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Aufenthalt im Wasserreich (Ciruelo Cabral)

Durch Weingärten und Olivenhaine im Süden Frankreichs, vorbei an den bernsteinfarbenen Schlössern der Herren der Provence und an den rotgedeckten Häusern ihrer Untertanen entlang, floss die Rhone. Der stetige Strom ihres Wassers verriet nicht, dass sie Drachen beherbergte. Einer jedoch hauste in ihren Tiefen: Nahe der Stadt Beaucaire, wo die Rhone in Biegungen dem Meer zustrebte, war die Lagerstatt des Drac verborgen, eines riesigen, uralten Wesens; er verstand sich auf Zauberei, die er für seine eigenen blutigen Zwecke einsetzte.

Der Drac besaß eine Vorliebe für Menschenfleisch und machte sich ein Vergnügen daraus, Sterbliche zu jagen. Von Zeit zu Zeit verließ er den Fluss und begab sich zum Marktplatz von Beaucaire, wo er, für die geschäftigen Stadtbewohner unsichtbar, im Schatten der Platanen herumstrich, ein wachsamer Schatten zwischen Körben voller Fische und Bergen von Obst. Mit kalten, blassen Augen beobachtete der Drache die Hausfrauen, die mit den Händlern schwatzten; mit gekrümmten Klauen schnappte er sich dann geschwind ein unbeaufsichtigtes Kind.

Zum Zeitvertreib lockte der Drac manchmal auch Menschen in seinen Fluss. Einmal tat er dies zu einem seltsamen Zweck, und das geschah so:

An einem Sommernachmittag, als die Sonne unbarmherzig auf Stadt und Felder niederbrannte, ging eine junge Frau aus der Stadt zum Fluss, um die Kleider ihres Kindes zu waschen. Wie sie so ihrer Arbeit nachging, blickte die Frau über das glitzernde Wasser – und dann machte sie große Augen. Auf dem Wasser, nicht weit vom Ufer, schwamm ein goldener Becher. In dem prachtvollen Gefäß schimmerte eine Perle.

Ohne zu überlegen nahm sie den Köder an. Sie streckte die Hand nach dem hübschen Zierat aus, der Becher aber glitt außer Reichweite und glitzerte verführerisch im Sonnenlicht. Die Frau versuchte ihn abermals zu greifen; sie beugte sich über den Uferrand und verlor dabei das Gleichgewicht. Als sie fiel, griff eine Klaue nach ihr; wie eine Fessel schloss sie sich fest um die Taille der jungen Frau. Sie stöhnte und zappelte, aber gegen den Griff war sie machtlos. Sie fühlte, wie sie nach unten gezogen wurde. Während ihre Röcke sich mit Wasser vollsogen, warf sie einen letzten, verzweifelten Blick zum Ufer – sie sah, wie kleine Kleidungsstücke auf dem Gras am Fluss trockneten und das Kind, ganz allein, dasaß und wimmerte. Dann schlugen die Wasser der Rhone über ihrem Kopf zusammen.

Unerbittlich wurde sie in die kalten Tiefen des Flusses hinabgezogen, bis sie nichts wahrnahm als nasse Schwärze, durchbrochen von winzigen Lichtern, strahlend und glitzernd wie die Sterne am nächtlichen Himmel. Sie wurde ohnmächtig.

Als sie die Augen wieder aufschlug, befand sie sich in einer kristallenen Höhle. Vor den durchsichtigen Wänden wogten Wasserpflanzen, als wehe ein Landwind darüber hin. Fische schnellten vorbei. Neben ihr lag der goldene Becher, der sie verlockt hatte, und die Perle, die darin war. Und dann sah sie, wer sie gefangen genommen hatte. Riesenhaft und schimmernd hockte der Drache reglos neben dem Becher und betrachtete sie. Von seinem grünen, starren Blick gebannt, stand die Frau auf, und während sie dies tat, verblasste die Erinnerung an ihr Leben: Ihr kleiner Sohn, ihr Mann, ihr Haus im sonnigen Beaucaire, die Felder und Olivenhaine und die Stadt, das alles wurde zu winzigen Bildern, zu Miniaturen, an die sie sich undeutlich erinnerte, wie an Träume. Nur die Worte des Drachen ertönten in ihrem Kopf. Der Drac sprach mit einer Stimme, die wie ein Gong wiederhallte, und die Sterbliche gehorchte. Der Drache hatte der Frau aufgelauert, weil sie jung und gesund war – und weil sie ihren Sohn stillte. Der Drache brauchte Menschenmilch, um sein eigenes Gezücht, ein schwaches Drachenjunges, zu nähren. So wurde die junge Frau, in einem Zaubergespinst gefangen, die Sklavin des Drac und die Amme eines Drachen. Die Tage vergingen friedlich, und für die menschliche Gefangene in dem trüben Zwielicht der kristallenen Höhle unter dem Fluss war ein Tag wie der andere. Eingelullt von der Bewegung des Wassers draußen und vom Bann des Drachen, lebte sie wie in Trance. Sie säugte das Gezücht des Drac und hegte es, als sei es ihr eigener Sohn. Sie schlief, wann es der Drache gebot, und aß, was er ihr gab. Sie beobachtete die Bewegungen des Wassers durch die durchscheinenden Wände der Höhle, und mit der Zeit wurden ihr die Lebewesen der Rhone – der grün-gold gestreifte Hecht, der schlängelnde Aal, die flinke Forelle – vertraut wie einst die Bewohner von Beaucaire. Mit jedem Tag wurde ihr die Wasserwelt, die sie umgab,verständlicher und bekannter, als seien die Steine und Wasserpflanzen die Felder und Wälder ihrer vergessenen Heimat.

Ihre Sehkraft erhielt sie vom Zauber des Drachen, aber das wusste sie nicht. Jeden Abend rieb sie, wie ihr befohlen war, die Augen des Drachenjungen mit einer Salbe ein, die der Drac ihr gab. Die Salbe verlieh dem Kleinen den durchdringenden Drachenblick, und immer wenn die Frau sich ein Auge rieb, blieb etwas von der Salbe dort hängen, sodass sie ein wenig von der Zauberkraft des Geschöpfes empfing.

Sieben Jahre vergingen. Das Junge wurde groß und stark, und es kam der Tag, an dem der Drac keine Verwendung mehr für seine Gefangene hatte. Er tötete sie nicht, was er durchaus hätte tun können; aber sie hatte seinen Nachkommen genährt, und deshalb ließ er sie frei. Er belegte sie mit einem Bann des Vergessens und versenkte sie in Schlaf, bevor er sie durch den Fluss ans Tageslicht trug.

Die Frau wachte am Ufer in der Nähe ihres Hauses auf. Ein wenig verwirrt sah sie sich um, denn sie erinnerte sich an einen heißen, sonnigen Tag, als sie ihre Wäsche gewaschen und mit ihrem Kind gelacht hatte, das im Gras spielte. Jetzt aber war die Sonne untergegangen, und eines nach dem anderen flammten die Lichter der Stadt auf. Weder die Wäsche auf dem Rasen noch ihr Kind waren irgendwo zu sehen. Sie eilte über die Felder und durch die Straßen der Stadt.

Die Tür ihres Hauses stand offen, um die Abendkühle hereinzulassen, und die Frau ging hinein. Zwei Gesichter wandten sich ihr zu – das eines bärtigen Mannes und eines Knaben, der ihrem Mann glich, als dieser jung gewesen war. Einen Moment starrten sie sich gegenseitig an. Dann sprang der Mann mit einem gellenden Schrei auf. Während der Knabe mit geweiteten Augen zusah, umarmte der Mann die Frau. Er war ihr Ehemann, der sie ertrunken geglaubt und getreu sieben Jahre betrauert hatte. Er überschüttete sie mit Fragen, aber sie konnte keine Antwort geben, denn sie besaß keine Erinnerung an die Welt des Drachen. Der Knabe war ihr Sohn, aber er sprach nicht mit der bleichen, zerlumpten Fremden, ihre Schweigsamkeit schreckte ihn. Aber die Liebe des Vaters zu seiner Frau war so stark und seine Freude über ihre Wiederkehr so groß, dass der Knabe die Fremde allmählich als Mutter annahm. Und in den Wochen ihrer rätselhaften Wiederkehr gewöhnten sich auch die Nachbarn an sie. Ihre siebenjährige Abwesenheit blieb ihnen ein Geheimnis, und ihre Reden schreckten sie zuweilen. Sie träumte von Drachen, erzählte sie oft. Doch ihre Nachbarn waren liebenswürdige Menschen und ließen die Frau gewähren. Sie nahm ihr früheres geordnetes, friedliches Leben wieder auf, kochte und sorgte für den Mann und den Knaben und arbeitete mit den Leuten auf den Feldern. So hätte sie fortleben können, wäre nicht der Drachenblick gewesen. Eines Tages ging sie wie gewohnt auf den Markt, und dort, zwischen den Gemüseverkäufern und Fischhändlern, sah sie den Drac. Schuppig und schimmernd ragte er über den Stadtleuten auf. Sein Haupt reichte fast bis zu den Dachfirsten hinauf, und seine Augen schillerten grün, aber die geschäftigen Händler und ihre Kunden gingen nichtsahnend ihren Geschäften nach. Nur die Frau sah ihn. Als sie aufschrie, blickte er sie scharf an. "Siehst du mich, Sterbliche?", fragte eine Stimme in ihrem Kopf.

"Ich sehe dich, Drache", sagte sie laut, und in diesem Augenblick fielen ihr die ganzen verlorenen sieben Jahre wieder ein. Sie stand regungslos, als die Drachenklaue sich senkte und ihr das linke Auge zuhielt.

"Siehst du mich jetzt?", sagte die Drachenstimme. Sie sah ihn noch. Die Klaue wanderte zu ihrem rechten Auge,und wo der Drache gestanden hatte, sah sie nur den Marktplatz und ihre Mitmenschen. Folgsam sagte sie dem Drachen, dass sie ihn nicht mehr sehe. Sogleich durchfuhr ein blendender Schmerz ihren Kopf. Die Klaue hatte das Auge entfernt, das den Drachenblick besaß.

Halbblind lebte die Frau noch viele Jahre, und wieder und wieder erzählte sie ihre Drachengeschichte. Die Leute hielten sie für verrückt und schlugen ihre traurigen Warnungen in den Wind. So verschwanden Jahr für Jahr Kinder vom Marktplatz von Beaucaire und niemand wußte warum.

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(Grimm) Die zwei Brüder

Es waren einmal zwei Brüder, ein reicher und ein armer. Der reiche war ein Goldschmied und bös von Herzen; der arme nährte sich davon, daß er Besen band, und war gut und redlich. Der arme hatte zwei Kinder, das waren Zwillingsbrüder und sich so ähnlich wie ein Tropfen Wasser dem andern. Die zwei Knaben gingen in des Reichen Haus ab und zu und erhielten von dem Abfall manchmal etwas zu essen. Es trug sich zu, daß der arme Mann, als er in den Wald ging, Reisig zu holen, einen Vogel sah, der ganz golden war und so schön, wie ihm noch niemals einer vor Augen gekommen war. Da hob er ein Steinchen auf, warf nach ihm und traf ihn auch glücklich; es fiel aber nur eine goldene Feder herab, und der Vogel flog fort. Der Mann nahm die Feder und brachte sie seinem Bruder, der sah sie an und sprach „Es ist eitel Gold“, und gab ihm viel Geld dafür. Am andern Tag stieg der Mann auf einen Birkenbaum und wollte ein paar Äste abhauen. Da flog derselbe Vogel heraus, und als der Mann nachsuchte, fand er ein Nest, und ein Ei lag darin das war von Gold. Er nahm das Ei mit heim und brachte es seinem Bruder, der sprach wiederum: „Es ist eitel Gold“ und gab ihm, was es wert war. Zuletzt sagte der Goldschmied: „Den Vogel selber möcht‘ ich wohl haben.“ Der Arme ging zum drittenmal in den Wald und sah den Goldvogel wieder auf dem Baum sitzen. Da nahm er einen Stein und warf ihn herunter und brachte ihn seinem Bruder, der gab ihm einen großen Haufen Gold dafür. Nun kann ich mir forthelfen, dachte er und ging zufrieden nach Haus.

Der Goldschmied war klug und listig und wußte wohl, was das für ein Vogel war. Er rief seine Frau und sprach: „Brat mir den Goldvogel und sorge, daß nichts davon wegkommt, ich habe Lust, ihn ganz allein zu essen.“ Der Vogel war aber kein gewöhnlicher, sondern so wunderbarer Art, daß wer Herz und Leber von ihm aß, jeden Morgen ein Goldstück unter seinem Kopfkissen fand. Die Frau machte den Vogel zurecht, steckte ihn an einen Spieß und ließ ihn braten. Nun geschah es, daß während er am Feuer stand und die Frau anderer Arbeit wegen notwendig aus der Küche gehen mußte, die zwei Kinder des armen Besenbinders hereinliefen, sich vor den Spieß stellten und ihn ein paarmal herumdrehten. Und als da gerade zwei Stücklein aus dem Vogel in die Pfanne herabfielen, sprach der eine: „Die paar Bißchen wollen wir essen, ich bin so hungrig, es wird’s ja niemand daran merken.“ Da aßen sie beide die Stückchen auf; die Frau kam aber dazu, sah, daß sie etwas aßen, und sprach: „Was habt ihr gegessen ?“ „Ein paar Stückchen, die aus dem Vogel herausgefallen sind“, antworteten sie. „Das ist Herz und Leber gewesen, sprach die Frau ganz erschrocken, und damit ihr Mann nichts vermißte und nicht böse ward, schlachtete sie geschwind ein Hähnchen, nahm Herz und Leber heraus und legte es zu dem Goldvogel. Als er gar war, trug sie ihn dem Goldschmied auf, der ihn ganz allein verzehrte und nichts übrigließ Am andern Morgen aber, als er unter sein Kopfkissen griff und dachte das Goldstück hervorzuholen, war so wenig wie sonst eins zu finden.

Die beiden Kinder aber wußten nicht, was ihnen für ein Glück zuteil geworden war. Am andern Morgen, wie sie aufgestanden, fiel etwas auf die Erde und klingelte, und als sie es aufhoben, da waren’s zwei Goldstücke. Sie brachten sie ihrem Vater, der wunderte sich und sprach: „Wie sollte das zugegangen sein ? Als sie aber am andern Morgen wieder zwei fanden, und so jeden Tag, da ging er zu seinem Bruder und erzählte ihm die seltsame Geschichte. Der Goldschmied merkte gleich, wie es gekommen war und daß die Kinder Herz und Leber von dem Goldvogel gegessen hatten, und um sich zu rächen und weil er neidisch und hartherzig war, sprach er zu dem Vater: „Deine Kinder sind mit dem Bösen im Spiel, nimm das Gold nicht und dulde sie nicht länger in deinem Haus, denn er hat Macht über sie und kann dich selbst noch ins Verderben bringen !“ Der Vater fürchtete den Bösen, und so schwer es ihm ankam, führte er doch die Zwillinge hinaus in den Wald und verließ sie da mit traurigem Herzen.

Nun liefen die zwei Kinder im Wald umher und suchten den Weg nach Haus, konnten ihn aber nicht finden, sondern verirrten sich immer weiter. Endlich begegneten sie einem Jäger, der fragte: „Wem gehört ihr, Kinder ?“ „Wir sind des armen Besenbinders Jungen“, antworteten sie und erzählten ihm, daß ihr Vater sie nicht länger im Hause hätte behalten wollen, weil alle Morgen ein Goldstück unter ihrem Kopfkissen läge. „Nun“, sagte der Jäger, „das ist gerade nichts Schlimmes, wenn ihr nur rechtschaffen dabei bleibt und euch nicht auf die faule Haut legt.“ Der gute Mann, weil ihm die Kinder gefielen und er selbst keine hatte, so nahm er sie mit nach Haus und sprach: „Ich will euer Vater sein und euch großziehen.“ Sie lernten da bei ihm die Jägerei, und das Goldstück, das ein jeder beim Aufstehen fand, das hob er ihnen auf, wenn sie’s in Zukunft nötig hätten.

Als sie herangewachsen waren, nahm sie ihr Pflegevater eines Tages mit in den Wald und sprach: „Heute sollt ihr euren Probeschuß tun, damit ich euch freisprechen und zu Jägern machen kann.“ Sie gingen mit ihm auf den Anstand und warteten lange, aber es kam kein Wild. Der Jäger sah über sich und sah eine Kette von Schneegänsen in der Gestalt eines Dreiecks fliegen, da sagte er zu dem einen: „Nun schieß von jeder Ecke eine herab.“ Der tat’s und vollbrachte damit seinen Probeschuß. Bald darauf kam noch eine Kette angeflogen und hatte die Gestalt der Ziffer Zwei; da hieß der Jäger den andern gleichfalls von jeder Ecke eine herunterholen, und dem gelang sein Probeschuß auch. Nun sagte der Pflegevater: „Ich spreche euch frei, ihr seid ausgelernte Jäger !“ Darauf gingen die zwei Brüder zusammen in den Wald, ratschlagten miteinander und verabredeten etwas. Und als sie abends sich zum Essen niedergesetzt hatten, sagten sie zu ihrem Pflegevater: „Wir rühren die Speise nicht an und nehmen keinen Bissen, bevor Ihr uns eine Bitte gewährt habt.“ Sprach er: „Was ist denn eure Bitte ?“ Sie antworteten: „Wir haben nun ausgelernt, wir müssen uns auch in der Welt versuchen, so erlaubt, daß wir fortziehen und wandern.“ Da sprach der Alte mit Freuden: „Ihr redet wie brave Jäger, was ihr begehrt, ist mein eigener Wunsch gewesen; zieht aus, es wird euch wohl ergehen.“ Darauf aßen und tranken sie fröhlich zusammen.

Als der bestimmte Tag kam, schenkte der Pflegevater jedem eine gute Büchse und einen Hund und ließ jeden von seinen gesparten Goldstücken nehmen, soviel er wollte. Darauf begleitete er sie ein Stück Wegs, und beim Abschied gab er ihnen noch ein blankes Messer und sprach: „Wann ihr euch einmal trennt, so stoßt dies Messer am Scheideweg in einen Baum, daran kann einer, wenn er zurückkommt, sehen, wie es seinem abwesenden Bruder ergangen ist, denn die Seite, nach welcher dieser ausgezogen ist, rostet, wann er stirbt solange er aber lebt, bleibt sie blank.“ Die zwei Brüder gingen immer weiter fort und kamen in einen Wald, so groß, daß sie unmöglich in einem Tag herauskonnten. Also blieben sie die Nacht darin und aßen, was sie in die Jägertaschen gesteckt hatten; sie gingen aber auch noch den zweiten Tag und kamen nicht heraus. Da sie nichts zu essen hatten, so sprach der eine: „Wir müssen uns etwas schießen, sonst leiden wir Hunger“, lud sein Büchse und sah sich um. Und als ein alter Hase dahergelaufen kam, legte er an, aber der Hase rief:

„Lieber Jäger, laß mich leben,
Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Sprang auch gleich ins Gebüsch und brachte zwei Junge; die Tierlein spielten aber so munter und waren so artig, daß die Jäger es nicht übers Herz bringen konnten, sie zu töten Sie behielten sie also bei sich, und die kleinen Hasen folgten ihnen auf dem Fuße nach. Bald darauf schlich ein Fuchs vorbei, den wollten sie niederschießen, aber der Fuchs rief:

„Lieber Jäger, laß mich leben,
Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Er brachte auch zwei Füchslein, und die Jäger mochten sie auch nicht töten, gaben sie den Hasen zur Gesellschaft, und sie folgten ihnen nach. Nicht lange, so schritt ein Wolf aus dem Dickicht, die Jäger legten auf ihn an, aber der Wolf rief:

„Lieber Jäger, laß mich leben,
Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Die zwei jungen Wölfe taten die Jäger zu den anderen Tieren, und sie folgten ihnen nach. Darauf kam ein Bär, der wollte gern noch länger herumtraben und rief:

„Lieber Jäger, laß mich leben,
Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Die zwei jungen Bären wurden zu den andern gesellt, und waren ihrer schon acht. Endlich, wer kam ? Ein Löwe kam und schüttelte seine Mähne. Aber die Jäger ließen sich nicht schrecken und zielten auf ihn; aber der Löwe sprach gleichfalls:

„Lieber Jäger, laß mich leben,
Ich will dir auch zwei Junge geben.“

Er holte auch seine Jungen herbei, und nun hatten die Jäger zwei Löwen, zwei Bären, zwei Wölfe, zwei Füchse und zwei Hasen, die ihnen nachzogen und dienten. Indessen war ihr Hunger damit nicht gestillt worden, da sprachen sie zu den Füchsen: „Hört, ihr Schleicher, schafft uns etwas zu essen, ihr seid ]a listig und verschlagen.“ Sie antworteten: „Nicht weit von hier liegt ein Dorf, wo wir schon manches Huhn geholt haben; den Weg dahin wollen wir euch zeigen.“ Da gingen sie ins Dorf, kauften sich etwas zu essen und ließen ihren Tieren Futter geben und zogen dann weiter. Die Füchse aber wußten guten Bescheid in der Gegend, wo die Hühnerhöfe waren, und konnten die Jäger überall zurechtweisen. Nun zogen sie eine Weile herum, konnten aber keinen Dienst finden, wo sie zusammen geblieben wären, da sprachen sie: „Es geht nicht anders, wir müssen uns trennen.“ Sie teilten die Tiere, so daß jeder einen Löwen, einen Bären, einen Wolf, einen Fuchs und einen Hasen bekam. Dann nahmen sie Abschied, versprachen sich brüderliche Liebe bis in den Tod und stießen das Messer, das ihnen ihr Pflegevater mitgegeben, in einen Baum; worauf der eine nach Osten, der andere nach Westen zog.

Der Jüngste aber kam mit seinen Tieren in eine Stadt, die war ganz mit schwarzem Flor überzogen. Er ging in ein Wirtshaus und fragte den Wirt, ob er nicht seine Tiere herbergen könnte. Der Wirt gab ihnen einen Stall, wo in der Wand ein Loch war; da kroch der Hase hinaus und holte sich ein Kohlhaupt, und der Fuchs holte sich ein Huhn und, als er das gefressen hatte, auch den Hahn dazu. Der Wolf aber, der Bär und Löwe, weil sie zu groß waren, konnten nicht hinaus. Da ließ sie der Wirt hinbringen, wo eben eine Kuh auf dem Rasen lag, daß sie sich sattfraßen. Und als der Jäger für seine Tiere gesorgt hatte, fragte er erst den Wirt, warum die Stadt so mit Trauerflor ausgehängt wäre. Sprach der Wirt: „Weil morgen unseres Königs einzige Tochter sterben wird.“ Fragte der Jäger: „Ist sie sterbenskrank?“ „Nein“, antwortete der Wirt, „sie ist frisch und gesund, aber sie muß d o c h sterben.“ „Wie geht das zu ?“ fragte der Jäger. „Draußen vor der Stadt ist ein hoher Berg, darauf wohnt ein Drache, der muß alle Jahre eine reine Jungfrau haben, sonst verwüstet er das ganze Land. Nun sind schon alle Jungfrauen hingegeben, und ist niemand mehr übrig als die Königstochter, dennoch ist keine Gnade, sie muß ihm überliefert werden; und das soll morgen geschehen.“ Sprach der Jäger: „Warum wird der Drache nicht getötet ?“ „Ach“, antwortete der Wirt, „so viele Ritter haben’s versucht, aber allesamt ihr Leben eingebüßt; der König hat dem, der den Drachen besiegt, seine Tochter zur Frau versprochen, und er soll auch nach seinem Tode das Reich erben.“

Der Jäger sagte dazu weiter nichts, aber am andern Morgen nahm er seine Tiere und stieg mit ihnen auf den Drachenberg. Da stand oben eine kleine Kirche, und auf dem Altar standen drei gefüllte Becher, und dabei war die Schrift: Wer die Becher austrinkt, wird der stärkste Mann auf Erden und wird das Schwert führen, das vor der Türschwelle vergraben liegt. Der Jäger trank da nicht, ging hinaus und suchte das Schwert in der Erde, vermochte es aber nicht von der Stelle zu bewegen. Da ging er hin und trank die Becher aus und war nun stark genug, das Schwert aufzunehmen, und seine Hand konnte es ganz leicht führen. Als die Stunde kam, wo die Jungfrau dem Drachen sollte ausgeliefert werden, begleiteten sie der König, der Marschall und die Hofleute hinaus. Sie sah von weitem den Jäger oben auf dem Drachenberg und meinte, der Drache stände da und erwartete sie, und wollte nicht hinaufgehen, endlich aber, weil die ganze Stadt sonst wäre verloren gewesen, mußte sie den schweren Gang tun. Der König und die Hofleute kehrten voll großer Trauer heim, des Königs Marschall aber sollte stehen bleiben und aus der Ferne alles mitansehen.

