{"id":42,"date":"2002-11-15T20:45:00","date_gmt":"2002-11-15T20:45:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.drachenserver.de\/wordpress\/?p=42"},"modified":"2011-04-07T09:40:49","modified_gmt":"2011-04-07T08:40:49","slug":"leseprobe-feueratem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.drachenserver.de\/wordpress\/2002\/11\/leseprobe-feueratem\/","title":{"rendered":"Leseprobe Feueratem"},"content":{"rendered":"<p>Michael Nagula<br \/>Feueratem<\/p>\n<p>Einf\u00fchrung<\/p>\n<p>Das wilde Drachenleben<br \/>Der Drache ist ein eigenartiges Gesch\u00f6pf. Er ist uns allen vertraut, aber jeder stellt ihn sich anders vor, mit oder ohne Schwingen, auf zwei oder vier Beinen, manchmal ohne Beine, dann wieder mit Vogelklauen oder L\u00f6wentatzen, im Federkleid, mit Schuppen, als Meerunget\u00fcm. Wir wissen nicht recht, was es mit ihm auf sich hat. Gelten doch Drachen als reine Ausgeburten der Phantasie. Selbst wenn es heute Wesen gibt, die wir als Nachfahren von Drachen empfinden -, Warane, Leguane und Alligatoren, Segelechsen, Cham\u00e4leons und Moloche &#8211; sp\u00e4testens wenn wir sie uns riesig und Flammen speiend vorstellen, machen sie uns Angst.<\/p>\n<p>In seinem Buch Die Drachen von Eden stellt Carl Sagan fest, dass der Mensch das Tier mit der im Verh\u00e4ltnis zu seinem K\u00f6rpergewicht gr\u00f6\u00dften Gehirnmasse ist. \u00dcberhaupt sind die Gehirne von S\u00e4ugetieren zehn bis hundert Mal gr\u00f6\u00dfer als die Gehirne heutiger Reptilien vergleichbarer Gr\u00f6\u00dfe. Sagan spekuliert, ob der systematische Unterschied von Gehirnmasse zu K\u00f6rpergewicht nicht das Ergebnis einer planm\u00e4\u00dfigen Ausrottung kluger Reptilien durch r\u00e4uberische S\u00e4ugetiere sein k\u00f6nnte. Und mit Blick auf die Mythen des westlichen Kulturkreises, in denen der Kampf gegen den Drachen ein Kampf gegen das B\u00f6se ist, stellt er die Frage: Wenn wir uns vor den Drachen f\u00fcrchten, f\u00fcrchten wir uns da vor einem Teil unserer selbst?<\/p>\n<p>Unsere westliche Kultur ist st\u00e4rker, als uns allen bewusst ist, von der Institution des Christentums gepr\u00e4gt, und so nimmt es nicht wunder, dass der heilige Georg vom R\u00fccken seines Schimmels aus den Drachen bek\u00e4mpft. H\u00e4ufig wird in der Bibel auf Drachen Bezug genommen, als Feind des Menschen und als Feind Gottes. Am ehesten sind uns deshalb jene Drachenlegenden vertraut, die den gleichen Tenor haben: Der skandinavische Donnergott Thor t\u00f6tet am Tag der Letzten Schlacht, Ragnar\u00f6k, die weltumschlingende Midgardschlange Jormungander und findet dabei selber den Tod. Siegfried erlegt im Nibelungenlied den Drachen Fafnir und wird durch das Bad im Blut des erlegten Ungeheuers fast unverwundbar, bevor seine einzige verwundbare Stelle ihm den Tod bringt. Beowulf besiegt erst den Drachen Grendel und dessen Mutter, bevor er im Kampf gegen einen dritten Drachen t\u00f6dlich verwundet wird. Jedes Mal steht am Ende himmelst\u00fcrmender Energieaufwendungen der bodenlose Fall.<\/p>\n<p>Ganz anders hingegen die Rolle des Drachen in Asien. Das chinesische I Ging &#8211; Das Buch der Wandlungen &#8211; spricht von \u00bbDrachen\u00ab, die symbolisch f\u00fcr Kr\u00e4fte stehen, die nicht nur \u00fcberall auf der Erdoberfl\u00e4che wirken, sondern sich auch im Weltinneren und im Himmel finden. Sie symbolisieren eine innewohnende Kraft, die \u00fcber Raum und Zeit hinausgeht. Den meisten Asiaten ist das bewusst. Aus diesem Grund wird die chinesische Thronbesteigung des Kaisers \u00bbDrachenflug\u00ab genannt, und deshalb nennt sich das chinesische Volk \u00bbKinder des Drachen\u00ab. Das koreanische Nationalepos, das die Geschichte von sechs Stammv\u00e4tern schildert, die aus dem Osten \u00fcbers Meer, also aus China, kommen und Drachen genannt werden, hei\u00dft Ges\u00e4nge der Drachen. Wie sehr in Asien der Drache positiv besetzt ist, zeigt auch das tibetische Yoga. Dabei wird eine Urenergie erweckt, die sich die Wirbels\u00e4ule hinauf entrollt und den gesamten K\u00f6rper mit einem Gitternetz lebensspendender Kraft umschlingt: Kundalini. Ein anderer Name f\u00fcr diese Energie ist \u00bbSchlangenfeuer\u00ab.<\/p>\n<p>Auch in unseren Gefilden wurde &#8211; jenseits christlicher Wandlungen &#8211; der Mythos vom Drachen stets als ein Mythos innerer Kr\u00e4fte aufgefasst. Douglas Monroe, ein Experte f\u00fcr keltische Mythen, schildert, \u00bbdass die Druiden das gesamte Energiesystem der Erde als eine Manifestation des Drachen ansahen und die magnetischen Str\u00f6me, die kreuz und quer \u00fcber die Erdoberfl\u00e4che verlaufen, Drachenlinien nannten\u00ab. An den Knotenpunkten der Gitterstr\u00f6me rollen diese Linien, auch Leylinien genannt, sich zusammen und winden sich an die Oberfl\u00e4che &#8211; etwa in Glastonbury und auf der Isle of Wight. An diesen Stellen, die eine starke \u00bbDrachenenergie\u00ab aufweisen, errichteten die Druiden gern stehende Steine oder astronomische Anlagen wie Stonehenge. Die Kelten sahen also die gesamte Erde als K\u00f6rper des Drachen an.