Heldentat, mein junger Siegfried, wenn ein Prinz von deiner Kraft und deinem Mut den Drachen bezwingen könnte.“ Siegfried wollte diese Aufgabe übernehmen. Er verlor keine Zeit und begab sich zur Höhle des Drachen. An der Behausung des Ungeheuers angekommen, stellte er sich auf und rief laut. Fafnir erwachte und kam aus der Höhle, um den gedankenlosen Eindringling zu verschlingen. Ohne Furcht zog der Held sein magisches Schwert und parierte die Attacke. Als der Drache seinen enormen Kopf zurückwarf, stieß er das Schwert tief in den Nacken der Bestie. Tödlich in der Gurgel getroffen, brach das Ungeheuer in einem See von Blut zusammen. Sigurd spottet : Du rietst den Rat doch ich reite dorthin wo der Hort auf der Heide liegt. Du aber lieg Im letzten Kampf, bis Hel du gehörst.“ Der sterbende Fafnir erträgt diesen Spott und versucht sogar, Sigurd vor der drohenden Gefahr zu schützen: Regin verriet mich, er verrät auch Dich. Er will unser beider Blut.“ Einige Tropfen benetzten Siegfrieds Lippen, wodurch ihm die wunderbare Gabe verliehen wurde, die Sprache der Vögel verstehen zu können: „Hier steht der junge Siegfried, der gerade den Drachen getötet hat. Wenn er in dem Blut des Drachen badet, so wird er unverwundbar werden“, sangen einige Vögel. „Er ist bei weitem nicht so gescheit wie er denkt, denn Mimi will nur den Schatz, den der Drache bewacht hat. Nun, wo der Drache tot ist, wird Mimi auch Siegfried töten“, zwitscherten andere. Der junge Held folgte dem Rat der Vögel und nahm ein Bad im Blut des Drachen – von nun an war er unverwundbar. Es war jedoch während des Badens ein Lindenblatt auf seine Schulter gefallen, so daß dieser kleine Fleck seines Körpers nicht vom magischen Blut benetzt werden konnte. Danach tötete Siegfried den hinterlistigen Mimi, der nur hinter dem Schatz hergewesen war, und kehrte zur Drachenhöhle zurück. Noch immer dem Rat der Vögel folgend, nahm sich Siegfried den magischen Helm, der ihn unsichtbar machen konnte, und den Ring der Nibelungen, den er zwischen all den Schätzen in der Höhle entdeckte. Er schob sein mächtiges Schwert Balmung zurück in die Scheide und suchte nach neuen Abenteuern.

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Das Ungeheuer Tarasque (Sigrid Früh)

Vor langer, langer Zeit, als die Rhone noch ungestüm dahin floß und gewaltige Wälder ihre Ufer säumten, geschah es, daß eines Tages ein riesiges Ungeheuer dem Meere entstieg und die Rhone zu seinem neuen Reich machte. Es war eine Drächin, halb Landtier, halb Fisch, größer und stärker als zwölf Elefanten, mit Zähnen wie Schwerter und mit einer Haut wie von Eisen. Sie war die Brut des Leviathan, des grausamen Meeresdrachen, und der schrecklichen Riesenschlange Onachus, und sie hieß Tarasque. Wohin das Untier kam, verbreitete sich Angst und Schrecken. Es flohen vor ihm die Fische und die Vögel und alle Tiere und Menschen. Wenn das Ungeheuer Wasser trank und wieder ausspie, so zerbarsten die Schiffe, und es ertranken die Fährleute. Mit einem einzigen Hieb ihrer riesigen Pranken konnte die Tarasque Häuser zusammenstürzen lassen und mit ihrem Atem alles ringsum in ein Flammenmeer verwandeln.
Kühn und tapfer waren die Söhne der Provence, und so mancher wagte den Kampf gegen das Ungeheuer. Doch keinem gelang es, die Tarasque zu besiegen, und sie verloren alle ihr junges Leben.
Sieben Jahre schon wütete das Untier, verheerte das Land und bracht Not, Tod und Unglück über die Menschen. Da sah eines Tages ein Schäfer die Drachenhaut im Sonnenlicht glänzen, und er glaubte nicht anders, als daß die Tarasque tot sei. Es war aber nur ihre abgestreifte Haut, die am Boden lag, denn die Drächin mußte sich alle sieben Jahre gleich einer Schlange häuten.
Weitere sieben Jahre zogen ins Land, und die Menschen litten mehr denn je unter der Grausamkeit der Tarasque, denn sie riß alle Brücken ein und tötete jeden, der von einem Ufer der Rhone zum andern wollte. So mußten die Menschen voneinander getrennt leben, und es war des Jammerns und des Klagens kein Ende. Endlich beschlossen sie, das Ungeheuer mit Hilfe einer List zu besiegen: Unweit der Stadt Avignon nämlich war
ein tiefer, tiefer Sumpf, und wer da hineingeriet, der war für immer verloren. Dorthin wollten sie die Drächin locken. Also banden sie auf dem Wege zu jenem Sumpf Pferde, Schafe, Ochsen und Ziegen an Bäumen fest. In der Tat folgte das Ungeheuer dieser Fährte mit den leichten
Beutetieren. Aber als die Tarasque den Sumpf erreichte, geschah etwas Seltsames: Die Tarasque achtete nicht auf ihr letztes dargebotenes Opfer, einen jungen Stier, sondern brüllte dreimal donnernd, daß die Erde erzitterte, drehte sich uni und ging geradewegs zur Rhone zurück. Den enttäuschten und verwunderten Menschen blieb nur noch die Flucht übrig. Der tiefe Sumpf nämlich war ein Ort des Teufels, und auch die Tarasque war ein Satansgeschöpf, und so konnte er ihr nichts anhaben.
Noch weitere peinvolle sieben Jahre folgten diesem Ereignis.
Da gelangte eines Tages die heilige Martha in jene Gegend, in der das Ungeheuer hauste. Sie kam vor die Tore von Jarnegues, und weil die Bewohner jener herrlichen Stadt schon viel von ihren Wundertaten gehört hatten, fielen sie vor ihr auf die Knie und baten, sie von dem Ungeheuer zu befreien.
Da machte sich Martha auf und ging in die Wälder am Ufer der Rhone. Sie ging ganz allein, barfuß und weißgewandet, und sie hatte keine Waffe zu ihrem Schutze bei sich als ein Krüglein mit Weihwasser.
Endlich fand sie das Ungeheuer. Als dieses die Jungfrau
gewahrte, brüllte es vor Freude über das neue Opfer und bewegte sich auf Martha zu. Sie aber erhob ihre Hände und formte das Zeichen des Kreuzes. Da brach die Gewalt der Tarasque, so wie die wilde Brandung sich an felsigen Gestaden bricht. Noch einmal erhob Martha ihre Hände und besprengte das Haupt der Drächin mit Weihwasser. Da wurde diese sanft wie ein Lamm. Martha band ihr ihren blauen Gürtel um den Hals und führte sie mit sich, gleich wie plan ein Pferd am Halfter führt. So ging die schöne Jungfrau mit dem Untier auf die Stadt Jarnegues zu. Die Tore waren weit geöffnet, und groß war der Jubel des Volkes. Groß war aber auch der Zorn der Menschen über die Tarasque, die so viel Unglück und Leid über sie gebracht hatte. So töteten sie die Drächin mit Lanzen und Steinen. Wenngleich Martha darüber bittere Tränen vergoß, so verzieh sie doch den Bewohnern von Jarnegues, die ihr zu Ehren eine Kirche errichteten und ihre Stadt von nun an Tarascon nannten.
[Märchen aus Südfrankreich]

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Auf dem Drachenfels

In alten Zeiten, als an den Ufern des Rheins noch Heiden wohnten, hauste im Siebengebirge ein furchtbarer Drache, dem man tagtäglich Menschenopfer darbrachte. Meist waren es arme Kriegsgefangene, die ihm vorgeworfen wurden. Unweit der Höhle band man sie fest an einen Baum, unter dem ein Altar aufgemauert war. Zur Zeit der Abenddämmerung kam das Ungeheuer hervor und verschlang gierig die Opfer.

Einst brachten die Bewohner des Landes von einem Kriegszuge eine christliche Jungfrau von großer Schönheit als Gefangene mit. Da sich die Anführer über den Besitz der Beute nicht einigen konnten, wurde die Unglückliche als Opfer für den Drachen bestimmt. Auf dem Altarsteine wurde sie, in weißem Gewande, wie eine Braut geschmückt, festgebunden. Ruhig stand sie da, ergeben in Gottes Willen. Aus der Ferne blickte das Volk wie gebannt nach der furchtbaren Stätte.

Als die letzten Strahlen der untergehenden Sonne auf den Eingang der Höhle fielen, kam mit glühendem Atem der Drache hervor und kroch nach dem Altare, um sein Opfer zu verschlingen. Doch auch da verzagte die edle Jungfrau nicht. Zuversichtlich hielt sie ihr Kreuzlein empor. Vor diesem Zeichen wich das Untier zurück; brüllend und schnaubend stürzte es sich den Felsen hinab in den Rhein.

Voll Staunen und Freude eilte das Volk herbei, um die Jungfrau zu befreien. Es bewunderte gar sehr die Macht des Christengottes und ließ die Gerettete frei in die Heimat zurückziehen.

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Dragons of autmn

Dragons of Autumn

When summer’s leaves are falling,
and dragons are old and worn.
The lulling voices of autumn are calling,
dragons from the misty early morn.
To circle over forests of red and gold,
and a sea of fallen leaves so old.
They wander ancient woods of yore,
where none but legends hath tread before.
A song they sing to morn the passing of each year,
a melancholy tune enchanting all who hear.
Slowly the hourglass doth empty,
as the ancient hands of time wind down.
Ever watchful guardians they watch the seasons change,
for the silvery frost touch where only dragons range.
As the chilling snow of winter blankets the land,
the dragons of autumn disappear and with them their song disband.

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Metamorphosis

Metamorphosis

The warm evening air hung tense,
my apprehension about this evening had begun several nights hence.
Outside all that can be heard are the heaviest of rains,
as the dragon’s presence fills the room and magic courses my veins.
Slowly I begin the chant,
in foreign tongue like some mindless rant.
Melodious words on the tip of my tongue,
to become a great creature of fiery lung.
I can feel a force rising deep within,
to fill my soul with power and keep it in.
A wave of energy encircles my soul,
while around my body the winds of change encoil.
Like a shiver up my spine it goes,
then into my mouth and throat it flows.
My skin into burnished scales is mold,
as out from my back great leathern wings unfold.
My fingers and toes become the sharpest claws,
and armored scales lacking even the smallest flaws.
A light in my soul so fiery and true,
to shed this human form and become something new.
And the time comes when the dragon that is I enters this realm,
as the ethereal barrier do I finally overwhelm.
My hopes and dreams are finally achieved,
when apprehension and worries all are relieved.
I spread my great wings to soar of in the sky,
on warm morning winds as into the sunrise I fly.
To soar across the land with the grace of a dove,
as I gaze down upon forests from the sky high above.
I glide over mountains on the back of the wind,
to float down to the sea and gaze across ocens without end.
When evening falls I make my way across moonlit night,
to join fantastic creatures in a historic flight.
The quest of my soul has finally come to pass,
as my dream of becoming a dragon has come true at last.

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The dragon of quelm

The Dragons of Quelm

Ancient dragons from a land far away,
a place where the power of magic held sway.
These great docile giants without a care in the world,
had not an inkling their lives soon would unfurl.
Mystical cities of beauty they built,
had they but known their joys would soon wilt.
They enjoyed their last days in truth without knowing,
that ever closer to their doom they were flowing.
The moment had arrived their doom was at hand,
and all their power and might did disband.
Nothing was left of the dragons of quelm,
save the lone traveler psyra on a ship without helm.
Cast out into the bleakness across time and space,
lost in a sea of stars the last of his race.
Until at last a beacon of hope he did spy,
and toward this pale blue dot with great speed did he fly.
A land he did find of richness and beauty,
and of memories of his homeworld it reminded him truly.
Yet a link to this world he had to find,
through dreams he found it in human mind.
To the human he came without worry or shame,
to ask for his aid and the power of quelm reclaim.
So together they would stay and cause past tragedies to be undone,
for with psyra of quelm would the human become one.

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Drachentraum 2 (Karin Roth)

Ein Drache im Wind
das wollte sie einst sein
war sie doch ängstlich
und immer allein.
Ein Gefährte aus alten Zeiten
Sie damals fand zitternd im Wald
Ihre Seele war schon verkümmert
Und eises kalt.
Der Drache den sie dort traf,
der machte ihr Mut
und sagte zu ihr,
es würde alles wieder gut.
So ging sie nach Haus
und begann ihr Leben neu
erst stetig und langsam
und unendlich scheu.
Doch irgendwann dann,
erstarkte ihr Herz,
sie vergaß den Kummer
und den bohrenden Schmerz.
Als ihre Seele nun breitete
die Flügel weit aus,
flog sie auf den Schwingen der Liebe
in den Himmel hinaus.
Sie war erstarkt
durch des Drachen Wort
und wusste auch für sie
gab es einen schützenden Ort.
Nun  hat sie endlich gefunden
die Liebe in ihrem Leben
und weiß tief im Herzen
sie kann diese Liebe nun auch geben.
Der Dank an den Drachen
der dieses Gefühl ihr einst gab,
den wird sie noch nehmen
hinein in ihr Grab.
Denn ohne diese Hoffnung,
wäre sie nicht mehr hier
und spürte nicht mehr
diese Lust auf Leben tief in ihr.
So hat sie gelernt
das es sich wirklich lohnt,
das der Mensch hier auf Erden
in einem Himmelreich wohnt

© Aquamarin 1.03

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Der Drachentöter (Melanie Möller)

In glänzender Rüstung steht er da,
unter seinem Helme schimmert sein güldenes Haar.
Stolz bewaffnet mit dem Schwert in der Hand
und einem hölzernen Schild wie man es nur selten gekannt.

Getroffen hat es ihn wie Schläge, wie Hiebe
als man ihm nahm seine einzig‘ wahre Liebe
als Opfer wurde sie dem schrecklichen Untier überlassen
wie sollte er des Königs Entscheidung da nicht hassen.

Doch gegen des Königs Wille kein einfacher Herr kann bestehen
nun muss er selbst als mutiger Mann seinen Helden stehen.
Und als er der Kreatur gegenüberstand, sah er rot
mobilisierte seine ganzen Kräfte und stach das Tier tot.

