{"id":817,"date":"2007-04-27T21:46:28","date_gmt":"2007-04-27T21:46:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.drachenserver.de\/wordpress\/?p=817"},"modified":"2007-04-27T21:46:28","modified_gmt":"2007-04-27T21:46:28","slug":"aufenthalt-im-wasserreich-ciruelo-cabral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.drachenserver.de\/wordpress\/2007\/04\/aufenthalt-im-wasserreich-ciruelo-cabral\/","title":{"rendered":"Aufenthalt im Wasserreich (Ciruelo Cabral)"},"content":{"rendered":"<p>Durch Weing&auml;rten und Olivenhaine im S&uuml;den Frankreichs, vorbei an den bernsteinfarbenen Schl&ouml;ssern der Herren der Provence und an den rotgedeckten H&auml;usern ihrer Untertanen entlang, floss die Rhone. Der stetige Strom ihres Wassers verriet nicht, dass sie Drachen beherbergte. Einer jedoch hauste in ihren Tiefen: Nahe der Stadt Beaucaire, wo die Rhone in Biegungen dem Meer zustrebte, war die Lagerstatt des Drac verborgen, eines riesigen, uralten Wesens; er verstand sich auf Zauberei, die er f&uuml;r seine eigenen blutigen Zwecke einsetzte.<br \/>\n<br \/>Der Drac besa&szlig; eine Vorliebe f&uuml;r Menschenfleisch und machte sich ein Vergn&uuml;gen daraus, Sterbliche zu jagen. Von Zeit zu Zeit verlie&szlig; er den Fluss und begab sich zum Marktplatz von Beaucaire, wo er, f&uuml;r die gesch&auml;ftigen Stadtbewohner unsichtbar, im Schatten der Platanen herumstrich, ein wachsamer Schatten zwischen K&ouml;rben voller Fische und Bergen von Obst. Mit kalten, blassen Augen beobachtete der Drache die Hausfrauen, die mit den H&auml;ndlern schwatzten; mit gekr&uuml;mmten Klauen schnappte er sich dann geschwind ein unbeaufsichtigtes Kind.<br \/>\n<br \/>Zum Zeitvertreib lockte der Drac manchmal auch Menschen in seinen Fluss. Einmal tat er dies zu einem seltsamen Zweck, und das geschah so:<br \/>\n<br \/>An einem Sommernachmittag, als die Sonne unbarmherzig auf Stadt und Felder niederbrannte, ging eine junge Frau aus der Stadt zum Fluss, um die Kleider ihres Kindes zu waschen. Wie sie so ihrer Arbeit nachging, blickte die Frau &uuml;ber das glitzernde Wasser &#8211; und dann machte sie gro&szlig;e Augen. Auf dem Wasser, nicht weit vom Ufer, schwamm ein goldener Becher. In dem prachtvollen Gef&auml;&szlig; schimmerte eine Perle.<br \/>\n<br \/>Ohne zu &uuml;berlegen nahm sie den K&ouml;der an. Sie streckte die Hand nach dem h&uuml;bschen Zierat aus, der Becher aber glitt au&szlig;er Reichweite und glitzerte verf&uuml;hrerisch im Sonnenlicht. Die Frau versuchte ihn abermals zu greifen; sie beugte sich &uuml;ber den Uferrand und verlor dabei das Gleichgewicht. Als sie fiel, griff eine Klaue nach ihr; wie eine Fessel schloss sie sich fest um die Taille der jungen Frau. Sie st&ouml;hnte und zappelte, aber gegen den Griff war sie machtlos. Sie f&uuml;hlte, wie sie nach unten gezogen wurde. W&auml;hrend ihre R&ouml;cke sich mit Wasser vollsogen, warf sie einen letzten, verzweifelten Blick zum Ufer &#8211; sie sah, wie kleine Kleidungsst&uuml;cke auf dem Gras am Fluss trockneten und das Kind, ganz allein, dasa&szlig; und wimmerte. Dann schlugen die Wasser der Rhone &uuml;ber ihrem Kopf zusammen.<br \/>\n<br \/>Unerbittlich wurde sie in die kalten Tiefen des Flusses hinabgezogen, bis sie nichts wahrnahm als nasse Schw&auml;rze, durchbrochen von winzigen Lichtern, strahlend und glitzernd wie die Sterne am n&auml;chtlichen Himmel. Sie wurde ohnm&auml;chtig.