Als die Königstochter oben auf den Berg kam, stand da nicht der Drache, sondern der junge Jäger, der sprach ihr Trost ein und sagte, er wollte sie retten, führte sie in die Kirche und verschloß sie darin. Gar nicht lange, so kam mit großem Gebraus der siebenköpfige Drache dahergefahren. Als er den Jäger erblickte, verwunderte er sich und sprach: „Was hast du hier auf dem Berge zu schaffen ?“ Der Jäger antwortete: „Ich will mit dir kämpfen !“ Sprach der Drache: „So mancher Rittersmann hat hier sein Leben gelassen, mit dir will ich auch fertig werden“, und atmete Feuer aus sieben Rachen. Das Feuer sollte das trockene Gras anzünden, und der Jäger sollte in der Glut und dem Dampf ersticken, aber die Tiere kamen herbeigelaufen und traten das Feuer aus. Da fuhr der Drache gegen den Jäger, aber er schwang sein Schwert, daß es in der Luft sang, und schlug ihm drei Köpfe ab. Da ward der Drache erst recht wütend, erhob sich in die Luft, spie die Feuerflammen über den Jäger aus und wollte sich auf ihn stürzen, aber der Jäger zückte nochmals sein Schwert und hieb ihm wieder drei Köpfe ab. Das Untier ward matt und sank nieder und wollte doch wieder auf den Jäger los, aber er schlug ihm mit der letzten Kraft den Schweif ab, und weil er nicht mehr kämpfen konnte, rief er seine Tiere herbei, die zerrissen es in Stücke. Als der Kampf zu Ende war, schloß der Jäger die Kirche auf und fand die Königstochter auf der Erde liegen, weil ihr die Sinne von Angst und Schrecken während des Streites vergangen waren. Er trug sie heraus, und als sie wieder zu sich kam und die Augen aufschlug, zeigte er ihr den zerrissenen Drachen und sagte ihr, daß sie nun erlöst wäre. Sie freute sich und sprach: „Nun wirst du mein liebster Gemahl werden, denn mein Vater hat mich demjenigen versprochen, der den Drachen tötet.“ Darauf hing sie ihr Halsband von Korallen ab und verteilte es unter die Tiere, um sie zu belohnen, und der Löwe erhielt das goldene Schlößchen davon. Ihr Taschentuch aber, in dem ihr Name stand, schenkte sie dem Jäger, der ging hin und schnitt aus den sieben Drachenköpfen die Zungen aus, wickelte sie in das Tuch und verwahrte sie wohl Als das geschehen war, weil er von dem Feuer und dem Kampf so matt und müde war, sprach er zur Jungfrau: „wir sind beide so matt und müde, wir vollen ein wenig schlafen.“ Da sagte sie „ja“, und sie ließen sich auf die Erde nieder, und der Jäger sprach zu dem Löwen: „Du sollst wachen, damit uns niemand im Schlaf überfällt !“ Und beide schliefen ein. Der Löwe legte sich neben sie, um zu wachen; aber er war vom Kampf auch müde, daß er den Bären rief und sprach „Lege dich neben mich, ich muß ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf !“ Da legte sich der Bär neben ihn, aber er war auch müde und rief den Wolf und sprach: „Lege dich neben mich, ich muß ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf !“ Da legte sich der Wolf neben ihn, aber auch er war müde und rief den Fuchs und sprach: „Lege dich neben mich, ich muß ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf!“ Da legte sich der Fuchs neben ihn, aber auch er war müde und rief den Hasen und sprach: „Lege dich neben mich, ich muß ein wenig schlafen, und wenn was kommt, so wecke mich auf !“ Da setzte sich der Hase neben ihn, aber der arme Has war auch müde und hatte niemand, den er zur Wache herbeirufen konnte, und schlief ein. Da schlief nun die Königstochter, der Jäger, der Löwe, der Bär, der Wolf, der Fuchs und der Has, und schliefen alle einen festen Schlaf.

Der Marschall aber, der von weitem hatte zuschauen sollen, als er den Drachen nicht mit der Jungfrau fortfliegen sah und alles auf dem Berg ruhig ward, nahm sich ein Herz und stieg hinauf. Da lag der Drache zerstückt und zerrissen auf der Erde und nicht weit davon die Königstochter und ein Jäger mit seinen Tieren, die waren alle in tiefen Schlaf versunken. Und weil er bös und gottlos war, so nahm er sein Schwert und hieb dem Jäger das Haupt ab und faßte die Jungfrau auf den Arm und trug sie den Berg hinab. Da erwachte sie und erschrak, aber der Marschall sprach: „Du bist in meinen Händen, du sollst sagen, daß ich es gewesen bin, der den Drachen getötet hat.!“ „Das kann ich nicht“, antwortete sie, „denn ein Jäger mit seinen Tieren hat es getan.“ Da zog er sein Schwert und drohte, sie zu töten, wenn sie ihm nicht gehorchte, und zwang sie damit, daß sie es versprach. Darauf brachte er sie vor den König, der sich vor Freuden nicht zu fassen wußte, als er sein liebes Kind wieder lebend erblickte, das er von dem Untier zerrissen glaubte. Der Marschall sprach zu ihm: „Ich habe den Drachen getötet und die Jungfrau und das ganze Reich befreit, darum fordere ich sie zur Gemahlin, so wie es zugesagt ist.“ Der König fragte die Jungfrau: „Ist das wahr, was er spricht ?“ „Ach ja „, antwortete sie, „es muß wohl wahr sein, aber ich halte mir aus, daß erst über Jahr und Tag die Hochzeit gefeiert wird“, denn se dachte, in der Zeit etwas von ihrem lieben Jäger zu hören. Auf dem Drachenberg aber lagen noch die Tiere neben ihrem toten Herrn und schliefen. Da kam eine große Hummel und setzte sich dem Hasen auf die Nase, aber der Hase wischte sie mit der Pfote ab und schlief weiter. Die Hummel kam zum zweiten Male, aber der Hase wischte sie wieder ab und schlief fort. Da kam sie zum drittenmal und stach ihm in die Nase, daß er aufwachte. Sobald der Hase wach war, weckte er den Fuchs, und der Fuchs den Wolf, und der Wolf den Bär und der Bär den Löwen. Und als der Löwe aufwachte und sah, daß die Jungfrau fort war und sein Herr tot, fing er an fürchterlich zu brüllen und rief: „Wer hat das vollbracht ? Bär, warum hast du mich nicht geweckt ?“ Der Bär fragte den Wolf: „Warum hast du mich nicht geweckt ?“ Und der Wolf den Fuchs: „Warum hast du mich nicht geweckt ?“ Und der Fuchs den Hasen: „Warum hast du mich nicht geweckt?“ Der arme Has wußte allein nichts zu antworten, und die Schuld blieb auf ihm hängen. Da wollten sie über ihn herfallen, aber er bat und sprach: „Bringt mich nicht um, ich will unsern Herrn wieder lebendig machen. Ich weiß einen Berg, da wächst eine Wurzel, wer die im Mund hat, der wird von aller Krankheit und allen Wunden geheilt. Aber der Berg liegt zweihundert Stunden von hier.“ Sprach der Löwe „In vierundzwanzig Stunden mußt du hin- und hergelaufen sein und die Wurzel mitbringen.“ Da sprang der Hase fort, und in vierundzwanzig Stunden war er zurück und brachte die Wurzel mit. Der Löwe setzte dem Jäger den Kopf wieder an, und der Hase steckte ihm die Wurzel in den Mund, alsbald fugte sich alles wieder zusammen, und das Herz schlug und das Leben kehrte zurück. Da erwachte der Jäger und erschrak, als er die Jungfrau nicht mehr sah, und dachte: Sie ist wohl fortgegangen, während ich schlief, um mich loszuwerden. Der Löwe hatte in der großen Eile seinem Herrn den Kopf verkehrt aufgesetzt, der aber merkte es nicht bei seinen traurigen Gedanken an die Königstochter. Erst zu Mittag, als er etwas essen wollte, da sah er, daß ihm der Kopf nach dem Rücken zu stand, konnte es nicht begreifen und fragte die Tiere, was ihm im Schlaf widerfahren wäre ? Da erzählte ihm der Löwe, daß sie auch aus Müdigkeit eingeschlafen wären, und beim Erwachen hätten sie ihn tot gefunden mit abgeschlagenem Haupte, der Hase hätte die Lebenswurzel geholt, er aber in der Eil‘ den Kopf verkehrt gehalten; doch wollte er seinen Fehler wiedergutmachen. Dann riß er dem Jäger den Kopf wieder ab, drehte ihn herum, und der Hase heilte ihn mit der Wurzel fest.

Der Jäger aber war traurig, zog in der Welt herum und ließ seine Tiere vor den Leuten tanzen. Es trug sich zu, daß er gerade nach Verlauf eines Jahres wieder in dieselbe Stadt kam, wo er die Königstochter vom Drachen erlöst hatte, und die Stadt war diesmal ganz mit rotem Scharlach ausgehängt. Da sprach er zum Wirt: „Was will das sagen ? Vor’m Jahr war die Stadt mit schwarzem Flor überzogen, was soll heute der rote Scharlach ?“ Der Wirt antwortete: „Vor’m Jahr sollte unseres Königs Tochter dem Drachen ausgeliefert werden, aber der Marschall hat mit ihm gekämpft und ihn getötet, und da soll morgen ihre Vermählung gefeiert werden; darum war die Stadt damals mit schwarzem Flor zur Trauer und ist heute mit rotem Scharlach zur Freude ausgehängt.“

Am andern Tag, wo die Hochzeit sein sollte, sprach der Jäger um die Mittagszeit zum Wirt: „Glaubt Er wohl, Herr Wirt, daß ich heut Brot von des Königs Tisch hier bei Ihm essen will ?“ „Ja, sprach der Wirt, „da wollt ich doch noch hundert Goldstücke daransetzen, daß das nicht wahr ist !“ Der Jäger nahm die Wette an und setzte einen Beutel mit ebensoviel Goldstücken dagegen. Dann rief er den Hasen und sprach: „Geh hin, lieber Springer, und hol mir von dem Brot, das der König ißt !“ Nun war das Häslein das Geringste und konnte es keinem andern wieder auftragen, sondern mußte sich selbst auf die Beine machen. Ei, dachte es, wann ich so allein durch die Straßen springe, da werden die Metzgerhunde hinter mir drein sein. Wie es dachte, so geschah es auch, und die Hunde kamen hinter ihm drein und wollten ihm sein gutes Fell flicken. Es sprang aber, hast du nicht gesehen ! und flüchtete sich in ein Schilderhaus, ohne daß es der Soldat gewahr wurde. Da kamen die Hunde und wollten es heraushaben, aber der Soldat verstand keinen Spaß und schlug mit dem Kolben drein, daß sie schreiend und heulend fortliefen. Als der Hase merkte, daß die Luft rein war, sprang er zum Schloß hinein und gerade zur Königstochter, setzte sich unter ihren Stuhl und kratzte sie am Fuß. Da sagte sie: „Willst du fort !“ und meinte, es wäre ihr Hund. Der Hase kratzte zum zweitenmal am Fuß, da sagte sie wieder: „Willst du fort !“ und meinte, es wäre ihr Hund. Aber der Hase ließ sich nicht irre machen und kratzte zum drittenmal. Da guckte sie herab und erkannte den Hasen an seinem Halsband. Nun nahm sie ihn auf ihren Schoß, trug ihn in ihre Kammer und sprach: „Lieber Hase, was willst du ?“ Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier und schickt mich, ich soll um ein Brot bitten, wie es der König ißt.“ Da war sie voll Freude und ließ den Bäcker kommen und befahl ihm, ein Brot zu bringen, wie es der König aß. Sprach das Häslein: „Aber der Bäcker muß mir’s auch hintragen, damit mir die Metzgerhunde nichts tun.“ Der Bäcker trug es ihm bis an die Türe der Wirtsstube. Da stellte sich der Hase auf die Hinterbeine, nahm alsbald das Brot in die Vorderpfoten und brachte es seinem Herrn. Da sprach der Jäger: „Sieht Er, Herr Wirt, die hundert Goldstücke sind mein.“ Der Wirt wunderte sich. Aber der Jäger sagte weiter: „Ja, Herr Wirt, das Brot hätt‘ ich, nun will ich aber auch von des Königs Braten essen.“ Der Wirt sagte: „Das möcht ich sehen“, aber wetten wollte er nicht mehr. Rief der Jäger den Fuchs und sprach: „Mein Füchslein, geh hin und hol mir Braten, wie ihn der König ißt !“ Der Rotfuchs wußte die Schliche besser, ging an den Ecken und durch die Winkel, ohne daß ihn ein Hund sah, setzte sich unter der Königstochter Stuhl und kratzte an ihrem Fuß. Da sah sie herab und erkannte den Fuchs am Halsband, nahm ihn mit in ihre Kammer und sprach: „Lieber Fuchs, was willst du ? Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier und schickt mich, ich soll bitten um einen Braten, wie ihn der König ißt.“ Da ließ sie den Koch kommen, der mußte einen Braten, wie ihn der König aß, anrichten und dem Fuchs bis an die Türe tragen. Da nahm ihm der Fuchs die Schüssel ab, wedelte mit seinem Schwanz erst die Fliegen weg, die sich auf den Braten gesetzt hatten, und brachte ihn dann seinem Herrn. „Sieht Er, Herr Wirt“, sprach der Jäger, „Brot und Fleisch ist da, nun will ich auch Zugemüs‘ essen, wie es der König ißt.“ Da rief er den Wolf und sprach: „Lieber Wolf, geh hin und hol mir Zugemüs‘, wie’s der König ißt !“ Da ging der Wolf geradezu ins Schloß, weil er sich vor niemand fürchtete. Und als er in der Königstochter Zimmer kam, da zupfte er sie hinten am Kleid, daß sie sich umschauen mußte. Sie erkannte ihn am Halsband und nahm ihn mit in ihre Kammer und sprach: „Lieber Wolf, was willst du ?“ Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier, ich soll bitten um ein Zugemüs‘, wie es der König ißt.“ Da ließ sie den Koch kommen, der mußte ein Zugemüs‘ bereiten, wie es der König aß, und mußte es dem Wolf bis vor die Türe tragen, da nahm ihm der Wolf die Schüssel ab und brachte sie seinem Herrn. „Sieht Er, Herr Wirt“, sprach der Jäger, „nun hab ich Brot, Fleisch und Zugemüs‘, aber ich will auch Zuckerwerk essen, wie es der König ißt.“ Rief er den Bären und sprach: „Lieber Bär, du leckst doch gern etwas Süßes, geh hin und hol mir Zuckerwerk, wie’s der König ißt !“ Da trabte der Bär nach dem Schlosse und ging ihm jedermann aus dem Wege. Als er aber zu der Wache kam, hielt sie die Flinten vor und wollte ihn nicht ins königliche Schloß lassen. Aber er hob sich in die Höhe und gab mit seinen Tatzen links und rechts ein paar Ohrfeigen, daß die ganze Wache zusammenfiel, und darauf ging er geraden Weges zu der Königstochter, stellte sich hinter sie und brummte ein wenig. Da schaute sie rückwärts und erkannte den Bären und hieß ihn mitgehn in ihre Kammer und sprach: „Lieber Bär, was willst du ?“ Antwortete er: „Mein Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier, ich soll bitten um Zuckerwerk, wie’s der König ißt.“ Da ließ sie den Zuckerbäcker kommen, der mußte Zuckerwerk backen, wie’s der König aß, und dem Bären vor die Türe tragen. Da leckte der Bär erst die Zuckererbsen auf, die heruntergerollt waren, dann stellte er sich aufrecht, nahm die Schüssel und brachte sie seinem Herrn. „Sieht Er, Herr Wirt“, sprach der Jäger, „nun habe ich Brot, Fleisch, Zugemüs‘ und Zuckerwerk, aber ich will auch Wein trinken, wie ihn der König trinkt !“ Er rief seinen Löwen herbei und sprach: „Lieber Löwe, du trinkst dir doch gerne einen Rausch, geh und hol mir Wein, wie ihn der König trinkt !“ Da schritt der Löwe über die Straße, und die Leute liefen vor ihm, und als er an die Wache kam, wollte sie den Weg sperren, aber er brüllte nur einmal, so sprang alles fort. Nun ging der Löwe vor das königliche Zimmer und klopfte mit seinem Schweif an die Türe. Da kam die Königstochter heraus und wäre fast über den Löwen erschrocken; aber sie erkannte ihn an dem goldenen Schloß von ihrem Halsbande und hieß ihn in ihre Kammer gehen und sprach: „Lieber Löwe. was willst du ?“ Antwortete er: „Min Herr, der den Drachen getötet hat, ist hier, ich soll bitten um Wein, wie ihn der König trinkt.“ Da ließ sie den Mundschenk kommen, der sollte dem Löwen Wein geben, wie ihn der König tränke. Sprach der Löwe: „Ich will mitgehen und sehen, daß ich den rechten kriege.“ Da ging er mit dem Mundschenk hinab, und als sie unten hinkamen, wollte ihm dieser von dem gewöhnlichen Wein zapfen, wie ihn des Königs Diener tranken; aber der Löwe sprach: „Halt ! Ich will den Wein erst versuchen“, zapfte sich ein halbes Maß und schluckte es auf einmal hinab. „Nein“, sagte er, „das ist nicht der rechte.“ Der Mundschenk sah ihn schief an, ging aber und wollte ihm aus einem andern Faß geben, das für des Königs Marschall war. Sprach der Löwe: „Halt ! Erst will ich den Wein versuchen“, zapfte sich ein halbes Maß und trank es, „der ist besser, aber noch nicht der rechte.“ Da ward der Mundschenk bös und sprach: „Was so ein dummes Vieh vom Wein verstehen will !“ Aber der Löwe gab ihm einen Schlag hinter die Ohren, daß er unsanft zur Erde fiel. Und als er sich wieder aufgemacht hatte, führte er den Löwen ganz stillschweigend in einen kleinen besonderen Keller, wo des Königs Wein lag, von dem sonst kein Mensch zu trinken bekam. Der Löwe zapfte sich erst ein halbes Maß und versuchte den Wein, dann sprach er: „Das kann von dem rechten sein“, und hieß den Mundschenk sechs Flaschen füllen. Nun stiegen sie herauf, wie der Löwe aber aus dem Keller ins Freie kam, schwankte er hin und her und war ein wenig trunken, und der Mundschenk mußte ihm den Wein bis vor die Tür tragen. Da nahm der Löwe den Henkelkorb in das Maul und brachte ihn seinem Herrn. Sprach der Jäger: „Sieht Er, Herr Wirt, da hab ich Brot, Fleisch, Zugemüs, Zuckerwerk und Wein, wie es der König hat, nun will ich mit meinen Tieren Mahlzeit halten“, und setzte sich hin, aß und trank und gab dem Hasen, dem Fuchs, dem Wolf, dem Bär und dem Löwen auch davon zu essen und zu trinken und war guter Dinge, denn er sah, daß ihn die Königstochter noch lieb hatte.

Und als er Mahlzeit gehalten hatte, sprach er: „Herr Wirt, nun hab ich gegessen und getrunken, wie der König ißt und trinkt, Jetzt will ich an des Königs Hof gehen und die Königstochter heiraten. Fragte der Wirt: „Wie soll das zugehen, da sie schon einen Bräutigam hat und heute die Vermählung gefeiert wird ?“ Da zog der Jäger das Taschentuch heraus, das ihm die Königstochter auf dem Drachenberg gegeben hatte und worin die sieben Zungen des Untiers eingewickelt waren, und sprach: „Dazu soll mir helfen, was ich da in der Hand halte.“ Da sah der Wirt das Tuch an und sprach: „Wenn ich alles glaube, so glaube ich das nicht und will wohl Haus und Hof dransetzen.“ Der Jäger aber nahm einen Beutel mit tausend Goldstücken, stellte ihn auf den Tisch und sagte: „Das setze ich dagegen !“

Nun sprach der König an der königlichen Tafel zu seiner Tochter: „Was haben die wilden Tiere alle gewollt, die zu dir gekommen und in mein Schloß ein- und ausgegangen sind ?“ Da antwortete sie: „Ich darf’s nicht sagen, aber schickt hin und laßt den Herrn dieser Tiere holen, so werdet Ihr wohltun.“ Der König schickte einen Diener ins Wirtshaus und ließ den fremden Mann einladen, und der Diener kam gerade, wie der Jäger mit dem Wirt gewettet hatte. Da sprach er: „Sieht Er Herr Wirt, da schickt der König einen Diener und läßt mich einladen, aber ich gehe so noch nicht.“ Und zu dem Diener sagte er: „Ich lasse den Herrn König bitten, daß er mir königliche Kleider schickt, einen Wagen mit sechs Pferden und Diener, die mir aufwarten.- Als der König die Antwort hörte, sprach er zu seiner Tochter: „Was soll ich tun ?“ Sagte sie: „Laßt ihn holen, wie er’s verlangt, so werdet Ihr wohltun.“ Da schickte der König königliche Kleider, einen Wagen mit sechs Pferden und Diener, die ihm aufwarten sollten. Als der Jäger sie kommen sah, sprach er: „Sieht Er, Herr Wirt, nun werde ich abgeholt, wie ich es verlangt habe“, und zog die königlichen Kleider an, nahm das Tuch mit den Drachenzungen und fuhr zum König. Als ihn der König kommen sah, sprach er zu seiner Tochter: „Wie soll ich ihn empfangen ?“ Antwortete sie: „Geht ihm entgegen, so werdet Ihr wohltun.- Da ging der König ihm entgegen und führte ihn herauf, und seine Tiere folgten ihm nach. Der König wies ihm einen Platz an neben sich und seiner Tochter, der Marschall saß auf der andern Seite als Bräutigam; aber der kannte ihn nicht mehr. Nun wurden gerade die sieben Häupter des Drachen zur Schau aufgetragen, und der König sprach: „Die sieben Häupter hat der Marschall dem Drachen abgeschlagen, darum geb ich ihm heute meine Tochter zur Gemahlin.“ Da stand der Jäger auf, öffnete die sieben Rachen und sprach: „Wo sind die sieben Zungen des Drachen ?“ Da erschrak der Marschall, ward bleich und wußte nicht, was er antworten sollte, endlich sagte er in der Angst: „Drachen haben keine Zungen.“ Sprach der Jäger: „Die Lügner sollen keine haben, aber die Drachenzungen sind das Wahrzeichen des Sieges“, und wickelte das Tuch auf, da lagen sie alle sieben darin, und dann steckte er jede Zunge in den Rachen, in den sie gehörte, und sie paßte genau. Darauf nahm er das Tuch. in welches der Name der Köngstochter gestickt war, und zeigte es der Jungfrau und fragte sie, wem sie es gegeben hätte. Da antwortete sie: „Dem, der den Drachen getötet hat.“ Und dann rief er sein Getier, nahm jedem das Halsband und dem Löwen das goldene Schloß ab und zeigte es der Jungfrau und fragte, wem es angehörte. Antwortete sie: „Das Halsband und das goldene Schloß waren mein, ich habe es unter die Tiere verteilt, die den Drachen besiegen halfen.“ Da sprach der Jäger: „Als ich müde von dem Kampf geruht und geschlafen habe, da ist der Marschall gekommen und hat mir den Kopf abgehauen. Dann hat er die Königstochter fortgetragen und vorgegeben, er sei es gewesen, der den Drachen getötet habe; und daß er gelogen hat, beweise ich mit den Zungen, dem Tuch und dem Halsband.“ Und dann erzählte er, wie ihn seine Tiere durch eine wunderbare Wurzel geheilt hätten und daß er ein Jahr lang mit ihnen herumgezogen und endlich wieder hierhergekommen wäre, wo er den Betrug des Marschalls durch die Erzählung des Wirts erfahren hätte. Da fragte der König seine Tochter: „Ist es wahr, daß dieser den Drachen getötet hat ?“ Da antwortete sie : „Ja, es ist wahr jetzt darf ich die Schandtat des Marschalls offenbaren, weil sie ohne mein Zutun an den Tag gekommen ist, denn er hat mir das Versprechen zu schweigen abgezwungen. Darum aber habe ich mir ausgehalten, daß erst in Jahr und Tag die Hochzeit sollte gefeiert werden.“

Da ließ der König zwölf Ratsherren rufen, die sollten über den Marschall Urteil sprechen, und die urteilten, daß er müßte von vier Ochsen zerrissen werden. Also ward der Marschall gerichtet, der König aber übergab seine Tochter dem Jäger und ernannte ihn zu seinem Statthalter im ganzen Reich. Die Hochzeit ward mit großen Freuden gefeiert, und der junge König ließ seinen Vater und Pflegevater holen und überhäufte sie mit Schätzen. Den Wirt vergaß er auch nicht und ließ ihn kommen und sprach zu ihm: „Sieht Er, Herr Wirt, die Königstochter habe ich geheiratet, und sein Haus und Hof sind mein.“ Sprach der Wirt: „Ja, das wäre nach dem Rechten.“ Der junge König aber sagte: „Es soll nach Gnaden gehen: Haus und Hof soll Er behalten, und die tausend Goldstücke schenke ich ihm noch dazu.

Nun waren der junge König und die junge Königin guter Dinge und lebten vergnügt zusammen. Er zog oft hinaus auf die Jagd, weil das seine Freude war, und die treuen Tiere mußten ihn begleiten. Es lag aber in der Nähe ein Wald, von dem hieß es, er wäre nicht geheuer, und wäre einer erst darin, so käme er nicht leicht wieder heraus. Der junge König hatte aber große Lust. darin zu jagen, und ließ dem alten König keine Ruhe, bis er es ihm erlaubte. Nun ritt er mit einer großen Begleitung aus, und als er zu dem Wald kam, sah er eine schneeweiße Hirschkuh darin und sprach zu seinen Leuten: „Haltet hier, bis ich zurückkomme, ich will das schöne Wild jagen“, und ritt ihm nach in den Wald hinein, und nur seine Tiere folgten ihm. Die Leute hielten und warteten bis Abend, aber er kam nicht wieder. Da ritten sie heim und erzählten der jungen Königin: „Der junge König ist im Zauberwald einer weißen Hirschkuh nachgejagt und ist nicht wieder gekommen.“ Da war sie in großer Besorgnis um ihn.