– der Drachentöter

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Strahlende Götter des Ostens (Ciruelo Cabral)

Zur Zeit der Tangdynastie, vor mehr als tausend Jahren, war China ein Reich der Wunder, ein Land, wo die Künste eine Vollkommenheit erreicht hatten, von der die Völker des Westens nicht einmal träumen konnten. Die Hauptstadt Tschangan, geschützt durch hohe Mauern mit zahlreichen Toren, war von einem Netz breiter Prachtstraßen durchzogen, und unter den Ziegeldächern der Palastwerkstätten arbeiteten Handwerker, die groben Lehm in allerfeinstes durchscheinendes Porzellan zu verwandeln verstanden und stumpfes Erz in glänzende Skulpturen, so lebensecht, daß sie zu atmen schienen. Aus dem Gespinst der Raupen schufen sie hauchdünne Seidenstoffe, und mit Erde und Bäumen gestalteten sie Gärten von juwelengleicher Vollkommenheit. In einem solchen Garten, geschmückt mit stillen Seen, die angelegt waren, um Mond und Sterne zu spiegeln, mit Brückenbögen und luftigen Aussichtspavillons, lebten einst zwei Drachen. Dieser Garten, den der Eremit Lu Kuei Meng in seiner kunstvollen Handschrift beschrieb, gehörte einem Edelmann, der nicht weit von Tschangan auf dem Land lebte. Er war ein Sammler von Schätzen der Natur. Schwerfällige Pandas aus den Grenzgebieten Tibets verbargen sich scheu zwischen den Bambushalmen des Gartens, goldgefiederte Pfauen und Kicherdrosseln flatterten hinter seinen durchbrochenen Mauern, Yaks und mongolische Dromedare streiften durch seine Glyzinien, ein sibirischer Tiger trottete durch sein Teehaus, und in dem glasklaren, spiegelnden Teich hauste das Drachenpaar. Die Drachen, die mit allen Köstlichkeiten gefüttert wurden, die ein Sterblicher zu bieten vermochte, waren zahme, durch die Gefangenschaft träge gewordene Geschöpfe. Tag für Tag lagen sie regungslos auf einer künstlichen Insel im See in der Sonne, ihre blauen und roten Schuppen schillerten;ihre faltigen Lider waren über gelben Augen halb geschlossen. In kurzen Abständen glitten sie ins kühle Wasser und begaben sich ans Seeufer, wo große Schüsseln aus feinem Porzelan für sie standen, gefüllt mit Kormoran und Gans, gebratenen Schwalben und Haien, mit Ente und Schwein. Drachen, so berichtete Lu Kuei Meng, waren stets gefräßig:“Die großen Wale in allen Meeren reichen nicht aus, um den Appetit der Drachen zu stillen. “ Durch unentwegte Fütterung wurde das in Gefangenschaft gehaltene Paar sanftmütig und etwas von ihrer Drachennatur ging den beiden verloren:Inzwischen ganz und gar erdgebunden, hatten sie kaum noch Ähnlichkeit mit den wilden Geistern von Wind und Wasser, die sie einst gewesen waren. Eines Tages schwebte ein wilder Drache hoch über den Ziegeldächern der Palasthäuser. Als Herr des Windes bewegte er sich kreisend und tänzelnd nach Art des Drachenfluges mit mächtigen Schwingen auf den Luftströmungen. Schließlich erspähten seine weitblickenden Augen den Garten mit den silberblättrigen Weiden und den weißblühenden Pflaumenbäumen, und auf dem glasklaren See sah er zwei Wesen seiner Art, wie sie sich in der Sonne wärmten. Der Drache schwebte in gemächlichen Kreisen herab, bis er sich schließlich auf dem Dach des Teehauses niederließ, dessen First sich unter seinem Gewicht bog. Er beobachtete die gefangenen Drachen, er betrachtete die mit Speisen überhäuften Schüsseln, und mit hallender Donnerstimme begann er in seiner Sprache zu den beiden zu sprechen. „Fliegt mit mir in die Freiheit, Brüder“, sagte er. „Wohnt in den Tiefen der Gewässer und schwebt am Himmel. Rastet in Gefilden jenseits der Grenzen der Lüfte. Wir sind kein Spielzeug für Sterbliche, sondern Geister, die auf den Winden reiten und die Wolken vor sich herblasen. “ Doch die Drachen des Edelmannes waren verdorbene Kreaturen;es ist durchaus möglich, daß ihre erschlafften Schwingen die Fähigkeit zu fliegen verloren hatten. Sie öffneten die Augen, als das wilde Wesen sprach, doch ihre schweren Kiefer blieben auf dem warmen Felsgestein im See liegen. Die goldenen Augen schlossen sich langsam wieder. Die Drachen rührten sich nicht. Abermals sprach die donnernde Stimme:“Wer bei Menschen lebt, wird für Menschen sterben. “ Und mit seinen ausladenden Schwingen die Luft umgreifend, erhob sich der wilde Drache und schwebte kreisend höher und höher in den tiefblauen Himmel hinein, bis er den Blicken entschwand. Drachen besaßen die Gabe der Vorhersehung, und die Prophezeiung erfüllte sich. Lu Kuei Meng schildert in seinem Bericht nicht, wie es dazu kam, aber der Palast des Edelmannes wurde gestürmt und geplündert, die Bewohner wurden hingerichtet, die Menagerie geschlachtet. Nur die kostbaren Drachen ließ man am Leben. Sie wurden in Ketten nach Tschangan geschafft, in einem Triumphzug durch die breiten Prachtstraßen geführt und anschließend zum Palast des Kaisers gebracht, wo man die Wundertiere den gelangweilten Höflingen zur Unterhaltung vorführte. Danach wurden die Drachen geschlachtet und verzehrt.

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Die Prinzessin in der Drachenburg (Sigrid Früh)

Es war einmal ein König, der war groß und mächtig. Über viele Reiche und Länder herrschte er. Er hatte einen ein zigen Sohn. Als dieser herangewachsen war, zog er hinaus in die Welt, um sich eine Braut zu suchen. Aber wohin er auch reiste, nirgendwo fand der Königssohn das Mädchen, dessen Bild er in seinem Herzen trug. Endlich gelangte er auf den Gipfel eines hohen Berges. Dort stand ein Turm, und in diesem Turm wohnte ein ururalter Mann, dessen Bart bis zum Erdboden reichte. Der Alte aber war ein Sternseher, und als der Königssohn ihm gesagt hatte, daß er nach einer Braut suche, da nahm er sein Fernrohr und schaute hindurch und sprach: „Deine Braut ist eine Prinzessin, die in einer Burg von drei Drachen gefangengehalten wird. Die Burg aber steht auf einem hohen Berg inmitten einer einsamen Insel, die von Stürmen umtobt ist. Es ist schwer, dorthin zu gelangen, und es ist noch schwerer, die Drachen zu besiegen.“
Der Prinz dankte dem Weisen, schwang sich auf sein Roß, nahm sein scharfes Schwert in die Hand und vertraute auf Gott.
Als er so lange, lange Zeit in der Welt umhergeritten war, begegnete ihm eines Tages eine alte Frau, die fragte ihn, wohin er gehe. Als sie vernahm, daß er zu der Burg der drei Drachen wollte, sprach sie: „Oh, es ist schwer, mit den Drachen zu streiten. Aber wenn du mir einen Dienst erweisen willst, so will ich dir gerne helfen. Wisse, ich hatte eine Tochter, die war die schönste weit und breit. Als sie herangewachsen war, da kam ein Drache geflogen und raubte sie mir. Seitdem bin ich um die ganze Welt gewandert und habe sie gesucht. Ich habe sie bis zum heutigen Tage nicht gefunden. Suche sie mir auf deinem Wege, und ich will dir ein Döschen wunderkräftiger Salbe geben. Wenn du damit deinen Leib bestreichst, wird Kraft in dich zurückkehren, die dich verlassen hat.“
Der Jüngling dankte der Alten, versprach, nach ihrer Tochter zu suchen, und ritt weiter in die Welt hinaus. Als er so viele, viele Tage und Nächte in der Welt herumgeritten war, begegnete ihm eines Tages ein alter, gebrechlicher Mann, und der Königssohn sah, daß ihn großer Kummer plagte, und fragte ihn nach der Ursache seiner Betrübnis: „Ach“, antwortete der Alte, „siebenmal bin ich um die Welt gereist und über die Meere gezogen und habe nach dem Schatz gesucht, den mir ein Drache geraubt hatte. Doch all meine Mühe war vergebens.“ „Ich bin auf dem Wege zur Burg der drei Drachen, denn dort ist ja meine geliebte Braut. Wenn ich deinen Schatz finde, so will ich ihn dir gerne bringen.“ „Der Himmel segne dich, mein Sohn. Hier, nimm diesen Beutel mit Samen. Wenn du diese Samenkörner gegen harten Felsen wirfst, so wird er zerspringen.“ Der Königssohn dankte dem Alten, gab seinem Roß die Sporen und ritt weiter in die Welt hinaus. Er ritt und ritt, viele Tage und viele Nächte ritt er so dahin. Endlich gelangte er zum Meeresufer. Weit draußen in der Ferne sah er die felsige Dracheninsel. Traurig setzte er sich am Ufer nieder, denn wie sollte er jemals hinüberkommen? Auf einmal kam ein riesengroßer schwarzer Rabe geflogen und sprach mit menschlicher Stimme: „Wer bist du? Was willst du hier an diesem öden Strand ?“ „Ich möchte auf diese Insel dort hinübergelangen und meine Braut von dem Drachen befreien, denn sie wird ja in der Drachenburg gefangengehalten.“
„So bist du der Königssohn, auf den ich schon einundzwanzig Jahre warte. Steig auf meinen Rücken, und ich werde dich hinüberbringen.“
Der Jüngling stieg auf den Rücken des Raben, und dieser flog mit ihm schneller als der Wind durch die Lüfte. Der Weg aber war weit, und dem Vogel erlahmten die Kräfte. Der Königssohn aber nahm von seiner Salbe und bestrich den Leib des Raben damit, und siehe, dessen Kräfte kehrten wieder zurück, und er brachte ihn heil auf die Felseninsel. Der Königssohn dankte dem Vogel und kletterte an den steilen Felsen empor. Auf einreal kam ein dreiköpfiger Drache herbeigeflogen, und er spie Rauch und Feuer und Schwefel. Rasch bestrich der Prinz seinen Leib mit der wunderkräftigen Salbe, und er kämpfte mit dem Untier. Nach langem Gefecht gelang es ihm, die drei Köpfe des Drachen abzuschlagen. Voller Freude betrat er nun die Burg, und da saß in einer Kammer die Prinzessin. Sie war so wunderschön, wie der Jüngling noch nie eine gesehen hatte, und sie war schöner als ihr Bild, das er in seinem Herzen getragen hatte. Sie war voller Freude, als sie den dreiköpfigen Drachen tot am Boden liegen sah. Dann aber sprach sie: „Wir müssen auf der Hut sein, denn bald kommen die beiden andern Drachen zurück, und wenn sie dich sehen, verschlingen sie dich mit Haut und Haar!“
Kaum aber hatte sie diese Worte gesprochen, da hörte man ein Sausen und Brausen in der Luft. Ein Drache mit sechs Köpfen kam geflogen und spie Feuer, Rauch und Schwefel. Schnell bestrich der Jüngling seinen Leib mit der wunderkräftigen Salbe, und nach langem, langem Kampf gelang es ihm, dein Drachen alle sechs Köpfe abzuschlagen. Glücklich umarmte und küßte ihn die Prinzessin. Dann aber sprach sie: „Eile, verstecke dich in der Truhe. Gleich wird der dritte Drache kommen, und der ist schrecklicher als die beiden ersten.“
Kaum hatte der Königssohn den Truhendeckel über seinem Haupt geschlossen, da hörte man auch schon ein Sausen und Brausen gleich einem Erdbeben. Herein kam der dritte Drache geflogen, und er hatte neun Köpfe und spie Feuer und Flammen, Rauch und Schwefel und schrie mit gewaltiger Stimme: „Es riecht nach Menschenfleisch!“ „Nein, nur ein Rabe hat einen Menschenknochen fallen lassen“, sprach die Prinzessin.
Da setzte sich der Drache an den Tisch und fraß neun Stiere, die er vorher gefangen hatte. „Diese Nacht träumte mir, es käme ein alte Frau und fragte mich, wo ihre Tochter geblieben sei“, sagte die Prinzessin. „Das war dein Glück. Hättest du gesagt, daß du es selber bist, ich hätte dich gefressen bei lebendigem Leib.“ „Und dann träumte mir von einem Mann, der war sieben Jahre um die Welt gereist und hat doch nie mehr seinen Schatz gefunden.“
„Das war dein Glück. Hättest du ihm gesagt, daß ich es selber bin, der seinen Schatz besitzt, so hätte ich dich gefressen, ungesotten und ungebraten.“
Unterdessen hatte der Königssohn alles wohl vernommen und sich den Leib mit dem Rest der wunderkräftigen Salbe bestrichen. Er sprang mit einem Male aus der Truhe und kämpfte mit dem Drachen. Lange, lange tobte der Kampf.
Endlich aber gelang es ihm, dem Drachen alle neun Köpfe abzuschlagen. Zu Tode ermattet sank der Königssohn nieder. Da bestrich ihm die Prinzessin die Stirn mit ein wenig Drachenblut, und sogleich kehrte wieder alle Kraft in ihn zurück, und sie gingen miteinander in die Schatzhöhle. Dort aber war das Tor mit einem riesigen Felsbrocken verschlossen. Da gedachte der Jüngling seiner Samenkörner und warf sie gegen den Felsen. I)a zerbarst dieser mit gewaltigem Krachen und gab die Schatzkammern des Drachen frei, die unermeßliche Mengen Gold, Silber und kostbarer Geschmeide bargen. Sie fanden auch den Schatz des alten Mannes. Da rief der Prinz nach dem Raben und gab ihm von dem Drachenblut zu trinken, denn von der Salbe war nichts mehr übrig geblieben. Der Rabe wurde davon so stark, daß er den Prinzen und die Prinzessin samt all ihrer Schätze ans andere Ufer tragen konnte. Noch ehe die beiden ihn danken konnten, hatte er sich in die Lüfte erhoben und ward nicht mehr gesehen.
Bald aber begegneten sie dem alten Mann, und der war froh und glücklich, seine Schätze wieder zu haben. Es dauerte nicht lange, so begegnete ihnen auch die alte Frau, die Königin, die ihre lichter in die Arme schloß. Alle zogen sie dann zusammen an den Königshof, in dem der Vater des Jünglings regierte. Am selben Tage noch wurde dort die Hochzeit gefeiert. Viele Tage und viele Nächte lang feierte und jubelte das Volk, und wenn sie nicht gestorben sind, so feiern sie noch heute.
[Märchen aus Norddeutschland]

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(Publius Ovidius Naso) Kadmus in Illyrien

Kadmus, besiegt durch Gram und gereihete Übel des Hauses,
Und durch künftigen Grams Vordeutungen, ging, der Erbauer,
Aus der eigenen Stadt; als ob ihn der Gegenden Schicksal,
Nicht das seinige drängt‘; und lang‘ umirrend erreicht‘ er
Nun das illyrische Land mit Harmonia, seiner Genossin.
Als sie, von Leid und Alter gebeugt, nachdenken des Hauses
Erste Geschick‘, und beid‘ im Gespräch auffrischen die Drangsal:
Sollte vielleicht, sprach Kadmus, der Drache da, den ich durchbohrte,
Gar ein geheiligter sein? damals, wie ich, kommend von Sidon,
Streute die Natternzähn‘, als neue Saat, in das Erdreich?
Wenn ihn sorgsame Götter gerächt mit so treffendem Zorne;
Mög‘ ich doch selbst auf dem Bauch als langer Drache mich winden!

Sprach’s, und er dehnte den Bauch, ein langgewundener Drache;
Und die gehärtete Haut, er fühlt’s, umzog sich mit Schuppen,
Und sein dunkeler Leib ward blau mit Tropfen gesprenkelt.
Vorwärts sinkt auf die Brust er hinab; und beide vereinigt
Ziehn sich die Bein‘ allmählich gewölbt zur gerundeten Spitze.
Noch sind die Arm‘ unverwandelt; die noch unverwandelten streckt er,
Und mit Tränen beströmend das auch noch menschliche Antlitz:

Komm, mein Weib, komm näher, Erbarmungswürdige! sprach er;
Weil noch etwas von mir nachbleibt, berühre mich! nimm doch,
Traute, die Hand, da sie Hand noch ist, nicht alles mir Schlang‘ ist!
Mehreres strebt zu reden der Greis; doch die Zunge verdünnt sich
Plötzlich, und hebt zweispaltig: wie sehr er sich mühet, die Worte
Stocken ihm, und wie er ringt, doch einige Klage zu geben,
Zischet er; diesen Laut erteilete jetzt die Natur ihm.

Schlagend die Brust mit der Hand, die enthüllete, ruft die Genossin:
Kadmus, o bleib, und wind‘, Unseliger, dich aus dem Scheusal!
Kadmus, wie nun? wo geblieben der Fuß! wo die Händ‘ und die Schultern?
Wo das Gesicht, und die Farb‘, und, indem ich plaudere, alles?
Götter, warum nicht mich zur ähnlichen Schlange verwandelt?

Als sie es sprach, da leckt er das Antlitz seiner Gemahlin,
Und in den teueren Busen, als ob er sie kennete, schlüpft er,
Windet sie ein, und schlängelt, wie lange vertraut, zu dem Hals‘ auf
Wer sich genaht von den Ihrigen, schaut mit Entsetzen. Doch jene
Streichelt den schlüpfrigen Hals des purpurkämmigen Drachen.
Plötzlich wurden es zwei; und sie gehn, in verschlungenen Ringeln,
Schlängelnd einher, bis die Kluft des grenzenden Waldes sie aufnahm.

Jetzt auch fliehn vor den Menschen sie nicht, noch kränken sie feindlich;
Eingedenk, was sie waren, sind noch die friedsamen Drachen.

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Dragons of sumemr

Dragons of Summer

As summer’s heat penetrates earth and soil,
dragons awaken as their bodies uncoil.
A warmth of life causing myths to arise,
to take up on wings of fantasy mount to the skies.
Hot summer winds blow as dragons soar by,
belching out sulferous flame as over the low hills they fly.
The sky is blackened by many a horned back and leathern wing,
over the lands they soar while of nature they sing.
A melodious chant on the back of the wind,
spun on golden throat strings that echo without end.
Shining backs like gemstones and beacons of light,
to reflect upon mountains and hills as they pass over in flight.
Ancient legends now flock to fill the sky,
with great leathern winged myths grinning as they soar by.
As daylight passes into evening and then into beautious night,
they soar off into the sunset in a single glorious flight.