<\/p>\n<p>Um sich geborgen zu f\u00fchlen, brauchte der Mensch schon immer den Glauben an eine Kraft, die durch ihn flie\u00dft und deren Bestandteil er ist, eine Kraft, durch die er wirken und sich entfalten kann. In weniger magischen Zeiten wurde sie zu einer Energie au\u00dferhalb seiner selbst, die im Osten als hilfreich und weise, im Westen eher als bedrohlich aufgefasst wurde. Und seit unvordenklichen Zeiten leben die jeweils Herrschenden hier wie dort in der Angst vor einer R\u00fcckf\u00fchrung der \u00e4u\u00dferen in eine innere Kraft, vor der R\u00fcckbesinnung auf eigene St\u00e4rke &#8211; der Drache wurde besonders im Westen zu einer b\u00f6sartigen, egozentrischen und ungeselligen Gestalt stilisiert, die zwar so stark ist, dass man unverwundbar wird, wenn man in ihrem Blut badet, die aber allein schon durch ihr Aufbegehren zwangsl\u00e4ufig dem Untergang geweiht ist. Man k\u00f6nnte im westlichen Kulturkreis fast von einer \u00bbUnterdr\u00fcckung\u00ab des Drachen sprechen.<\/p>\n<p>Der einstige US-Diplomat Wayne S. Peterson schreibt in seinem Buch Hinter den Kulissen wird die Welt ver\u00e4ndert: \u00bbMythen sind der Klebstoff, der die Leute in einer kulturellen Einheit zusammenh\u00e4lt. Sie sind die st\u00fctzenden Pfeiler jeder Zivilisation und sorgen f\u00fcr moralische Ordnung, f\u00fcr Zusammenhalt und sch\u00f6pferische Kr\u00e4fte.\u00ab Das trifft auf jede Gesellschaft zu und ist durchaus wertneutral. Es sagt nichts \u00fcber den Charakter des jeweiligen Mythos aus. Der Mythos vom Drachen symbolisiert Macht und Selbstbestimmung. Im Westen ist dieses Gesch\u00f6pf devot und heimt\u00fcckisch geworden, eine kriecherische Schlange, die durch ihren schlechten Rat den Menschen immer wieder aus seinem verhei\u00dfenen Paradies vertreibt. Es hortet Sch\u00e4tze und frisst Jungfrauen. Im Osten hingegen gibt es unz\u00e4hlige Feste, bei denen der Drache hoch erhobenen Hauptes durch die Stra\u00dfen getragen wird. Seine Weisheit wird dort zu Liebe. Aber die Grenze zwischen westlichen und \u00f6stlichen Auffassungen scheint zusehends zu verschwimmen. Der gute Drache hat schon Einzug in Europa und Amerika gehalten.<\/p>\n<p>Wie breit das Spektrum der Vorstellungskraft in Bezug auf Drachen auch in hiesigen Landen ist, zeigt das vorliegende Lesebuch. Feueratem versammelt f\u00fcnfundzwanzig Erz\u00e4hlungen &#8211; m\u00e4rchenhafte, poetische, ultraspannende und humorvolle Beitr\u00e4ge von einigen der besten deutschsprachigen AutorInnen fantastischer Literatur, erg\u00e4nzt um solche aus dem englischen Sprachraum von Personen, deren Romane zu H\u00f6hepunkten der Buchreihe \u00bbExcalibur\u00ab geworden sind. Neue und alte Auffassungen werden erkundet, auf dieser und auf fremden Welten. Neben historischen Erz\u00e4hlungen steht reine Fantasy, und zu gelegentlicher Science-Fiction gesellen sich Erz\u00e4hlungen, die Realit\u00e4t mit einem Hauch Magie versehen. Fast allen Beitr\u00e4gen ist gemeinsam, dass sie eigens f\u00fcr dieses Buch geschrieben wurden &#8211; und mit wie viel Lust und Freude am Thema, davon zeugt jede einzelne dieser Geschichten!<\/p>\n<p>Aber jetzt w\u00fcnsche ich Ihnen viel Spa\u00df beim Schm\u00f6kern. Glauben Sie mir: Das Lesebuch Feueratem ist allein f\u00fcr Sie entstanden! Und nach der Lekt\u00fcre wird Ihnen vielleicht deutlicher denn je sein: Drachen sind urspr\u00fcngliche, zeitlose und gescheite Gesch\u00f6pfe, wild und ungeb\u00e4rdig, aber auch voller Sanftmut und Liebe &#8211; wie das Leben.<\/p>\n<p>Drachen sind pure Lebensenergie!<br \/>Michael Nagula<br \/>Hanau, im Juli 2002<\/p>\n<p>Tanja Kinkel<\/p>\n<p>Feueratem<br \/>Teres hatte Drachen schon immer gehasst. Zumindest konnte sie sich nicht an eine Zeit erinnern, in der sie anders gef\u00fchlt h\u00e4tte. Drachen waren f\u00fcr ihre Eltern und den gesamten Clan immer wichtiger gewesen als Teres oder eines ihrer j\u00fcngeren Geschwister. Was die \u00e4lteren Br\u00fcder und Schwestern anging, so gaben sie Drachen ebenfalls den Vorzug. Als Teres mit vier Jahren st\u00fcrzte, sich einen Zahn ausschlug und glaubte verbluten zu m\u00fcssen, dauerte es zwei Stunden, bis sich jemand um sie k\u00fcmmerte, weil der Drache gerade von dem Dreck befreit werden musste, der sich zwischen seinen Schuppen gesammelt hatte.<\/p>\n<p>Mit dem Beginn ihres siebten Lebensjahres wurde es schlimmer, denn nun erwartete der Clan von ihr, dass sie sich selbst an der Pflege des Drachen beteiligte. \u00bbWas kann ich denn schon f\u00fcr ihn tun? Er ist doch so riesig!\u00ab, beschwerte sie sich und wurde belehrt, gerade der Umstand, dass sie klein genug sei, um sich noch zwischen zwei Klauen des Drachen klemmen zu k\u00f6nnen, sei ein Vorzug. \u00bbIm \u00dcbrigen bist du eine Dekapa, und je fr\u00fcher sich der Drache an dich gew\u00f6hnt, desto besser\u00ab, schloss ihr Vater und schickte sie mit ihren \u00e4lteren Geschwistern in die H\u00f6hle des Drachen.