Er war aber dem schönen Wild immer nachgeritten und konnte es niemals einholen; wenn er meinte, es wäre schußrecht, so sah er es gleich wieder in weiter Ferne dahinspringen, und endlich verschwand es ganz. Nun merkte er, daß er tief in den Wald hineingeraten war, nahm sein Horn und blies, aber er bekam keine Antwort, denn seine Leute konnten’s nicht hören. Und da auch die Nacht einbrach, sah er, daß er diesen Tag nicht heimkommen könnte, stieg ab, machte sich bei einem Baum ein Feuer an und wollte dabei übernachten. Als er bei dem Feuer saß und seine Tiere sich auch neben ihn gelegt hatten, deuchte ihm, als höre er eine menschliche Stimme; er schaute umher, konnte aber nichts bemerken. Bald darauf hörte er wieder ein Ächzen wie von oben her, da blickte er in die Höhe und sah ein altes Weib auf dem Baume sitzen, das jammerte in einem fort: „Hu, hu, hu, was mich friert !“ Sprach er: „Steig herab und wärme dich, wenn dich friert.‘ Sie aber sagte: „Nein, deine Tiere beißen mich.“ Antwortete er: „Sie tun dir nichts, Altes Mütterchen, komm nur herunter.“ Sie war aber eine Hexe und sprach: „Ich will eine Rute von dem Baum herabwerfen, wenn du sie damit auf den Rücken schlägst tun sie mir nichts.“ Da warf sie ihm ein Rütlein herab, und er schlug sie damit alsbald lagen sie still und waren in Stein verwandelt. Und als die Hexe vor den Tieren sicher war, sprang sie herunter und rührte auch ihn mit einer Rute an und verwandelte ihn in Stein. Darauf lachte sie und schleppte ihn und seine Tiere in einen Graben, wo schon mehr solcher Steine lagen.

Als aber der junge König gar nicht wiederkam, ward die Angst und Sorge der Königin immer größer. Nun trug sich zu, daß gerade in dieser Zelt der andere Bruder, der bei der Trennung gen Osten gewandert war, in das Königreich kam. Er hatte einen Dienst gesucht und keinen gefunden, war dann herum gezogen hin und her und hatte seine Tiere tanzen lassen. Da fiel ihm ein, er wollte einmal nach dem Messer sehen, das sie bei ihrer Trennung in einen Baumstamm gestoßen hatten, um zu erfahren, wie es seinem Bruder ginge. Wie er dahin kam, war seines Bruders Seite halb verrostet und halb war sie noch blank. Da erschrak er und dachte: Meinen Bruder muß ein großes Unglück zugestoßen sein, doch kann ich ihn vielleicht noch retten, denn die Hälfte des Messers ist noch blank. Er zog mit seinen Tieren gen Westen, und als er an das Stadttor kam, trat ihm die Wache entgegen und fragte, ob sie ihn seiner Gemahlin melden sollte, die junge Königin wäre seit ein paar Tagen in großer Angst über sein Ausbleiben und fürchtete, er wäre im Zauberwald umgekommen. Die Wache nämlich glaubte nichts anders, als er wäre der junge König selbst so ähnlich sah er ihm, und hatte auch die wilden Tiere hinter sich laufen. Da merkte er, daß von seinem Bruder die Rede war, und dachte: Es ist das Bete, ich gebe mich für ihn aus, so kann ich ihn wohl leichter erretten. Also ließ er sich von der Wache ins Schloß begleiten und ward mit Großer Freude empfangen. Die junge Königin meinte nichts anders als es wäre ihr Gemahl, und fragte ihn, warum er so lange ausgeblieben wäre. Er antwortete: „Ich hatte mich in einem Walde verirrt und konnte mich nicht eher wieder herausfinden.

Abends ward er in das königliche Bett gebracht, aber er legte ein zweischneidiges Schwert zwischen sich und die junge Königin. Sie wußte nicht, was das heißen sollte, getraute sich aber nicht zu fragen.

Da blieb er ein paar Tage und erforschte derweil alles, wie es mit dem Zauberwald beschaffen war, endlich sprach er: „Ich muß noch einmal dort jagen.“ Der König und die junge Königin wollten es ihm ausreden, aber er bestand darauf und zog mit großer Begleitung hinaus. Als er in den Wald gekommen war, erging es ihm wie seinem Bruder, er sah eine weiße Hirschkuh und sprach zu seinen Leuten: „Bleibt hier und wartet bis ich wiederkomme, ich will das schöne Wild jagen“, ritt in den Wald hinein, und seine Tiere liefen ihm nach. Aber er konnte die Hirschkuh nicht einholen und geriet so tief in den Wald, daß er darin übernachten mußte. Und als er ein Feuer angemacht hatte, hörte er über sich ächzen: „Hu, hu, hu, wie mich friert !“ Da schaute er hinauf, und es saß dieselbe Hexe oben im Baum. Sprach er: „Wenn dich friert, so komm herab, altes Mütterchen, und wärme dich.“ Antwortete sie: „Nein, deine Tiere beißen mich“ Er aber sprach: „Sie tun dir nichts“ Da rief sie: „Ich will dir eine Rute hinabwerfen, wenn du sie damit schlägst, so tun sie mir nichts.“ Wie der Jäger das hörte, traute er der Alten nicht und sprach: „Meine Tiere Schlag ich nicht, komm du herunter, oder ich hol dich.“ Da rief sie: „Was willst du wohl ? Du tust mir doch nichts“ Er aber antwortete: „Kommst du nicht, so schieß ich dich herunter.“ Sprach sie: „Schieß nur zu, vor deinen Kugeln fürchte ich mich nicht.“ Da legte er an und schoß nach ihr, aber die Hexe war fest gegen alle Bleikugeln, lachte, daß es gellte, und rief: „Du sollst mich noch nicht treffen.“ Der Jäger wußte Bescheid, riß sich drei silberne Knöpfe vom Rock und lud sie in die Büchse, denn dagegen war ihre Kunst umsonst, und als er losdrückte, stürzte sie gleich mit Geschrei herab. Da stellte er den Fuß auf sie und sprach: „Alte Hexe, wenn du nicht gleich gestehst, wo mein Bruder ist, so pack ich dich mit beiden Händen und werfe dich ins Feuer !“ Sie wer in großer Angst bat um Gnade und sagte: „Er liegt mit seinen Tieren versteinert in einem Graben.“ Da zwang er sie mit hinzugehen, drohte ihr und sprach: „Alte Meerkatze, Jetzt machst du meinen Bruder und alle Geschöpfe, die hier liegen lebendig, oder du kommst ins Feuer !“ Sie nahm eine Rute und rührte die Steine an, da wurde sein Bruder mit den Tieren wieder lebendig, und viele andere, Kaufleute, Handwerker, Hirten, standen auf, dankten für ihre Befreiung und zogen heim. Die Zwillingsbrüder aber, als sie sich wiedersahen, küßten sich und freuten sich von Herzen. Dann griffen sie die Hexe, banden sie und legten sie ins Feuer, und als sie verbrannt war, da tat sich der Wald von selbst auf und ward licht und hell, und man konnte das königliche Schloß auf drei Stunden Wegs sehen.

Nun gingen die zwei Brüder zusammen nach Haus und erzählten einander auf dem Weg ihre Schicksale. Und als der jüngste sagte, er wäre an des Königs statt Herr im ganzen Lande, sprach der andere: „Das hab ich wohl gemerkt, denn als ich in die Stadt kam und für dich angesehen ward, da geschah mir alle königliche Ehre. Die junge Königin hielt mich für ihren Gemahl, und ich mußte an ihrer Seite essen und in deinem Bett schlafen.“ Wie das der andere hörte, ward er so eifersüchtig und zornig, daß er sein Schwert zog und seinem Bruder den Kopf abschlug. Als dieser aber tot dalag und er das rote Blut fließen sah, reute es ihn gewaltig. „Mein Bruder hat mich erlöst“, rief er aus, „und ich habe ihn dafür getötet !“ und jammerte laut. Da kam sein Hase und erbot sich, von der Lebenswurzel zu holen, sprang fort und brachte sie noch zu rechter Zeit, und der Tote ward wieder ins Leben gebracht und merkte gar nichts von der Wunde.

Darauf zogen sie weiter, und der jüngste sprach: „Du siehst aus wie ich, hast königliche Kleider an wie ich, und die Tiere folgen dir nach wie mir. Wir wollen zu den entgegengesetzten Toren eingehen und von zwei Seiten zugleich beim alten König anlangen.“ Also trennten sie sich, und bei dem alten König kam zu gleicher Zeit die Wache von dem einen und dem andern Tore und meldete, der junge König mit den Tieren wäre von der Jagd angelangt. Sprach der König: „Es ist nicht möglich, die Tore liegen eine Stunde weit auseinander.“ Indem aber kamen von zwei Seiten die beiden Brüder in den Schloßhof hinein und stiegen beide herauf. Da sprach der König zu seiner Tochter: „Sag an, welcher ist dein Gemahl ? Es sieht einer aus wie der andere, ich kann’s nicht wissen.“ Sie war da in großer Angst und konnte es nicht sagen, endlich fiel ihr das Halsband ein, das sie den Tieren gegeben hatte, suchte und fand an dem einen Löwen ihr goldenes Schlößchen. Da rief sie vergnügt: „Der, dem dieser Löwe nachfolgt, der ist mein rechter Gemahl !“ Da lachte der junge König und sagte: „Ja, das ist der rechte“, und sie setzten sich zusammen zu Tisch, aßen und tranken und waren fröhlich. Abends, als der junge König zu Bett ging, sprach seine Frau: „Warum hast du die vorigen Nächte immer ein zweischneidiges Schwert in unser Bett gelegt ? Ich habe geglaubt, du wolltest mich totschlagen.“ Da erkannte er, wie treu sein Bruder gewesen war.

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Der verlorene Traum (Karin Roth)

Er saß alleine in seiner dunklen, kalten und feuchten Höhle.. verzweifelt versuchte er sich zu erinnern wer er war, doch seine Erinnerung war wie ein schwarzes tiefes Loch in dem kein Lichtlein sich regen wollte.
Wenn er sich im Teich vor der Höhle betrachtete, so sah er nur eine dunkle und verkrüppelte Gestalt.. schwarze Haut spannte sich um deformierte Knochen, sein Gesicht.. ja kann man es Gesicht nennen.. war übersät von Pusteln und verschoben in sich selbst, sein hässlicher  Körper kann sich kaum aufrecht halten und seine Hände… ja seine Hände.. waren Klumpen die am Ende seiner Arme fast nutzlos hingen.
Er war ein Gargoyle.. verstümmelte Flügel hingen nutzlos an seinem Rücken und er wusste nicht wer er ist oder wer er war.
Stunden über Stunden saß er da und grübele über sein Leben während um ihn herum das Leben des Waldes seinen Lauf nahm.
Er wusste er war nicht immer so ein Wesen gewesen.. wusste das er einmal etwas anderes war,wusste das einst die Magie sein Leben beherrscht hatte, doch nur wage Erinnerungsfetzen drangen noch in seine Gedanken.
So lebt er er sein tristes Leben fernab von jedweder Behausung.. lebte das Leben eines einsamen Eremitens und trauerte um Dinge die er nicht mehr wusste.
Er sah Jahreszeiten kommen und gehen.. sah wie der Wald um ihn herum wuchs und gedeihte aber er scherte sich nicht um die Belange seiner Welt in der er Lebte.
Eines Tages.. es ward ein schrecklicher Sturm über die Berge hereingebrochen sah er am Rande des Teiches etwas liegen..
Hell glänzend.. filigran und zart.. ein Wesen .. wie er aus den Legenden.. er hatte eine Waldelfe gefunden die durch den Sturm verletzt lag.
Vorsichtig näherte er sich der Elfe.. er hatte furcht vor ihr, denn er wusste um die Blicke anderer Wesen wenn sie ihn erblickten.
Doch als er sah wie hilflos und verletzt sie war, nahm er sie auf und trug sie in seine Höhle.
Das erstemal seit vielen Monden hatte er Kontakt mit einem anderen Wesen. Langsam ließ er sie auf sein Lager sinken und versucht ungeschickt ihre Wunden zu verarzten.
Dann setzte er sich neben sie.. nahm seine Flöte.. das einzige was ihm Freude bereitete und spielte eine sanfte Weise die ihren Schlaf begleiten sollte.
Lange Zeit beobachtete er ihren unruhigen Schlaf.. kühlte mit dem klaren Wasser von Teich ihr erhitzes Gesicht und erfreute sich trotz seiner Furcht an ihrer lieblichen Gestalt.
Irgendwann übermannte ihn jedoch der Schlaf und er glitt hinüber in die Welt der Nacht.
Viele Stunden später wurde er durch eine sanfte Berührung geweckt.
Er schrak hoch und erblickte die Elfe die aufrecht im Bette saß.
Ängstlich zog er sich vor ihr zurück und verbarg sein Gesicht im Schatten der Höhle.
Wer bist du hörte er sie da mit lieblicher Stimme sprechen.. ich wollte dir danken das du mich vor dem Sturm gerettet hast und mit dein Heim als Zuflucht gabst.
Ich bin niemand antwortete er.. niemand
So trete doch heraus aus dem Dunkel sprach die Elfe wieder, ich möchte demjenigen Dank sagen der mich vor dem sicheren Tod gerettet hat.
Zögerlich trat der Gargoyle einen Schritt aus dem dunkel der Höhle.. bereit die Flucht zu ergreifen, falls er wieder den Schrecken und die Angst in den Augen seines Gegenübers erkennen konnte.
Doch.. was war das?
Sie lächelte.. lächelte IHN an..
Ohne Furcht
Ohne Schrecken
Ohne Abscheu in den klaren Augen.
Ich bin Syl sprach sie.. eine Waldelfe und durch dein Handeln hast du mich bewahrt in das Schattenreich einzukehren.
Du hast einen Wunsch frei, denn mein Leben lag in deinen Händen und es ist Sitte bei meinem Volke das ich dir nun einen Wunsch gewähren muss.
Aber ich habe keine Wünsche sprach er.. das einzige was ich möchte kannst du mir nicht geben..
Was ist es, das ich dir nicht geben kann hub die Elfe wieder an.
Meine Erinnerung.. meine Vergangenheit.. Mein damaliges Leben sprach er traurig.
Da stand die Elfe auf, ging auf den Gargoyle zu und nahm sanft sein Gesicht in ihre kleinen Hände.
Höre zu so meinte sie und lass mich dir eine kleine Geschichte erzählen.
Einst lebte hier im Wald ein Wesen… umhüllt von Magie und Zauberei…
 Ein Wesen so schön wie die Morgendämmerung,
 doch hart im Herzen und verschlossen für alle die Hilfe bei ihm suchten.
Als nun einst eine von meinem Volke Hilfe bei ihm zu suchen glaubte.. schickte er sie in den Sturm hinaus und verweigerte ihr jedwede Zusage.
Schwer verletzt fand sie jedoch den Weg in ihr zu Hause und wurde zornig auf das Wesen.. so ging sie zu dem Herrscher des Waldes und bat ihn unter Tränen das Wesen mit einem Fluch zu belegen.
Der Fluch besagte das es dahinvegetieren sollte… als hässliches und verabscheuungswürdiges Geschöpf.. bis.. ja bis es jemanden freiwillig seine Hilfe anbot und selbstlos handeln würde.
Wenn dies geschehen sollte, würde sich das Wesen wieder an sein früheres Leben erinnern und durch einen von den Elfen geschickten Traum zu seinem alten Selbst zurückfinden.
Weißt du von wem ich spreche fragte die Elfe den Gargoyle?
Vollkommen überrascht hatte er der Geschichte der Elfe zugehört und ihn überkam nun eine große Demut und er schämte sich sehr als er in ihr offenes Gesicht blickte.
Du sprichst von mir nicht wahr? Ich war dieser Narr der nur sein eigenes Wohl im Sinne hatte und niemals andere gedachte.
Ja sprach sie.. du warst es, doch durch deine Tat von heute Nacht hast deinen verloren geglaubten Traum wiedererlangt.
Heute Nacht werde ich die Zauber rufen um dich von deinem Fluch zu erlösen, denn du hast dein innerstes überwunden und Mitleid empfunden für ein anderes Lebewesen.
Mit diesem Worte in seinen Gedanken schlief der Gargolye ein und begann zu träumen.
Er träumte von weiten Wäldern.. er träumte vom fliegen und er träumte von der Morgensonne die er so lange gemieden hatte.
Er träumte auch von Magie.. von Zauberwesen und von einer majestätischen Gestalt die über den Lüften zu  schweben schien.
Plötzlich vernahm er ein Brennen in seinen Adern.. ein Spannen in seiner Haut und einen unglaublichen Schmerz in seinen Knochen
Und er erwachte.
Was ihn empfing war ein unsagbarer Schmerz und ein gleißendes Licht das ihn umgab..
Lange dauerte es und er dachte er müsse nun seine Reise zu den Sternen antreten und sein Leben würde nun ein Ende finden.
Doch der Schmerz ließ nach und als er die Augen öffnete sah er die Elfe lächeln vor sich stehen.
Was hast du mit mir gemacht sprach er… warum dieser Schmerz und diese Qual?
So schau in den Teich sprach die Waldelfe und erblicke dein altes Gesicht
Und sage mir was du darin erkennen kannst.
Er schritt langsam aus der Höhle, trat an den Teich und blickte hinein.
Was er dort erkennen konnte, ließ ihn wiederum vor Schreck aber auch Freude erstarren.
Er sah…
Sich selbst…
Majestätisch und groß
Schillernd in Smaragd und Rubintönen
Augen die wie Bernsteine funkelten
Flügel die sich Meterhoch über seinen Schädel erhoben
Klauen so rein und hart wie Diamant
Schuppen die ,die Farben der Morgendämmerung trugen
Ein Drache
Er war ein Drache
Mit seinem Anblick im Teich kehrte auch seine Erinnerung zurück an seine verwerflichen Taten und er schämte sich sehr.
So höre zarte Elfe begann er nun mit mächtiger Stimme zu der Elfe zu sprechen,
ich gebe dir hier nun ein Versprechen
Niemals wieder soll ein Wesen meiner Art Hilfe verweigern
Niemals wieder wird ein Wesen meiner Art das Mitleid vergessen
Niemals wieder wird ein Wesen meiner Art vergessen was mir geschah
Niemals wieder  das schwöre ich dir in Namen aller Drachen auf Erden.
Mitleid und Hilfsbereitschaft sollen nicht in Vergessenheit geraten und ich werde die Kunde verbreiten und mein Bestes dazu tun
Denn wo das Mitleid stirbt, da stirbt auch die Welt
Wo die Hilfe stirbt da stirbt auch das Gewissen
Wo das Verstehen stirbt
Da stirbt auch diese Welt.
Mit diesen Worten erhob sich der Drache und flog hinweg über die Berge um  auszuziehen und sein Versprechen einzuhalten.
Zurück blieb die Elfe mit einem wissenden Lächeln und zufrieden kehrte sie zu ihrem Volke zurück.
Wusste sie doch nun, das alle folgenden Generationen diesem Wort folge leisten würden und die Drachen nun endlich ihrer Bestimmung zukommen würden.
Als Helfer.. Schützer und Bewacher dieser unserer Welt.
Wo Drachen leben…
 sei es in der Phantasie der Menschen oder in den Zauberreichen
wird immer das Verständnis und die Hilfsbereitschaft regieren
So fliegen auch heute noch viele Drachen durch unsere Geister und durch unsere Welt,
denn wahrhafte Güte existiert in vielen von uns

© Aquamarin 2002

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Der Tarasque (Ciruelo Cabral)

Eine alte Legende aus dem Mittelalter berichtet über einen riesenhaften, blauen Wasserdrachen mit stählernen Schuppen, der im Süden Frankreichs in einem See hauste und Tarasque genannt wurde.
Die Einheimischen lebten in ständiger Furcht, denn von Zeit zu Zeit kam das Ungeheuer aus dem See hervor und verschlang eine Jungfrau- wie es unter Wasserdrachen ja üblich ist. Niemand wußte, was man unternehmen sollte, um sich von dem Tarasque zu befreien. Keiner war mutig genug, gegen das Ungeheuer anzutreten, es wagte niemand auch nur zu der Bestie zu sprechen, um einen Frieden zu schließen. So schickte man endlich einen Hilferuf an den Hof des Königs von Frankreich, doch der König war mit anderen Problemen beschäftigt und nicht an den Schwierigkeiten eines Dorfes interessiert, das so weit weg war von der Hauptstadt. Auch die Ritter am Hof zeigten kein Interesse. Der Drache bewachte keinen Schatz, was eine würdige Entlohnung für ihre Mühen bedeutet hätte, noch hielt er eine Prinzessin gefangen, für deren Befreiung Ruhm und Ehre gewunken hätten. „Der Drache frißt nur dumme, schmutzige und einfältige Bauern, die Turniere und Wettkämpfe bei Hofe bringen wesentlich mehr Ruhm ein“, dachten die „edlen“ Herren. Bei ihrer Verzweiflung sprachen die Bewohner des Dorfes schon davon, ihre Heime zu verlassen, sie fühlten sich außerstande, auch nur das nötigste gegen dieses Ungeheuer zu unternehmen. Die Diskussion wurde gerade richtig hitzig, als die Heilige Martha, eine wunderschöne junge Frau, die in der gesamten Region für ihre Gutherzigkeit bekannt war und verehrt wurde, des Weges kam. Die Alten der Stadt hielten ihre Ankunft für ein Zeichen des Himmels und baten sie inständig um Hilfe. Bedrängt durch die verzweifelten Bewohner bot die junge Frau an, den Drachen zu fangen, hatte allerdings auch eine Bedingung. „Sag uns, was du verlangst“, stimmten die hoffnungslosen Menschen sofort zu. „Ich möchte, daß ihr drei Tage lang zu Gott betet, damit ER mir bei der Überwältigung des Tarasque beisteht“, antwortete Martha. Die Bedingung wurde sofort akzeptiert und voller Hoffnung wartete man auf das Wunder, das endlich das Schicksal des Ortes und seiner Bewohner verbessern würde.
So machte sich die Heilige dann eines Morgens auf den Weg zum See, in dem der Tarasque lebte. Trotz seiner Wildheit war der Drache ein großer Musikliebhaber. Die junge Frau stellte sich an das Ufer auf und stimmte mit ihrer klaren und reinen Stimme Loblieder auf den Herrn und die Jungfrau Maria an. Verzaubert vom Wohlklang der Melodien stieg der Tarasque aus dem Wasser und legte sich Martha zu Füßen. Blitzschnell schlang die Heilige einen Gurt um den Nacken des Drachen, der auch nicht die leiseste Gegenwehr leistete. Der Drache war überwältigt und konnte ohne Schwierigkeiten in die Stadt geführt werden, wo er von den Bauern getötet wurde. Zur Erinnerung an diese Begebenheit nannten sie ihre Stadt von nun an Tarascon.

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Der Zigeuner und der Drache (Ciruelo Cabral)