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Miolnir

Miolnir

Dragons do not die. They sleep
And watch, and dream of the world they left behind.
Not the magic sword, the jewel and the skimpy maiden
But the naked figure with the power of the mind
As their only weapon, and the upraised hand
And the maiden choosing a wiser way than marriage
When there is knowledge to be won.

Dragons need no gold. They hoard words.
Sentences and clauses are kept tight in their teeth.
For they duel not with foolish steel, but with Words
The ones that shaped the molten world, and make
Swords softer than clay with one taunt.
Their riddles tie men’s bones in knots
Leaving them helpless under quivering curses.

Dragons use no wings. They fly
On the winds they call for themselves, and the imagination
Of the ones who speak them forth, seeking runes
Long forgotten, but strumming with their mouldering power.
They soar beyond worlds, through time, outside of space
Where mockery cannot touch and there is only the taste
Of stars like candles waiting to be blown out. 

Dragons fear no man. The knights
They have seen have only faith in the weapons given
By well meaning wizards, who do not know the ancient Law
That Love and Honour are the only armour for a hero
And that Ignorance and Fear are his only foes.
They only see the swirling magic light, the orb, the stone
And do not reach beyond for their Power.

Dragons breathe no fire. Theirs is the flame
That kindles in the heart and inspires the hand to create
Or the mind to wonder, or the eyes to roam beyond
And see the colours in the dark, or the song in the air.
Theirs is the burning light that guides the seeker
and brings the Shadow to be faced
That all who seek may be made whole.

© Joanna Berry 2000

Dieses Gedicht wurde augestellt mit freundlicheGenehmigung von
http://www.dragonsight.net

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Waterdragons

Water Dragons

Cool salty seas wash over their realm,
deep blue waters of beauty yield to wooden ship’s helm.
From the water’s depths to the sky they gaze,
and swim it’s mirrored waves.
They dwell in the cool dark depths,
masters of all they survey.
Yet their power wanes at the surface,
when water yields up to air.
Beyond this point they hold no power,
and can only threaten and glare.
Kings and queens of their element,
the royalty of watery serpents they are.
Deep blue scales as bright as jewels,
glitter from off their backs,
as they swim across realms they rule.
Agile and graceful as their brothers of the sky,
through the clear blue ocean they fly.
In undersea castles and coral caves they dwell,
to hoard collections of treasures from ancient cultures that fell.
And rarely from the ocean waves they will rise to peak beyond the swell,
and forever in the lucky viewer’s heart, 
will the visage of the water dragon dwell.

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Drachentraum (Karin Roth)

Wieder einmal lief sie hinaus in den Wald,
ihre Seele fühlte sich einsam, verlassen und kalt.
Im Haus, hatte sie Angst, fürchtete gar um ihr Leben,
nur die Stille konnte ihr in solchen Momenten
Frieden geben.
Nun saß sie da, auf einen Baumstumpf
Morsch und sehr alt,
niemand, so wußte sie,
konnte ihr geben noch halt.
Sie weinte still und leise vor sich hin
Sah in ihrem Leben, keinerlei Sinn.
Da begann ganz sanft in ihren Gedanken,
eine Lied zu erklingen,
sie blickte langsam auf
wollte sehen woher kam dieses Singen.
Was sie erblickte ließ sie vor Angst erstarren,
sie konnte sich nicht mehr bewegen
der Blick der grünen Augen ließ sie stumm verharren.
Ein Wesen sie sah
Aus Fabeln und Legenden
nun dachte sie , so wird also mein Leben hier enden.
Vor ihr da stand ein rießiger Drache in leuchtenden Farben aus Licht,
Menschenfrau sprach er, hab keine Angst, fürchte dich nicht.
Die Stimme die in ihr erklang
war voller Liebe und erweckte Vertrauen
so begann sich langsam
ihre Angst abzubauen.
Warum bist du mir erschienen
Sprach sie nun den Drachen zögerlich an,
seine Augen begannen zu leuchten,
zogen sie in seinen Magischen Bann.
Menschenfrau, so hub der Drache in sanfter Stimme an,
ich konnte spüren wie dein Kummer begann,
ich hörte dich so oft weinen,
bemerkte dein tiefes Leid
fühlte mich zu zeigen, war es nun endlich an der Zeit.
Ich möchte dir helfen,
deine Kummer zu lindern,
niemand könnte mich jetzt noch daran hindern.
Ich komme aus den Wolken, aus einer anderen Zeit,
der Ruf deiner Trauer
hat die Dimensionen durcheilt.
So weißt du denn nicht ,
was du warst in einem früheren Leben,
warst eine von uns hast uns die Freude an Träumen gegeben.
So eilte ich her um dir zu helfen in deiner Not,
damit du nicht suchst
deinen Ausweg im Tod.
Ich bin ein Wesen
Aus Magie und Zauberei
eile jedem verzauberten Wesen
zur Hilfe herbei.
Blick in die tiefen deiner Seele sprach der Drache nun weiter,
da findest du einen Zauber
der bringt dich dann weiter.
Blick tief hinein..lass dich führen durch meinen Gesang,
wir werden dann Fliegen
über die Wolken entlang.
Er schloß die Augen,
begann seine Flügel auszubreiten
bereit, auf den Wolken schwerelos zu gleiten.
Ein Gesang ertönte, so zauberhaft rein,
da wußte die Frau
sie wollte ein Drache wieder sein.
Die Frau hörte zu
nahm die seltsame Weise in sich auf,
begann  sich zu Träumen
auf die Wolken hinauf.
Als sie öffnete die Augen da schwebte sie hoch oben über allem Leid,
und wusste nun war es wieder an der Zeit.
So flogen sie gemeinsam
ihrer alten Welt entgegen
sie wusste
auf sie wartete ein verzaubertes Leben.
Doch als sie erwachte
war sie wieder zu Haus
Das Leben ging weiter
doch sie brach daraus aus.
Sie dachte an Drachen
an verzauberte Orte
und lernte zu geben
anderen ihre eigenen Worte.
Sie ließ sich nicht mehr binden ,
setzte nun ihren Willen endlich ein,
doch im inneren
würd sie so gerne wieder
Ein Drache auf den Winden sein!

© Aquamarin

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The Sacrifice (deutsch) (Der Doktor)

The Sacrifice

Teil 1: Aufbruch

Sie öffnete ihre Augen…
In ihrem Zimmer herrschte Halbdunkel, da die Sonne noch nicht ganz aufgegangen war. Denya stand auf und ging zum Fenster, um sich nach dem Lärm zu erkundigen, der sie aufgeweckt hatte. Es schien sich um eine große Menschenmenge auf dem Platz unter dem Fenster ihres Hauses zu handeln…
Nun, es war nicht wirklich ein "Haus" – es war mehr eine Burg. Denya war die Tochter von Baron Leoric und Baronin Margareth, den Herrschern kleiner Ländereien irgendwo im Osten des Kontinents.
Als sie an ihr Fenster kam, sah sie die vermutete Menschenmenge auf dem Platz vor dem Burgtor. Es sah so aus, als würden die Soldaten ihres Vaters sich auf irgend etwas vorbereiten…
Sie zog sich an und ging hinunter zum Thronsaal (natürlich war er nicht so groß, wie die Thronsäle der Könige, aber besser als gar nichts), wo sie schon ihre Eltern entdeckte, die hektische Anweisungen an unzählige Leute erteilten – sie sahen sehr beschäftigt aus.
Ihr Vater Leoric hatte seine besten Jahre bereits hinter sich. Er war 53 Jahre alt, hatte langes schwarzes Haar und einen gleichfarbigen Bart – graue Strähnen waren im Haar des strengen, aber gutherzigen Mannes noch nicht zu erkennen.
Ihre Mutter Margareth sah nicht sehr anders aus: Sie war zwei Jahre jünger als ihr Mann und ein wenig kleiner, doch auch sie trug lange schwarze Haare und, wie ihr Mann, eine schwarze Robe – Schwarz war die Lieblingsfarbe der beiden.
Noch eine Sache, die sie beide gemeinsam hatten, waren ihre magischen Fähigkeiten. Da es im gesamten Königreich keine talentierteren Magier gab als Denyas Eltern, wurden sie oft für entsprechendes Entgelt von anderen Baronen oder gar Königen gerufen, um die verschiedensten Aufträge auszuführen, die normalerweise unmöglich gewesen wären. Dennoch, sehr häufig mussten sie ihre magischen Fähigkeiten nicht einsetzen.
Nun, ihre Eltern hatten sehr viel Zeit für sie und gaben ihr nahezu alles, was sie sich wünschte. Sie durfte frei in der Stadt umherwandern und tun und lassen, was sie wollte. Mit einer Ausnahme: Sie durfte niemals und unter keinen Umständen die Stadt verlassen.
Sicherlich war die Stadt nicht allzu klein und es gab viel zu entdecken, doch manchmal stand sie einsam auf den Stadtmauern und ließ ihren Blick in die Ferne schweifen. Sie war nicht unglücklich in der Stadt, doch der Wunsch, hier hinaus zu kommen war immer da gewesen. Natürlich hatte sie darüber nachgedacht einfach wegzulaufen, doch sie verwarf den Gedanken immer wieder – sei es, weil es keinen unbewachten Ausgang aus der Stadt gab oder weil sie ihre Eltern, die immer so nett zu ihr waren, nicht betrügen wollte – sie hatte versprochen, niemals zu fliehen.
Also lebte Denya ihr Leben in der Burg für 20 lange Jahre – bis heute…
"Guten Morgen, Mutter, Vater! Sagt mal, was macht ihr hier?" fragte sie.
Ihr Vater drehte sich um und sagte mit seiner tiefen, vollen Stimme: "Guten Morgen, Schatz! Gut geschlafen?"
"Ja, danke, aber sag mir: Was soll das alles hier? Habt ihr wieder einen Auftrag bekommen?"
Er lächelte. "Ich denke, du erinnerst dich an dein Versprechen, diese Stadt niemals zu verlassen?"
"Natürlich… wieso fragst du?" fragte sie verwirrt.
"Heute werden wir dir erlauben, es zu brechen."
Sie verstand nicht. "Was meinst du?"
Ihre Eltern grinsten nur.
"Ihr meint, ich darf aus der Stadt raus? Heute? Oh, Mutter, Vater, das ist wundervoll!"
Margareth sagte: "Wir haben dich zu lange in diesem alten verstaubten Gebäude festgehalten. Es ist nun Zeit, hier raus zu kommen und die Welt zu sehen."
"Aber ihr habt immer gesagt, es wäre zu gefährlich dort draußen…"
"Oh ja, ist es auch noch! Wir werden natürlich auch mit dir kommen. Du musst dich vor absolut nichts fürchten, Denya!"
"Aber… wieso gerade jetzt? Wieso haltet ihr mich hier 20 Jahre lang fest, nur um mich dann einfach so gehen zu lassen?" fragte sie skeptisch.
"Du bist nun alt genug. Es sind zwar immer noch böse Menschen dort draußen – aber du bist nun so erfahren, dass du auf dich selbst aufpassen kannst. Außerdem wollten wir dir zu deinem 20. Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk machen – und der ist ja schließlich in 6 Tagen."
Damit war alle Skepsis beseitigt.
"Oh, das ist das schönste Geschenk, das ihr mir je gemacht habt."
Mit diesen Worten umarmte sie ihre beiden Eltern und brach in Tränen aus.

Am Nachmittag gab ihr Vater noch eine Rede vor der Stadtbevölkerung, in der er den Grund ihres Aufbruchs beschrieb und ihre Rückkehr in 12 Tagen ankündigte. Er übergab die Stadt einem seiner Ratgeber für die Zeit ihrer Abwesenheit und dann brachen sie auf. Denya bekam eine Gänsehaut, als sie durch die großen Stadttore ritten – das war es, wovon sie all die Jahre geträumt hatte. Aber es ging so schnell… 20 Jahre – und nun, einfach so? Außerdem fragte sie sich, wieso ihre Eltern 20 ihrer Wachen mit sich nahmen – normalerweise reisten sie alleine. Sie fragte ihren Vater.
"Deine Sicherheit ist unser größtes Anliegen. Wir könnten es nicht ertragen, wenn dir etwas zustößt. Und wir können nicht immer bei dir sein – selbst Magier müssen schlafen." Er lächelte.
"Es ist nur zu deiner Sicherheit", wiederholte er.
"Aber ihr habt gesagt, ich wäre alt genug, um auf mich selbst aufzupassen!" protestierte sie.
"Wir sind immer noch besorgt um dich – und wir wollen natürlich nichts riskieren, Denya."
Obwohl es ihr etwas seltsam erschien, zuckte sie nur mit den Schultern, ritt weiter und genoss ihre neue Freiheit.

 

Teil 2: Reise

Sie reisten nun schon seit zwei Tagen auf dieser Straße, immer in Richtung der Berge. Sie schliefen immer im Wald und abseits der Straße. Denya fragte sich, warum, doch ihr Vater sagte nur, es sei zu gefährlich, direkt am Straßenrand zu rasten, da viele Räuber sich hier nachts umhertreiben würden und dass es zu teuer wäre, mit 23 Mann in einer Taverne zu übernachten. Es war zwar nicht sehr komfortabel, in einem Zelt zu schlafen, aber da dies eine völlig neue Erfahrung für Denya war, verdrängte eine Sache die andere.

Thomas hatte Wache. Die Bäume ragten hoch über ihm als dunkle Schatten auf und die Geräusche des nächtlichen Waldes umgaben ihn. Seine Wachperiode war fast vorbei – bald würde er gehen, Daniel wecken und ihm die Wache übergeben. Er war sehr müde und freute sich bereits darauf, in einem warmen Schlafsack zu liegen, so unangenehm dieser auch sein mochte.
Doch plötzlich hörte er ein Geräusch aus dem Gebüsch links von ihm – ein seltsames Grunzen. Ein Wildschwein? Oberste Priorität hatte die Sicherheit von Denya… und Wildschweine können sehr gefährlich sein. Er weckte Daniel.
"Hey, Daniel!"
"Wasislos?" murmelte Daniel noch halb im Schlaf.
"Ich glaub da ist irgendein Tier dort drüben in den Gebüschen. Vielleicht ein Wildschwein."
Schon wieder dieses Grunzen. Daniel war sofort wach.
"Nein… nein, das ist kein Wildschwein! Ich war bereits auf Wildschweinjagden, die klingen ganz anders, glaub mir."
"Nun, was könnte es dann sein?"
"Ich weiß nicht" – er pausierte – "Lass es uns rausfinden!"
Thomas war nicht sehr erfreut darüber, in den dunklen Wald zu gehen – aber er wollte nicht erleben, wie Margareth und Leoric reagieren würden, wenn ein wild gewordenes Wildschwein durch das Lager rennt und alles demoliert.
Sie entzündeten ihre Fackeln, zogen ihre Schwerter und gingen in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Nach 100 Metern kamen sie an eine Felswand, in der ein Höhleneingang zu sehen war.
"Denkst du, es kam von da drinnen?" fragte Thomas.
"Ich weiß genauso viel wie du, Daniel! Aber ich würde zu gerne wissen, was in dieser Höhle ist…", antwortete er mit einem neugierigen Unterton – und ging hinein.
"Daniel, bist du wahnsinnig? Komm zurück! Lass uns lieber gehen und die anderen wecken!" flüsterte Thomas – vergeblich.
Schon bald wurde Daniel von der Dunkelheit verschlungen und später auch das Licht seiner Fackel, während Thomas noch unschlüssig vor dem Höhleneingang stand. Einerseits hatte er zu große Angst, in die Höhle zu gehen, andererseits wollte er seinen Freund nicht alleine lassen.
Plötzlich sah er einen hellen Lichtblitz im Inneren.
"Daniel! …Oh, verdammt!!!"
Thomas schluckte seine Angst hinunter und ging in die dunkle Höhle.
Der Gang wurde immer breiter und höher, bis er schließlich 8 Meter hoch und 6 Meter breit war. Schon bald sah er auch das Licht von Daniels Fackel. Er rannte los und rief: "Daniel, was ist…"
Er brach seinen Satz abrupt ab. Daniel konnte ihn nicht mehr hören. Die Fackel lag auf dem Boden – neben den verbrannten Überresten von Daniels Körper. Thomas stand einfach nur da. Einen Moment… Zwei… Dann kniete er sich neben der Leiche nieder. Der Geruch von verbranntem Fleisch stach ihm in die Nase und er fühlte, als ob er sich bald übergeben müsste.
Was zur Hölle hatte das getan?
Nun verfluchte er sich nochmals – er hätte Hilfe holen sollen, bevor er in diese Höhle ging. Das Wesen, das Daniel so zugerichtet hatte, musste immer noch hier in der Nähe sein. Wahrscheinlich, um dasselbe mit ihm zu tun… Er stand hastig auf – nur, um etwas zu sehen, was er vorher noch nie erblickt hatte. Seine Augen weiteten sich voller Schrecken. Er konnte nicht schreien. Er konnte sich nicht bewegen – er war wie versteinert.
Es herrschte eine schreckliche Stille.
Danach das grässliche Geräusch splitternder Menschenknochen.
Und wieder Stille…