<\/p>\n<p>Dem Clan Dekapa anzugeh\u00f6ren bedeutete, sich um Drachen k\u00fcmmern zu m\u00fcssen, das war der Glaubensgrundsatz, der ihnen morgens, mittags und abends gepredigt wurde. Ehe sie verstand, warum dies so war, ehe sie ahnte, dass es f\u00fcr andere Menschen nicht selbstverst\u00e4ndlich war, sich Drachen \u00fcberhaupt zu n\u00e4hern, wusste sie bereits, dass sie sich eines Tages diesem Grundsatz nicht mehr beugen w\u00fcrde. Wenn sie erst alt genug war. Vorerst blieb ihr nichts anderes \u00fcbrig, als die H\u00f6hle des Drachen zu betreten, auf seinem warmen Leib herumzuklettern und das Moos und Gezweig zwischen seinen Schuppen zu entfernen.<\/p>\n<p>Der Drache stank nicht, obwohl sie das bef\u00fcrchtet hatte, ehe sie ihn zum ersten Mal sah. Er roch ein wenig wie die Asche der Kaminfeuer, die ihre Zimmer auf der Burg erw\u00e4rmten. Aber verglichen mit den anderen Tieren, die sie kannte und deren Fell nach einem Regen einen so scharfen Geruch ausstr\u00f6mte, dass man die Luft anhielt, nahm man ihn kaum wahr. \u00bbDas liegt daran, dass er kein Fell hat, sondern Schuppen, Dummkopf\u00ab, sagte ihre \u00e4ltere Schwester Evala, als sie es erw\u00e4hnte, als ob Teres das nicht w\u00fcsste und sich an den Schuppen, die an ihren spitzen Enden scharf wie Messer sein konnten, mehr als einmal die H\u00e4nde zerschnitten h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Der Drache atmete auch kaum. Anfangs dachte Teres, er atmete \u00fcberhaupt nie, aber mit der Zeit fiel ihr auf, dass sich der Staub um seine N\u00fcstern w\u00e4hrend der Zeit, in der sie und die anderen mit seiner Pflege besch\u00e4ftigt waren, schwarz f\u00e4rbte. \u00bbEr ist sehr vorsichtig, wenn Menschen um ihn sind\u00ab, erkl\u00e4rte ihre Mutter. \u00bbWirklich ein- und ausatmen kann er nur w\u00e4hrend des Fliegens, weil die oberen L\u00fcfte so kalt sind, dass sein Atem dort nicht gleich zu Feuer wird, wenn er es nicht will.\u00ab<\/p>\n<p>Dass der Drache auch sprechen konnte, wusste sie, weil es die Mitglieder des Clans gelegentlich erw\u00e4hnten, doch ihre ganze Kindheit lang h\u00f6rte sie seine Stimme kein einziges Mal. Er hielt sie offensichtlich nicht f\u00fcr w\u00fcrdig, das Wort an sie zu richten, und das steigerte ihren Groll.<\/p>\n<p>Teres war vierzehn und stand kurz vor ihrem f\u00fcnfzehnten Geburtstag, als sie ihrem Gef\u00fchl f\u00fcr den Drachen endlich Luft machte. Inzwischen wusste sie, warum der Drache f\u00fcr ihre Familie so wichtig war. Jeder einzelne der gro\u00dfen Clans verf\u00fcgte \u00fcber einen besonderen Zauber, etwas, das den anderen Clans, die miteinander um die Herrschaft in Erised rangen, fehlte. Die Gabe des Clans Dekapa, so hie\u00df es, lag in dem B\u00fcndnis mit den Drachen. Wenn man Teres gefragt h\u00e4tte, was niemand tat, so h\u00e4tte sie vorgeschlagen, sich ein wenig mehr um die anderen Clans und etwas weniger um den Drachen zu k\u00fcmmern. Sie verstand nicht, warum die gro\u00dfen Clans sich nicht einigen und miteinander Frieden schlie\u00dfen konnten. Einmal \u00e4u\u00dferte sie diesen Gedanken im Gespr\u00e4ch mit einem ihrer Br\u00fcder auf dem Flussmarkt; er nannte sie ein t\u00f6richtes kleines M\u00e4dchen. Doch es dauerte keine Woche, und Sani aus dem Clan Soschun richtete es ein, ihr auf dem gleichen Flussmarkt zu begegnen.<\/p>\n<p>Sani war der erste Junge, in den sie sich verliebte, und lange glaubte sie, dass sich ihre erste Begegnung zuf\u00e4llig ereignet hatte. Schlie\u00dflich waren die Flussm\u00e4rkte einer der wenigen Orte, deren Unverletzbarkeit von allen Clans respektiert wurde, und das machte es so reizvoll, sie zu besuchen. Sie w\u00e4re nie auf den Gedanken gekommen, Sani k\u00f6nne aus einem anderen Grund gekommen sein als dem, den er ihr sp\u00e4ter nannte; um besseres Angelzeug zu erwerben, in dem er sich so verhedderte, dass er aus seinem in ihr Boot stolperte. Sie war jung.<\/p>\n<p>In ihrer Verliebtheit zweifelte sie nicht daran, dass Sani und sie dazu bestimmt waren, Frieden zwischen ihren Clans zu stiften. Von dem Clan Soschun sprach man in ihrer Familie nur mit gerunzelter Stirn und gesenkter Stimme, doch das lag daran, dachte Teres, dass kein Mitglied des Clans Dekapa Sani kannte, Sani, dessen hohe Gestalt, blaue Augen und fedriges Haar den Inbegriff aller Vollkommenheit darstellten. Ohne Gewissensbisse traf sie sich hinter aller R\u00fccken mit Sani am Fluss zwischen den Territorien und schwelgte in idyllischen Zukunftsvorstellungen, bis er die Frage stellte, die sie wieder auf den Erdboden zur\u00fcckholte.<br \/>\u00bbWas f\u00fcr ein Zauber ist es eigentlich\u00ab, fragte er, \u00bbder die Drachen an deine Familie bindet?\u00ab<br \/>Teres fehlte noch viel zu einer weisen, erwachsenen Frau. Aber sie war nicht dumm. Die Frage, im schl\u00e4frigen, nebens\u00e4chlichen Ton gestellt, hallte in ihrem Herzen mit der schmerzhaften Deutlichkeit einer Warnung wider. Sani merkte nichts von ihrem Erstarren, da er damit besch\u00e4ftigt war, eine Angelschnur auszuwerfen. Als sie nicht antwortete, drehte er sich zu ihr um und fuhr etwas dr\u00e4ngender fort: \u00bbEs muss wirklich ein besonders schwerer Zauber sein. Mein Vater und mein Gro\u00dfvater haben ihr Leben lang versucht, mit Drachen zu sprechen, und sind kaum mit dem Leben davongekommen. Viele andere sind tats\u00e4chlich gestorben, wenn sie sich einem Drachen gen\u00e4hert haben. Und ihr lebt mit ihnen?