In den weiten Steppen Rußlands lebte ein Zigeunervolk, das durch die Lande zog, Heilmittel und Schmuck verkaufte und nie lange an einem Ort blieb. Ihr Anführer war Yuri, ein scharfsinniger und gewitzter Mann, der sechs Söhne hatte.
Am Feiertag des heiligen Basil, als das Zigeunervolk nahe einer Stadt lagerte, erfuhr Yuri, daß nur wenige Werst entfernt Fohlen zu einem sehr guten Preis verkauft würden. Der Zigeuner dachte an ein gutes Geschäft – er würde die Tiere mit Gewinn weiterverkaufen. Er packte einen frischen Käse und einen Kanten Roggenbrot in seinen Beutel und machte sich auf den Weg. Seine Leute blieben zurück, um die Waren auf dem Markt zu verkaufen. Als er im Nachbarort ankam, war er sehr erstaunt – alles war still und verlassen. Voller Verwunderung wanderte er durch die leeren Gassen und suchte nach einem Hinweis darüber, was da wohl passiert war. Plötzlich vernahm er eine verängstigte Stimme; „Fliehe von hier, Elender, oder der Drache wird auch dich verspeisen!“ „Wer spricht da?“ fragte Yuri. „Ich bin es, der alte Westija.“ Hinter einigen Weidenkörben tauchte ein alter Mann mit langem Bart auf. Er zitterte ängstlich und war so dünn, daß er nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien.
„Hallo Großväterchen“, sagte Yuri freundlich, „was geht hier vor sich?“ „Oh mein Sohn“, seufzte der Alte, „ein furchtbarer Drache hat alle Bewohner dieses Städtchens gefressen … Menschen, Tiere, sogar die Katzen! Ich bin der einzige Überlebende, denn ich bin alt und dem Ungeheuer waren Haut und Knochen wohl zu wenig. Doch heute kehrt es zurück, und da es sonst nichts mehr zu fressen findet, wird es sich wohl über mich hermachen. Also laufe schnell fort von hier, damit du nicht auch dieses Schicksal erleidest!“ „Mach‘ dir keine Sorgen, Väterchen“, sagte Yuri mutig, „ich fürchte mich nicht vor dem Drachen. Wenn du tust, was ich dir sage, dann wird dir kein Leid geschehen. Verstecke dich hinter den Körben und schweig ganz still.“ Schon bald erbebte die Erde unter den Schritten des Drachen. Er war enorm groß und er sah hungrig aus. Yuri wußte, daß Drachen von Natur aus eitel und neugierig sind, und begrüßte ihn wie einen Kaiser: „Guten Tag, Zar aller Drachen!“ Der Drache fühlte sich durch diese Anrede sehr geschmeichelt. Er schlug mit dem Schwanz auf den Boden und spreizte die Schwingen, um die wundervolle juwelenbesetzte Brustplatte zu präsentieren, senkte den Kopf und sagte bescheiden; „Es ist ja gar nicht so, ich bin nur ein ganz gewöhnlicher Drache.“ „Ihr seid nicht gewöhnlich wunderbarer Herr“, protestierte Yuri, „ihr seid der größte und schönste von allen. Ich bin stolz darauf, eure Kraft bewundern zu dürfen.“ „Ja, es ist wahr“, gab das eitle Tier zu, „ich bin sehr stark, und man nennt mich üblicherweise schön. Doch wer bist du, daß du so ohne Furcht vor mir stehst?“ „Ich bin der stärkste Mensch der Welt!“ gab Yuri fröhlich zur Antwort. „Du bist der stärkste? Bring‘ mich nicht zum Lachen!“ „Und doch bin ich es, auch wenn du an meinen Worten zweifelst.“ Der Drache wurde nun doch neugierig auf den Zigeuner. Er hob einen Stein auf und zerdrückte ihn zu Staub. „Vielleicht kannst du das ja auch, wenn du der stärkste Mensch bist.“ „Das wäre nicht besonders schwierig“, antwortete Yuri frech, „aber kannst du Wasser aus einem Stein pressen, so wie ich?“ Ohne dem Drachen zu zeigen, was er da aus seinem Beutel genommen hatte, drückte Yuri den frischen Käse, bis Flüssigkeit zwischen seinen Fingern hervorrann. „Nun gut“, dachte der Drache, „er ist wirklich sehr stark. Es ist wohl besser, ihn nicht zum Feind, sondern zum Freund zu haben.“ Um die Freundschaft des Mannes zu gewinnen, schlug er vor: „Komm‘ mit in meine Behausung und esse mit mir. Du bist ein nettes menschliches Wesen, und ich möchte, daß wir Freunde werden.“ „Sehr gut, Drache, laß uns gehen.“
Das Ungeheuer nahm Yuri mit zu der Höhle, in der es hauste, und bat ihn dann: „Wärest du wohl so nett, in den Wald zu gehen und einen Eichenbaum für das Feuer zu holen?“ Yuri machte sich auf den Weg, fest entschlossen, seinen Trick dem Drachen nicht preiszugeben, doch seine Arme waren bei weitem nicht stark genug, um einen der mächtigen Bäume zu entwurzeln und zur Höhle zurückzuschaffen. Doch da kam ihm eine Idee: er band eine Gruppe stämmiger Eichen mit dem Tau zusammen, das der Drache ihm mitgegeben hatte. Nach einer Weile bemerkte der Drache, daß der Zigeuner noch immer nicht zurückgekehrt war. Er begab sich ebenfalls in den Wald und fand Yuri, der eifrig damit beschäftigt war, die Bäume fest aneinander zu binden. „Was um alles in der Welt machst du da?“ fragte das Reptil erstaunt. „Nun, ich dachte, ich bringe gleich all diese Bäume hier mit, dann haben wir genügend Brennholz für mehrere Tage.“ „Laß es gut sein, wir wollen ja nicht gleich den ganzen Wald fällen“, antwortete der Drache, mehr und mehr von Yuris Kräften überzeugt. „Ich werde einen Stamm nach Hause schaffen, du kannst inzwischen einen Ochsen zum Kochen besorgen. Hinter dem Haus auf dem Feld findest du eine schöne Herde. Suche einfach den feistesten aus.“ Entschlossen schritt Yuri auf das Feld zu. Nach einer Weile fand ihn der Drache dabei, wie er alle Ochsen zusammenband. „Was machst du denn nun?“ „Ich wollte gleich alle Ochsen mitbringen, dann könnten wir einen schönen Eintopf kochen.“ „Freund“, seufzte der Drache, „du hast eine seltsame Methode, die Dinge anzugehen. Ein Ochse wird schon genug sein, ich werde ihn selbst nach Hause schaffen.“ Etwas verwundert über das Verhalten seines Gastes suchte sich der Drache den feistesten Ochsen, tötete ihn, häutete ihn und begann mit dem Kochen. Die beiden Freunde taten sich an dem Mahl gütlich; mit vollem Magen war der Drache dann in einer friedlichen Stimmung und bot dem Zigeuner an, ihn nach Hause zu begleiten. „Vielen Dank“, antwortete Yuri, „doch ich hatte eigentlich daran gedacht, einige Pferde zu kaufen.“ „Mach‘ dir darum keine Sorgen. Ich besitze einen wunderschönen Hengst, den ich dir für 100 Rubel verkaufen werde.“ Yuri stimmte dem Handel zu und machte mit dem Drachen aus, ihn zu bezahlen, sobald sie zurück bei den Zigeunern wären. Da es ein langer Weg werden würde, entschloß sich der Drache, dazu Menschengestalt anzunehmen. Sie nahmen zwei Pferde aus dem Besitz des Drachen und machten sich auf die Reise. Unterwegs warnte Yuri den Freund vor seinen sechs Söhnen, die nicht nur sehr kräftig wären, sondern auch über hellseherische Fähigkeiten verfügen würden. Als sie das Lager erreichten, rannten die Söhne Yuri entgegen. Sie sahen nur den einen Hengst und begannen zu rufen: „Du hast nur einen mitgebracht!“ „Der muß für mich sein!“ rief der Älteste. „Nein, nein, ich möchte ihn haben!“ erwiderte der Kleinste. Yuri sah den Drachen an und sagte: „Diese Spitzbuben. Habe ich dir nicht gesagt, daß sie hellsehen können? Sie haben dich erkannt!“ Der Drache war entsetzt, womöglich wollten sie ihn als Spielzeug behalten oder ihn gar verspeisen. Da sie ja so stark waren wie ihr Vater, gab es wohl kaum Hoffnung auf ein Entkommen. Schnell stieg er vom Pferd ab, nahm wieder Drachengestalt an und flog in wilder Panik davon. Nie wieder dachte er daran, auch nur in die Nähe der russischen Steppen zu kommen, wo Zigeuner so stark sind, daß sie sich über Drachen streiten.

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Der Drache aus Mont Blanc (Ciruelo Cabral)

Die ruhige kleine Stadt Mont Blanc war ein zufriedenes Plätzchen. Sie wurde von einem gütigen und weisen König regiert und führte einen blühenden Handel. Der König hatte eine wunderschöne Tochter, die von allen geliebt und geachtet wurde. Als einzige Wolke am Horizont wirkte die Tatsache, daß die Einwohner nicht besonders fromm waren und öfter einmal vergaßen, den Göttern zu opfern, wodurch die heidnischen Priester oft verärgert wurden. So berichtet die Legende, daß sich an einem Mittsommertag plötzlich ein gigantischer Drache mit grünlich-blau schimmernden Schuppen aus den Tiefen des Flusses erhob.
Die schreckliche Bestie erschien vor den verängstigten Bewohnern und sprach zu ihnen: „Von nun an verlange ich in jedem Monat von euch eine schöne Jungfrau für mein Mahl“, seine klagende Stimme klang fast wie trauriger Gesang, „sonst werde ich eure Häuser und Felder und euer Vieh zerstören. Wenn ihr mir aber gehorcht, so verspreche ich, niemandem ein Leid zuzufügen und euch in Frieden leben zu lassen.“ Die verstörten Stadtbewohner liefen zum Palast des Königs, um ihm von ihrem Unglück zu berichten. Zu seinem Leidwesen mußte er wohl oder übel die Forderungen des Drachen akzeptieren. Vergeblich versuchten die Einwohner, die Götter um Befreiung von diesem Ungeheuer anzuflehen, selbst die Priester der heidnischen Kultstätten konnten nicht weiterhelfen. Die Monate vergingen, und mit jedem Neumond wurde dem hungrigen Drachen eine neue Jungfrau zugeführt. Die Lage wurde unerträglich. Die Menschen saßen in ihren Häusern, und wenn sie nicht über eine tote Tochter weinten, so waren sie zumindest in größter Sorge um das Schicksal ihrer Kinder. Die Mädchen warfen sich in die Arme des erstbesten Mannes, den sie trafen, auf daß sie ihre Jungfräulichkeit verlieren würden. Diejenigen Mädchen, die als zukünftige Opfer ausgewählt worden waren, mußten eingeschlossen und bewacht werden, damit sie sich nicht selbst töteten, um ihren furchtbaren Los zu entgehen. Nach einiger Zeit gab es keine Jungfrauen mehr. Die einzigen, die aus der Lage noch einen Nutzen ziehen konnten, waren die heidnischen Priester, denn die Menschen kehrten zur Religion zurück und opferten den Göttern.
Der Monat April kam ins Land, beinahe ein Jahr nach dem Erscheinen des Ungeheuers. Das nächste Opfer würde die Tochter des Königs sein, denn sie hatte darauf bestanden, in die Auswahl der Jungfrauen, die dem Drachen geopfert werden sollten, aufgenommen zu werden. Ergeben in ihr Schicksal verbrachte das Mädchen, das kurz zuvor zum Christentum bekehrt worden war, die Nacht in stillem Gebet. Am Morgen, angetan mit weißen Gewändern und gekrönt mit einem Blumenkranz, sagte sie ihren gramgebeugten Eltern und den weinenden Bürgern Lebewohl. Gefestigt in ihrem Glauben und vertrauend auf den Beistand der Jungfrau Maria machte sich die Prinzessin allein auf den Weg zur Drachenhöhle, wo sie ruhig und in Gebete versunken auf ihr Ende wartete. Die Bürger versammelten sich entlang der Stadtmauern und warteten darauf, daß die Bestie aus ihrer Höhle hervorkommen würde – alle wollten Zeuge dieser Tragödie sein. Plötzlich galoppierte ein unbekannter Ritter in wildem Tempo auf einem weißen Roß mit silberner Mähne einher. Es wird berichtet, daß seine Waffen wie reines Silber in der Sonne glänzten, sein Umhang aber war rot wie Feuer. Auf seinem Schild prangte ein rotes Kreuz auf goldenem Grund. Ohne sein Roß zu zügeln, raste der Fremde auf das Ungeheuer zu. Überwältigt von der Kraft des stolzen Ritters zog sich der Drache zurück und legte sich friedlich nieder. „Werte Dame“, sagte der Fremde, „schlingt den Gürtel eueres Gewandes um den Nacken des Drachen, und er wird uns friedsam folgen.“ Ohne Furcht befolgte das Mädchen die Anweisung – der Drache konnte geführt werden und leistete keinen Widerstand. Die seltsame Prozession machte ihren Weg zu den Toren der Stadt, wo die Bürger in ungläubigem Staunen warteten. Das Mädchen lief, um seine Eltern zu umarmen, während sich die heidnischen Priester damit rühmten, das Monster durch ihre Opfergaben und Rituale besiegt zu haben. Der Ritter aber bat um Ruhe, die ganze Stadt lauschte den Worten des geheimnisvollen und mutigen Retters: „Ich bin Georg, ein Soldat Christi“, sagte er, „und reite unter seinem Schutz. Diese junge Christin betete um den Beistand von Maria und ihrem Sohn, dem Erlöser, daher erhielt ich den Auftrag, sie vor dem Tode zu erreten. Möge das Kreuz, welches dich gerettet hat, für immer diese Stadt krönen. Verlaßt eure falschen Götter und ihr werdet niemals mehr einen Drachen fürchten müssen.“ Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schlug der junge Ritter das Zeichen des Kreuzes über dem Ungeheuer. Der Drache war in einen Rosenbusch verwandelt, dessen Blüten rot wie Blut leuchteten. Auch heute noch wird in Katalonien der Name des Heiligen Georg mit Rosen in Verbindung gebracht, als Erinnerung an jenen Ritter, der sie für immer vor dem Drachen errettet hat.

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Die Geschichte von Melusine (Ciruelo Cabral)

Diese wunderbare Erzählung von Jean d`Arras berichtet von den Ereignissen im Schloß von Lusignan im französischen Poitou. Eines Tages erblickte der Graf von Lusignan bei einem Ausritt ein wunderschönes Mädchen, ihr Name war Melusine. Er entflammte sofort in leidenschaftlicher Liebe zu diesem unbekannten Mädchen und bat sie, seine Frau zu werden. Melusine hatte nur einen einzigen Vorbehalt:Der Edelmann dürfte niemals versuchen, sie beim Baden zu beobachten. Sie lebten glücklich für viele Jahre und hatten viele Kinder. Obgleich menschlich, zeigten die Kinder aus ihrer Ehe doch einige seltsame Züge, wie große Zähne oder ungewöhnlich leuchtende Augen. Dann geschah es: Angestachelt von einer mißtrauischen Magd brach der Graf sein Versprechen und beobachtete seine Frau im Bade. Er entdeckte, daß Melusine sich in einen Drachen verwandelt hatte, und ließ einen gewaltigen Schrei des Entsetzens erschallen – Der Drache bemerkte den Betrug des Gatten und floh für immer vom Schloß. Von nun an herrschte das Unglück über Lusignan. Die ansässigen Bauern berichteten, daß jedesmal, wenn ein Mitglied von Melusines Familie starb, ein Drache gesichtet wurde, der um das Schloß kreiste und bittere Tränen vergoß. Es wurde auch später noch berichtet, daß ein Drache über dem Poitou gesehen wurde, der die adeligen Opfer der französischen Revolution beweinte.

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Dragonslayer (Bent Lorent)

Dragonslayer

By Bent Lorentzen

She stole into the dark forest, crying as she went, and did not heed the gathering gloom of dusk. Soon, she had gone so deep into the woods that thorns reached out to her like the claws of that legendary dragon her father was said to have slain shortly after her birth. Ragged, weary, and bloodied, she settled upon a rocky outcropping from which nothing grew and the emerging stars began to twinkle through a rosy sunset.

She sat upon a still-warm stone and pulled her knees to her breasts, and began to cry again. From out of a dark cave unseen to her, the two eyes of a creature gazed upon the long, dark, leaf-tangled mess of hair that draped over the beautiful girl. Awful memories just out of thought’s grasp licked at his mind as he silently watched her sob far into the night. He never once blinked, daring not to lose a single moment of her beauty, phantomlike though it was in the deepening cold of starlight.

A pool of tears grew by her feet until she finally sobbed her final hiccup and gently whisked away the mist in her large, brown eyes. The stark outline of piny treetops encircled her dome of stars. She slowly let herself lie back, unheeding of the cold and wetness of her pool of tears, and cradled her head on the round stone by the hidden cave, and let herself be enchanted by the stillness all around and the twinkling stars above.

It was not long before the baying of three hound dogs in the far distance cut through the stillness. The creature within the cave witnessed her face grow dark with fear. But she did not rise.

„Dear God,“ she finally whispered in a voice that reminded the creature of a gentle spring breeze through young leaves, „I would give You anything to be free of him.“

The creature was at first frightened by her voice, and then became even more frightened when words came into his mind that demanded expression. „Little girl,“ said the creature with a reedy voice, „who gives you such great fear that you would give anything to be free of him?“ The voice, having echoed out of the cave, sounded much deeper than was real. The girl closed her eyes, thinking the stars had spoken to her, and hearing as well the approach of her father’s dogs.

„My father, who rules all these lands, has kept me locked in his castle since my birth eighteen years ago. In all these years I have never set foot in the green forest, save in my imagination as I gazed down from a high window.“

The creature within the cave was again startled when human thoughts that needed to be spoken entered his mind. „Has your father perhaps not protected you from the dangers in these deep and dark woods whose only view you have had is that which has been reflected off the green canopy, which in fact perhaps keeps hidden old and deadly secrets?“

The girl had never thought of that before and opened her eyes. For the first time, the stars above seemed too far away for comfort, the ringlet of dark trees dangerously threatening, and the baying of the three hounds symbolic of her eighteen years of sheltered life. Her breathing came and went in uncontrollable gasps, like a doe felled by an archer’s arrow lying bleeding on the white snow. She had seen this happen once from her high window view of the world.

The creature within the cave now found words in his mind that didn’t seem so alien as he said, „Please, I did not mean to hurt you with such thoughts as my words have provoked.“

Her breathing quieted even as the dogs drew nearer. She asked to the stars above, „Are you, who are frightening and comforting all at once, the ones who, in concert, are speaking to me?“

„I wish perhaps I were. But, alas, I am but a small voice within–“

A large dog chose that moment to burst into the rocky clearing. The hound sensed her proximity but could not see where she lay still as the rocks around her. He opened his large mouth to bay to his master, when the voice from the cave barked a command the girl could not quite understand. The dog obeyed and lay down, silent except for his heavy breathing. In the distance approached two more dogs, each apparently larger than the first from the sound of their excited voices.

All the while, the girl pondered the creature’s last words. She remembered an old sermon from the gnarly-faced minister. He spoke of a huge God in Heaven who punished the wicked with eternal damnation in the bowels of Hell and rewarded the good with an everlasting life free of earthly gravity in Heaven. He had once told her, in answer to a question she had posed, that God’s voice spoke from deep within her heart of hearts. It seemed, at that moment as she reflected in the woods, that everything the frail, foul-smelling minister had ever said–and indeed, he had loved to speak for hours, quoting this and that verse–could be forgotten, except that one phrase.

„Are you God?“ asked the girl timidly, and once more allowing the tranquility of the jagged night to enter her.

The creature, again startled by thoughts that seemed to well from out of nowhere, said, „But you have not answered me. Why do you run from your father so?“

Suddenly it was as though her memory had been dashed. She could not remember why her father frightened her. Nor could she accurately remember how it was that she had first set foot into the forest. Her memory of things seemed to have begun in this rocky clearing and all else a vague sort of dream. She grew aware of the cold salty pool of her tears, her thickly tangled hair, and the blood-crusted scrapes upon her body.

Just then, the second dog crashed into the clearing and stumbled over her. He did not see her, but felt her beneath him, and was about to loudly bay to his master when the creature within the cave strangely barked an order for the dog to go lie next to his smaller brother. As if scolded, the larger dog whimpered as it crawled and lay next to the smaller dog–who actually was quite large by any standard.

The girl, having deeply pondered the last words spoken to her, said, „Is not the pain, blood, and tears on or about me come from my father?“

„It’s not polite to answer a question with a question,“ said the voice. „I ask again, why do you fear your father?“

A burst of anger erupted from her. „I demand to know who you are?“

„Ha!“ retorted the voice. „You demand!“

Again, the dome of stars grew chillingly distant, the gap between their flickerings and her filled with endless peril. The cold rocks, pool of tears, and now the air itself sapped what little warmth she had in her. It seemed that perhaps now she could die, as that doe she had seen from her window, and be forever rid of her shadowy fears.

„You wish to die?“ asked the creature, once more startled by words coming not from his mind. „You may, if that is your honest wish. But there is another way. But you must tell me why you fear your father, whom you say rules all that you know.“

With frustration, the girl said, „I don’t know why! In the castle I had food and warmth, I think. In the castle, perhaps, I had all that a girl could possibly have want for. But something in that castle larger than life itself, perhaps even larger than God, stifles me. Keeps me locked away from my deeper wants, and works to make me into the image of his wants.“

„Your father?“

„I don’t know. He is but a faceless shadow that rises taller than the castle, and clouds even the morning sun so bright. But whether he is my father or not does not matter if things are as my father says: That he rules all by a special right given to him by God.“

At that very moment, the third dog–the largest of all–exploded through the thicket into the clearing. The roar of his approach sounded like a tornado, his mad sniffling like a wet wind through a leafless tree. The girl let out a yelp before she could restrain herself. She had never been so close to her father’s largest dog, Dragonslayer. Huge as a horse, his face was a map of scars from a lifetime of battles with the fabled creatures of the forest. All white except for a triad of black marks on his muscular forehead, he was the very face of death. Yet the voice in the cave erupted with a bark that evoked from the mastiff a single whimper and he lumbered to his two smaller brothers and lay still.

„Are they,“ asked the voice in the cave, „the ones who frighten you?“

Her answer flowed from her mouth without thought. „No.“

„Do you truly wish to die?“

Her answer took longer. „Where would I go?

The creature seemed to laugh. „Another question to a question. But I will answer. You and I would then become the same, a voice without form.“

„I thought God was large.“

„God? Who is this God?“

The girl was puzzled beyond anything. „Why do I have to think of that? I ran from the castle to here. Now I can hear my father’s horsemen approaching yonder. I think I even see their torches glowing against the treetops. Please, take me away from all this to where You are.“

She waited for an answer. In the distance, the crashing of horses through the forest grew louder, as did the movement of much flickering reflected off the tops of distant trees. She tried moving an arm but found no strength to do so. The creature in the unseen cave saw her attempts to rise, and was startled again by thoughts that turned into a voice. „You already are where I am. But again, I ask, why do you run from a father who seems so devoted as to be seeking you like this?“

Her answer flowed unexpectedly again: „Because it must be his shadow that has no face at night and which blocks the morning sun when I awaken. –Why cannot I move my limbs? Why am I frozen into the earth like stone? Have I arrived at Hell?“

The smallest dog, himself as large as a deer but more muscular, began to growl. Then the middle dog, the size of a pony, growled. Finally, the one larger than any of her father’s steeds, growled deeply. The first of her father’s knights rushed into the clearing, setting it aglow with their many torches. The voice in the cave growled also, just once, and the three dogs rose and circled the girl, facing outward to the horsemen. They bared their teeth, saliva drooling, and growled threateningly. The girl again tried to rise but could not.

The voice said, „No, this is not Hell, though Hell is quite close by. And you cannot rise because you have sunk into the earth, filtered into the cold air, and have sought to join the distant stars.“

She tried to pay attention to the confusion of frightened horses bucking and heaving and the falling of the men, but she was more concerned with herself. As though from a great distance, she felt the barest ability to move a thumb. Oddest of all was that she could see herself, as from an altitude, and see as well the entry into the rocky knoll of her father. She heard him scream a command to his three dogs who stood guard by her prone body. It was seeing herself that evoked the greatest fear. „Where am I?“ she cried.

„Where your father would be most afraid to find you.“

„I demand to see you?“

There was a brief lull, even from the melee of horses and knights and their King, when the voice said, „Look by your head.“

She stared very hard, and in the light of the torches, saw a tiny cricket hop out from under a stone and walk over her wildly strewn hair. „That is you? An insect?“

„No! I am speaking from within you, as I already have said. Your spirit moved from your body as you lay, and slipped into the cricket giving him the voice of your conscience, and has slipped also into most of what you now behold, including the stars above.“

„We are one?“

„Perhaps. But only if you wish. But we must now take care of those who have gathered here. We cannot hold back many arrows should your father order his knights to kill his dogs.“

Something inside her clicked, actually made a snapping noise that seemed to have been felt where her neck ought to be, and she barked an order to the dogs. They rose. At the same moment she screamed in her loudest voice, a voice that boomed from every direction all at once: „Men, I am your worst nightmare! If you leave at once and never turn back even to peek I will spare your lives. Your King will not be so fortunate, nor will those lackeys who do not now depart!“

There was a scuffling of men mounting their steeds and rushing out even as their King shouted, „I will slay every cursed one of you who listens to this witch’s voice. Stay! I command it! Archers, I command that you pierce these cursed hounds of mine with arrows such that they tremble like dying porcupines. –You,“ he said to his sergeant-at-arms, „I believe I see my daughter between the dogs. Gather her up as soon as the dogs begin to bleed.“

But it was as though he had been talking to himself. The King found himself alone in the clearing. From everywhere, his daughter said, „Father, the days of you ordering everyone has drawn to a close as this dawn approaches. I give you but one choice. Be grateful; you never entertained me with any choice. Look up to these stars that are beginning to fade as the sun rises in the east, and beg for their mercy so as to save your soul. I haven’t much faith your body will survive. But you are quite used to ending the lives of innocent creatures so it should not come as a shock to see your own demise.“

Her father, now but the shadow of the great man he had led everyone to believe he was, cowered with her words. He looked all around but could not see who was speaking, though he did recognize his daughter’s voice. Yet, his daughter’s body lay as prone as it ever had lain in all the years he had crept into her locked room after she had swooned from the potion he gave her each evening.

„I…I have no son,“ stuttered the King. „And your mother died after childbirth. Let us end this complicity you have entered into with a witch, and return to our castle. When I die many years henceforth, you will inherit all these lands as Queen.“

„I am already that which you suggest I shall be in future years. But your end will come, in one way or another, before the sun sheds its first warming rays on your contemptible body. Do you not recognize this place which you have sought with such speed through the night?“

She watched as her father looked around. Fear exploded across his face. „It…it….“ He struggled to speak. „–Cannot be.“

„Yes,“ said she. „Here is where you murdered my mother in a fit of rage and lust after she had fled you. She, like me, found this place in the dead of night. But unlike her, I rose above it. No, there is no witch here. Nor was there ever a dragon such as you say you slew after it devoured my mother. Except that you are that dragon by having forced your largest dog to consume her remains. Now there is just you and me. You say your rights as King come from God. My rights come from an even higher authority. The God of your God, if you like. That God, like a stream forever flowing toward the ocean, always seeks to balance height with might, make right old wrongs, bring peace to tribulation, and destroys all that is unnatural along the way. Father, you are unnatural, and as such, I give you one chance to save your soul before eternal damnation. Look high to the stars and beg for forgiveness. Beg from the depth of your heart or I cannot save you from a worse death than the rotting of mortal flesh. I must hear you plead, not as reprisal to your deeds against my body and soul, but for you to connect again with the purity you once possessed as an infant. Surely all children enter the world with equal grace.“

Sadly, though not terribly so, she watched her father’s face turn angry. He picked up his fallen bow and made a motion to notch an arrow. But before he had anchored the drawn line to his cheek, she barked a command to the smallest dog there. Without a second thought, he lunged on her father and ravaged at his feet until they were mere bleeding stumps. She then barked an order to the dog. He quietly retreated, licking the blood from his chops.

Her father, now forever several inches shorter than his former stature, looked around in pain and bewilderment. He mumbled angry, then forlorn, words to his dog. „I am your master,“ she heard him say. „I am the one who has fed and sheltered and trained you. How dare you turn on me?“

„They,“ said his daughter, „are not yours to command. They are independent of you, now. Perhaps they sense that freedom for the first time ever.“ She grew pensively silent as she rose and drew near like the wind, and caressed the trees and saw the approach of dawn from the pink haze to the east. „You haven’t much time. You will never again see the sun, so I ask once more that you reach up to the stars with contrite heart and beg for forgiveness. By your deeds, you have violated the very stars that created the earth, and the star nearest to earth will not be made to suffer again by warming your disgusting body.“

Her father screamed an obscenity, saying, „How dare you speak to me as such! I am your father! I am King! God has placed me here to rule over all this.“ He reached for his sword at his side and raised it high. She barked another command.

Instantly, the middle sized dog simply reached down with his head and bit off the King’s offending arm and swallowed it whole, first spitting out the sword. Her father howled in pain. Above, the sun’s rose hues struck the pines‘ crowns.

„You have only a few moments, father,“ she said from everywhere. With the sun’s warmth on the air wherein she danced, she yearned for the beat of her own heart and to feel the sun’s glow on her skin.