Kampfgeräusche weckten Denya. Sie lag in ihrem Zelt und hörte die Schreie der Soldaten ihres Vaters, der Pferde und von etwas anderem, etwas sehr seltsamen. Ein Geräusch wie ein lautes, wütendes Quieken. Sie stand auf, um draußen zu sehen, was los wäre – nur um von ihrem Vater zurück ins Zelt gedrängt zu werden.
"Geh rein und bleib da, das hier ist nichts für unerfahrene Jugendliche wie dich!", schrie er. Und schon war er wieder draußen und rief irgend etwas.
Also setzte sie sich hin und wartete, ein wenig verletzt durch die Worte ihres Vaters. Was hatten sie noch vor zwei Tagen gesagt? "Du bist nun alt genug, um auf dich selbst aufzupassen!"?
Plötzlich konnte sie einen grellen Lichtblitz durch die Zeltplane hindurch sehen. Danach kam wieder das Quieken – diesmal ein Laut des Schmerzes. Dann Stille. Ihre Mutter kam herein. Sie hatte Schweiß auf ihrer Stirn.
"Du kannst jetzt rauskommen – es ist nun sicher."
Als sie nach draußen ging, offenbarte sich ihr eine schreckliche Szenerie: In ihrem Lager lagen die Leichen einiger Wachen. Der süßliche Geruch des Todes hing in der Luft. Und in der Mitte des Rastplatzes lag der Körper des größten Wildschweins, das sie je gesehen hatte. Es war mindestens doppelt so groß wie die Wildschweine, die von den Jägern immer in die Stadt gebracht wurden.
Das Tier war mit Pfeilen gespickt – doch das Wildschwein war nicht durch die Pfeile gestorben, sondern durch den magischen Blitz ihrer Eltern, der seine Seite getroffen hatte.
"Oh, ihr Götter!" flüsterte sie.
In der Nähe standen ihre Eltern und sprachen mit einem der Wächter.
"Wie viele haben wir verloren?" fragte ihr Vater den Mann.
"Fünf sind tot. Und wir sind immer noch auf der Suche nach Daniel und Thomas.", antwortete der Soldat, Barlic war sein Name, erinnerte sie sich.
"Verdammt!"
"Gibt es hier viele solcher Biester?" fragte Denya.
"Ich denke nicht", sagte Barlic, "dies ist bei weitem das größte Wildschwein, das ich je gesehen habe!"
"Aber wieso sollte es herkommen und uns angreifen? Und was ist mit Daniel und Thomas?" – die beiden hatten sie oft bei ihren Ausflügen auf die Stadtmauer begleitet und waren zwei ihrer besten Freunde.
"Wir denken, dass Thomas Daniel aufweckte, dann mit ihm in den Wald ging, wo dann dieses Wildschwein… Es tut mir leid, ich weiß, sie waren eure Freunde. Wir suchen noch ihre Leichen", antwortete er traurig.
Alle waren still, als ein Ruf von der anderen Seite des Lagers kam: "Wir haben sie gefunden!"
Sofort gingen Denyas Eltern und Barlic in diese Richtung. Sie folgte ihnen. Als sie näher kam, sah sie dann die Leichen von Daniel und Thomas.
Daniels Körper war ganz verbrannt und stank fürchterlich. Ein schrecklicher Anblick. Doch Thomas‘ Leiche war viel schlimmer: Thomas war an seiner Taille in zwei Hälften gerissen worden. Eingeweide hingen aus seinem Körper – aber nicht nur seine Leiche war schlimm anzusehen… es war der Blick in seinen Augen… Reiner Schrecken und Todesangst lag in den weit aufgerissen Augen. Sie ertrug es nicht: Sie drehte sich um und erbrach auf den Boden. Ihre Mutter kam zu ihr.
"Tut mir leid für dich – es muss schrecklich sein, so früh mit dem Tod konfrontiert zu werden… und auf diesem Art und Weise…"
"Hast du den Blick in seinen Augen gesehen?" fragte Denya.
"Ja…", antwortete Margareth leise.
"Ein Wildschwein kann so etwas doch nicht machen!?"
"Ich weiß nicht…"
"Ein verdammtes Wildschwein kann nicht einfach so Leute verbrennen!" rief sie und zeigte auf Daniels verbrannte Leiche.
Auf einmal fragte ihr Vater Barlic: "Wo habt ihr sie gefunden?"
"Ähm… in einer Höhle in dieser Richtung", antwortete dieser mit einer entsprechenden Geste.
"Ich möchte sie mir ansehen… jetzt!"
Der Soldat war kurz irritiert, dann befolgte er den Befehl ihres Vaters und ging in den Wald. Leoric folgte ihm. Margareth wandte sich wieder Denya zu: "Ich werde mit ihnen gehen. Du bleibst hier, hier ist es sicher!" Versprichst du mir das?"
Zuerst wollte sie widersprechen. Dann rollte sie jedoch mit den Augen und sagte: "Ja, Mutter."
"Gut!" Damit ging Margareth in den Wald.
Es schien alles irgendwie nicht zusammen zu passen: Der verbrannte Körper von Daniel, der Blick in Thomas‘ Augen, das Riesenwildschwein… Das seltsame Verhalten ihrer Eltern nicht zu vergessen.
Irgend etwas stimmte hier nicht!

Eine Stunde später kehrten ihre Eltern zurück.
"Also, habt ihr irgend was rausgefunden?" fragte Denya neugierig.
"Die Höhle war leer", antwortete Leoric.
"Nun, was könnte dann Daniel und Thomas getötet haben?"
"Ein Mensch natürlich, wahrscheinlich irgendein Magier. Woran dachtest du denn?"
"Kein menschliches Wesen könnte einem Soldaten wie Thomas solche Angst einjagen! Geschweige denn, ihn in zwei Teile reißen!"
"Unterschätze einen Magier nicht! Wir wissen nicht, was Thomas gesehen hat – und vielleicht werden wir es auch nie wissen! Also denk nicht mehr darüber nach!" antwortete Margareth. "Wir brechen bald auf, also pack deine Sachen zusammen!"
Denya war mit den Antworten ihrer Eltern überhaupt nicht zufrieden. Warum sollte ein Magier mitten im dunkelsten Wald zwei Menschen attackieren? Und was war jetzt mit dem Wildschwein? Doch sie fragte nicht mehr, sie kannte ihre Eltern zu gut – sie würde jetzt keine Antworten mehr bekommen.

Die 13 noch übrigen Wachen waren bald damit beschäftigt, das Lager abzubauen und sich für die Weiterreise vorzubereiten. Doch es herrschte eine drückende Atmosphäre zwischen ihnen. Sie hatten einige ihrer Freunde verloren und ihre Herren wollten nun einfach weiter reisen, als ob nichts passiert wäre. Es kam ihnen sehr seltsam vor, doch Denya konnte ihre Eltern ziemlich gut verstehen – auch sie wollte so schnell wie möglich weg von diesem schrecklichen Ort.
Schließlich beerdigten sie ihre Kameraden und hielten eine Schweigeminute. Dann ging es mit ihrer Reise in die Berge, die am Horizont bereits zu sehen waren, weiter. Aber heute waren alle in einer miesen Stimmung und es wurde wenig geredet – am wenigsten über die Ereignisse der letzten Nacht.

Am vierten Tag reisten sie durch ein mittelgroßes Dorf. Einige der Leute sahen von ihrer Arbeit auf, um die Reisenden zu beobachten. Denya sah Bauern, Schmiede, Händler, junge Mädchen und Kinder, die auf den Straßen spielten – alles ging seinen gewohnten Gang. Doch eine Person stach aus der Menge heraus: Ein alter Mann mit weißem Vollbart und roter Robe. Er sah aus wie ein Magier. Und er sah sie mit einem Ausdruck im Gesicht an, den sie noch nie zuvor gesehen hatte: Sein Gesicht drückte nichts aus. Nichts! Kein Zeichen von Interesse, Hass, Liebe oder sonstigen Gefühlen. Er sah sie nur mit seinem kalten Gesichtsausdruck an. War dies der Magier, der Daniel und Thomas getötet hatte? Hatte er das Wildschwein in ihr Lager gesendet?
Auf einmal wurde ihr Pferd unruhig und bäumte sich auf. Sie versuchte, es schnell mit guten Worten zu beruhigen. Doch als sie wieder in die Richtung des alten Mannes sah, war dieser verschwunden.
"Schatz, was ist denn passiert?" fragte ihre Mutter.
"Nichts, nichts, mein Pferd wurde nur kurz unruhig. Alles in Ordnung… hast du diesen komischen alten Mann mit der Robe dort drüben gesehen?"
"Nein – alter Mann?"
"Er stand einfach nur da", sie zeigte auf den Punkt, wo der Mann eben noch gestanden hatte, "und sah mich seltsam an."
"Hm… wir verhalten uns besser vorsichtig – vielleicht war es ja nur ein verrückter alter Mann… aber man weiß ja nie."
Dann wollte sie nichts mehr sagen und schien für den Rest des Tages in Gedanken versunken.

Diese Nacht verbrachten sie in einem Gasthaus direkt an der Straße. Denyas Vater sagte, es wäre nun doch zu gefährlich, in den Wäldern zu schlafen – vielleicht war er doch besorgter über den alten Mann, als er zugab.

Und diese Nacht hatte Denya einen Traum:
Sie sah zwei Magier einen magischen Kampf austragen. Einer davon war ihr Vater Leoric. Den anderen kannte sie nicht, aber sie glaubte, ihn von irgend woher zu kennen.
Dann sah sie den alten Mann mit der roten Robe aus dem Dorf. Er sprach zu ihr ohne seine Lippen zu bewegen: Komm zu mir… Komm… Komm zu mir, Denya… Denya…
Dann sah sie einen dunklen Berg bei Nacht. Der große volle Mond stand direkt über der Bergspitze, hell scheinend. Doch plötzlich färbte er sich rot, so als ob jemand Blut über die Oberfläche des Mondes gießen würde. Und Stimmen erklangen, flüsternd: "Tod…Tod…Tod". Und als der Mond immer mehr mit Blut überzogen wurde, stieg auch die Lautstärke der Stimmen. Schließlich schien ein blutroter Mond auf den Berg und die Stimmen schrien:
"TOD"
Das Geschrei war unerträglich laut.
"TOD"
Sie wollte sich die Ohren zuhalten.
"TOD"
Sie wachte auf…
"Tod"
Es echote in ihrem Kopf.
"Tod…"
Ihr Atem ging schnell.
Ihr Herz pochte, als ob es aus der Brust springen wollte.
Ein seltsamer Traum, dachte sie.
Sie hörte ein Geräusch von draußen – ein Rascheln. Sie ging zu ihrem Fenster. Doch das Einzige, was sie sah, war der Rand des Waldes vor ihr. Aber war da nicht ein Schatten in den Büschen? Sie versuchte, genauer hinzusehen, doch eine große Müdigkeit überfiel sie auf einmal, genauso wie der Gedanke, dass es gut wäre, wieder ins Bett zu gehen. Ihr letzter Gedanke vor dem Einschlafen war: Nur ein Traum! Nur ein Schatten in den Wäldern! Nichts wichtiges…

Am nächsten Tag reisten sie durch offenes Gelände. Es war ein klarer, sonniger Tag und die Gemeinschaft war in guter Laune, ohne irgend welche Gedanken bei den Geschehnissen der vergangenen Tage. Sogar Denyas Eltern, die sich bis jetzt sehr still und zurückgezogen verhalten hatten, waren in scherzhafter Stimmung und sie lachten mit Denya und ihren Soldaten. Ihr Traum war schon fast vergessen. Immer noch hallte der Gedanke Nur ein Traum! Nichts wichtiges… in ihrem Gedächtnis. Deswegen, und weil sie nicht die Stimmung ihrer Eltern verderben wollte, erzählte sie keinem etwas davon. Also reisten sie weiter, mit den Bergen vor und der Trauer hinter sich.
Um die Mittagszeit reisten sie wieder auf einer Straße am Rande eines Waldes, als auf einmal etwas sehr beunruhigendes passierte:
Eine dunkle Wolke erschien direkt über ihren Köpfen – aus dem Nichts. Sie begann zu wachsen und schon bald erstreckte sich ein weiter dunkler Teppich über ihren Köpfen und grollender Donner war zu hören. Alle saßen auf ihren Pferden, den Kopf im Nacken, jeder mit einem alarmierten oder leicht verängstigten Gesichtsausdruck – besonders Denyas Eltern.
Dann setzte ein schwerer Regen ein und sie alle waren binnen Sekunden bis auf die Haut durchnässt.
"Das… das ist nicht gut!" sagte einer der Soldaten.
Ein anderer erwiderte: "Hey, das is nur’n Sturm! N‘ bisschen Regen und Donner werden uns schon nich umbringen!"
Es war bittere Ironie, dass gerade dieser Mann vom ersten Blitz getroffen wurde. Der Blitz war eine lebende Verbindung zwischen den dunklen Wolken und dem armen Pferd und seinem Reiter, welcher zuckte und schrie. Nach einigen Sekunden sanken beide, Reiter und Pferd, qualmend und tot zu Boden.
Und dann brach Panik aus…
Die Pferde drehten durch und rannten voller Panik durcheinander – die Soldaten verhielten sich nicht anders.
Sie konnte Leoric schreien hören: "ZIEHT ALLE METALLISCHEN GEGENSTÄNDE AUS UND WERFT EUCH FLACH AUF DEN BODEN!"
Ein anderer Soldat wurde vom Blitz getroffen. Die Wolke, die sicherlich nicht natürlichen Ursprungs war, schien sich ihre Opfer auszusuchen, als ob sie von irgend einer unbekannten Kraft gelenkt werden würde.
Denyas Pferd bäumte sich auf und warf sie in den Schlamm, wo sie wegen den Anweisungen ihres Vaters auch liegen blieb. Sie beobachtete das Chaos um sie herum – alles schien wie in Zeitlupe abzulaufen: Sie sah einige Wachen, die versuchten, von ihren Pferden herunter zu kommen und ihre Rüstungen abzulegen – einige von ihnen waren nicht schnell genug und wurden von den mächtigen Blitzen getötet oder von ihren eigenen Pferden nieder geritten.
Plötzlich sah sie ein wild gewordenes Pferd direkt auf sich zustürmen. Sie rollte sich zur Seite, nur den Bruchteil einer Sekunde, bevor einer der Hufe direkt neben ihrem Gesicht auf den Boden schlug und Schlamm aufwirbelte.
Dann stoppte der Regen.
Sie sah auf – die dunkle Wolke war weg… einfach verschwunden! Sechs Wachen hatten die magische Attacke überlebt. Die anderen waren verbrannt, nieder geritten worden oder waren geflohen. Sie sah ihre Eltern auf sie zu rennen.
"Denya, geht es dir gut?", fragte ihre Mutter mit besorgter Miene.
Aber Denya antwortete nicht. Sie starrte nur geradeaus, direkt zwischen ihre Eltern hindurch. Was sie sah verursachte aus irgend einem Grund eine unaussprechliche Furcht in ihr.
"Mutter? Vater?"
Sie drehten sich um und sahen es auch. Der alte Mann in der roten Robe stand ungefähr 50 Meter von ihnen entfernt und schaute ihnen zu.
Dann explodierte er.
Er zerplatzte zu einer großen Wolke aus roten Partikeln, die sich im Kreis zu drehen begannen, wie ein bizarrer Tornado.
Sie hörte die erstaunten und angstverzerrten Schreie der Wachen – hatte aber nur für das wundervolle Spektakel ein Auge.
Bald schon war eine Silhouette in der Wolke zu erkennen. Ein großer Schatten.
Dieser Schatten schien mehr und mehr an Konsistenz zu gewinnen, während die Wolke an Dichte verlor. Sie konnte schon einige Details in dem riesigen Schatten erkennen – und begann an sich selbst zu zweifeln.
Nein… Nein! Das… das ist unmöglich! Das ist nicht wirklich!, dachte sie – aber sie beobachtete die Transformation, die sich vor ihren Augen abspielte, weiter. Wurde sie verrückt? Sie sah kurz zu ihren Eltern hinüber – aber deren Gesichter sagten ihr, dass sie alle dasselbe sahen.
Es waren nur ein paar Sekunden – ihr kam es vor wie mehrere Stunden – bis die Verwandlung beendet und sie sich sicher war, keine Halluzinationen zu haben.
Das war real! Ein lebendiger roter Drache stand 50 Meter entfernt von der kleinen Gruppe Menschen. Er war 30 Meter lang und hatte riesige, fledermausartige Flügel, deren Spannweite mindestens ebenso lang war. Er hatte viele Stacheln auf seinem Rücken, lange Hörner auf dem Kopf, einen langen Hals, scharfe Klauen… Ja… das IST ein wirklicher Drache, dachte sie. Keine Täuschung, keine Magie, keine Illusion – Realität!
Und der Drache sah SIE an.
Das einzige, was Denya tun konnte, war, in die smaragdgrünen Augen der Kreatur zu starren. Sie wusste nicht, was sie aus diesem Blick lesen sollte. Er war nicht sehr angsteinflößend oder hasserfüllt. Er war nur in gewisser Weise faszinierend. Auf einmal breitete der Drache seine Flügel aus und begann in ihre Richtung zu fliegen.
"OH IHR GÖTTER, ER WIRD UNS ALLE TÖTEN! FLIEHT! FLIIIEEEHT!" schrie einer der Soldaten und verursachte eine weitere Panik zwischen seinen Kameraden. Die Wachen begannen in verschiedene Richtungen zu rennen. Dann kam der Drache. Er öffnete sein Maul und spie eine weiße Flamme, die den Soldaten Barlic und einen anderen Mann in Asche verwandelte.
Das war zu viel für sie. Sie drehte sich um und lief voller Panik in den Wald. Sie konnte nicht mehr sehen, wie ihre Eltern zum magischen Gegenschlag mit Feuerbällen ansetzten, was dem Drachen nichts ausmachte. Und sie konnte nicht sehen, wie der Drache ihr interessiert zusah, als sie in den Wald floh.
Sie rannte, wie nie zuvor in ihrem Leben. Zweige peitschten ihr ins Gesicht und hinterließen blutige Schnitte – sie beachtete den Schmerz nicht und rannte weiter. Weg von dem Tod, weg von dem Feuer. Schließlich fand sie sich auf einer Lichtung im Wald wieder. Sie war völlig außer Atem, legte die Hände auf die Knie und atmete tief durch. Doch irgend etwas war falsch… sie hörte nichts – keine Tiere, keine Vögel…nichts! Nur der Wind, der in den Bäumen raschelte. Doch… da war kein Wind. Die Bäume bewegten sich nicht.
Denya war wie versteinert, als der gigantische Schatten über ihr auftauchte.
Das Letzte, woran sie sich erinnerte, bevor sie ihr Bewusstsein verlor, war, wie sie von zwei riesigen Klauen durch die Luft getragen wurde…