\u00ab<br \/>\u00bbIch w\u00fcrde lieber mit dir leben\u00ab, entgegnete Teres, die nicht wahrhaben wollte, was ihr der Verstand immer deutlicher sagte: dass sie ausgehorcht wurde.<br \/>Sani l\u00e4chelte sie an, doch in seine liebevolle Stimme schlich sich zum ersten Mal ein Hauch von Drohung. \u00bbDann solltest du auch keine Geheimnisse vor mir haben, mein Schatz. Liebende haben keine Geheimnisse voreinander.\u00ab<br \/>Er glaubte ihr nicht, als sie wahrheitsgem\u00e4\u00df versicherte, nicht die geringste Ahnung von dem Drachenzauber zu haben. Er verlie\u00df sie w\u00fctend und doch gewiss, ein paar Tage der Trennung w\u00fcrden gen\u00fcgen, um sie dazu zu bringen, ihm das Geheimnis zu erz\u00e4hlen. Sie indessen wusste, dass sie ihn nie wieder sehen w\u00fcrde, nicht ohne Hass in ihrem Herzen und Fremdheit auf ihrer Zunge.<\/p>\n<p>In dieser Nacht, als sie vergeblich versucht hatte, sich in den Schlaf zu weinen, schlich sie sich unter dem Schnarchen ihrer Geschwister aus dem Schlafraum. Auch die kalten Steine unter ihren F\u00fc\u00dfen waren die Schuld des Drachen. Ihm zuliebe lebten sie alle so hoch wie m\u00f6glich, auf einem Berg, in einem Haus aus Fels, statt wie jeder andere in der warmen Ebene und in H\u00e4usern aus Holz. Aber nein, Drachen f\u00fchlten sich in der Ebene nicht wohl, und Holz w\u00e4re zu gef\u00e4hrlich, zu sehr eine Versuchung f\u00fcr Unf\u00e4lle. Sie sp\u00fcrte die K\u00e4lte in ihren Beinen aufsteigen, w\u00e4hrend sie zu der H\u00f6hle hastete, die sich unter dem Haus befand, und nahm kaum wahr, dass sie sich verringerte, je n\u00e4her sie dem Drachen kam.<\/p>\n<p>Ihre Augen hatten sich an das Dunkel gew\u00f6hnt, als sie die H\u00f6hle betrat, doch in jedem Fall w\u00e4re es nicht schwer gewesen, den Drachen auszumachen. Seine Schuppen hatten eine r\u00f6tlich gelbe F\u00e4rbung, und sie stellte fest, dass er schwach leuchtete. Seine Augen waren ge\u00f6ffnet, was Teres innehalten lie\u00df. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er wach sein w\u00fcrde. Die gro\u00dfen, schwarzen Augenb\u00e4lle wirkten wie L\u00f6cher in dem hellen K\u00f6rper. Sie h\u00e4tte nicht sagen k\u00f6nnen, ob er sie anblickte oder durch sie hindurchschaute. Nach einem weiteren Herzschlag war es ihr gleichg\u00fcltig, und ihre aufgestaute Qual brach sich Bahn.<br \/>\u00bbEs ist deine Schuld!\u00ab, stie\u00df sie hervor. \u00bbEr h\u00e4tte mich um meiner selbst willen geliebt, wenn du nicht w\u00e4rst! Mein Leben lang musste ich deine Dienerin sein, und nun hast du mir auch noch den Liebsten genommen!\u00ab<\/p>\n<p>Ihre Stimme hallte d\u00fcnn und kindlich von den W\u00e4nden der H\u00f6hle wider. Der Drache r\u00fchrte sich nicht.<\/p>\n<p>\u00bbWarum?\u00ab, fragte Teres und versuchte alles, um nicht zu schluchzen. \u00bbWarum habt ihr euch nicht einen anderen Clan aussuchen k\u00f6nnen, du und die anderen Drachen? Warum musste es meine Familie sein?<\/p>\n<p>Als der Drache sprach, fuhr sie zusammen, denn sie hatte nicht gesehen, dass er sein Maul ge\u00f6ffnet h\u00e4tte. Dennoch kam die Stimme, welche die H\u00f6hle erf\u00fcllte, eindeutig von ihm. Sie war anders als alle Stimmen, die Teres bisher geh\u00f6rt hatte, nicht die eines Mannes, nicht die einer Frau, und ohne jedes Echo, obwohl Teres&#8216; Worte eines gehabt hatten.<\/p>\n<p>\u00bbDu wei\u00dft genau\u00ab, sagte der Drache, \u00bbdass er dich nicht liebt und nie geliebt hat. G\u00e4be es keine Drachen, so h\u00e4tte er dich keines zweiten Blicks gew\u00fcrdigt.\u00ab<\/p>\n<p>Teres holte erbittert Luft. Die dunklen Augen schienen sie zu verspotten und ihren Zorn in sich hineinzusaugen, ohne etwas wiederzugeben. Sie biss sich auf die Lippen und ging Schritt f\u00fcr Schritt auf den Drachen zu. Auf irgendeine Art und Weise musste sie ihn verletzen, so wie er sie verletzt hatte, ihr ganzes Leben lang. Unter ihren F\u00fc\u00dfen war der Boden inzwischen so warm wie ihre eigene Haut, aber daran war sie gew\u00f6hnt. Der dunkle Staub zwischen ihren Zehen wirbelte nur ein wenig auf, wenn sie fester auftrat. Sie w\u00fcrde sich sp\u00e4ter die F\u00fc\u00dfe waschen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Als sie vor dem Maul des Drachen stand, sah sie seine N\u00fcstern, eine der wenigen Fl\u00e4chen seines K\u00f6rpers, die nicht mit Schuppen bedeckt waren. Ohne jede Warnung holte sie aus und schlug darauf. Ihre H\u00e4nde waren nicht gro\u00df genug, um auch nur eine von ihnen ganz abzudecken, doch sie sp\u00fcrte, wie das weiche, geschmeidige Fleisch unter ihrer Handfl\u00e4che zusammenzuckte.<br \/>\u00bbIch hasse dich!\u00ab<br \/>Ihre Stimme, immer noch d\u00fcnn und nicht gewichtiger als das Ger\u00e4usch, das die Schilfrohre im Wind machten, brach sich diesmal nicht an den W\u00e4nden. Sie stand zu nahe am Drachen. Er machte eine ruckartige Kopfbewegung, und sie st\u00fcrzte auf die Knie.<\/p>\n<p>\u00bbTeres aus dem Clan Dekapa\u00ab, sagte der Drache, \u00bbdu wei\u00dft nicht, was Hass bedeutet, und du hast keine Ahnung von Liebe. Aber klettere auf meinen R\u00fccken, und ich werde dir zeigen, was es mit beidem auf sich hat.