Her father, weakened by massive blood loss, had fallen to his side. He looked to Dragonslayer and whispered an old command. The mastiff’s ears perked up at hearing the long forgotten command. But before he could carry out the King’s demand, he tuned his hairy white face skyward. The daughter gulped as only a spirit can, and with a voice as quiet as a breeze that doesn’t even move a blade of grass, made her wish known to the mastiff. Without hesitating, the dog opened his massive maw and inhaled her father, swallowing only once and then wincing as though having ingested something bitter.

„Don’t worry,“ she said to him. „In a day or so he will come out of you and will make some flies and worms in the soil quite happy. Your bowels shall be his Hell, though you will never suffer for it. And when he departs your bowels, your former master will enjoy the bowels of earth’s tiniest creatures until one day a tree pulls him up from the soil and he can again have his choice of begging the stars for forgiveness. Though, somehow I doubt he will do that until the very sun shall consume the earth and all creatures have departed for their place in God’s Heaven.“

With that, the sun crested over the trees and she felt herself gently flow into her body and sink into a comforting sleep. When she awakened, three large dogs sat waiting before her, and a cricket beneath the stone upon which she rested her head chirped. She smiled, and with her heart thanked the diminutive creature, and said to the dogs, „I think it’s time to return to my castle and put things in order.“

And you can well believe that she lived happily thereafter.

Authors note: This story is copyrighted ã1999-2003 and was first published by FABLES MAGAZINE at http://www.fables.org/ For further information, please contact author at dane@kabelnettet.dk or go to his website at www.denmark.gq.nu

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Der äthiopische Drache (Ciruelo Cabral)

Vor langer Zeit wurde Äthiopien von König Cepheus und Königin Cassiopeia regiert, die sich damit rühmte, schöner als alle Nereiden zu sein. Die Töchzter des Meeres beschwerten sich über diese Anschuldigungen bei Poseidon, sie wollten Ihre Ehre wieder hergestellt sehen. Poseidon schickte einen Drachen, der das gesamte Land verwüstete und alle jungen Menschen Äthiopiens verspeiste. Die entsetzte Bevölkerung befragte das Orakel von Ammon; sie erfuhren, daß die einzige Hoffnung auf Erlösung darin bestand, dem Drachen Andromeda, die wunderschöne Königstochter, zu opfern. Cepheus und Cassiopeia wollten ihre Tochter nicht ins Verderben schicken, doch unter dem Druck ihrer Untertanen mußten sie dem Opfer schließlich zustimmen. Soldaten ketteten das Mädchen an einen Felsen im Meer, wo das Ungeheuer lebte. Klagend und weinend warteten die Eltern der Prinzessin am Ufer. Doch Perseus, Sohn des Zeus, kam auf seinem geflügelten Roß Pegasus vorbei und sah das verzweifelte Königspaar. Der Held, der gerade die furchtbare Medusa getötet hatte fragte beide nach ihrem Leid. Schluchzend erzählten König und Königin die ganze Geschichte.
„Wir warten hier auf das Ungeheuer, das unsere Tochter verschlingen wird“, jammerten sie, „falls irgendwer unsere Tochter erretten könnte, so würde er nicht nur unseres ewigen Dankes gewiß, wir gäben ihm Andromeda zur Frau und den Thron als Mitgift.“
Perseus empfand dieses Angebot als sehr verlockend, zumal die Schönheit des Mädchens, das da an den Felsen gekettet stand, mehr als offensichtlich und der König höchst wohlhabend war. Er setzte sich den magischen Helm auf, der ihm von Hades, dem Herrn der Unterwelt gegeben worden war und der ihn unsichtbar machte. Dann faßte er sein glänzendes Schild – ein Geschenk der Göttin Athene (Er war mit beiden Gottheiten verwandt) und das Diamantenschwert, daß er von Merkur erhalten hatte und zog in den Kampf gegen das Ungeheuer. Gegen den unsichtbaren Gegner hatte der Drache keine Chance, auch Andromeda ahnte nicht, wer ihr da zu Hilfe kam. Der Halbgott zerschnitt die Haut des Drachen, bis er an sein Herz kam und riß es heraus. Dann nahm er den Helm ab und zeigte sich der wunderschönen Prinzessin. Mit einem Hieb zertrennte er die Ketten, die sie an den Felsen ketteten, hob die Königstochter auf sein geflügeltes Roß und flog mit ihr zum Königspalast.
Am Palast des Königs wartete allerdings eine unliebsame Überraschung auf den Helden. An der Spitze seiner Armee stand Phineus, früherer Freier und verlangte sie zur Frau. Perseus dachte nicht daran seine wohlverdiente Belohnung aufzugeben. Er zog den Kopf der Medusa aus der Tasche und hielt ihn Empor, worauf alle Anwesenden zu Stein erstarrten. Nun war es ihm vergönnt, die schöne Andromeda zu heiraten; sie hatten viele Kinder. Eines von ihnen war Alkmene, die spätere Mutter des mächtigen Herakles.

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Der Drachenprinz (Ciruelo Cabral)

In der Blütezeit des Mittelalters wurden die angesehensten Poetenwettstreite von Frankreich am Hofe von Eleonore von Aquitanien abgehalten. Alle gefeierten Troubadoure versammelten sich hier, um ihre Künste vorzuführen, und einmal pro Jahr wurde dann der Gewinner dieses Wettkampfes verkündet.
Einmal ging der Gewinn an einen unbekannten edlen jungen Mann, der sich weigerte, seinen Namen oder seine Herkunft preiszugeben, obwohl ihn selbst Eleonore darum bat. Die Aura des Mysteriösen umgab diesen anonymen Troubadour – zusammen mit seiner Schönheit und Sanftheit wurde er schnell zu einem Favoriten der Damen bei Hofe. Griselda, ein junges und sehnsüchtiges Mädchen – sie war die jüngste Tochter des Grafen von Foix – verliebte sich von ganzem Herzen in den Ritter und gestand ihm eines Tages ihre Liebe. Bewegt von der Offenheit der jungen Maid stimmte der Troubadour zu, sie heimlich zu heiraten und in sein Heim mitzunehmen. Er verlangte nur ein Versprechen: Griselda dürfte niemals versuchen, ihn zu anderen als den von ihm erwählten Zeiten zu sehen, und sie dürfte niemals den Versuch unternehmen, sein Geheimnis zu lüften. Die liebeskranke Maid stimmte diesen seltsamen Wünschen zu, war es doch ein geringes Opfer dafür, endlich mit ihrem Geliebten zusammen sein zu können.
Eines Nachts, nachdem die junge Griselda in den Armen ihres Liebsten im Schloß von Eleonore von Aquitanien – wo sie lebte – eingeschlafen war, öffnete sie die Augen und fand sich in einem unbekannten Raum. Es war ein luxuriöser Raum, geschmückt mit edlen Stoffen und kostbaren Steinen. Neben ihr lag ihr Ehemann und lächelte sie gütig an. „Du bist in meinem Haus, das jetzt auch dein Haus ist“, sagte der Troubadour, „du kannst den Dienern Befehle erteilen und tun, was immer du willst. In den Stallungen stehen Pferde zu deiner Verfügung, Jäger und Falken für die Jagd, du kannst kommen und gehen, wann du willst. Du bist meine Frau, alles, was mein ist, ist auch dein. Die Zofen sind bereit, dir zu dienen, und Musiker und Tänzerinnen wollen dich unterhalten; Geschmeide und Stoffe mögen dich umschmeicheln. Wenn du irgendetwas wünschst – sage es mir nur, und ich werde es dir geben.“ „Ich wünsche mir nichts als die Liebe meines Mannes“, antwortete die junge Frau verwirrt. „Das ist gut, meine Liebste, aber vergiß nicht dein Versprechen.“ Griselda war übervoll von Glück, sie flog in die Arme ihres geliebten Gatten. Für eine Weile hielt die Frau ihr Versprechen leicht, fühlte sie sich doch wie im Paradies. Der Troubadour war ein sanfter und liebevoller Gemahl und verbrachte die meiste Zeit mit seiner Gattin. Nur bisweilen verschwand er hinter einer verschlossenen Tür, doch sie stellte – wie versprochen – keine Fragen. Dennoch wuchs mit der Zeit die Neugier in ihr.
Eines Tages entschloß sie sich doch, endlich hinter das Geheimnis ihres Mannes zu kommen. Sie schlich hinauf zu der Tür des verbotenen Zimmers, die unverschlossen geblieben war, und spähte durch einen Spalt in den Raum. Mit Grauen sah sie, daß sich der Troubadour in einen riesigen Drachen mit grünen Schuppen und kräftigen Schwingen verwandelt hatte. Sie konnte nicht verhindern, daß ein Schrei des Entsetzens über ihre Lippen kam. Der Drachenprinz fuhr herum und erblickte sein Weib. Tief enttäuscht von diesem Betrug befahl er seinen Dienern, Griselda unverzüglich zurück zum Hof von Aquitanien zu schaffen, nie wieder ging er zurück, um sie zu sehen. Griselda aber konnte ihren Liebsten nicht vergessen, kein Tag verging, an dem sie sich nicht an die glücklichen Zeiten an der Seite des sanften Drachen erinnerte. Voller Trauer und Wehmut schrieb sie ihre Abenteuer nieder – so konnte die Geschichte des Drachenprinzen ihren Weg auch zu uns finden.

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Der Dachentöter (Sigrid Früh)

Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Als sie erwachsen waren, ließ er ihnen kostbare Gewänder anfertigen, gab jedem einen schön verzierten Gürteldolch und ein gutes Schwert in die Hand und sprach: „Nun reist hinaus in die Welt, seht euch überall wohl um und versucht euer Glück!“ Dazu waren die drei Brüder gleich bereit, nahmen Abschied von ihrem alten Vater und zogen zum Tor hinaus. Als sie ein gutes Stück gewandert waren, kamen sie zu einer großen Tanne; da beschlossen sie, sich zu trennen. „Wir wollen unsere Dolche in diese Tanne stecken“, sagte der älteste. „Kommt einer von uns zu irgendeiner Zeit wieder einmal hier vorbei, so mag er an ihnen erkennen, ob wir noch am Leben oder ob wir gestorben sind, und dies wird das Zeichen sein: wessen Dolch einen Rostfleck zeigt, der ist tot und wird die Heimat seiner Väter nie mehr wiedersehen.“ – Sie stießen also die blanken Klingen tief in den Baum; dann ging der eine zur Rechten, der andere zur Linken, der jüngste aber zog geradeaus und kam bald in einen großen, finsteren Wald.

Wie er nun so allein zwischen den dunklen Tannen dahinging, kam ihm mit einem Mal ein Bär entgegen. Ohne langes Besinnen griff er nach seinem Schwert und wollte ihm auf den Pelz rücken. Der Bär aber rief: „Töte mich nicht, es wird dein Glück sein!“ trottete freundlich und zutraulich heran und begleitete den Königssohn durch den Wald. Als er wieder eine Strecke gewandert war, kam plötzlich ein großer, wilder Wolf dahergesprungen. „Im nächsten Augenblick schon schwang der Prinz sein Schwert, stellte sich ihm in den Weg und wollte ihn erschlagen. Der Wolf aber rief: „Töte mich nicht, es wird dein Glück sein!“ – Da ließ er auch ihn am Leben, und nun zog der Wolf mit dem Bären hinter ihm her. Es dauerte nicht lange, da stand, wie aus der Erde gewachsen, ein mächtiger Löwe vor ihm und fletschte die Zähne. Dem Königssohn fuhr geschwind der Schreck in die Glieder; dann aber zog er blitzschnell sein Schwert, um es ihm in den Rachen zu stoßen. Weil aber der Löwe sagte: „Töte mich nicht, es wird dein Glück sein!“, schenkte er auch ihm das Leben. Nun zog auch der Löwe mit dem Wolf und dem Bären hinter ihm her, und alle drei Tiere wichen nicht mehr von ihm.

Lange Zeit wanderte der Prinz mit seinen Begleitern durch den Wald, ohne einem Menschen zu begegnen. Endlich sah er in der Ferne eine Stadt. Da schritt er munter voran und zog bald darauf mit seinen Tieren durch das Tor ein. Doch seltsam: Alle Häuser waren mit schwarzem Flor behangen, und die Menschen gingen stumm und traurig durch die Straßen. Da fragte der Prinz, was denn der Stadt widerfahren sei. „Ach !“ erzählten ihm da die Leute, „auf dem Berg dort, wo die Kapelle steht, haust ein siebenköpfiger Drache. Dem muß man jeden Tag ein unschuldiges Mädchen zum Fressen bringen sonst ist vor ihm niemand seines Lebens sicher. Nun aber soll ihm morgen die einzige Tochter des Königs ausgeliefert werden, und darum ist die Stadt in so tiefer Trauer.“ – „Das verstehe ich wohl“, meinte der Prinz, „aber – ist denn gar keine Rettung möglich?“ -„Ja, das fragen wir auch, lieber Herr“, sagten sie. „Der König hat wohl schon lange im ganzen Lande bekanntmachen lassen, daß er dem Drachentöter die schöne Prinzessin zur Frau geben wolle; doch bis heute hat sich keiner gefunden, der den Kampf mit dem Ungeheuer wagen will.“ – Der Prinz hörte sich alles genau an und dachte: „Wenn d u den Drachen erlegen und die schöne Königstochter gewinnen könntest! Vielleicht würden die drei Tiere dir helfen?“ Und er nahm sich vor, den Kampf gegen den Drachen zu versuchen.

Am anderen Morgen, als die Sonne aufging, gürtete er sich sein Schwert um und stieg auf den Drachenberg, von seinen treuen Tieren begleitet. Als er zu der Kapelle kam, ging die Prinzessin gerade hinein, um zu beten. Sie war so jung und schön, daß er wie gebannt stehenblieb und ihr nachschaute. Da wurde er plötzlich durch ein fürchterliches Brüllen und Fauchen aufgeschreckt, und aus der Felsschlucht hervor stürzte der siebenköpfige Drache ungestüm auf ihn ein. Der Bär, der Wolf und der Löwe warfen sich wütend auf das Untier und jeder riß und biß ihm zwei Köpfe ab. Der siebente Kopf aber, der schrecklichste und gefährlichste von allen, fiel unter dem scharfen, Schwert des Prinzen in den Sand. Lang ausgestreckt lag der tote Drache in seinem Blute. Da trat die Prinzessin aus der Kapelle, ihrem Retter zu danken. Sie nahm die goldene Kette, die sie bisher selber, getragen, zerteilte sie und legte jedem der Tiere ein Stück davon um den Hals. Zu dem Prinzen aber sagte sie: „Ich danke dir von Herzen, du tapferer Mann! Du hast mich vom Tode errettet, und dafür will ich dir für mein ganzes Leben als deine liebe und treue Frau gehören! Nun aber komm mit zu meinem Vater. „Es kann noch nicht sein, liebe Prinzessin“, sagte er; „ich muß mich zuerst noch eine Weile in der Welt umsehen. Heute übers Jahr aber komme ich wieder und dann wollen wir Hochzeit halten!“ Darauf schnitt er aus den sieben Drachenköpfen die Zungen heraus, wickelte sie in ein seidenes Tuch und steckte sie in die Tasche. Dann nahm er Abschied von seiner Braut und zog mit seinen getreuen Tieren auf gut Glück in die weite Welt hinaus.

Als der Prinz ihren Blicken in der Ferne entschwunden war, stieg die Prinzessin in die Kutsche, die am Fuße des Berges wartete, um sich nach Hause fahren zu lassen. Der Kutscher fuhr aber erst ab, nachdem er die sieben Drachenköpfe zu sich auf den Wagen geladen hatte. Und wie sie unterwegs durch einen dunkeln Wald kamen, hielt er plötzlich die Pferde an und sagte zu der Prinzessin: „So, nun sind wir allein und keiner ist da, der dir helfen könnte! Sage zum König, i c h hätte den Drachen getötet! Versprich es mir, oder du mußt auf der Stelle sterben!“ Was konnte da die Prinzessin anderes tun, als zustimmen, wenn ihr das Leben lieb war? Als sie im Schloß ankamen, wies der Kutscher dem König die sieben Drachenköpfe vor, verlangte die Prinzessin zur Frau und wollte, daß die Hochzeit gleich am anderen Tage stattfinden sollte. Der König, der sein Wort halten wollte, war damit einig; die Prinzessin aber brachte es unter allerlei Vorwänden fertig, daß die Hochzeit immer wieder aufgeschoben wurde. Ein ganzes Jahr lang trieb sie es so; dann aber mußte sie dem Drängen des Kutschers doch nachgeben. Sie tat es auch scheinbar willig, weil sie hoffte, daß der rechte Bräutigam sich nun bald einfinden werde, so wie er es ihr versprochen hatte.

Und richtig, als das Jahr bald um war, hatte der Prinz sich genug in der Welt umgesehen und die Heimreise angetreten. Als gerade noch ein einziger Tag an dem Jahr fehlte, kam er in der Stadt an und war erstaunt darüber, wie lustig und lebendig es überall zuging. Er kehrte in einem Wirtshaus ein, fragte den Wirt, ob er hier übernachten könne und fügte so beiläufig hinzu: „Was geht denn hier vor? Vor einem Jahr war die Stadt mit Trauerflor behangen und die Leute gingen stumm und traurig umher; heute dagegen sehe ich überall fröhliche Gesichter und die Stadt ist wie zu einem Fest geschmückt!“ -„lhr habt’s erraten“, antwortete der Wirt und erzählte ihm, daß morgen die Königstochter Hochzeit halte mit dem Kutscher, der sie vor einem Jahr aus den Klauen des Drachen errettet habe. „Soso“, sagte der Prinz, trank sein Glas leer und begab sich in seine Schlafkammer hinauf.

Am anderen Tag, während droben im Schloß das Hochzeitsmahl im Gange war, saß der Prinz, als Jäger gekleidet, mit dem Wirt in der Schankstube. Sie sprachen von der schönen Prinzessin und dem Drachentöter und dem prachtvollen Fest, und dabei sagte der Prinz: „Herr Wirt, holt mir doch auch einen Krug von, dem Wein, den die Braut im Schlosse trinkt!“ – „Das kann ich nicht, Herr!“ antwortete der Wirt. „Dann muß ich halt meinen Wolf hinschicken!“ meinte der Prinz; rief den Wolf zu sich und sagte: „Geh zu der Prinzessin ins Schloß und sage, dein Herr lasse um einen Krug von dem Wein bitten den sie selbst trinke!“ Es dauerte nicht lange, und der Wolf kam mit dem Krug angesprungen. Da konnte der Wirt sich nicht genug wundern“, saß nur da und sah den Fremden an und schüttelte den Kopf. „So, jetzt will ich auch von dem Braten haben, den die Braut ißt!“ sprach der Prinz und schickte den Bären aufs Schloß, und der brachte wahrhaftig nach einer Weile ein Stück vom allerbesten Braten. „Nun fehlt bloß noch ein Stück von dem Brot, das die Prinzessin ißt!“ sagte der Prinz, und schickte den Löwen hin. Der kam nach kurzer Zeit mit einem großen Stück Brot im Maul angetrottet.

Die Prinzessin aber, die an der Hochzeitstafel saß, hatte die Tiere erkannt und wußte wohl, wer ihr Herr war. Darum gab sie ihnen auch alles, was sie forderten, von Herzen gerne. Der König hatte die sonderbaren Besucher mit Staunen beobachtet, nahm endlich seine Tochter beiseite und sprach: „Nun sage mir doch einmal, meine liebe Tochter: Was hast du eigentlich mit diesen wilden Tieren im Sinn?“ Da erzählte die Prinzessin ihrem Vater alles, so wie es sich zugetragen hatte, und gestand ihm zuletzt, daß der wahre Drachentöter nun da sei und daß sie den und keinen anderen heiraten werde. Der König schickte sogleich einen Boten in das Wirtshaus und ließ den Herrn, dem die drei wilden Tiere gehörten, zur Tafel laden. Als die Hochzeitsgäste nun alle genug gegessen und getrunken hatten und noch eine Weile so recht vergnügt beisammen saßen, sagte der König: „Wir wollen uns zur Unterhaltung ein wenig erzählen. Und wer wird mehr erzählen können als der Drachentöter und unser lieber Gast, der Jäger, der heute erst von einer weiten Reise zurückkehrte? Beginne also, Freund Drachentöter!“ Da ließ der falsche Drachentöter die sieben Drachenköpfe auf den Tisch legen und berichtete mit vielen aufgeblähten Worten, wie er sie damals im Kampf dem Untier abgeschlagen habe. Und alle, die von dem bösen Betrug nichts wußten und den Kutscher für den Drachentöter hielten, bewunderten ihn und spendeten ihm Lob über Lob. Der König aber verzog keine Miene und sagte nur: „Nun denn, Herr Jäger, erzählt Ihr einmal von Euren Abenteuern!“

Der erhob sich, verbeugte sich höflich und gestand zum ersten, daß er kein Jäger, sondern ein Prinz sei. Dann schilderte er getreulich, auf welch eigentümliche Weise er zu den treuen Tieren gekommen sei und wie sie geholfen hätten, einen siebenköpfigen Drachen zu überwinden und eine Königstochter vom sicheren Tode zu erretten. „Und welch ein Zufall“, sagte er, „gerade heute vor einem Jahr und nahe bei dieser Stadt hat sich all das zugetragen. Auch die Drachenköpfe hier kommen mir so bekannt vor, als ob ich sie schon einmal gesehen hätte. Nur, will mir scheinen, haben sie keine Zunge im Maul, was doch sonst gewiß bei allen Tieren der Fall ist.“ Da erhob sich der König und rief: „Diener! Öffnet die Drachenmäuler!“ Und richtig, – in keinem von allen sieben war eine Zunge zu entdecken. „Wo sind die Zungen, Kutscher?!“ stellte der König den falschen Mann zur Rede. „Da müßt Ihr nicht den da, sondern, mich fragen, Herr König“, entgegnete der Prinz. „Hier sind sie!“ – und dabei wickelte er die sieben Zungen aus dem seidenen Tuch. Und siehe, sie paßten genau auf die abgeschnittenen Enden in den Rachen der Drachenköpfe. „Und nun, edle Prinzessin“, wandte sich der Prinz an die Königstochter, „kennt Ihr vielleicht die goldene Kette am Hals meiner Tiere?“ – „O gewiß!“ sagte sie, „die kenne ich gut! Ich selbst habe sie ja deinen Tieren umgehängt, weil sie dir so treu und tapfer im Kampf gegen den Drachen beigestanden haben.“

Nun wußte der König gewiß, daß der Prinz der wahre Drachentöter, der Kutscher aber ein arglistiger Betrüger war. In der gleichen Stunde noch wurde der Falsche dem Henker übergeben. Der Prinz und die Prinzessin aber hielten Hochzeit und lebten nach des alten Königs Tod noch lange Jahre in Glück und Freude als König und Königin.

Was aus den beiden Brüdern des Königs geworden ist? Niemand weiß, ob sie heimgekehrt sind oder heute noch in der Welt umherwandern. Wenn ich aber an die große Tanne komme, will ich doch nachsehen, ob sie noch am Leben sind oder ob die blanken Klingen Rostflecke bekommen haben.

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Der Drache zu Malchin

In Malchin erzählte man sonst noch viel vom Drachen, und viele hatten ihn gesehen, wie er durch die Luft gezogen, so groß wie ein Wesbaum, vorn mit einem ordentlichen dicken Kopf und einem langen Schwanz hinten, und bezeichneten auch genau die Häuser, wo er den Leuten etwas zugetragen. Nun war auch einmal einer, der hatte gehört, wie man den Drachen zwingen könne, das was er trage, fallen zu lassen; da ging er hinaus, als der Drache gezogen kam, und zieht sich, mit Respekt zu melden, die Hosen ab. Da hat der Drache seine Last in einen Brunnen fallen lassen, und als er nun hinging, um zu sehen, was es sei, war der Brunnen bis zum Rande mit Erbsen gefüllt. Die hat man dem Vieh als Futter vorgeworfen, es hat sie aber nicht fressen mögen. – Nicht so gut ist es einem andern ergangen; der tat auch so, hatte sich aber dabei nicht gehörig vorgesehen und war nicht, wie man das tun muß, dabei unter Dach geblieben, da hat ihn der Drache so beschmutzt, daß er den Gestank sein‘ Lebtag‘ nicht hat wieder loswerden können.

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Drachentränen (Karin Roth)

Ein Himmel wie von Gottes Hand erschaffen sah dieser neue Morgen..
Wundervoll anzusehen,
Winde die in Rot und Violett Tönen schimmerten, Wolken wie aus Watte die am Horizont schwebten wie eine Mauer rund um die Welt..
Die Sonne stand als glühender Ball am Firmament und begrüßte den neuen Tag mit ihren kraftvollen Strahlen und mit ihrer Wärme.
Die Berge erglühtem im Rot der Strahlen und ließen die Welt unwirklich erscheinen in ihrem sanften Licht.
Nebelschwaden hingen in den Tälern und ließen den Tau auf den Blätter glitzern wie Sternschnuppen.
Der Dunst der vom See aufstieg gab all dem einen verzauberten Hauch von Unwirklichkeit.
Es war ein ätherischer Ort voller Schönheit und Zartheit fern aller Realität und fern allen Leides..

Dachte man..

Was allerdings der neue Tag noch sah, war ein Wesen aus einer anderen Zeit..
Groß und Ehrfurchtgebietend flog es einst am Himmel entlang..
Der Schlag der Schwingen entwurzelte einst Bäume und entfachte Orkane über den Wäldern.
Das donnernde Brüllen aus ihrer Kehle ließ ganze Völker erstarren vor Furcht und ließ die Menschen erschaudern aus Angst.
Der heiße Strahl der ihrer Kehle entrann, konnte Legionen niedermähen in seinem Zorn und in seinem Toben.

Doch nun sah der neue Tag dieses Wesen auf einer Klippe sitzen..
Geschwächt..
Müde..
Ausgebrannt..