 

Teil 3: Prophezeiung

Ein roter Mond…
Der Gestank des Todes…
Das Feuer…
Die grünen Augen…
Große, grüne Augen…
Sie lag auf hartem aber ebenem Felsen. Zunächst war sie praktisch blind. Dann gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Sie lag in einer Höhle, starrte an die Wand vor ihr und versuchte, sich zu erinnern, was passiert war – und wieso sie hier lag. War alles nur ein böser Traum gewesen?
Sie hörte ein Geräusch hinter sich und drehte sich um. Da lag der große rote Drache, den Eingang der Höhle blockierend und sie beobachtend. Sofort überschwemmten sie die Erinnerungen. Sie stand schnell auf und ging langsam rückwärts, bis sie mit dem Rücken an die Höhlenwand stieß. Der Drache beobachtete sie einfach nur. Dann hörte sie sich selbst denken:
Habe keine Angst!
Aber sie hatte Angst! Warum dachte sie so etwas?
Ich werde dir nichts tun.
Warum dachte sie solch seltsame Dinge? War sie nun vollkommen durchgedreht? Doch da kam ihr eine Idee:
"Sprichst… sprecht ihr mit mir?", fragte sie den Drachen und kam sich ein wenig lächerlich dabei vor.
Sie dachte…
Nein…der Drache sagte: Ja
"Ihr sprecht zu mir… durch meine Gedanken?"
Ich habe keine Stimmbänder so wie deine Spezies, also muss ich mich auf andere Weise für dich verständlich machen, Denya.
Es kam ihr vor, als würde sie mit sich selbst reden. Doch dann erinnerte sie sich an ihre Situation.
"Woher wisst ihr meinen Namen? Warum habt ihr mich hierher gebracht? Wieso habt ihr uns angegriffen?", fragte sie ärgerlich.
Deine Rasse stellt immer so viele Fragen auf einmal…, dachte sie ein wenig amüsiert – das war verrückt!
Nun, ich weiß viel über dich, Denya, und ich habe dich hergebracht, weil ich dich beschützen will – ich musste die anderen Menschen dafür leider töten.
"Aber ich war die ganze Zeit über in Sicherheit – bis ihr mit euren magischen Tricks aufgetaucht seid! Ihr wart die einzige Gefahr auf meiner Reise!"
Es wurde immer verrückter: Sie stand vor einem echten Drache, der sie jederzeit auf 1001 verschiedenen Wegen umbringen konnte – und sie war drauf und dran, ihn zu beschimpfen und so sehr wütend zu machen. Aber sie hatte seltsamerweise keine Angst – und nun war es sowieso zu spät, um damit aufzuhören. Doch zu ihrem Erstaunen wurde der Drache nicht wütend, sondern…lächelte! Nun, das Zeigen seiner großen scharfen Zähne schien ein Lächeln zu sein – obwohl es wahrscheinlich selbst im Herzen des mutigsten Kriegers eine Panik verursacht hätte.
Du bist wütend – ich verstehe das, Denya. Aber du musst mir glauben!
"Wieso sollte ich euch glauben, Drache? Ihr habt mich entführt, mich von meinen Eltern getrennt und ihr haltet mich in einer dunklen Höhle gefangen!"
Zu allererst: Du bist nicht gefangen. Wenn du gehen willst: Dort ist der Ausgang aus meiner Höhle.
Er zeigte mit einer seiner Klauen auf den Höhleneingang, durch den ein wenig Tageslicht einströmte.
Doch bevor du gehst, solltest du noch etwas über deine Eltern erfahren.
Zuerst war sie nur erstaunt: Der Drache entführte sie, nur um sie kurze Zeit später wieder laufen zu lassen?
"Ihr würdet mich gehen lassen? Einfach so?"
Der Drache nickte.
Sie dachte nach.
"Was sollte ich über meine Eltern wissen?"
Leoric und Margareth sind nicht deine Eltern.
Sie sagte zunächst nichts.
Das ist nicht wahr… nein, das ist nicht wahr! Der Drache lügt… ja, es muss eine Lüge sein…, dachte sie. Aber sie war nicht ganz so überzeugt davon, wie sie hätte sein sollen…
VERDAMMT, DENYA, DAS KANN EINFACH NICHT WAHR SEIN!, scholt sie sich selbst – wie konnte sie sich durch so eine billige Lüge in Zweifel bringen lassen?
Nachdem sie eine Zeit lang still mit sich selbst gerungen hatte, fragte sie dann trotzdem: "Könnt ihr diese Aussage beweisen, Drache?"
Ich denke schon… doch dazu musst du mir vertrauen!
"Ich frage euch noch mal, Drache: Wieso sollte ich euch trauen, nach all dem, was passiert ist?"
Nun… ich habe dich nicht getötet…
Das war ein guter Grund… Wenn er sie töten wollte, warum sollte er solche Spiele spielen?
"Und wie wollt ihr es beweisen?", fragte sie tonlos.
Ich kenne einen magischen Spruch, der dir bereits vergessene Erinnerungen zurück bringen kann.
"Aha… aber sagt mir: Wie soll das beweisen, dass meine Eltern nicht meine Eltern sind?", fragte sie ärgerlich.
Ich kann dir dabei helfen, die Erinnerung an deine wirklichen Eltern und wie sie von Leoric und Margareth umgebracht wurden, zu suchen.
"Meine… sie töteten meine "richtigen" Eltern? Das ist absurd!", sie lachte – doch es klang nicht sehr überzeugend.
Tu es oder lass es – es ist deine Entscheidung… doch ich verspreche, dass ich dir nichts tun werde.
Sie dachte drüber nach… was könnte er schon mit ihr machen? Was würde passieren? Es würde schon nicht von Nachteil sein…
"Nun gut – zeigt mir, was ihr mir zu zeigen habt. Obwohl ich bezweifle, dass ihr die Wahrheit sprecht."
Ich kann dir nur zeigen, was du schon weißt, was jedoch tief in deinem Gedächtnis vergraben liegt. Leg dich hin!
Sie zögerte einen Moment – dann tat sie, wie der Drache gesagt hatte und legte sich auf den harten Boden. Der Drache bewegte eine seiner Krallen in ihre Richtung. Plötzlich überkam sie eine Panik. Ihr Herzschlag und ihr Atem wurden schneller. Sie dachte: Er wird mich töten, oh ihr Götter, er wird mich in tausend Stücke zerfetzen…
Ich muss deinen Kopf berühren, um den Spruch ausführen zu können. Hab keine Angst!
Und sie beruhigte sich wirklich. War das eine Art von Magie?
Nun entspanne dich und schließe deine Augen, Denya!
Da sie sich nun aus irgendeinem Grund wieder beruhigt hatte, war es kein Problem für sie, sich zu entspannen. Und als sie ihre Augen schloss, beachtete sie die Klaue des Drachen, die ihr Gesicht sanft berührte, überhaupt nicht mehr.

Sie fand sich selbst in einer Art Korb liegen. Es schien wie eine Erinnerung aus ihrer frühen Kindheit… Sie konnte sich nicht bewegen und nicht sprechen – nur der Szene, die sich vor ihr abspielte, zusehen: Sie sah einen großen, schlanken Mann in einer weißen Robe, der vor ihrem Korb stand. Er sah sie nicht an, sondern schien sich auf einen Punkt außerhalb ihrer Sichtweite zu konzentrieren. In ihren Augenwinkeln sah sie eine Frau, die ihren Korb hielt und ihr beruhigende Worte ins Ohr flüsterte. Dann sah sie einen anderen Mann in ihrem Sichtfeld erscheinen – es war ihr Vater, Leoric. Er sagte etwas:
Du Narr, du hast keine Chance gegen meine arkanen Kräfte! Gib mir das Kind jetzt gleich und vielleicht werde ich dein wertloses Leben und das deiner Frau verschonen.
Der andere Mann antwortete:
Nein! Du wirst mich schon umbringen müssen, um Denya in deine dreckigen Pranken zu bekommen, Bastard!
Denya konnte sich nicht helfen, sie KANNTE diese Stimme von irgendwoher. Leoric sprach wieder:
Es wird mir ein Vergnügen sein, dich zu töten, Narr!
Die beiden Männer begannen sich zu umkreisen. Dann sah sie das Gesicht des fremden Mannes. Es war der gleiche Mann wie in ihrem Traum gestern Nacht – und die gleiche Szene. Und wieder erschien er ihr seltsam vertraut. Mit einem konzentrierten Gesichtsausdruck starrte er in die Augen seines Feindes. Leoric auf der anderen Seite lächelte böse und schien von dem Verhalten seines Opfers amüsiert.
Dies war nicht ihr Vater, wie sie ihn kannte…
Aber der andere…
Er sah kurz in ihre Richtung, lächelte entschlossen – und dann überwältigte Denya die Erkenntnis, wer ihr wirklicher Vater war… in diesem Blick lagen Gefühle für sie – ehrliche Gefühle… die Gefühle eines Vaters. Und nun schleuderte er einen Feuerball in Leorics Richtung, fest entschlossen, seine kleine Tochter zu verteidigen. Leoric wich blitzschnell aus und begann nun seinerseits, ihren Vater mit Zaubersprüchen zu bombardieren. Doch Denya konnte weder dem magischen Kampf, noch den Schreien ihrer Mutter Aufmerksamkeit schenken. Sie war in Trance, nicht in der Lage, klar zu denken. Ihr Kopf war leer – so unglaublich leer.
20 Jahre Betrug…?
Was ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich zog, war Leoric, wie er zu Boden sank.
Gibst du auf?, fragte ihr Vater.
Lass mich drüber nachdenken…, antwortete Leoric mit einem seltsamen Lächeln auf den Lippen.
Denya wollte ihren Vater warnen, doch sie konnte nichts tun. Einen Moment später wurde er von einem Blitz in den Rücken getroffen, welcher ihn sich auf dem Boden vor Schmerzen winden ließ. Margareth erschien von links.
Hm… nein!, sagte Leoric sarkastisch und stand auf.
Dann zog er einen Dolch, ging zu ihrem Vater und zog seinen Kopf bei den Haaren zurück. Ohne ein Wort zu sagen, schnitt er ihrem Vater die Kehle durch. Ihr Vater röchelte und ein Schwall warmen, roten Blutes ergoss sich auf die Erde. Er sank zu Boden, wo er starb – ertrunken an seinem eigenen Blut.
Denya wollte schreien, sie wollte ihre Augen schließen, sie wollte diesen Alptraum anhalten – doch sie war immer noch machtlos. Dann sah sie ihre Mutter, wie sie sich vor dem Korb aufstellte. Denya wusste, was nun kommen würde, doch alles, was sie tun konnte, war Oh nein! Nein, bitte, nicht! zu denken. Doch ihre Mutter wurde von Leoric hart zur Seite gestoßen. Sie war nun für Denya außer Sicht, doch sie konnte ihren "Vater" sehen, wie er sich neben dem Korb hinkniete. Seine Hände begannen zu glühen und er senkte sie beide mit einem Blick sadistischer Erwartung nach unten. Dann hörte sie die Schreie ihrer Mutter. Die Schreie waren nicht mehr menschlich, als Leoric sie zu Tode folterte. Denya dankte den Göttern, dass sie diese schreckliche Szene nicht mit ansehen musste. Dann kam Margareth wieder in ihr Sichtfeld. Sie beugte sich über ihren Korb und lächelte.
Hallo Denya, meine kleine Tochter!

Sie war wieder in der Drachenhöhle. Doch sie war immer noch wie versteinert. Aber sie wollte sich nicht bewegen, nicht sprechen, nicht schreien. Der Drache sah ihr zu, als eine Träne ihr Gesicht herab lief und auf dem Boden des harten Felsens der Höhle zerplatzte.
Ich weiß, das muss hart für dich sein. So früh mit Tod und Gewalt konfrontiert zu werden… es tut mir leid.
Margareth hatte vor ein paar Tagen fast dasselbe zu ihr gesagt. Nein… er wusste nicht, wie hart es für sie war… er konnte den inneren Schmerz, den sie fühlte, nicht nachempfinden.
Dein Vater war ein guter Mann. Ich habe ihn schon vor deiner Geburt gekannt.
Sie sah auf.
Er rettete mein Leben, als deine Mutter gerade schwanger war. Ich hatte schlimme Verletzungen, als dein Vater mich in den Wäldern fand. Er pflegte mich eine Woche lang, bis ich wieder geheilt war. Ich war ihm natürlich dankbar und wollte mich bei ihm revangieren. Doch das Einzige, was er von mir haben wollte, war ein Versprechen. Ich musste ihm versprechen, sein Kind nach dessen Geburt zu beschützen – dich!
Sie sah ihn ungläubig an.
"Und wo wart ihr dann die 20 Jahre meines Lebens? Wo wart ihr, als meine Eltern starben?", Tränen füllten wieder ihre Augen.
Ich kam zu spät…
Sie schrie: "Aber ihr gabt das Versprechen, mich zu beschützen! Warum seid ihr nicht bei meinen Eltern geblieben? Warum habt ihr sie alleine gelassen?"
Mit Menschen zusammen leben. Das ist keine Leben für einen Drachen!, diesmal waren wütende Emotionen in seinen Gedanken.
Und ich habe geschworen, dich zu beschützen, nicht sie. Du warst die letzten 20 Jahre in Sicherheit. Doch jetzt nicht mehr – also habe ich dich vor Leoric und Margareth gerettet.
"Sie waren beide immer freundlich zu mir… ich kann das nicht glauben! Wieso sollten sie mich wie ihr eigenes Kind behandeln? Und warum muss ich gerade jetzt vor den beiden "gerettet" werden?"
Das ist noch eine Sache, die du über dich wissen musst… Ich bin sicher, dass deine Eltern dir nie über die "Prophezeiung" erzählt haben!?
Noch mehr schreckliche Dinge, die ich erfahren muss…, dachte sie.
"Nein, haben sie nie…"
Lass mich erzählen:
Vor 30 Jahren hatte jede Kreatur mit magischen Fähigkeiten auf diesem Planeten, seien es Magier, Zwerge, Elfen oder auch Drachen, den gleichen Traum: Einer der alten Götter sprach zu uns. Er sagte, dass da ein Kind geboren werden würde. Ein Kind, das jedem die Gabe der Unsterblichkeit geben würde, wenn er es in der Nacht zu dessen 20. Geburtstag auf dem alten Druidenberg opfern würde. Und wenn es geboren wird, würde jeder wissen, wo er das Kind finden könnte. Und wirklich – 10 Jahre später fühlten alle eine extrem starke magische Präsenz, die alle Magier in ihre Richtung zog.