\u00ab<\/p>\n<p>Eigentlich hatte Teres geglaubt, der Drache w\u00fcrde ungehalten genug sein, um seine Beherrschung zu verlieren und sie mit einem Atemsto\u00df umzubringen. Seit sie sich von Sani verabschiedet hatte, war das Elend in ihr so lange gewachsen, dass sie glaubte, es w\u00fcrde ihr nichts ausmachen, im Gegenteil, es w\u00fcrde sie von der Entt\u00e4uschung und dem Schmerz erl\u00f6sen, der jeden Pulsschlag in ihr vergiftete. Das pl\u00f6tzliche scharfe Brennen ihrer Kniescheiben, als der Aufprall ihre Haut aufsch\u00fcrfte, war dagegen ein banaler, allt\u00e4glicher Schmerz, doch er riss sie genug aus ihrer Verzweiflung, um den Zorn erneut die Oberhand gewinnen zu lassen.<br \/>\u00bbWas wei\u00dft du denn schon von den Gef\u00fchlen der Menschen?\u00ab, erkl\u00e4rte sie ver\u00e4chtlich. Sie rappelte sich auf. \u00bbDu bist nur ein Tier.\u00ab<\/p>\n<p>Ein Tier allerdings, das sie herausgefordert hatte, das begriff sie. Sie kletterte auf den R\u00fccken des Drachen, wie sie es oft genug getan hatte, um ihn zu s\u00e4ubern. Ein Ruck ging durch seine Gestalt, als er sich auf seine Pranken hob. Sie schwankte und w\u00e4re um ein Haar wieder heruntergest\u00fcrzt, bis es ihr gelang, das Seil aus Seidenf\u00e4den zu ergreifen. Es war ihr nicht neu: Sie hatte es gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern gekn\u00fcpft, wie schon viele seiner Art. Gelegentlich trug der Drache die \u00e4lteren Mitglieder der Familie. Sie hatte es nur aus der Ferne beobachten k\u00f6nnen, doch die ungef\u00e4hre Vorgehensweise war ihr vertraut. W\u00e4hrend er die H\u00f6hle verlie\u00df, klemmte sie sich -zwischen das Seil und die Schuppen und presste sich gegen den Hals, nicht einen Moment zu fr\u00fch, denn als der Drache sich in die L\u00fcfte erhob, sp\u00fcrte sie den Wind mit der Macht einer geballten Faust \u00fcber sich hinwegstreichen.<\/p>\n<p>Zu fliegen raubte ihr den Groll, der sie bisher ern\u00e4hrt hatte. Sie brauchte einige Zeit, bis sie sich wieder auf etwas anderes besinnen konnte als auf die Freiheit, nicht l\u00e4nger mit der Erde verwachsen zu sein, ehe sie etwas anderes wahrnahm als das Sternenlicht, in das sie hineinzust\u00fcrzen schien, bis der Drache gen\u00fcgend H\u00f6he gewonnen hatte, um nicht mehr aufzusteigen.<\/p>\n<p>\u00bbSiehst du nun, wie klein du bist?\u00ab, fragte er, so deutlich h\u00f6rbar wie in seiner H\u00f6hle, und sie erinnerte sich wieder, dass sie ihn hasste. Sie begann ihm zu antworten, doch der Wind riss ihr die Worte aus der Kehle, als wolle er sie zerfetzen, und so verstummte sie wieder und dachte, dass sie ihm sp\u00e4ter antworten w\u00fcrde, auf dem Boden. Eine Weile gab es nichts au\u00dfer dem Flug und der sternenbegl\u00e4nzten Nacht, dann sp\u00fcrte sie, wie sich die Muskeln in seinem Hals zusammenzogen und wieder entspannten, einmal, zweimal, schlie\u00dflich so oft, dass sie aufh\u00f6rte zu z\u00e4hlen. Jedes Mal brachten sie einen Feuersto\u00df mit sich. Anscheinend waren sie nicht so hoch gestiegen, wie der Drache es ohne sie getan h\u00e4tte. Die Flammen, die er atmete, erhellten die Nacht anders als das milde Licht der Sterne. Sie f\u00fchlte sich an Blitze erinnert, die \u00e4hnlich schnell kamen und gingen und Dinge zeigten, von deren Wirklichkeit man erst beim n\u00e4chsten Mal \u00fcberzeugt sein konnte.<br \/>Als der gr\u00fcnliche Nebel am Boden auftauchte, dachte Teres zun\u00e4chst, es m\u00fcsse sich um Flussnebel handeln, den sie durch den Atem des Drachen in so seltsame Farbe getaucht sah. Doch der Drache sank etwas tiefer, ohne zu atmen, und die dichten gr\u00fcnlichen Wolken verschwanden nicht. Ein Geruch stieg ihr in die Nase, ein fahler, s\u00fc\u00dflicher Geruch wie \u00fcberreifes Obst.<br \/>\u00bbHalte jetzt die Luft an\u00ab, sagte der Drache. \u00bbIch werde dir zeigen, was dort unten liegt, doch du vertr\u00e4gst es nicht sehr lange, und noch weniger, wenn du atmest. Es wird nicht lange dauern.\u00ab<br \/>Einen Moment lang wollte sie aus reinem Widerspruchsgeist das Gegenteil tun. Aber das fahle Gr\u00fcn dort unten l\u00f6ste eine Beklommenheit in ihrem Magen aus. Sie wollte nichts davon einatmen, wenn es sich vermeiden lie\u00df. Also gehorchte sie.<\/p>\n<p>In den Nebel einzutauchen war schlimmer, als sie vermutet h\u00e4tte. Er legte sich klamm und kalt auf ihre Haut, und es war ihr, als schn\u00fcre er ihr die Kehle zu. Was sie in ihm sah, beendete jede Versuchung, um Atem zu ringen, im Nu. Als Kind war Teres einmal in den Fluss gefallen, ehe sie schwimmen konnte, und hatte verzerrte Schatten auf sich zutreiben sehen, ehe sie hustend und spuckend wieder auftauchte. Auch jetzt trieben Formen auf sie zu, aber die Nacht war l\u00e4ngst nicht dunkel genug, um nicht zu erkennen, worum es sich handelte. V\u00f6gel mit aufgequollenen K\u00f6pfen waren es, oder solche, denen noch mehr K\u00f6pfe aus den H\u00e4lsen wuchsen, unvollendet, V\u00f6gel mit verst\u00fcmmelten Schwingen, die durch den Nebel torkelten, nicht flogen. Einer hatte einen Schnabel, der nur aus einem Teil bestand, und h\u00e4tte sie um ein Haar ber\u00fchrt, als der Drache sich j\u00e4h wieder in die H\u00f6he steigen lie\u00df und dem gr\u00fcnlichen Nebel den R\u00fccken kehrte.