Und aus ihren  großen .. dunklen Augen sprach die Traurigkeit und die Not eines ganzen Lebens..
Glitzernde Tropfen flossen über die Schuppen ihrer Schnauze entlang..
rannen über den matt gewordenen Panzer aus einst Stahlgrauen glänzenden Schuppen und bildetet am Fuße ihrer einst scharfen Krallen einen kleinen Teich aus Drachentränen.
Ihrer Kehle entrang sich kein Brüllen mehr..
Keine Schwingen mehr die sich kraftvoll bewegten..

Ein Gesang ertönte nur
eine Melodie die vom Schmerz der Welt kündete..
Eine Melodie,
die sang von Schönheit die einst war in ihrem Leben..

eine Melodie
die sang von der Liebe die einst beherrschte ihren Flug
eine Melodie
die sang von Sehnsucht die in ihrem Herzen herrschte

Still war die Welt um sie herum, die Geschöpfe des Waldes hielten ein in ihrem Tun und hörten auf die Stimme dieses Wesens..
Lange saß sie da auf dieser Klippe und lange war ihr Gesang an die Welt
In ihr ein Hoffen,
ein sehnen das ihr Gefährte ihren Gesang vernahm..
das er erkannte was ihr fehlte
das er erkannte warum sie nicht mehr den Spiel des Windes folgen konnte und sich nicht mehr erheben konnte in die Weiten des Firmamentes um mit langen Flügelschlägen ihre Welt wieder zu erobern.

Nach langer Zeit erkannt sie , das sie vergebens ihr Lied gesungen hatte..
Das ihr Mühen sinnlos war
und ihre Melodie im Nichts verklungen war..
das sie die einzige war aus ihrem Volke die noch am Leben war
So wob sie schweren Herzens einen Zauber um sich selber,
der ihren Leib in Stein verwandeln sollte..
ausharrend am Rande dieser Zeit..
bis sie einst geweckt werde
Geweckt von einem Zauberwesen wie sie eines ist..

So verklang leise ihre Melodie und ihr Körper verwandelte sich langsam zu Stein
Nur ganz oben.. einem Rinnsal gleich..
Entsprang diesem neuen Felsen hoch oben  ein Bächlein..
Drachentränen,
Aus Stein geboren, auf das sie zum Wasser des Lebens werden das die Menschheit erinnern sollte an Zeiten die einst waren
So wartet sie heute noch ..
Doch immer noch fließt das Wasser den Berg hinab ,
als schillernde
Drachentränen

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Drachenflug/Seelenflug (Karin Roth)

Hoch hinauf in den Himmel stieg sie mit starkem schlagen ihrer Blauen Schwingen.
Sie wollte den Wind fangen unter ihrem Körper und die Freiheit im Fluge erreichen.
Doch diesmal war es nicht so wie immer.
Irgendwie erschien ihr der Flug nicht so federleicht wie sonst.. ihre Schwingen taten sich schwer auf den Luftschichten zu tragen und sie mußte sich sehr mühen um in große Höhen zu gelangen.
Warum nur so dachte sie sich.. warum nur ist es so schwer..
Ich lasse doch nur diese Erde hinter mir und versuche den Himmel zu erlangen um meine Freiheit zu finden.

Erschöpft gab sie nach Stunden ihren beschwerlichen Flug auf und kehrte erschöpft vom Kampf mit den Winden zurück in ihre Höhle.
Stille erwartete sie .. Nebel stieg auf aus den Bergen in denen ihr Reich lag und sie lag sinnend auf ihrem Schlafplatz.

Warum nur.. so dachte sie immer wieder.. warum nur kann ich nicht mehr so leicht und schwerelos gleiten..
Warum ist es als ob eine Zentnerlast an meinen Flügeln kleben würde..
Warum nur ist mir die Freiheit des Himmels heute verwehrt geblieben..
So lag sie Stunde um Stunde und dachte nach..

In ihr Nachdenken mischte sich noch ein anderes Gefühl..
Ihr Drachenherz schmerzte sie..
es schmerzte aus Sehnsucht nach ihrem Gefährten der viele Flugstunden von ihr in seinem eigenen Reich lebte, und sie erinnerte sich an ihre Begegnung mit ihm.

Er.. dessen Gestalt in ihr Herz gebrannt war und dessen Wesen sie nicht zur Ruhe kommen ließ.
Lange Jahre war sie alleine auf den Winden geritten.. hatte alleine für sich und ihren Nachwuchs gesorgt .. hatte alleine den Schwierigkeiten des Überlebens getrotzt.

Doch nun… hatte sich ihr Drachenleben geändert.. vor einiger Zeit war sie wieder einmal auf den Winden geritten und erblickte in weiter Ferne ein Wesen wie sie selber eines war.
Einen Drachen im Fluge erblickte sie damals..
Kraftvoll schlug er seine dunklen Schwingen und kämpfte mit den Stürmen die über den Bergen tobten.
Sein Flug bezauberte ihren Freigeist und sie konnte den Blick nicht von ihm wenden.
Dunkle Schuppen glänzten  Malachitähnlich  in der Sonne und ließen seinen Drachenleib schimmern wie Tausende von Edelsteinen.
Der Kampf den er den Wind darbot erfreute ihren eigenen Willen und bestärkte sie in ihrem wollen diesen Drachen entgegen zu fliegen um ihn näher zu betrachten.
All ihren Mut nahm sie zusammen und erhob sich in den Horizont um dieses Exemplar ihrer eigenen Gattung kennenzulernen.

Sie stieg in kreisenden Bewegungen hinauf und lenkte ihren Flug langsam in seine Richtung..
DA..
er hatte sie bemerkt..
sein Flug wurde stockender..
seine Bewegungen langsamer
und er veränderte  seine Flugrichtung und bog ab in ihre Nähe.

Da bemerkte sie ein seltsames Gefühl in ihrem Körper..
Ihr Herz.. ein Drachenherz wohlgemerkt.. es fing an mit einer Macht zu pochen wie sie es niemals vorher bemerkte.
Ihre Schuppen schabten vor Nervosität gegeneinander und aus lauter Angst vor der Begegnung wollte sie schon abdrehen.
Doch nein..
Sie war ein Drache..
Drachen fürchten sich vor nichts versuchte sie sich einzureden und begann so zögerlich in seine Richtung zu fliegen.
Wenige Flügelschläge weiter trafen sich die beiden Wesen inmitten eines Sturmes der über den Bergen tobte.
Ein Blick in seine Drachenaugen.. dunkel.. geheimnisvoll und intelligent..
Und wieder begann ihr dummes Drachenherz laut gegen den starken Rippenbogen zu schlagen…
In diesem Moment wußte sie..
Erkannte sie was ihr hier geschah..
Erinnerte sie sich an ihre vorher gewesenen Leben

Die Legende hatte sie eingeholt..
Verlorene Drachenseelen hieß es da..
Zwei Drachen die verbunden waren durch einen Eid..
getrennt durch Menschenhand bis sie sich durch das Schicksal wieder vereinen ..
Seelen die alleine nicht komplett waren..
Sie hatte ihren Seelengefährten gefunden..

Und in seinen Augen erkannte sie..
Das auch er in diesem Momente sie wiedererkannte..
Er erkannte in ihr die Gefährtin die er einst verlor und glaubte es wäre für immer..

Es gab keine Worte… keine Berührung… kein äußerliches Zeichen..
Nur die Intensität der Blicke die ineinander tauchten..
Drachenauge in Drachenauge
Seele berührte Seele
Herz sah in Herz
und zusammen schwangen sie sich federleicht hinauf in die Lüfte,
tanzten auf den Winden und ließen die pure Lebensfreude des Fluges auf sich wirken.

Lange flogen sie gemeinsam dahin.. schwerelos wie Federn tauchten sie auf den Abwinden hinab.. um schnell wie ein Pfeil wieder auf den warmen Luftströmen hinauf zu steigen, der Sonne entgegen.
Windspielen gleich mit einer Leichtigkeit die aus dem Herzen kam berührten sie sich im Fluge..
Schuppen rieben sich am Horizont aneinander und erneuerten ohne Worte was dereinst zerbrochen wurde.

Stunde um Stunde ging der Tanz..
Stunde um Stunde erneuerten sie durch diesen Flug ihr Versprechen das sie sich einst gaben.
Zu Leben.. zu lieben.. füreinander da zu sein… für immer
Durch alle Leben hindurch und den Zeiten zu trotzen.

Irgendwann .. nach langer Zeit dann.. bog der Drache wieder ab..
Ein letzes Schlagen seiner Flügel.. ein Blick zurück.. und er flog wieder in seine Heimat die in weit entfernten Bergen lag.
Doch er hinterließ ihr ein Versprechen in ihrem Herzen.. das Versprechen auf ein baldiges Wiedersehen und eine erneute Vereinigung ihrer Seelen und Körper.

An all das dachte sie nun als sie einsam in ihrer Höhle lag und dieses seltsame Gefühl in ihrem Herzen verspürte.
Nun wußte sie auch warum sie heute so schwer gekämpft hatte auf den Winden..
Es fehlte ihr der Gefährte um so schwerelos zu gleiten ..
Mit ihm alleine konnte sie die Freiheit erlangen ..
Mit ihm alleine konnte sie der Kraft des Sturmes trotzen
Mit ihm alleine nur war sie fähig so leicht wie ein Blatt im Winde auf den Lüften zu schweben.

Doch was war das?
In weiter Ferne sah sie einen kleinen Punkt am Abendhimmel erscheinen der stetig größer wurde..
Je deutlicher dieser Fleck am Himmel wurde.. desto lauter schlug ihr Herz..
Jubelnd stieß sie sich vom Rande ihrer Höhle ab und sprang regelrecht den Sturm entgegen..
Und ihm entgegen..
 Leicht.. schwerelos… ohne Mühe erklomm sie die stürmischen Höhen ihrer Berge
Sie tanzte wieder… nutze die Gewalt des Sturmes zu einem wilden Ritt der sie ihm schneller näher brachte.
Im Fluge noch berührten sie sich zärtlich.. umflogen sich mit einer Leidenschaft die nur Drachen eigen war
Und als sie Stunden später wieder landeten..
genügte ein Blick in seine tiefen Augen um Gewißheit zu haben.
Nur durch seine Nähe war ihr alles möglich
Nur durch seine Kraft war sie imstande unmögliches möglich zu machen
Nur durch seinen Willen war sie stark.
Und sie erkannte
Das auch er
Ihr Stärke brauchte
Ihre Kraft zu schätzen wußte
Ihre Liebe brauchte um zu leben

Nun schweben beide in Freiheit über den Winden..
Tanzen den Tanz den Drachen seit Urzeiten auf den Lüften veranstalten
Und teilen der Welt damit mit
Zwei Herzen und Seelen haben sich nicht trennen lassen
Und keiner der beiden.. muß jemals wieder gegen die Winde kämpfen,
denn gemeinsam sind zwei Drachen unschlagbar und trotzen allen Widrigkeiten die die Welt für sie bereithält.
Drachenherzen schlagen heiß und kraftvoll..
für immer

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Auf den Schwingen der Fantasy (Karin Roth)

Auf den Schwingen der Phantasie

Schwingen aus Leder und Schuppen
einst stumpf und ohne Glanz,
erheben sich nun wieder
 zum freudigen Wolkentanz.

Schuppen die leuchten
 selbst in dunkler Nacht,
die Magie der Liebe
 gab ihnen wieder ihre ureigenste Macht.

Die Winde bezwingen,
den Flug zu träumen,
das ist als ob man baute
Türme aus Wolkenschäumen.

Nun flieg oh Drache
und fange den Wind,
bist in deinem Herzen
wie ein unzähmbares Kind.

Zu fliegen
Zu träumen
Zu fangen die Magie,
das ist der Sinn des Lebens
vergiss das bitte nie.

So tanz auf den Winden,
bring den Menschen den Zauber zurück,
damit auch sie finden,
ihr persönliches Glück.

Drachen am Himmel
man kann sie wieder sehen,
wenn Menschen die Wege
der Phantasie begehen.

© Aquamarin Juli 2002

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Die goldenen Äpfel der Hesperiden (Ciruelo Cabral)

Der kühnste unter allen griechischen Helden war Herakles, Sohn des Zeus und der Alkmene. Der eifersüchtige Eurystheus, König von Mykene, stellte ihm 12 Aufgaben, darunter eine, die unlösbar schien: Herakles sollte die goldenen Äpfel zurückbringen, die in einem der göttlichen Gärten versteckt waren und von dem furchtbaren Drachen Ladon und den Töchtern der Nacht – als Hesperiden bekannt – bewacht wurden. Das erste Problem bestand darin, daß niemand wußte, wo sich dieser Garten befand. Doch Herakles machte sich gehorsam auf die Suche, er war begierig darauf, diese Heldentaten zu vollbringen. Er suchte, er befragte, doch ohne Erfolg. Doch zu guter Letzt konnte ihm Nereus, der Gott des Meeres, weiterhelfen: der Garten der Hesperiden lag an einem verzauberten Platz hinter dem Ende der Welt, wo der Titan Atlas das Dach des Himmels auf seinen Schultern trug. Der Halbgott machte sich sofort auf den Weg. Er reiste durch unbekannte Gebiete voller Gefahren, wurde mit blutrünstigen und monströsen Kreaturen konfrontiert, doch am Ende erreichte er den gesuchten Ort, wo Atlas das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern stützte. Gleich in der Nähe lag der wunderbare Garten, umrankt von Jelängerjelieber und Kletterrosen. Die Luft war erfüllt vom perlenden Lachen der wunderschönen Nymphen, die mit dem Drachen spielten oder einander zwischen den Bäumen haschten. Der Sohn des Zeus, nur in ein Löwenfell gehüllt und mit einer schweren Keule bewaffnet, befürchtete, daß sein Aufzug die Hesperiden verschrecken könnte, und wagte es nicht, sich zu nähern. Er begab sich also hinüber zu dem Giganten und sagte: „Mächtiger Atlas, du kennst die Nymphen. Könntest nicht du in den Garten gehen und für mich die Äpfel holen? Niemand würde sich vor dir erschrecken. In der Zwischenzeit werde ich den Himmel für dich halten.“ Atlas stimmte sofort zu und setzte die unglaubliche Last beinahe hastig auf den Schultern des Halbgottes ab. Mit einem glücklichen Lächeln und einem Winken betrat er den Garten. Von dort, wo er stand, konnte Herakles die Schreie des Entzückens und der Überraschung hören, als die jungen Frauen den Titanen erblickten, aber auch die tiefere Stimme des Drachen, der Atlas willkommen hieß. Für drei Tage hörte Herakles nichts weiter von Atlas als das Gelächter von Freude und Spiel, das aus dem verzauberten Garten zu ihm herüberdrang. Am dritten Tag kam Atlas endlich zurück und legte die Äpfel zu Füßen des Helden. „Herakles, mein Freund“, sagte er, „ich habe mit dem Drachen gesprochen. Er hat mir erklärt, daß die Hesperiden über den Verlust der Äpfel wütend sind – außerdem: Ich bin es leid, immer nur den Himmel hochzuhalten, ohne jemals Spaß zu haben. Ich hatte eine herrliche Zeit mit dem Drachen und den Nymphen“, fügte er mit einem Winken hinzu, „ich verlasse dich jetzt mein Freund, um von nun an im verzauberten Garten zu leben. Doch um dir zu zeigen, daß ich mein Versprechen gehalten habe, habe ich dir die Äpfel mitgebracht. Nimm es mir nicht übel.“ „Ich verstehe es“, versicherte Herakles, „wenn ich du wäre, hätte ich genauso gehandelt. Doch gestatte mir noch eine letzte Bitte.“ „Frage nur, was auch immer es sei.“ „Du magst das Himmelsdach ja ohne Mühen halten können, doch ich bin nicht daran gewöhnt und es beginnt zu rutschen. Ich möchte ein Seil als Kissen auf meinen Kopf legen.“ „Das erscheint mir nur gerecht“, antwortete der Gigant, „ich werde es für dich halten, damit du dir das Kissen auf den Kopf legen kannst.“ Der ahnungslose Gigant übernahm wieder das Himmelszelt, damit Herakles das Kissen zurechtrücken konnte. Doch der Halbgott hatte genau auf diesen Moment gewartet. Blitzschnell duckte er sich, griff nach den Äpfeln und floh. „Drache, Drache, er flieht!“ rief der aufgeregte Atlas, doch der Drache schob nur seinen Kopf aus der Gartenpforte und sprach: „Du bist so dumm, daß du dein Schicksal verdienst. Ich habe dich davor gewarnt, dem Helden zu trauen. Nun kann niemand mehr deinen Platz einnehmen.“ Als die Hesperiden ihn zum Versteckspiel riefen, kehrte der Drache zurück in den Garten und ließ den armen Atlas allein mit seiner Last.

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Die geraubte Königstochter

Es war einmal ein reicher und mächtiger König. Der hatte eine einzige Tochter und die war so schön, daß selbst die zarteste Rose, der weiße Schnee und der blaue Himmel vor ihrer Schönheit verblaßten. Wenn sie aus dem Schlosse in den Garten heraustrat, dufteten alle Blumen lieblicher, und die Vögel sangen ihr zu Ehren wie aus goldenen Kehlen. Eines Tages aber, als die Prinzessin bei der Quelle im Park saß und mit ihrem goldenen Balle spielte, brach plötzlich ein Drache aus dem Walde hervor, faßte die Jungfrau mit seinen Krallen und entführte sie weit übers Meer in seine Höhle.

Nun hielt er sie schon fünf Jahre dort gefangen, und hundertmal schon hatte er sie gefragt, ob sie seine Frau werden wolle. Doch ihr graute davor, wie sehr er sie auch bat und sich um sie bemühte. Neben vielen andern Kostbarkeiten, mit denen er ihr Herz zu gewinnen suchte, schenkte er ihr auch drei prachtvolle Kleider – die herrlichsten, die es auf der Welt gab: auf dem einen war die Sonne abgebildet, auf dem andern der Mond, auf dem dritten die Sterne. Aber auch damit ließ sie sich nicht verlocken, das Weib des Drachen zu werden.

Eines Tages, es waren gerade sieben Jahre um, verirrte sich ein wandernder Schneidergeselle in diese Gegend und war sehr erstaunt, als er die schöne Frau ganz allein in der Drachenhöhle antraf. Er fragte, ob sie sich auch verirrt habe wie er. Da schüttelte sie traurig den Kopf und erzählte ihm, wer sie sei und wie sie hierher in diese einsame, düstere Felsenwildnis gekommen. – „O wär‘ ich doch aus den Klauen des bösen Drachen und wieder daheim auf dem väterlichen Schlosse!“ klagte die Prinzessin. – „Wir wollen miteinander fliehen und deine Heimat suchen, und ich will dich beschützen bei Tag und bei Nacht gegen alle Not und Gefahr, die dich bedrohen könnte“, sagte der Schneidergeselle. Darüber war die Königstochter voller Freude und versprach ihm, seine Frau zu werden wenn er sie glücklich wieder in ihres Vaters Schloß zurückbringe. Nun paßten sie auf, zu welcher Zeit der Drache am längsten ausblieb, und als sie das herausgefunden hatten, flohen sie eines Abends miteinander in aller Heimlichkeit.

Der Schneider hatte die drei schönen Kleider der Prinzessin in seinen Ranzen gesteckt, und so wanderten sie nun eilig dahin, bis sie sicher waren, daß der Drache sie nicht mehr einholen werde. Jetzt endlich gönnten sie sich Ruhe, legten sich im Walde nieder und schlie- fen ein. Ihre Müdigkeit war so groß, daß sie erst am Morgen des übernächsten Tages wieder erwachten; nun aber schritten sie rüstig aus und gelangten bald darauf an den Strand des Meeres. Dort lag gerade ein kleines Schiff vor Anker; das hatte allerhand Waren geladen, die es nach jenem Lande bringen wollte, in dem der Vater der Prinzessin König war. Aber als das Schiff eine Tagereise weit draußen auf dem Meere schwamm, erhob sich ein so gewaltiger Sturm, daß es gegen eine Felseninsel getrieben wurde und zerschellte. Nur wenige Menschen, darunter auch die Prinzessin, konnten in einem Boot gerettet werden, und als am andern Morgen ein fremdes Schiff vorüberfuhr, nahm es die Verunglückten auf und brachte sie wohlbehalten in den sicheren Hafen. Die Königstochter konnte sich aber über ihre Rettung doch nicht freuen, war vielmehr betrübt und traurig in ihrem Herzen; denn sie dachte nicht anders, als daß der gute Geselle im Meer ertrunken sei. Doch auch er war mit knapper Not mit dem Leben davongekommen. Er hatte sich an den Balkentrümmern des gekenterten Schiffes festgehalten, war tagelang von den wilden Wogen umhergetrieben und endlich völlig ermattet an ein fremdes Ufer gespült worden. Ein alter Fischer nahm ihn in seiner Hütte auf, gab ihm zu essen und beherbergte ihn eine Woche lang. Dann wies er ihm den Weg in die große Stadt, die eine Tagereise entfernt am Strome lag.

Wie er nun dort so durch die Straßen ging, sah er vor einem Hause das Zunftschild eines Schneiders hangen. Da bekam er plötzlich wieder Lust zu seinem Handwerk, fragte bei dem Meister um Arbeit nach und wurde gleich als Geselle eingestellt. Kaum war er eiin paar Wochen hier, da hörte er eines Feierabends einen Herold in den Straßen ausrufen, daß der König demjenigen zehntausend Gulden bezahlen werde, der seiner Tochter binnen drei Monaten drei Kleider zu liefern vermöge, auf denen Sonne, Mond und Sterne sich spiegelten. Da fiel dem Schneidergesellen ein, daß er ja noch die drei Kleider der Prinzessin in seinem Ranzen habe und mit ihnen den Beutel voll Gold werde verdienen können. – „Doch ach“, dachte er im stillen bei sich, „nun wird eine andere die drei kostbaren Kleider tragen. Mag sie gleich auch eine Königstochter sein, so ist sie doch nicht die allerschönste und liebste, die nun schon lange auf dem kühlen Meeresgrunde ruht.“ Ging aber doch zu seinem Meister und sagte, er könne die drei Kleider für die Tochter des Königs machen. Darüber war der Meister sehr erfreut, meldete dem königlichen Kanzler, daß er mit seinem Gesellen die Kleider anfertigen wolle und erhielt gleich tausend Gulden im voraus. Die gab er dem Gesellen, damit er sich alles kaufen könne, was er nötig habe. „Ja“, sagte der, „Geld ist dazu schon nötig und nicht wenig!“ und nahm die tausend Gulden mit Dank an. Weil ja aber die Kleider schon fertig waren, konnte er die Goldvögel fliegen lassen, wie und wohin es ihn beliebte, ging also ins Wirtshaus, aß und trank mit seinen Freunden nach Herzenslust und fuhr zu jeder Tages- und Nachtzeit in einer vornehmen Kutsche in der Gegend umher. Als der erste Monat beinahe vergangen und weit und breit noch nichts von einem Kleide zu sehen war, wurde dem Meister angst und bange. Er stellte darum den Gesellen zur Rede und sagte: „Übermorgen soll das erste Kleid fertig sein, und du hast noch keine Nadel eingefädelt! Weißt du, daß es uns den Kopf kostet, wenn das Kleid nicht rechtzeitig abgeliefert wird?“ – Der aber gab zur Antwort: „Ich kann nur bei Nacht, wenn ich Wein getrunken habe, an dem Kleid arbeiten, und darum muß ich den Tag über ins Wirtshaus gehen. Und in der Kutsche fahre ich nicht zum Vergnügen, sondern um Sonne, Mond und Sterne zu betrachten, damit ich sie schön und natur- getreu widergeben kann. So ist das, Meister! – und dreinreden lasse ich mir nicht! Basta !“ Am andern Morgen aber übergab er dem Meister das erste Kleid, auf dem die Sonne dargestellt war. Der bewunderte und lobte die schöne Arbeit und trug sie eigenhändig ins Schloß hinauf. Als die Prinzessin das Gewand sah, erkannte sie im Augenblick das Kleid, das der Drache ihr einst geschenkt hatte, und bat den Meister, ihr auch das zweite bald abzuliefern. – Darauf erhielt er vom Schatzkanzler wieder tausend Gulden ausbezahlt, als Vorschuß für das zweite Kleid. Der Meister gab das Geld dem Gesellen und der machte es kein Haar anders als das erstemal, – er verjubelte es bis auf den letzten Groschen. Der Monat war wieder gerade zu Ende, als er endlich dem Meister das zweite Kleid übergab, das wie der Mond schimmerte. Diesmal freute sich die Prinzessin noch mehr, nahm den Meister beiseite und fragte ihn: „Habt Ihr selber dieses Kleid gearbeitet?“ Da wurde er unsicher, wich ihrem Blick aus, setzte zum Sprechen an und konnte doch die richtigen Worte nicht finden. – „Redet die Wahrheit, Meister! Denn sie wird mir, der Tochter des Königs, doch nicht verborgen bleiben!“ fuhr sie fort. Und da gestand er ihr, daß er vor einem Vierteljahr einen wandernden Gesellen bei sich aufgenommen habe; der habe die beiden Kleider angefertigt, ganz allein und ohne daß er ihm dabei hätte zusehen können. Da ließ die Prinzessin ihm zweitausend Gulden ausbezahlen, tausend für ihn und tausend für den Gesellen, und verlangte, daß das letzte Kleid der Geselle selber aufs Schloß bringen solle. Der Monat ging wieder dahin mit Trinkgelagen, Festen und Spazierfahrten, und am letzten Tag machte sich der Schneidergeselle auf den Weg zum Schloß und überbrachte der Königstochter das Sternenkleid. Kaum hatte er einen Schritt über die Schwelle ihres Gemachs getan, so hatte die Prinzessin ihn auch schon erkannt, fiel ihm um den Hals und küßte ihn und weinte vor Glück und Wiedersehensfreude. Sie führte ihn zu ihrem greisen Vater, erzählte ihm, wie er sie einst aus der Höhle des Drachen befreit und wie sie einander auf dem wilden Meere verloren und längst für tot gehalten hätten. Nun aber hatten sie sich wiedergefunden, hielten Hochzeit und wurden nach dem Tode des alten Vaters König und Königin über das ganze, große Reich.