<br \/>\n<br \/>Als sie die Augen wieder aufschlug, befand sie sich in einer kristallenen H&ouml;hle. Vor den durchsichtigen W&auml;nden wogten Wasserpflanzen, als wehe ein Landwind dar&uuml;ber hin. Fische schnellten vorbei. Neben ihr lag der goldene Becher, der sie verlockt hatte, und die Perle, die darin war. Und dann sah sie, wer sie gefangen genommen hatte. Riesenhaft und schimmernd hockte der Drache reglos neben dem Becher und betrachtete sie. Von seinem gr&uuml;nen, starren Blick gebannt, stand die Frau auf, und w&auml;hrend sie dies tat, verblasste die Erinnerung an ihr Leben: Ihr kleiner Sohn, ihr Mann, ihr Haus im sonnigen Beaucaire, die Felder und Olivenhaine und die Stadt, das alles wurde zu winzigen Bildern, zu Miniaturen, an die sie sich undeutlich erinnerte, wie an Tr&auml;ume. Nur die Worte des Drachen ert&ouml;nten in ihrem Kopf. Der Drac sprach mit einer Stimme, die wie ein Gong wiederhallte, und die Sterbliche gehorchte. Der Drache hatte der Frau aufgelauert, weil sie jung und gesund war &#8211; und weil sie ihren Sohn stillte. Der Drache brauchte Menschenmilch, um sein eigenes Gez&uuml;cht, ein schwaches Drachenjunges, zu n&auml;hren. So wurde die junge Frau, in einem Zaubergespinst gefangen, die Sklavin des Drac und die Amme eines Drachen. Die Tage vergingen friedlich, und f&uuml;r die menschliche Gefangene in dem tr&uuml;ben Zwielicht der kristallenen H&ouml;hle unter dem Fluss war ein Tag wie der andere. Eingelullt von der Bewegung des Wassers drau&szlig;en und vom Bann des Drachen, lebte sie wie in Trance. Sie s&auml;ugte das Gez&uuml;cht des Drac und hegte es, als sei es ihr eigener Sohn. Sie schlief, wann es der Drache gebot, und a&szlig;, was er ihr gab. Sie beobachtete die Bewegungen des Wassers durch die durchscheinenden W&auml;nde der H&ouml;hle, und mit der Zeit wurden ihr die Lebewesen der Rhone &#8211; der gr&uuml;n-gold gestreifte Hecht, der schl&auml;ngelnde Aal, die flinke Forelle &#8211; vertraut wie einst die Bewohner von Beaucaire. Mit jedem Tag wurde ihr die Wasserwelt, die sie umgab,verst&auml;ndlicher und bekannter, als seien die Steine und Wasserpflanzen die Felder und W&auml;lder ihrer vergessenen Heimat.<br \/>\n<br \/>Ihre Sehkraft erhielt sie vom Zauber des Drachen, aber das wusste sie nicht. Jeden Abend rieb sie, wie ihr befohlen war, die Augen des Drachenjungen mit einer Salbe ein, die der Drac ihr gab. Die Salbe verlieh dem Kleinen den durchdringenden Drachenblick, und immer wenn die Frau sich ein Auge rieb, blieb etwas von der Salbe dort h&auml;ngen, sodass sie ein wenig von der Zauberkraft des Gesch&ouml;pfes empfing.<br \/>\n<br \/>Sieben Jahre vergingen. Das Junge wurde gro&szlig; und stark, und es kam der Tag, an dem der Drac keine Verwendung mehr f&uuml;r seine Gefangene hatte. Er t&ouml;tete sie nicht, was er durchaus h&auml;tte tun k&ouml;nnen; aber sie hatte seinen Nachkommen gen&auml;hrt, und deshalb lie&szlig; er sie frei. Er belegte sie mit einem Bann des Vergessens und versenkte sie in Schlaf, bevor er sie durch den Fluss ans Tageslicht trug.<br \/>\n<br \/>Die Frau wachte am Ufer in der N&auml;he ihres Hauses auf. Ein wenig verwirrt sah sie sich um, denn sie erinnerte sich an einen hei&szlig;en, sonnigen Tag, als sie ihre W&auml;sche gewaschen und mit ihrem Kind gelacht hatte, das im Gras spielte. Jetzt aber war die Sonne untergegangen, und eines nach dem anderen flammten die Lichter der Stadt auf. Weder die W&auml;sche auf dem Rasen noch ihr Kind waren irgendwo zu sehen. Sie eilte &uuml;ber die Felder und durch die Stra&szlig;en der Stadt.