<br \/>Danach dauerte ihr Flug nicht mehr lange. Er lie\u00df sich auf einem Felsvorsprung nieder. Erst jetzt bemerkte Teres, dass ihr danach war, sich zu erbrechen, und sie glitt vom R\u00fccken des Drachen. Ihre Knie zitterten, als sie ein paar Schritte machte, um dann niederzust\u00fcrzen und sich zu \u00fcbergeben. Der Drache sagte nichts. \u00bbWas\u00ab, fl\u00fcsterte Teres, als es ihr wieder besser ging, \u00bbwar das?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDer Zauber des Clans Soschun\u00ab, erwiderte er.<br \/>\u00bbDas sagst du nur, um dich an mir zu r\u00e4chen\u00ab, begehrte sie auf.<br \/>\u00bbNein. Das Gebiet des Clans Soschun liegt am n\u00e4chsten. Der Zauber des Clans Xaste ist nicht viel anders, aber dazu h\u00e4tten wir weiterfliegen m\u00fcssen.\u00ab<br \/>Sie wusste, dass jeder Clan seinen Verteidigungszauber hatte. Aber sie hatte angenommen, dabei handle es sich um undurchdringliche Schutzw\u00e4lle. Der gr\u00fcne Nebel war nicht eigentlich undurchdringlich gewesen. Nur \u00dcbelkeit erregend.<br \/>\u00bbNiemand\u00ab, sagte der Drache, \u00bbkann in diesem Zauber lange \u00fcberleben, ohne zu werden wie die V\u00f6gel, die du gesehen hast, wenn er nicht ohnehin bald stirbt. Niemand, bis auf die Drachen. In einem Gebiet, das einem Drachen als Heimat dient, kann der Zauber nicht angewendet werden, doch nur, wenn er wirklich dort lebt und mit ihm verwurzelt ist.\u00ab<br \/>\u00bbDer Drache ist unser Schutz\u00ab, hatte sie ihre Eltern immer wieder sagen h\u00f6ren, doch nie zuvor hatte sie begriffen, dass er sie vor mehr sch\u00fctzte als vor Armeen. Teres setzte sich zur\u00fcck und verlagerte ihr Gewicht auf ihre Fersen, w\u00e4hrend sie ihre Knie umschlang.<br \/>\u00bbAber\u00ab, sagte sie, \u00bbwenn niemand lange in diesem Zauber leben kann, bis auf die Drachen, dann w\u00e4re es auch f\u00fcr den Clan Soschun unm\u00f6glich. Aber Sani ist nicht missgestaltet.\u00ab<br \/>Sanis Gestalt, die runden, starken Arme, die sie gehalten hatten, kamen ihr in den Sinn, von der Nachmittagssonne umrahmt, w\u00e4hrend er sich \u00fcber das Flussufer hinwegbeugte. Ihr eigener kleiner, ungelenker K\u00f6rper war ihr daneben immer ungen\u00fcgend erschienen.<\/p>\n<p>Der Drache schaute sie mit seinen schwarzen Augen an. \u00bbIch habe nur gesagt, dass dieses Gebiet dem Clan Soschun geh\u00f6rt\u00ab, entgegnete er. \u00bbNicht, dass die Familie dort lebt. Niemand lebt mehr dort, von den Menschen.\u00ab<br \/>Mit dieser Art von t\u00f6dlichem Zauber, setzte er ihr in aller Ruhe auseinander, hatte mehr als ein Clan Gebiete erobert, weil sich ihm, bis auf die Drachen, nichts in den Weg stellen lie\u00df und selbst ein gleichartiger Gegenzauber nichts daran \u00e4nderte, dass der alte Besitzer sein Land nicht mehr benutzen w\u00fcrde k\u00f6nnen.<br \/>Teres war fassungslos. \u00bbAber dann bleibt doch am Ende nur noch verw\u00fcstetes Land \u00fcbrig, und Leichen!\u00ab<br \/>\u00bbBegreifst du nun\u00ab, fragte der Drache, \u00bbwas f\u00fcr ein Kind du bist, mit deinem Gezeter um Vorz\u00fcge und verlorene Liebe?\u00ab<br \/>Die Besch\u00e4mung brannte in ihr.<br \/>\u00bbEin Kind mag ich sein\u00ab, gab sie zur\u00fcck und schluckte, \u00bbaber in einem hatte ich doch Recht. W\u00e4re es nicht besser, Frieden zu stiften zwischen den Clans? Wenn Drachen dieses B\u00f6se verhindern k\u00f6nnen, dann verstehe ich nicht, warum du und deinesgleichen nicht bei allen Familien wohnt.\u00ab<br \/>\u00bbMeinesgleichen gibt es nicht. Nicht so, wie du es meinst.\u00ab<br \/>Mit diesen Worten verstummte der Drache und bewegte auffordernd den Kopf. Teres erhob sich und kletterte stumm wieder auf seinen R\u00fccken. Dem Fliegen war die Freiheit geraubt, und die Schwere ihres Herzens dr\u00fcckte sie, w\u00e4hrend sie in ihr Heim zur\u00fcckkehrten, bis sie sich wie ein Stein vorkam, der dem Drachen um den Hals hing.<\/p>\n<p>Danach brauchte sie eine Woche, ehe sie sich wieder freiwillig in die N\u00e4he des Drachen begab, unaufgefordert. Diesmal schien die Sonne, und er hatte seinen riesigen K\u00f6rper im Hof vor seiner H\u00f6hle zusammengerollt wie eine Schnecke.<br \/>\u00bbWas hast du damit gemeint, als du sagtest, es g\u00e4be nicht deinesgleichen?\u00ab, fragte sie. \u00bbIch wei\u00df, dass es noch andere Drachen gibt. Sonst h\u00e4tte\u00ab, sie z\u00f6gerte nur ein wenig, \u00bbSani nicht versucht, den Zauber zu stehlen, der dich an uns bindet.\u00ab<br \/>Die halb geschlossenen Lider \u00fcber seinen Augen hoben sich ein wenig. \u00bbMich bindet kein Zauber\u00ab, sagte der Drache, \u00bbso wenig, wie es derzeit meinesgleichen gibt. Noch nie hat ein Zauber einen Drachen binden k\u00f6nnen. Deswegen wirkt der gr\u00fcne Nebel ja auch nicht auf mich.\u00ab<br \/>Teres ging zu seiner rechten Vorderpranke. Die Krallen schimmerten leicht bl\u00e4ulich im Sonnenlicht. Es klebte noch etwas Blut daran, das ihre Schwester, deren Aufgabe es gewesen w\u00e4re, \u00fcbersehen haben musste, oder der Drache hatte seit dem gestrigen Tag get\u00f6tet. Sie ber\u00fchrte das Blut.