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Die beiden Geschwister und die drei Hunde

Ein Müller und seine Frau starben nacheinander; sie hinterließen aber zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, und diesen zum Erbe nichts andres als eine Ziege und einen Hahn. Da wollten die Kinder beide Tiere verkaufen, damit sie zu leben hätten, und es band der Knabe der Ziege den Hahn zwischen die Hörner und trieb sie zum Jahrmarkt. Auf der Straße traf er zu einem Fleischhauer, der wollte gerade Vieh kaufen und führte drei Hunde mit sich, einen schwarzen, einen weißen und einen gefleckten. „Willst du nicht mit mir tauschen?“ sprach er zum Knaben. Der sah sich die Hunde an, und weil sie ihm sehr gut gefielen, schlug er ein. Der Fleischhauer gab ihm noch ein Pfeifchen und sagte: „Wenn du dieses blasest, so kommen die Hunde, wo sie auch immer sind, dir zu Hilfe!“ Damit kehrte er nach Hause. Aber seine Schwester fing an zu weinen, als sie sah, daß ihr Bruder kein Brot brachte. „So müssen wir jetzt doch verhungern!“ rief sie einmal über das andere.
Die Hunde aber hatten alles verstanden, und sie sprangen nur einmal auf und liefen fort. In der Nähe war gerade das königliche Lustschloß. Da lief der schwarze in die Küche und brachte einen Braten; der weiße lief in die Speisekammer und brachte ein Brot, der gefleckte sprang in den Keller und holte eine Flasche Wein. Nun freuten sich die beiden Kinder, aßen und tranken und hatten von da an keine Not; denn wenn sie hungrig waren, so brachten ihnen die Hunde immer Speise. Aber der König hatte gehört, daß drei Hunde so und so in seine Küche, seine Speisekammer und seine Keller einbrächen und das Beste fortschleppten und daß man sie nicht fangen könne. Da befahl er, man solle überall nachsuchen, und wenn man die Hunde fange, sie und ihre Herren umbringen. Das erfuhren auch die Kinder; sie machten sich schnell auf und zogen mit den Hunden tief in einen Wald. Hier kamen sie an eine Hütte, drinnen brannte eine Kerze; sie gingen hinein, und da war eine alte Frau. „Gottlob!“ rief sie, „heute Nacht gibt es wieder etwas zum Umbringen! Denn wisset, hier hausen zwölf Räuber, die bald nach Hause kommen.“ Die Kinder fürchteten sich sehr; allein dem Knaben kam es bald ein, was zu machen sei. Er ließ den schwarzen Hund vor der Gassentüre, den weißen hinterm Tor, den gefleckten vor der Haustüre Wache halten.
Bald kamen sechs Räuber und fluchten und tobten. Die alte Räubergroßmutter wollte hinaus und ihre Leute warnen; allein der gefleckte Hund knurrte, sprang gegen sie und ließ sie nicht heraus. Als aber die sechs an das Haus kamen, sprang der schwarze Hund auf, riß sie nieder und brachte alle um. Dann legte er sich zwischen die Toten und lauerte wieder. Nach kurzer Zeit kamen auch die sechs anderen; der schwarze riß sie ebenfalls nieder und würgte sie; nur einer von den Räubern, ein junger Kaufmann, war nicht ganz tot. Der schleppte sich noch zum Tor hinein. Da riß ihn der weiße Hund zu Boden. Die alte Räubergroßmutter mußte jetzt alles zeigen, was zu sehen war. In einer Kammer lagen große Haufen gestohlener Schätze, und an einer Wand hing ein großes Schwert, das hüpfte in der Scheide. Der Knabe nahm es und band es sich an die Seite. Der Keller war voll von Toten; dahin mußte die Alte auch die Erschlagenen schleppen; allein den halbtoten jungen Kaufmann verschloß sie unbemerkt in die Kammer.
Am andern Morgen nahm der Knabe seinen schwarzen Hund und ging fort, um die Gegend zu beschauen. Die Schwester blieb mit den beiden anderen Hunden in der Räuberhütte. Da nahm die Alte einen Topf, ging hinaus in die Kammer, schmierte den Kaufmann, und alsbald war er frisch und gesund; beide kamen nun zur Schwester und überredeten sie, sie solle den Kaufmann heiraten und hier wohnen und alle Schätze besitzen. Ihren Bruder sollten sie umbringen, doch müßten sie erst die Hunde fortschaffen. Das sei aber leicht; sie solle nur einzeln dieselben in die Kammer nach Mehl schicken, da werde sie die Alte einsperren. Dem Mädchen gefiel der junge Kaufmann, und es willigte ein, und dieser versteckte sich. Als ihr Bruder nach Hause kam, erschien ihm seine Schwester verändert, sie sprach auch ganz anders; nur einmal schickte sie die Hunde hinaus in die Kammer nach Mehl. Da merkte sich der Knabe etwas; er ging hinaus und wollte in die Kammer; diese aber war fest verschlossen. Da erinnerte er sich an das Pfeifchen, das ihm der Fleischhauer gegeben; er nahm es hervor und blies. Auf einmal sprang die Tür entzwei, und die drei Hunde waren um ihn. Nun ging er wieder in die Hütte. Da stand seine Schwester und der junge Kaufmann und wollten den Knaben eben angreifen und umbringen. Aber er zog sein Schwert und hieb dem Kaufmann den Kopf ab, ging dann in die Kammer und tat an der Alten ein Gleiches; darauf befahl er seiner Schwester, die Toten in den Keller zu schleppen, warf sie dann selbst hinein und sprach, indem er sie einschloß: „Bis du den jungen Räuber nicht aufgegessen hast, sollst du immer hier bleiben!“
Dann nahm der Knabe seine drei Hunde und zog fort. Er kam aber in eine Stadt, wo die Häuser alle mit schwarzem Flor überzogen waren. Er fragte gleich, was das zu bedeuten hätte. Da erzählte ihm der Wirt: In der Nähe sei ein siebenhäuptiger Drache; dem müßte jedes Jahr eine Jungfrau dargebracht werden, und jetzt sei es an der Tochter des Königs, und darum sei die Stadt in Trauer. Da geschah es, daß die Königstochter hinausfuhr ohne Begleitung; nur der Kutscher war auf dem. Wagen. Der Knabe nahm seine Hunde und zog auch dahin; er kam auf einem Umwege noch eher zur Stätte. Der Kutscher aber getraute sich nicht, nahe zu fahren; er hielt schon von weitem still, und die Königstochter mußte zu Fuße die übrige Strecke zurücklegen. Als sie anlangte, kam ihr der Knabe entgegen und sprach: „Fürchte dich nicht, ich will den Drachen bestehen!“ Sein Schwert hüpfte schon in der Scheide und sehnte sich nach dem Drachenblut. Bald kam der fürchterliche Wurm schnaubend herangefahren. Der Knabe erhob sein Schwert, und auf einen Hieb waren alle Häupter unten. Er blieb aber unbedacht auf der Stelle stehen, und nun traf ihn der zappelnde Schweif des Drachen, so daß er wie tot hinfiel. Die Hunde sprangen nun auf den Drachen und machten ihn in kurzem vollends tot; nur zuckten die Glieder, bis die Sonne unterging. Die Königstochter aber sank hin zur Leiche und weinte sehr. Da kamen auch die Hunde und weinten und wußten keinen Rat. Endlich erinnerten sich der weiße und gefleckte Hund an den Topf, aus dem die Alte im Wald den Kaufmann lebendig gemacht. Wie sie es erzählten, gab ihnen der schwarze einen derben Schlag, warum sie nicht eher daran gedacht hätten, und sie mußten gleich hinlaufen und den Topf bringen.
Als die Königstochter den Toten geschmiert hatte, schlug er die Augen auf, war frisch und gesund, und es schien ihm, als erwache er aus einem tiefen Schlafe. „Du hast mich gerettet und sollst nun auch meine Hand haben, wie es mein Vater versprochen hat!“ rief die Königstochter. Der Knabe freute sich des, aber er wollte sie prüfen, ob sie ihm auch treu sein würde, und sprach daher: „Ich muß noch in der Welt herumziehen und Drachen bekämpfen; aber unter Jahr und Tag komme ich, dann wollen wir Hochzeit halten!“
Die Königstochter schnitt darauf ihren Namen aus dem Taschentuch und gab ihn dem Knaben, und jedem der Hunde legte sie ein seidenes Band um den Hals, dem schwarzen ein weißes, dem weißen ein schwarzes und dem gefleckten ein gestreiftes; dann schnitt der Junge noch die Zungen aus den Drachenhäuptern, steckte sie ein und ging weiter; die Königstochter aber weinte. Als der Kutscher sah, daß der Drache erlegt und der Junge fort war, lief er auch hin und fragte die Königstochter, warum sie weine, da sie jetzt befreit sei. Wie sollte sie nicht weinen, sprach sie, da ihr Retter sie verlassen habe. Der Kutscher aber baute hierauf gleich einen bösen Plan. Er drohte der Königstochter, wenn sie nicht verspreche zu sagen, daß er den Drachen erlegt habe, so wolle er sie auf der Stelle umbringen. In der Not versprach es die Königstochter. Da nahm er die Häupter vom Drachen, lud sie auf den Wagen und fuhr mit der Königstochter heim. Alles Volk jubelte, als man sie wieder sah, und pries ihren Retter, und für den gab sich der Kutscher aus. Der König wollte auch gleich Wort halten und ordnete an, daß die Hochzeit gefeiert werde. Aber seine Tochter bat ihn sehr, er solle ihr noch ein Jahr freie Zeit gönnen, und so ließ er’s geschehen.
Eben war das Jahr zu Ende und der Hochzeitstag da; die ganze Stadt war festlich geschmückt, und in der königlichen Küche und im Keller war alles beschäftigt. Der Knabe war ebenfalls auf die verabredete Zeit in die Stadt gekommen. Der Gastwirt erzählte ihm nun, warum die ganze Stadt heute so fröhlich sei:
Der Kutscher des Königs habe vor einem Jahr den Drachen erlegt, und heute erst, weil es die Königstochter so gewünscht, solle die Hochzeit gefeiert werden. Da sah der Knabe, wie treu ihm die Königstochter gewesen und daß ein schändlicher Betrug im Spiele sei. Er sagte aber nichts von sich und von dem, was er vorhabe; nur behauptete er, er werde heute das Beste von der Königstafel essen und trinken und am Ende werde ihn der alte König selbst mit vier weißen Hengsten zum Hochzeitsmahle führen. Der Wirt glaubte nicht, daß dieses möglich sei, und wettete auf sein ganzes Vermögen.
Als es Mittag war und es hieß, daß alle schon an der königlichen Tafel säßen, schickte der Knabe seinen schwarzen Hund hin, er solle von dem Teller der Königstochter den Braten bringen. Der Hund lief in einem fort, riß alle Wachen, die ihm wehren wollten, nieder, und eben hatte man der Königstochter das beste Stück vorgelegt, als der Hund es packte und damit fortlief und es seinem Herrn brachte. Die Königstochter aber hatte den Hund an dem weißen Bande gleich erkannt und freute sich im Herzen, daß ihr Retter nahe sei. Nun wollte der Knabe auch Brot haben; das mußte der weiße Hund holen; der machte es ebenso wie der schwarze, nahm es der Königstochter neben dem Teller her fort und lief hinaus; der alte König, der Bräutigam und die Gäste erstaunten und waren zornig; nur die Königstochter freute sich. „Jetzt will ich aber auch trinken!“ sprach der Knabe, als er gegessen hatte. Der gefleckte Hund mußte den Wein holen, der vor der Königstochter auf dem Tische stand. Er machte es ebenso wie der schwarze und weiße Hund; die Königstochter freute sich, als sie auch ihn sah; aber der alte König konnte seinen Zorn nicht mehr zurückbehalten; er gab Befehl, man solle den Herrn der Hunde erforschen und gleich gebunden vor ihn bringen. Sogleich gingen eine Menge Soldaten hin und her und suchten ihn und kamen so auch ins Wirtshaus.
As sie die Hunde hier sahen und ihren Herrn daneben, wollten sie ihn packen und fortführen; allein die Hunde fielen gleich über sie her und warfen sie zu Boden. Als man dem König das meldete, stieg sein Zorn aufs höchste; er schickte alle seine Soldaten hin, um den Frevler herbeizuholen; allein auch diese konnten nichts machen; die Hunde rissen alle nieder. Da ließ der Knabe sagen, der König solle gleich mit vier weißen Hengsten nach ihm kommen und ihn zur königlichen Tafel führen. Der König hatte seinen Zorn zwar aufgegeben; denn er sah ein, daß er es mit einem mächtigen Herrn zu tun habe; allein sein Stolz ließ es ihm nicht zu, selbst hinzufahren. Er schickte nur einen Minister und einen Hofwagen mit zwei Pferden; aber der Knabe wies diesen zurück und ließ dem König sagen, er solle gleich selbst kommen und mit einem Viergespann, so wie es verlangt worden, sonst würde es ihm nicht gut gehen. Die Königstochter redete ihrem Vater zu, er solle nicht sein Leben aufs Spiel setzen, und so bemeisterte er seinen Zorn und fuhr hin. Als der königliche Wagen von vier weißen Hengsten gezogen vor dem Wirtshause hielt, lief der Wirt wie wahnsinnig zum Knaben und sprach: „Du hast die Wette gewonnen; ich aber bin ein ruinierter Mann!“ Allein der Knabe tröstete ihn gleich: „Also du glaubst mir jetzt? Nun, ich schenke dir wieder alles, was du verspielt hast!“ Damit ging er hinaus und setzte sich neben den König, und seine drei Hunde sprangen auch in den Wagen; sobald er fortrollte, rief der Wirt: „So einen Gast habe ich in meinem Leben nie beherbergt!“
Als sie im Königssaale anlangten, setzte sich der Knabe sogleich der Braut gegenüber, und neben dieser saß der Bräutigam. Nun aß man und war lustig. Zuletzt kam man nach mancherlei Gesprächen auf die Beantwortung von Fragen. Als die Reihe zu fragen an den Knaben kam, sprach er: „Was verdient der, welcher den König auf das schändlichste betrügt?“ Der Bräutigam rief sogleich: „Der verdient, daß man ihn an den Schweif eines wilden Pferdes binde und durch die Stadt schleife.“ Da erhob sich der Knabe: „Du hast dir selbst dein Urteil gesprochen, denn wisse, ich bin der Drachentöter, nicht du!“ Der Kutscher aber behauptete noch fort, daß er ihn getötet habe, und ließ zum Beweise die sieben Drachenhäupter hereinbringen. Noch waren die Gäste auf seiner Seite. Da sprach aber der Knabe, man solle dem Drachen in den Mund sehen. Da fanden sie keine Zungen darin. „Wo sind denn die Zungen“, fragte der Knabe, „wenn du den Drachen getötet hast?“ Darauf war der Kutscher nicht gefaßt und behauptete dreist, Drachen hätten keine Zungen. Den Gästen kam das nun doch sonderbar vor; allein sie wußten nicht, wie die Sache wäre. Da ließ man den Koch hereinrufen, und der König fragte diesen, ob er ein Tier kenne, das keine Zunge hätte. Der Koch sprach, er kenne keines; alle Tiere müßten auch eine Zunge haben, denn womit sollten sie sonst schmecken. „Nun!“ sprach aber der Knabe, „will ich es noch mehr beweisen, daß die Drachen Zungen haben“, nahm damit sein Tuch heraus, wickelte es auf und legte sieben Drachenzungen vor, und als man sie in den Mund hielt, paßten alle genau.
Der Kutscher fing nun an zu zittern und wollte hinaus: allein man hielt ihn fest. „Jetzt aber wird auch die Königstochter es bezeugen, daß ich den Drachen getötet habe.“ Damit nahm er den Namen aus ihrem Taschentuch und sprach: „Ist das deine Arbeit? Siehe die Halsbänder der Hunde, kennst du sie? Erzähle!“ Jetzt, da die Sache ohne ihr Zutun schon heraus war, hielt sie sich ihres Eides für los und ledig und erzählte alles vom Drachenkampf und wie sie ihrem Befreier den Namen aus ihrem Schnupftuch gegeben und den Hunden die Halsbänder umgelegt habe; wie dann der Kutscher hingekommen und gedroht habe, sie umzubringen, wenn sie ihm nicht eidlich verspreche, ihn für den Drachentöter auszugeben. Da wurde der Kutscher ergriffen und die Strafe, die er sich selbst bestimmt hatte, an ihm vollzogen.
Der Knabe aber hielt nun Hochzeit mit der Königstochter; und diese war über alle Maßen froh und glücklich. Als der alte König starb, folgte ihm der Knabe im Reiche nach, und er herrschte weise und gerecht.
Aber ein Kummer nagte doch an seinem Herzen; er dachte an seine Schwester, und obgleich diese so böse an ihm gehandelt, so hatte er ihr jetzt doch verziehen, und er wollte sie, wenn möglich, auch noch glücklich machen. Er zog daher mit seinen Hunden nach dem Waldhäuschen. Da fand er sie im Keller; sie hatte alle Toten verzehrt, nur den Kaufmann nicht, und das wollte sie auch nicht, lieber sterben. Der Bruder nahm sie jetzt mit an seinen Königshof und machte sie zum ersten Hoffräulein. Allein sie hatte ihre Falschheit noch nicht aufgegeben; ihr Bruder sollte es büßen, daß er sie so gestraft habe. Sie ließ bei einem Schmied ein scharfes Messer machen und stellte dieses in das Bett des Königs. Als dieser abends müde sich auf das Bett warf, ging es ihm durch und durch, und er war alsbald tot. Am Morgen aber, wie man hörte, daß der König ermordet wäre, wurde das ganze Land von der höchsten Trauer erfüllt; die Schwester aber hatte ihr böses Gewissen vom Hofe fortgetrieben, und so war man überzeugt, daß sie es getan habe. Die Königin aber warf sich auf die Leiche, rang die Hände und konnte nicht weinen vor Schmerz; die Hunde lagen um sie, winselten in der Trauer um ihren Herrn und ächzten. Da erinnerten sie sich an den Topf mit der lebendig machenden Salbe. Schnell liefen sie nach der Stelle, wo der Drache gelegen, fanden hier noch die Scherben und brachten sie, und es war noch so viel Salbe drinnen, daß man den König bestreichen konnte. Da schlug er wieder die Augen auf und war gesund. Alles war voller Jubel, allein niemand freute sich mehr als die Königin. Als man dem König sagte, was mit ihm vorgefallen und daß seine Schwester entwichen sei, rief er:
„Ja, die böse Schlange, das hat sie getan!“ Er ließ sie wieder aufsuchen und ins Waldhaus einsperren bei ihrem toten Kaufmann; da mußte sie nun fort an der Leiche sitzen; bis sie verhungerte.
Es geschah aber, daß die Hunde jetzt vor den König traten und sprachen: „Von nun an können wir dir nichts weiter nützen, haue uns die Häupter ab.“ — „Nein, nie und nimmermehr, das wäre ein schöner Dank für so treue Dienste!“ Wenn sie ihm auch weiter keinen Dienst mehr erweisen könnten, so wolle er sie doch getreu pflegen bis an ihren Tod. Da baten sie ihn aber so sehr und so lange, daß er gerade den größten Dank ihnen damit erweise, wenn er ihren Wunsch erfülle, und so faßte er endlich betrübten Herzens sein Schwert und hieb jedem das Haupt ab. Siehe, da standen nur einmal drei Königssöhne: „Dank dir, du hast uns erlöst; wir waren so lange verzaubert, bis zum Dank für geleistete Dienste ein junger Held uns das Haupt abschlagen würde, und das hast du getan!“ Damit zog jeder fort in seine Heimat, und so waren jetzt alle froh und zufrieden.

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Die Königstochter in der Flammenburg

Es war einmal ein armer Mann, der hatte so viele Kinder, als Löcher sind in einem Sieb, und hatte alle Leute in seinem Dorfe schon zu Gevatter gehabt; als ihm nun wieder ein Söhnlein geboren wurde, setzte er sich an die Landstraße, um den ersten besten zu Gevatter zu bitten. Da kam ein alter Mann in einem grauen Mantel die Straße, den bat er, und dieser nahm den Antrag willig an, ging mit und half den Knaben taufen. Der alte Mann aber schenkte dem Armen eine Kuh mit einem Kalb; das war an demselben Tage, an welchem der Knabe geboren, zur Welt gekommen und hatte vorn an der Stirne einen goldnen Stern und sollte dem Kleinen gehören. Als der Knabe größer war, ging er mit seinem Rind, das war nun ein großer Stier geworden, jeden Tag auf die Weide. Der Stier aber konnte sprechen, und wenn sie auf dem Berg angekommen waren, sagte er zum Knaben: „Bleibe du hier und schlafe, indes will ich mir schon meine Weide suchen!“ Sowie der Knabe schlief, rannte der Stier wie der Blitz fort und kam auf die große Himmelswiese und fraß hier goldne Sternblumen. Als die Sonne unterging, eilte er zurück und weckte den Knaben, und dann gingen sie nach Hause. Also geschah es jeden Tag, bis der Knabe zwanzig Jahre alt war. Da sprach der Stier eines Tages zu ihm:
„Jetzt sitze mir zwischen die Hörner, und ich trage dich zum König; dann verlange von ihm ein sieben Ellen langes eisernes Schwert und sage, du wollest seine Tochter erlösen.“
Bald waren sie an der Königsburg; der Knabe stieg ab und ging vor den König und sagte, warum er gekommen sei. Der gab gern das verlangte Schwert dem Hirtenknaben; aber er hatte keine große Hoffnung, seine Tochter wiederzusehen, denn schon viele kühne Jünglinge hatten es vergeblich gewagt, sie zu befreien. Es hatte sie nämlich ein zwölfhäuptiger Drache entführt, und dieser wohnte weit weg, wohin niemand gelangen konnte; denn erstens war auf dem Wege dahin ein hohes unübersteigliches Gebirge, zweitens ein weites und stürmisches Meer und drittens wohnte der Drache in einer Flammenburg. Wenn es nun auch jemandem gelungen wäre, über das Gebirg und das Meer zu kommen, so hätte er doch durch die mächtigen Flammen nicht hindurchdringen können, und wäre er glücklich durchgedrungen, so hätte ihn der Drache umgebracht.
Als der Knabe das Schwert hatte, setzte er sich dem Stier zwischen die Homer, und im Nu waren sie vor dem großen Gebirgswall. „Da können wir wieder umkehren“, sagte er zum Stier, denn er hielt es für unmöglich, hinüber zu kommen. Der Stier aber sprach: „Warte nur einen Augenblick!“ und setzte den Knaben zu Boden. Kaum war das geschehen, so nahm er einen Anlauf und schob mit seinen gewaltigen Hörnern das ganze Gebirge auf die Seite, also, daß sie weiterziehen konnten.
Nun setzte der Stier den Knaben sich wieder zwischen die Hörner, und bald waren sie am Meere angelangt. „Jetzt können wir umkehren!“ sprach der Knabe, „denn da kann niemand hinüber!“ – „Warte nur einen Augenblick!“ sprach der Stier, „und halte dich an meinen Hörnern.“ Da neigte er den Kopf zum Wasser und soff und soff das ganze Meer auf, also daß sie trocknen Fußes wie auf einer Wiese weiterzogen. Nun waren sie bald an der Flammenburg. Aber da kam ihnen schon von weitem solche Glut entgegen, daß der Knabe es nicht mehr aushalten konnte. „Halte ein!“ rief er dem Stiere zu, „nicht weiter, sonst müssen wir verbrennen.“ Der Stier aber lief ganz nahe und goß auf einmal das Meer, das er getrunken hatte, in die Flammen, also daß sie gleich verlöschten und einen mächtigen Qualm erregten, von dem der ganze Himmel mit Wolken bedeckt wurde. Aber nun stürzte aus dem fürchterlichen Dampfe der zwölfhäuptige Drache voll Wut hervor. „Nun ist es an dir!“ sprach der Stier zum Knaben, „siehe zu, daß du auf einmal dem Ungeheuer alle Häupter abschlägst!“ Der nahm alle seine Kraft zusammen, faßte in beide Hände das gewaltige Schwert und versetzte dem Ungeheuer einen so geschwinden Schlag, daß alle Häupter herunterflogen. Aber nun schlug und ringelte sich das Tier auf der Erde, daß sie erzitterte. Der Stier aber nahm den Drachenrumpf auf seine Homer und schleuderte ihn nach den Wolken, also, daß keine Spur mehr von ihm zu sehen war. Dann sprach er zum Knaben: „Mein Dienst ist nun zu Ende. Gehe jetzt ins Schloß, da findest du die Königstochter und führe sie heim zu ihrem Vater!“ Damit rannte er fort auf die Himmelswiese, und der Knabe sah ihn nicht wieder. Der Junge aber fand die Königstochter drinnen, und sie freute sich sehr, daß sie von dem garstigen Drachen erlöst war. Sie fuhren nun zu ihrem Vater, hielten Hochzeit, und es war große Freude im ganzen Königreiche.