"Ich bin dieses Kind…" – es war keine Frage.
Der Drache lächelte ein trauriges Lächeln.
Ja…
Ich weiß nicht, warum die Götter das taten. Ich würde sagen, es ist eines ihrer grausamen Spiele mit dieser Welt. Vielleicht dachten sie, es wäre spaßig, zu sehen, wie sich Menschen, Zwerge, Elfen und Drachen gegenseitig abschlachten, nur um ein Kind in die Finger zu bekommen und es später zu opfern… Doch sie rechneten nicht mit der Macht von Leoric und Margareth. Die beiden belegten dich mit einem Spruch, der diese attraktive Kraft blockierte. Und der magische Kontakt zu dir wurde von allen verloren. Doch die Götter reagierten nicht, – niemand kennt die Wege, die sie gehen – also bliebst du 20 Jahre lang unentdeckt. Ich wusste, wo du zu finden warst, doch selbst ich kann gegen eine ganze Stadt voll Soldaten und Magiern nichts ausrichten. Darum musste ich bis jetzt warten.

Irgendwie wusste Denya, dass der Drache die Wahrheit sagte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass diese Kreatur log. Und die Geschichte passte auch perfekt zu ihrem Traum von letzter Nacht…
Sie wusste, dass ihr Leben sich durch die Dinge, die sie gerade gesehen und gehört hatte, komplett verändern würde, doch es hörte sich an wie kompletter Nonsens: Ihr Vater, der ihren Vater umbrachte… ein Drache, der sie vor ihrem eigenen Vater beschützte… eine Prophezeiung, die ihren Vater veranlasste, sie zu ermorden… Doch es war gar nicht ihr Vater!? Sie war sich immer noch nicht sicher. Sie erinnerte sich an Leoric mit seinem bösen Grinsen… Dann an den anderen Mann mit seinem milden Blick… Und wieder an Leoric, wie er seine Kehle durchschnitt…
Wenn meine Eltern wirklich so grausam sind, waren sie die letzten 20 Jahre über verdammt gute Schauspieler…, dachte sie.
Sie war ausgelaugt und erschöpft – physisch und emotional.
So viel war passiert…
In Gedanken versunken lag sie so auf dem Boden der Höhle – und schlief erschöpft ein…

Als sie aufwachte, sah sie den Drachen ein paar Schritt neben sich schlafen. Es schien später Nachmittag zu sein, denn der Himmel außerhalb der Höhle färbte sich langsam rot. Sie ging zum Eingang, um sich die Landschaft anzusehen. Die Höhle lag im Inneren von einem der Berge. Der Fels vor ihr fiel nahezu senkrecht ab. Keine Chance für ein Wesen ohne Flügel, hier hoch zu kommen.
Netter Ausblick, hm?, dachte sie sich… und brauchte einige Sekunden, um zu bemerken, dass sie das gar nicht denken wollte. Sie drehte sich um.
Die smaragdgrünen Augen beobachteten sie.
"Ja, es ist sehr schön…" Den Ausblick hatte sie gar nicht so sehr beachtet…
Stille.
"Ich habe über alles, was ihr mir erzählt habt, nachgedacht. Wieso habt ihr alle Männer meines… von Leoric getötet? Warum habt ihr mich nicht einfach bei Nacht geholt oder als ich alleine war?"
Ich wollte nichts riskieren. Du warst nie richtig alleine, immer waren Soldaten um dich herum. Und wäre mein Versuch fehlgeschlagen, wäre es noch schwieriger geworden, dich zu retten – ich musste mich so spät offenbaren, wie möglich.
Sie dachte noch einmal drüber nach – musste sie wirklich vor ihren "Eltern" gerettet werden? Wollten diese sie wirklich töten?
Laut sagte sie: "Unsterblichkeit… nur indem man das Leben einer anderen Person nimmt… es klingt noch immer unglaublich. Wieso muss gerade ich diese Person sein?"
Die Götter haben dich ausgewählt. Ich kann es aus dieser Nähe sogar durch den mächtigen Spruch deiner Eltern hindurch spüren.
"Und wieso seid ihr so sicher, dass diese Unsterblichkeitsgeschichte wahr ist? Warum sind sich Leoric und Margareth so sicher?"
Du verstehst nicht, Mensch! Leoric und Margareth hatten diesen Traum! Ich hatte vor dreißig Jahren diesen Traum! Andere Drachen hatten ihn auch! Selbst dein richtiger Vater… Denkst du immer noch, das ist alles Zufall?
Wütende Emotionen trafen ihre Gedanken und beeinflussten ihre Gefühle.
"Nennt mich nicht "Mensch"! Ihr wisst, dass ich einen Namen habe. Wo wir gerade dabei sind, wie ist eigentlich euer Name?"
Grmpf… nenn mich T’Sana!
"T’Sana… das ist ein seltsamer Name…"
Nenn mich Drache, nenn mich T’Sana – es macht keinen Unterschied!
Sie war wieder still.
Dann sagte sie: "Es tut mir leid. Ich bin immer noch verwirrt von allem… Was würdet ihr sagen, wenn eine Kreatur, die 100mal größer als ihr ist, euch erzählt, dass eure Eltern nicht eure Eltern sind und dass die gesamte Welt euch jagt, nur weil ihr ein wenig Unsterblichkeit mit euch herum tragt!"
Auf einmal kam etwas, wie Fröhlichkeit in ihre Gedanken. Und dann begann der Drache – zu lachen! Es klang zwar mehr wie ein befremdliches Grunzen, doch in ihrem Kopf ertönte trotz ihrer Wut ihr eigenes, helles, klares Lachen – es schien, als würde sie für den Drachen emotional lachen, während er nur die passenden drakonischen Gesten und Töne machte.
"Wieso lacht ihr? Was ist so lustig daran?"
Es ist nur niedlich, dich hier vor mir zu sehen, immer noch mit Angst im Herzen, aber bereits streitend, als wären wir ein altes Ehepaar.
Du siehst gut aus in Rot!, fügte er dann mit einem Grinsen hinzu.
Sie drehte sich wütend um. Der Drache fuhr mit dem Lachen fort und seine Emotionen bekämpften die ihren. T’Sana gewann den Kampf und Denya begann zuerst wider Willen, aber dann ehrlich und herzlich mit ihm zu lachen.
Das ging eine Minute so – bis Denya komplett außer Puste war und sie ein lautes Rumpeln in ihrem Körper vernahm.
"Sagt mal, habt ihr irgend was zu Essen in eurer Höhle?"
Der Drache wurde sofort ernst.
Nein, habe ich nicht. Und ich werde auch nicht jagen gehen. Jemand könnte mir folgen.
"Und was ist mit Wasser? Ihr müsst wissen, dass ich ohne Wasser nicht lange überleben kann…"
Sehr witzig! Tiefer in der Höhle ist eine Quelle, da kannst du dich waschen und etwas trinken.
Sie sah tiefer in die Höhle hinein – oder sie versuchte es zumindest. Denn da war nur ein großes, schwarzes Loch in der Wand.
"Ich kann überhaupt nichts sehen!"
T’Sana grummelte.
Menschen… Nimm das hier!
Ein gelber Ball erschien auf einer seiner Klauen. Er schien wie eine Fackel. Sie nahm ihn – obwohl er wie eine Flamme brannte, war er kalt wie ein Stein.
"Wow!" war alles, was sie heraus brachte.
Dann ging sie tiefer in die Höhle, die sie nun einigermaßen gut ausleuchten konnte, hinein.
Je tiefer sie eindrang, desto wärmer wurde es. Dann fand sie einen kleinen See. Sie legte das Licht auf den Boden und tunkte ihre Zehenspitzen in das Wasser – es war angenehm warm. Zuerst trank sie ein wenig, – trotz seiner warmen Temperatur schmeckte es frisch und sauber – dann zog sie sich aus, ließ sich in den kleinen See gleiten und genoss die Wärme. Als sie wieder aus dem Wasser kam, merkte sie, dass sie nichts zum Abtrocknen besaß. Also würde sie warten müssen. Sie kniete sich hin und sah sich ihr Spiegelbild auf der ruhigen Wasseroberfläche an. Ihr Gesicht war völlig zerkratzt. Denya konnte sich nicht erinnern, jemals so ausgesehen zu haben. Es war verrückt… alles war verrückt.
Eure Körper sind…so zerbrechlich…
Diesmal dauerte es nicht lange, bis sie bemerkte, dass es T’Sana war, der sprach. Sie drehte sich um und versuchte, bestimmte Teile ihres Körpers zu bedecken, als sie den Drachen im Eingang der unterirdischen Höhle sah.
Denkst du, ich finde deinen nackten Körper attraktiv? Ich bin kein Mensch! Außerdem bin ich genauso "nackt" wie du. Und bedecke ich meine Genitalien, wenn ich einen anderen Drachen sehe? Oder einen Menschen? Die Natur hat uns beide so erschaffen, wie wir hier stehen. Aber ihr Menschen müsst immer diese Kleidung tragen, um das zu verbergen, was ihr seid: Tiere! Tiere wie Pferde. Tiere wie Schweine. Tiere wie Elfen oder Zwerge. Tiere wie Drachen…
Sie war verwirrt: "Was… was habe ich denn getan?"
Ein Seufzen ging durch ihren Kopf.
Nichts… es ist nur so, dass ich euch Menschen wohl nie verstehen werde…
"Ihr mögt Menschen nicht besonders, oder?"
Du hast Recht…
"Aber warum? Was ist so schlecht an Menschen?"
Haben Leoric und Margareth dir je etwas über Drachen erzählt?
"Ja, natürlich!"
Dann haben sie dir sicherlich von Drachen erzählt, die schreckliche und brutale Wesen sind, die es mögen, Menschen und Tiere nur zum Spaß zu jagen und zu töten?
"Nun… ja, sowas in der Richtung…"
Und siehst du so einen Drachen vor dir?
"Nun… nein!"
Und das ist der Punkt! Zuerst jagten sie uns, weil wir "ihre" Rinder fraßen. Als ob sie ihnen gehören würden! Die Menschen, die Drachen bekämpft und diese Kämpfe überlebt hatten, verbreiteten Geschichten über die "schrecklichen Bestien" und veranlassten damit noch mehr Menschen, die Welt von dieser "Krankheit", wie sie es nannten, zu befreien. Die Geschichten wurden immer fantastischer: Die Sache, dass Drachen große Schätze hüten… kompletter Schwachsinn! Doch er ließ Tausende von Menschen ausziehen, um Drachen zu töten – alle nur auf der Suche nach Ruhm und Schätzen, die nicht existierten. Die Menschen glaubten alles, was man ihnen erzählte: Dass Drachen nur Jungfrauen fressen würden und dass sie Männer und Kinder als Sklaven hielten. Sie rotteten beinahe unsere gesamte Rasse aus. Nur eine Handvoll von uns sind übrig… Und alles nur wegen ein paar falschen Gerüchten und Geschichten…
Zunächst war er so wütend, dass sie sich instinktiv duckte, doch als er fortfuhr wurde seine Stimme in ihrem Kopf immer trauriger – so traurig, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten.
"Würdet ihr mich auf dem Berg opfern, wenn ihr könntet?", fragte sie dann.
Der Drache sah sie eine Weile mit seinen tief grünen Augen an.
Ich weiß nicht… doch ich gab ein Versprechen. Und Drachen halten ihre Versprechen – sogar gegenüber Menschen. Ich würde mein Leben geben, um dich vor dem Tod zu retten.
"T’Sana?"
Ja?
"Wenn das hier vorbei ist, werde ich allen Menschen die Wahrheit erzählen. Ich werde ihnen sagen, wie ihr Drachen wirklich seid! Ich werde sie bitten, euch nicht mehr zu jagen. Das verspreche ich!"
T’Sana lächelte.
Das ist zwar nett von dir, aber meine Erfahrung lehrt mich, dass Menschen ihre Versprechen eher selten halten.
"Ich werde mein Versprechen halten!"
Wir werden sehen…
Das magische Licht T’Sanas begann zu flackern.
Ich denke, wir gehen besser wieder nach oben. Dort ist besseres Licht für dich. Und ein schöner Sonnenuntergang.
Denya zog sich wieder an und zusammen gingen sie nach oben, die junge Frau und der alte Drache. Doch als sie die obere Höhle, die bereits von dem abendlichen Himmel in tiefes Rot getaucht war, erreichten, blieben sie beide abrupt stehen. T’Sana knurrte.
"Hallo, Schatz!"
Leoric und Margareth standen im Eingang der Höhle.
Denya stand da wie angewurzelt.
"Wie… wie seid ihr hier hoch gekommen?", fragte Denya.
"Nicht nur Drachen können sich in andere Lebewesen verwandeln", war ihre Antwort, wobei sie einen Blick auf die gigantische Kreatur warf. Denya wunderte sich, wieso T’Sana nichts erwiderte.
"Was wollt ihr?"
Margareth lachte seltsam: "Oh, Denya, bist du nicht froh, uns zu sehen? Wir haben dich den ganzen Tag lang gesucht! Wir haben uns Sorgen um dich gemacht! Diese Kreatur hätte dich töten können!"
"Hat er aber nicht! Und nebenbei zeigte er mir, wer ihr wirklich seid, Mörder!"
Jetzt zeigte sich ein wirklich besorgter Ausdruck auf dem Gesicht von Margareth. Kann das gespielt sein?, fragte sich Denya, es wirkt so echt!
"Was meinst du, Schatz? Warum bezeichnest du deine Mutter als Mörderin?"
"Du bist nicht meine Mutter!"
Sie schrie fast.
Doch jetzt sah sie richtig verzweifelt aus und flüsterte fast: "Oh, Denya, Liebling! Was…was ist mit dir los? Was hat diese Kreatur mit dir angestellt?"
"Sie zeigte mir, wer meine echten Eltern getötet hat! Ihr verdammten Bastarde, ich habe euch GELIEBT!"
Ihr Gesichtsausdruck ist so echt…
"Merkst du denn nicht? Er zeigte dir eine Illusion! Etwas, das nie passiert ist…"
Es schien, als würde ihre Mutter gleich weinen.
"Nein, hat er nicht. Ich weiß es!"
Doch sie war sich nicht mehr so sicher.
"T’Sana hat mir über euch und das Opfer erzählt! Ihr habt mich 20 Jahre lang aufgezogen… nur um mich jetzt umzubringen?"
"Oh, Denya, bitte sag mir, dass du das nicht ernst gemeint hast! Bitte sag mir, dass du das nicht so gemeint hast! Nie, niemals würden wir dir ein Leid zufügen! Niemals, Denya… Und das weißt du!"
Denya war nun völlig verwirrt von der Situation. Jetzt konnte sie nicht mehr glauben, dass ihre Eltern sie betrogen, doch es waren immer noch Bilder von ihrer ein paar Stunden zurückliegenden Vision in ihrem Kopf. Sie stand nun genau zwischen T’Sana und Margareth. Ihre Gedanken schienen sich selbst zu bekriegen: In diesem Moment sah sie ihre Leoric und Margareth und was sie für sie getan hatten, dann kamen Bilder von ihnen, wie sie ihren Vater umbrachten. Sie fühlte sich in eine Richtung gezogen, dann wieder in die andere… als ob T’Sana und ihre Eltern einen mentalen Kampf in ihrem Kopf austragen würden…
Ihre Mutter sah sie besorgt an, während sie unentschieden zwischen T’Sana und Margareth hin und her sah.
So lange, bis Margareth auf einmal lächelte und ihre Hände ausstreckte – es war dasselbe Lächeln, das sie ihr vor 20 Jahren gegeben hatten, bei ihrem allerersten Treffen…
Plötzlich war ihr Kopf frei.
Sie machte einen Schritt in die Richtung des Drachen. Dann noch einen.
Das Lächeln auf dem Gesicht ihrer Mutter erstarb abrupt.
"Falsche Entscheidung, Liebling!"
Nach diesen Worten zauberte ihr Vater, der die ganze Zeit so ruhig gewesen war wie T’Sana, einen mächtigen Blitz auf den Drachen, welcher voller Schmerz aufschrie. Ihre Mutter beschoss ihn ebenfalls mit Blitzen, so dass er bald völlig in ein Netz aus zuckenden Blitzen eingehüllt war. Dann stoppte er mit dem Schreien und fiel in sich zusammen, wobei der Boden ein wenig zitterte.
Sie flüsterte: "Nein!"
War sie denn dazu verdammt, allen Wesen, die sie mochte, den Tod zu bringen? Sie drehte sich, mit Tränen in den Augen, zu ihren Eltern um und schrie: "IHR MIESEN SCHWEINE!!!"
"Schschsch, Denya! Du möchtest doch morgen keine schlechte Laune haben. Es ist schließlich dein Geburtstag. Schlaf jetzt!", sagte ihre Mutter mit ihrem typischen kalten Lächeln. Dann berührte sie Denyas Augen mit ihren Fingern, die darauf von seliger Dunkelheit überfallen wurde…