<br \/>\u00bbDu meinst, du tust das alles freiwillig? Bleibst bei uns? Sch\u00fctzt uns? T\u00f6test f\u00fcr uns?\u00ab<br \/>\u00bbMan hat keine andere Wahl\u00ab, murmelte der Drache, und seine Stimme sank zu dem Klingen einer Glocke herab, \u00bbwenn man liebt.\u00ab<br \/>\u00bbDu liebst uns?\u00ab<br \/>\u00bbWen soll ich sonst lieben?\u00ab, fragte er. \u00bbIhr seid meine Familie.\u00ab<br \/>\u00bbNun\u00ab, meinte sie und versuchte zu begreifen, \u00bbdu k\u00f6nntest einen anderen Drachen lieben.\u00ab<br \/>Er \u00f6ffnete die Augen zur G\u00e4nze, und wieder hatte sie das Gef\u00fchl, dass die Schw\u00e4rze in ihnen sie g\u00e4nzlich aufsog. \u00bbF\u00fcr die anderen Drachen bin ich ein Ungeheuer.\u00ab<\/p>\n<p>Das Geheimnis des Drachen lie\u00df ihr keine Ruhe. Er weigerte sich, ihr mehr zu erz\u00e4hlen. Sie fragte ihre \u00e4lteren Geschwister, doch sie konnten ihr nicht mehr sagen als das, was sie nun wusste. Sie fragte ihre Eltern.<br \/>\u00bbDu willst es nicht wissen\u00ab, versetzte ihre Mutter.<br \/>\u00bbAber warum nicht?\u00ab<br \/>\u00bbWenn du es wei\u00dft\u00ab, sagte ihr Vater sehr ernst, \u00bbdann ist es umso wahrscheinlicher, dass seine Wahl auf dich f\u00e4llt. Nur die Wissenden in jeder Generation kommen infrage. Deine Mutter und ich geh\u00f6rten dazu, und wir wachen immer noch jeden Tag voll Dankbarkeit daf\u00fcr auf, dass die Wahl nicht uns getroffen hat. Was meinst du, warum wir bisher noch keinem von euch etwas erz\u00e4hlt haben? Genie\u00dft eure Unbeschwertheit, solange ihr k\u00f6nnt.\u00ab<br \/>\u00bbIch kann nicht unbeschwert sein\u00ab, gab Teres zur\u00fcck, \u00bbsolange ich nicht verstehe. Solange ich nicht begreife, warum die anderen Drachen nicht verhindern, was in dieser Welt vor sich geht.\u00ab<br \/>\u00bbEs wird vorbeigehen\u00ab, sagte ihre Mutter zu ihrem Vater. \u00bbSie ist noch ein Kind.\u00ab<\/p>\n<p>Ihr f\u00fcnfzehnter Geburtstag kam und ging, doch Teres verga\u00df nichts. Der alte Groll hatte sich ein neues Ziel gesucht, w\u00e4hrend der Hunger nach Wissen sich zu ihm gesellte.<br \/>\u00bbBist du f\u00fcr die anderen Drachen ein Ungeheuer, weil du uns liebst?\u00ab, fragte sie den Drachen.<br \/>\u00bbIch bin f\u00fcr sie ein Ungeheuer aus dem Grund, den ich habe, euch zu lieben. Nicht, dass ich ihnen oft begegne. Sie hassen die Menschen f\u00fcr das, was sie aus Erised gemacht haben, alle Menschen. Deswegen bleiben sie den Clangebieten lieber fern.\u00ab<br \/>\u00bbAber\u00ab, sagte Teres mit der Sturheit ihrer Jugend, \u00bbwenn du uns liebst, dann musst du doch einsehen, dass es nicht gut so f\u00fcr uns ist, wie es ist. Vielleicht sind wir deinetwegen jetzt sicher, aber was, wenn du stirbst? Nein, du musst die anderen Drachen \u00fcberzeugen, die Welt zu \u00e4ndern. Nur dann ist sie sicher.\u00ab<br \/>\u00bbDu wei\u00dft bereits alles, was du wissen musst\u00ab, entgegnete der Drache. \u00bbDu hast es nur noch nicht begriffen.\u00ab<\/p>\n<p>Sie war siebzehn und hatte die letzten zwei Jahre damit verbracht, Briefe mit Vers\u00f6hnungsvorschl\u00e4gen zu entwerfen, die ihre Eltern nicht unterzeichnen und nicht abschicken wollten, in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden mit dem Drachen zu fliegen und sich besch\u00e4menderweise einzugestehen, dass sie Sani aus dem Clan Soschun noch immer hasste, woran die besten friedlichen Absichten nichts \u00e4ndern konnten, als ihr die Erkenntnis kam und ihr die Schuppen von den Augen fielen wie vom K\u00f6rper des Drachen, als er, schwer verwundet, in seine H\u00f6hle zur\u00fcckkehrte.<br \/>Es war keine t\u00f6dliche Verwundung; ihre Eltern benahmen sich besorgt und bek\u00fcmmert, doch nicht von dem Schrecken erf\u00fcllt, der die Ank\u00fcndigung des baldigen Tods des Drachen gewesen w\u00e4re. Doch als Teres beobachtete, wie ihre Mutter das gleiche Lied summte, mit denen sie Teres&#8216; j\u00fcngere Geschwister beruhigte, wenn sie Schmerzen litten, das gleiche Lied, mit dem Teres selbst in den Schlaf gesungen worden war, w\u00e4hrend dem Drachen auf das aufgerissene Fleisch unter seinen Schuppen T\u00f6pfe voller Kr\u00e4utersalbe gestrichen wurden, als Teres sah, wie der lange, bebende K\u00f6rper des Drachen ruhiger wurde, da begriff sie.<br \/>\u00bbDu bist nicht als Drache geboren\u00ab, sagte sie leise. \u00bbDu warst einmal ein Mensch.\u00ab<br \/>Obwohl sie mit gesenkter Stimme gesprochen hatte, h\u00f6rte sie jeder in der H\u00f6hle. Die Zeit schien stillzustehen, als sie alle die K\u00f6pfe zu ihr wandten und sie anschauten: ihre Mutter, ihr Vater, ihr \u00e4lterer Bruder und der Drache. Ihre Mutter wurde wei\u00df im Gesicht.<br \/>\u00bbNicht Teres\u00ab, sagte sie beschw\u00f6rend zu dem Drachen. \u00bbIch bitte dich, nicht Teres.\u00ab<br \/>Der Drache entgegnete traurig: \u00bbMeine Mutter sprach so, als mir die Wahrheit offenbar wurde.\u00ab<br \/>\u00bbIch wei\u00df es ebenfalls\u00ab, meinte Teres&#8216; Bruder kriegerisch, \u00bbseit einem Jahr schon. Warum nicht ich?\u00ab<br \/>\u00bbDu hast es nicht selbst herausgefunden\u00ab, gab der Drache zur\u00fcck.