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Der dreizehnte Sohn des Königs von Erinn (Sigrid Früh)

Der dreizehnte Sohn
des Königs von Erinn


Vor langer Zeit lebte einmal ein König in Erinn, und der hatte dreizehn Söhne. Als sie herangewachsen waren, ließ er sie in allen Künsten unterweisen, die ihrem Rang angenmessen waren. Nun geschah es, daß der König eines Tages auf der Jagd zu einem See kam, darauf sah er eine Schwanenmutter mit dreizehn Jungen. Diese aber hielt nur zwölf davon bei sich. Das dreizehnte aber trieb sie immerzu weg und ließ es den andern nicht nahe kommen. Darüber wunderte sich der König sehr. Als er nun nach Hause kam, rief er seinen Ratgeber, den alten blinden Weisen, zu sich, und sprach: „Etwas Seltsames sah ich heute bei der Jagd. Da war eine Schwanenmutter mit dreizehn Jungen. Doch sie behielt nur zwölf bei sich und trieb das dreizehnte immerzu weg. Sage mir doch du, der du weise bist, was hat das zu bedeuten? Warum sollte eine Mutter ihr dreizehntes Kind hassen und die zwölf andern beschützen ?“ „Wisse“, sprach der alte blinde Weise, „alle Geschöpfe der Erde, ob Tier oder Mensch, welche dreizehn .Junge haben, sollten das dreizehnte wegstoßen, damit es allein durch die Welt wandere und sein Schicksal suche, damit der Wille des Himmels sein Werk an ihm tun kann und die andern verschonen möge. Auch du, mein König, der du dreizehn Söhne hast, mußt den dreizehnten der Diachbha, der Schicksalsgottheit, ausliefern.“ „War es das, was die Schwanenmutter mir zeigen wollte, daß auch ich meinen dreizehnten Sohn der Diachbha geben muß?“
„Ja, so ist es“, sprach der Weise, „du mußt einen von deinen dreizehn Söhnen hergeben.“
„Ach“, klagte der König, „wie kann ich einen fortgeben, wenn ich sie alle liebe, und welcher sollte es denn sein?“ „Ich will dir sagen, was du tun mußt“, antwortete der Weise. „Wenn heute abend deine dreizehn Söhne heimkommen, so schließe die Tür vor dem letzten.“ Nun war aber einer der Königssöhne sehr langsam. Er war nicht so flink und gewandt wie seine Brüder. Es war der Älteste, und man nannte ihn Sean Ruadh (der rote Johann), und doch war er der beste und größte Held von allen. An diesem Abend nun kam er als letzter heim, und als er vor der Türe stand, schloß sie sein Vater vor ihm zu. Sean Ruadh hob die Hände auf und sprach: „Was willst du von mir, was hast du mit mir vor, Vater?“ „Die Pflicht fordert von mir“, sprach der König, „daß ich einen meiner Söhne der Diachbha zu geben habe, und weil du heute abend der letzte warst, mußt du gehen.“ „Dann will ich gehen“, sprach der Sohn. „Gib mir eine Ausrüstung für die Wanderung in die weite Welt.“ Die Ausrüstung wurde gebracht, und Sean Ruadh legte alles an. Zuletzt gab ihm der Vater noch ein schwarzes Roß, das so schnell war, daß es den Wind vor sich überholen und den Wind hinter sich weit zurücklassen konnte. Sean Ruadh bestieg das Roß und ritt davon, ohne zu rasten und zu ruhen.
Eines Morgens nahm er ein paar alte Kleider, die er in seinem Bündel am Sattel hatte, heraus, zog sie an, ließ sein
Pferd im Wald zurück und ging auf eine Lichtung.
Er mußte nicht lange warten, bis ein fremder König heranritt und zu ihm sprach: „Wer bist du, und wohin gehst du?“ „Oh“, sagte Sean Ruadh, „ich streife nur so umher, ich weiß nicht, was ich tun soll, und habe kein Ziel.“
„Wenn es so mit dir steht“, meinte der König, „dann komm mit mir.“
„Wozu soll ich mit dir gehen?“ fragte Sean Ruadh.
„Ich habe eine große Herde Kühe“, sagte der König, „und ich habe keinen Hirten für sie. Doch habe ich noch eine andere Sorge und einen großen Kummer. Meine Tochter wird nämlich bald eines schrecklichen Todes sterben, denn tief ins Meer lebt eine riesige Seeschlange, und dieses Ungeheuermußallesieben Jahreeine Königstochterbekonmmen, die es verschlingt. Alle sieben Jahre taucht das Untier aus dem Meere auf, um seinen Tribut zu fordern, und dieses Mal ist die Reihe an meiner Tochter. An welchem Tag genau das Ungeheuer auftauchen wird, wissen wir nicht. Das ganze Land trauert mit mir um mein unglückliches Kind.“ „Vielleicht wird einer kommen, der sie retten wird“, sprach Sean Ruadh.
„Ach“, sprach der König, „es ist schon ein ganzes Heer von Königssöhnen da. Alle haben versprochen, sie zu retten, aber ich fürchte, keiner von ihnen wird den Kampf mit der Seeschlange bestehen.“ Sean Ruadh kam mit dem König überein, daß er ihm sieben Jahre dienen wolle, und ging mit ihm heim. Ani nächsten Morgen trieb Sean Ruadh des Königs Kühe auf die Weide. Nun aber lebten nicht weit von der Burg des Königs drei Riesen. Sie hausten in drei Schlössern. Sean Ruadh trieb die Herde bis zum Weideland der Riesen, stieß ein Stück der Umfassungsmauer um und ließ die Kühe hinein. Das Gras war sehr hoch und dreimal so gut wie auf den besten Weiden des Königs. Als Scan Ruadh nun dasaß und die Kühe hütete, kam ein Riese auf ihn zu und schrie laut: „Ich weiß nicht, soll ich dich in die Lüfte blasen, daß du in tausend Stücke zerfällst, oder soll ich dich mit einem Bissen verschlingen!“ „Pralle nicht“, sprach Sean Ruadh, „du sollst wissen, daß ich hergekommen bin, dir das Lebenslicht auszublasen.“ „Welche Art des Kampfes willst du?“ fragte der Riese. „Auf den grauen Steinen oder mit scharfen Schwertern?“
„Kämpfen will ich mit dir auf den grauen Steinen!“ rief Sean Ruadh, „wo deine ungeschlachten Beine immer tiefer einsinken, meine aber oben bleiben werden.“ Sie fingen an zu kämpfen. Beim ersten Mal drückte Sean Ruadh den Riesen bis zu den Knien zwischen die harten grauen Steine, beim zweiten bis zum Gürtel und beim dritten bis zu den Schultern.
„Halt ein! Zieh mich raus!“ schrie der Riese. „Ich will dir auch mein Schloß und alles, was ich besitze, geben. Mein Lichtschwert will ich dir geben, das jeden Gegner mit einem einzigen Streich tötet. Mein schwarzes Pferd will ich dir geben, das schneller ist als der Wind. All dies findest du in meinem Schloß.“
Sean Ruadh tötete den Riesen und ging hinauf zum Schloß. Dort sprach die Magd zu ihm: „Sei von Herzen willkommen, du hast mich aus der Gewalt des schrecklichen Riesen befreit. Komm mit mir, ich will dir all seine Schätze zeigen.“
Sie öffnete die Tür zur Kammer des Riesen und sagte: „Hier sind die Schlüssel des Schlosses. Alles ist dein.“ „Behalte sie, bis ich wiederkomme. Ich lege mich jetzt zurrt Schlafe nieder. Wecke mich bei Sonnenuntergang“, sprach Sean Ruadh und legte sich in des Riesen Bett. Er
schlief, bis die Sonne sich dem Untergang neigte. Dann weckte ihn die Magd, und er trieb des Königs Herde nach Hause. Noch nie hatten die Kühe soviel Milch gegeben wie an diesem Abend. Sie gaben soviel Milch wie sonst in einer Woche.
Sean Ruadh aber ging zum König und fragte: „Ist die schreckliche Seeschlange wieder aus dem Meere aufgetaucht?“
„Nein, noch ist meine Tochter am Leben“, antwortete der König. „Aber wer weiß, vielleicht kommt das Ungeheuer schon morgen.“
„Vielleicht kommt es auch morgen nicht, sondern erst an
einem anderen Tag“ , sprach Sean Ruadh und ging wieder in den Stall. Und der König hatte keine Ahnung, wie stark Sean Ruadh war, denn er ging barfuß, zerlumpt und abgerissen.
Am zweiten Morgen trieb Sean Ruadh des Königs Kühe auf des zweiten Riesen Land. Auch dieser kam herausgerannt mit denselben Fragen und Drohungen wie der erste, und der Kuhhirte gab die gleichen Antworten wie am Tage zuvor. Wieder fingen sie an zu kämpfen, und als der Riese bis zu den Schultern in dem harten grauen Felsen steckte, sprach er: „Wenn du mir das Leben schenkst, will ich dir mein Lichtschwert und mein rotes Pferd
eben.“
„Wo ist dein Lichtschwert?“ fagte Sean Ruadh.
„Es hängt über meinem Lager“, antwortete der Riese.
Da lief Sean Ruadh zum Schloß des Riesen, nahm das Schwert von der Wand, und laut schrillte das Schwert, als er es packte, doch er ließ es nicht los, eilte zum Riesen zurück und fragte: „Wie kann ich des Schwertes Schneide prüfen?“
„An einem Stock“, war die Antwort.
„Keinen besseren Stock seh ich als deinen Hals“, sagte Sean Ruadh und schlug dem Riesen den Kopf ab. Darauf ging er wieder in das Schloß und hing das Schwert auf. „Segen über dich, daß du den Riesen getötet.“ rief die Magd. „Komm, und ich will dir all seine Schätze zeigen.“ In diesem Schloß fand Sean Ruadh noch größere Schätze als im ersten. Wieder gab er der Magd, nachdem er alles gesehen hatte, die Schlüssel, damit sie diese für ihn aufbewahre, bis er- sie brauche. Wieder schlief er wie ans Tag zuvor. Am Abend trieb er wieder die Herde nach Hause. Der König aber sprach: „Seit du hier bist, lacht mir das Glück. Meine Kühe haben heute dreimal soviel Milch gegeben wie gestern.“
„Kam das Ungeheuer heute?“ fragte Sean Ruadh.
„Auch heute ist es nicht aus dem Meer aufgetaucht“, antwortete der König, „aber es kann sein, daß es morgen kommt.“
Ani dritten Morgen trieb Sean Ruadh des Königs Kühe aus, und er trieb sie auf das Land des dritten Riesen. Auch dieser kam sogleich herbei und kämpfte mit dem Hirten einen noch wilderen Kampf als die beiden anderen. Aber Sean Ruadh stieß den Riesen bis zu den Schultern in die grauen Steine.
Da rief der Riese: „Laß mich am Leben, und ich schenke dir mein Lichtschwert und mein weißes Pferd mit der silbernen Mähne, das schneller ist als der Gedanke des Menschen.“
Sean Ruadh aber tötete den Riesen. Auch in dessen Schloß wurde er von der Magd mit Freude und Segenswünschen empfangen. Sie zeigte ihm alle Schätze und übergab ihm die Schlüssel. Doch auch diese ließ er ihr zur Bewahrung, his er sie brauchen würde.
Am Abend gaben des Königs Kühe noch mehr Milch als zuvor.
Als der vierte Tag gekommen war, zog Sean Ruadh wieder mit der Herde aus. Er machte halt vor dem Schloß des ersten Riesen, und die Magd mußte ihm das Gewand des Riesen bringen. Dieses war tiefschwarz. Er legte es an und
war schwarz wie die Nacht, und er gürtete sich das Lichtschwert um. Dann bestieg er das schwarze Roß, das schneller war als der Wind, und zwischen Himmel und Erde dahinsausend machte er nicht eher halt, als bis er zum Meeresstrand kam. Dort sah er Hunderte und aber Hunderte von Königssöhnen, die alle den sehnlichen Wunsch hatten, des Königs Tochter zu retten. Zugleich aber hatten sie solche Angst vor dem schrecklichen Ungeheuer, daß sie sich nicht in seine Nähe trauten.
Als Sean Ruadh die Königstochter und die zitternden Ritter gesehen hatte, ritt er auf seinem schwarzen Roß zum
Schloß, und der König erblickte einen schönen Fremdling, der zwischen Himmel und Erde heranritt und vor ihm halt machte.
„Ist am Meeresufer ein Markt oder ein großes Kampfspiel ?“ fragte der Fremde.
„Hast du nicht gehört“, antwortete der König, „daß heute ein Ungeheuer, die große Seeschlange aus dem Meer auftauchen wird, um meine Tochter zu verschlingen ?“ „Nein, ich habe nichts vernommen“, sprach der Fremde, wandte sein Roß und verschwand. In kurzer Zeit war der schwarze Reiter bei der Königstochter, die allein auf einem Felsen über dem Meere saß. Wie sie den Fremden erblickte, dachte sie, er sei der schönste Mann auf Erden, und ihr Herz frohlockte.
„Hast du denn keinen, der dich retten kann fragte der Reiter.
„Nein, niemanden“, antwortete die Königstochter.
„So erlaube, daß ich mein Haupt in deinen Schoß lege, bis das Ungeheuer kommt, dann wecke mich auf.“ Er legte sein Haupt in ihren Schoß und fiel in tiefen Schlaf. Doch während er schlief, nahm die Königstochter drei Haare von seinem Haupt und barg sie an ihrem Busen. Kaum hatte sie das getan, da tauchte das Ungeheuer aus dem Meere auf. Es war groß wie eine Insel, und während es herankam, blies es das Wasser gen Himmel. Sie weckte den Fremden, und dieser sprang in die Höhe. Die große Seeschlange näherte sich der Königstochter und riß den Rachen auf, so weit wie ein Brückenbogen.
Aber schon stand der schwarze Ritter da und rief: „Diese Jungfrau gehört inir, rühre sie nicht an!“
Dann zog er sein Lichtschwert und hieb dem Ungeheuer mit einem einzigen Streich das Haupt ab. Aber siehe, das Haupt fuhr zurück an seinen Platz und wuchs wieder an. In einem Augenblick hatte der Seedrache sich umgewendet und eilte ins Meer zurück. Und im Forteilen schrie er
noch: „Morgen werde ich wiederkommen und die ganze Welt verschlingen !“
„Vielleicht“, sprach der schwarze Ritter, „wird ein anderer als ich dir hier entgegentreten.“
Sean Ruadh aber bestieg sein schwarzes Pferd und war auf und davon, ehe die Königstochter ihn hindern konnte. Und ihr Herz war traurig, als sie ihn schneller als der Wind zwischen Himmel und Erde davoneilen sah. Sean Ruadh ritt zum Schloß des ersten Riesen, brachte das Pferd in den Stall, legte Kleider und Schwert ab. Dann schlief er auf des Riesen Bett, bis die Magd ihn am Abend weckte. Und er trieb die Kühe heim wie jeden Tag. Er begegnete dem König und fragte: „Wie ist es deiner Tochter heute ergangen ?“
„Oh, das Ungeheuer stieg aus dem Meer, um sie zu holen, aber ein wunderschöner schwarzer Held kam zwischen Himmel und Erde angeritten und rettete sie.“ „Wer ist denn dieser Held gewesen?“ „Unter den Rittern sind viele, die behaupten, sie hätten sie
gerettet. Aber noch ist meine Tochter nicht in Sicherheit,
denn morgen wird der Meeresdrache wiederkommen.“ „Fürchte dich nicht, sicher kommt morgen ein anderer Ritter.“
Früh am nächsten Tag trieb Sean Ruadh des Königs Herde auf das Land des zweiten Riesen. Er machte halt vor dem Schloß, und die Magd mußte ihm das Gewand des zweiten Riesen bringen. Dieses war rot. Er legte es an und war rot wie die aufgehende Sonne. Und er gürtete sich das Lichtschwert um. Dann bestieg er das rote Roß, das schneller war als der Blitz, und zwischen Himmel und Erde dahinsausend machte er nicht eher halt, als bis er zum Meeresstrand kam, wo er wieder die Königssöhne und Ritter zittern sah. Die Königstochter aber saß allein auf dem Felsen.
Wieder ritt Sean Ruadh zum König und fragte: „Ist am Meeresufer ein Markt oder ein großes Kampfspiel?“ Und wieder erhielt er die gleiche Antwort wie am Tag zuvor. „Ist denn kein Held da, sie zu retten?“ „Ritter und Königssöhne sind genug da“, antwortete der König. „Alle versprechen, sie zu retten, und alle behaupten, sie wären sehr tapfer, doch keiner wird zu seinem Wort stehen und dem Ungeheuer entgegentreten, wenn es sich aus dem Meer erhebt.“ Ehe der König sich versah, war der Fremde verschwunden. In kurzer Zeit war der rote Reiter bei der Königstochter, die allein auf dem Felsen über dem Meer saß.
„Hast du denn keinen, der dich retten kann?“ fragte der Reiter. „Nein, niemanden.“ „So erlaube, daß ich mein Haupt in deinen Schoß lege, bis das Ungeheuer kommt, dann wecke mich auf.“ Er legte sein Haupt in ihren Schoß und fiel in tiefen Schlaf. Doch während er schlief, nahm die Königstochter die drei Haare aus ihrem Busen, verglich sie mit seinem Haar und sprach zu sich selbst: „Es ist derselbe Ritter, der gestern hier war.“
Als der Seedrache über das Wasser heranbrauste, weckte die Königstochter den Fremden. Der sprang auf und eilte zum Ufer. Noch schneller als am Tag vorher raste das Ungeheuer heran. Noch mehr Wasser warf es in die Höhe, und mit aufgerissenem Rachen kam es an Land. Wieder stellte sich Sean Ruadh in den Weg und schlug mit einem Schwertstreich das Ungeheuer in zwei Hälften. Doch die beidem Hälften schlossen sich wieder und waren eins wie zuvor.
Das Untier wandte sich zum Meer und schrie: „Alle Helden auf Erden werden die Jungfrau morgen nicht vor mir retten.“
Sean Ruadh schwang sich auf sein Pferd und ritt zurück. Fort war er und ließ die Königstochter in Verzweiflung zurück. Sie raufte sich ihr Haar und vergoß Ströme von Tränen über den Verlust des roten Ritters, des einzigen Mannes, der Mut genug besessen hatte, für sie zu kämpfen. Sean Ruadh aber zog im Schloß seine alten Kleider an und trieb die Kühe heim wie jeden Abend. Der König erzählte ihm: „Ein fremder Ritter, ganz in Rot gekleidet, hat heute meine Tochter gerettet. Doch sie weint sich die Seele aus dem Leib, weil er fort ist. Aber noch ist meine Tochter nicht in Sicherheit, denn morgen wird der Meeresdrache wiederkommen.“ „Fürchte dich nicht, denn morgen kommt sicher wieder ein anderer Ritter“, antwortete Sean Ruadh. Früh am nächsten Tag trieb Sean Ruadh die Herde auf das Land des dritten Riesen. Er machte halt vor dem Schloß, und die Magd mußte ihm das Gewand des dritten Riesen bringen. Dies war weiß mit Gold und Silber. Er legte es an und war strahlend schön wie der lichte Tag. Er gürtete sich das Lichtschwert um und bestieg das weißsilberne Pferd, das schneller ist als der Gedanke des Menschen. Als er fort reiten wollte, sprach die Magd zu ihm: „Heute wird das Ungeheuer so voller Wut sein, daß niemand es aufhalten kann. Wenn es sich aus dem Wasser heben wird, werden drei große Schwerter aus seinem Rachen kommen, und diese vermögen die ganze Welt in Stücke zu hauen und zu vernichten, wenn sie ihm zur Schlacht entgegenträte. Nur einen Weg gibt es, den Seedrachen zu überwinden. Nimm diesen roten Apfel, steck ihn an deinen Busen, und wenn das Untier vom Meer gegen dich anstürmt, dann wirf ihm den Apfel in den offenen Rachen, und du wirst sehen, der große Drache wird sich auflösen und auseinander fließen und auf dem Strand sterben.“ Sean Ruadh flog auf seinem weißsilbernen Roß zwischen Himmel und Erde dahin, dreimal so schnell wie am Tage zuvor. Wieder sah er die Jungfrau allein auf dein Felsen sitzen. Wieder sah er die zitternden Königssöhne und Ritter in der Ferne warten, um alles mit anzuschauen, was geschehen würde. Sean Ruadh ritt wieder zum König und fragte: „Ist am Meeresufer ein Markt oder ein großes Kampfspiel?“ Und wieder erhielt er die gleiche Antwort wie am Tage zuvor. Ehe der König sich versah, war der Freinde verschwunden.
In kurzer Zeit war der weiße Ritter bei der Königstochter. „Hast du denn keinen, der dich retten kann?“ „Nein, niemanden.“
„So erlaube, daß ich mein Haupt in deinen Schoß lege, bis das Ungeheuer kommt, dann wecke mich auf.“ Er legte sein Haupt wieder in ihren Schoß und fiel in tiefen Schlaf. Doch während er schlief, verglich die Königstochter die drei Haare mit seinem Haar und sprach wieder „Es ist derselbe Ritter, der mich schon zweimal gerettet hat.“
Als der Seedrache kam, weckte die Königstochter den Fremden. Der sprang auf die Füße und lief zum Meeresufer. Furchtbar war das Untier anzuschauen. Es war von ungeheurer Größe und hatte ein Maul so riesig, daß es die ganze Welt hätte verschlingen können, und aus dem Maul kamen drei scharfe Schwerter hervor. Mit wildem Brüllen
stürzte sich das Untier Sean Ruadh entgegen. Aber dieser schleuderte ihm den roten Apfel in den Rachen. Da fiel das Untier am Strande nieder, löste sich auf und floß auseinander.
Sean Ruadh sprach zur Königstochter: „Dieser Drache wird niemals mehr Unheil anrichten.“ Die Königstochter lief zu ihm hin und wollte ihn festhalten. Aber er saß schon auf dein weißsilbernen Roß und war auf und davon, zwischen Himmel und Erde dahinreitend, ehe sie ihn hindern konnte. Sie hatte jedoch einen seiner Stiefel aus purem Silber so fest umklammert, daß Sean Ruadh ihn in ihrer Hand zurücklassen mußte.
Als er an diesem Abend die Kühe heim trieb, kam der König aus dem Schloß, und Sean Ruadh fragte: „Was gibt es Neues von dem Seedrachen?“
„Oh“, sprach der König, „ich habe nichts wie Glück, seit du gekommen bist. Ein Ritter, schön wie der lichte Tag auf einem weißsilbernen Roß, zwischen Himmel und Erde dahinreitend, hat heute das Ungeheuer vernichtet. Meine Tochter ist für alle Zeiten vor ihm sicher. Doch sie ist in großer Trauer und weint bittere Tränen, weil ihr Retter verschwunden ist.“
Am Abend dieses Tages gab es ein Fest in dem Königsschloß, wie es noch nie eins gegeben hatte. In den Hallen ergingen sich die vielen Königssöhne und Rittet‘, und Jeder von ihnen prahlte: „Ich bin der, der die Königstochter errettet hat.“
Der König aber sandte nach dem alten blinden Weisen und fragte, was er tun sollte, uni den Mann zu finden, der seine Tochter wirklich errettet habe.
Da sprach der alte Weise: „Laß Botschaft ergehen an alle Welt, daß der Mann, an dessen Fuß der silberne Stiefel paßt, der Held sei, der den Drachen vernichtet habe, und daß du ihm deine Tochter zur Frau geben wolltest.“ Da ließ der König Botschaft und Kunde ausgehen durch alle Lande, jeder Mann solle kommen und den Stiefel zur Probe anlegen. Aber er war zu groß für die einen und zu klein für die andern.
Da sich nun keiner gefunden hatte, dem der Stiefel gepaßt hätte, sprach der alte blinde Weise: „Nun haben alle versucht, den Stiefel anzuziehen, nur der Kuhhirte nicht.“ „Ach, der ist ja immer mit den Kühen unterwegs“, sagte der König, „den brauchen wir nicht zu fragen.“
„Schicke trotzdem zwanzig Mann aus“, sprach der alte Weise, „und laß den Kuhhirten holen.“ Da sandte der König zwanzig Mann aus, und die fanden
den Hirten im Schatten einer Mauer schlafend. Da machten sie sich daran, ein Heuseil zu drehen, um ihn zu binden. Aber er erwachte und hatte zwanzig Seile gedreht, bevor sie eines fertig hatten. Dann band er die zwanzig zu einem Bündel zusammen und hing das Bündel an der Mauer auf. Im Schloß warteten sie lange Zeit. Als die zwanzig mit dem Kuhhirten noch immer nicht kamen, da sandte der König schließlich zwanzig weitere aus, um zu sehen, warum es so lange dauere. Als sie den Kuhhirten gefunden hatten, begannen auch diese ein Heuseil zu drehen. Doch es erging ihnen wie den andern. Auch sie wurden in ein Bündel zusammengebunden und zu den andern zwanzig gehängt.
Als nun weder die einen noch die andern heimkamen, sprach der alte blinde Weise zum König: „Geh jetzt nur selbst. Wirf dich vor dem Kuhhirten auf die Knie, denn er hat je zwanzig Mann in zwei Bündel aneinandergebunden.“
Da ging der König auf die Weide und warf sich vor dem Kuhhirten nieder.
Der hob ihn sogleich auf und fragte: „Was soll das bedeuten ?“
„Komm mit und lege den silbernen Stiefel an!“
„Wie kann ich mitgehen, wenn ich hier meine Arbeit zu tun habe?“
„Oh, das soll dich nicht hindern, du kommst bald genug zurück, um deine Arbeit fertig zu machen.“ Sean Ruadh band die vierzig Mann los und ging mit dem König. Als er zum Schloß kam, sah er des Königs Tochter in ihrer Kammer im Turm am Fenster sitzen, und der silberne Stiefel stand auf der Fensterbank vor ihr. Im selben Augenblick sprang der Stiefel durch die Luft und legte sich von selbst an seinen Fuß. Die Königstochter aber lief die Treppen hinunter und umarmte und küßte ihn. Der ganze Platz aber stand voller Königssöhne und Ritter. „Was wollen diese Männer hier?“ fragte Sean Ruadh.
„Sie haben versucht, den Stiefel anzuziehen, und hofften, daß er passe.“
„Macht euch hinweg, ihr Feiglinge, ihr Prahler“, rief Sean Ruadh, „damit mein Zorn nicht über euch komme.“
Da stoben sie in alle Winde davon. Der König aber sandte Boten an alle Könige und Königinnen, auch an Diarmuid, den Sohn des obersten Herrschers des Lichts. Sie sollten zur Hochzeit seiner Tochter mit Sean Ruadh kommen. Nach der Hochzeit ging Sean Ruadh mit seiner Frau in das Königreich der Riesen und lebte da und ließ seinen Schwiegervater König in seinem eigenen Land bleiben.
[Märchen aus Irland]

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