<br \/>\n<br \/>Die T&uuml;r ihres Hauses stand offen, um die Abendk&uuml;hle hereinzulassen, und die Frau ging hinein. Zwei Gesichter wandten sich ihr zu &#8211; das eines b&auml;rtigen Mannes und eines Knaben, der ihrem Mann glich, als dieser jung gewesen war. Einen Moment starrten sie sich gegenseitig an. Dann sprang der Mann mit einem gellenden Schrei auf. W&auml;hrend der Knabe mit geweiteten Augen zusah, umarmte der Mann die Frau. Er war ihr Ehemann, der sie ertrunken geglaubt und getreu sieben Jahre betrauert hatte. Er &uuml;bersch&uuml;ttete sie mit Fragen, aber sie konnte keine Antwort geben, denn sie besa&szlig; keine Erinnerung an die Welt des Drachen. Der Knabe war ihr Sohn, aber er sprach nicht mit der bleichen, zerlumpten Fremden, ihre Schweigsamkeit schreckte ihn. Aber die Liebe des Vaters zu seiner Frau war so stark und seine Freude &uuml;ber ihre Wiederkehr so gro&szlig;, dass der Knabe die Fremde allm&auml;hlich als Mutter annahm. Und in den Wochen ihrer r&auml;tselhaften Wiederkehr gew&ouml;hnten sich auch die Nachbarn an sie. Ihre siebenj&auml;hrige Abwesenheit blieb ihnen ein Geheimnis, und ihre Reden schreckten sie zuweilen. Sie tr&auml;umte von Drachen, erz&auml;hlte sie oft. Doch ihre Nachbarn waren liebensw&uuml;rdige Menschen und lie&szlig;en die Frau gew&auml;hren. Sie nahm ihr fr&uuml;heres geordnetes, friedliches Leben wieder auf, kochte und sorgte f&uuml;r den Mann und den Knaben und arbeitete mit den Leuten auf den Feldern. So h&auml;tte sie fortleben k&ouml;nnen, w&auml;re nicht der Drachenblick gewesen. Eines Tages ging sie wie gewohnt auf den Markt, und dort, zwischen den Gem&uuml;severk&auml;ufern und Fischh&auml;ndlern, sah sie den Drac. Schuppig und schimmernd ragte er &uuml;ber den Stadtleuten auf. Sein Haupt reichte fast bis zu den Dachfirsten hinauf, und seine Augen schillerten gr&uuml;n, aber die gesch&auml;ftigen H&auml;ndler und ihre Kunden gingen nichtsahnend ihren Gesch&auml;ften nach. Nur die Frau sah ihn. Als sie aufschrie, blickte er sie scharf an. &quot;Siehst du mich, Sterbliche?&quot;, fragte eine Stimme in ihrem Kopf.<br \/>\n<br \/>&quot;Ich sehe dich, Drache&quot;, sagte sie laut, und in diesem Augenblick fielen ihr die ganzen verlorenen sieben Jahre wieder ein. Sie stand regungslos, als die Drachenklaue sich senkte und ihr das linke Auge zuhielt.<br \/>\n<br \/>&quot;Siehst du mich jetzt?&quot;, sagte die Drachenstimme. Sie sah ihn noch. Die Klaue wanderte zu ihrem rechten Auge,und wo der Drache gestanden hatte, sah sie nur den Marktplatz und ihre Mitmenschen. Folgsam sagte sie dem Drachen, dass sie ihn nicht mehr sehe. Sogleich durchfuhr ein blendender Schmerz ihren Kopf. Die Klaue hatte das Auge entfernt, das den Drachenblick besa&szlig;.<br \/>\n<br \/>Halbblind lebte die Frau noch viele Jahre, und wieder und wieder erz&auml;hlte sie ihre Drachengeschichte. Die Leute hielten sie f&uuml;r verr&uuml;ckt und schlugen ihre traurigen Warnungen in den Wind. So verschwanden Jahr f&uuml;r Jahr Kinder vom Marktplatz von Beaucaire und niemand wu&szlig;te warum.<\/p>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch Weing&auml;rten und Olivenhaine im S&uuml;den Frankreichs, vorbei an den bernsteinfarbenen Schl&ouml;ssern der Herren der Provence und an den rotgedeckten H&auml;usern ihrer Untertanen entlang, floss die Rhone. Der stetige Strom ihres Wassers verriet nicht, dass sie Drachen beherbergte. 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