 

Teil 4: Opfer

Es war Nacht und der volle Mond schien über ihr.
Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte – und sie konnte sich nicht bewegen. Denya war auf einer Art Altar festgebunden. Zu ihrer Linken schien eine Klippe zu sein, da der Boden dort einfach aufhörte. Rechts von ihr standen ein paar alte Bäume auf harter, steiniger Erde. Zwischen ihnen brannte ein Feuer. Sie konnte ihre Eltern hören.
"Und du bist sicher, dass der Spruch funktioniert?" das war Margareth.
"Ja – die Energie wird sich spalten und in uns beide fließen. Sei ohne Sorge, es wird klappen, ich bin mir da sehr sicher… oh, schau nur, unser Mädchen ist aufgewacht!"
Mit diesen Worten erschien Leoric in ihrem Sichtfeld. Sein Gesicht war so ernst wie immer.
"Hast du gut geschlafen, Schatz?"
Sie drehte ihren Kopf von ihm weg.
Er seufzte: "Denya, sag mir eins: Würdest du an meiner Position etwa nicht das Gleiche tun? Stell dir mal vor: Du könntest tun und lassen, was du willst! Du hättest Macht – endlose Macht! Und du müsstest nie mehr irgend jemanden fürchten… oder irgend etwas."
"Aber ich würde niemanden töten, den ich 20 Jahre lang geliebt habe!"
"Oh, Denya, du bist ja so naiv. Lass mich dir eins sagen: Wir haben dich niemals geliebt! Nie!"
Sie drehte sich wieder zu ihm um: "Das ist nicht wahr! Ich weiß, dass ihr mich geliebt habt! Ich konnte es fühlen, ich konnte es zwanzig Jahre lang fühlen! Ihr könnt nicht sagen, dass ihr mich nicht geliebt habt! Nein, das könnt ihr nicht…"
Er lachte laut auf: "Oh, Mann! Margareths telepatische Kräfte sind doch besser, als ich gedacht habe. Du musst wissen, sie hat dich die ganze Zeit über manipuliert. Sie gab dir mental ein, nie die Burg zu verlassen – also bist du auch nicht geflohen. Sie gab deinem Unterbewusstsein das Gefühl, wir würden dich lieben – also hast du das auch 20 Jahre lang gedacht. Sie hat dich manchmal Sachen machen lassen, die du überhaupt nicht wolltest – und ohne, dass du es je erfahren hättest!"
"Aber… ich… ich wollte die Burg nicht verlassen, weil… weil… ich dachte ihr würdet…", sie brach in Tränen aus. Sie war nicht mehr in der Lage zu sprechen. Es war ein Schock: 20 Jahre – ein Spiel, ein Drama, ein Theaterstück von zwanzig Jahren Länge. Und sie war die Hauptfigur gewesen.
Leoric fuhr fort: "Du musst wissen, als ich von der Prophezeiung träumte, konnte ich es natürlich nicht glauben. Aber als ich mit Margareth und einigen anderen Menschen sprach, die allesamt genau den selben Traum gehabt hatten, wurde es immer und immer wahrscheinlicher, dass du geboren werden würdest und die Prophezeiung wahr ist. Und dann, eines Nachts, spürten wir die ungeheure Energie – die reine magische Energie, die von dir ausging. Wir wurden nahezu magnetisch in deine Richtung gezogen.
Der einzige Moment in meinem Leben, an dem ich dich liebte, war, als wir dich in deinem Korb fanden und ich die Bestätigung erhielt, dass es dich gibt…"
"Nachdem ihr meine Eltern getötet habt, Mörder!"
Er runzelte die Stirn.
"Ich kannte deine Eltern nicht, aber ich kann offen und ehrlich sprechen, wenn ich sage…"
Er brach seinen Satz abrupt ab. Seine Augen weiteten sich. Er stöhnte… und brach dann tot zusammen. Hinter ihm stand Margareth mit einem blutigen Dolch in der Hand. Und mit ihrem typischen Lächeln sagte sie: "Tut mir leid Leoric, aber ich möchte lieber auf Nummer Sicher gehen… doch du verstehst mich bestimmt."
Dann sah sie auf.
"Ich weiß nicht genau, wie spät es ist, aber dein Geburtstag ist mehr als nah, Denya! Ach ja, wie er die gerade erzählt hat: Es war schon eine harte Zeit mit dir. Immer, wenn du in unserer Nähe warst, musste ich mich konzentrieren. Es hat fünf Jahre gedauert, bis du uns ganz akzeptiert hast… und dieser Drache zerstörte alles binnen weniger Stunden! Er war mächtig – aber nicht so mächtig, wie wir dachten. Er war leicht zu besiegen. War er dein Freund?"
Denya nickte abwesend.
"Oh, tut mir leid! Ich bin mir sicher, du wirst ihn bald schon wieder treffen. Aber bitte, sei ehrlich: Hast du ihm voll und ganz vertraut? Du wusstest doch nichts über ihn. Er hätte dich jederzeit töten können – einfach so! Du weißt nicht, was du dir als Freund auserkoren hast! Ein wildes Tier…"
"NEIN! DU weißt nicht, was ich mir als Freund auserkoren habe! Du weißt nichts über Drachen, gar nichts! Du kennst nur die Klischees von ihnen – du weißt nicht, wie sie wirklich sind! Und du bist noch viel schlimmer, als dieses wilde Tier!"
"Ich denke, ich sollte dir sagen, dass der Drache ähnliche Kräfte hatte, wie ich. Ich denke, er manipulierte deine Gedanken, wie ich es die Jahre davor getan habe. Ich weiß nicht, was er dir erzählt hat, aber ich denke, das Wenigste davon war wahr. Ich denke, er war ein Lügner, wie Leoric und ich. Er hätte dich gegen Mitternacht hierher gebracht und dich getötet. Seine Höhle ist ja schließlich ganz in der Nähe… Aber er ist tot – genauso wie Leoric. Ich bin der letzte Lügner, der übrig ist! Ich bin der Gewinner im großen Spiel der Götter! Und ich werde ihnen gleich sein, wenn ich diese Welt für mich eingenommen habe!"
Die letzten Sätze schrie sie beinahe – dann wurde sie wieder ruhig und beugte sich herab, um in ihr Ohr zu flüstern. "Ich muss dir danken, Denya. Denn du wirst mir die Gabe dazu geben – die Macht!"
Dann küsste Margareth sie auf die Stirn und hob ihren blutigen Dolch.
"Einen schönen Geburtstag wünsche ich dir, Denya", schrie sie.
Doch der Dolch kam nicht herunter. Margareth stand einfach nur da, völlig regungslos. Denya konnte durch ein großes, rundes Loch in ihrem Bauch sehen. Dann materialisierte sich eine große Klaue in diesem Loch – und hinter ihr T’Sana, der rote Drache. Er hatte Margareth einfach auf eine seiner scharfen Klauen aufgespießt. Sie röchelte und spuckte Blut – dann hob sie der Drache hoch und warf sie in die Luft, holte tief Luft und spie eine große weiße Flamme in ihre Richtung, noch während sie flog.
Nur Asche kam wieder zu Boden.
Er drehte sich zu Denya und lächelte.
Unsichtbarkeit – sehr nützlich…
"T’Sana, ich dachte du wärst…"
Tot? Oh, es braucht schon ein wenig mehr, als ein paar lächerliche kleine Blitze, um einen Drachen zu töten! Geht es dir gut?
"Ja, danke." Nun lächelte sie auch. "Ich dachte schon, das wäre mein Ende…"
Ich habe doch gesagt, dass ich dich vor ihnen beschützen würde!
Der Drache lächelte noch ein wenig breiter.
Aber du darfst dich jetzt entspannen – es ist vorbei!
"Ja… endlich…", sie seufzte und versuchte sich zu entspannen.
Dann wurde sie von einer Vision überwältigt.

Sie flog.
Es schien der gleiche Spruch zu sein, den T’Sana schon in seiner Höhle auf sie gesprochen hatte. Doch er hatte sie diesmal nicht mit seiner Klaue berührt! Außerdem konnte es keine von ihren Erinnerungen sein… es war eine von T’Sanas Erinnerungen! Sie war in seinem Körper, sie konnte sehen, was er sah, sie konnte fühlen, was er fühlte, sie teilte sogar seine Emotionen – sie war ein Drache! Denya flog hoch über den Wolken und eine wunderschöne, weiße Landschaft breitete sich unter ihr aus. Und sie fühlte eine magische Präsenz. Eine magnetische Kraft, die sie in eine bestimmte Richtung zog. Sie brach durch die Wolken. Unter ihr lagen Wälder, Flüsse, Wiesen und eine Straße, die sich am Rande des Waldes durch die Landschaft schlängelte. Und dann fand sie, wonach sie gesucht hatte. Zwei Menschen waren auf der Straße – ihre scharfen Augen erkannten einen Mann und eine Frau… die Frau trug irgend etwas. Ein Kind… das Kind, nach dem sie suchte.
Denya’s Unterbewusstsein wusste, was nun kommen würde – aber es war nur eine leise Stimme, die sie nicht beachtete. Sie war von den Gefühlen des Drachen überwältigt. Es war so schön, zu fliegen… es war die pure Freiheit!
Nun war sie den beiden Menschen schon recht nahe, also ging sie in einen Gleitflug, um die beiden nicht zu früh zu erschrecken. Doch ein paar Sekunden bevor sie landete, fiel ihr Schatten über die beiden Menschen. Sie drehten sich um. Die Frau schrie laut und die Augen des Mannes fielen fast aus seinem Kopf. Das Baby, ihr Ziel, begann ebenfalls zu schreien. Aber Denya war von den neuen Gefühlen von T’Sanas Körper noch immer zu fasziniert, um die Stimmen zu beachten, die ihr sagten, dass sie die beiden Gesichter vor ihr kennen würde. Ihr Vater sah noch immer so aus, wie der Mann, den sie in ihren Visionen zuvor gesehen hatte. Sie landete genau vor ihnen, was die Menschen veranlasste, ein paar Schritte rückwärts zu machen.
Der Mann reagierte zuerst: "Was wollt ihr, Drache?" Er hatte Mut.
Sie konnte T’Sana denken hören… oder war es sie, die dachte?
Ich will das Kind.
"Nein! Ihr werdet es niemals bekommen! Niemand wird es je bekommen! Es ist mein Kind und ich werde es vor jedem beschützen, der hier ankommt und es für dieses verdammte Opfer stehlen will! Kommt schon, Drache, kämpft gegen mich! Ich habe keine Angst!"
Sein Geruch sagte aber etwas anderes.
Narr! Denkst du wirklich, du kannst solch einen Kampf gewinnen? Gib mir das Kind und vielleicht lasse ich dich und deine Frau leben!
Der Mann sah sie hasserfüllt an. Dann hob er eine Hand – und aus seinem Finger schoss ein magischer Pfeil, der ihre Brust traf und sie einfror. Der Schmerz war unerträglich. Er war es auch, der sie aus ihrer Lethargie holte. Sie war nicht T’Sana, sie war nur in seinem Körper… und der war drauf und dran, ihre Eltern umzubringen!
Für den Moment konnte sich T’Sanas Körper nicht bewegen. Sie sah ihren Vater wie er sagte: "Ha! Ihr denkt, ich bin so einfach zu besiegen, wie die anderen Menschen? Ihr denkt, es würde einfach werden, das Kind der Unsterblichkeit in die Finger zu bekommen? IHR seid der Narr, Drache!"
Mit diesen Worten zauberte er einige magische Sprüche auf sie, die schreckliche Schmerzen durch ihren gesamten Körper schickten. Sie wollte, dass es aufhört, doch sie hatte keine Kontrolle – sie konnte nur zusehen, denken und leiden.
Doch dann machte ihr Vater einen gravierenden Fehler: In seiner Wut zauberte er einen Feuerball, der das Eis schmelzen ließ und den Drachen befreite. Blitzschnell hob er eine Klaue und drückte Denyas Vater zu Boden.
Und sie konnte nur zusehen.
Ich denke, die Antwort auf die Frage "Wer ist hier der Narr?", hat sich wieder verändert – aber ich denke auch, dass sie sich nicht noch einmal ändern wird…
Und was jetzt kam, war der reinste Horror für sie.
Denn sie holte tief Luft. Sie wollte es nicht sehen, sie wollte ihre Augen schließen oder wegsehen – alles nutzlos. Dann spie SIE eine helle Flamme, die gerade noch heiß genug war, um ihren Vater ein paar Sekunden lang voller Qual schreiend leben zu lassen. Als seine Schreie verstummten, wurde das Feuer, das SIE spie, nahezu weiß und verbrannte ihn letztendlich zu Asche. Sie fühlte T’Sanas tiefe Zufriedenheit – und sie wollte schreien und aufwachen… doch die Folter ging noch weiter.
T’Sana suchte nach der Frau – sie rannte die Straße hinunter. Denya warf sich in die Luft und folgte ihr. Plötzlich stolperte die Frau und fiel der Länge nach hin. Denya brüllte triumphierend, während sie Nein, nein, bitte nicht… dachte. Sie landete vor ihrer Mutter. Die relativ junge Frau rappelte sich auf und starrte in die Augen von Denyas drakonischem Körper. Das Kind war nirgendwo zu sehen…
Wo ist das Kind, Mensch?
Sie konnte die Angst in den Augen ihrer Mutter sehen… sie konnte ihre Angst riechen. Doch die Frau sagte: "Ich werde euch nichts sagen! Ihr werdet sie nie bekommen! Nicht in eintausend Jahren!" Dann spuckte sie auf den Boden vor dem Drachen. Ärger überkam Denya. Dann öffnete SIE ihr Maul und schloss es über ihrer Mutter. Sie hob ihren Kopf und verschlang ihre eigene Mutter, die noch immer zappelte und schrie.
Bei dieser Aktion schrien alle von Denyas Gedanken in psychischer Agonie – doch ihre Gedanken waren die genauen Gegensätze zu ihren Gefühlen ihres Körpers: Sie konnte das Blut ihrer Mutter schmecken – es war köstlich! Doch gleichzeitig erweckt der Geschmack eine unerträgliche Übelkeit in ihr. Und nachher kam wieder dieses Gefühl vollkommener Zufriedenheit – und dazu entstand in ihr ein bodenloser Selbsthass.
Diese gegensätzlichen Gefühle machten sie wahnsinnig – doch die Vision ging immer noch weiter.
Plötzlich konnte sie Pferde hören. Sie mussten noch eine oder zwei Meilen weit weg sein. Sie schlug mit ihren Flügeln, erhob sich in die Lüfte und spähte in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Zwei Pferde mit zwei Reitern kamen die Straße herauf – sie kannte die beiden Menschen nur allzu gut: Es waren Leoric und Margareth. Eine Welle des Zorns überkam sie. T’Sana war durch ihren Vater zu sehr geschwächt, um es mit den beiden Magiern aufnehmen zu können. Er beobachtete sie, wie sie die junge Denya im Wald neben der Straße fanden und wie sie zurück zu ihrer Burg ritten.
Doch den Rest ihrer Vision beachtete sie nicht mehr. Nur ein einziger Gedanke begleitete sie:
Ich habe meine Eltern getötet…
Ich habe meine Eltern getötet…
Ich habe meine Eltern getötet…
ICH HABE MEINE ELTERN GETÖTET!