<br \/>Teres h\u00f6rte ihn kaum. Die Gedanken fielen in ihrem Kopf durcheinander wie die Holzkl\u00f6tzchen, mit denen sie als Kind gespielt hatte, fielen durcheinander und bauten sich neu wieder auf, zu einem anderen Geb\u00e4ude.<br \/>\u00bbAber &#8211; wie?\u00ab, fragte sie.<br \/>\u00bbDas ist der Zauber des Clans Dekapa\u00ab, sagte der Drache. \u00bbDrachen werden von dem gr\u00fcnen Nebel nicht get\u00f6tet, aber wenn sie ihm einmal ausgesetzt waren, k\u00f6nnen sie keine Kinder mehr bekommen. Wundert dich da der Hass, den sie f\u00fcr die Menschen haben? Noch einmal hundert Jahre, und es wird kaum mehr welche von ihnen geben. Aber der Clan Dekapa fand einen Zauber, mit dem man einen Menschen, vorausgesetzt, er ist willig, in einen Drachen verwandeln kann.\u00ab<br \/>Teres trat zu den N\u00fcstern, auf die sie ihn einmal geschlagen hatte, und ber\u00fchrte sie, sehr sachte. Ihre Mutter schloss kurz die Augen. Dann presste sie die Lippen aufeinander und begann erneut, Salbe auf die wunden Stellen des Drachen aufzutragen.<br \/>\u00bbWie lautet dein Name?\u00ab<br \/>\u00bbMeinen Namen verlor ich schon vor langer Zeit, ehe ich als Drache wieder erwachte\u00ab, sagte der Drache ohne Bitterkeit. \u00bbDas wusste ich, ehe ich in das Ei schl\u00fcpfte. Es ist eine Wiedergeburt, Teres, und dauert Jahre. Auch ich kann keine Kinder bekommen, genauso wenig wie alle Drachen des Clans Dekapa vor mir. Aber die Verbindung zum Clan besteht, und \u00fcber ein Mitglied dieses Clans k\u00f6nnen wir den Zauber legen, der es uns gleich macht. In jeder Generation einmal.\u00ab<br \/>\u00bbEr frisst uns auf, dieser Zauber\u00ab, brach es aus ihrem Vater hervor. \u00bbDer Drache vor dir hat f\u00fcnf Eier geschaffen, und nur aus deinem kam ein lebender Drache. Und du\u00ab, er stockte und ber\u00fchrte die linke Vorderpranke des Drachen. \u00bbIch kenne deinen Namen\u00ab, sagte er traurig. \u00bbDeinen menschlichen Namen. Mein Gro\u00dfvater sprach von dir. Du warst sein Bruder. An diejenige meiner Tanten, die von dir erw\u00e4hlt wurde, kann ich mich erinnern. Und mein Vetter, der Bruder meiner Frau. Auch er wurde erw\u00e4hlt. Die Eier, in denen sie schlummern, ich wei\u00df, wo sie verborgen sind. Ich besuche sie, ich lege meine Hand auf sie, wie jetzt auf dich, aber ich h\u00f6re nichts. Ich sp\u00fcre nichts.\u00ab<br \/>\u00bbZauber frisst unsere ganze Welt auf\u00ab, sagte Teres langsam, ohne ihren Blick von den Aug\u00e4pfeln des Drachen abzuwenden, die aus dieser N\u00e4he riesig waren. \u00bbWeil ihr sie alle nur hinnehmt.\u00ab<br \/>\u00bbDann weigerst du dich?\u00ab, fragte der Drache, und sie begriff, dass er sie schon lange vorher ausgew\u00e4hlt hatte. Vielleicht, als sie gerufen hatte, sie hasse ihn. Er hatte nicht gelogen, als er ihr erkl\u00e4rte, sie wisse nicht, was Liebe und Hass bedeuteten. Es war Liebe, die ihn an den Clan Dekapa band, dem er entstammte, und es war auch Hass. Sie lebten alle von seinem Opfer, und sie hielten ihn in seinem unnat\u00fcrlichen Leben.<br \/>\u00bbNein\u00ab, erwiderte sie, \u00bbdenn ich verstehe jetzt. Alles.\u00ab<br \/>Es war der Schatten gewesen, der schon immer auf ihrem Leben geruht hatte, und nun, da sie sah, was ihn warf, war sie frei. Sie w\u00fcrde sich nicht weigern. Sie w\u00fcrde ihm und dem Clan ihr menschliches Leben geben, aber sie w\u00fcrde mit sich tragen, was sie gelernt hatte. Als ein Drache w\u00fcrde ihr gelingen, was sie alle f\u00fcr so unm\u00f6glich hielten &#8211; die Welt zu ver\u00e4ndern. Und nach ihr w\u00fcrde es keinen Clanzauber mehr geben.<br \/>In den Augen des Drachen sah sie sich selbst, eine kleine Gestalt umgeben von schwimmendem Dunkel.<br \/>\u00bbDu bist noch so jung\u00ab, sagte der Drache.<\/p>\n<p>Die Welt war neu unter ihr, als sie sich in die L\u00fcfte erhob. Sie wusste, sie hatte einmal einen Namen gehabt, doch er war nicht l\u00e4nger ein Teil von ihr, so wenig wie die Schalen des Eies, aus dem sie geschl\u00fcpft war. Wesen hatten auf sie gewartet und sie begr\u00fc\u00dft, aber keines von ihnen war wie sie selbst, obwohl sie wusste, dass jedes von ihnen zu ihr geh\u00f6rte wie die blauen, goldgefleckten Schuppen auf ihrem K\u00f6rper. Es gab etwas, was sie mit ihnen verband, ein Gef\u00fchl, das sie nicht beim Namen nennen konnte.<br \/>Die Luft trug sie, umschmeichelte sie, und sie stie\u00df ihren Atem aus, um ihr daf\u00fcr zu danken. In den Flammen, die sie umgaben, sah sie die Nebel unter sich wabern. Es nagte an ihr, zerrte an ihr. Falsch. Ganz und gar falsch.<br \/>Sie lie\u00df sich fallen, um die Nebel zu vertreiben.<\/p>\n<p>Die Leseprobe findet sich auf den Seiten von Droemer Weltbild.<\/p>\n<p>Ihr k\u00f6nnt das Buch <a href=\"http:\/\/dragonslayer.de\/index.php?ID=35&#038;link=http%3A%2F%2Fwww.amazon.de%2Fexec%2Fobidos%2FASIN%2F3426702797%2Fdragonslayer-21%2F302-2177075-4284017&#038;page=shopping&#038;info=mehr+Infos\">hier<\/a> bestellen<\/p>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael NagulaFeueratem Einf\u00fchrung Das wilde DrachenlebenDer Drache ist ein eigenartiges Gesch\u00f6pf. 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