"ICH HABE MEINE ELTERN GETÖTET! IHR GÖTTER, ICH HABE MEINE ELTERN GETÖTET! ICH HABE…"
HALT DIE KLAPPE!
Sie war sofort ruhig. Sie wollte zwar weiter schreien, doch etwas verbot es ihr. T’Sana lächelte noch immer sein drakonisches Grinsen – doch nun erkannte sie es als das böse Lächeln, das es die ganze Zeit über gewesen war.
In gewisser Weise hast du Recht, meine liebe Denya: Du hast deine Eltern wirklich getötet! Dein Geburt… Ja, deine Existenz hat sie umgebracht!
"Warum? Warum du? Was… was ist mit deinem Versprechen?"
Närrisches Kind! So ein Versprechen existiert natürlich nicht! Und warum ich das hier mache, weißt du gut genug.
"Rache?"
Teilweise, ja! Hauptsächlich kann ich nicht mit deiner Spezies auf einem Planeten zusammen leben. Ihr verbreitet euch über die gesamte Welt und bezeichnet euch selbst als ihre großen Herrscher. Aber ihr seid schwach! Sieh dich an! Was bist du, ohne irgendwelche Waffen oder Zaubersprüche? Fleisch! Das seid ihr Menschen für mich! Es hat mich sehr viel Überwindung gekostet, dich nicht gleich umzubringen, als du in meiner Höhle warst. Und es hat mich sogar noch mehr Überwindung gekostet, mit dir wie ein süßes kleines Haustier zu reden! Doch ich denke, das, was jetzt kommt, ist all den Trubel wert! Stell dir das mal vor: Millionen von Menschen werden sterben – nur wegen dir!
Er hob eine Klaue und setzte sie auf ihre Brust.
Sie schloss ihre Augen…

 

Epilog

T’Sana stand auf der Klippe. Er konnte die Macht fühlen, die durch seine Adern strömte. Es war also Wirklichkeit. Er war unsterblich! Es war nicht nur ein Gefühl – es war eine innere Gewissheit! Er genoss die pure Macht, die ihn durchfloss. Dann fragte er sich, was er mit dieser Macht anstellen wollte. Er hatte es angesichts des überwältigenden Gefühles einfach vergessen. Da sah er unter sich auf der Straße einige Lichter. Es war eine Zigeunerkarawane. Oh, ja… jetzt wusste er wieder, was er mit seiner neuen Macht machen wollte. Er breitete seine Flügel aus und flog den Berg hinunter.

Eine schlaffe Hand hing vom Altar, noch immer vom Feuer auf dem Berg beleuchtet. Doch die Flamme war schon weit herunter gebrannt und würde nicht mehr sehr lange leuchten.
Als die Schreie der sterbenden Menschen den Berg herauf klangen, begann das Feuer stark zu flackern. Es war nicht der Lärm eines Kampfes – es war der Lärm eines Massakers. Männer, Frauen, Kinder, sogar Babys – sie alle schrien und starben in Schmerz und Leid. Nur das triumphierende Brüllen des Drachen war lauter als die schrecklichen Schreie.
Und als die letzten Geräusche von sterbenden Kindern über den Berg hinweg hallten, ging das Feuer aus…

Written by Der Doktor http://www.die-subkultur.net

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Sybaris von Cirfis (Ciruelo Cabral)

Nach der Legende kam an den Hängen des Berges Cirfis, nahe der Stadt Delphi, ein ungeheurer Wasserdrache namens Sybaris zu Leben. Sie versetzte die Menschen in Angst und Schrecken, denn jeden Monat verlangte sie einen unschuldigen, schönen, heranwachsenden Knaben, der noch nicht den Nektar der Liebe gekostet haben durfte und verspeiste ihn. Es war die Aufgabe der Priester des Apollo, jeden Monat herauszufinden, welchen Jüngling diesmal das Los treffen würde, dem Drachen geopfert zu werden. So geschah es, daß eines Monats die Wahl auf den schönsten Jüngling der gesamten Region fiel, auf den jungen Alcyoneus. Es fand eine Prozession statt. Der Jüngling wurde mit Rosen gekrönt, was seine Erscheinung noch eindrucksvoller machte, er wirkte wie ein junger Apoll. Jammern und klagen begleitete den Zug zum Opferplatz, so daß die Prozession auch Eurybatus auffiel, einem mutigen jungen Kämpfer, der zufällig des Weges kam. Als er den schönen Alcyneus in seinen weißen Gewändern erblickte, verliebte sich der Soldat sofort in den jungen Mann. Er schloss sich der Prozession an und fragte:“ Wo habt Ihr diesen Jüngling gefunden und wo bringt Ihr ihn hin?“
„Sein Schicksal ist tragisch und seine Zukunft der Tod“, antworteten sie, „er ist das Opfer, das vom Schicksal dazu auserwählt wurde, dem Drachen Sybaris vorgeworfen zu werden.“ Als er daß hörte wurde Eurybatus bleich vor Schrecken. Einem Impuls seines Herzens folgend, bat er darum, Alcyneus befreien und ihn an seiner Stelle zu opfern, da sein Leben bedeutungslos werden würde, wenn der Jüngling sterben müßte. „Opfert mich, ich habe schon viele Jahre gelebt. Dieser Jüngling aber hat das Leben noch nicht einmal geschmeckt. Er soll sich an der Sonne erfreuen und an der Liebe , die er verdient, denn so eine wunderbare Kreatur soll der Liebling Eros und Aphrodites sein, nicht der des finsteren Hades.“
Die Priester wollten diesem Angebot aber nicht entsprechen. Sie fürchteten den Zorn des Drachen, da der Krieger nicht mehr so rein und unbefleckt wie Alcyneus war, sie erlaubten Eurybatus jedoch an der Prozession teilzunehmen. Als sie den Ort erreichten, an dem das Opfer an Sybaris übergeben werden sollte, zogen sich alle vorsichtig zurück. Alcyneus, der in seinem Herzen ebenfalls eine tiefe Liebe für den tapferen Recken empfand, hieß Eurybatus ebenfalls Schutz zu suchen. Doch der Krieger war nicht bereit, den Menschen zu verlassen, der bereits zum Inhalt seines Lebens geworden war. Der ungeheuerliche weibliche Drachen kam aus seiner Höhle und dachte, sie würde nun einen verschreckten, hilflosen Jüngling an der Opferstelle vorfinden. Doch sie traf auf Eurybatus, der- von der Liebe inspiriert, die er in den Augen des Jünglings hatte funkeln sehen- einen Überraschungsangriff gegen die Bestie unternahm und das Ungeheuer tötete. Von einem Drachen war nie wieder etwas zu hören, eine Quelle entsprang an jenem denkwürdigen Ort. Viele Jahre später gründete Eurybatus eine Stadt in Italien, die er Sybaris nannte, als Erinnerung an seine Heldentat.

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Die siebenköpfige Schlange (Sigrid Früh)

Die siebenköpfige Schlange
Es war einmal und zu einer gewissen Zeit ein König. Der versammelte einst seine Flotte mit der ganzen Mannschaft um sich und trat eine weite Reise an. Er fuhr Tag und Nacht immer vorwärts, bis er an einen Ort kam, der dicht mit Bäumen bewachsen war, und an jedem Baume lag ein Löwe. Als er sich mit seinen Leuten ausschiffte, da stürzten sich mit einemmal die Löwen auf sie und wollten sie verschlingen. Nach langem Kampfe gelang es ihnen endlich, die wilden Tiere zu erlegen, aber auch von ihnen waren die meisten getötet worden. Die Übriggebliebenen zogen nun durch den Wald hindurch und fanden auf der anderen Seite einen wunderschönen Garten, darin standen alle Gewächse, die es in der Welt gibt. Es waren auch drei Quellen hier, und die eine von ihnen rieselte Silber, die andere Gold und die dritte Perlen. Da nahmen sie ihre Reisesäcke und füllten sie mit diesen köstlichen Dingen. Es war auch ein großer See in der Mitte des Gartens. Als sie auf diesen zugingen, fing er an zu reden und sagte zu ihnen: „Was macht ihr hier, Kinder, und wen sucht ihr? Verlangt ihr nach unserem König?“
Sie aber erschraken sehr und antworteten nichts.
Da sprach der See abermals zu ihnen: „Ich sehe, daß ihr euch fürchtet, aber ihr seid auch zu eurem Unheil hier hereingekommen. Unser König, der sieben Köpfe hat, schläft jetzt. In wenigen Minuten wird er aufwachen und hierher kommen, sein Bad zu nehmen. Wehe dem, der hier im Garten von ihm angetroffen wird! Es ist unmöglich, ihm zu entrinnen. Macht’s indessen, um euch zu retten, also: legt alle eure Kleider ab und breitet sie. auf den Weg aus von dem Schlosse an bis hierher. Der König wird dann weich gehen, was er sehr liebt, und so wird er euch nicht fressen. Er wird euch nur eine Strafe auferlegen und dann euch ziehen lassen.“
So taten sie denn und warteten den Ausgang ab. Um Mittag dröhnte die Erde und barst an vielen Stellen, es erschienen Löwen, Tiger und andere wilde Tiere und umringten das Schloß, und tausend und aber tausend Tiere kamen aus seinem Inneren heraus mit ihrem König, der siebenköpfigen Schlange. Dieser schritt über die Kleider hinweg, kam zum Sec und fragte ihn, wer die weichen Sachen auf den Weg gebreitet habe. Der See antwortete, das hätten Leute getan, die gekommen wären, ihm ihre Ehrerbietung zu bezeigen. Alsbald befahl der König, daß die Leute vor ihn kommen sollten. Sie nahten sich ihm auf den Knien und erzählten ihm mit wenigen Worten ihre Geschichte.
Er aber sprach zu ihnen mit gewaltiger furchtbarer Stimme: „Weil ihr hier hereingekommen seid, lege ich euch zur Strafe die Verpflichtung auf, mir jedes Jahr aus eurem Volke zwölf Mädchen und zwölf Jünglinge zum Fraße zu bringen. Und wenn ihr das nicht tut, werde ich euer ganzes Volk vertilgen.“
Hierauf teilte er ihnen eines seiner Tiere zu, um ihnen den Weg aus dem Garten zu zeigen, und verabschiedete sie. So zogen sie von dannen. In ihr Land zurückgekehrt, erzählten sie das Geschehene. Und schon rückte die Zeit heran, da sie die Mädchen und Jünglinge dem König der Tiere bringen mußten. Es erging also der Befehl im Lande, daß zwölf Mädchen und ebensoviel Jünglinge sich opfern sollten, um das Vaterland zu retten. Sogleich eilten Jünglinge und Jungfrauen in großer Zahl herbei, viel mehr als nötig waren. Man baute ein neues Schiff und versah es mit schwarzen Segeln. Auf dem schifften sie die für den König der Tiere bestimmten Jünglinge und Mädchen ein und fuhren nach seinem Lande ab. Dort angekommen, gingen sie wieder auf den See zu, aber weder die Löwen regten sich diesmal, noch rieselten die Quellen, und auch der See redete nicht. Sie warteten also, und es dauerte nicht lange, da dröhnte die Erde noch gewaltiger als das erste Mal, das Ungeheuer kam ohne Begleitung heran, schaute den Fraß und verschlang ihn mit einem Male. Die Überbringer kehrten darauf in ihre Heimat zurück, und so geschah es noch viele Jahre hindurch.

Verlassen wir jetzt das Ungeheuer und nehmen wir den König des unglücklichen Landes dran! Der wurde alt, und auch die Königin alterte, und Kinder hatten sie nicht. Eines Tages nun saß die Königin am Fenster und weinte, weil sie kinderlos war und sah, daß der Thron in fremde Hände übergehen werde.
Da auf einmal erschien vor ihr ein altes Mütterchen, das hatte einen Apfel in der Hand und fragte: „Was ist dir, meine Königin, daß du weinst und dich härmst?“ „Ach, liebe Alte“, erwiderte jene, „es betrübt mich sehr, daß ich keine Kinder habe.“
„Ei“, sprach die Alte, „darüber härmst du dich? Hör mich an. Ich bin eine Nonne aus dem Kloster Gnothi, und meine selige Mutter hat mir als Erbschaft den Apfel hier hinterlassen: Wer den ißt, der bekommt ein Kind.“ Die Königin gab der Alten viele Taler und kaufte dafür den Apfel. Dann schälte sie ihn, aß ihn und warf die Schalen zum Fenster hinaus. Eine Stute aber, die im Hofe umherlief, fraß die Schalen. Die Königin ward darauf schwanger, und zur selben Zeit ward auch die Stute trächtig. Als die Zeit kam, gebar die Königin ein Knäblein, die Stute aber warf ein männliches Füllen. Der Knabe und das Füllen wuchsen zusammen auf und wurden groß und liebten einander wie Brüder. Da starb der König, sein Weib folgte
ihm nach, und so blieb der Sohn allein, der damals neunzehn Jahre zählte.
Eine Tages nun, da er sich mit seinem Pferde abgab, sprach dieses zu ihm: „Wisse, daß ich dich lieb habe und daß ich dein Wohl und das deines Landes will. So höre mich. Wenn du fortfährst, jedes Jahr zwölf Mädchen und zwölf Jünglinge dem König der Tiere auszuliefern, so wird dein Volk in wenigen Jahren zugrunde gegangen sein. Auf, setz dich auf meinen Rücken, ich werde dich zu einer Frau bringen, die dir angibt, wie du das Ungeheuer töten kannst.“ Da bestieg der Jüngling sein Roß, das trug ihn weit fort zu einem Berg, in dem eine Höhle war, sie dehnte sich unter der Erde aus gleich einer großen Ebene. Darin saß eine Alte und spann. Es war das ein Nonnenkloster, und die Alte war die Äbtissin. Und weil sie in einem fort spann, davon hatte das Kloster den Namen Gnothi (Spinnheim) erhalten. An den Wänden der Höhle befanden sich ringsum steinerne, aus dem Fels ausgehauene Betten, auf denen schliefen die Nonnen. In der Mitte aber brannte ein Licht. Das mußten die Nonnen abwechselnd hüten, damit es nie verlösche, und wenn eine von ihnen es ausgehen ließ, so wurde sie von den übrigen getötet. Sobald nun der Königssohn der spinnenden Alten gewahr wurde, fiel er ihr zu Füßen und bat sie, ihm doch zu sagen, wie er das Ungeheuer töten könne. Sie aber hob den Jüngling auf, umarmte ihn und sprach „Wisse, mein Sohn, daß ich es gewesen bin, die die Nonne zu deiner Mutter sandte und so bewirkte, daß du geboren wurdest, und mit dir auch das Roß, auf daß du mit seiner Hilfe die Welt von dem Ungeheuer befreien könntest. Laß dir also jetzt sagen, was du zu tun hast. Belade dein Roß mit Baumwolle, und schlage mit ihm den und den Weg eine“ – hierbei bezeichnete sie ihm einen heimlichen Weg, der nach dem Palast der Schlange führte und auf dem man den reißenden Tieren verborgen blieb -, „du wirst den König schlafend antreffen auf einem Bett, an dem ringsum Glocken angebracht sind; und über ihm in der Mitte seines Lagers wirst du ein Schwert hängen sehen. Nur mit diesem Schwerte ist es möglich, die Schlange zu erlegen, denn seine Klinge, wenn sie auch bricht, ersetzt sich immer wieder bei jedem neuen Kopfe, der dein Ungeheuer wächst, also, daß du damit alle sieben Häupter ihn abschlagen kannst. Um das nun aber dem Könige zu entwenden, mußt du’s also machen. Schleiche dich ganz leise hinauf in sein Schlafgemach, und verstopfe alle Glocken, die sein Lager umgeben, mit Baumwolle, hierauf nimm ganz sacht das Schwert herab und versetze damit dem Ungeheuer rasch einen Schlag auf seinen Schweif. Da wird es erwachen und, sobald es dich erblickt, sofort dich angreifen. Du aber hau ihm nun den einen Kopf ab, und warte dann, bis der zweite hervorwächst. Dann schlag ihm auch den ab, und so fahre fort, bis du alle sieben Köpfe abgeschlagen.“
Hierauf gab die Alte dem Königssohne ihren Segen. Der machte sich nun auf den Weg, gelangte in dem Schlosse des Ungeheuers an und war so glücklich, es zu erlegen. Als die Tiere des Gartens den Tod ihres Königs erfuhren, da eilten sie alle nach dem Schlosse, aber der Jüngling saß schon längst wieder auf seinem Pferd und war bereits weit von ihrem Reiche entfernt. Sie verfolgten ihn zwar hitzig, konnten ihn aber nicht mehr einholen. Er gelangte glücklich heim, und so hatte er sein Land von großer Gefahr befreit.
[Märchen aus Griechenland]

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